Keine leichte Wahl heute, kein Track, der mich angesprungen hat und dem ich nicht widerstehen konnte. In solchen Fällem höre ich die On the Go-Liste, das ist sozusagen die Shortlist, die ich nach einmal Durchhören der Longlist, die aus allen Tracks mit mindestens 3 Sternen (bzw. unbewertet) mit der Tageslänge besteht, zusammengestellt habe. Und zwar so lange bis nur noch ein Stück übrig bleibt. Drei Sachen setzten sich auf der Shortlist ab, ein gesungenes Lied der britischen (eigentlich schottischen) Folkgitarrenlegende Bert Jansch, ein impressionistisches Instrumental von Mick Turner, dem Gitarristen der australischen Dirty Three und dieses kleine Stücklein. Da keiner der drei Wettbewerber sich beim zweiten Hören durchsetzen konnte, stieg die Chance für das unkonventionellste Musikstück, das ich dann auch wählte. Auf englisch würde ich sagen, das ist something to chew on, etwas zum drauf herum beißen. Kluster (deutsch gesprochen) waren zu dieser frühen Zeit ein Trio aus Schnitzler, Moebius und Roedelius (von dem hatte ich schon was) und machten experimentielle Musik. Dies hier hört sich an wie eine sphärische Soundinstallation, es werden verschiedene Instrumente (insbes. eine schilfig klingende Flöte ragt hervor) gespielt, verschiedene Töne erzeugt aber so etwas wie Harmonie oder Melodie gibt es nicht. Die unterschiedlichen Sounds klingen nicht wirklich zusammen, jeder ist ein Individuum, von den anderen fast unendlich weit entfernt wie diverse Fixsterne in mehreren Galaxien.
(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 277 Stücke ist hier.)
Die Zeit verrinnt unaufhaltsam. Die letzte Minute ist angebrochen. Was wird danach kommen? Ich glaube, ich weiß es. Die meisten Religionen behandeln dieses Thema übrigens ähnlich.
Das ist jetzt nicht unbedingt ein typisches Stück von Captain Beefheart aber es ist auf jeden Fall sehr eigen. Wenn man es weiß, dann kann man sich vorstellen, dass der Delta Blues hier die Basis bildet. Auch die Improvisation spielt eine ganz wichtige Rolle. Don van Vliet, ein Oddball der Rockmusik, ohne den sie sehr viel ärmer wäre.
(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 276 Stücke ist hier.)
Der erste Track auf The Marble Index, einem nicht besonders einladenden, eher spröden Album der Kölner Chanteuse, die auch bei Velvet Underground sprechsang, das man auch als verschlossen bezeichnen kann. Ich habe es damals aufgrund eines Artikels in Rock Session gekauft, einer Musikreihe von rororo, in dem ein Englischsprachler es als das verstörendste und furchteinflößendste Album aller Zeiten beschrieb. Ein Block aus Eis, der nicht mal in der Hölle auftaut. Oder so. Ich habe die komplette CD dann vielleicht einmal von Anfang bis zu Ende gehört, es hat gereicht. Die Musik, wenn man den monotonen Vortrag gekoppelt mit ein bisschen Harmoniumspiel (plus diversen von John Cale gespielten Instrumenten wie z.B. Viola), das kaum melodischen Mustern folgt, denn so bezeichnen will, scheint nicht in Hinblick auf einen Zuhörer aufgenommen worden zu sein. Dieses Instrumentalstück leitet also ein in diesen Gral der Goth Music (s.a. das schwarzweiße Cover mit ihrem fahlen Gesicht, das vor dem dunklen Hintergrund, der sich wie ein tiefschwarzer Heiligenschein um ihren Kopf legt, hervorsticht). Und es ist noch geradezu verspielt und unernst im Vergleich zu dem was danach folgt. Das liegt wahrscheinlich auch daran, dass sie zum einen nicht stimmmäßig in Erscheinung tritt – ihren Sprechgesang als kühl und irritierend zu beschreibend ist eigentlich untertrieben, er hat mich fast immer genervt – und dass hier zum andern John Cale dem Glockenspiel einige Töne entlockt, die so leicht daherkommen wie das Tirilieren einer Lerche. Ein Stück, das den Zuhörer hineinzieht in die Düsternis, ein Köder in eine Unterwelt.
(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 274 Stücke ist hier.)
Befiehl du deine Wege
Und was dein Herze kränkt
Der allertreusten Pflege
Des, der den Himmel lenkt.
Der Wolken, Luft und Winden
Gibt Wege, Lauf und Bahn,
Der wird auch Wege finden,
Da dein Fuß gehen kann.
Wenn man die letzten vier Verse so allein liest, könnte man meinen, das wäre hier der Choral für den Jakobswegpilger.
Das ist in dieser Reihe das erste Gesangswerk von Bach, wenn man diese Musik hat, dann braucht man kaum noch die Kirche drumherum.
Das sind, glaube ich, alles Originalinstrumente bzw. nachgebaute Originalinstrumente. Ich bilde mir ein, dass man das hört.
Heute war der Tag der fetten Schneeflocke, die über Berlin schwebte.
Überraschungseinladung am Abend, bin immer noch etwas gerührt.
Heute hat meine Nase angefangen, mit Zatopek um die Wette zu laufen. Das Wettrennen ist noch völlig offen.
(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 273 Stücke ist hier.)
I don’t remember what you said or did
that made you so attractive
So wie der Sänger hier „reminder“ ausspricht kann er nur aus einer Region kommen. Aus welcher, my dear reader? Googlen und lünkern wird mit zehn Jahren Haft im U-Boot in Hohenschönhausen – auch bekannt als Hotel zur ewigen Lampe – bestraft. Schlechter Witz, I know. In der dortigen Stasi-U-Haft saßen auch jede Menge Leute aus dem Westen, z.B. derjenige, der unsere Gruppe heute (bzw. jetzt schon wieder gestern) rumgeführt hat und dessen Buch Der Tag, an dem uns Vater erzählte, dass er ein DDR-Spion sei, ich anschließend gekauft habe. Eine ziemlich unglaubliche Geschichte. Als Widmung hat er mir in das Buch „Zum Erinnern“ geschrieben. Womit wir wieder beim heutigen Titel wären.
(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 272 Stücke ist hier.)
Dieser Track beschließt das erste wirkliche Album der nordenglischen Elektronikpioniere Autechre (gesprochen ohtecker) und er ist in Wirklichkeit mit 6 Minuten 45 viel länger. Es handelt sich wohl um einen abgebrochenen Download. Von dieser Sorte kommen jetzt immer mehr Stücke. Normalerweise könnte das ein Ausschlusskriterium sein, aber ich sehe das nicht so eng. Dieses ganz leicht verstörende, ein ganz bisschen eine bedrückende Stimmung aufbauende Stück, ist so gut, dass selbst sein Torso alle anderen Alternativen klar aussticht. Da ist dann noch nicht einmal der besondere Appeal des Kaputtseins mit eingerechnet. Gleichzeitig innovativ und gut anhörbar, vor 16 Jahren gab es das noch in der elektronischen Musik, heute bin ich mir da nicht mehr so sicher.
(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 271 Stücke ist hier.)
Das ist gleichzeitig eine idealistische wie auch eine pragmatische Perspektive. Man könnte mit einer Betonung des existentialistischen Aspekts auch sagen: „Die Freude ist in uns oder sie ist nicht.“ Das würde mir als kategorische Aussage fast noch besser gefallen. Ist aber als Satz etwas freudlos…
Dieses kurze Instrumental der nach dem heiligen Buch der Maya benannten Münchner Krautrockband eröffnet ihr fünftes Album Einsjäger und Siebenjäger. Florian Fricke, die treibende Kraft hinter Popol Vuh ist ja leider viel zu jung vor nicht so langer Zeit, ich sehe gerade es ist schon wieder neun Jahre her, gestorben. Er und seine Band haben viel mit Werner Herzog zusammengearbeitet und waren an einigen Soundtracks maßgeblich beteiligt. Dieses leicht orientalisch angehauchte Stück hat wie viele andere der Band einen spirituellen Touch, es klingt gleichzeitig sehr hell als wäre es von Licht durchflutet.
Hier noch ein Video von 1971, wo sie frei improvisieren, Fricke am Moog. Geile, wilde Zeiten…
(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 270 Stücke ist hier.)
Was wir heute auf dem Weihnachtsmarkt am Roten Rathaus gekauft haben:
1. Langos mit Debreziner
2. Folienkartoffel mit Kräuterquark
3. Steinerne Seifenschale in Schildkrötenform
4. 0,4 l Glühwein
5. 0,2 l Glühweintasse mit buntem Weihnachsmarktbild mit Riesenrad, Rotem Rathaus und W-Pyramide drauf
6. Windspiel aus Metallstreifen, das optische Spiraleffekte erzeugt
7. 100 g geröstete Maronen
8. Schale aus Olivenholz
9. Brillennase aus Palisanderholz
Der Titel des heutigen Liedes heißt, glaube ich, Sehnsucht auf Tatarisch. Tatarisch ist eine Turksprache. Tatarstan ist eine russische Republik westlich des Urals. Zulya ist eine tatarische Sängerin aus Sarapul (Udmurtien), die seit geraumer Zeit in Australien lebt.
(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 269 Stücke ist hier.)
Das bis jetzt mit Abstand älteste Stück Musik in dieser Reihe. Eine Kyrie (gr. Herr) ist das erste Wort einer kurzen Litanei, die eine Messe eröffnet. Ich finde, die Musik hat diesen höfischen, spätmittelalterlichen Klang, aber für mich hört sich das jetzt nicht unbedingt religiös an.
(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 268 Stücke ist hier.)
Oh faint heart, when the letter arrives
You suddenly find things getting life-size
Once the air rang with things unsaid
Now cruel outlines are easily read
Behind the curtain in the yellow bulb light
The letter reads I took my own life
Fast schon makabre Koinzidenz. Gestern einen Selbstmörder im Programm, nun ein Lied über einen Abschiedsbrief. Wire beweisen mal wieder, dass sie die Meister des Minutensongs sind und die Minutemen, die sich ja sogar nach der Länge der meisten ihrer Stücke genannt haben, ganz klar ausstechen. Faszinierend an dem Track ist die schwindelerregende Speed, das Wirbelwindhafte, man meint eine sich beschleunigende Sirene zu hören. So ähnlich stelle ich mir den Moment am Ende von Edgar Allan Poe’s Kurzgeschichte The Pit and the Pendulum vor, als die glühenden, immer näherrückenden Wände seines Gefängnisses den Erzähler in die Mitte des Raums schieben, wo ein Loch ist (die Grube), in das er hineinfällt und dann mitten in einer Schlacht der Franzosen gegen die Spanier zu Zeiten der spanischen Inquisition aufwacht.
(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 267 Stücke ist hier.)
Vor kurzem wurde ein Mann in meiner erweiterten Nachbarschaft im Schoelerpark (vielleicht 500 Meter entfernt) erstochen; es handelte sich wohl um ein Verbrechen aus Eifersucht. Jetzt lese ich im Zeit-Magazin, dass eine Redakteurin Ende April in der Düsseldorfer Straße (ca. 1 km in der anderen Richtung) von drei Jugendlichen abends um elf unweit ihrer Wohnung nahezu erschlagen wurde. Die Beute betrug 35 Euro. In diesem letzten Fall ist offensichtlich etwas sehr schief gelaufen. Die drei waren zuletzt in BoB (Bude ohne Betreuung) im Wedding untergebracht.
Ein »niedrigschwelliges Angebot«, soll heißen, die Jugendlichen werden nicht weiter von Pädagogen belästigt. Sie bekommen eine Einzimmerwohnung und pro Woche rund 52 Euro, den Rest müssen sie selber regeln. Wollen sie reden, haben sie einmal in der Woche eine Stunde mit einem Sozialarbeiter. Ansonsten sind sie weithin sich selbst überlassen. Die Jugendlichen sollten durch das Gefühl von »Einsamkeit und Langeweile« ihre eigene »Strukturlosigkeit« wahrnehmen, heißt es im BoB-Konzept, um dann das Bedürfnis nach Struktur zu entwickeln. Tatsächlich entwickeln die drei in kürzester Zeit eine Struktur, eine schwerkriminelle.
du sagst sprechgesang hat doch keinen sinn
ich sag platz nummer eins und da will ich hin
Das Lied habe ich schon am Wochenende ausgewählt, aber wie das Leben so spielt ging es heute im Büro um den Songtext von Die Da. Die Mädels waren sich nicht einig über eine Zeile aus dem Refrain: ist es die da die da am eingang steht oder ist es die da die am eingang steht oder so ähnlich, jedenfalls Papperlapapp. Bzgl. des Textes wurde ich nicht konsultiert, hinterher fragte man mich, ob ich die Band kennen würde, ziemlich unglaublich. Meine Kolleginnen halten mich für vorgestrig und so ganz unrecht haben sie nicht damit. Aber die Fanta 4 kenne ich natürlich schon, ich habe sogar mal eine CD gekauft von denen. Auch wenn mir Rap ja normalerweise gar nicht gefällt. Bei denen mag ich, dass ihre Songs nicht aggressiv rüberkommen, dass da eine Lockerheit ist und ein gekonntes Spiel mit Reimen. Die andere Rapband, die mir sonst noch zum Teil gefällt, das sind die Beastie Boys, auch keine typischen Rapper. Die haben ihr eigenes Ding durchgezogen und klingen nicht so beliebig und austauschbar wie 99% des Raps, den man sonst so hört. Achso der Titel passt natürlich auch super gerade, noch angemessener wäre allerdings Gefühlte -20 gewesen.
(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 265 Stücke ist hier.)
Wie kann es sein, dass dieser Jazz-Standard aus dem Musical A Connecticut Yankee (1927) in dieser Fassung so kurz ist? Ganz einfach, er wird hier dreimal gespielt! Allerdings kein einziges Mal bis zum Ende! Das Herz des vom Trio aus Bill Evans am Klavier, Gary Peacock am Bass und Paul Motian an den Drums gespielten Stücks bleibt dreimal stehen. Warum, wieso, weshalb leuchtet mir nicht so wirklich ein. Zumindest nicht bei Take 3 und bei Take 1 eigentlich auch kaum. Irgendetwas war nicht so, wie es hätte sein sollen. Es gibt wohl nur wenige Musiker, die auf so hohem Niveau scheitern wie Bill Evans und seine Mitspieler.
(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 264 Stücke ist hier.)
Panik in Grafenberg,
stahl ein Irrer den grünen Gartenzwerg.
Ein weiterer Beweis dafür, dass das spießige Düsseldorf Ende der Siebziger die Punk- und damit die Musikhauptstadt Deutschlands war. Und natürlich auch ein Beispiel für das physikalische Gesetz von Kraft und Gegenkraft im soziologischen Kontext. Wer singt hier bloß, den kenn ich doch? Es ist der Mann von Rank Xerox, der dann später die falsche Farbgebung in einen Bandnamen verdichtet hat. Ja, es ist Peter Hein von den Fehlfarben, der hier noch etwas rotziger singt – man könnte auch sagen shoutet – als später zu seinen Glanzzeiten. Den Sinn für humorige, prägnante Liedertexte nah am Zeitgeist hat er auch in diesem frühen Stadium schon gehabt. Ich glaube, die Fehlfarben touren gerade mal wieder, sie sind bestimmt immer noch ziemlich gut. Mittagspause war übrigens so etwas wie eine Mischung aus Nukleus und Supergroup der damaligen Punk-/NDW-Szene. Bis Ende 1978 war Gabi Delgado-Lopez (später DAF) als zweiter Sänger mit von der Partie. Ab Anfang 1979 war Thomas Schwebel (Ex-S.Y.P.H., Solinger Band, später auch in den Fehlfarben) als Gitarrist mit an Bord. Das Stakkatohafte und Monotone dieses kurzen Stücks war übrigens typisch für Mittagspause, die keinen Bassisten hatten, und nimmt den roboterhaften DAF-Sound zu einem guten Teil vorweg.
(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 263 Stücke ist hier.)
Wie das hier eigentlich weiter gehen soll mit dem Musik-Countdown wurde ich heute von einem treuen Leser gefragt. Ursprünglich wollte ich ja bei dreißig Sekunden aufhören, da es danach ein bisschen lächerlich wird. Aber ich hab es mir anders überlegt. Ich mache so lange weiter bis mir die Musikstücke ausgehen. Sollte ich also mit z.B. 45 Sekunden nichts auf der Festplatte meines Rechners finden, so ist Schluss. Ansonsten geht es bis runter auf eine Sekunde, vorausgesetzt ich habe für jede Sekundenlänge mindestens einen Track. Momentan habe ich so zwischen zehn und zwanzig Stücke pro Tag, es sieht so aus als ginge das noch eine Weile gut. Die Einminutenmarke werden wir voraussichtlich locker unterschreiten, spätestens unter dreißig Sekunden wird es dann eng.
Im Moment behagt mir übrigens sehr, dass ich endlich mal die Zeit habe alle Stücke von Anfang bis Ende durchzuhören. Die Kürze der Songs führt eben gerade nicht zu einer stressigen Beschleunigung sondern im Gegenteil zu einer beruhigenden Verlangsamung. Dadurch, dass ich nicht mehr skippen muss und alles bis zum Ende anhören kann, ist die Auswahl möglicherweise auch fairer, vielleicht sogar objektiver, jedenfalls kann ein mieser Start eventuell noch ausgebügelt werden, da ich in dem Fall ja noch nicht weiterspringe.
Heute mal wieder etwas von einer meiner Lieblingsbands und zwar von der sehr schönen Doppel-CD Genius + Love = Yo La Tengo, deren zweite Scheibe nur aus Instrumentals besteht, wovon einige Covers und einige selbstkomponiert bzw. improvisiert sind. Dieses Gitarrenfeedbackstück lässt an die wildesten Krautrockzeiten denken und erinnert mich an das erste, phantastische Konzert von Yo La Tengo, dem ich beigewohnt habe, an einem warmen Sommerabend 1997 im Knaack Klub, der ja jetzt leider schließen musste. Damals haben sie wirklich alles gegeben, vor allem Ira an der Gitarre gebärdete sich wie ein reinkarnierter Hendrix und sein und mein Schweiß schien gemeinsam von den Decken des Klubs herunterzulaufen. A propos, war eigentlich jemand meiner Leser bei der Geburtstagsparty zum Zwanzigsten von City Slang im Admiralspalast am Sonntag?
(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 257 Stücke ist hier.)
Ich hätte nichts dagegen, wenn es jetzt hier nur noch – immer schön alternierend – mit den Boards of Canada und Neil Young weitergehen würde, und ihr? Was soll ich sagen, BoC haben es einfach drauf, Musik zu machen, die mich da abholt, wo ich gerade bin (hahaha!). Nee, mal ganz ehrlich, im Grunde höre ich ja Musik außer zur Entspannung vor allem für den Kick, und zwar in dem Sinne, dass die Musik mich am Schlawickel packt, die Erde quasi in dem Moment, wo ich sie höre, zum Stillstand bringt, jedes noch so intensive Gespräch in ein Hintergrundrauschen verwandelt, mich wie ein Reh im Scheinwerferlicht völlig lähmt und fixiert; die beste Musik ist eigentlich immer die, die mich in eine Schlange verwandelt, die ihr blind gehorcht, die vom Flötenspiel beschworen wird.
BoC berühren mich unglaublich stark, ganz tief innen, da wo die Erinnerung an meine frühe Kindheit gespeichert ist. Da ist ganz viel Unschuld drin und ein Versprechen auf die Zukunft und etwas sehr Weiches, Zartes; ich glaube, man nennt es auch Liebe.
(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 256 Stücke ist hier.)
P.S. Sorry, aber auf meinem Netbook-Computerlautsprecher hört sich das hier übrigens im Vergleich zum iPod ganz, ganz beschissen an.
I’m gonna give you till the morning comes
Till the morning comes, till the morning comes.
I’m only waiting till the morning comes
Till the morning comes, till the morning comes.
Wenn man abends um zehn anfängt, dieses Lied zu singen und morgens um sechs damit aufhört, dann hat man es insgesamt dreihundertsechszigmal gesungen.
(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 255 Stücke ist hier.)
Tief durchatmen, Augen zu und Lauscher auf. Die schottischen Analogsoundbastler nehmen uns mit auf einen Minispacetrip unter dem Radarschirm weg hinter den Horizont.
(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 254 Stücke ist hier.)
And when I touch you
I feel happy inside
It’s such a feeling
That my love I can’t hide
Auch nach all den Jahren immer noch ein tolles Lied. Hier in der Version von der Love-Kompi mit dem dazugemischten Mädchenkreischen im Hintergrund, das die Nummer dann auch stilecht beendet. Zum Schluss hört es sich an wie das Rauschen einer Meeresbrandung. Mehr braucht man zu dem Song kaum zu sagen, der Text ist so banal, dass er fast schon wieder gut ist. Elf Millionen Mal ging die Scheibe weltweit über den Ladentisch, eine der meistverkauften Singles aller Zeiten, die den Beatles den Durchbruch in den USA bescherte. Sie klingt immer noch frisch und jugendlich naiv, ziemlich unglaublich nach fast 47 Jahren.
(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 253 Stücke ist hier.)
Es gab einen Bobby Gillespie vor Primal Scream, das wissen die meisten, er war Drummer bei The Jesus & Mary Chain und vorher Roadie bei Altered Images. Aber es gab auch eine Band Primal Scream vor Screamadelica. Hier eröffnen sie den NME-Cassettensampler C86, der eine ganze Bewegung gestartet hat, weg von dem in den allerletzten Zügen liegenden synthielastigen und überproduzierten New Wave hin zum Indiegitarrenschrammelrock. Ein kleiner Song, der harmloser scheint als er ist. Zumindest was den Text angeht, wo es offensichtlich um ein Mädchen geht, das mit härteren Drogen herummacht. Diese frühen, naturbelassenen Primal Scream ziehe ich auf jeden Fall ihren späteren, härteren und abgedrehteren Alben ab etwa XTRMNTR zigfach vor.
(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 252 Stücke ist hier.)
Ein Instrumental von einem meiner Lieblingsalben von Brian Eno, Music for Films, bei dem der Witz ist, dass die meisten Stücke – inklusive diesem hier – nur mögliche Soundtracks zu imaginären Filme sind. Die Filme gibt es also gar nicht, aber die Musik zu ihnen sehr wohl. Eine reizvolle Idee, und wenn sie dann auch noch so stringent umgesetzt wird…
Brian Eno hat übrigens ein neues Album raus und es ist nach langer Zeit (seit ca. 25 Jahren würde ich sagen) endlich mal wieder ein Gutes. Von den Videos hier, die peu à peu online geschaltet werden, finde ich übrigens das erste, japanische am besten, wie Eno da tänzerisch die Gerätschaften bedient, ist einfach umwerfend. Tanzmusik für das neue Jahrzehnt. Oder so.
(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 251 Stücke ist hier.)
Diese Wahl ist mir sehr schwer gefallen. Eigentlich hätte es ja das Gitarrenduo Jansch/Renbourn mit dem luftigen East Wind sein müssen. Aber dann kam kurz danach dieses Instrumental der 4AD Supergroup und ich dachte erst, die oder vielmehr das, nämlich das Lied, gibt es noch? Als wäre ein Musikstück lebendig und könnte sterben. Seltsamer Gedanke, aber hier hat er mich dermaßen übermannt, dass ich genauer gelauscht habe und jetzt zum ersten Mal die bellenden Hunde bewusst gehört habe. Die die düstere, oppressive Stimmung nicht gerade aufhellen. Ein Track für den Soundtrack nach der Apokalypse.
(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 250 Stücke ist hier.)
Irgendwie haut mich die simple, coole Melodielinie dieses Instrumentals völlig um; ich würde sagen, es hat couilles. Gainsbourg war ja nicht nur Chansonnier sondern auch wie mir gerade erst klar geworden ist, Komponist von Filmmusiken. Hier werden immerhin 72 seiner Filmmusikstücke vereinigt, es wäre vielleicht mal an der Zeit, diese Seite seines Schaffens näher zu beleuchten, aber nicht heute. Ach eins noch, champêtre heißt ländlich und auf dem Land gedeiht die Pflanze, die Serge mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit bei der Komposition unterstützt hat, am Besten.
Meine Gedanken kreisen allerdings immer noch um ein seltsames Zusammentreffen mit zwei mittelalten (in der 2. Hälfte der Vierziger, wüde ich sagen) Frauen im ICE nach Berlin gestern. Sie hatten ein Wochenendseminar in Karlsruhe besucht und waren jetzt auf dem Weg zurück nach Hildesheim. Als ich mich auf meinen Tischplatz im Großraumwagen begeben wollte, sprach mich sofort eine der beiden an und sagte, dass sie schon auf die Person, die sich auf den vierten Platz am Tisch setzen würde – der dritte war von einem anderen Mann besetzt, den sie auch schon angequatscht hatten – gewartet hätten und gewettet hätten, ob es ein Mann oder eine Frau sein würde. Nach einer Weile verschwanden sie Gottseidank mit dem anderen Mann für ein Bierchen ins Bistro und ich hatte meine Ruhe bis 20 Minuten vor Hildesheim. In den 20 Minuten gelang es den beiden allerdings mich mit ihren inquisitorischen Fragen zu enervieren, was ich versucht habe, mir nicht anmerken zu lassen, ob mit Erfolg sei dahingestellt. Jedenfalls wollten sie zum Schluss unbedingt wissen, was ich beruflich mache. Jetzt im Nachhinein kommt es mir so vor als hätten sie in ihrem Seminar, in dem es um soziale und psychologische Dinge gegangen sein muss, die Aufgabe aufgetragen bekommen, jeden den sie auf dem Weg zurück treffen, nach seiner beruflichen Tätigkeit zu fragen. Jedenfalls habe ich ihnen dann gesagt, dass es etwas mit Zahlen zu tun hat und sie waren offensichtlich enttäuscht ob meiner profanen Antwort und versuchten, mir meinen Job schlechtzumachen. Etwas, das ich aber sowas von dringend gebrauchen kann im Moment und überhaupt. Die eine sagte, ihr hätte ihr Beamtenjob auch nicht gefallen und sie wäre krank geworden und hätte jetzt eine neue Stelle, in der sie ihre soziale Kompetenz besser einsetzen könne (oder so ähnlich). Hinterher sagte mir der Mann, der auch noch am Tisch war und mit den beiden im Bistro gewesen war, dass sie ihn natürlich auch nach seinem Job gefragt hätten und ihn halbwegs korrekt eingeschätzt hätten, mich jedoch für jemanden von der schreibenden Zunft gehalten hätten. Der sex appeal von Schriftstellern auf einen gewissen Frauentypus, das wäre bestimmt auch mal eine lohnenswerte soziopsychologische Untersuchung.
(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 249 Stücke ist hier.)
Das Rot ist das Rot von einem Buchumschlag,
der aus meiner Jacke guckt.
Heute ist mir mein Handy in unseren Brunnen gefallen. Irgendwas soll mir das sagen. Dass ich nicht kompatibel mit der modernen Welt bin? Dass das Handy überbewertet wird? Dass ich statt die Leute nicht anzurufen, vielleicht besser direkt mit ihnen unter vier Augen sprechen sollte? Oder einfach nur, dass ich besser auf meine Sachen aufpassen sollte? In other news, in meinem Programm hier hat noch ein Lied des Duisburger Barden Tom Liwa gefehlt, ein Loch was ich hiermit gestopft hättte. Das Stück habe ich übrigens heute morgen das erste Mal gehört und habe mir nach den ersten Takten gedacht, das ist ja interessant, diesen Song von Nick Drake kennst du ja noch gar nicht…
(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 248 Stücke ist hier.)
Das letzte Stück auf dem letzten, posthum veröffentlichten Album Doo-Bop. Sein Vermächtnis und was für eins. In achtundachtzig Sekunden einmal um sein Werk. Miles war zu diesem Zeitpunkt musikalisch in Richtung Hip-Hop unterwegs, was man – glücklicherweise, wenn ihr mich fragt – hier kaum hört. Es ist ein klassischer, unverkennbarer Miles Davis geworden, der sehr cool und rhythmusbetont daherkommt. Der Trompetenton immer noch voll da, klar und luzide, aber wie hinter einer Nebelwand gespielt. Wenn ich ihn höre, dann sehe ich immer einen Mann mit dem Rücken zum Publikum, einen einsamen Wolf inmitten von tausenden von Leuten. Der Minitrack macht Lust auf mehr und ich hätte schon gerne gewusst, wohin Miles Davis sich noch bewegt hätte, wenn er länger gelebt hätte. Um die elektronische Musik wäre er wohl kaum umhingekommen und sie vor allem nicht um ihn.
(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 247 Stücke ist hier.)
Marin Marais war etwa eine Generation älter als Johann Sebastian Bach und das hört man in seinen Kompositionen. Marais spielte am Hofe Ludwigs XIV. Viola da Gamba (Kniegeige) und seine beschauliche, pastorale Musik fließt wie ein träger Strom vor sich hin; es fehlt jegliche Dynamik. Durch den Film Tous les matins du monde, bei dem ich fast eingepennt wäre, bin ich das erste Mal auf Marais gestoßen; ich habe damals die ereignislose Handlung und die lahme Musik gehasst. Inzwischen bin ich ein paar Jahre älter geworden und kann die Interpretation des heutigen Auswahlstücks von Hille Perl an der Gambe und ihrem Mann Lee Santana an der Laute durchaus genießen. Diese Art von Musik ist nicht nur völlig zeitlos, die Zeit als Kategorie scheint auch in ihr selbst nicht existent.
(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 246 Stücke ist hier.)
Candy says I’ve come to hate my body
and all that it requires in this world
Ich weiß wirklich nicht wie die Telescopes das machen, aber sie verkürzen den Song um zweieinhalb Minuten, sie verdichten ihn auf weniger als 40% des Originals und in dem Lied scheint nichts zu fehlen. Es ist nur alles etwas intensiver, kurzlebiger, komprimierter. Und das Dollste ist ja, dass sie sich gleichzeitig alle Zeit der Welt nehmen, dass sie eine Zeitlupenversion des Klassikers von Velvet Underground abliefern, der das selbstbetitelte dritte Album der Band startet. Sehr gelungenes Cover, das übrigens ziemlich nah am Vorbild bleibt. Was aber auch absolut nichts macht, da es mehr oder weniger perfekt ist.
(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 244 Stücke ist hier.)
Es gibt einige, ganz wenige Musikstücke, von denen ich nicht genug kriegen kann, nach denen ich süchtig bin. Insgesamt vielleicht eine Handvoll. Das kurze Instrumental La Valse, das das Debütalbum Mlah der Négresses Vertes einleitet, gehört hierzu. Ich habe es das erste Mal – glaube ich zumindest, vielleicht war es auch das zweite oder dritte Mal – in Luxemburg-Limpertsberg gehört. Wir waren zu viert – ein Niederländer, ein Belgier, ein Grieche und ich – und hatten mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit schon vorher das eine oder andere Gläschen gesüffelt. Dann gingen wir in das Studio des Niederländers und setzten den feuchtfröhlichen Abend fort und ich legte die o.g. CD in den Schacht des CD-Spielers. Und was soll ich sagen, als das Stückchen zu Ende war, griff ich mir die Fernbedienung, sprang wieder an den Anfang zurück und spielte es erneut ab. Usw. Ich weiß jetzt nicht mehr wie oft ich das gemacht habe, bestimmt dreißig oder vierzig Mal, die anderen waren so in ihre Gespräche vertieft bzw. schon so angeheitert, dass sie es gar nicht gemerkt haben, zumindest haben sie sich nichts anmerken lassen. Ich glaube nicht, zumindest erinnere ich es nicht, dass wir den Rest der CD an dem Abend gehört haben. Mir hat dieses eine Stück auch vollkommen gereicht. Die nachfolgenden Songs hätten dieses Level sowieso niemals halten können.
Was mich hier so unglaublich anzieht, ist natürlich die traurige Weise, die für mich eine regnerische Stadt evoziert, auch gerade weil sie vom Akkordeon gespielt wird, kann es eigentlich nur Paris sein. Die Kombination von melancholischer Melodie und kreisendem Tanz gibt dem Ganzen noch einen zusätzlichen Tiefgang. Eine Traurigkeit, die sich immer wieder um sich selbst dreht, das ist auch eine Art von Sucht, die dann schließlich zur Depression werden kann. Komischerweise tut mir die permanente Wiederholung des Stückes allerdings eher gut, es hat zwar etwas von einem Suhlen in seinem eigenen Weltschmerz aber hinterher fühle ich mich eigentlich immer besser oder genauer erhabener.
(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 242 Stücke ist hier.)
Passend zum Sonntag mal wieder Barockmusik zum Chillen. Telemann war ja anscheinend zu seinen Lebzeiten ein großer Star, wurde dann für 200 Jahre vergessen bzw. nicht mehr wertgeschätzt und erst im 20. Jahrhundert wieder rehabilitiert.
(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 241 Stücke ist hier.)
Hey hey, Cripple Creek Ferry
Butting through the overhanging trees
Make way for the Cripple Creek Ferry
The water’s going down, it’s a mighty tight squeeze
In diesen 95 Sekunden ist alles drin, was einen guten Song von Neil Young ausmacht. Die eingängie, verspielte Melodie, ein scheinbar einfacher Text und natürlich die charakteristische Fistelstimme. Neil Young in nuce. Und um eine Nussschale geht es hier auch, eine Fähre, die über einen Bach übersetzt. Cripple Creek ist ein Goldgräberort in den Rocky Mountains in Colorado, der während des Goldrauschs Ende der 1890er Jahre gegründet wurde. Und das Lied ist eines von zweien auf After the Goldrush, von denen Neil Young sicher sagen kann, das sie von dem verschollenen, gleichnamigen Filmskript von Stockwell/Berman inspiriert wurden. Mir gefällt vor allem diese Auf- und Abbewegung der Tonhöhe der Melodie, die so eine Art aurales Schaukeln auslöst, gekoppelt mit dem anschließenden vorsichtigen Innehalten. Man meint zu spüren, dass es eine unwägbare Unternehmung ist, zu dem Ziel auf der anderen Seite des Baches überzusetzen. Wie wir alle wissen, endete der Goldrausch für viele mit einem bösen Kater oder schlimmer.
(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 240 Stücke ist hier.)
You know, I didn’t even know her name
But I was never gonna be the same
What a lady, what a night
John Darnielle aka The Mountain Goats scheint auch ein Fan dieses Liedes zu sein, da es hier vor einem seiner Konzerte auf der Anlage gespielt wird. Für mich steht es irgendwie für die goldene Zeit meiner Jugend, ich war zwölf als es rauskam und es ist mir wahrscheinlich auch deswegen so gut im Gedächtnis haften geblieben, da es mein Geburtsjahr besingt und sogar im Titel führt. Die Four Seasons habe ich damals sehr gemocht, sie kombinierten geschickt Melodie und Rhythmus, so dass sehr gut tanzbare Songs herauskamen. Wobei ich auf diese Musik so weit ich mich erinnere überhaupt nicht getanzt habe, ich habe sie eher unbewegt genossen. Kurz danach kam dann die Discowelle (Saturday Night Fever) und da habe ich dann mehr oder wenig völlig zu gemacht gegenüber Chartmusik und versucht, einen eigenen Geschmack zu finden.
(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 239 Stücke ist hier.)
Auf ne Party gehen
und nichts als Leute sehen,
die in der Ecke stehen
wohin sie auch gehen
Wieder eine Gruppe aus Düsseldorf (in diesem Projekt nach den Fehlfarben und dem KFC bis dato die dritte), wieder von der Kompi Verschwende Deine Jugend. Es handelt sich um die Vorläuferband der Toten Hosen, die sich ursprünglich Zentralkomitee Stadtmitte nannte, Campino ist schon als Sänger mit von der Partie. Der melodische Song ist eher melancholisch angelegt, das punkige Element besteht im wesentlichen aus der schön verzerrten E-Gitarre. Diese Art von Parties kennen wir wahrscheinlich alle, meine Discobesuche in München Mitte der Achtziger liefen oft exakt so ab. Über das Thema haben auch andere gesungen (Michael Stipe in Losing My Religion: „That’s me in the corner“ oder Morrissey in ?). In any case, Düsseldorf ist in meinem kleinen Musikkosmos anscheinend ganz klar die deutsche Musikhauptstadt. Dabei fehlen noch so einige hochkarätige Vertreter wie z.B. DAF, Neu!, die frühen Kraftwerk mit Michael Rother, La Düsseldorf, Der Plan, Male und Mittagspause, um nur anderthalb Handvoll zu nennen.
(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 238 Stücke ist hier.)
(via a post punk tumblr)
Eine junge Französin tanzt in ihrem Pariser Studio zu St. Elmo’s Fire aus Brian Eno’s Meisterwerk Another Green World. Das hat was. Die Idee ist einfach und cool, die Musikauswahl noch cooler und die Ausführung bezaubernd.
Ich kenne weder die Coverband noch die gecoverte Band, die beide angeblich zum Genre Surfmusik zu zählen sind, das mir jetzt in dem Zusammenhang auch nichts sagt, für mich hört sich das eher an wie ein Soundtrack zu einem Western mit dem irgendwas nicht stimmt. Die Landschaft ist nicht weit und er spielt nicht in der Vergangenheit sondern eher in der Zukunft. Und er wird zu schnell abgespielt. Im Film wird viel gelacht und nur in die Luft geschossen und nicht auf Cowboys, Soldaten oder Indianer. Und die Pferde wiehern die ganze Zeit. Aber es ist schon ein Breitwandformat. Man merkt schon, im Grunde ist meine Suche nach dem perfekten Achtundneunzigsekundenstück auf meinem iPod noch voll im Gange.
(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 237 Stücke ist hier.)
(via Schachblog)
Neulich im saarländischen Landtag: Peter Müller spielt eine Partie Schach mit seinem iPad. Schach spielende Politiker können keine schlechten Politiker sein: Neben Helmut Schmidt und Richard von Weizsäcker fällt mir da jetzt noch Peer Steinbrück ein, bei Otto Schily bin ich mir jetzt nicht mehr ganz so sicher. Schach spielt er glaube ich schon, aber ist/war er ein guter Politiker?
Ein drittes Stück von Vini Reilly (1, 2), das zweite von seinem Debüt The Return of the Durutti Column (Factory Nr. 14), dessen erste 2.000 LPs von den Bandmitgliedern von Joy Division in Sandpapierhüllen gesteckt worden waren. Reilly’s typischer, fließender Gitarrensound wird hier in ein rhythmisches Flußbett aus Bass und recht stark nach vorne gemixten Drums geleitet. Mit Jazz hat das nicht direkt etwas zu tun aber mit Rock eben auch nicht. The Durutti Column bewegen sich hier zwischen den verschiedenen Genres, was zu einem guten Teil auch ihre Originalität ausmacht.
(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 236 Stücke ist hier.)
spielten gestern im Quasimodo neben dem Theater des Westens. Es war sehr voll und sehr laut und es war neben dem Sänger Phil May noch der Gitarrist Dick Taylor – der eher wie ein schmaler, pensionierter Schullehrer mit kleiner, runder Nickelbrille daherkam – von der Ursprungsformation von 1963 mit an Bord. Der R&B war musikalisch eher grob geschnitzt bzw. ging im Lärm etwas unter (nächstes Mal unbedingt Ohrstöpsel mitbringen), aber Phil May’s schelmisches, lausbübisches Grinsen ins Publikum nach jeder dritten Liedzeile war einfach umwerfend. Er konnte es selber kaum glauben, dass so viele Leute ihn gestern in Berlin noch hören wollten. Vorne tanzten mindestens sechzigjährige Pärchen solo herum, die weißhaarigen Damen hätte ich ja gerne mal vor vierzig Jahren gesehen. Wen es interessiert, hier steht noch mehr über das Konzert.
Am Samstag abend im netten Kreuzberger fsk-Kino am Oranienplatz endlich mal wieder einen guten Film gesehen bzw. in diesem Fall wohl eher gehört. Die Wartezeit vor dem Filmanfang hat uns das faszinierende Video mit der aus Holzlatten minütlich aktualisierten Bildschirmuhr verkürzt. Als besonderen Gag zeigen sie im Kino wie der Filmvorführer den Film auf die Spule legt. Neu entdeckt haben wir in diesem Musikfilm über das ECM-Label vor allem den tunesischen Oud-Spieler Anouar Brahem, der nicht nur phantastisch auf diesem traditionellen Instrument der arabischen Musik spielt sondern auch so einges zu erzählen hat. Andere beeindruckende, mitwirkende Musiker: Arvo Pärt (vor allem der Chor im Schlussstück, der auch im Trailer ist, war überirdisch schön), die zwischen Free und Fusion oszillierende Schweizer Jazzcombo um Nik Bärtsch, der argentinische Akkordeonist Bandoneonspieler Dino Saluzzi und natürlich Jan Garbarek und sein immer noch glasklarer Saxophonton. Keith Jarrett hat sich leider mal wieder geziert. Catherine und ich haben die Besucheranzahl an dem Abend um 67% erhöht, eigentlich unfassbar. Der Film ist ja nicht nur sehr gut sondern auch noch brandneu.
Aus Düsseldorf kamen ja so einige Bands, es war aber oft so, dass diejenigen, die die interessantere, radikalere Musik gemacht haben, nicht den Erfolg gehabt haben, den dann andere, weichgespültere Gruppen gehabt haben. Ich denke da gerade an Neu! und Kraftwerk sowie den KFC (Kriminalförderungsclub) und Die Toten Hosen. Mit den jeweils letzteren konnte ich nie viel anfangen, das öde Autobahn hat mich in der ersten Hälfte der Siebziger mindestens genauso gelangweilt wie in der ersten Hälfte der Achtziger der im Stadionrock herummäandernde, schwache Punkabklatsch der Hosen. Die kamen nicht mehr zum Punkt, jedenfalls später nicht mehr. Der KFC hingegen war da ganz anders. Zum einen hat er sich, wie es sich für echte Punker gehört, nach nur vier Jahren wieder aufgelöst. Zum andern hat er mit dem für sich und den Sänger Tommi Stumpf sprechenden Titel dieses hundertsekündigen Songs eine animalische, hart rockende Version von Punk mit Ohrwurmcharakter kreiert, der man schwerlich widerstehen kann. Das Lied habe ich natürlich von der exzellenten Kompilation Verschwende Deine Jugend zum gleichnamigen Buch von Jürgen Teipel.
(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 235 Stücke ist hier.)
Im Grunde war das schon immer mein Lieblingslied auf der Debüt-EP Come On Pilgrim und wenn ich es mir recht überlege vielleicht sogar mein liebster Pixiessong überhaupt. Er kicked ass wie es sich für eine neue Band gehört und das Riff lässt dasjenige von Smoke on the Water, von dem immer alle in meiner Schulzeit geschwärmt haben, aber sowas von uralt aussehen. Dies ist Black Francis Ode an Puerto Rico, wo er einige Zeit zugebracht hat, der Titel bezieht sich auf den Spitznamen des Eilands: „Insel der Verzauberung“.
(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 234 Stücke ist hier.)
Eine Filmmusik und damit eine Premiere in dieser Reihe, wenn mich mein Gedächtnis nicht trügt. Ich habe Halloween nie gesehen, meine mich aber vage an die Szene zu erinnern, wo das Thema zuerst auftaucht: In einem dunklen Raum blickt die Kamera auf einen Vorhang vor einem Fenster, auf dem plötzlich ein Schatten erscheint, der sich hin und her bewegt und dann wieder verschwindet. Fast noch schöner als diese mit Synthesizer unterlegte Keyboardfassung aus dem Film ist die Klavierinterpretation. Man sieht förmlich wie die Spannung aufgebaut wird durch die schnelle, hohe, mit der rechten Hand gespielte Melodie, der der tiefe, langsame von der linken Hand gespielte Begleitteil gegenübergestellt wird.
(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 232 Stücke ist hier.)
Irgendwie ist hier ein bisschen die Luft raus. Die Besucherzahlen wollen einfach nicht anziehen (verstehe ich ja wirklich nicht). Der letzte Urlaubshiatus hat mich etwas aus der Blogpostroutine gebracht. Die Tracks sind inzwischen so kurz, dass sie meist nur noch Intermezzi sind, keine durchkomponierten Stücke mehr, fast nur noch Instrumentals. Außerdem gibt es nur noch 20 – 30 Tracks pro Tag zu hören, wovon einige Wortbeiträge, Klatschen, Vogelgezwitscher und abgebrochene Downloads sind. Heute haben wir Glück mit dem exzentrischen Moondog, der jahrelang auf den New Yorker Straßen in seltsamen Wikinger-Outfits herumlief, denn es ist seine auch unter dem Namen Bird’s Lament bekannte Erkennungsmelodie. An Moondog fasziniert seine völlige Singularität, seine Musik ist häufig recht orchestral und dem Kontrapunkt verpflichtet, sie schwebt zwischen perkussivem Barock, Minimal Music und improvisiertem Jazz, ist unglaublich harmonisch und melodisch und in einer angenehmen Art weich. Moondog hieß ursprünglich Louis Hardin und hat sich sein Pseudonym 1947 nach seinem Blindenhund angelegt, der den Mond anheulte wie kein anderer. Begraben liegt Moondog in Münster, die letzten 25 Jahre seines Lebens war er als Straßenmusiker in Deutschland unterwegs.
(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 231 Stücke ist hier.)
Das ist jetzt schon der dritte Tanz – vom Tempo her zwischen der gemächlichen Sarabande und der flinken Gigue – aus dieser herrlichen Lautensuite von Johann Sebastian Bach in der luziden Interpretation des Montevideoer Gitarristen Cáceres. In Der vollkommene Capellmeister (1739) schreibt Mattheson über die Courante (von mir aus dem Englischen zurückübersetzt):
Die Bewegung einer Courante ist hauptsächlich durch die Leidenschaft oder die Stimmung einer süßen Erwartung gekennzeichnet. Denn es ist etwas Inniges, etwas Sehnendes und auch Erfreuliches in der Melodie: Eindeutig Musik, auf die Hoffnungen aufbauen.
Cut. Auf der ersten Etappe auf dem Jesus Trail von Nazareth nach Cana war der Weg- und Straßenrand voller Müll. Wir sprachen später noch mit einem der amerikanischen Voluntaries in unserer Nazarether Herberge darüber und er sagte uns, dass sie vor kurzem jede Menge Müll entfernt hätten und sogar der israelische Tourismusminister da gewesen war und versprochen hatte, sich hier einzusetzen. Das Ergebnis war ernüchternd, insbesondere der Ort Mashhad kurz vor Cana ist eine einzige stinkende Müllhalde. Ich werde diese im Süden sehr verbreitete Mentalität, dass die Natur ein Feind ist und daher vermüllt werden darf nie verstehen. Was auch interessant auf dem Weg war: Den ersten israelischen Juden haben wir erst am Nachmittag des dritten Tages getroffen. 25% der Bevölkerung in den nichtbesetzten Gebieten in Israel sind Araber. Mit den besetzten Gebieten wären es noch wesentlich mehr. Kein Wunder, dass Israel denen keinen Staatsbürgerstatus geben will. Die Araber, die das Glück haben auf israelischem Territorium zu wohnen, sind nicht nur voll stimmberechtigte Bürger, sie haben sogar noch wie die Orthodoxen keine Militärpflicht. Ich glaube, die fühlen sich in Israel recht wohl, da der Lebensstandard höher, das Land wegen guter Bewässerungstechnik fruchtbarer und die Infrastruktur besser ist als in den arabischen Anrainerländern.
(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 230 Stücke ist hier.)
Dazzle Magic beschreibt die Musik des amerikanischen Künstlerkollektivs Lansing-Dreiden, dessen Mitglieder bis heute namentlich unbekannt sind, sehr gut. Es bedeutet nämlich eine Kombination aus Blendwerk und Zauber und was sie da in ihren diversen Alben abgefeuert haben in den letzten Jahren war zwar nie besonders neu, aber es klang mindestens genauso schillernd wie das Alte, ich denke da an diverse Musiken aus den Siebzigern und zwar zuallererst an Glam Rock, von dem sie sich offensichtlich haben inspirieren lassen. Bei dem Titel muss ich gerade auch an den auf dem Wasser wandelnden Jesus denken. Am Sonntag schwebte ich noch in Ein Gedi im Toten Meer bei weit über 30 Grad. In senkrechter Position guckte der Oberkörper in etwa bis zur Brust raus. Aus der Ferne hätte es so aussehen können als wäre ich durch das Wasser gelaufen. Schwenk. Ich habe ja bis heute nicht verstanden, warum die Siesta von kaum einem Unternehmen für seine Mitarbeiter angeboten wird. Noch besser wäre allerdings der Nachmittagsschlaf auf dem Rücken in einer Salzlösung. Etwas entspannenderes kann ich mir nicht vorstellen.
(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 229 Stücke ist hier.)
bin dann mal ein paar tage weg, hier unterwegs. frieren werden wir wohl nicht, morgen sollen es 36 grad werden. komme am 25. wieder zurück. dann geht es mit dem musikalischen countdown hier weiter. in der zwischenzeit könnt ihr ja nochmal durchhören, was bis jetzt so gelaufen ist. alle bis auf die ersten 20 oder so songs sind weiterhin online.
the pace the pace,
the speed,
the need,
the need to seed,
Wire mit ihrem Kunstschulbackground oszillierten zwischen Punk und Experiment, hatten aber auch einen knack for melody und eine Affinität zu Kurzsongs, sowie eine Menge Punch und dabei meine ich nicht den Longdrink. In Champs bringen sie dies phantastisch gut auf den Punkt, in dem Lied ist wirklich jede Sekunde ein Volltreffer, es ist ein Stück perfekter Musik. Am Ende möchte man jubilieren „Hurra, Armada versenkt“.
(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 228 Stücke ist hier.)
Why must I stay here
Rain comes I’m sitting here
Watching love moving
Away into yesterday
Hier geht es offensichtlich um das Ende einer Liebe, das mit dem Beginn des Winters koinzidiert. Vashti Bunyan’s zärtlich-sanfte Stimme evoziert für mich Flower Power wie kaum eine andere. Passenderweise war sie eine Weile mit einem Pferdewagen unterwegs und suchte mit ihrem Partner nach einer angeblich von Donovan auf einer schottischen Insel gegründeten Künstlerkommune. Während dieser Zeit on the road schrieb sie ihre Lieder, die dann 1970 auf Just Another Diamond Day veröffentlicht wurden. Dieser Song von einer älteren Aufnahmesession war ein später veröffentlichter Bonustrack.
(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 227 Stücke ist hier.)
Peace will come and with it sleep
Forgotten dream
I clear my mind
Vini Reilly ist jemand, der seinen eigenen Sound bzw. Ton gefunden hat; man kann ihn nach wenigen Sekunden wiedererkennen. Mit seiner Spieltechnik auf der Gitarre erzeugt er einen rhythmisch ondulierenden, stark hallenden Klang, der mich etwas an New Age – das eigentlich erst später kam – erinnert. Bei dem heutigen Track fühlt sich der elastische Gitarrensound wie ein Trampolin an, in das der Hörer immer wieder zurückgeworfen wird, um dann wieder hochzuspringen. Man kann einfach nicht hinfallen, man wird immer wieder aufgefangen. Vom Titel bin ich mir nicht sicher, ob er autobiographisch ist. Ich kann ihn ganz gut nachvollziehen weil ich selber momentan nahezu täglich Schlafprobleme habe. Ich wache häufig lange vor fünf Uhr morgens auf und kann dann erst einmal nicht mehr einschlafen. Da helfen dann auch Schafzählsessions wenig. Der Schlaf kommt dann doch noch, allerdings oft erst ca. 5 Minuten bevor der Wecker gegen sieben klingelt. Toll ist in dem Moment dann immer, dass ich das Gefühl habe, aus tiefstem Schlummer zu erwachen und mich häufig phantastisch gut an meinen Traum erinnere, der dann normalerweise mittendrin abgebrochen ist.
(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 226 Stücke ist hier.)
can’t keep away from the girl
these two sides of my brain need to have a meeting
can’t think of anything to do yeah
my left brain knows that our love is fleeting
1. Dieses Lied ist auch in John Peel’s Singles Box, auf seine späten Tage war der britische Radio DJ ein großer Fan von Jack und Meg White, von den 142 Singles sind 15 von den White Stripes bzw. von Kollaborationen mit ihnen.
2. Die White Stripes sind so ziemlich die letzte der neuen Bands, die sich überhaupt noch in meine Gehörgänge verirrt hat. Neu war ihre Art von schweißtreibendem, primitivem Garagenbluesrock zwar absolut nicht, aber zumindest vital. Und das ist heutzutage ja schon eine ganze Menge.
3. Ich habe mal kurz einen jungen Belgier kennengelernt, der meinte, die White Stripes wären die größte Band der Welt. Und wenn man die Aussage nur auf die Bands, die seit den White Stripes gegründet worden sind bezieht, dann hat sie durchaus ihre Plausibilität.
(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 225 Stücke ist hier.)
I just want a bit part in your life
A bit part in your life
A little more than a cameo
Nothing traumatic when I go
Ein Lied für das englische Wörter wie catchy oder kick-ass erfunden worden zu sein scheinen. Powerpop wie er im Buche steht. Wie Evan Dando und seine Lemonheads in 111 Sekunden die Party kickstarten. Neben Dando brüllt und singt hier übrigens die schöne Juliana Hatfield. Eines der ganz wenigen Lieder, ansonsten fällt mir da jetzt gerade auf die Schnelle nur Panic ein, das selbst mich alten Tanzmuffel unwiderstehlich auf die Tanzfläche hinauszieht.
(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 224 Stücke ist hier.)
Die Goldberg-Variationen in der berühmten 1955er Aufnahme von Glenn Gould gehen reflektiert und präzise los, das Tempo spart sich Gould für später auf. Ich weiß nicht mehr genau in welchem Jahr es war, vielleicht 1986, jedenfalls war ich auf Interrailtour in Griechenland, Italien und Portugal, wo ich gerade noch hingekommen bin in der begrenzten Zeit. Und ich habe in allen drei Ländern rein zufällig morgens zum Frühstück in den Hostels bzw. Privatquartieren die Gouldschen Goldberg-Variationen gehört. Sie waren der Soundtrack zu meiner ersten und letzten Interrailreise. Und mit dieser Aria geht der Trip los. Es gibt schlechtere.
(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 222 Stücke ist hier.)
Where did your long hair go
Where is the girl I used to know
How could you lose that happy glow
Caroline hat sich verändert. Was ist nur mit ihr passiert? Warum liebt er sie nicht mehr? Wieso hat sie das glückliche Leuchten in den Augen verloren? Ist sie alt geworden? Oder hat sie sich ihr Haar schneiden lassen und hat ihn einfach verlassen? Und dieses Lied von Brian Wilson ist in Wirklichkeit nicht über ihre verblasste Schönheit sondern über seinen Liebeskummer? In any case seien wir froh, dass es mit Caroline und Brian so ein trauriges Ende genommen hat. Denn sonst gäbe es dieses wunderschöne Lied nicht, das in der reinen Vokalfassung aus den erst 1997 veröffentlichten Pet Sounds Sessions wie ich finde noch bewegender ist. Die Liebe zwischen den beiden Protagonisten wird in diesem Song sozusagen aufgehoben und kann somit gar nicht sterben.
(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 221 Stücke ist hier.)
Vor New Order war Joy Division und vor Joy Division war Warsaw und vor Warsaw, der Band war Warszawa, der Song (Eno & Bowie auf Low). Wieso schreib ich das? Na ja, auf meinem iPod läuft das Stück unter Warsaw und zwar als letzter Track auf der Warsaw-LP, die erst viele Jahre nach Ian Curtis‘ Tod publiziert wurde. Dabei hat er mit der Punk-Band vor Joy Division eigentlich nichts zu tun. Außer einer gewissen, sehr entfernten Ähnlichkeit – zumindest ist es auch ein ambienteskes Instrumental, allerdings mit Beats – mit dem Bowie-Stück. Ansonsten muss man natürlich sagen, dass As You Said, das als B-Seite auf der Gratissingle Komakino im April 1980 rauskam, hinausweist auf eine Zukunft der Band ohne den Sänger. Die Einfachheit des Stücks, das sich anhört wie das Ergebnis einer Rumspielerei von Stephen Morris mit dem Drum Computer und seiner Partnerin Gillian Gilbert an der Elektro-Orgel unter ausgiebiger Benutzung des Hallreglers, macht es mir sympathisch. Eigentlich ist es ein großes, schlagendes Nichts, New Order ohne Melodie, im Grunde schon so eine Art Technotrack, nur viel, viel besser natürlich. Manche Bands machen ihre ganze Karriere über nur Scheiße, andere pinkeln mal kurz in die Ecke im Probenraum und es ist große, zukunftsweisende Kunst. Ratet mal in welche Kategorie Joy Division gehören!
(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 220 Stücke ist hier.)
Rûmet ûz die schämel und die stüele!
heiz die schragen
vuder tragen!
hiute sul wir tanzens werden müeder.
werfet ûf die stuben, sô ist ez küele,
daz der wint
an diu kint
sanfte waeje durch diu übermüeder!
(Räumt die Schemel und Stühle aus!
Lass die Tische
forttragen!
Heute wollen wir bis zum Umfallen tanzen.
Reißt die Türen auf, dann ist es luftig,
so dass der Wind
den Mädchen
kühlend durch ihre Mieder wehen kann.)
Ougenweide war glaube ich die erste deutsche Band, die mittelalterliche Texte vertont hat. Sie gründeten sich 1970 und existieren bis heute und touren gerade mit einer ganz neuen CD namens Herzsprung. Dieses mittelhochdeutsche Lied ist – wie auch der Bandname – von Neidhart von Reuental (Anfang 13. Jahrhundert) und es beschreibt einen bäuerlichen Wintertanz, in dem es um das Werben um die Mädchen geht. Es hat mich damals schon im Deutschunterricht fasziniert, die Minnegesänge von Walther von der Vogelweide zu verstehen und es hat mich gewundert, dass so etwas möglich ist, dass eine Sprache in knapp 800 Jahren so relativ unverändert geblieben ist, dass man sich die Wörter mit etwas Geduld und Mühe heute immer noch herleiten kann. Ich sehe schon den Tag kommen, wo ich das Mittelhochdeutsche besser verstehe als die aktuelle Sprache der Jugendlichen. Auch daran kann man sehen, wie unglaublich sich das Leben in dieser Welt in den letzten fünfzig Jahren beschleunigt hat.
(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 219 Stücke ist hier.)
Ein alter Klassiker der Stones in einer liebevollen rein instrumentalen Bearbeitung mit Glockenspiel, Harmonika, Klavier, Gitarre und diversen Schlaginstrumenten. Der Katalane Pascal Comelade, der unweit Perpignan kurz vor den Pyrenäen in Céret wohnt, hat so ein wenig die naive Kunst in die Musik gebracht. Er arbeitet sehr gerne mit Spielzeuginstrumenten wie Klavieren und Gitarren in Miniaturform und spielt mit Vorliebe bekannte Lieder nach, schreibt aber auch selber welche. Er hat mit vielen bekannten Musiker zusammengearbeitet, sehr gelungen finde ich zum Beispiel seine Kollaboration mit Robert Wyatt mit dem Namen September Song. Das eigentlich sehr machohafte Under My Thumb wird bei ihm zu einer recht rührseligen Ballade zum Schunkeln. Muss auch mal sein. Passt außerdem gut zum Oktoberfestende.
(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 218 Stücke ist hier.)
When the morning gathers the rainbow
Want you to know I’m a rainbow too
1. Reggae ist so ein Stil, den ich zwar im Grunde ganz gerne mag, aber es gibt nur wenig Songs, die ich liebe.
2. An diesem Stück von Bob Marley haben mich sofort die atypischen Elemente fasziniert.
3. Da wäre zuerst der unheimlich schleppende Rhythmus zu nennen, um so langsame Musik zu machen, muss man mindestens einen Joint zu viel geraucht haben.
4. Dann das Klagende und das Bedrückende, was seltsam mit dem Titel kontrastiert als wollte der Sänger sagen, die Sonne scheint zwar, aber nicht für alle und zwar insbesondere nicht für seine Freunde. Hierhin passt auch, dass die Tonart anscheinend e-Moll ist. Die Wailers machen hier wirklich ihrem Namen alle Ehre.
5. Zu guter Letzt hat der Klang der Melodica mich sofort mitten ins Herz getroffen, es kommt mir vor als bündele er die Traurigkeit ähnlich wie in der Natur der Eselsschrei, wie die arme Kreatur ihre Gefühle direkt eins zu eins in Laute umsetzt, die jeder sofort verstehen kann ohne Übersetzer.
(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 217 Stücke ist hier.)
Felt war so eine Art Kultband in Insiderkreisen in den 80ern. Ihr Leader war der enigmatische Lawrence, dessen Nachname lange ein Geheimnis blieb. Seine Stimme hatte etwas pathetisch Glitzerndes, ein bisschen wie ein introvertierter Bryan Ferry ohne Croonerqualitäten. Na ja, die werdet ihr hier jetzt leider noch nicht – wer weiß was die Zukunft bringen wird – hören, denn es handelt sich schon wieder um ein Instrumentalstück. Auf dem Klavier dieses Mal, sehr melodisch und leicht schwermütig und etwas unter die Oberfläche gehend. Von der Leichtigkeit und Schlichtheit durchaus vergleichbar mit den kurzen Klavierstücken von Satie. Als ich es heute morgen gehört habe, dachte ich erst, es wäre von dem kanadischen Pianisten Gonzales und war dann fürbass überrascht. Der Titel passt irgendwie ganz gut auf die Musik und den Bandleader. Magellan war ja bekanntermaßen derjenige, der die erste Weltumsegelung begann, sie aber nicht selber vollenden konnte weil er beim Versuch, die Bewohner einer philippinischen Insel zu unterwerfen, ums Leben kam. Als Lawrence dann Ende der 80er Felt (Filz) auflöste, nannte er seine nächste Band, die mehr in Richtung Glam-Rock tendierte, Denim. Den großen Durchbruch schaffte er auch mit ihr nicht.
(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 216 Stücke ist hier.)
Der heute 75-jährige Hans-Joachim Roedelius ist nicht nur ein Urgestein des Krautrock – vor allem in Cluster & Harmonia – er ist auch ein Pionier der experimentiellen, elektronischen Musik und hat vor dem Krieg als Kind in UFA-Filmen mitgespielt. Es ist bezeichnend, dass es keine deutsche Wikipediaseite über ihn gibt, sehr wohl aber eine ausführliche englische Seite (eine französische und portugiesische übrigens auch). Mit der Wahl dieses Instrumentals habe ich mich selbst überrascht, was leider nicht oft genug passiert, drei Argumente sprachen dafür. Zum einen ist es trotz der kurzen Länge unheimlich abwechslungsreich, es ereignet sich sehr viel, die elektronische Orgel – man könnte auch Synthesizer sagen – und die Keyboards vollführen wirklich einen gemeinsamen Tanz, die Informationsdichte der Musik ist sehr hoch, Shannon hätte bestimmt seine Freude daran gehabt. Zum zweiten kannte ich das Stück noch nicht und neue, unbekannte Sachen haben bei mir, wenn sie gut sind (leider ist auch das viel zu selten der Fall) sofort einen Stein im Brett. Außerdem habe ich bis dato kaum Krautrock ausgewählt und auch wenig elektronische Musik sowie noch gar nichts von Roedelius. Zu allerletzt passt der Titel natürlich phantastisch, ein Freudentanz in den letzten Tag der Arbeitswoche, den Freitag, was läge näher?
(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 215 Stücke ist hier.)
Un petit animal
Que cette Melody Nelson
Une adorable garçonne
Et si délicieuse enfant
Que je n’ai con-
Nue qu’un instant.
Fünf Jahre vor L’Homme à tête de chou hatte Gainsbourg bereits ein Konzeptalbum geschrieben, Histoire de Melody Nelson. Auch darin ging es um eine Beziehung zu einer Frau und zwar einer vierzehn Jahre jungen Lolita, die offensichtlich von seiner damaligen Begleitung Jane Birkin inspiriert war. Er hat sie erst mit ca. 20 das erste Mal getroffen, das ganze Album ist also in gewisser Weise imaginiert. Wobei die Knabenhaftigkeit von Melody eindeutig von Jane herstammt. In dem heutigen Lied haucht Birkin mehrmals den Namen ihres Chansondoubles auf ihre lasziv-mädchenhafte Weise ins Mikro. Mir gefällt hier besonders der Bass und die sehr heimelige und gut abgehangene Atmosphäre, die er zusammen mit Gainsbourg’s Sprechgesang herstellt. Auch sehr gekonnt: Die recht zurückhaltend, aber immer punktgenau eingesetzten Streicher.
(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 214 Stücke ist hier.)
Gerade noch bei Facebook über die neue CD von Sufjan Stevens ein bisschen abgelästert und dann das. Ganz viel Mittelmaß bei 2:02 und nur Sufjan erhebt sich über all diese Mediokrität. Dabei ist dieses Instrumentalstück nicht gerade typisch – vielleicht doch, vielleicht ist er ja erst in den letzten Jahren in diesen orchestralen Sound hineingeschlittert, der aber sowas von abtörnend ist – es ist sehr sparsam und delikat instrumentiert, neben dem Klavier gibt es noch ein bisschen wabernden Hintergrundchorgesang, wenn ich das Stück höre, dann kitzelt es meine Seele. Es kam heute genauso unvermutet wie das Geschenk, das mir eine junge, schöne Frau vorhin mit ihrem Lächeln gemacht hat.
(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 213 Stücke ist hier.)
Die XML-Datei dieses Blogs, in der nur Text drin ist, ist jetzt nach gut anderthalb Jahren Blogexistenz 1,7 MB groß. Und würde damit nicht mehr auf eine altertümliche 3,5-Zoll-Diskette passen. Bescheuert, aber das ist so eine Zahlensache, die mir sehr gefällt und mich sogar irgendwie stolz macht. Das wäre doch bestimmt schon ein Buch mit mindestens 200 Seiten, oder?
You can say the sun is shining
if you really want to
I can see the moon
and it seems so clear
You can take the road
that takes you to the stars now
I can take a road
that I’ll see me through
Ganz viele phantastische Songs hier, z.B. Girlfriend in a Coma, Orgasm Addict, I’m so Tired, Griselda in der Fassung von Yo La Tengo, ein ruhiges Lied von den Kinks, das ich erst für eins von Yo La Tengo hielt u.v.a. Aber zu diesem kurzen Song von Nick Drake habe ich eine besondere Beziehung. Weil es nämlich das einzige Lied überhaupt ist, dessen Text ich auswendig kann. Damals Anfang 1980 als ich es das erste Mal gehört habe, konnte ich nicht anders als die paar Verse aufsaugen weil sie in dem Moment für mich eine tiefe Wahrheit über Nick Drake’s und mein eigenes Leben ausgedrückt haben und weil ich Angst hatte, sie zu verlieren. Wobei ich heute Nick Drake nach all dem was ich in der Zwischenzeit über ihn gelesen habe, nachträglich nicht mehr so wirklich abnehme, dass er den Weg zu den Sternen verschmäht hätte, wenn er den Erfolg denn gehabt hätte. Er ist seinen Weg gegangen, der leider eine Sackgasse war. Was mich heute etwas verstört an dem Text ist dieser Absolutheitsanspruch gekoppelt mit dem sich bequem machen in einer resignativen Haltung, die aber gleichzeitig sehr selbstgerecht ist. Und wenn ich mal ehrlich sein soll, dann war ich eigentlich nie so ein großer Mondfan, die Sonne und der Süden haben mich schon immer viel mehr angezogen. Inzwischen ist es jetzt allerdings wieder anders. Im Sommer auf dem Jakobsweg suche ich wie die Einheimischen den köstlichen, kühlen Schatten. Aber wenn es die Sonne nicht gäbe, dann gäbe es eben auch keinen Schatten.
(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 212 Stücke ist hier.)
Get a message out to Mom and Dad,
„Everything is alright.“
Eines der bekanntesten Lieder der Feelies ist so kurz, dass es nur 43 Mitbewerbertracks auf meinem iPod gibt, von denen ihm keiner auch nur entfernt das Wasser reichen kann. Der flotte Song, der eigentlich fast ein Instrumental ist, gesungen wird außer dem Titel kaum etwas, ist von der ersten Platte Crazy Rhythms, die sich durch einen sehr klaren, luftigen, direkten Gitarrensound auszeichnete, der dadurch erreicht wurde, dass man die Gitarren direkt ans Mischpult angeschlossen hat ohne Verstärker oder Mikrofone zu benutzen. Sehr auffällig ist hier natürlich auch der dichte Rhythmusteppich aus diversen Schlaginstrumenten, der den Song unterfüttert und nach vorne treibt. Der Titel dieses Stücks gibt mir Rätsel auf. Da fällt mir die Tonleiter Do-Re-Mi-Fa-So-La-Si ein, da heißt es allerdings Fa-So-La, vielleicht haben die Feelies ja im Musikunterricht nicht richtig hingehört. An dem Bandnamen ist interessant, dass er wohl – wie auch der der Doors – auf Aldous Huxley zurückgeht. Ein Feelie war in Brave New World eine Fortentwicklung des Films, die außer Auge und Ohr auch den Tastsinn ansprach.
(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 211 Stücke ist hier.)
Hab ich jetzt schon auf Facebook geshared, muss natürlich auch ins Blog:
War gestern beim gutbesuchten NoonSong in der Kirche am Hohenzollernplatz in Berlin-Wilmersdorf. Da gibt es jeden Samstag
mittag eine ca. einstündige Gesangsdarbietung des Vokalensembles
sirventes Berlin (seh gerade, die sind sogar auf Facebook und werden
jetzt gleich von mir geliked), das gestern Werke von Orlando di Lasso
(mein Favorit…, läuft gerade auf der Website), Mendelssohn-Bartholdy,
Palestrina, Stobäus etc. gesungen hat. Dazu gibt es dann noch ein ganz bisschen Liturgie (einen Psalm, eine Mini-Predigt, das Vaterunser). Die eine Stunde Besinnung hat mir gestern sehr gut getan, vor allem die Kirchengesänge aus der Renaissance haben Ruhe und Kraft gespendet. Den Noonsong gibt es seit über anderthalb Jahren und das komplette Archiv aller Werke kann auf der Website in mp3-Form in guter Qualität runtergeladen werden, wenn man sich mit Namen und email registriert.
Und zwar denke ich da jetzt gerade an Heribert Prantl von der Süddeutschen, die ich eigentlich mag, wie er sich gerade im Presseclub echauffiert hat über die neuen Hartz IV-Regelsätze. Er sagt doch tatsächlich, dass man erst die neuen Sätze berechnen sollte und zwar natürlich so, dass da ein fettes Plus hinten rauskommt und dann gucken soll, ob das überhaupt im Budget drin ist. Also sozusagen the American way, erst die Knete mit der Kreditkarte auf Pump ausgeben und dann am Ende jammern, wenn das Finanzsystem zusammengebrochen ist. Und dann drischt der noch minutenlang völlig nichtssagende soziale Phrasen. Der ist noch nicht angekommen im heute, der lebt noch in der Zeit der sozialliberalen Koalition. Ein Traumtänzer wie er im Buche steht. Alle anderen in der Runde, besonders die Dame von der Zeit, waren übrigens durchaus vernünftig.
Das könnte vielleicht eine neue Reihe hier werden, bei Facebook fehlt er mir schmerzlich der „Gefällt mir Nicht“-Button, denn mir gefällt jeden Tag mindestens eine Sache überhaupt nicht. Bin halt ein Nieselpriem.
Gestern hat mir überhaupt nicht der Film Bal – Honig gefallen, der die diesjährige Berlinale gewonnen hat. Eine nahezu völlig handlungslose Aneinanderreihung von film stills, die abwechselnd den Wald und die Natur in der Nordosttürkei und ein Jungengesicht abbilden. Das Zweitbeste an dem Film war, dass nach knapp anderthalb Stunden endlich mal was passiert ist und der Vater beim Honigsammeln vom Baum gekracht ist – oh Mist, jetzt habe ich auch noch den Plot gespoilt – das wahre Highlight war vielmehr, dass der Typ zwei Reihen vor mir in dem Moment aus seinem Schlummer erwacht und zusammengeschreckt ist und uns alle, die wir auch im Halbschlaf dahindämmerten zurück in die Wirklichkeit geholt hat. Danke, lieber unbekannter Filmgänger. Ansonsten gefällt mir natürlich in dem Zusammenhang auch überhaupt nicht, was die deutsche Filmkritik zu diesem Film geschrieben hat, nämlich nur Elogen (wahrscheinlich war der Kinosaal auch deshalb verdammt gut gefüllt). Bei denen scheint Gruppenzwang zu herrschen, ich seh das jetzt mal positiv, mit dem Lesen von Filmkritiken braucht man auch nicht mehr seine kostbare Lebenszeit zu verschwenden. Der Einzige, der ihn nicht ganz so toll fand, war ein Schreiberling von der FAZ. Und die von mir geschätzte Zeit-Kritikerin hat sich wohl nicht zu dem Film geäußert.
P.S. Ein großes Vorbild ist in diesem Kontext natürlich Tanya Headon’s großartige Kolumne I Hate Music, die damals auf Tom Ewing’s Webzine Freaky Trigger erschien, übrigens der Tom Ewing, der auch der Vater des Musikforums I Love Music ist. Liebe und Hass sozusagen als zwei Seiten einer Medaille. In beiden Fällen hat man ein starkes Gefühl in Bezug auf etwas. Heiß oder kalt, Hauptsache nicht lau.
Shoot them in the back now
What they want, I don’t know
Zu Silvester 1977 waren die Ramones im Rainbow Theatre in London und haben ihre Show mit ihrem bekanntesten Song Blitzkrieg Bop eröffnet. Dieses Konzert wurde dann später für das Album It’s Alive ausgewählt. Wie man in dem Video sieht, das in zehn Minuten außerdem noch vier andere Songs featured, haben die Band und das Publikum gut abgerockt. Die Ramones habe ich lange überhaupt nicht wahrgenommen, aber ihre Mischung aus Melodie, Speed und Lärm, die unwahrscheinliche Fusion von Surfmusik à la Beach Boys mit Hard Rock á la MC5 und den Stooges hat schon ihren Reiz. Ich habe weiterhin Schwierigkeiten sie als eine der ersten Punkbands anzuerkennen weil Punk für mich irgendwie eine sehr britische Sache war mit viel working class Bewußtsein und die Ramones mehr etwas von einer Spaßband haben. Wie ich gerade sehe, gibt es in Berlin-Mitte das einzige Ramonesmuseum. In New York und in den Staaten generell hat sich kaum eine Sau für sie interessiert und hier werden sie im Museum verewigt. Auch wieder mal typisch.
(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 210 Stücke ist hier.)
Diese Bachsche Lautensuite im französischen Stil hatten wir in der gleichen Interpretation für Gitarre schon vor einigen Tagen; da war es der Schlussteil gewesen, der flotte Giguetanz, jetzt ist es die getragene Sarabande, ein höfischer Tanz aus der Barockzeit. Wieso schon wieder Bach? Na ja, zum einen kann es in einer Sammlung von Lieblingsmusik per definitionem nicht zuviel Bach geben, zum andern ist das hier ein wunderbares ruhiges Instrumentalstück zum Atem holen und ins Wochenende hinein chillen. Was mich hier wirklich völlig umhaut, ist die unglaubliche Langsamkeit der Musik, die geradezu paradox erscheint. Wie kann ein so kurzes Musikstück sich so viel Zeit nehmen, wie gehen so lange Pausen eigentlich in knapp über zwei Minuten rein? Das ist ein Wunder und im Grunde völlig unmöglich. Das kann nur Johann Sebastian.
P.S. Zu dem zeitlupenhaften Tempo würde übrigens ganz gut passen, dass die Sarabande wohl von einem andalusischen Fruchtbarkeitstanz herstammt. Ich muss jetzt unbedingt noch zwei Assoziationen in diesem leicht chaotischen Blogeintrag unterbringen. Zum einen strahlt die Musik für mich eine sehr starke Würde aus, zum andern finde ich, dass sie etwas von einem Understatement hat, da steckt so viel Meisterschaft drin, aber sie wird nicht ostentativ nach außen getragen.
(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 209 Stücke ist hier.)
In Berlin verfestigt sich zunehnmend der Eindruck, dass die Einheimischen sehr inzestuös unterwegs sind. Kontakte knüpfen ist eine echte Herausforderung. Schade. By the way, kommentieren ist nicht ausgegraut.
I am well attached
but I am unwed
I got stopped by a cop
‚cause I sped.
Es gibt verschiedene Möglichkeiten, sich zu erden. Man kann 600 Kilometer auf dem Jakobsweg gehen, aufs brandenburgische Land zu den Pferden und Hunden hinziehen oder sich einen Song von Giant Sand anhören. Die letzte Methode ist natürlich für den Großstädter die einfachste, das geht sogar in der U-Bahn. Der ganz große Erfolg ist Howe Gelb versagt geblieben, seine ehemaligen, jüngeren Bandkollegen Joey Burns und John Convertino, die später Calexico ohne Howe gegründet haben, haben ihn auf der Popularitätskurve ganz locker links überholt – das Szenario kenn ich doch von irgendwoher – aber ich glaube, Howe nimmt seinen Geheimtippstatus, den er seit über 25 Jahren erfolgreich verteidigt, mit Ruhe und Gelassenheit. Wir haben ihn zuletzt vor etwa einem Jahr in einem randvollen Klub in einem Rödelheimer Gewerbeviertel gesehen, der höchstens dreimal so groß wie unser Wohnzimmer war. Er war gut in Form wie eigentlich bei jedem Konzert von ihm, das ich besucht habe. Das ausgewählte Lied rumpelt herrlich irgendwo zwischen Country, Bluegrass und Indie Rock, es ist im besten Sinne down to earth.
(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 207 Stücke ist hier.)
Die Unaufrichtigkeit vieler führender Politiker in der Debatte um Sarrazin bringt Bettina Röhl – das journalistische Talent zum Zuspitzen hat sie wohl von beiden Elternteilen geerbt – gut auf den Punkt, indem sie darauf hinweist, dass Sarrazins Geburtsprämie für Akademiker unter dem Namen Elterngeld von einer großen Koalition – u.a. auch mit einem Minister Gabriel – vor einigen Jahren ja bereits beschlossen wurde:
I thought that if you had
an acoustic guitar
then it meant that you were
a protest singer
Ich weiß nicht, ob hier noch irgendjemand liest, was ich über die Smiths zu sagen habe, aber egal. Jetzt ist das Dutzend jedenfalls voll und ich glaube, dass es eventuell dabei bleiben könnte. Am Sonntag abend im ICE-Sprinter von Frankfurt nach Berlin stand ich ca. zehn vor zehn auf dem Gang und war zum Ausstieg am neuen Hbf bereit, da sprang mein iPod zu diesem Lied und ich konnte nicht anders als in mich hinein- und herauslächeln, keine Ahnung, ob es die Mitreisenden gemerkt haben. Mit 2 Minuten 9 hatte ich bis dahin wirklich nur mittelmäßige Lieder gehört, dieses hier war so unglaublich viel mehr im Hier und Jetzt wie die anderen, dass es weh tat. Vom Tempo her unglaublich schnell für die Smiths, das klassische R&B-Riff hat Marr wohl zuerst in 19th Nervous Breakdown von den Stones gehört, wurde aber auch von Bo Diddley und Chuck Berry verwendet. Der Titel kommt von einem feministischen Text von Virginia Woolf, wo sie sich eine Schwester von Shakespeare vorstellt, die aber selbst, wenn sie literarisch ebenso begabt gewesen wäre wie ihr Bruder, wegen der bildungsmäßigen Benachteiligung der Frauen in der damaligen Zeit niemals den Durchbruch geschafft hätte. Morrissey macht daraus eine Person, die magisch von den Klippen angezogen wird und sich dazu zwingen muss, nicht runter zu springen – Virginia Woolf hat sich ertränkt – um ihre große Liebe zu treffen. Dieses Aufsaugen diverser literarischer und musikalischer Einflüsse und das Verschmelzen zu etwas einzigartig Neuem hat das Genie der Smiths ausgemacht. Sicher spielt für meine besondere Beziehung zu dieser Band auch eine große Rolle, dass ich sie für mich selbst entdeckt habe und abends in den Discos darum betteln musste, dass sie dort etwas von ihnen auflegten. Ich glaube in den kompletten Achtzigern habe ich kein einziges Lied der Smiths im Radio gehört (p.s. kann eigentlich nicht sein, ich erinner mich jetzt an eine Sendung über und mit Morrissey im Österreichischen Rundfunk). Für mich war damals sofort klar, dass diese Band die Beatles meiner Generation waren, nur viel viel besser weil jünger und dynamischer und smarter und weil sie die besseren Melodien hatten.
(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 206 Stücke ist hier.)
Dass man zu der Mucke von den Smiths auch tanzen kann, stellen die beiden Bandleader hier unter Beweis. Zum Ende ihres längsten Songs, dem knapp siebenminütigen Barbarism Begins at Home mit dem Killerbassriff, hängt Johnny die Gitarre ab und kann Steven’s Avancen nicht mehr widerstehen. Zuerst gesehen beim emsigen Vinyl Villain, meinem derzeitigen Lieblingsmusikblog.
How can you stay with a fat girl who’ll say:
„Would you like to marry me
and if you like you can buy the ring“
she doesn’t care about anything
Da hatte ich jetzt gedacht das Smiths-Kapitel in diesem Projekt wäre mit Panic und insgesamt zehn Liedern abgeschlossen, aber dann kommt doch noch ein weiterer Popdiamant aus der Feder von Marr & Morrissey auf meinem iPod. Im Juni 1984 hat Johnny Marr die Musik hierzu bei sich zuhause komponiert. Heute morgen habe ich überlegt, was ich damals gemacht habe, ich war wohl mit dem Fahrrad in Kappadokien unterwegs in Richtung Indien, ein Trip, der dann aber bald aus verschiedenen Gründen von mir abgebrochen wurde. Den Song habe ich erst ein paar Jahre später auf der wundervollen Singles- und B-Seiten-Kompilation Hatful of Hollow gehört. Es geht hier um den Rat eines Mannes an einen Geschlechtsgenossen, sie doch nicht zu heiraten, da das ja totale Zeitverschwendung wäre. Daher auch der Titel, William, da war doch eigentlich gar nichts. Das wird in dem obigen Zitat auf die Spitze getrieben, wo die Heirat mit einer fetten Frau, die gerne einen fetten Ring von ihrem Ehemann in spe hätte, verglichen wird. Die Musik ist eher unbekümmert und setzt einen Kontrapunkt zu diesem maliziösen, politisch nicht 100% korrekten, Text. Marr lässt hier seine Gitarre janglen (klirren, läuten, klingeln), dass es eine wahre Freude ist.
(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 205 Stücke ist hier.)
Jetzt also doch die Gould-, ach nee sorry, Goldberg-Variationen. Natürlich in der flinken Aufnahme von 1955, in der die Variatio 13 ganze 27 Sekunden kürzer als in der späteren 1982er Session ist. Wieder ein Beispiel dafür, dass Bach auf anderen Instrumenten als der Orgel – für mein dilettantisches Ohr jedenfalls – oft besser klingt. Wie Glenn Gould hier über die schwarzen und weißen Tasten seines Steinway mit seinen zehn Fingern huscht, ohne dass man das Gefühl bekommt, sein Spiel wäre oberflächlich, ist schon beeindruckend. Besonders gefällt mir wie lichtdurchflutet und luzide diese Variation ist. Sie strahlt von innen heraus und reinigt den Geist, man meint klarer zu sehen, wenn man sie gehört hat, so geht es mir zumindest.
(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 204 Stücke ist hier.)
Salutations distinguées
De petit serpent katangais
Ein weiteres – ich will immer weiterer schreiben – Chanson von L’Homme á tête de chou. Marilou, die im Frisörsalon als Haarwäscherin arbeitet, tanzt Reggae und ihre anmutigen Bewegungen lassen anzügliche Gedanken im Erzähler/Sänger aufkommen. Dies war Gainsbourg’s erster Reggae, von der Instrumentation ein bisschen cheap – die Keyboards hören sich etwas nach Heimorgel an – man könnte auch sagen minimalistisch, aber mich spricht er an. Und das ist ja erst der Beginn der Geschichte, da kommt ja noch mehr.
(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 203 Stücke ist hier.)
Eigentlich hätte hier der Garagenbluesrocker Psycho Daisies von The Henchmen feat. Jack White stehen sollen, wahrscheinlich der einzige Overlap dieses Projekts mit John Peel’s famöser Record Box, aber leider habe ich die mp3 heute morgen nicht auf den 256 mb usb stick kopiert (weil ich nicht erwartet habe, dass ich sie auswählen würde). Na ja dieses Instrumental am Anfang von Seventeen Seconds ist mindestens genauso gut oder besser. Weil es nämlich das gesamte phantastische Album in nuce darstellt. Bei diesen paar Takten höre ich Play for Today, A Forest und M vor meinem geistigen Ohr. Darüber muss man mal ein Buch oder zumindest einen Blogpost schreiben. Denn das ist für die Musik wie Prousts Madeleines für die Literatur; man hört nur einen winzigen Ausschnitt und ein gesamtes Meisterwerk, ein sagenhafter Trip in die Düsternis eröffnet sich in Gänze vor einem. Schon ziemlich erstaunlich.
(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 202 Stücke ist hier.)
When you think the night has seen your mind
That inside you’re twisted and unkind
Let me stand to show that you are blind
Please put down your hands
‚Cause I see you
I find it hard to believe you don’t know
The beauty you are
Lou hat dieses Lied für Nico geschrieben, angeblich hat sie nach einem früheren Konzert zu ihm gesagt, sie sei sein Spiegel. Das würde dann bedeuten, dass Lou Nico singen lässt wie schön er ist. Das ist schon etwas strange, wenn sie den Text geschrieben hätte, wär das ja ok, aber so macht sich – der nicht so wahnsinnig ansehnliche – Lou selbst Komplimente durch den Mund einer schönen Frau. Interessant ist auch die Geschichte der Aufnahme. Nico sollte das Lied einfühlsam und sanft singen, ihre Stimme war allerdings aggressiv und schrill. Die Band ließ sie das Lied so oft wiederholen bis sie in Tränen ausbrach. Danach sang sie die definitive Version wie ein Schmusekätzchen. Es stimmt, das hier ist einer der ganz wenigen Songs, wo Nicos Stimme nicht nervt, nicht so kalt und kantig ist. Ich dachte, ich hätte irgendwo gelesen das wäre Andy Warhol’s Lieblingslied der Velvets, bei Wikipedia steht jetzt es wäre Lou’s Favorit. Egal, es ist auf jeden Fall auch ein sehr schönes Schlaflied.
(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 201 Stücke ist hier.)
You tell me it’s the institution
Well, you know
You better free your mind instead
Ganz schwere Wahl heute abend, kein Lied hat mich angesprungen, viel Gutes – das mir etwas zu bubblegumeske Blitzkrieg Bop, die mir etwas zu lahme Aria da Capo am Ende der Gouldschen Goldberg Variationen, Joni Mitchell’s People’s Parties, das mit dem Folgelied Same Situation untrennbar verbunden ist – aber nichts wirklich Herausragendes. Mit den Beatles kann man so falsch nicht liegen, vor allem nicht mit einem für sie nicht sehr typischen Song, der an der Grenze zu dem was man damals Hard-rock nannte, ist. Ich finde diesen verkürzten Remix für die posthume Kompilation Love sehr gut gelungen. Der bluesige, dreckige Garagensound der Gitarren hat es mir vor allem angetan. Da steckt eine Menge Power drin und die kann ich gerade sehr gut gebrauchen.
(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 200 Stücke ist hier.)
You’re so pretty the way you are.
And you had no reason to be so insolent to me.
Ich muss gestehen, ich habe das erste Album der Cranberries, das Folk, Indie und Pop ziemlich gekonnt verschmolz, damals geliebt, es erinnerte etwas an die Sundays, war nur irgendwie besser, insbesondere die Stimme von Dolores O’Riordan hat mich ziemlich umgehauen, sie hatte etwas von einer Unschuld vom Lande. Die Lyrics von dem heutigen Song sind ziemlich beliebig, aber das habe ich damals nicht gehört. Später als die Band dann richtig Erfolg hatte, kam Dolores immer zickiger rüber und die überproduzierte Musik wurde dann ebenfalls schnell beliebig. Pretty allerdings klingt auch heute noch frisch und unverbraucht.
(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 199 Stücke ist hier.)
Don’t get me wrong, he’s a nice guy, I like him just fine
But he is a mouth breather
Das war knapp, Coldplay’s Schmonzette Don’t Panic hatte meine waidwunde Seele fast umgarnt, aber dann bin ich doch noch zur Vernunft gekommen und habe mich für Hardcore statt Schmalz entschieden.
Etwas off-topic, aber nicht wirklich: Kennt jemand einen streamenden Audioplayer, der auch mit Safari funktioniert? Der Obige mit shock wave flash von Adobe offenbar nicht, jedenfalls kam auf dem iPhone vorhin eine Google-Anzeige statt des Players.
(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 198 Stücke ist hier.)
In den düsteren Zeiten während der zweiten Hälfte meines Studiums – meine Freundin hatte mich verlassen, ich versumpfte zunehmend, das Diplom schien unerreichbar wie die Eigernordwand – habe ich die therapeutische und zwar insbesondere beruhigende und tröstende Wirkung von auf der klassischen Gitarre gespielter Barockmusik erfahren. Eine der CDs, die ich damals günstig bei Zweitausendeins in der Türkenstraße hinter der LMU in München erstand, beinhaltete u.a. Lautensuiten von Bach sowie von Silvio Leopold Weiss. Diese CD hörte ich rauf und runter, meist auf repeat, wenn ich schlecht drauf war oder mich beim Studieren konzentrieren musste. Was mir an diesem kurzen letzten Teil der Bachschen Suite besonders gefällt, ist der warme, helle Klang der Gitarre. Bei Bach assoziere ich ja eher Erhabenheit, Seriösität, Schwere und manchmal sogar Dunkelheit – liegt vielleicht auch an dem für mich typischen bachschen Instrument, der Orgel und dem Ort, wo er ausgiebig gespielt wird, der Kirche – aber hier schafft es der uruguayanische Gitarrist, Licht und Leichtigkeit in die Musik zu bringen, sie quasi zu latinifizieren. Das fließt und perlt so anmutig dahin, dass es eine wahre Freude ist.
(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 197 Stücke ist hier.)
Don’t ask me what I’ve done ‚cause I would lie
Just make room in your mansion in the sky
BJM’s Leadsänger Anton Newcombe, der inzwischen in Berlin wohnt, ist ein Eklektiker wie er im Buche steht. Die psychedelische Musik seiner Band, die ursprünglich aus San Francisco stammt, ist stark beeinflusst von den großen Gitarrenbands der Sechziger wie Velvet Underground, den Rolling Stones, den Beatles und den Byrds. Hier singt Anton eine melodische, countryeske Ballade mit Gebetscharakter, in der er um Vergebung seiner schlimmen Sünden bittet und gleichzeitig einen Platz in Jesus‘ Villa im Himmel beansprucht. Etwas größenwahnsinnig, aber zumindest ist die Selbsterkenntnis da, dass er auf die Frage, was er getan hat, sowieso nur lügen würde. Klassischer Stoff aus einem Junkiehirn, wie mir scheint. Die Musik allerdings kommt doch eher zurückhaltend und demütig daher, also wenn ich G… wäre, dann würde ich mir zumindest das Lied bis zu Ende anhören.
(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 196 Stücke ist hier.)
Was ist da momentan eigentlich mit dem Ford Mustang los? Ich kriege seit ca. einer Woche jeden Tag zwischen 50 und 150 Suchanfragen diesbezüglich, die dann alle bei dem Chanson von Gainsbourg aufschlagen. Ich weiß weder welche Suchmaschine das ist (Gugel jedenfalls nicht) noch wieso Ford Mustang jetzt gerade in sein sollte. Hat einer meiner werten Leser eine Ahnung?
Drink up, baby, stay up all night
The things you could do, you won’t but you might
The potential you’ll be that you’ll never see
The promises you’ll only make
Shit, vorhin als ich den Liedtitel vor mich hingedacht habe, habe ich mich noch gefragt, ob Elliott Smith die bars wie in Gefängnisstäbe oder wie in Kneipen gemeint hat, aber eigentlich war es ja von Anfang an klar. Auch hier geht es wie in so vielen seiner Songs mal wieder um Drogen, um König Alkohol, um genauer zu sein. Und was er mit einem macht bzw. was er einen nicht machen lässt. Wie man sich von ihm einlullen lässt und ihn für einen guten Freund hält. Obwohl er einem doch gerade das Leben wegnimmt und den Schein an seine Stelle setzt, wenn man nicht aufpasst. Ich widme diesen Post einem, dem ich schon mal einen Eintrag gewidmet habe. Soviel kann ich sagen, er hat sich aufgerappelt aus dem Straßengraben und ist wieder auf dem Weg. Und ich nun auch und zwar ins Bett, dieser ruhige, von Elliott Smith’s sanfter Stimme vorgetragene Song eignet sich nämlich auch phantastisch als Wiegenlied. Nach dem Lauf gestern habe ich jetzt ganz fürchterliche Schmerzen im linken Knie. Wäre ich es doch mal etwas langsamer angegangen, aber die Menge hat mich irgendwie mitgerissen und ich wollte natürlich auch nicht letzter von unserem Team werden. Immer dieser verdammichte falsche Ehrgeiz.
(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 194 Stücke ist hier.)
Noch ein Lied, das Kurt Cobain in dem MTV Unplugged Konzert von 1993 mit den Kirkwood-Brüdern gespielt hat. Hier ist das Original. Ich komme vom Firmenlauf und bin etwas groggy, so dass ich nicht viele Worte verlieren werde. Was es genau mit der Hochebene auf sich hat, weiß ich nicht, ob sie was mit der Wüste in Arizona zu tun hat? Oder mit dem Ort, wo man hinkommt, wenn man gewisse Pilze zu sich nimmt? Das ist alles völlig zweitrangig. Das Ende dieses Liedes gibt mir wirklich einen Kick, da geht die Sonne auf und es öffnet sich der Blick auf die Hochebene. Und er ist verdammt schön. So schön, dass man danach eigentlich nichts mehr zu sehen braucht. In other news nagen die Zweifel an mir. Von Tag zu Tag frage ich mich mehr und mehr, was ich hier eigentlich treibe. Und für wen. Kann mir das einer sagen, ohne einen I like it-Button zu benutzen?
(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 193 Stücke ist hier.)
Nicht nur wegen dieser Tagline (oder wie man sowas nennt), die mir aber sowas von aus tiefstem Herzen spricht, ist das Musikblog Zu Zeiten empfehlenswert. Werner Ahrensfeld, der ehemals für die Spex geschrieben hat, bespricht dort kompetent jede Menge Musik, die ihm gerade so unter die Ohren kommt. Von Captain Beefheart über Spaceman 3 bis zu Sufjan Stevens. Von Reggae über Post-Punk bis zu Prog-Rock. Da ist für jeden was dabei. Außerdem hat er viel Humor und hat was zu erzählen. Ist selten heutzutage, also klickt mal rüber, wenn ihr neugierig geworden seid.
Couples must fight, couples must argue
from time to time, must clear the air
when all is calm, that’s when it’s hard to
Jonathan Richman’s Musik kenne ich kaum, aber fast alles, was ich von ihm gehört habe, habe ich gemocht. Er hat so eine natürlich-direkte Art, die irgendwie auch typisch amerikanisch ist, der ich nicht widerstehen kann. Insbesondere die Liveaufnahmen haben es mir angetan, da er auf der Bühne sein Charisma voll rüberbringen kann. Understatement ist eine seiner Qualitäten, es hört sich oft roh und manchmal auch etwas unbeholfen an, was er und seine Band – früher waren das mal die Modern Lovers – da so treiben, aber sein Naturburschencharme wiegt etwaige Schwächen zigfach auf. Indie und LoFi wären ohne ihn gar nicht vorstellbar, ich glaube er gehörte zu denen, die in den Sechzigern bei den Velvet Underground Konzerten dabei waren und die dann fast alle eine Band gegründet haben. In diesem Song sticht der Gitarrenklang hervor, die Spielart erinnert mich etwas an Flamenco bzw. spanische Volksmusik.
(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 192 Stücke ist hier.)
Und jetzt kommen wir mal wieder zu einer der wirklich essentiellen Fragen des Lebens. Es geht um den Songindex, der alle Lieder auflistet, die ich im Rahmen meines diesjährigen Projekts a day a second bis jetzt ausgewählt und besprochen habe.
Wieso ich das frage? Weil es etwas Arbeit machen würde und ich faul bin und ich meine geliebten Leser nicht einfach so vor vollendete Tatsachen stellen will.
Wo die beiden schottischen Brüder, die sich nach dem für Naturdokumentarfilme bekannten National Film Board of Canada genannt haben, versuchen, die sieben Farben des Regenbogens, nämlich: Red, Orange, Yellow, Green, Blue, Indigo und Violet in elektronische Musik mit analogem Equipment umzusetzen. Ich würde sagen, es ist ihnen gelungen. Es fängt etwas bedrohlich an mit der düsteren Orgel und den harten Keyboards, dazu kommen dann schleppende Maschinenbeats, sphärische Synthieklänge, das Sample einer einsilbigen Kinderstimme (ich höre „lake“) und ein paar elektronische Effekte, die üblichen Ingredienzen eines Boards of Canada Tracks halt. Was zum Wegträumen und genau das werde ich jetzt auch machen. Good night, world.
(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 191 Stücke ist hier.)
Eine schwere Geburt war das heute, das abgedrehte Everybody’s Got Something to Hide Except Me and My Monkey der Beatles hätte diesem Gitarreninstrumental des Vaters des Fingerpicking fast die Show gestohlen. Wie der Titel schon andeutet, handelt es sich – passend zum heutigen Tag – um ein Kirchenlied, das John Fahey auf seiner ersten Platte Blind Joe Death noch etwas fingerfaul interpretiert. Ich habe eine andere Version von ihm, die etwas länger ist und wo es flüssiger daherkommt. Was fasziniert mich so an diesem Stück? Ich glaube es ist die Kombination aus der simplen und doch tiefen Melodie, die immer wieder repetiert wird und dem erdigen, fast schon rostigen Klang der Gitarre. Man meint zu hören, wie sehr John Fahey mit dem Instrument kämpft, wie er ihm die wohlklingenden Töne abtrotzt.
(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 190 Stücke ist hier.)
Je vous téléphone encore, ivre mort au matin
Car aujourd’hui, c’est la Saint Valentin
Et je me remémore notre nuit très bien
Comme un crabe déjà mort
Tu t’ouvrais entre mes mains
Ceci est mon voeu, ceci est ma prière
Je te la fais, les deux genoux à terre
1991 starb Gainsbourg, vier Jahre später kam eine Platte eines nicht mehr ganz jungen (er war 31) Bretonen raus, sie hieß Boire und auf dem Cover hatte er eine Fluppe im Maul. Der Mann kam aus Brest und hieß Christophe Miossec, vor der Musik hatte er in den Medien gejobbt. Das erste Lied auf der schwungvollen Scheibe war Non Non Non Non und ich empfand es wie eine frische von der Atlantikküste wehende Brise mit leichtem Salzgeschmack. Natürlich ging es ums Saufen und um den Sex und die Dinge, die einem wichtig sind, wenn man meint, jung zu sein. Nach Miossec kam dann leider keiner mehr. Nein. Nein. Nein.
(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 188 Stücke ist hier.)