In der Wiese zirpt
am Wegrand eine Grille
Der Sommer gemacht
[Bei Schönholz, s.a.]
Nach einer sehr schlechten Nacht nehmen wir unser selbstgebasteltes Frühstück in der Küche ein. Ich futtere nach einem Mango-Smoothie ein Börek, ein Croissant, ein pain au chocolat und ein halbes Pfund sehr trockenen Quark mit einer Birne. Dazu schwarzen Tee.
Heute sind meine Füße und Beine bleischwer, die Knie eingerostet, die Waden steinhart. Die anstrengende Etappe vom Vortag zusammen mit der schlechten Nacht und evtl. dem Rotwein haben ihren Tribut gefordert. Unsere heutige Etappe ist sehr naturnah und sicherlich eine der schönsten und idylischsten des ganzen Weges.
Wir gehen durch den gut 1000 Einwohner – die Zahl steigt – zählenden Ort, der durch die Anbindung ans Netz der deutschen Bahn interessant für Berlinpendler ist und kommen an der geschlossenen Kirche und einem historischen Haus mit Stuckverzierungen vorbei.


Heute ist es wieder etwas wärmer geworden, die Sonne brennt runter auf unsere mit den Fischerhüten gut geschützten Köpfe. Kurz vor Schönholz höre ich sprudelnde Töne in der Luft. Es ist eine Heidelerche. Im Ort machen wir kurz Rast am Löschteich im Baumschatten.

Wir wählen nun die südliche Variante des Weges durch das sumpfige Gebiet des Nonnenfließes, wo es von Mücken wimmelt. Zudem gibt es hier viele Brennnesseln am teilweise leicht zugewachsenen Pfad. Wir sind schon wie während der ganzen Wanderung in kurzen Hosen unterwegs.

Hinter dem grünen Dickicht zeichnet sich Helmschrots verwunschene Neue Mühle ab, die heute für Gruppenseminare gebucht werden kann. Wir wundern uns etwas, wie die schwache Fließgeschwindigkeit des Wassers hier eine Mühle angetrieben haben soll.

Wir gelangen nun in offeneres Gelände, wo wir schneller vorankommen. Über eine Rinderweide geht es nach Trampe, wo wir die Mittagspause bei Kartoffelsalat sowie Kaffee und Cola einlegen. Damit bekämpfe ich meinen gefühlten Magnesium- und Mineralstoffmangel.


Anschließend werden meine Waden auch weicher und ich habe eine Weile lang das Gefühl, es geht sich von selbst. Zudem werde ich plötzlich gesprächig – am Vormittag hatte nur H. geredet – und ich schleppe mich nicht mehr hinter ihm her.
Nachdem wir im Wald die nördliche Ecke des Gamensees – der Umweg zur Badestelle, wo wir vor 7 Monaten auf dem Oderlandweg schon mal ins Wasser gegangen sind, ist uns zu weit – streifen, kommen wir nun hinein nach Cöthen. Die Schinkelkirche ist erneut geschlossen.

Wir machen wiederum eine Rast im Gut, wo uns die junge, wiederum barfüßige, sympathische Besitzerin wiedererkennt. Es wird gerade ein Anbau gebaut, von dem aus die historische Dampfmaschine angetrieben werden soll.
Die letzten drei Kilometer durch den Wald bis nach Falkenberg kriegen wir jetzt auch noch hin. Auf der Carlsburg können wir noch den weiten Blick nach Osten Richtung Oder genießen.
Eine schöne, abwechslungsreiche Wanderung findet ihr Ende. Der erste von womöglich drei Teilen der weitläufigen Berlinumrundung auf Schusters Rappen ist geschafft. Mal sehen, wie es weitergeht. Wir fahren mit Regionalzügen über Eberswalde und Bernau zur Yorckstraße und von da mit der S-Bahn zurück nach Wilmersdorf.

Hier ist die Übersicht über die Wanderung auf dem 66 Seen Weg Ende Mai 2026.
Wir beginnen die sowohl von der Länge als auch von den Höhenmetern anspruchsvollste Etappe mit einem Frühstück im Festsaal, wo offensichtlich bald eine Feierlichkeit bevorsteht. Heute werden wir zehn Seen sehen und insgesamt 9,5 Stunden unterwegs sein. Wir sind bereits vor acht Uhr auf der Strecke.

Das Wetter ist angenehm, nicht mehr so hochsommerlich wie vor zwei Tagen, mit Temperaturen etwas über 20 Grad. Im Wegstück Richtung Stolzenhagener See hören wir immer wieder den hohen Gesang der Gartengrasmücken, die hier in den Bäumen sitzen. Am See hat jedes Grundstück einen Steg, teilweise mit Veranda und Bank, die Tore sind alle abgeschlossen.

Hinter dem noch geschlossenen Strandbad liegt direkt der Wandlitzsee, dessen Wasser sehr sauber ist und den wir unter den Augen eines Radfahrers beschwimmen. Am Ufer sehen wir einen Buntspecht, eine Elster sowie eine Amselfrau, die das Laub mit dem Schnabel durchwühlt.
Wir gehen nun die nach dem westdeutschen Kommunisten Phillipp Müller, der 1953 von der Polizei bei einer verbotenen Demo gegen die Wiederaufrüstung in Essen 1953 mit 21 Jahren erschossen wurde, benannte Uferstraße, an der einige Villen liegen, entlang. Am Chausseerand bröckelt der Asphalt ab, so dass ich ins Straucheln komme und auf die Knie falle. Glücklicherweise habe ich nur leichte Schürfungen.

In Wandlitzsee trinken wir draußen vor dem Ristorante alla Fontana, in dem wir vor zwei Tagen bereits gegessen hatten, einen der schlechtesten Cappuccinos meines Lebens und kaufen noch Obst etc. ein.
Hinter Wandlitz erreichen wir die drei heiligen Pfühle, an deren Ufer sehr viele umgestürzte Bäume liegen, die vom Biber abgesägt wurden.

Hier gehen wir ein Stück in die falsche Richtung und folgen dann für eine Weile dem Liepnitzsee mit der Großen Werder, zu der man mit einer Fähre übersetzen kann, in der Mitte. Die Endmoränen von der letzten Steinzeit sorgen heute für ein abwechslungsreiches Höhenprofil mit viel Auf und Ab.

Wir beobachten einen Reetdachdecker dabei, wie er das Reetdach eines Bistros abklopft und glattzieht.


Die Tierwelt kommt heute auch nicht zu kurz. Neben einem Mandarinentenpaar, das vor uns davonschwimmt, sehen wir später am Obersee auf einem Baumstamm im Wasser eine Wasserschildkröte, die just in dem Moment, wo ich auslöse, ins Wasser taucht und von uns danach nicht mehr gesehen wurde. Dort sind auch sehr viele Fische im Baumschatten am Ufer, das Wasser ist kristallklar und wir gönnen uns eine weitere Abkühlung.
Vorher hatten wir Ützdorf passiert und waren unter der A11, die nordwärts nach Stettin führt, durchgewandert. Außerdem treffen wir ein junges Paar mit langer, schwarzer Hose und Rucksack, die ihrem Hund überallhin folgen.

Man sieht auch hier wieder schön, was der verschiedene Baumbewuchs ausmacht. Links lichte Kiefern und relativ viel Bodenbewuchs, rechts Fichten und durch den Schatten weniger Vegetation am Boden.




Nun geht es ein langes Stück am Hellsee lang. Anschließend durch den Wald an mehreren Fließen vorbei nach Biesenthal. Man muss hier in Bewegung bleiben, sonst stürzen sich sofort Schwärme von Mücken auf einen. Wir sind ein einfaches Ziel mit unseren kurzen Hosen, wehren uns aber wacker mit Mückenspray.


In Biesenthal kaufen wir Salat und Rotwein für heute Abend, sowie unser Frühstück für morgen.

Die letzten 4 km nach Melchow erst an der Straße, dann an einem Getreidefeld mit singenden Feldlerchen über uns entlang, schaffen wir auch noch. Etwas erschöpft und verschwitzt kommen wir im Begegnungszentrum an, wo der Schlüssel im Safe hinterlegt ist und wir den Abend mit Spaghetti in Tomatensauce, gemischtem Salat und einer Flasche Corbières ausklingen lassen. Um 10 fallen wir ins Bett.
Hier ist die Übersicht über die Wanderung auf dem 66 Seen Weg Ende Mai 2026.
Gestern war unser Ruhetag. Ich schlafe nach der anstrengenden Vortagsetappe wie ein Murmeltier. H. hat die ganze Nacht Wasser getrunken und sein Dehydrierungsproblem gelöst.
Wir frühstücken im Herrenzimmer fürstlich mit Spiegelei etc. Ich werde heute viel Zeit mit meinem Laptop in dem besagten Zimmer verbringen, da ich noch etwas fertigstellen muss. Ohne Maus und mit kleinem Bildschirm dauert alles doppelt so lange.
Draußen an der Wand eines Lagergebäudes steht ein Spruch, der mich zum Nachdenken anregt. Er scheint symptomatisch für die Seelenlage der Ostdeutschen zu stehen. Für ihre Widerborstigkeit gegen den Staat – egal ob DDR oder BRD – ihr Zusammengehörigkeitsgefühl und ihren Freiheitswillen. Ironischerweise angeblich geschrieben vom Verfasser des Deutschlandliedes, das er auf Helgoland schrieb. Wobei dieser Spruch nirgendwo in seinen Werken aufzutauchen scheint.

Mittags gehen wir bei schönstem Sonnenschein – die Temperaturen haben sich heute auf etwas über 20 Grad abgekühlt – hinüber zur natürlich geschlossenen Feldsteinkirche. Auf der anderen Straßenseite ein ebenfalls geschlossener Imbiss bzw. Partyservice, das Schlemmerkörbchen.


Beim Bäcker nehmen wir im familiären Ambiente des Hinterzimmers eine Soljanka sowie Kaffee und sehr leckeren Kirschkäsekuchen zu uns. Der Laden läuft gut.
Unser Hotel strahlt im Sonnenschein. Es ist mit dem Haus Oranienburg verbunden, war früher ein Gutshof und stammt aus der kurfürstlichen Zeit. Heute wird es gerne für Hochzeiten und Events wie Spätfrühstücke – also Brunche – genutzt.

Abends nehmen wir den Bus nach Osten in Richtung Rahmer See, wo in 5 km Entfernung das nächste Restaurant ist. Es gibt dort solide deutsche Küche, von den 24 Schnitzeln wähle ich die Romavariante mit Tomaten und überbackenem Feta. Absolut empfehlenswert.
Auf dem Rückweg werfen wir noch einen Blick in den öffentlichen Bücherschrank in einer Ex-Telefonzelle an der Bushaltestelle. H. kann Thor Heyerdahls Buch über seine Fahrt mit einem Schiff aus Papyrus von Marokko über den Atlantik nach Barbados nicht widerstehen, ich finde ein schmales Lexikon über Weinirrtümer.
Hier ist die Übersicht über die Wanderung auf dem 66 Seen Weg Ende Mai 2026.
Sich den ganzen Tag
Mit fast jedem Schritt quälen
Und doch fortfahren
Nach einer Nacht, in der sich mein Körper den nötigen Schlaf holt, frühstücken wir gleichzeitig mit der am Vorabend eingetroffenen Busladung Schweden. Wir setzen uns nach draußen in den Innenhof, um Ruhe zu haben. Das Frühstücksbüffet ist reichlich.
Der Vietnamese gestern Abend muss Zusatzstoffe wie Maltodextrin ins Bami Goreng gemischt haben, ich habe schon morgens durchsichtige flotte Lotte.
Im Drogeriemarkt um die Ecke besorge ich mir Mückenspray, Sonnencreme und Ureafußcreme. Anschließend noch ein Bulettenbrötchen beim Bäcker.
Heute steht die bisher härteste Etappe auf dem Programm. 25 Km bei Temperaturen bis 27 Grad. Allerdings haben wir meistens Schatten. Der Wasserbedarf ist trotzdem enorm. Am Nachmittag spüre ich, wie sich mein Kopf im Briesetal stark erhitzt.
Gleich beim Hinausgehen an der Ausfallstraße, die nicht für Fußgänger zugeschnitten ist, kommen wir in Konflikt mit einem Radfahrer, der auf dem schmalen, nur schwer erkennbaren Radweg rumpöbelt, weil wir nicht schnell genug zur Seite springen.

Wir gehen auf einem Teil des Mauerwegs über die Havel. Danach kommt eine junge Frau mit angeleintem Kampfhund und schreit uns an, wir sollten Platz machen. Eine latente Aggressivität hängt in der Luft.
Es geht nun durch den Laubwald, wir kommen unter der Bahn durch, die von Marquardt bis Gesundbrunnen führt und mit der wir am Ende des ersten Wandertages über Jungfernheide zurück nach Hause gefahren waren. Wir teilen unseren Weg für eine Weile mit dem Radweg Berlin-Kopenhagen. Es geht über eine kombinierte Radfahrer-, Fußgängerbrücke über die A111, die die westlichen Berliner Stadtteile mit dem Autobahnring A10 verbindet.
Wir kommen nun nach Birkenwerder. Es fällt auf, dass heute alle möglichen Einkehrorte auf dem Weg geschlossen sind. Auch die Havelbaude öffnet nur von Freitag bis Sonntag.

Nach dem kleinen städtischen Mönchsee, an dem zwei junge Burschen in kompletter Anglermontur uns darauf hinweisen, ruhig zu sein, um nicht die Karpfen zu verschrecken, kommen wir jetzt zum schon außerhalb des Ortes gelegenen Boddensee. In Ufernähe liegen viele Äste am Seeboden, die für die Füße schmerzhaft zu begehen sind, aber nach zwei, drei Metern wird der Grund schlammig und wir stürzen uns zur Abkühlung in die Fluten. Herrlich! Hier halten wir auch unsere Mittagsrast, das Bulettenbrötchen mit Ketchup und Zwiebeln mundet hervorragend.
Nachdem wir die A10 und die Bahnstrecke von Berlin nach Oranienburg unterquert haben, kommen wir auf einen Holzbohlenweg durch das Briesetal, dem wir jetzt für viele Kilometer folgen werden.

Hier werden wir von den Erlen vor der starken Sonneneinstrahlung geschützt. Das Mückenspray bewährt sich. Auf alten, zum Teil verrottenden Baumstämmen hängen immer wieder zum Teil recht große Populationen von Porlingen.

Ich höre, wie schon die vergangenen Tage, immer wieder einen Kuckuck rufen. Was er mir wohl sagen will? Dass ich besser auf meine Umwelt achten soll?
Mir fallen hier die vielen Grüntöne und die Wasserspiegelungen auf, die die Natur verzaubern.

Wir kommen an einer Einrichtung für Suchtkranke am Briesesee vorbei. Man kann sich gut vorstellen, dass sich die idyllische, ruhige, naturnahe Lage positiv auf die Rekonvaleszenz der Patienten auswirkt.
Die Erlen stehen oft im Wasser, die umgefallenen Bäume zersetzen sich langsam und werden irgendwann zu Torf. Nach einer Weile – wir laufen gut 2 Stunden an der Briese entlang – haben auch wir uns satt gesehen am Erlenbruch und erreichen die von vielen Lkw befahrene Summter Chaussee.

Hier geht es weiter geradeaus zur Zühlsdorfer Mühle, wo überall Nutzholz rumliegt. Von hier sind es nur noch drei Km auf sandigem Pfad durch den Kiefernwald nach Wensickendorf. Wir sind hier in einer völlig anderen, für Brandenburg typischeren, trockenen Vegetationszone.

An der Summter Chaussee im Ort erfrische ich mich mit einem Softeis, unser historisches Landhotel liegt an der T-Kreuzung zweier Hauptstraßen, wir kommen im ruhigen hinteren Bereich unter.
Da es hier keinerlei Restauration gibt, fahren wir mit Bus und Bahn über Wandlitz nach Wandlitzsee, wo wir beim Italiener im riesigen Wintergarten mit Blick auf Strandbad und See die am Tag verbrannten Kalorien wieder zu kompensieren versuchen. Ich verschlinge meine Gemüsepizza Ancona mit Knoblauch mit gesundem Appetit. Der Rückweg gestaltet sich komplex, da wir in Wandlitz versehentlich den Bus nach Bernau nehmen. Als wir den Fehler bemerken, steigen wir im Wald an der Haltestelle Anglersruhe aus, wo uns derselbe Busfahrer nach einer halben Stunde wieder lachend aufsammelt. Hier wäre noch so gut wie nie jemand zugestiegen, wir wären gut für die Statistik.
Morgen legen wir einen Ruhetag ein. H. wird seinen durch Dehydration leicht angeschlagenen Körper auskurieren, ich ein bisschen Statistik treiben. Übermorgen geht es dann weiter mit der Königsetappe von Wensickendorf nach Melchow.
Hier ist die Übersicht über die Wanderung auf dem 66 Seen Weg Ende Mai 2026.
Ich verbringe eine gefühlt schlaflose Nacht mit vielen Schlafunterbrechungen, bin am nächsten Morgen dank zweier Sprühstöße Melatonin jedoch trotzdem recht ausgeruht.
Wir frühstücken im Gemeinschaftsraum unserer Unterkunft. Der mit Frischkäse gefüllte Hefezopf und der Naturjoghurt munden sehr gut. Wir treffen auf eine Frau aus Stuttgart mit einem Pekinesen namens Big Boy. Sie ist alleine mit dem Nachtzug für das Pokalfinale angereist.
Wir sind bereits 8h23 auf unserem Weg und springen in den bereits gut frequentierten, sehr angenehm temperierten, nagegelegenen Nymphensee.

Der heutige Pfingstmontag beschert uns wiederum hochsommerliche Temperaturen. Es geht anfangs am Havelkanal entlang, später kommen wir in den Wald, wo mir die letzten Tropfen meines grünen Fläschchens Anti-Brumm gute Dienste gegen die Mückenschwärme leisten.

Am Kanal hängen zwischen den Erlen drei Hängematten. Drei junge Männer genießen das dolce far niente.

Es geht sich heute besser als gestern, der Naturweganteil ist größer und die Füße haben sich eingegroovt. Auf dem Weg treffen wir vor der Schönwalder Schleuse niemanden. Dort kommen uns Leute mit Rädern entgegen, andere rasten.

Im Wald kann man schön beobachten, wie der lichte Mischwald zu einer ausgiebigen Bodenbewachsung geführt hat, während der reine Laubwald weniger Licht durchlässt und der Boden unbewachsen und stattdessen mit abgefallenen Blättern bedeckt ist.



In Schönwalde Dorf rasten wir in einer überdachten Bushaltestelle, die etwas Schatten spendet. Hinter uns sitzt ein Typ im mittleren Alter auf dem Fensterbrett eines Hauses oben im 1. Stock und glotzt aufs Handy, ohne von seiner Umwelt Notiz zu nehmen.
Die barocke Schönwalder Kirche mit einer Wagner-Orgel von 1739 – der Silbermann des Nordens – ist uns leider verschlossen.

Hier in der Gegend sind sehr viele Pferdehöfe, wir sehen eine junge Frau auf der Reitbahn Dressur üben. Zudem sind Heerscharen von Radlern – sowohl E-Bikes als auch Rennräder – unterwegs, Fußgänger treffen wir kaum. Ein Radler will uns einen anderen, angeblich kürzeren Weg nach Henningsdorf an der Hauptstraße weisen und schüttelt den Kopf über unsere Beratungsresistenz. Er kennt offensichtlich nicht den schönen sandigen Weg durch den Wald, der nicht länger ist.

Gegen 15 Uhr kommen wir an unserem abgerockten Hotel im Zentrum von Henningsdorf an und checken ein. In Henningsdorf wurde 1910 von dem AEG-Gründer Emil Rathenau, dem Vater von Walter, die Abteilung Flugzeugbau angesiedelt, die 1912 ein erstes Holzflugzeug baute. Heute ist Alstom im Bereich Bahntechnik tätig. Nach der Dusche und Siesta laufen wir durch die Fußgängerzone und essen wieder draußen bei einem Vietnamesen. Ich nehme Bami Goreng, was mich an meine Kindheit erinnert, wo wir gelegentlich beim Indonesier in Venlo essen waren. H. trinkt zum Abschluss einen vietnamesischen Kaffee auf Kondensmilch, der bestimmt 10 Minuten durchs Sieb tropft, bevor er fertig ist.
Am Hauseingang gegenüber spielt sich ein kleines Familiendrama ab. Eine junge Frau steht an der Tür mit ihren ca. 6-7 jährigen Kindern. Das Mädchen liegt am Boden mit einer kleinen Wunde am Knie, ihr Bruder hat sie wohl geschubst. Der Bruder läuft auf Zehenspitzen mit einem völlig nach innen verrenkten Fuß. Nachdem Mutter und Tochter ins Haus gegangen sind, sperrt er sich versehentlich aus, weint bitterlich und wird schließlich von seiner Mutter getröstet.

Zum Abschluss trinken wir im verlassenen Außenbereich hinter dem Hotel noch ein Absackerbier und lassen den lauen Abend mit guten Gesprächen ausklingen.
Hier ist die Übersicht über die Wanderung auf dem 66 Seen Weg Ende Mai 2026.
Nach einer erholsamen Nacht im heimischen Bett machen wir uns am Pfingstsonntag um viertel vor acht auf zur U-Bahnstation. Wir haben Glück mit den Verbindungen, der Regionalzug nach Potsdam muss auf den Zug einer anderen Gesellschaft warten, der anschließende Zug nach Marquardt wartet aber ebenso. In Marquardt steigen außer uns zwei weitere Wanderer aus, die vor uns laufen.
Das Wetter ist sommerlich mit Temperaturen um die 25 Grad, morgens ist es noch angenehm kühl. Wir gehen die Alternativroute über Uetz, ein verschlafenes Nest, das bereits Fontane bereiste, der sich hier von einem wegen zunehmend schlechter Geschäfte griesgrämigen Fährmann über die Wublitz übersetzen ließ. Mit dem Bau der Reichsautobahn – heute der knapp 200 km lange Autobahnring A10 um Berlin – in den 30er Jahren verlandete die Wublitz und die Fährstelle verschwand völlig.
Nachdem ich ein Foto des Protestplakats an dem Zaun eines Hauses gemacht habe, kommt eine Frau aus dem Haus und stellt sich hinter uns ostentativ auf den Weg, willkommen scheinen wir hier nicht zu sein.

Es geht nun an verblühten Rapsfeldern vorbei hinauf auf den Galgenberg. Ich höre den glucksenden Gesang einiger Feldlerchen in der Luft. Ein großer Feldhase steht weit vor uns auf dem Weg. Am Feldrand neben Mohn auch Kornblumen, der Pestizideinsatz scheint begrenzt zu sein.

Wir kommen nun zum Havelkanal, der auf 34 km von Paretz bis Henningsdorf die um Berlin mäandernde Havel mit sich selbst verbindet. Er wurde zu DDR-Zeiten angelegt, um Westberliner Gebiet zu umschiffen. Heute erfüllt er so gut wie keinen praktischen Zweck mehr und wird vor allem von privaten Motor- und Paddelbooten in der Freizeit genutzt. Einen großen Teil der Strecke gehen wir im Schatten von Erlen. Vor uns stolziert eine Bachstelze.

Auf der anderen Seite des Kanals sehen wir zwei unscheinbare Graureiher, die unbeweglich dastehen und auf das Wasser nach Fischen schauen.
Eine zehnköpfige Entenfamilie schwimmt in Formation in unsere Gehrichtung. Die Vegetation ist üppig und vielfältig. Später als der Weg hinter Wustermark zum Wiesenweg wird, höre ich Mönchsgrasmücken ihr abwechslungsreiches Liedchen zwitschern.

Der Weg heute ist zwar etwas eintönig, aber meist angenehm zu gehen. In Wustermark esse ich ein großes, erfrischendes Heidelbeersofteis an einem Eisstand, Einkehrmöglichkeiten gibt es nirgendwo.

Tief über den Wiesen fliegen Schwalben. Unter einer Brücke treffen wir unsere Mitwanderer wieder, die in großen Abständen Tagesetappen auf dem 66 Seen Weg machen, von der Natur begeistert sind und etwas neidisch auf uns sind, die wir mehrere Etappen hintereinander machen und vor Ort übernachten.
In Brieselang liegt unsere Unterkunft am westlichen Ortsende hinter dem Bahnhof. Der Weg zieht sich ewig. Wir gönnen uns eine türkische Pizza, dazu schlürfe ich zwei kleine Ayranbecher. Unsere Unterkunft liegt an der Hauptstraße durch den Ort. Später nach der Dusche und Siesta gehen wir noch einmal raus um einen nahegelegenen, kleinen See und essen vietnamesisch. Der Tofu ist sehr weich und hat nur wenig Geschmack.
Hier ist die Übersicht über die Wanderung auf dem 66 Seen Weg Ende Mai 2026.
Alleine gehen
Unterwegs immer wieder
die Gleichen treffen
Pünktlich zum Ende der Eisheiligen werden wir morgens von Sonnenstrahlen geweckt. Um 8 Uhr verlassen wir das Hotel, um in dem Bäckereicafe, wo wir schon gestern bei der Ankunft eingekehrt waren, zu frühstücken. Von Putendinkelbrötchen, Croissant und grünem Tee gestärkt, gehen wir bei blauem Himmel die Treppenstufen hinauf gen Schinderhannes Steig, ein kleiner Junge, der 8 Brötchen eingekauft hat, überholt uns leichten Fußes.

Eine riesige Glyzinie, die sich vor lauter Blüten hinabneigt, säumt den Weg aus dem Ort.

Im Wald hören wir im Baum direkt über uns einen Zaunkönig sein hohes Lied pfeifen. Auf den Lichtungen blüht überall der gelbe Ginster um die Wette. Auch wenn die heutige Etappe sehr kurz ist, so habe ich doch das Gefühl jetzt endlich im Flow zu sein, das Gehen, selbst bergauf, geschieht nahezu von alleine.
Nach einer Passage auf einem schmalen Wiesenpfad erreichen wir den Hauptweg, dem wir nach rechts folgen. Das heutige Highlight ist der auf dem Pferdskopf (661 m) gelegene Holzturm, zu dem es links hinauf geht. Von oben haben wir eine atemberaubende Sicht bis zur zweithöchsten Erhebung des Vogelsbergs, dem Hoherodskopf 60 km nördlich. Außerdem lässt sich im Nordwesten der Westerwald erahnen und man sieht im Osten natürlich das Feldbergplateau.

Von hier geht es zwischen jungen Buchen hinunter Richtung Treisberg, einem sympathischen, einsam gelegenen Ortsteil von Schmitten mit rund 150 Einwohnern. Hier findet am heutigen Sonntag ein Trödelmarkt statt. Wir ergattern Christa Wolfs Kassandra aus dem Bücherschrank und laben uns in der Sonne an einem Pott Kaffee und einem Stück Käsekirschkuchen, welches beides die Freiwillige Feuerwehr ausgibt. Ich stelle mir vor, was für eine eng verschweißte Gemeinschaft so ein kleiner, abgelegener Ort doch sein muss.

Es geht nun weiter hinab durch ein Laubwäldchen zu unserem Etappenziel, das auch den Endpunkt des Schinderhannes Steigs darstellt, der Landsteiner Mühle in Weilrod, die heute als Seminarhaus genutzt werden kann. Die Kirchenruine Landstein, eine ehemalige Wallfahrtskirche, verfiel bald nach der Reformation.


Hier sehen wir auch das Konterfei des unserem Steig den Namen gebenden Räubers, das allerdings den im Kreis um den Taunus herumführenden Schinderhannespfad markiert, dessen 189 km man in rund einer Woche absolvieren kann.

Wir gehen nun noch zur knapp 20 Minuten entfernten Bushaltestelle von Altweilnau-Egertshammer hinter dem Campingplatz und nehmen auf der bei Rennradfahrern sonntags sehr beliebten Strecke den 245er Bus nach Bad Homburg, wo wir in die S5 nach Rödelheim und dort dann in die S3 nach Schwalbach-Nord steigen, von wo wir in 10 Minuten zuhause sind. Eine wunderbare Wanderung findet ihr Ende.
Hier ist die Übersicht über die Wanderung auf dem Schinderhannes Steig vom 14.-17.5.2026.
Die Nachtruhe wird um halb drei unterbrochen, anschließend geht nicht mehr viel mit Schlaf. Ob es mit der anstrengenden Etappe am Vortag, dem Wein oder dem zu stark beheizten Schlafzimmer in der Einliegerwohnung zu tun hat, bleibt unklar.
Wir frühstücken in der Souterrainküche einen Ananas-Kokosnuss-Banane-Smoothie, Zimtschnecken sowie Obstsalat mit Naturjoghurt, dazu trinken wir grünen Tee.
Auf dem Weg zur Hauptstraße kommen wir etwas vom Weg ab, so dass wir den öffentlichen Bücherschrank passieren, in dem ich Wolfgang Hildesheimers schwere Mozartbiographie entdecke.
Draußen ist es noch kälter geworden, was auch an der Höhe liegt, Glashütten liegt auf 507 m. Die Hände an den Stöcken bleiben kalt, es sind rund 5 Grad. C. geht vorneweg, um warm zu werden, ich kann ihr nur schwer folgen.
Wir sind jetzt im Mischwald, allerdings sind die meisten Fichten noch gesund. Hier wurde früher Glas hergestellt, dafür war viel Brennholz nötig. Nach einem längeren flachen Stück geradeaus im Wald geht es steil bergauf, vor uns der Fernmeldeturm auf dem großen Feldberg (881 m).

Wir kommen zum Roten Kreuz (688 m). Das Gasthaus ist seit 2022 geschlossen, die Betreiber sind nach Mosbach bei Gersfeld in die Rhön unweit des Hochrhöners, den wir im Juli gehen werden, umgezogen.

Hier zweigt die Straße zum Großen Feldberg ab; mehrere Rennradfahrer kommen schon wieder runtergefahren.

Gelegentlich lockert der Wald auf und wir genießen die Sonnenstrahlen auf dem Körper. Die Mittagsrast machen wir auf dem Waldparkplatz Kittelhütte, es gibt Frikadellenbrötchen vom Metzger.
Wir gehen nun im großen Bogen um Seelenberg herum, das wir im Norden leicht streifen. Ein junger Wanderer mit Rucksack und Wanderhut kommt in der Gegenrichtung den Berg hoch.

Mit der Wahl meiner Halbschuhe aus Leder (Meindl Jamaica) bin ich nicht wirklich glücklich. Die Füße sind beengt, ich stoße beim Bergabgehen vorne leicht mit den Zehen an, bei der nächsten Wanderung am Pfingstwochenende werde ich wieder meine knöchelhohen Wanderschuhe (ebf. Meindl) tragen, die zwar deutlich schwerer sind, in denen der Fuß aber mehr Platz hat.
Wir gehen nun geradeaus recht steil bergab nach Schmitten rein, wo es anfängt, leicht zu tröpfeln, ich mache noch schnell ein Foto der Blume des Tages, es ist der Weiße Flieder.

Wir nehmen im Supermarktcafe einen Cappuccino nebst Erdbeerkuchen zu uns und begeben uns nun zu unserem Hotel, das von Indern geführt wird. Hier sinken wir erst einmal aufs Bett und holen den in der Nacht versäumten Schlaf nach.
Abends essen wir hervorragend im angeschlossenen indischen Restaurant, hinter mir eine Gruppe älterer Engländer, vor mir ein Großbildschirm, auf dem ein Cricketspiel läuft. Danach gehen wir noch einmal durch den Ort und trinken beim Indo-Italiener einen Verdauungs-Grappa. Wir kommen erst recht spät zum Schlafen.
Hier ist die Übersicht über die Wanderung auf dem Schinderhannes Steig vom 14.-17.5.2026.
Nach einer erholsamen Nacht und einem eher überschaubaren Frühstück versorgen wir uns erst einmal beim Bäcker mit Proviant in Form belegter Brötchen und Mohnschnecken. Der Startpunkt des Schinderhannes Steigs liegt im Wald hinter dem Hof Gumbrecht, wo es Blumen zum Selberpflücken und eine Weide mit kleinen Ponies gibt. Die Markierung des Wegs ist aus der Ferne gesehen eher unscheinbar, aber sie wird recht konsequent durchgezogen.

Der Weg beginnt mit einem Waldlehrpfad mit um die 80 verschiedenen Baumarten und verläuft anschließend größtenteils durch intakten Buchenwald; bald sehen wir vor uns in der Ferne die weiße Kuppel des Bah’àí-Tempel von Hofheim-Langenhain aus dem Wald herausragen, eines von acht Häusern der Andacht, wie diese Tempel genannt werden, weltweit. Es geht auf kurvigem Weg aufwärts Richtung Staufen, im Wald treffen wir auf zwei junge Rehe. Eine gute Stunde nach Aufbruch kommen wir zum Aussichtspunkt auf Eppstein mit dem Mendelssohn-Gedenkstein, wo ich schon auf meiner Ost-West-Durchquerung des Taunus im letzten Dezember vorbeigekommen war. Wir gehen weiter zum nahegelegenen Kaisertempel aus der Gründerzeit und dann hinunter nach Eppstein.
Dort besichtigen wir nach einem Cappuccino im Supermarktcafe draußen die recht gut erhaltene Burg mit dem früher als Verließ genutzten Bettelbub-Turm und steigen auf den Bergfried, der vom Türmer bewohnt war, der Bescheid gab, wenn es im Ort brannte bzw. sich Feinde näherten.




Es geht nun bald durch den Wald in Richtung Eppenhain, wo wir auf einer hinter Bäumen versteckten Bank unsere Mittagsrast halten. Den Schwenker über den Rossert sparen wir uns angesichts der langen Etappe heute und gehen stattdessen durch den hoch und einsam gelegenen Ort. Auf dem erst 2023 vollendeten Atzelbergturm aus Stahl – Vorgänger waren aus Holz gewesen und angezündet worden – läuft vor uns eine ukrainische Familie die 156 Stufen hoch. Oben wackelt der Turm etwas im Wind und ich kann das Unwohlsein der kleineren Tochter gut nachvollziehen. Der Blick über den Taunus ist grandios. Man sieht sowohl den Großen Feldberg als auch den Altkönig und hinter uns den nahegelegenen Fernmeldeturm und Eppenhain.


Wir bekommen nun einige Sonnenstrahlen ab, Regen hat es den ganzen Tag nicht gegeben, nur Haufenwolken sind über uns hinweggezogen.
Das nächste Zwischenziel ist das abgelegene Schlossborn, wo am 1. Mai immer die Rennradfahrer herumpesen. Wir gönnen uns beim gut frequentierten Bäcker einen weiteren Cappuccino.
An verschiedenen Teichen entlang gehen wir durch Wiesen zu unserem Etappenziel Glashütten, das ebenfalls einen verschlafenen Eindruck macht. Hier nächtigen wir in einer Einliegerwohnung im Souterrain, die Hausherrin macht sich Sorgen um Parkett, Mülltrennung und das Schließen der Tür, kredenzt uns dabei jedoch zwei Flaschen Mineralwasser, die unsere Organismen gut vertragen können.
Blume des Tages ist heute der gelb leuchtende Ginster, der uns in Glashütten am Wegesrand begrüßt.

Nach der Dusche machen wir uns auf in den als Straßendorf angelegten Ort, essen bei einer Koreanerin sehr leckere, frische mit Gemüse und Salat gefüllte kalte Frühlngsrollen und schlürfen Buchweizentee dazu. Mein Hauptgericht sind Krevetten und gebratener Reis, C.s Gemüse mit Reis, Ei und Kimchi. Die exzellenten Internetbewertungen hat die Köchin, die den Laden allein schmeißt, absolut verdient.
Schlussendlich kaufen wir noch im Supermarkt am Ortsende das Frühstück für morgen und lassen den Abend bei einer Flasche badischem Blanc de Noir ausklingen.
Hier ist die Übersicht über die Wanderung auf dem Schinderhannes Steig vom 14.-17.5.2026.
Die nächste Wanderung steht vor der Tür. C. und ich sind dieses Mal auf den Spuren des Räubers Schinderhannes, der 1803 in Mainz unterm Fallbeil endete, im heimischen Taunus unterwegs. Nach einem üppigen Spargelmahl zuhause machen wir uns gegen Viertel vor zwei auf in Richtung des nahegelegenen Kelkheim, wo der Einstieg des Wanderwegs ist, der uns in drei Tagen nach Norden über die Höhen des Taunus bis nach Landstein kurz vor Neu-Anspach führen soll.
Das Wetter ist unstet und zu kalt für die Jahreszeit, bei Temperaturen leicht über 10 Grad kommt es immer wieder zu kurzen Regenschauern, die uns aber die gute Stimmung nicht verderben können. Aprilwetter im Mai, die Eisheiligen stellen sich dem Sommer standhaft entgegen.
Wir gehen den Anfang unserer Mammolshainrunde, die wir oft mit Kimba, der Berner Sennenhündin des Nachbarn machen. Es geht über den römischen Viergötterstein auf Schwalbacher Gemarkung am Friedhof vorbei über die L 3015 und dann parallel zu ihr durch den Wald. Rechts lassen wir den Altkönig hinter uns und kommen zu der Bad Sodener Sportanlage mit Tennisplätzen, -halle und Stadion.

Es geht nun am Waldrand entlang in Richtung Bad Soden, links tut sich ein Blick hinüber zu den gut 10 km entfernten Frankfurter Bankentürmen auf.

In Bad Soden steigen wir über ein Holzgitter und gehen durch ein Wäldchen hinab in Richtung Quellenpark, von wo schon Blasmusik ertönt.

Eine große Attraktion ist hier das Anfang der 90er gestaltete bunte Hundertwasserhaus, wo der Wiener Künstler seiner Kreativität freien Lauf gelassen hat. Das bewohnte Haus, das um einen 30 Meter hohen Turm mit vergoldeter Kugel obendrauf, errichtet ist, weist viele Rundungen auf, selbst das zugehörige, etwas beengte Parkhaus passt sich in den verspielten Architekturstil ein.


Zudem ist das neu gestaltete Badehaus von 1722 in den Komplex integriert. Hierum gab es harte Auseinandersetzungen mit der Stadt, die auf mehreren Tafeln dokumentiert sind.


Nahebei können wir uns mit einem gespritzten Apfelsaft erfrischen, die Blasmusiker ziehen gerade ab.

Die Blumen des Tages sind heute die überall opulent blühenden Rhododendren, die die Augen erfreuen.

Aus Bad Soden, das in einer Talsenke liegt, geht es über Treppen hinaus. Wir hören auch hier wieder in der Ferne Musik, der Feiertag wird ausgiebig begangen, wir sehen zudem gelegentlich junge Männer mit Bierflaschen in den Händen, die den Vatertag feucht feiern.
In Kelkheim quartieren wir uns in unserem schlichten Hotel ein, an das ein persisches Restaurant angeschlossen ist, wo wir später ein Reisgericht mit einem Tomaten-Auberginen-Mus mit Knoblauchnote und Ei sowie Safraneis zu uns nehmen werden.
Ein kleiner Rundgang durch den unspektakulären Ort zur höhergelegenen, Anfang des 20. Jahrhunderts im neuromantischen Stil errichteten Klosterkirche schließt den aktiven Teil des Tages ab.
Hier ist die Übersicht über die Wanderung auf dem Schinderhannes Steig vom 14.-17.5.2026.
Kriebelmücken. Wind.
Zeltenge. Landschaftsweite.
Manchmal muss ES raus!
[Bart Schrijver – The North (behind the scenes), 4 aus 5]
Zwanzig Minuten
Nach halber Etappe ruh’n
Mittags im Schatten
Auf Schusters Rappen
Kurze Hosen, Fischerhut
Das Gespräch suchend
[Steffen Kopetzky – Harzreise. Er liest am 18.5. im Zauberberg in Berlin-Friedenau]
Die Erde streicheln
Zurückgestreichelt werden
Das ist Fernwandern
Harte Etappe
Gastgeberin besoffen
Beredtes Schweigen
Klackernde Stöcke
Im Schnee knarschende Schuhe
Krächzende Krähen
Zurückgeworfen
Schneeweißer, vereister Weg
Gut geknirscht, Löwe!
Es geht los auf meine nächste Wandertour. Im Winter war ich schon öfter fastend unterwegs, allerdings noch nicht im winterlichen Winter mit Schnee und Eis. Das ist dieses Mal anders.
Bevor es losgeht, mache ich mir zuhause noch einen Einlauf und stelle so den Schalter um auf die Verbrennung der eigenen Reserven (erst Kohlehydrate, dann Fett).
Mit der U7 fahre ich nach Spandau, wo mir der Bus nach Henningsdorf vor der Nase wegfährt: 3 Minuten Umsteigzeit waren nicht genug bzw. der Bus wartet nicht. Auf dem Display an der Haltestelle steht „59 Minuten X36“, allerdings stellt sich raus, dass bereits in 20 Minuten ein Bus vom nahegelegenen Rathaus Spandau fährt.
In Henningsdorf kaufe ich mir noch Pastillen im Supermarkt und verlasse den Ort über den Stadtpark, auf dem mich ein Langläufer im Trikot überholt und darauf hinweist, dass heute kein idealer Wandertag ist. Das wird die einzige Person bleiben, die ich heute auf dem Weg treffen werde.

Es ist in der Tat eine Herausforderung auf dem vereisten Weg nicht hinzufallen, was mir aber gelingt. Ich rutsche immer wieder, lerne abzuschätzen, wo es besonders glatt ist und gehe meist am Rand, wo Fahrzeuge den Schnee bzw. das Eis noch nicht glattgefahren haben. Die Stöcke sind sehr nützlich. Die Temperatur ist heute etwas über Null angestiegen, es taut ein ganz wenig. Mich begleitet als einziges Geräusch neben dem Gesang vereinzelter Vögel das Knirschen und gelegentliche Knacken unter den Füßen. Für die verschiedenen Formen dieses Geräuschs bräuchte man eigentlich mehr Wörter. Der Ton ist oft weniger hoch, Knarschen würde da besser passen.
Ich laufe durch den Wald mit vielen Eichen auf der breiten Alten Hamburger Poststraße, die insbesondere hinter Bötzow kilometerweit schnurgeradeaus verläuft. In Bötzow geht es an der Feldsteinkirche und der alten, völlig überdimensionierten Grundschule vorbei.


Am Ortsausgang ist ein Reiterhof, vier wunderschöne Braune rennen auf mich zu und wollen an der Seite des Kopfes gestreichelt werden. Sie folgen mir noch ein Stück bis zum Ende der Koppel.

Der Weg wird immer wieder von Meilensteinen gesäumt und zwar Viertel-, Halb- und Ganzmeilensteinen. Eine preußische Meile entspricht immerhin 7,53 km, ich bin also schon über 30 km hinter Berlin, nach Hamburg sind es noch gut 255 km.


Der Weg auf der Poststraße durch den Krämer genannten Wald ist schon etwas eintönig, aber zumindest habe ich ihn für mich allein und kann mich langsam eingrooven. Ich bin trotz des trüben Wetters geblendet vom Weiß des Schnees. So einsam durch den festgefrorenen Schnee stapfend komme ich mir etwas vor wie Scott und Amundsen am Südpol. Ich passiere mehrere Schutzhütten, die ich für kurze Trinkpausen im Trockenen nutze. Dabei genieße ich sowohl den Apfel-Rote Bete-Ingwersaft als auch insbesondere den „Sanft wie Seide“- Multifruchtsaft, den ich in kleinen Schlücken „kaue“ und bei dem ich sehr stark Mango und auch Banane rauszuschmecken meine. Die Bänke draußen sind allerdings schneebedeckt und nicht nutzbar.

Am Nachmittag war laut App eigentlich leichter Regen angesagt, der mir aber erspart bleibt.
In der Ferne höre ich ein in meinen Ohren durchaus angenehmes Rauschen, das zu einem Brausen anschwillt, je weiter ich gehe: Es ist die Autobahn. Mein erstes Ziel ist Groß-Ziethen, das etwas abseits des Pilgerwegs liegt. Ich hatte mir gedacht, über die A24 in der Nähe des Autobahndreiecks Havelland, direkt dort hinzugehen, allerdings ist dort statt der erhofften Brücke oder Unterführung – auf der Karte sah es so aus, als käme man weiter – nur ein Zaun. Ich muss also wieder meinen Spuren zurück auf den Pilgerweg folgen und dann erst über die A10, dann durch den Wald und über die A24 nach Staffelde und dann zurück nach Osten nach Groß-Ziethen, mehr als eine Stunde extra.
In Groß-Ziethen erwartet mich meine Unterkunft, das Schloss, ursprünglich von den Bredows 1355 erbaut, das laut Fontane mal im Besitz von Blücher war. Das heutige Gebäude ist ein auf einem Barockbau basierender Umbau aus dem späten 19. Jahrhundert. Es ist sehr gut in Schuss, innen geschmackvoll renoviert. In meiner Kemenate gibt es Fischgrätenparkett, einen kleinen Sekretär in der Ecke, ein Fläschchen Wasser sowie – Gipfel des unerhofften Komforts – einen kleinen Wasserkocher nebst Teekanne, so dass ich mir einen Beeren- und einen Kamillentee kochen kann. Ich bin nach der anstrengenden Wanderung doch relativ dehydriert.


Hier ist die Übersicht über meine Wanderung auf dem brandenburgischen Jakobsweg im Februar 2026.
Wampe wieder da
Fastenwanderung kann bald
Wieder losgehen
Sächsische Schweiz, Rhön,
Vogesen, Provence, Cevennes,
Fichtelgebirge…
[Die Kunst des Wanderns – Ein literarisches Lesebuch]
Wenn sie vor mir „rennt“,
ich kaum hinterherkomme,
dann ist sie im Flow.
Der Muskelkater
In beiden Oberschenkeln
Vom Sitzenbleiben
Spiegel überall
Mühlrad, Kaskade, Tränke
Nebelverhangen
Morgens bekomme ich gegen Ende meiner Yogaübung, dem Herabschauenden Hund, zum wiederholten Mal Nasenbluten, evtl. hängt es mit dem Blutdruck zusammen.
Zum Frühstück kann ich heute zwischen Rührei sowie ein- oder zweiseitig gebratenem Spiegelei wählen. Ich nehme sunny side up, was sich aufs Wetter bezogen als recht optimistisch herausstellen wird.
Draußen wird es nur langsam hell und die zum Hotel-Restaurant umgebaute Burg Schwarzenstein verfließt im Nebel.

Über einen Zubringerweg, der zum Teil in die falsche Richtung geht, erreiche ich den Rheinsteig, der durch die Weinberge verläuft. Ich höre Stimmen in einer osteuropäischen Sprache. Es wird schon früh im Weinberg gearbeitet, die hohe Luftfeuchtigkeit macht das Holz elastisch.
Hinter einem Gatter geht es den Mischwald hinauf. Plötzlich ein lautes Geräusch. Ein Reh rennt hinter mir im Affentempo über den Weg, ein Zweites folgt kurz danach. Ich sehe ihre makellos weißen Hinterteile, vom Waidmann Spiegel genannt, eilig davonspringen.
Bei dem trist-trüben Wetter macht sich bei mir eine gewisse Lustlosigkeit breit, die Schritte werden schwerer.
Plötzlich geht es rechts fast weglos steil den Waldabhang hinab. Ich komme im Kloster Marienthal an, wo draußen Sitzbänke stehen für eventuelle Feldgottesdienste. In der Kirche fällt eine sehr liebevoll arrangierte Krippenlandschaft auf, die unter dem Thema Wasser steht. Es bewegt sich ein bei jeder Umdrehung schnarrendes Mühlrad, das Wasser fließt über eine Leitung zur Viehtränke und ergießt sich über mehrere flache Steine.


Ich steige nun wieder auf steilen Pfaden hinaus aus dem Tal und komme auf matschigen Wegen im Wald zum abseits gelegenen Kloster Nothgott. Von dort geht es weiter durch den Wald zurück in die Weinberge. Oberhalb thront die immer noch von Benediktinerinnen bewirtschaftete Abtei St. Hildegard (von Bingen). Im gut frequentierten Klostercafé nehme ich meine Mittagsmahlzeit ein.



Auf dem nächsten Wegstück eröffnet sich ein schöner Blick runter nach Rüdesheim und zum Rhein mit der Rüdesheimer Aue, einer langgezogenen mit Bäumen bestandenen Insel. Auf der anderen Seite oben die St. Rochuskapelle in Bingen.

Ich gehe nun hinauf in Richtung des Niederwalddenkmals mit der passenderweise im Nebel verschwimmenden Germania. Die Inschrift von Wilhelm I., insbes. der letzte Teil, in dem künftige Geschlechter indirekt zur Nacheiferung der „Heldentaten“ des Krieges von 1870/71 aufgerufen werden, erscheint auch wenn er das natürlich 1877 nicht ahnen konnte, angesichts von zwei Weltkriegen mit vielen Millionen von Toten, die Deutschland später (mit) vom Zaun gebrochen hat, als nachgerade zynisch-prophetisch und man fragt sich schon, ob das hier noch so hingehört. Während der Denkmalseröffnung 1883 wurde übrigens auf Wilhelm I. ein Attentat von Anarchisten verübt, das fehlschlug.



Der Himmel zieht sich nun ganz zu, vom Mäuseturm von Bingen auf der anderen Rheinseite ist nichts zu sehen. Aber man kann die von unten herauftönenden Fahrgeräusche der Schiffe hören. Auf dem weiteren Weg komme ich an der Rossel vorbei, durch die man durchgehen kann. Es handelt sich um eine pseudomittelalterliche Turmruine von 1787.

Im Wald erwartet mich noch ein Wildgehege und dann versuche ich, den Abstieg links der Weinberge abzukürzen. Keine gute Idee, weil der Hang zum einen extrem steil ist und ich zum Zweiten keinen Weg am Waldrand finde, der zum Bahnhof runterführt. Ich muss also nochmal ein gutes Stück parallel zum Rhein in die falsche Richtung zum Assmannshäuser Höllenberg gehen, bevor ich den Stufenweg bergab antreten kann. Natürlich verpasse ich dadurch so gerade meine Bahn nach Frankfurt, auf jeden Fall ist meine wie immer sehr abwechslungsreiche Wanderung hier am Bahnhof von Assmannshausen zu Ende.


Hier ist die Übersicht meiner Taunusdurchquerung im Dezember 2025.
Abstieg zum Rheingau
Dachinspektion mit Kran
Riesling: Klimaschock
Nach einer erholsamen Nacht im Einzelzimmer auf schmaler Matratze, auf der ich mir wie ein Mönch vorkomme, frühstücke ich ausgiebig mit ein paar anderen Gästen im großen Frühstücksraum.
Ich verlasse Schlangenbad im Morgengrauen, mir fällt ein Gebäude auf, das den verlorenen Charme guter, alter Zeiten ausstrahlt. In der Auslage uralter Tünnef, der schon Patina angesetzt hat.

Obwohl der Rheinsteig wirklich vorbildlich markiert ist, schaffe ich es, mich schon beim Verlassen des Ortes minimal zu verlaufen. Der mit Heu gefüllte Metallesel ist einfach zu verführerisch. Die Kurgäste ritten früher, wenn es ihnen langweilig wurde auf dem Eselspfad nach Rauenthal, wo es Wein gab. Auch später passiert mir das nochmal, besonders herausfordernd sind vor allem leicht abschüssige Strecken, auf denen ich ins Träumen komme. Heute geht mich der Weg, ich bin endlich im Flow.

Während der Coronazeit haben wir einige Premiumwanderungen gemacht, u.a. auch die Rauenthaler Spange, der der Rheinsteig teilweise folgt. Ich sehe eine Schafherde und dann eine kleine Gruppe mit einem Schafbock, von dem ich nicht auf die Hörner genommen werden möchte.

So eine Solofernwanderung ist auch immer eine Begegung mit sich selbst, sinniere ich so vor mich hin, als ich den Kiedricher Turmberg erreiche. Hier wird fleißig in den Spalieren gearbeitet, es ist die Zeit des Rebschnitts. Der Turm selber ist leider geschlossen, warum bleibt offen. Ich treffe hier auch auf das erste Waldsofa auf der Wanderung, von denen heute noch viele folgen werden, denen ich aber noch widerstehen kann.

So ein urtümlicher, beschnittener Weinstock übt auf mich immer noch eine große Faszination aus.

Von hier oben hat man eine recht gute Aussicht. Ganz im Osten schemenhaft im Dunst die Frankfurter Skyline.

Es geht nun auf einem matschigen Pfad, der gegen Ende von umgefallenen Bäumen blockiert ist, zum Kloster Eberbach, wohin wir vor längerer Zeit mal einen Betriebsausflug gemacht haben. Es ist bekannt geworden durch die Verfilmung von Umberto Eco’s Der Name der Rose, ein Schinken, durch den ich mich damals etwas durchgequält habe. Im Klostershop, in dem mehr Verkäufer sind als Kunden, verkaufen sie Weine für über 100 Euro, das macht keine Lust zum Probieren, außerdem ist es noch zu früh, finde ich.
Draußen setze ich mich auf eine Bank an der Klostermauer und genieße mein deliziöses Frikadellenbrötchen vom Metzger in Kiedrich. Dabei beobachte ich einen Handwerker, der ganz alleine den Kran seines Kranwagens steuert und in der kleinen, quadratischen Stehkabine das Dach des Eingangsgebäudes gewissenhaft von oben von allen Seiten inspiziert. Ich frage mich, ob man das nicht einfacher mit einer Drohne machen könnte. Denn er scheint z.B. nicht die Regenrinnen zu säubern.


Als ich den großen Klosterkomplex verlasse, sehe ich ein Schild, das 14 km angibt zu meinem Ziel Johannisberg. Ich gucke auf die Uhr, es ist halb 2. Ich würde also einen Viererschnitt benötigen, um bei Einbruch der Dunkelheit anzukommen. Da ich körperlich heute gut aufgelegt bin, gebe ich Gas und schaffe in den nächsten 95 Minuten mit einer kleinen Pause einen Schnitt von 4,4 km. Es stellt sich dann außerdem raus, dass mein Weg deutlich kürzer ist. Ich komme an einer lustigen Eremitenhütte von 1900 vorbei, die es mir angetan hat.

Schon auf Oestricher Gemarkung gibt es einen Hochzeitswald mit knapp 100 Obstbäumen, für jedes Paar einen. Es senkt sich nun langsam der Nebel herab. Wegen der afrikanischen Schweinepest sind nun einige Gatter auf dem Weg, die ich öffne und brav wieder schließe. Ich befinde mich jetzt inmitten von Weinbergen, in einer Laube sitzt eine Gruppe, die vergorenen Rebensaft schlürft und den Geschichten des Weinführers lauscht.
Direkt vor mir Schloss Vollrads, wo Touristengruppen rumlaufen und ich in der Probierstube vier Rieslinge von der Hausherrin kredenzt bekomme. Bei den teureren Flaschen, deren Inhalt ca. ein halbes Jahr im großen Weinfass – kein neues Holz – verbracht hat, spüre ich ganz klar eine Petroleumnote, die wohl mit dem Klimawandel zu tun hat. Die stärkere Sonneneinstrahlung sorgt für weniger Säure und diesen etwas gewöhnungsbedürftigen Weingeschmack. Die fruchtig-frische Eleganz weicht zunehmend einem strengeren Aroma. Ich kaufe die zweitgünstigste Flasche, die nicht ganz so frisch wie die erste rüberkommt, aber dafür intensivere Aromen hat.

Es ist nun nicht mehr weit zu meiner Bleibe in Johannisberg. Der Hausherr „erwartet“ mich schon an der Ecke und ich beziehe mein großzügiges Zimmer mit Doppelbett und einer Flasche Sprudel. Das Speiselokal ist proppevoll, ich weiß nicht, wie die zwei Bedienungen nebst Hausherr, der die Getränke vorbereitet, es schaffen, alle zu ihrer Zufriedenheit zu bedienen. Ich sitze etwas abseits an einem Hochtisch hinter dem Stammtisch mit der alteingessenen Männerrunde, die fröhlich vor sich hin babbelt. Die Forelle ist ganz hervorragend, sehr knusprig gebraten und entgrätet, bis auf den Kopf esse ich sie komplett. Der Riesling dazu ist spritzig und hat genug Säure, wie es sich für ein Winzerhaus gehört.
Hier ist die Übersicht meiner Taunusdurchquerung im Dezember 2025.
Die Sonne kommt raus
Hier war der Borkenkäfer
Heimliche Küsse
Im riesigen Frühstücksraum, der Platz für an die 100 Leute bietet, nehmen wir zu sechst an verschiedenen Tischen verstreut unsere Morgenmahlzeit ein.
Draußen ist es knapp über null Grad und trocken, die Sonne blinzelt sogar hinter der Baumstämmen. Ich nehme den im Streichen verlaufenden Chaisenweg, der mich am Ende hinauf zum Kellerskopf (474 m) führt. Hier wird ein aus Holland stammendes Wegmarkierungssystem verwandt. Jeder Wegpunkt hat eine Nummer, man läuft quasi eine Nummernfolge ab, die man sich vorher von der Karte – meine Theorie, gesehen habe ich die nicht – abgeschrieben hat. So ähnlich wie die Speisenfolge im Restaurant.

Der Kellerskopf mit dem Aussichtsturm ist leider nicht zugänglich, da hier ein Restaurant residiert, dessen Pforten meistens geschlossen sind.

Das außerordentlich schöne Wetter heute gibt mir einen Kick. Ich sinniere über die verschiedenen Umstände, die Euphoriezustände beim Wandern auslösen können. Neben dem Tageslicht, dem man mindestens 8 Stunden ausgesetzt ist – hier gilt buchstäblich carpe diem – ist die frische, sauerstoffreiche Waldesluft sowie die körperliche Anstrengung zu nennen, die zur Ausschüttung körpereigener Drogen führen kann. Bei Fastenwanderungen kommt dann noch die Wirkung des Fastens hinzu, das Leichterwerden sowie die Schärfung der Sinne.

Die Wege sind heute fest und gehen oft schnurgeradeaus. Gerade, wenn es mal ein Stück leicht abwärts geht, besteht die Gefahr, sich in Sicherheit zu wiegen und einen Abzweig zu verpassen. Genau dieses Wohlgefühl, längere Zeit anstrengungslos vor mich hinzutrotten, ist bei mir inzwischen schon fast ein Indikator dafür, dass ich falsch bin, auf jeden Fall kontrolliere ich dann die Karten-App und muss dann ggf. meinen Weg nachkorrigieren.
In der Achteckhütte, in der es etwas streng riecht, ohne dass ich den Grund finde und die wegen der acht Wege so heißt, die sich hier kreuzen, mache ich eine Apfelpause.
Am Jagdhaus Platte, dem ein modernes Glasdach aufgesetzt wurde und das man für Feiern mieten kann, befindet sich ein großer Wanderparkplatz. Das Lokal daneben ist dann auch gerade wegen einer geschlossenen Gesellschaft geschlossen. Hier stoße ich auf den Rheinhöhenweg, den älteren Bruder des Rheinsteigs, der auch auf der rechten Rheinseite, aber weiter im Landesinnern verläuft.


Ich höre in der Ferne Motorsägengeräusche und es stellt sich raus, dass vor mir ein Trupp Waldarbeiter in orangen Warnwesten dicke Laubbäume fällt. Als ich rufe, meine ich erst zu hören, der Weg wäre gesperrt. Beim Nachfragen wird mir dann gesagt, ich könnte über die Stämme steigen, wenn es mir nichts ausmachen würde. Glück gehabt.
Als Nächstes komme ich kurz vor zwölf zur Eisernen Hand, der idealen und einzigen Einkehrmöglichkeit. Hier herrscht ganz schöner Trubel. Eine bestimmt dreißigköpfige Rentnerwandertruppe fällt ein. Seltsam, auf meinem Weg habe ich so gut wie keine Wanderseele getroffen. Ich genehmige mir Backfisch mit Pommes, höre mir das Gequatsche des Typen am Nebentisch mit seiner Freundin an und ziehe wieder von dannen.
Das Dach der heutigen Etappe ist die Hohe Wurzel auf 618 m. Hier sieht es schlimm aus. Vom Fichtenbestand ist nichts geblieben, die Trockenheit in den Jahren 2018-2022 hat zu einer explosionsartigen Vermehrung des Borkenkäfers geführt, der von den Bäumen nicht viel übrig gelassen hat.

Von hier geht es nur noch bergab und zwar zuerst nach Georgenbronn und dann nach Schlangenbad, wo ich auf den Rheinsteig stoße, dem ich in den nächsten beiden Tagen folgen werde.

In Schlangenbad checke ich kurz vor drei ins Hotel ein, dusche und lege mich eine halbe Stunde aufs Ohr. Anschließend mache ich einen Rundgang durch den recht toten Ort, der schon mal bessere Zeiten gesehen zu haben scheint. Es geht an der historischen Caféhalle vorbei und dann durch den Kurpark, ich passiere zwei Kliniken sowie das Schwimmbad Äskulaptherme. In Schlangenbad gibt es aufgrund des milden Klimas eine Population von ungefährlichen Äskulapnattern, die dem Ort den Namen gegeben haben. Am Schluss wandele ich noch über die Kussallee, wo angeblich früher die Männer ihren Angebeteten im Schutz der Hainbuchen einen oder mehrere Küsse versucht haben, zu entlocken


Hier ist die Übersicht meiner Taunusdurchquerung im Dezember 2025.
Ewiges Tröpfeln
Durch den Matsch in den Nebel
Männer, was wollt ihr?
Und auf geht es zur nächsten Wandertour, los von zuhause, einmal quer durch den Taunus bis nach Assmannshausen am Rhein, knappe 100 km in vier Tagen. Ich verlasse das Haus kurz nach halb neun, draußen tröpfelt es bereits leicht, das wird sich den ganzen Tag nicht ändern. Und trotzdem werde ich dank Regenjacke, die ich sogar offen lasse und Regenschirm, den ich am Nachmittag aufspanne, kaum nass.
Das erste Stück bis zur Tennishalle am Ortsrand von Neuenhain kenne ich, hier gehen wir öfter mit Kimba, der Berner Sennenhündin des Nachbarn spazieren, wenn wir die Mammolshainer Runde machen. Danach geht es den Berg rauf nach Neuenhain und dann weiter nach Altenhain. Von hier möchte ich schnellstmöglich nach Fischbach, was mir nicht gelingt, da ich mich an der Roten Mühle, einem Ausflugslokal, etwas verzettele. Ich treffe auf Unmengen von Hundebesitzern, die mit ihren Vierbeinern bei diesem trüben Wetter mit zweistelligen Temperaturen unterwegs sind. U.a. treffe ich auch auf eine Frau im mittleren Alter mit fünf Hunden, diesen Frauentypus scheint es überall zu geben.

Schließlich erreiche ich Fischbach, wo wir uns vor über 25 Jahren mal ein Haus angeguckt haben, glücklicherweise haben wir es nicht gekauft, hier gibt es nicht mal eine S-Bahnstation. Allerdings liegt Fischbach am Taunushöhenweg und am Europäischen Fernwanderweg E3, denen ich nun für anderthalb Tage bis Schlangenbad folgen werde.
Da es 11 Uhr ist und der örtliche Dönerladen gerade aufgemacht hat, leiste ich mir eine vegetarische Lahmacun mit einem Ayran und beobachte von einem Barhocker das Straßentreiben. Kurz nach mir kommen zwei Jungen im Grundschulalter rein, die vom Dönermann sofort als „Männer“ begrüßt werden. Ich muss in mich hineinschmunzeln. Der junge Dönermann erzählt noch davon, dass er unglaublich müde ist, was er darauf schiebt, dass er letzte Nacht elf Stunden bis halb elf – also kurz vor der Öffnung des Ladens – geschlafen hat.

Es geht nun aufwärts in den Wald zum 451 m hohen Staufen, die Stimmung, wenn man wohlwollend ist, zum Teil etwas mystisch wegen des Nebels, aber im Grunde ist es wirklich ein Mistwetter. Hier muss Mendelssohn einige seiner Musikstücke komponiert haben, zumindest insinuieren das zwei Gedenktafeln, die Ältere ist ziemlich verblichen.

Es eröffnet sich bald eine Aussicht auf Eppstein, die wegen des Wetters unspektakulär ausfällt. Hier steht der Ende des 19. Jahrhunderts vom Verschönerungsverein initiierte Kaisertempel, wo Wilhelm I., Friedrich III., Bismarck und Moltke hängen bzw. stehen, Wilhelm II. wird geflissentlich ignoriert.
In dem ehemaligen Ausflugslokal neben dem Tempel werden jetzt Portfolios gemanagt. Vor der Tür stehen Luxuswagen deutscher Premiumhersteller.


In Eppstein erhasche ich einen schönen Blick auf die Burg, nachdem sich mir vorher ein Junge im Grundschulalter in den Weg gestellt hat. Die Mütze seines Kumpels ist auf einem Baum eines Gartens hinter einer Mauer gelandet. Ich fische sie mit einem meiner Wanderstöcke herunter. Außerdem gönne ich mir in der Bäckerei einen großen Cappuccino mit einem leckeren Stück Gewürzkuchen. Der Bäcker verkauft u.a. auch Börek, auch er ist türkischer Herkunft, ohne Migranten liefe in Deutschland schon lange überhaupt nichts mehr.


Nun geht es wieder durch den Wald nach Wildsachsen, wo die evangelische Kirche eine Stelle für die Aufarbeitung sexualisierter Gewalt ausschreibt. Ich bin etwas baff. Die Dorfkirche ist natürlich geschlossen.

Ein einsames Kuh Schaf im Nebel beäugt mich. Wir wissen wohl beide nicht so 100%ig, was wir hier gerade so treiben.

Kurz hinter dem Ort höre ich die Autobahn A3, die u.a. nach Köln führt, die ich bei Medenbach, das ich noch von der Raststätte kenne, wo ich früher öfter beim Trampen stand, unterquere. Ich zähle 51 Schritte.
Der Dauerregen und die milden Temperaturen haben dazu geführt, dass der Weg extrem weich und matschig ist, ich kämpfe mich parallel zur Autobahn durch den Morast, in den ich tief einsinke.

Gegen Einbruch der Dunkelheit erreiche ich mein Tagesziel Naurod, wo ich noch einen Einheimischen erschrecke, als ich plötzlich aus dem Wald auftauche. Die Pizzeria im Ort hat gerade um 17 Uhr aufgemacht und ich nehme dort meine Abendmahlzeit ein. Der Weg zu meiner Unterkunft, dem Wilhelm-Kempf-Haus auf der anderen Seite des Ortes im Wald, gestaltet sich abenteuerlich. Es ist stockdunkel und das Licht meiner Stirnlampe wird an den Regentropfen in der Luft reflektiert. Ich sehe ca. 1 Meter weit. Als ich den ausgedehnten Gebäudekomplex erreiche, muss ich erstmal den Eingang suchen, der natürlich wieder auf der anderen Seite ist. Hier habe ich eine kleine, schmucklose Kemenate. Das Haus wird vor allem für Tagungen genutzt und gehört dem Bistum Limburg. Ich bin rechtschaffen müde und lege mich nach der Dusche bald ins Bett.
Hier ist die Übersicht meiner Taunusdurchquerung im Dezember 2025.
Die nächsten beiden Wanderungen stehen. Zumindest in meinem Kopf. Im Dezember vier Tage Taunusdurchquerung von zu Hause in Niederhöchstadt bis nach Assmannshausen am Rhein (ca. 85 km). Dort hatten mein Vater und ich vor 14 Jahren unsere knapp einwöchige Rheinsteigwanderung begonnen. Im Februar dann eine Woche auf dem Schinderhannespfad rund um den Taunus (ca. 190 km).
P.S. Sehe gerade, dass in der zweiten Februarhälfte ja die Berlinale ist, wie jedes Jahr. Ich glaube, das mit dem Schinderhannespfad wird schwierig. Vielleicht nehme ich ja den Jakobsweg von Berlin nach Bad Wilsnack (ca. 130 km), den kann man in 6 Tagen gut schaffen. Mal sehen.
Den Rücken hinab
übers Steißbein rinnt der Schweiß
in die Poritze
Fernwanderungen
12 Stunden im Bett, 4 on
8 auf 2 Beinen
Oktober? April!
Schild größer als mein Handy
Riesenwalnüsse
Kurz nach acht im Frühstücksraum die Hölle, eine Busgruppe liegt in den letzten Zügen, das Büffet ist zum Teil abgefrühstückt. Ruhe kann man ja in der Natur suchen.
Wir kaufen Datteln im Dorfladen, wettermäßig sieht es trüb aus. Wir werden den ganzen Tag von längeren Regenpassagen heimgesucht, die Schirme tun ihren Dienst.
Heute haben wir Halbzeit und es steht eine Rundwanderung um Obertrubach auf dem Programm, quasi eine Eintagsrunde innerhalb der Fünftagsrunde um Pegnitz. Wir brauchen also keine Rucksäcke. Ich nehme allerdings einen Daypack aus leichtem Textil mit, der mittags auseinanderreißen wird, weil die zwei 1,1 Literflaschen mit Wasser zu schwer für ihn sind.
Der Weg geht mal wieder durch Wiesen und Wald. Unser erstes Zwischenziel hinter dem Dorf Hundsdorf ist der Signalstein bei Sorg, von dem man früher Signale zu anderen Punkten aussandte, wenn sich z.B. Feinde näherten. Wir gehen die steile Aluleiter hoch, was mich etwas an Überwindung kostet. Die Sicht ist mittelprächtig.

Kurz vor 12 Uhr setzt ein Regenschauer ein, wir kommen leicht durchnässt im belebten Café in Egloffstein an, wo wir uns einen Cappucino mit einem Stück Blechkuchen gönnen.
Der Ort wird überragt von der noch im Besitz der Familie befindlichen Burg Egloffstein, deren einer Turm gerade restauriert wird.

Wir gehen den insgesamt gut 1 km langen Umweg durch den Wald zum Wilhelmsfelsen, von wo aus man einen lohnenswerten Blick auf die Burg und aufs Tal hat. Auf dem Weg finden wir riesige Walnüsse so groß wie kleine Kartoffeln (s. Erntedankfestbild), um die sich niemand zu kümmern scheint, die jedoch bereits sehr gut schmecken.

Beim Gang aus dem Ort heraus weist mich der von der Website des deutschen Wanderverbands runtergeladene Track in Richtung einer Schäferei an einem Stallgebäude entlang. Der Schäfer ist not amused und ruft uns aus der Ferne zu, dass es beim Eintritt aufs Grundstück – ich hatte gedacht, es gäbe ein Wegerecht – ein Verbotsschild größer als mein Handy gegeben hätte. Er hat natürlich recht, wir gehen einen Umweg.

Wir kommen nun zur ehemaligen Kirche von Egloffstein, die recht weit außerhalb liegt und von mehreren Gemeinden genutzt wurde. Es handelt sich um die Ruine der Dietersberger Kirche, wo die Familie von Egloffstein lange ihre Toten ablegte.

Es geht weiter über Wiesen hinauf ins idyllische Thuisbrunn durch eine Art Park. In der Kirche liegen vor dem Altar noch die Früchte der diesjährigen, reichhaltigen Ernte. Heute fand der Erntedankfestgottesdienst statt.

Wir gehen einen kleinen Umweg aus dem Dorf raus, der uns an Birnbäumen vorbei führt. Die reifen, auf dem Boden liegenden Birnen munden ganz vortrefflich.
Über einen auch von Autos befahrenen Blocksteinweg gehen wir weiter, es regnet mal wieder, wir stellen uns unter Bäume am Straßenrand. Heute bewähren sich übrigens die schmalen, leichten Isokissen, die uns die Nässe auf den Bänken vom Leib halten.
Plötzlich – wie durch ein Wunder – hört der Regen auf und die Sonne scheint als gäbe es kein Morgen. Ein magischer Moment, der den ganzen restlichen trüben Tag vergessen macht.

Wir kommen nun an einem völlig einsam gelegenen Haus vorbei, dem Dörnhof, den C. am liebsten gleich beziehen möchte. Der Name kommt von der Trockenheit, die hier früher herrschte. Man hat den weiter unten fließenden Bach aber dann kanalisiert und dadurch die Ernte verdoppelt.

Es geht jetzt noch durch den Weiler Großenohe und dann bei strömenden Regen auf einer Abkürzung durch den Wald nach Untertrubach, das allerdings immer noch fast 5 km von Obertrubach entfernt ist. Dazwischen befindet sich Wolfsberg, wo wir versehentlich nach rechts abdriften und einen unfreiwilligen Abstecher nach Schossaritz machen. Dort sehen wir eine Gruppe von drei jungen Wanderern im Bundeswehroutfit, die Äpfel futtern. Wir machen es ihnen gleich, die Äpfel sind herzhaft und erfrischend.
Nach einem weiteren Stück auf einer Blocksteinstraße kommen wir bei dem Kletterfelsen an der Schlössermühle raus. Der Regen hat jetzt aufgehört und wir erreichen bald unser Hotel.

Hier ist die Übersicht über unsere 5-Tage- Rundwanderung in der Fränkischen Schweiz Anfang Oktober 2025.
Morgens kommen wir nur schwer aus dem Bett. Der Körper hat nach der gestrigen anstrengenden Etappe den Schlaf dringend benötigt. Draußen ist das Wetter umgeschwungen, es ist trüb und hat am frühen Morgen bereits geregnet. Gegen halb neun sind wir somit mit die letzten, die frühstücken.
Es geht nun erstmal an der Püttlach im Tal entlang, wo wir eine Kläranlage passieren, die die Enten entdeckt haben. Anschließend steigen wir hinauf nach Gößweinstein. Hier gibt es noch einige Eiben, deren Holz früher z.B. für Bögen sehr begehrt war. Auf dem Aufstieg treffen wir mehrere Wandergruppen mit lauten, jungen Männern, die offensichtlich gut gelaunt sind.


Das Wetter hält bis zum Nachmittag. In Gößweinstein statten wir der Burg einen Besuch ab, von der man einen schönen Blick auf den Ort nebst Basilika hat. In der von Balthasar Neumann in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts entworfenen Basilika ist heute ein Firmungsgottesdienst, hierzu ist extra der Erzbischof aus Bamberg gekommen, die Kirche ist knackevoll. Wir kommen deswegen nicht rein, ich muss allerdings gestehen, dass der spätbarocke Stil, insbes. der für meine Begriffe völlig überladene Altar überhaupt nicht mein cup of tea ist.

In der Burg kann man einzelne Zimmer besichtigen, es steht dort u.a. ein Lutherstuhl, der ein Vorläufer des Klappstuhls ist.

Angeblich hat sich Richard Wagner – Bayreuth ist ja nicht weit – von der Burg für die Gralsburg im Parsifal inspirieren lassen.


Nach einem kurzen Abstecher in den Klosterladen und einem Cappucino mit Kuchen beim Bäcker geht es weiter. Zunächst über Wiesen mit schönen Ausblicken. Ich koste von den Schlehen, die nicht so sauer sind wie befürchtet.
C. macht mich auf ein Reh aufmerksam, das sich flink mit eleganten Sprüngen durch das hohe Gras von uns weg bewegt. Es kommen nun längere Waldpassagen, der Weg ist eine Wohltat für die Füße. Wir machen eine kurze Trinkpause auf einem Hochstand. Die jungen Rotbuchen am Wegrand werden von einem Trupp Forstarbeiter mit der Motorsäge abgesäbelt.
Gegen Mittag kommen wir in dem Dorf Wichsenstein an, das auch wieder einen für die Gegend charakteristischen Kalksteinfelsen aufweist.

Mitten im Ort steht eine beeindruckend große Linde, in der an Festtagen auch heute noch getanzt wird.

Es zieht sich hier nun gegen 14 Uhr zu und beginnt zu regnen. Wir können uns in der hölzernen Bushaltestelle unterstellen nachdem wir uns vorher noch mit kühlen Getränken aus dem Wandererkühlschrank eingedeckt haben. Dazu gibt es Müsliriegel, das Gasthaus hat geschlossen.
Die nächsten drei Stunden stapfen wir mit unseren kleinen Regenschirmen bewaffnet durch feuchte Wiesen und Wälder. In Bärnfels stellen wir uns erst in der Autowerkstatt und dann an einer Bushaltestelle im Souterrain unter, als es richtig zu plästern anfängt und der Wind die Regenmassen über die Straße peitscht.

Die letzten 2,5 km zu unserem Ziel Obertrubach schaffen wir jetzt auch noch. Die Regentristesse wird aufgehellt durch das Kornblumenblau der Wegwarten am Wegesrand. Hosen und Schuhe sind nun gut durchfeuchtet. Gut, dass uns unser Gastwirt Zeitungspapier für die Schuhe besorgen kann. Nach der Dusche gehen wir in unserem Hotel um 18 Uhr essen, einige ältere Herrschaften sind um diese Zeit schon fertig mit ihrem Abendmahl. Als Schlummertrunk leisten wir uns einen hochprozentigen Schlehengeist, der nach Mandel und Alkohol schmeckt. Viertel vor zehn schlafen wir tief.
Hier ist die Übersicht über unsere 5-Tage- Rundwanderung in der Fränkischen Schweiz Anfang Oktober 2025.
Die nächste Wanderung steht auf dem Programm. C. und ich machen uns am Vorabend des Tages der deutschen Einheit von Niederhöchstadt auf nach Pegnitz, dem Tor zur Fränkischen Schweiz. Die A3 ist viel befahren und voller Baustellen, aber wir kommen in ca. dreieinhalb Stunden gut durch.
Vor Ort gehen wir noch in eine urige Kneipe, das Schnerpfl – die eine Bedeutung ist Wurstzipfel, die andere ist Glied – wo uns der gesprächige Wirt am Ende lokalen, fruchtigen Wassermelonenlikör offeriert.
Am nächsten Morgen bewegt sich die Außentemperatur um den Gefrierpunkt während die Sonne lacht. Wir parken den Wagen um auf den nahegelegenen P+R-Parkplatz und gehen durch den schmucken Ort.
Die evangelische Kirche – hier war die Reformation schon 1529 erfolgreich – ist geöffnet, es sitzt sogar jemand drin, so dass ich mich nicht traue, ein Foto von innen zu machen. Es gibt zwei Emporen und viele Fenster, so dass die Kirche sehr hell erscheint, sie mutet italienisch renaissancehaft an, wenngleich der Altar aus der Barockzeit stammt.

Der Einstieg zum 5-Tage-Weg ist schnell gefunden, unsere erste Etappe verläuft größtenteils auf dem Jakobsweg von Hof nach Nürnberg.

Wir gehen hinauf zum Burgberg und kommen an einer Kriegsgedenkstätte vorbei. Der Weg durch lichten Buchenwald geht über viele Baumwurzeln und ist sehr angenehm für die Füße. Wir kommen allerdings nicht sehr schnell vorwärts, es geht viel auf und ab, zudem verlieren wir gelegentlich die Markierungen, machen aber keine nennenswerten Umwege. Die heutige Etappe wird als schwer eingestuft.
Unterwegs treffen wir immer wieder auf höfliche Mountainbiker, die sich mit einem „klingeling“ diskret ankündigen. Wie man überhaupt sagen muss, dass der Menschenschlag hier nett und zuvorkommend ist, so gut wie alle Spaziergänger, die uns über den Weg laufen, grüßen mit einem Lächeln auf den Lippen und lassen einen auch gerne vorbei, wenn es eng ist.
Wir kommen zur etwas abseits den Hang hoch gelegenen Zwergenhöhle, die sowohl von der Höhe als auch von der Breite nicht für Erwachsene geschaffen ist.

Es geht weiter hoch zur Burgruine Hollenburg, die von Karl IV. gebaut wurde, von der aber außer einer Mauer und einem Turmeck nicht viel geblieben ist. Dafür ist die Aussicht über die grünen Wipfel der Fränkischen Schweiz grandios. Wir rasten und bleiben nicht lange allein. Eine ältere Dame verstrickt uns in ein Gespräch übers Wandern.

Unten im Ort gibt es eine Bergstation, die aus einem kleinen Holzhäuschen besteht, wo wir eine schmackhafte Schwammerlsuppe aus Steinpilzen sowie selbstgebackenes Roggenbrot mit sehr knuspriger Kruste bekommen. Auch die alkoholfreie Maisel’s Weisse aus Bayreuth mundet hervorragend.
Nach der Stärkung passieren wir im Wald die wiederhergestellten Reste einer Kapelle. Daneben hat der Förster einen Aushang gemacht, wo er darum bittet, wegen der Waldbrandgefahr doch bitte keine Kerzen anzuzünden. Wörter sind von anderen, die das nicht einsehen wollen, gestrichen und er lächerlich gemacht worden. Ein Dummejungenstreich?


Nach einer längeren Passage durch den Wald kommen wir nun in dem schönen Fachwerkort Pottenstein an, der heute am Feiertag von vielen Tagesausflüglern besucht wird. Wir ergattern noch einen Platz neben einem älteren Herrn in der Sonne, wo wir Cappuccino und ein leckeres Stück Zwetschgenkuchen zu uns nehmen.

Über uns thront im Gegenlicht die Burg. Außerdem gibt es in dem Ort ein Scharfrichtermuseum.

Das letzte Stück der heutigen Etappe verläuft meist nahe der Straße im Tal der Püttlach. Aber erst einmal geht es auf einem alpinen Steig den Berg hoch. Die Felsen, die wir passieren, werden gerne zum Klettern genutzt.

Wir kommen jetzt zu einem vielfotografierten Wahrzeichen der Fränkischen Schweiz, einem sich an die Felsen schmiegenden Fachwerkhaus.

Wie so oft ziehen sich die letzten Kilometer zu unserem Tagungs- und Freizeithotel in Behringersmühle. Nach dem Essen in dem sehr belebten Restaurant, wo Reservierung sinnvoll ist und man etwas Geduld mitbringen muss, gehe ich noch in die Sauna, wo ich ganz allein bin und bei 75 Grad fast einschlafe. Noch vor zehn liegen wir in der Koje.
Hier ist die Übersicht über unsere 5-Tage- Rundwanderung in der Fränkischen Schweiz Anfang Oktober 2025.
Möglich, doch sinnlos
Ein Leben ohne Gehen
Daher raus. Sofort!
[Robert Walser – Spazieren muss ich unbedingt. Vom Gehen über Stadt und Land]
Morgens machen wir uns das Frühstück in der Ferienwohnung selbst. Neben weichen Eiern gibt es aufgebackene Brötchen mit Aufschnitt, Käse und von der Gastgeberin selbstgemachter Marmelade.
Meinen Kompass kann ich nicht mehr auffinden. Wahrscheinlich habe ich ihn gestern beim Baden verloren, wo er wohl aus der Hemdtasche gerutscht ist, als ich das Hemd auf einen Baumzweig zum Trocknen gelegt habe.
Gegen 9 gehen wir los. Die Kirche im Ort ist geschlossen. Generell ist es am heutigen Sonntag sehr ruhig.

Am Dorfteich mit Fontäne haben sich zwei Angler positioniert. Wir gehen die Straße nach Wollenberg, wo uns der bis auf den Fahrer leere Bus, der dann die B158 nach Werneuchen fährt, zweimal passiert. Auch in Wölsickendorf ist niemand zugestiegen.
Mitten auf dem Teich im nächsten Ort angelt eine Attrappe seelenruhig vor sich hin.

Wanderer treffen wir heute keine. Aus dem Wald kommt uns eine alte Frau entgegen, die uns ihre Tasche voller Steinpilze und Pfifferlinge vorzeigt. Aufgrund des feuchten Sommers ist heuer ein gutes Pilzjahr.
Es geht nun über einige Kilometer durch Mischwald, wir machen eine kurze Pause an einer Picknickbank mit Tisch an der Stelle, wo es kurz vor Rädikow scharf links zurück in den Wald geht. Auf dem sich hinziehenden, monotonen Waldweg quäle ich mich etwas, die Wegweiser nach Wriezen zeigen eine größere Entfernung an als von uns ausgerechnet. Das liegt daran, dass der Oderlandweg gar nicht nach Wriezen reingehen würde.
Wir kommen nun zum sagenumwobenen Baasee, der in den letzten Jahren aufgrund der Trockenheit einiges Wasser verloren hat. Wir treffen verschiedene Ausflügler, hier ist ein touristischer Hotspot. Hier befindet sich auch der höchste Baum Brandenburgs, eine ca. 135 Jahre alte 48 m hohe Douglasie, die mit ihrer Spitze durch das Walddach hindurchstößt.
Wir kommen zur sehr gut besuchten, über eine Straße erreichbaren Waldschänke. Wir halten hier Mittagsrast und verputzen einen Großteil unserer Vorräte zu Kaffee bzw. Rhabarberschorle.
Nun geht es etwas hinauf und dann hinab zum sonnendurchfluteten Gut Sonnenburg. Wir leisten uns einen die Lebensgeister weckenden Eiskaffee auf der Sonnenterrasse mit Blick auf den Garten. Es gibt eine gut sortierte Bibliothek, u.a. mit dem Mann ohne Eigenschaften von Musil. Einmal im Monat wird hier Tango getanzt und die Wirtin versucht vergeblich, uns schmackhaft zu machen mitzutanzen, denn es gibt Männermangel.

Wir kommen nun zu den Trockenrasenwiesen der Biesdorfer Kehlen, alten Oderarmen, die für eine abwechslungsreiche offene und hügelige Landschaft sorgen.


Eigentlich ist für 16 Uhr Regen angesagt, aber wir kriegen nur ein paar Tropfen ab. Überall liegen hier Haufen mit großen Steinen rum, die aus den Feldern gesammelt wurden und Pflanzen und Tieren Unterschlupf bieten sollen.

Die Etappe beenden wir im kostenlosen Waldbad Wriezen. Da es sich zugezogen hat sind wir die einzigen Gäste. Das Wasser ist angenehm erfrischend. Erst sehr kalt, da unsere Körper von der Wanderung und den sommerlichen Temperaturen um die 27 Grad aufgeheizt sind. Ist man aber erstmal drin, so möchte man gar nicht mehr raus. Die Wassertemperatur ist m E. mit wohl knapp 20 Grad etwas niedriger als gestern im Gamener See.

Das letzte Stück geht es an der Straße lang nach Wriezen zu unserem einfachen Hotel. Die Rezeption ist unbesetzt, wir kommen mit dem Schlüssel aus dem Safe rein.
Abends essen wir beim Italiener, wo wir neben einem jungen Paar die einzigen Gäste sind. Der Ort macht einen verlassenen, ungepflegten Eindruck und strahlt wenig Hoffnung aus. Viele Gebäude gammeln vor sich hin, man sieht z.T. noch verblichene VEB-Schriftzüge an den Eingängen. Die AfD rechnet sich gute Chancen bei der bevorstehenden Bürgermeisterwahl aus.
Hier ist die Übersicht über die Wanderung auf dem Oderlandweg vom 20.-22.9.2025.
Und es geht einmal wieder auf Wanderschaft, dieses Mal auf eine dreitägige Rundtour mit meinem Berliner Nachbarn H.
Wir nehmen bei schönstem Spätsommerwetter 2 U-Bahnen und 2 Regionalzüge über Gesundbrunnen und Eberswalde in das beschauliche Falkenberg im Oderbruch, wo doch einige Wandergenossen/innen aussteigen. Unseren Weg scheint niemand zu gehen, eine größere Gruppe läuft nach Bad Freienwalde, ein junges Paar macht den über 20 km langen „Gipfelsturm“.
Es geht ein Weilchen an der Hauptstraße durch den Ort bevor wir rechts den Einstieg in unseren Weg finden.

Einen Fontanewanderweg gibt es hier natürlich auch, aber wir entscheiden uns für den Oderlandweg, mit dessen offiziell zweiter Etappe wir starten. Da es ein Rundweg ist, ist es egal, wo man losgeht.

Es geht an einem Bächlein mit einer Mühle lang hinauf in den Laubwald, wir kommen bald zu einem offenen Fußballplatz mit ein paar Sitzbänken. Daneben ein Pferdehof.

Es geht nun wieder zurück Richtung Ort bevor wir scharf links abbiegen hinauf zum Restaurant Carlsburg auf dem Paschenberg. Wir treffen dort ein älteres Ausflüglerpaar aus Berlin.
Unser Weg führt uns durch lichten Laub- und Mischwald. Die Temperatur ist aufgrund des leichten Windes und des Schattens sehr angenehm, das wird am Nachmittag anders werden, wo es schwül und stickig wird und der Wind völlig nachlässt. Es fliegen einige unliebsame, kleine Störenfriede durch die Luft, die wir uns mit Spray vom Leib halten.
Wir kommen in dem kleinen Ort Cöthen an, wo wir in dem großzügigen Café Das Gut einkehren, einer ehemaligen Brennerei für Industriealkohol. Neben der Dampfmaschine von 1878, die knapp 100 Jahre in Betrieb war und restauriert wurde, gibt es im 1. Stock eine größere Halle, die für Konzerte und Kunstausstellungen genutzt wird. Die junge Frau, die das Café führt, ist barfuß und erzählt uns ausgiebig von der Geschichte des Gebäudes, das erst 2020 fertig mit Bundesmitteln als Industriedenkmal saniert wurde. Der Cappuccino aus der großen, alten Kaffeemaschine schmeckt hervorragend.

Am Ortsrand steht die Schinkelkirche, die nur selten und natürlich nicht jetzt geöffnet ist, gegenüber eine Wandtafel, die an die 3 Cöthener Gefallenen des 1. Weltkriegs erinnert.


Es geht nun wieder in den Wald auf einem breiten, schnurgeraden Weg. Die Erde am Wegrand ist an mehreren Stellen aufgewühlt, hier haben sich Wildschweine in der schwarzen Erde gesuhlt. Von den Tieren ist natürlich mal wieder nichts zu sehen. Nach einer Weile zweigen wir links ab und kommen auf schmaleren Wegen an einem Gewässer entlang zum Gamensee. Vor uns Mutter und Tochter, die sich die erste Badestelle sichern. An der zweiten Stelle mit schönem Sandstrand treffen wir zwei Frauen, die immer wieder Etappen auf dem 66 Seenwanderweg um Berlin gehen. Dort stürzen wir uns in die Fluten. Das Wasser ist sehr erfrischend mit um die 20 Grad bzw. etwas mehr. Ich bin überrascht, dass ich immer noch auf dem Rücken bewegungslos an der Wasseroberfläche liegen kann, ohne unterzugehen, obwohl ich ja 7 Kilo abgenommen habe nach der letzten Fastenwanderung im Winter. Hier am See machen wir unsere Mittagsrast.

Über uns fliegt ein riesiger, pechschwarzer Rabe und stößt seine beeindruckenden Krächzlaute aus. Wir kommen nun auf einen Wegabschnitt, der völlig zugewachsen ist mit Brennnesseln und Dornengestrüpp, so dass wir ein Stück parallel auf einem etwas besseren auch von Geländewagen genutzten Weg laufen.
Wieder zurück auf dem Oderlandweg geht es durch einen u a. von Obstbäumen beschatteten Hohlweg in Richtung unseres Zielortes. Auf der Wiesenfläche ist die Aufstellung einer großen PV-Anlage geplant, im Moment rotten dort Holzbänke vor sich hin. Hier hocken wir uns auf eine morsche Bank und halten inne, um den genus loci zu genießen. Die einsame, weite Landschaft hat etwas Paradiesisches.

Kurz vor Wölsickendorf
In Wölsickendorf beziehen wir unsere mit viel Liebe restaurierte Ferienwohnung, der Hausherr taucht später mit Brombeeren auf und erzählt uns einiges über den kleinen Ort. Die Restaurierung des riesigen Ritterguts verzögert sich, es soll als Zweit-Kita auf dem Lande für Berliner Kinder genutzt werden.
Wir schieben unsere zwei von der Hausherrin besorgten Tiefkühlpizzen in den Ofen und lassen den Abend bei einem Weißbier aus dem nahegelegenen Frankfurt/Oder ausklingen.
Hier ist die Übersicht über die Wanderung auf dem Oderlandweg vom 20.-22.9.2025.
Künstler entdecken
einzigartige Landschaft
in Frühromantik
Reizend ist es, still und gemächlich übers Land zu gehen und von ernsten, starken Bäuerinnen freundlich gegrüßt zu werden. Ein solcher Gruß tut wohl wie der Gedanke an die Unvergänglichkeit. Es öffnet sich ein Himmel, wenn Menschen freundlich miteinander sind.
[Robert Walser – Herbstnachmittag]
Eintausend Meilen
längs durch Großbritannien
Parkinson fuck off!
[Raynor Winn – Über Land]
Melodrama-Kitsch
Wohl zu schön, um wahr zu sein
Aber der Weg reizt
[Marianne Elliott – Der Salzpfad nach dem Buch von Raynor Winn]
Von innen geduscht
Sperberpaar überfliegt uns
Kletterparadies
Morgens wieder ein Frühstück zu acht in der engen Küche in unserer Unterkunftin Schmilka. Neben einem französischen Paar aus der Picardie nördlich von Reims, das wir gestern schon an der Mühle getroffen hatten, zwei junge deutsche Wanderinnen und zwei Engländer, die Tagestouren machen. Der Hausherr erklärt die um über 100 auf 65 Personen gesunkene Einwohnerzahl in Schmilka. Zum einen ist die Bevölkerung stark überaltert, zum anderen sind die Mieten aufgrund des hohen Anteils von Fremdenverkehrszimmern, die zu rund 100 Euro pro Nacht vermietet werden können, mit um die 3000 Euro pro Wohnung unbezahlbar. Da geht es Schmilka ähnlich wie bekannteren touristischen Hotspots wie Barcelona oder Mallorca.
Wir nehmen mal wieder die Fähre über die Elbe, wo wir unsere Gästekarten einsetzen können.

Auf der anderen Elbseite sieht man die völlig verlassene, vor sich hin verrottende Grenzstation.

Mit den Franzosen gehen wir die Steinstufen hinauf zum Gebirgsplateau. Oben angekommen sind die Hemden bereits komplett durchnässt, die zweite Dusche des Tages, dieses Mal aus körpereigenem Schweiß. Wir quatschen über Gott und die Welt und kommen dabei an einigen blühenden Blumen vorbei.

In Schöna begleiten die alten DDR-Straßenlaternen uns auf dem Weg.

Die heutige Malerwegetappe und die Eintageswanderung Caspar David Friedrich-Weg sind über weite Teile identisch, der Blick zum Zirkelstein hat anscheinend den Wanderer über dem Nebelmeer mit inspiriert.

Im nächsten Ort stoßen wir erstmals auf offene Bekundungen gegen den Staat, die nur noch knapp von der Meinungsfreiheit gedeckt sein dürften. Auf der Heckscheibe des in der Nähe stehenden Autos steht: „Wir sterben wie Männer. Wir brauchen keine Airbags.“ Mein erster etwas zynischer Gedanke: Viel Erfolg dabei!

Hinter Krippen, wo wir die zackige Wegführung etwas abkürzen, hören wir langgezogene, schrille Schreie im Wald. Man sieht von unten die Silhouette von zwei kleinen Greifvögeln, es handelt sich laut App um ein Sperberpaar.
In Kleinhennersdorf machen wir unsere Mittagsrast auf einer Bank in einem Wohngebiet. Es geht nun an einem wahrscheinlich für die Jagd gehaltenen privaten Damwildgehege vorbei den Berg hinauf zum Kleinhennersdorfer Stein, von wo man eine schöne Aussicht auf die umliegenden Wiesen, Felder und Tafelberge hat.

Nun geht es wieder über Leitern mitten rein ins Herz des Elbsandsteingebirges auf den Papststein, wo ein Ausflugslokal seit 1860 Wind und Wetter trotzt. Bei einem Eiskaffee beobachten wir in der Ferne zwei wagemutige Kletterer, die sich daran machen, den Felsen Große Hunskirche auf der uns abgewandten Seite zu erklimmen. Später sehen wir noch eine Familie mit Kind, die oben auf einem ca. 10 Meter hohen Felsen den Großeltern zuwinken, die das fotografieren. Das wäre nichts für mich. Der Großmutter ist dabei auch etwas mulmig zumute, wie sie uns beichtet.


Jetzt geht es erst runter zur Straße und dann wieder hoch zum letzten Gipfel, dem Gohrischstein, von wo wir zurück auf den Papststein mit der Antenne blicken können. Hier wurde beim Abstieg der Rohstoffeinsatz minimiert, wir sind trotzdem heil runtergekommen.

Es zieht sich nun so langsam der Himmel zu, unsere französischen Wanderfreunde wollen noch zelten, ich wünsche ihnen viel Glück. Kurz nachdem wir in unserer Unterkunft angekommen sind, fängt es um viertel vor vier an, stark zu regnen. Selbst um sieben als wir zum vorreservierten Essen – zwei riesigen Portionen von Großvaters Frühstück – gehen, plästert es noch kräftig, erst gegen acht auf dem Rückweg hört es auf.
Hier ist die Übersicht unserer Malerwegwanderung im Juli 2025.
Melonensalat
Kipphorn: Bilderbuchaussicht
Runter zur Elbe
Nach dem vom Wetter her durchwachsenen gestrigen Tag erwarten uns heute Sonne und sommerliche Temperaturen an die 25 Grad. Wir füllen die drei Literflaschen mit Wasser, die wir im Laufe des Tages auch fast ganz austrinken werden.
Beim Frühstück sind wir an einem Vierertisch mit einem holländischen Paar platziert; er erzählt uns vom Dutch Mountain Trail in Südholland. Die beiden hängen an den Malerweg dann noch den 100 km langen Kammweg durch die Böhmische Schweiz dran.

Nach einem kurzen Stück an der Straße im Kirnitzschtal geht es steil bergauf nach links, wo die Straße unten durch Drahtnetze gegen Steinschlag geschützt ist, wir aber nicht.

Die Räumichtmühle im nächsten Ort ist zwar inzwischen geschlossen, wir können uns aber trotzdem dort erfrischen, bezahlt wird nach Gusto in die Kasse des Vertrauens, auf dem spanischen Jakobsweg sagt man hierzu auch donativo.

Die vielen umgestürzten Bäume haben inzwischen auch ihren Niederschlag in den Schilderwald gefunden.

Es geht nun weiter bergauf zum Pohlshorn und wir werden auf dem Kamm mit schönen Aussichten belohnt.
Kurz vor 12 kommen wir am Zeughaus an, wo wie so oft hier in der Grenzregion ein tschechischer Wirt das Szepter übernommen hat. Wir setzen uns zu unseren holländischen Frühstücksnachbarn, die gerade im Aufbruch begriffen sind. Hier gibt es einen köstlich-leichten, geschmacksintensiven Melonen-Blaubeersalat mit Wassermelone, Heidelbeeren, Rukola, Minze, Feta und Pinienkernen. Dazu etwas frisches, dunkles Brot sowie eine eiskalte Flasche Oppacher Mineralwasser und unser Mittagsrastglück ist komplett.

Nachdem wir neue Kräfte gesammelt haben, geht es nun recht steil hinauf in Richtung Winterberg. Es sind am Ende über dreihundert Meter Anstieg durch den Wald, so dass wir zumindest meist im Schatten gehen, kräftig ins Schwitzen kommen wir trotzdem. Links geht es ab zur wenig spektakulären Goldsteinaussicht. Die Sandsteinfelsen gegenüber sind rechts im Gegenlicht und nicht auf dem Foto.

Im folgenden Wegverlauf suchen wir vergeblich den Abzweig zum kleinen Kuhstall, einer weiteren Felsenhöhle, wo wir aber nach Auskunft eines Einheimischen nichts verpasst haben. Am Katzenstein machen wir eine kurze Trinkpause und beobachten aus diesem Versteck die anderen, vorbeikommenden Wanderer.

Es geht weiter auf Holzplanken über morastigen Boden hinauf zum Winterberg, wo wiederum eine Baude steht. Wir nehmen einen deliziösen Eiskaffee zu uns. Der nette Wirt fragt mich, woher wir kommen und gibt mir den Tipp mit dem Kipphorn. Diese relativ wenig frequentierte Aussicht, die etwa 400 Meter abseits des Weges liegt, kann man nicht anders als spektakulär bezeichnen. Links die Wälder und Berge der Böhmischen Schweiz, direkt vor uns die Elbe, die sich ihren Weg durchs Elbsandsteingebirge bahnt, am rechten Elbufer in der Ferne Bad Schandau, dann die Schrammsteine. Wir haben den Ausblick vorne an der Aussichtsbank ganz für uns allein und sind begeistert.

Nachdem wir wieder zurück zum Malerweg gegangen sind, steigen wir nun 400 Meter über viele Treppen hinab nach Schmilka. Es kommt uns eine junge, tschechische Familie entgegen, der Vater mit seiner Tochter im frühen Vorschulalter an der Hand, die sich sehr wacker hält. Es kommt noch eine Passage, die wegen angeblichem Baumbruch abgesperrt ist, woran sich jedoch niemand hält. Der Weg ist frei und ungefährlich.
Wir kommen oben in Schmilka an der Ilmenauquelle an. Der Ort ist voller Tagesgäste, die hier größtenteils durchwandern, in dem Café in der Ortsmitte an der alten Mühle herrscht reges Treiben.

Der Inhaber unserer Pension erwartet uns schon auf seiner Terrasse. Hier werden wir zwei Nächte verbringen, um uns von den Wanderstrapazen der letzten Tage etwas auszuruhen.
Abends essen wir noch bei dem Bistro an der Mühle und treffen erneut auf das Paar ungleichen Alters, das wir bereits auf dem Aufstieg nach Waitzdorf vor zwei Tagen getroffen hatten. Es stellt sich raus, dass es Vater und Tochter aus dem Rheinland sind. Er ist emeritiert und schon fast 80, ihre Tagesetappe heute noch ein gutes Stück länger und die beiden entsprechend erschöpft, da sie heute schon bei den Lichtenhainer Wasserfällen starteten.
Hier ist die Übersicht unserer Malerwegwanderung im Juli 2025.
Off the beaten track
Rückwärts die Leitern runter
Unter Bergsteigern
Heute steht uns die Königsetappe des Malerwegs bevor, 730 Höhenmeter und über 7 Stunden reine Gehzeit. Daher frühstücken wir schon früh um halb acht. Allerdings entkommen wir dem Regen heute nicht. Bis 14 Uhr schüttet es immer wieder. Trotzdem treffen wir auf sehr viele Tagestourer, da wir touristische Hotspots abgrasen.
Anfangs regnet es nur leicht, allerdings kommen wir schon bald zu einem Abschnitt, der aufgrund von Böschungsarbeiten, von denen man allerdings nichts sieht, gesperrt sein soll. Der Hauptweg über die Kirnitzsch, die uns meist unten im Tal den ganzen Tag begleiten wird, ist in der Tat unbegehbar. Ich finde auf der Appkarte jedoch einen Weg hinunter auf etwas verschlissenen Holzstufen, auf dem wir uns den Hang hinunterstürzen. Unten kommen wir zur Ostrauer Mühle, hier liegt ein viel genutzter Campingplatz. Der Regen hört jetzt erst einmal für eine Weile auf. Ein junger Mann mit großem Rucksack, den wir heute immer wieder kreuzen, geht nun von hier los.
Meine Beine sind heute am Vormittag sehr schwer, ich bewege mich schwerfällig vorwärts, die Wandermüdigkeit setzt ein und die sich im Kopf stellende Sinnfrage zusammen mit der zunehmenden Durchnässung machen es nicht leichter.
Nach dem Aufstieg sehen wir bald in der Ferne die markante Formation der Schrammsteine, die auf unserem Weg liegen.

Wir treffen am Schrammsteintor, wo es einen Durchlass durch die imposanten Sandsteinfelsen gibt, auf Familien mit Kindern.

Kurz vor dem Aufstieg über Eisenleitern zum Grat, der rund 50 Meter höher liegt, legen wir eine kurze Pause auf einem Baumstamm ein. Es beginnt, wieder zu regnen. Oben auf dem Grat geht es dann richtig los. Erst stehen wir mit meinem Schirmchen etwas geschützt unter einem Baum, dann als der Regen zum Schauer wird und nicht so schnell aufhören will, lehnen wir uns gegen die leicht überstehende Felswand. Nass werden wir trotzdem.
Als der Regen in Niesel übergeht, gehen wir weiter zur Breiten Kluft. Hier hat sich der Himmel bereits aufgeklart und C. vor mir erinnert mich etwas an ein bekanntes Bild von Caspar David Friedrich, das ja bekanntlich auch von der Sächsischen Schweiz inspiriert war.

Unsere Mittagsrast mit Brötchen, die mit Fleisch- und Eiersalat belegt sind, machen wir auf der steinernen Domkanzel. Mitten beim Essen fängt es wieder an, zu pladdern, es kommen hier einige Wanderer vorbei. Nun geht es hinunter zum Sandloch- und dann Zeughausweg.

Die Beine gehen sich jetzt wieder besser, wir bewegen uns meist im Streichen oder sogar abwärts, was nicht schadet. Wir kommen nun zur Kirnitzsch, erst am Beuthenfall vorbei, dann zu den Lichtenhainer Wasserfällen, wo die Endstation der gelben Straßenbahn von Bad Schandau ist und wir im Biergarten mit Eiskaffee unsere müden Lebensgeister wecken können.

Von hier geht es über eine schöne Steinbrücke hinauf durch den Wald zu einer der Hauptattraktionen, dem von Caspar David Friedrich im Bild verewigten Kuhstall, der ca. 30 Minuten entfernt ist. Es kommen uns so einige Besucher entgegen.

Den Kuhstall, eine offene Höhle unter einem Sandsteinfelsen, nehme ich klassisch von vorne gegen das Licht und von hinten auf. Von hinten hat er mehr Höhlencharakter.


Hinterm Kuhstall führen superschmale, metallene Stufen durch den Fels hindurch nach oben, sozusagen auf das Dach des Kuhstalls. Wir kommen da so gerade eben mit unseren 30 Liter-Rucksäcken durch. Es handelt sich um die sogenannte Himmelsleiter. Von oben hat man eine gute Aussicht über diesen Teil der Sächsischen Schweiz. Hier ist auch viel weniger los als unten.

Vom Kuhstall gehen wir u.a. auf einer Eisenleiter zurück – ich gehe steile Leitern gerne rückwärts runter – ins Kirnitzschtal. Kurz bevor wir das munter dahinfließende Bächlein erreichen, trennen sich kurz unsere Wege. Während ich noch einmal hoch auf einen naturnahen, etwas zu gewachsenen Pfad, den offiziellen Malerweg abbiege, überquert C. die Kirnitzsch und geht an der wenig befahrenen Straße lang. Ich sehe sie bald vor mir, bin allerdings noch rechts der Kirnitzsch auf einem herrlichen Naturpfad, dem Flößersteig. Hier wurde früher Holz die 25 km hinunter bis zur Elbe transportiert. Wir treffen uns an der Brücke neben der Neumannmühle, in der wir in einem eigenen Zimmer übernachten.
Im kühlen Wasser des Bergbaches baden viele nackte Männer und einige wenige nackte Frauen. Wahrscheinlich sind das Bergsteiger. Jedenfalls sitzen abends draußen in der Neumannmühle an den Tischen neben uns sehr drahtige Typen, die völlig unter sich sind und uns keines Blickes würdigen. Ich lausche später auf dem Klo dem Gespräch zweier Typen in der Dusche daneben, die im 2. Stock im Matratzenlager pennen. Es geht um den Watzmann.
Ich entdecke beim Abendessen das sehr süffige Eibauer Schwarzbier, das ich auch viel besser vertrage als das Weißbier, das ich sonst immer trinke. Auch nach zwei Litern fühle ich mich noch pudelwohl.
Hier ist die Übersicht unserer Malerwegwanderung im Juli 2025.
Bad in der Menge
Von Feldjägern eingeholt
Hinab in Wolfsschlucht
Nach einer erholsamen Nacht in unserem Zimmerchen nehmen wir unser gestern zusammengekauftes Frühstück im Wintergarten eine Etage tiefer ein.
Wir sind heute schon vor neun unterwegs, müssen allerdings noch einmal die Fähre auf die rechte Elbseite nehmen. Bei Sonnenschein und angenehmen Temperaturen geht es den Uferweg nach Osten entlang und dann steil auf mit Geländern gesicherten Steintreppen hinauf, so dass wir früh ins Schwitzen kommen. Im Wald in der Nähe eines Steinplateaus mit Elbaussicht hören wir einen krächzenden Kolkraben.
Im Wald überholt uns eine ältere Frau mit Tagesrucksack. Es stellt sich heraus, dass sie ebenfalls passionierte Fernwanderin ist und auch gerne pilgert, z.B. ist sie wie wir den ökumenischen Jakobsweg von Görlitz nach Vacha gegangen und hat dort ebenfalls in Kirchen übernachtet. Ursprünglich kommt sie aus Mecklenburg, wohnt aber jetzt in der Gegend und fühlt sich dort viel wohler. Sie geht auch den Malerweg, kehrt jedoch abends immer nach Hause zurück. An der Bastei trennen sich unsere Wege.

Hier wimmelt es auch am Vormittag schon von Touristen, auf der erst im Februar 2023 eröffneten, betonierten Aussichtsplattform drängen sich die Menschen mit ihren Smartphones. Wir nehmen einen die Lebensgeister weckenden Cappuccino im Pappbecher zu uns.

Wir genießen die Blicke auf die bizarr geformten, in die Höhe strebenden, hinkelsteinförmigen Sandsteinfelsen und gehen weiter über die Basteibrücke hinunter nach Rathen.

Unten gehen wir den breiten Steinweg hinauf zur Rathener Felsenbühne, wo gerade Rotkäppchen gegeben wurde und die Kinder mit ihren Aufsichtspersonen kurz nachdem wir oben angekommen sind, herausströmen.

Nun geht es wieder zurück und am Amselsee entlang, an dem man sich Ruder- und Tretboote ausleihen kann, durch den Amselgrund hinauf zu den Amselfällen, die wir nicht sehen könnten, da es kürzlich einen Felssturz gegeben hat und der Weg eingerüstet ist und die Baude geschlossen.

Die Bänke am Wegrand sind alle besetzt, erst ganz oben kurz vor Rathewalde finden wir eine leere Bank. Nach einer Minute Sitzen sind wir plötzlich umringt von einer Feldjägerkompanie, die hier ebenfalls ein Päuschen einlegt. Seit meiner Bundeswehrzeit vor über 40 Jahren hatte ich nicht mehr so viele Soldaten auf einem Haufen gesehen. Es sind auch einige junge Frauen dabei, eine läuft vorneweg und trägt eine weißrote Fahne.
Es setzt nun Nieselregen ein und uns kommt die Jägerklause kurz vor Rathewalde gerade recht, wo wir eine Soljanka und eine Linsensuppe zu uns nehmen.

Die moderne, schlichte evangelische Kirche in Rathewalde ist geöffnet. Die Kanzel ist mit einem bunten Kreuz mit lokalen Motiven geschmückt.

Es geht nun weiter durch das Waldhufendorf, an einer Ausfallstraße entlang und dann zu der Schutzhütte am Hockstein. Hier steigen wir auf steilen, gut gesicherten Metalltreppen zwischen Felsritzen hinab in die Wolfsschlucht, von der wir buchstäblich verschlungen werden. Sie ist ein wichtiger Schauplatz in Carl Maria von Webers Freischütz.

Unten im Polenztal gibt es einen schönen Biergarten, der allerdings erst um 16 Uhr öffnet, zu spät für uns. Hier unten im sog. Bärengarten wurden bis 1756 Bären für die Jagd gehalten. Bären gibt es keine mehr, stattdessen pflücken wir am Wegesrand schmackhafte, kleine Wildhimbeeren. Wir steigen mühsam den Schindergraben hinauf – zum Teil über umgestürzte Bäume, die gefällten Bäume liegen säuberlich neben dem Weg – und kommen an unserem Etappenziel Hohnstein an. Auf einem Felsen gegenüber liegt die Burg.

Unser Hotel mit Wellnessbereich, zu dem wir von der Ortsmitte hinaufsteigen müssen, ist gut besucht. C. schwimmt im Pool, ich schwitze in den beiden Saunen.
Hier ist die Übersicht unserer Malerwegwanderung im Juli 2025.
Weinberg steil hinauf
Gekläffe statt Lohengrin
Dem Regen getrotzt
Morgens beim Frühstück steht das Servicepersonal in der Ecke und beäugt uns, als wir uns beim Buffet bedienen. Anscheinend sind wir mit unserer Wanderkluft in diesem Etablissement underdressed.
Gegen neun sind wir on the road, die schöne, leider geschlossene Weinbergkirche, liegt wie der Name schon sagt, inmitten von Weinbergen im kleinen, östlichsten Weinanbaugebiet Deutschlands. Vom Leitenweg oben, dem wir eine Weile folgen, haben wir eine wunderbare Aussicht auf die Elbebene und -hänge.

Wir passieren die kegelförmige Rysselkuppe, von der die Sicht etwas zugewachsen ist. Es geht nun in den feuchten Wald, wo wir von Mücken belästigt werden, die wir uns mit biologischen Mitteln vom Körper halten. Heute Nachmittag erwartet uns eine Gewitterfront, die uns dazu anstachelt, etwas zügiger zu gehen und nicht jeden Umweg mitzumachen. Wir marschieren durch den Wald und lassen Graupa rechts liegen und sparen uns auch die Schleife vor Bonnewitz. Dort machen wir Halt im überdachten Bonnewitzer Rundling, einem offenen Holzpavillion, der auch als Bücherkiste genutzt wird. Eine Gruppe gehandicappter Kinder in Rollstühlen kommt uns mit ihren Begleitern entgegen. Ich muss an unselige Zeiten denken; in Pirna, zu dem Bonnewitz gehört, ermordeten die Nazis auf der anderen Elbseite in Sonnenstein über 13.000 psychisch kranke und geistig behinderte Kinder in einer Gaskammer.
Wir bewegen uns nun Richtung Liebethal, wo der erst 2006 inaugurierte Malerweg offiziell beginnt. Pate stehen ihm Künstler wie Caspar David Friedrich, Ludwig Richter und Adrian Zingg, die sich von der Sächsischen Schweiz im 19. Jahrhundert zu Landschaftsbildern haben inspirieren lassen.

Entlang der wilden Wesenitz, die sich hier mit Stromschnellen durch die Schlucht zwängt, treffen wir nun auf viele Tageswanderer, es ist der erste Hotspot auf unserer Wanderung.

Plötzlich hören wir lautes Hundegebell direkt vor uns. Links oben über uns steht überlebensgroß Richard Wagner, der in der nahe gelegenen Lochmühle 1846 Teile des Lohengrin komponiert hat. Eigentlich hatten wir erwartet bzw. befürchtet, dass hier das Vorspiel erklingt, das ich eigentlich mag, aber bitte nicht in der Natur, jedoch der Lautsprecher steht still und schweiget.

Am Wegesrand immer wieder Blumen, die das Auge des Wanderers erfreuen.

Ein von hinten kommender Radfahrer, der uns erschreckt, so dass wir etwas zur Seite springen, wirft uns stark sächselnd vor, dass wir zu verbissen seien.
Wir sind noch am Anfang unseres Weges, schön zu wissen, dass wir hierher zurückkehren können, wenn unsere Schuhe ausgelatscht sind.

In Lohmen stärken wir uns kurz beim Bäcker mit einer Minipizza und Eiskaffee, bevor eine größere Rentnertruppe einfällt.
Es wird nun knapp, um 14h25 soll der Schauer laut Regenradar einsetzen, wir geben Gas und gehen hinein in den Uttewalder Grund. Die ersten Tropfen fallen und wir hasten die Treppenstufen hinauf nach Uttewalde, wo wir eigentlich einkehren wollten, aber natürlich hat das Gasthaus erst ab Mittwoch geöffnet. Ein überdachter Hauseingang mit Sitzbank rettet uns. Hier bleiben wir trocken.

Nach dem Guss treffen wir auf ein dänisches Paar, die ebenfalls den Malerweg begehen. Sie sind aufgrund des Umleitungsschildes die Treppenstufen gegangen und denken wie wir, dass der Weg unten im Grund gesperrt ist. Es handelte sich jedoch nur um die Umleitung nach Uttewalde, die „Umleitung“ nach Wehlen ist der normale Weg, wie wir von einem Einheimischen erfahren.

Schließlich erreichen wir die Stadt Wehlen, wo wir am Marktplatz kurz rasten und dann die Fähre rüber nach Pötzscha nehmen, wo sich unser Zimmerchen befindet.

Da auf dieser Elbseite alles geschlossen ist, müssen wir die Fähre noch zweimal nehmen. Gut, dass C. das Deutschland-Ticket hat. Mit Fish & Chips, einer Rhabarberschorle und zwei riesigen Eiskugeln beende ich die Nahrungsaufnahme. Auf dem Markt gibt es eine akustische Installation, die den Touristen erklärt, dass der Name Sächsische Schweiz anscheinend von zwei Schweizern vergeben wurde, die sich an ihre Heimat erinnert fühlten. Wir gucken noch die Tagesschau, lesen etwas und sind um zehn in der Pofe. Die direkt neben uns vorbeifahrenden Regionalzüge hören wir aufgrund der Schallschutzfenster nicht.
Hier ist die Übersicht unserer Malerwegwanderung im Juli 2025.
Beine schwer wie Blei
Mädchen schüttet ihr Herz aus
Elbschlossromantik
Und auf geht es zur nächsten Fernwanderung. Dieses Mal haben C. und ich uns den Malerweg in der Sächsischen Schweiz vorgenommen, den für ihn schönsten Wanderweg überhaupt, wie uns ein erfahrener Wanderer sagte, den wir letztes Jahr auf dem Eifelsteig getroffen hatten.
Wir starten in Dresden-Bühlau bei schönem Sommerwetter recht spät gegen halb zehn. Es geht die Neugersdorfer Straße steil hinunter, weiter unten wird vor Rotfüchsen, Mardern und Habichten gewarnt, die das hinter einem Elektrozaun herumlaufende Federvieh bedrohen. Wir kommen auf die Grundstraße, die sich am Leonhardi-Museum vorbei bis zur Elbe hinunterschlängelt.

Wir werfen einen Blick auf die auch Blaues Wunder genannte Loschwitzer Brücke, die östlichste der Dresdner Elbbrücken. Die nicht sehr hochstehende Elbe fließt träge dahin.


Am Körnerplatz, wo wir uns in einem gut frequentierten Café bei einem Cappuccino stärken, geht der Dichter-, Musiker-, Malerweg los, dem wir die ersten anderthalb Tage folgen werden, bevor wir in Liebethal auf den Malerweg stoßen werden.

Wir passieren die Talstationen der Standseilbahn zum Weißen Hirsch und der Schwebebahn nach Oberloschwitz, bevor es den Veilchenweg steil bergauf geht, der Schweiß beginnt bereits, den Körper hinabzurinnen. Hier hat man die Wahl, das Kopfsteinpflaster oder bei Nässe die Stufen hinaufzugehen. Wir gehen in Richtung Fernsehturm im Stadtteil Wachwitz, um dessen Zustand sich eine Bürgerinitiative Sorgen macht.

Die Grundstücke und Häuser, an denen wir hier vorbeikommen, kann man als großzügig und gediegen bezeichnen. Bereits nach weniger als einem Kilometer hatten wir die erste Stempelstation erreicht. Andere Wanderer treffen wir nicht. Ich quäle mich die ersten Kilometer etwas den Weg hinauf, das Eingrooven braucht seine Zeit.

Unseren Weg zieren lustige Warnungen vor dem Hund, gerade Yorkshire Terrier und Berner Sennenhunde sind ja besonders gefährlich, wie wir aus eigenen Erfahrungen wissen ;-).

Unsere Mittagspause machen wir in Pappritz an einem Bassin, das gelegentlich von einem steinernen Frosch gefüllt wird.

Hier ziehe ich unsere Wanderstöcke aus, die ein Lieferwagenfahrer, der eine Zigarettenpause macht, bestaunt.

Hinter Pappritz geht es durch den großzügigen Helfenberger Park mit vielen mächtigen Trauerweiden nach Helfenberg und dann nach Rockau, wo wir uns an der etwas abseits des Weges gelegenen Rockauer Aussicht an Plattpfirsichen laben. Plötzlich kommt ein kleines Mädchen mit einem in einem Joghurtbecher gefangenen Insekt vorbei, das es uns stolz präsentiert. Es erzählt uns von mehreren Papas, einer alleinstehenden, berufstätigen Mutter, seinen zwei Geschwistern und, dass es nach den Sommerferien, von denen es nur weiß, dass sie bis zum Ende des Sommers, also ewig, dauern, in die 3. Klasse kommt. Zudem steht ein Umzug an. Es möchte natürlich wissen, was wir so treiben und vor allem wo wir hin wollen. Ich bin, ob dieser kindlichen Offenheit ziemlich gerührt.
Wir kommen nun wieder in den Wald zur einsam da liegenden Keppmühle, wo sich Carl Maria von Weber wohl für seinen Freischütz hat inspirieren lassen. Auch Richard Wagner ist im Keppgrund spazieren gewesen.

Weiter geht es zwischen Wiese und Wald zum sogenannten Zuckerhut, der einen weiteren Ausblick auf die Elbe, zurück nach Dresden und auf die umliegenden Berge bietet. Zu Füßen liegt die Kirche Maria am Wasser, die ich mit meinem neuen, zum heutigen Geburtstag bekommenen Smartphone, recht nah heranzoomen kann.

Wir kommen jetzt auf den letzten heutigen Streckenabschnitt hinunter nach Hosterwitz, wo wir am momentan geschlossenen Carl Maria von Weber Museum, das mich mit der Fassade in ocker und den grünen Klappläden etwas an unser eigenes Häuschen erinnert, vorbeikommen. Weiter geht es in den Schlosspark Pillnitz, wo wir nach einem wohlverdienten Eiskaffee unser Hotelzimmer beziehen.

Am heutigen Montag ist auf dieser Elbseite keinerlei Einkehrmöglichkeit vorhanden. Daher nehmen wir die Fähre nach Kleinzschachwitz, wo es einen gut besuchten Biergarten gibt und wir einen trockenen, überschirmten Platz neben einem einheimischen Paar finden. Es hat inzwischen angefangen, leicht zu regnen. Hier gibt es großzügig eingeschenkte erfrischende Erdinger Urweisse vom Fass. Auch der Cheeseburger und die breiten Pommes übertreffen alle Erwartungen.

Auf dem Rückweg erhaschen wir eine besinnliche, romantische Abendstimmung, es scheint unvorstellbar, dass anderswo Krieg herrscht.

Hier ist die Übersicht unserer Malerwegwanderung im Juli 2025.
Klamotten vom Leib
Braune Brühe im Abfluss
Wie neugeboren
Drei, sechs, neun oder
zwölf Monate wandern, das
ist hier die Frage
Auf dem Weg Menschen
Die Frau im Backshop lächelt
Vom Frühstück bleibt nichts
Querfeldein zu Fuß
Durch das hohe, feuchte Gras
Guck! Da steht ein Reh!
Regen klatscht auf uns
Direkt vor uns zuckt ein Blitz
Der Donner, später
den Vögeln lauschend,
dem Wanderstockgeklapper,
dem Wind, der auffrischt
Sümpfe statt Gärten
Querfeldein statt auf Straßen
Raus in die Wildnis!
Aussie-Dickschädel
humpelt nach Santiago
und weiß nicht warum
[Bill Bennett – The Way, My Way]
Unter Fußsohlen
Nadelstiche, Madeleines
letzter Wandertour
Falsche Galgenfrist
Mit Rucksack durch Nacht streifen
Zurück ins Leben
[Rudolf von Waldenfels – In die Nacht]
Mit dem Rollator
von der Mitte des Waldwegs
dauernd abrutschen
Sonnenbrand geholt
Kalkmagerrasenaussicht
Blindschleichen kreuzen
Ich nehme das Frühstück, bei dem die Sonne bereits auf meinen Teller scheint, heute schon um 7h15 ein: Es liegt die letzte, die längste und nach der Beschreibung die schwerste Etappe vor mir und ich muss um 19h in Meiningen sein, um meinen Zug gen Berlin zu kriegen. Nach meiner Einschätzung ist es auch das einsamste und schönste Teilstück. Es wird vor allem über Wiesen in einer offenen Landschaft mit vielen Aussichten auf die Kuppen der Rhön gehen.
Schon kurz nach 8 bin ich auf der Rolle. Rekord! Es geht gleich bergauf Richtung Leichelberg (656 m), ich spüre meine Arme beim Stockeinsatz, ein mühsamer Start. Oben auf der leicht geneigten Wiese passiere ich einen Modellflugplatz.
Kurz vor Aschenhausen geht es steil bergauf zum jüdischen Friedhof, einige Grabsteine sind schief bzw. umgefallen, die Schrift ist häufig verwittert und unlesbar.

Ostern spielt hier in vielen Orten eine wichtige Rolle. Die Bäume im eigenen Garten werden häufig mit bemalten Eiern behangen. Als ich in Aschenhausen um die Ecke biege, muss ich zweimal hingucken, um zu realisieren, dass es sich nur um Puppen handelt.

Aus Aschenhausen raus gibt es einen langgezogenen Anstieg Richtung Diesburg (710 m), die rechts liegen gelassen wird. Feine, hochgeworfene Erdschwaden hüllen einen Trecker ein, der den Acker links oben pflügt. Ich erreiche nun die Hohe Löhr (638 m) mit der größten zusammenhängenden Kalkmagerrasenfläche Deutschlands. Dazwischen vereinzelte Wacholderbüsche, vom Schäfer und seiner Schafherde, die dafür sorgt, dass die Wiesenlandschaft nicht verbuscht, keine Spur. Das Terrain erinnert doch sehr an die Lüneburger Heide, die wir im August 2023 auf dem Heidschnuckenweg durchwandert sind. Von der Panoramaschaukel bietet sich ein bukolisches Bild:

Einige hundert Meter weiter – neben der nächsten Aussichtsbank – hängt ein Eichendorff-Gedicht, das die romantische Stimmung perfekt einfängt:

In Geba ist die schmucke, achteckige evangelische Dorfkirche, die von außen aussieht wie ein großer Pavillon, offen.

Die Tribüne mit ansteigenden Sitzreihen im Innern ist halbkreisförmig angeordnet.

Von hier geht es weiter leicht hinauf zur Hohen Geba (751 m), die von dieser Seite sehr abgeflacht ist. Auf dem Weg wird über mir im Himmel eine Symphonie aufgeführt, die Feldlerchen glucksen als gäbe es kein Morgen.

Auf dem Hang nach Südwesten war früher ein Skilift, von dem nur noch die alte Umlenkscheibe steht; der neue Skilift geht Richtung Südosten nach Träbes.

Es geht nun den Wiesenabhang steil hinunter nach Träbes, die Aussicht ist atemberaubend. In Träbes kann ich mich in der Gastwirtschaft kurz erfrischen.

Weiter abwärts komme ich an zwei Blindschleichen vorbei, die sich in der Sonne räkeln. Zu meiner Rechten ist das sagenumwobene 27 Meter tiefe Träbeser Loch. Durch Auslaugung in Salz und Gips bildeten sich Hohlräume, die zur Erdoberfläche durchgebrochen sind.

In Herpf gibt es zu meinem Glück einen geöffneten Bäcker, wo ich bei Käsebrötchen, Kuchen und Cappuccino Kräfte tanke.
Es geht anschließend zum Buchigkopf (462 m) hinauf, die Sonne brennt runter, ich komme gut ins Schwitzen. An den Oberarmen kriege ich einen Sonnenbrand. Erst gehe ich auf sehr angenehmem, mit Nadeln übersätem, weichen Waldboden voller flacher Fichtenwurzeln. Dann wird der Weg ausgewaschen und steinig, ich bin nun in einem Buchenwald.
Am Wegrand immer wieder bunt blühende Wildblumen. Zudem begleiten mich Schmetterlinge, neben dem Zitronenfalter sind es Pfauenauge und kleiner Kohlweißling.

Gegen Ende komme ich am Bielstein zum Diezhäuschen, von dem man eine schöne Sicht auf die Kreisstadt Meiningen mit ihren vielen klassizistischen Bauten und ihren Parks sowie die Werra hat.



Ich nehme noch einen Eiskaffee und eine Eisschokolade gegenüber vom Theatermuseum ein und spaziere, als es sich zuzuziehen droht, über Schlosspark und Englischen Garten zum Bahnhof, wo ich später den Regionalzug nach Erfurt nehme.

In Erfurt ist aufgrund einer Störung im Stellwerk des Güterbahnhofs erstmal Schluss. Ich übernachte – ohne viel Schlaf zu bekommen – im Intercityhotel und nehme am nächsten Morgen um 6h28 den ICE nach Berlin, in dem ich das jetzt hier schreibe. Es sieht so aus, als könnte ich es bis um neun ins Büro schaffen.
Hier ist der Überblick über meine Wanderung auf dem Milseburgweg von Fulda nach Meiningen im April 2025.
Auf saftiger Wiese
Hangabwärts bei Sonnenschein
Eins mit dem Kosmos
Nach einem einfachen, ausreichenden Frühstück verlasse ich gegen 9 die Pension. Draußen ist es bewölkt und noch etwas frisch, spätestens beim Aufstieg zum Battenstein wird mir jedoch warm. Heute am 3. Tag geht es mich. Anstrengung verspüre ich so gut wie keine, ich bin auf dem Fernwanderweg angekommen. Meine Bildausbeute ist relativ schmal, viele der Aussichten nicht verwendbar, da die Handykamera zu schlecht ist, aber auch das deutet darauf hin, dass das Hadern vorbei ist und ich mit mir und meiner Umwelt eins bin.
Mir fallen heute gleich am Anfang die vielen Vogelstimmen auf, die fast den ganzen Tag mit ihrem Gesang eine schöne Hintergrundkulisse darstellen. Ich höre u.a. Kohlmeise, Buchfink, Feldlerche, Sommergoldhähnchen und Mönchsgrasmücke. Es geht auf einem steilen Kreuzweg auf Steinstufen den Berg hoch zu der Wallfahrtskapelle St. Maria auf dem Battenstein. Im Hintergrund hämmert ein Specht. Hinter der Kapelle im Arme-Seelen-Häuschen ist eine barock-bunte, naive Darstellung des Fegefeuers zu bewundern, die mich eher zum Lächeln bringt, als dass sie mir Angst einflößt.

Im Süden ist der langgezogene Höhenzug der Wasserkuppe auszumachen, prägnanter ist allerdings der Blick zurück auf die Milseburg rechts im Westen.

Die Sonne kommt nun raus und es geht weiter inmitten saftig-grüner Wiesen hinauf zum Buchschirmberg (746 m). Auf Mikes Weitblickbank genieße ich nochmal das Panorama mit den beiden bekanntesten Rhönbergen. Der Weg verläuft nun auf dem Kamm an dem Funkturm vorbei. Hier ist es etwas windig, aber die schöne Aussicht nach rechts entschädigt dafür mehr als genug.

Weiter geht es in den Fichtenwald auf einem breiten Forstweg. Plötzlich taucht wie aus dem Nichts eine geöffnete Schranke vor mir auf. Ich überquere die alte innerdeutsche Grenze von Hessen nach Thüringen, die sich quasi in Luft aufgelöst hat.

Ich muss leider feststellen, dass beide Gasthäuser auf dem Weg, die unweit des baumlosen, langgezogenen Ellenbogen liegen, geschlossen sind. Das Thüringer Rhönhäuschen hat Montag/Dienstag Ruhetag, das langgestreckte Berghotel Eisenacher Haus sucht einen Pächter.
Kurz vor dem Parkplatz am Ellenbogen sind mehrere Infotafeln, u.a. eine Karte des Hochrhöners, eines 138 km langen Fernwanderwegs von Bad Salzungen nach Bad Kissingen, der die Rhön von Nord nach Süd durchquert und auf den ich schon an der Milseburg getroffen war. Das könnte ein Zukunftsprojekt sein, gut in einer Woche zu schaffen.

Auf dem Ellenbogen gibt es eine Aussichtsplattform mit einer Rutsche, die die kleinen Mädchen, die mich beim Aufstieg überholen, mit großer Freude hinunterrutschen. Hier finde ich auch einen Essensautomaten, wo ich mich notdürftig verpflege.

Weiter geht es auf einem parkähnlichen Gelände mit frei stehenden, weit ausladenden Tannen; der anschließende Baumwurzelpfad, der in einen leicht abschüssigen Fichtenwald führt, ist herrlich weich und ein Balsam für meine Füße.
Plötzlich öffnet sich rechts der Wald und lässt den Blick frei auf wellige Wiesen. Etwas später habe ich, als ich den Wiesenabhang hinabgehe, auf einmal ein riesiges Glücksgefühl, als wäre ich angekommen, als müsste ich nicht mehr weiter. Die Sonne scheint zwischen den Cumuluswolken durch, die saftigen, um mich herum abfallenden Wiesen sind grüner als grün, ich bin on top of the world, am Horizont die Kuppen der Rhön, unten kleine Ansiedlungen mit Häusern wie aus Legosteinen, kein Mensch weit und breit, die Welt gehört mir ganz allein.

Auf einer breiten Piste, auf der mir ein grüßender Motorradfahrer entgegenkommt, geht es hinunter in meinen heutigen Zielort, Kaltensundheim. Mein Hotel hat montags Ruhetag, ich verköstige mich daher in der Metzgerei um die Ecke. Mein Menü besteht aus Soljanka, einem Schaschlikspieß, 2 Brötchen, Weißkrautsalat und einem großen, gemischten Softeis.
Hier ist der Überblick über meine Wanderung auf dem Milseburgweg von Fulda nach Meiningen im April 2025.
Wolken und Sonne
Hinauf, du müder Recke!
Der Flow ein Tunnel
Morgens schmerzen die eingerosteten Glieder, der erste Wandertag hat seine Spuren hinterlassen. Beim Frühstück bin ich wieder umringt von Gruppen, die zu früher Stunde schon ausgiebig untereinander kommunizieren. Eine Frau erzählt von einem sechswöchigen Segeltörn vom Ijssel- zum Mittelmeer.
Draußen weht hier oben auf dem Kamm eine steife Brise, über der Wasserkuppe (950 m) türmen sich die Wolken. Mit meinem kurzen Hemd könnte ich als Optimist gelten.

Vor mir liegt die Milseburg (835 m), die ich fast vollständig umrunden werde, bevor ich sie besteige. Erst geht es ein Stück bergab, dann einen schönen Forstweg entlang.

Am Wegesrand liegt eine kleine Schutzhütte, von der ich mir vorstellen kann, dass sie dem Wanderer bei Regen und Unwetter willkommenen Unterschlupf bieten kann. Hiervon kommen später noch mehr.

Zwischen noch kahlen Laubbäumen (Buchen?) schraube ich mich den Weg hinauf. Die Bäume ächzen im Wind. Mir wird so langsam wärmer.

Ich überquere nun den bis zu zwölf Meter mächtigen Ringwall. Hier wurden in der Urnenfelderzeit vor 3000 Jahren Terrassen errichtet.

Ich komme an einer von fünf Quellen vorbei, die heute nur noch versickert. Vor mir erhebt sich die Milseburg, ein imposanter Basaltfelsen, auch Perle der Rhön genannt.

Nachdem ich mich in der Milseburgstube noch vor 12 mit einem Salat gestärkt habe – es gibt heute sonst keine andere Einkehrmöglichkeit auf dem Weg – geht es nun das letzte steile, steinige Teilstück hinauf. Plötzlich bin ich nicht mehr alleine, die Leute kommen von allen Seiten.

Man erzählt sich die Geschichte vom Riesen Mils, der nicht wollte, dass sich die Menschen taufen ließen. Sankt Gangolf und seine Ritter versuchten, ihn zu bezwingen, ein geiziger Bauer wollte für die Nutzung seiner Quelle von ihnen jedoch Unsummen. Daraufhin nahm Gangolf mit seinem Helm Wasser aus der Quelle und schüttete es an einer anderen Stelle auf den Boden, wo eine neue Quelle sprudelte, der Gangolfsbrunnen. Die Ritter labten sich am Wasser und besiegten den Riesen.

Ich kraxele auf großen Basaltsteinen auf den Gipfel mit Gipfelkreuz und runder Richtungs- und Entfernungstafel. Hier ist es sehr windig und unwirtlich. Im Südosten sieht man in der Ferne den langgestreckten Höhenzug der Wasserkuppe (950 m) mit der Wetterstationskugel. Segelflieger sind nicht auszumachen.

Kaum bin ich wieder unten im Wald auf meinem Weg, sind alle Menschen, die gerade noch herumschwirrten, spurlos verschwunden. Nach einer kurzen Trinkpause komme ich bald in einen Flow, der etwaige Fußschmerzen übertünchen hilft. An einer Stelle sollte es plötzlich nach links weglos in den Wald gehen. Natürlich verpasse ich im Tran diesen Abzweig und darf eine Extrahin- und – rückrunde drehen. Etwas später am Ausgang eines Weilers revanchiere ich mich und nehme einen Shortcut über eine ansteigende Wiese und ein Wäldchen.
Die Monotonie des langsamen Dahinwanderns wird immer wieder unterbrochen durch winzige Highlights wie das Gezwitscher einer Blaumeise, den säuselnden bzw. crescendomäßig anschwellenden Wind, das Dröhnen von Flugzeugen, Hubschrauberrotoren, Autos in der Ferne, Radfahrer, die mich überholen etc.
An einer Viehtränke mache ich noch ein Päuschen und trinke fast in einem Schluck 1 Liter Wasser. Danach sind die Füße nicht mehr ganz so schwer. Trotzdem bin ich bald wieder durstig. Der Wasserbedarf ist immens beim Wandern, allerdings dehydiere ich schnell, da der Durst sich immer erst sehr spät bemerkbar macht.

Die heutige Etappe – ich sage mir, dass der 2. Wandertag immer der Schlimmste ist – endet endlich in Findlos, wo ich kurz davor bin, den Schlüsselsafe zu öffnen, als die Pensionsbesitzerin auftaucht und mich reinlässt. Heute ist Ruhetag, ich bestell mir mein indisches Hühnchengericht nebst Salat und Mango-Lassi bei einem Lieferdienst im 3 km entfernten Nachbarort und esse in meinem Blaumeisenzimmer vor 18 Uhr, ein Rekord auf der Wanderung.
Hier ist der Überblick über meine Wanderung auf dem Milseburgweg von Fulda nach Meiningen im April 2025.
Erinnerungen
an schlimm schmerzende Füße
auf dem Weg lassen
Schwimmen statt Sauna
so nett sein, wie man aussieht
Fast-Vollmond mit Hof
Nach einem recht vollgepackten Arbeitstag im Home Office im Arbeitszimmer im Vordertaunus gehe ich gegen halb fünf los zur S-Bahnstation in Niederhöchstadt. Die Sonne scheint, die Temperaturen sind frühlingshaft, es blüht überall.
Am Bahnsteig futtere ich zwei Käsebrote, es ist eigentlich etwas früh fürs Abendbrot, aber nach der letzten Fastenwanderung vor 2 Monaten ziehe ich mein Intervallfasten durch. Die S-Bahn verspätet sich ein paar Minuten, was aber überhaupt nichts ausmacht, weil der ICE nach Sachsen, den ich in Frankfurt besteige, synchron dazu mit Verspätung eintrifft. Der Zug ist rammelvoll wie das freitagsnachmittags so ist. Ich ergattere einen Platz außen an einem Vierertisch gegen die Fahrtrichtung. Die meisten Reisenden wischen auf ihren Schmartfons herum bzw. gucken darauf Videos, die ältere Dame neben mir am Fenster sitzt etwas gekrümmt da, indem sie den Kopf auf ihre linke Hand stützt und mich mustert. Ein Gespräch kommt nicht zustande. Der Zug verspätet sich noch weiter und kommt eine gute Viertelstunde gegen halb sieben in Fulda an.
In Fulda gehe ich vom Bahnhof in die historische Altstadt, direkt am Ausgang spricht mich ein junger Mann an:
Hallo, Sie sind sicher genauso nett, wie Sie aussehen!
Er ist engagiert in einer Friedensinitiative, was ich dem unweit gelegenen Stand entnehme. Lustiger Bursche, der mich später, als ich erneut passiere, wieder anspricht, ob ich mich vorbeischummeln möchte. Aber ja doch!
Mein Hotel liegt unweit des Schlosses in einer Gasse mit Kopfsteinpflaster; das Zimmerchen ist klein, hat aber einen Blick auf die Domtürme. Ich mache mich auf zum Stadtbad hinter dem Bahnhof, wo sich herausstellt, dass die Sauna heute den Gästen des nahegelegenen Luxushotels – nicht meins – vorbehalten ist. Ich disponiere spontan um und kaufe mir eine Eintrittskarte für das Schwimmbad. Hier ist ganz gut Betrieb. Etwa die Hälfte der Bahnen ist für Sportschwimmer reserviert, die dort meist kraulend ihre Bahnen ziehen. Im öffentlichen Bereich tummeln sich ältere Herrschaften. Ich schwimme nun rund 42 Bahnen à 25 Meter und komme nahezu in einen Flow, werde allerdings mehrfach vertrieben, da zum einen neue Bahnen für junge Amateure aufgemacht werden und zum anderen eine Wassergymnastikgruppe einen großen Teil des Beckens beansprucht. Das Wasser ist übrigens überall nur 1,20 m tief, beim Köpper sollte man also nicht zu tief eintauchen. Auf diese Art muss auch wesentlich weniger Wassermasse erwärmt werden, was den Energieverbrauch verringert.
Nach der Dusche ziehe ich mich um und dackele wieder zurück in die Innenstadt, es ist nun dunkel geworden, der Mond, dem links noch ein itzebisschen zur vollständigen Rundheit fehlt, hat einen Vorhof, auch Halo genannt. Der taucht ihn in ein milchiges Licht, welches ihm eine mystische Aura gibt. Ich mag das. Die Magnolie hinterm Bahnhof fängt langsam an, ihre Blütenpracht abzuwerfen.
An der Hauptwache gegenüber vom Schloss ist eine kubanische Cocktailbar, wo man draußen auf der Terrasse sitzen kann. Es ist frühlings-, fast schon sommerhaft, ich schlürfe zwei Weißbier vom Fass und genieße die Stimmung. Das Lokal ist sehr gut besucht, die Jugend des Ortes trifft sich hier. Das Foto habe ich von meinem Terrassenplatz aus aufgenommen.
Kurz vor zehn verziehe ich mich in mein Zimmerchen, langweile mich zu Tode bei den Tagesthemen, wo es um Rückweisungen von Migranten geht. Wie dieses Thema juristisch bis in alle Details durchdekliniert wird, geht mir in seiner Verlogenheit zunehmend auf die Nerven.
A propos Migranten. Im ICE saß einer zwischen den Waggons vor der Ausgangstür, hatte aber keine gültige Fahrkarte – das Deutschlandticket, das er vergünstigt bekommt, reicht hier nicht – was jedoch geduldet wurde. Allerdings sagte ihm die Kontrolleurin, dass das doch ziemlich unverschämt sei. Ich wage zu bezweifeln, dass das ein Einzelfall war. Und trotzdem sind das arme Schlucker. Aber etwas weniger Schmarotzertum und etwas mehr Unrechtsbewusstsein kann man schon von ihm verlangen. Es sind auch solche Typen, denen wir zu „verdanken“ haben, dass die AfD inzwischen mit die stärkste Partei in Deutschland ist.

Hier ist der Überblick über meine Wanderung auf dem Milseburgweg von Fulda nach Meiningen im April 2025.
Blicke auf Freiturm
Eschborn*, Schwalbach, Neuenhain
Mammolshain, Kronthal
[*E-Niederhöchstadt]


Weißes Blütenmeer
Kirsche, Apfel und Weißdorn
9 Km-Runde
[Mammolshain]
Sonore Stimme
Warum geht er an Straßen?
Plötzlich war er weg
[Wolfgang Büscher liest aus Der Weg bei Ferlemann & Schatzer]
Wintersonne pur
Durch die Außenbezirke
Westerbachplätschern
Heute erwartet mich die letzte Etappe durch Frankfurt nach Hause, wobei ich die nördlichen Stadtteile durchquere. Draußen herrscht herrlichster Sonnenschein bei klirrender Kälte, ohne Handschuhe geht es heute nicht.
Da es keine Jakobswegroute gibt, benutze ich Maps, dessen Zickzack ich blind wie ein Roboter folge. Um Akku zu sparen, merke ich mir die nächste Abzweigung und gucke erst wieder aufs Handy bei der nächsten Seitenstraße danach. Das funktioniert ganz gut.
Zuerst geht es durch das Gewerbe-/Industriegebiet in Enkheim an einer Grünanlage entlang leicht ansteigend nach Alt-Seckbach, wo es noch einzelne Fachwerkhäuser gibt und ich aus einem Bücherschrank das schmale Büchlein Meine wunderbaren Jahre von Reiner Kunze ziehe, das 1976 in kurzen Texten von Diktaturerfahrungen in der DDR berichtet. Sicherlich eine lohnenswerte Lektüre für die Schar der Ewiggestrigen, die gerade immer größer wird.

Es geht nun weiter hoch durch ein Wäldchen hinter dem der Huthpark – ein kurz vor dem 1. Weltkrieg angelegter Stadtpark – liegt.

Zwei lange Fußgängerbrücken führen über die Friedberger Landstraße und die A671 (Oberursel – Egelsbach 40 km). Von der zweiten Brücke habe ich eine gute Sicht auf die Bankenskyline zwischen EZB-Gebäude ganz links – leider nicht auf dem Foto – und Fernsehturm ganz rechts in Verlängerung der Brücke – leider auch nicht auf dem Foto – neben dem die Zentrale der Bundesbank liegt. Das private Finanzgeschäft wird eingerahmt von den beiden Zentralbanken, die für den Treibstoff des Systems, die nötige Geldversorgung sorgen.

Ich gehe nun auf dem Marbachweg in Richtung des Fernsehturms an einem Friedhof vorbei gen Dornbusch. An einer Bushaltestelle mache ich eine Trinkpause, die ersten 6 km sind geschafft. Mehrere Rettungswagen mit Blaulicht und durchdringendem Martinshorn rasen vorbei.

Ich passiere nun eine weitere Grünanlage, in der mir zwei junge Pärchen auffallen, die auf Bänken in der Sonne sitzen: sie jeweils auf seinem Schoß. Űber die Hügelstraße geht es am alten Friedhof vorbei nach Ginnheim. Von hier unter der Bahn und der Rosa-Luxemburg-Straße durch erreiche ich die Nidda, der ich eine Weile durch den Niddapark folge.
Da wo die Nidda nach Süden abbiegt, überquere ich sie nach Praunheim, wo Sitzbänke Fehlanzeige sind, es sind Steine in einem Kreisverkehr aufgeschichtet, es steht auch eine Tafel da, aber keine Bank weit und breit. Rastende Vagabunden wie ich sind offensichtlich unerwünscht. Ich komme an einer größeren Krankenhausanlage vorbei.
Nun geht es gen A5. Ich werfe einen Blick zurück zur Skyline, die ich nördlich des TV-Turms umrundet habe. In einem Sandhaufen stochern zwei Kanadagänse. Jetzt geht es unter der A5 durch. Drei Elstern flüchten vor mir ins Gebüsch.
Ein Blick nach Westen macht mir klar, dass der Berg links neben dem Großen Feldberg, den ich gestern morgen gesehen hatte, wie insgeheim gehofft doch tatsächlich der Altkönig war, der Kronberger – und damit fast unser – Hausberg.
Nun geht es einen bis zum Horizont schnurgeraden Wirtschaftsweg nach Süden, 200 m vor mir über eine längere Strecke eine junge Frau mit Kinderwagen. Plötzlich eine Bank! Ich trinke meine Säfte auf. Der Wind ist eisig kalt. Über Eschborn komme ich zum Westerbach, folge ihm am Komplex der Heinrich-Kleist-Schule vorbei, lausche dem Rauschen des Baches und bin kurz vor halb drei zuhause.


Dort lege ich mich erst einmal für eine halbe Stunde zur Siesta aufs Sofa bevor ich heißes Wasser in die Badewanne einlasse und mich die nächsten zwei Stunden der Lektüre des gestern in Enkheim gefundenen Spiegel widme.
P. S. Die Waage am nächsten Morgen nach elf Tagen Fasten zeigt 88 kg an, ein Gewichtsverlust von rund 9 kg. Davon ist allerdings einiges Flüssigkeit und den momentan nicht vorhandenen Darminhalt sollte man auch einrechnen. Aber es waren dann doch gut 600 g netto, die ich pro Tag bei der Fastenwanderung verloren habe. Ich bin zufrieden mit dem Ergebnis. Der erste Apfel kann geviertelt werden.
Hier ist der Überblick über meine Wanderung auf dem Jakobsweg von Vacha nach Niederhöchstadt im Februar 2025.
Tee auf Reiterhof
Zwischen Spessart und Taunus
Skyline vor Sonne
Ich schlafe diese Nacht phantastisch, genieße das Doppelbett mit der großen Decke. Morgens reibe ich mir den Sand aus den Augen, liege tiefenentspannt auf dem Rücken, mit körpereigenem Melatonin vollgepumpt. Erst um 6h20 mache ich das Licht an zum Schreiben, ein Rekord.
Da ich viel Zeit habe heute morgen – ich treffe meine Kusine im Nachbarort erst kurz vor elf – leiste ich mir eine Darmreinigung in Form eines Einlaufs. Danach fühle ich mich entspannter und bin de facto nochmal leichter.
Im Bad kommt mir eine einfache, aber gute Idee. Die Flaschen fülle ich ab sofort mit heißem Wasser. Was den Vorteil hat, dass es draußen in der Kälte nicht so schnell eisig wird, also gut trinkbar bleibt. Meine Güte, auf die einfachsten Dinge kommt man oft so spät.
Im Hotel kocht mir die Fachkraft zwei grüne Tee und ich versuche, die verschiedenen Obstsorten aus dem Multivitaminsaft rauszuschmecken. Ananas ist ganz weit vorne, Pfirsich auch klar, Passionsfrucht eher im Hintergrund etc.
Draußen ist es mit – 4 Grad knackig kalt und der Weg führt mich zwischen den Feldern entlang. Nach kurzer Zeit sehe ich das Ziel der Wanderung – zumindest von der Richtung her – den großen Feldberg mit dem Funkturm. Ich mag es, zu wissen, wo es hingeht und konkret zu sehen, wie weit es etwa ist bzw. scheint. Das Ziel vor Augen zu haben. Ein ganzes Stück links südwestlich vom Großen Feldberg ist ein anderer Berg, der fast genauso hoch erscheint. Er scheint mir optisch zu weit vom Großen weg zu sein, als dass es der Kleine sein könnte, der ja nicht einmal 1 km vom Großen weg ist, aber welcher Berg soll das sonst sein?

Auf einem flachen, schnurgeraden, neu asphaltierten Weg treffe ich einge Sonntagsmorgenspaziergänger, die alle nett grüßen.
Ich laufe nun in Oberissigheim bei meiner Kusine A. ein, die gerade noch Reitunterricht gibt. Selbst bei dieser Kälte sind Ferienkinder da. Es ist Springerwochenende, im Sinne von Reitspringen. Der Laden läuft. M., die gute Seele des Hauses, nimmt mich in Empfang und setzt mir einen grünen Tee auf. A. kommt wenig später und wir tauschen uns ein gutes Stündchen über meine Wanderung, den Hof und die Familie aus. Der Hof hat sich wirklich äußerlich seit den frühen Siebzigern, wo ich einmal als Ferienkind im Sommer für mehrere Wochen hier war, kaum verändert. C., Urgestein und früher die Reitlehrerin, stößt auch noch zu uns. Wir freuen uns alle schon auf das demnächst bevorstehende Familienfest.
Nach dieser willkommenen Abwechslung geht es weiter zwischen Äckern entlang, in der Ferne sehe ich erst das neue, etwas separat stehende, auffällige EZB-Hauptgebäude und danach die Bankenskyline rechts davon. Ich erreiche nun Bruchköbel, das wie viele Ort hier im Kern von Fachwerkhäusern dominiert wird. Die Jakobuskirche soll zwar eine offene Kirche sein, ist aber leider zu und das Schokolädchen gegenüber, wo der Schlüssel liegt, heute am Sonntag auch geschlossen.

Aus Bruchköbel raus geht es mal wieder unter der A66 durch, aber das ist eigentlich das einzige kurze Stück der heutigen Etappe, das nicht naturnah bzw. unwirtlich ist. Das war auf den zwei vorangehenden Etappen anders gewesen.
In dem nächsten Ort Mittelbuchen gibt es einen mittelalterlichen Rundturm und ein historisches Stadttor mit einem Fachwerkhäuschen obendrauf.

Weiter gehe ich auf einem Fuß-/Radweg nach Wachenbuchen, wo ich auf einer Bank meine Mittagspause mit Rote Bete Saft, der mir jetzt nach Pellkartoffeln zu schmecken scheint und KiBa, wie A. sagt, mache.
in Wachenbuchen ist der Kirchraum zwar zu, aber zumindest der Vorraum geöffnet, sodass man sich bei Regen unterstellen könnte. Ich mag die Zwischenstationen in den Kirchen, die mich als unsteten Wanderer zur Ruhe kommen lassen und meiner Seele gut tun. Es gibt auch oft etwas zu Entdecken.

Zwischen Äckern geht es nun hinauf zum Hühnerberg mit Sicht zum Spessart und dem Kraftwerk Großkrotzenburg. Oben ist eine rote Bank – die Leseecke – wo ich mich niederlasse. Ich bin nun auf der Hohen Straße, dem Handelsweg zwischen Leipzig und Frankfurt. Dies ist insbes. am Sonntag eine beliebte Radstrecke. Die Rennradler flitzen an mir im Minutenabstand vorbei.

Die Hohe Straße ist hier eine Art Kammweg, man kann gleichzeitig links den Spessart und rechts den Taunus erblicken. Es kommt nun die Sonne raus, das Wetter ist ähnlich gut wie am ersten Wandertag auf der Etappe von Vacha nach Geisa.
Ich erreiche die Hohe Lohe, wo recht sinnbefreit und mit Amtsdeutsch verbrämt zwei Stelenreihen aus Beton hingepflanzt worden sind.

Der Weg zieht sich nun ein wenig und ich komme in Bergen an, wo ich ein Stück auf einem höhergelegenen Pfad hinter Buschwerk, das die Sicht nach Frankfurt verschleiert, gehe. Hier mache ich einen winzigen Abstecher zum unspektakulären Stadtschreiberhaus, wo die Rollos runter sind. Der bzw. die aktuell hier residierende Literat(in) scheint gerade nicht da zu sein.


Auch in Bergen ist die ev. Kirche verrammelt, aber zumindest liegt sie schön in der Abendsonne hinter der Stadtmauer.

Von Bergen, das sich von Enkheim, dem zweiten Ortsteil von Bergen-Enkheim dadurch auszeichnet, dass es ein gutes Stück höher liegt, hat man eine schöne Aussicht – so heißt auch ein Lokal – auf die City.

Mein Hotel ist im Gewerbegebiet von Enkheim, zu dem ich auf schmalen Pfaden hinabsteige. Die vorletzte Etappe ist geschafft. Ich lasse mich auf die Couch in meinem komfortablen Einzelzimmer fallen.
Hier ist der Überblick über meine Wanderung auf dem Jakobsweg von Vacha nach Niederhöchstadt im Februar 2025.
Salziges Wasser
Zickzack um die Autobahn
Demo auf Marktplatz
Heute steht die mit knapp 30 km längste Etappe auf dem Programm. Was ich noch nicht weiß, es wird auch die bis jetzt Ödeste insbesondere in der 2. Hälfte, wo es lange Strecken an der A66 langgeht, um sie herummäandert, also auch noch länger ist als die Autobahn.
Ich komme morgens nur langsam in die Pötte, schreibe lange am Tagebuch, spüre aufgrund der Fettverbrennung in der Dusche eine gewisse Kurzatmigkeit. Es gibt vor der Zimmertür neben dem Kühlschrank mit freien Getränken, zu denen man einen Obolus leisten kann, einen Wasserkocher. Ich gieße mir zwei Pötte grünen Tee auf, der peu à peu meine Lebensgeister weckt.
Gegen 8h20 verabschiede ich mich von meiner Gastgeberin und trete hinaus. Jeden Tag verliere ich ca. 1 Pfund, entsprechend leichter fühle ich mich.

Ich mache mir Gedanken über die Zeit nach dem Fasten, es ist ja bekannt, dass jeder fasten kann, aber nur wenige fasten brechen können. Ich visiere nach dem Ausgleichstag langfristig ein 14:10 Intervallfasten an, d. h. 14 Stunden am Tag fasten und 10 Stunden, in denen ich essen darf. Dabei wird sich das Fasten vom späten Nachmittag bzw. Abend bis zum Vormittag hinziehen. Es werden wohl zwei leicht verschiedene Regimes, je nachdem, ob ich im Home Office oder in Berlin bin.
Aus dem Ort heraus gehend, komme ich schnell zur Kinzig, der ich flussabwärts folge. Ich komme auf den Radweg nach Bad Soden. Er geht schnurgeradeaus und ist asphaltiert, ist also nicht sehr schön zu gehen, aber ich komme flott vorwärts. Hier fängt es an, ein bisschen zu hageln. Rechts neben mir sehe ich seltsam verlaufende und versickernde Wasserläufe, es handelt sich um den Anfang der Kinzigtalsperre. Nach einer Weile sehe ich eine lustige Holzkapsel vor mir, in die man hineinsteigen kann. Drinnen gibt es ein Fernglas, mit dem man die verschiedenen Entenarten beobachten kann. Leider ist diese Station fehlkonstruiert. Die Bank ist zu weit vom Fernglas entfernt, so dass man nicht gleichzeitig sitzen und gucken kann. Ich muss mich fast hinhocken, um das schwere Fernglas in eine Position zu bekommen, so dass ich die Enten sehe. Da wurden mal wieder öffentliche Gelder nicht optimal eingesetzt.


Auf dem Radweg tippele ich über eine Stunde lang und treffe zwei Spaziergänger bevor ich die Kinzig überschreite und die Kinzigbahnstrecke sowie die A66 das 1. Mal unterquere. Ich bin jetzt in Bad Soden und komme direkt am Pavillon der Pacificus-Quelle raus. Diese Quelle ist mit über 8 g H2CO3 auf den Liter angeblich die kohlensäurehaltigste Quelle Deutschlands. Was mich allerdings noch mehr verblüfft, das Wasser enthält 44 g Salz auf den Liter, also 4,4%. Zum Vergleich in der Nordsee beträgt der Salzgehalt 3,5%. Mit anderen Worten dieses „Heilwasser“ ist in seiner Ursprungsform untrinkbar. Aber zum Baden sicher wunderbar.

Von hier geht es den Heilquellenweg den Stolzenberg hoch über einen Kreuzweg – ein ehemaliger Friedhof – zur geschlossenen Laurentiuskirche. Unten gehe ich in eine Bäckerei mit angeschlossenem Cafe und trinke einen grünen Tee sowie eine Cola ohne Zucker. Beim Lesen der Nachrichten verschlägt es mir die Sprache. Die USA agieren wie Cowboys im Wilden Westen und lassen Europa fallen wie eine heiße Kartoffel, das Regime macht Ernst und versucht nebenbei noch die eigene schwer angeschlagene Demokratie zu exportieren. Als hohle Worte von Wichtigtuern kann man das jetzt kaum noch abtun. Ich denke jetzt hilft nur eins und zwar ein einiges, starkes, kühl und besonnen agierendes Europa, das ich aber leider momentan nicht sehe. Ungewisse Zeiten stehen uns bevor.
Now for something else. Ich gehe an der Salz (!) entlang raus aus Bad Soden, verpasse in Gedanken einen Abzweig nach Salmünster und gehe dann einen Forstweg hoch zu einem sich drehenden (!) Windrad hin. Nun geht es hinunter und was sehe ich links von mir? Ein Schaf, das für mich auf den 1. Blick aussieht wie ein Rhönschaf. Auf den 2. dann doch nicht, es hat schwarze Beine.

Ich erreiche nun Wächtersbach, dass ich einmal komplett durchquere. In der 2. Hälfte liegt die Altstadt mit Schloss und Fachwerkhäusern. Die evangelische Kirche ist zu.


Hinaus geht es über Ausfallstraßen und ein Gewerbegebiet, das Muster wiederholt sich. Ich bin trotzdem bester Dinge, quietschfidel, die Füße fliegen nur so dahin. Ich laufe nun rechts der Autobahn, deren Rauschen mich nicht stört, ich höre ein hochinteressantes Interview mit der Schriftstellerin Rachel Cusk und ihrem Mann. Rechts von mir ist eine überschwemmte Wiese, auf der ich plötzlich zwei dahinstaksende Störche entdecke. Dem Vorderen bin ich schon zu nah und er entschwebt bald nach weiter hinten.

Ein lohnenswerter Abstecher von der A66-Parallelstrecke ist Wichtheim. Die von Katholiken und Protestanten gemeinsam genutzte Simultankirche ist auf und ich erfreue mich an den lichtdurchlässigen Kirchenfenstern mit roten Einsprengseln. Außerdem hat Wichtheim noch ein Schlösschen zu bieten, das ähnlich aussieht wie das in Wächtersbach, nur viel kleiner ist.

Nachdem es noch ein Stück eingezwängt zwischen Kinzigbahn und Autobahn weitergeht, komme ich nach Haitz und dann zu meinem Etappenziel dem schmucken Fachwerkort Gelnhausen. Am Markt wird mit Musik für Demokratie und Klimaschutz demonstriert, viele sind bei den frostigen Temperaturen allerdings nicht gekommen.

Mein Hotel, in dem es sehr nach griechischer Küche duftet, liegt direkt neben dem Geburtshaus von Philipp Reis, dem zentralen Wegbereiter des Telefons, ohne den ich diesen Eintrag nicht hätte ins Handy tippen können. Danke nachträglich.

Hier ist der Überblick über meine Wanderung auf dem Jakobsweg von Vacha nach Niederhöchstadt im Februar 2025.
Dicke Schneeflocken
Rehe springen wie Flummis
Märchenkinderzeit
Die Nacht ist wie meistens nur mittelprächtig, ich wache früh gegen 4 auf, liege ein Stündchen wach und schreibe dann mein Tagebuch ins Smartphone. Beim „Frühstück“ zwinge ich mich, ein Liter Wasser vorweg zu trinken. Trotzdem habe ich später auf der Strecke bald eine trockene Kehle und lasse kaum Wasser. Erst nach der Ankunft, nachdem ich mich ins Bett gelegt habe, muss ich dann ca. alle 20 Minuten. Während der Wanderung wird das Wasser anscheinend im System zur Spülung gebraucht, danach kann es ausgeschieden werden. Ich schwitze so gut wie nicht.
Draußen erwarten mich die ersten Schneeflocken, die Temperaturen um null Grad, der Weg glatt. Es geht über einen Höhenzug, um Windräder herum, die stehen. Ich genieße die Morgenstimmung, bin erstmals schon um 8 los, fühle mich leicht. Die erste Stunde am Morgen ist immer die Beste, ich gehe wie in Trance, durch den Kopf läuft das Gedankenkarussell. Ich freue mich darüber, dass erstmal kaum Orte am Weg sind, ich ganz allein in der Natur sein darf. Ich komme durch ein verschlafenes Dorf, wo ich einige Gedanken notiere.

Heute mittag ist Wanderhalbzeit, ich bin freudig überrascht, dass noch so viel vor mir liegt. Eine kleine Unachtsamkeit und ich bin vom Weg ab, auf den ich aber schnell wieder zurückkomme dank Wanderapp E-Walk. Ich stoße auf einen Rhön-Rundweg, hier scheint also doch noch ein Ausläufer der Rhön zu sein.
Ich höre in der Ferne das Rauschen der Autobahn, hoch über mir ein Flugzeug, Vogelgezwitscher. Als ich so den Berg hinaufstiefele, sehe ich vor mir auf der Wiese zwei Rehe, die mich erst nicht wahrnehmen. Plötzlich springt das eine in hohem Bogen bestimmt zwei Meter nach oben und dann auch nach vorne. Das andere tut es ihm gleich und folgt ihm. Welche Eleganz der Bewegung! Ich bin sprachlos.
Die Schneeflocken werden nun dicker und dichter und verfangen sich in meinem Schal, auf der Mütze tauen sie sofort. Ich habe den leicht zynischen Gedanken, dass ich gerade genau das Richtige tue, indem ich versuche, die letzten Winter zu genießen, bevor der Klimawandel so richtig zuschlägt.
Der Gedankenstarkregen setzt sich fort, die Ideen sprudeln nur so aus meinem Kopf. Was das Fasten angeht, so ist der menschliche Körper dafür gebaut. Als Jäger und Sammler haben wir ja auch über längere Zeiträume nichts gegessen, wurden von der Evolution dahin entwickelt, Energiereserven in uns anzulegen für die schlechten Zeiten. Mit anderen Worten, was ich da gerade mache, ist völlig normal und natürlich. Das permanente Essen ist nicht normal und die Ursache für viele Krankheiten. A propos, Buchinger, der das Heilfasten mit Säften und Brühen wiederentdeckt hat, hatte eine Entzündung des Knies, die er damit geheilt hat. Mein immer beim Aufstehen schmerzendes Knie tut nicht mehr ganz so weh, scheint mir.
Der Nebel oben am Waldrand wird immer dichter, löst sich unten dann wieder etwas auf. Ich unterquere die Bahnstrecke, wo zwei Güterzüge in kurzem Abstand passieren. Die Stimmung ist seltsam, kein Mensch weit und breit.

Ich erreiche Schlüchtern, das an der deutschen Märchenstraße von Bremen nach Hanau liegt, über das Gewerbegebiet. Ein Lkw-Fahrer, der seinen Sattelschlepper am Straßenrand abgestellt hat, scheint mich zu mustern. Ein auffälliges Gebäude im Ort stellt sich als ehemalige Synagoge heraus, die später als Kulturzentrum genutzt wurde und nun als Stadtarchiv dienen soll.

Im Ort trinke ich in einer Cafe/Bar einen marokkanischen Minztee und eine Cola zero. Ich komme mit dem Barmann ins Gespräch, da ich ihn nach der Sprache frage, die er mit zwei älteren Gästen spricht. Es ist albanisch, er ist aus dem Kosovo, die beiden anderen direkt aus Albanien. Er erzählt mir von der Vetternwirtschaft und Korruption dort. Angeblich sind die fünf besten Ärzte Albaniens alle im Krankenhaus in Schlüchtern, weil sie in Albanien nicht die richtige Connection hatten.
Ich gehe durch ein Wohngebiet, wo mir verführerischer Brathähnchengeruch in die Nase steigt. Ich kann den Geruch genießen, ohne das Hähnchen zu essen, ich würde sogar sagen nur durch die Nase genieße ich es wie die Blume beim Wein sogar intensiver. Wobei ich mich auch noch an der Aussicht erfreue, demnächst in Wilmersdorf bei Witwe Bolte mal wieder ein Knusperhähnchen zu essen. Gleichzeitig denke ich, dass das Fasten wie ein Reboot des Körpers ist.
Auf einem Schotterweg, der bald geteert werden wird – mir kommt auch schon ein Raupenfahrzeug entgegen – gehe ich an der Kinzig entlang und überquere sie bei Niederzell. Das Wasser steht ziemlich hoch für die erste Februarhälfte. Wenn die Schneeschmelze einsetzt, wird es sicher Hochwasser geben.

Bei der Pause auf einer Bank hinter Niederzell nehme ich wegen der Kälte nur kleine Schlücke Wasser. Ich stelle fest, dass mein Körper nicht viel Bock auf Salziges, also Gemüsesäfte oder Brühen hat, aber viel Lust auf süße Säfte und (zuckerfreie) Bonbons.
Ich komme nun an meinem Zielort, dem gut erhaltenen Steinau an der Straße (!) an, wo die Leute mich nett grüßen. Das großzügige Schloss aus der Frührenaissance ist sehr gut erhalten und stellt eine Kombination aus Wehranlage mit Bergfried und repräsentativem Schlossbau dar.

Ich gehe in die Ausstellung Arzt+Tod in der Katharinenkirche. Es wird ein großer Bogen gespannt vom 16. Jahrhundert und davor bis heute. Wie der Arzt dem Tod immer mehr auf die Schliche kommt im Laufe der Zeit – z. B. Röntgen – am Ende aber schlussendlich keine Chance hat. Im von mir ausgewählten Bild von 1968 schiebt der Tod sein Opfer auf der Bahre am nur zuguckenden Ärzteteam am Rande im Affentempo vorbei: „Der ist meiner!“

Während die Wärterin des Brüder-Grimm- Museums noch etwas erledigen muss, bewundere ich schon einmal den Originalstraßenbelag der Via Regia. Das stelle ich mir dann doch als eine holprige Angelegenheit vor für die Herrschaften in der Kutsche im 18./19. Jahrhundert.

Im Museum verbringe ich einige Zeit. Hier verlebten die sechs Geschwister Grimm eine schöne Kindheit, ihr Vater war Amtmann, was einem heutigen Landrat etwa entsprach. Jacob und Wilhelm, die Ältesten waren in Hanau geboren. Nach dem relativ frühen Tod des Vaters ging es erst einmal ins Armenhaus, das Huttensche Hospital in der Nachbarschaft und später nach Kassel.
Die Räume im Erdgeschoss inkl. Küche widmen sich der Familiengeschichte, im 1. Stock kann man in die Märchenwelt eintauchen und die Märchen aufgrund von dargestellten Szenen erraten. Rotkäppchen hat einen eigenen Saal. In der alten französischen Fassung Le chaperon rouge von Perrault war Rotkäppchen am Ende noch vom Wolf verschlungen worden. Die Brüder Grimm, hier war wohl Wilhelm die treibende Kraft, haben dann ein Happy End ersonnen. Wie man überhaupt sagen muss, dass die Urversionen der Märchen oft sehr grausam waren, in einem Märchen wird sogar ein Kind geschlachtet. Die Brüder Grimm haben die oft sehr kruden und kurzen Märchen etwas aufgehübscht und besser lesbar gemacht. Man kann Stunden in der Ausstellung verbringen.

Ich schlafe heute im Burgmannenhaus, einem alten Fachwerkhaus von 1589 mit niedrigen Türen.

Als Schlaftrunk gönne ich mir in meiner urigen Kemenate noch ein Pils.

Hier ist der Überblick über meine Wanderung auf dem Jakobsweg von Vacha nach Niederhöchstadt im Februar 2025.
Auf Vézelay-Weg
Vier parallele Strecken
Am Schabbat tabu
Frühmorgens nach vier Uhr habe ich einen sehr lebhaften Traum, in dem ich erstmals etwas rieche und zwar das Parfüm einer Frau aus meiner Vergangenheit.
Das Wetter ist heute trüb. Nachdem ich die Postkarte eingesteckt und einen Fehlkauf getätigt habe – das einzige Fußblasenpflaster, das ich finde, stellt sich als Herpesbläschenpatch raus – geht es los.
Ich bleibe dabei, die metallische Kronenhaube, die die Fuldaer dem Schlossturm letztes Jahr aufgesetzt haben, steht ihm ganz gut.

Auf der linken Seite des Doms sieht man Bonifatius mit dem erdolchten Buch, das er angeblich vor sich gehalten haben soll, als er von Räubern in den Niederlanden 754 ermordet wurde.

Im Dom fällt mir eine Petrusfigur mit erhobenem Zeige- und Mittelfinger auf, diese Handgeste hatte ich so ähnlich gerade erst in Point Alpha gesehen, so ganz habe ich sie noch nicht dechiffriert. Soll es „Hab acht“ bedeuten? Im Dom ist noch ein anderer Besucher, das nimmt etwas von dem überwätigenden Eindruck des barocken Baus.

Außen oben an der Domfassade in einer unzugänglichen Ecke hat sich der Baumeister Dientzenhofer verewigt, sehr zur Missbilligung seines Auftraggebers, des Fürstabts.

Nachdem ich den Ort durchschritten habe, erreiche ich die hochstehende Fulda. Es wird unmittelbar klar, warum die Stadt rund 1 km entfernt vom Fluss liegt. Ich überquere ihn auf einer Holzbrücke.

Es geht weiter durch einen Park, an einem Teich entlang. Der Weg ist allerdings gepflastert und nicht angenehm zu gehen für meine Füße. Heute ist fast die gesamte Strecke asphaltiert, ich entkomme der Zivilisation nicht. Auf Ausfallstraßen verlasse ich Fulda.
Vor Johannesberg – die Kirche wird heute zur Fortbildung in Denkmalpflege und Altbauerneuerung genutzt – steht eine Tafel mit einer Karte der beiden Jakobswege, die sich hier trennen. Der Installateur hatte aber offensichtlich eine Links-Rechts-Schwäche. Der Vézelay-Weg in rot, den ich nehme, geht nämlich nach rechts und der Le Puy-Weg (grün), den ich mit C. von Le Puy bis nach Santiago gewandert bin, geht ab nach links. Glück gehabt, dass ich mich nicht auf die Pfeile der Karte verlassen habe.


Bald hinter Johannesberg liegt rechter Hand eine in drei Jahren Arbeit von Freiwilligen erbaute Lourdesgrotte, wo ich ein Teelichtlein anzünde und kurz auf einer der vielen Bänke verschnaufe.

Ich erreiche nun einen Wald, wo sich der befestigte Forstweg schnurgerade hinzieht und ich in einen Flow komme. Ich hätte nichts dagegen, wenn das jetzt bis zum Ziel so weiterginge.
Am Ende des Waldes steht ein abgezäuntes Häuschen mit rauchendem Schornstein. Es ist niemand zu sehen. Was geht hier vor?
Oben auf der Kuppe mache ich mein Mittagspäuschen mit Gemüsesaft und Bananennektar, durch den leichten Niesel lasse ich mich nicht stören. Die Wiesen ligen im Dunst. Auf dem Acker rechts dampft ein Misthaufen, es joggt eine junge Frau mit einem Schäferhund vorbei, den sie an ihrem Gürtel angeleint hat.
Es geht nun weiter auf der mit Birken bestandenen Straße nach Neuhof, das ich auf der alten Heerstraße betrete. Natürlich wurde die Via Regia auch vom Militär genutzt, u. a. von Napoleon.
Aus der Rhön bin ich nun raus und bewege mich durch wellige Landschaft zwischen Spessart im Süden und Vogelsberg im Norden.
Diese Gegend, die früher Zonenrandgebiet war, liegt nun in der Mitte von Deutschland, entsprechend spielt der Verkehr eine immer größere Rolle. Ich gehe ein Stück, an dem vier Verkehrswege parallel verlaufen. Ganz links die A66 (Wiesbaden-Fulda) , die ich aufgrund des aufgeschütteten, bepflanzten Lärmschutzwalls kaum höre. Dann die vielbefahrene Bahnlinie Fulda – Frankfurt. Außerdem direkt links neben mir eine regionale Straße. Schlussendlich der Radweg, den ich nutze.
Nach einer Weile biege ich ab nach rechts in Richtung der Äcker und verlasse die Hauptverkehrsstrasse. Schon von weitem sehe ich links von mir in ca. 100 m Entfernung einen gelben Davidsstern zwischen den Bäumen. Es handelt sich um den umzäunten, abgeschlossenen Jüdischen Friedhof Flieden, wo auch die Juden aus Neuhof beigesetzt werden. An Feiertagen wie dem Schabbat darf er nicht betreten werden. Der Schlüssel liegt bei der Gemeindeverwaltung. Es fällt mir auf, dass jüdische Friedhöfe in Deutschland häufig weit abseits der Städte angelegt sind, in Kronberg im Taunus liegt der jüdische Friedhof auch verborgen im Wald bei Falkenstein.


Auf Feldwegen geht es anschließend rauf und runter nach Flieden. Am Ende gehe ich unter der Bahn und der A66 durch in den Stadtteil Rückers.
Im Gasthof trinke ich ein alkohfreies Weißbier und quatsche mit dem Wirt, der erstaunlich gut durch die Coronazeit gekommen ist, u. a. weil er für verschiedene Institutionen gekocht hat. Ich begebe mich auf mein anfangs arschkaltes Zimmer. Die Blase hat sich deutlich zurückgebildet. Das Blasenpflaster klebt zwar etwas an der Socke, hat aber einigermaßen gehalten. Allerdings hat sich eine neue, noch kleine blutunterlaufene Blase am kleinen Zeh links gebildet. Ich habe das Pflasterhütchen, das abgegangen ist, jetzt mal durchstochen, so dass das Röhrchen jetzt etwas besser sitzt. To be watched.
Hier ist der Überblick über meine Wanderung auf dem Jakobsweg von Vacha nach Niederhöchstadt im Februar 2025.
In Tasten hauend
Drei Touristen, ein Führer
Fürstensaalkonzert
Heute mache ich eine Wanderpause im Home Office im Hotel. Ich schaffe das Pensum, was ich mir vorgenommen habe, verarbeite die Daten, schicke den Bericht raus.
Die Blase ist derweil noch größer geworden, das Blasenpflaster ist verschwunden, hat wohl die 85 Grad in der Sauna nicht so gut vertragen, ich mache ein Neues drauf.
Mittags gehe ich einkaufen, Kombucha, Brühwürfel, Gemüsesaft, Bananennektar. Letzteren kaue und schlürfe ich anschließend genussvoll. Später in der Konzertpause am Abend gibt es noch leckere Ingwer-Orange Bionade und kurz vorm Zubettgehen leere ich die 0,33 l Pilsflasche aus der Minibar, ein Geschenk des Hauses. Ich verspüre seltsamerweise keine Wirkung, aber schlafe gut ein gegen halb 12. Die Esssachen wie die Gummibärchentütchen, die Minibrezeln und den Schokoriegel gebe ich einem Bettler, der sich darüber sehr freut.
Von 15h bis 16h30 nehme ich an einer Stadtführung mit einem Paar aus dem süddeutschen Raum teil. Der Führer ist aus Fulda und hat viel zu erzählen. Wir beginnen an dem zum Teil schon abgegriffenen Stadtmodell aus Bronze vor der Stadtinformation auf dem Bonifatiusplatz. Der christliche Missionar Bonifatius, der eigentlich Wynfreth hieß, kam in der 1. Hälfte des 8. Jahrhundert aus Südengland und war der Auftraggeber des Fuldaer Doms, einer Basilika mit angeschlossenem Kloster, deren Errichtumg er nicht mehr erlebte. Heute steht an derselben Stelle eine 1712 fertiggestellte Barockkirche, in der er begraben ist.
In Fulda kamen weltliche und kirchliche Macht in Form der von Friedrich II. 1202 erhobenen Fürstabtei zusammen.
Es geht weiter zum Schloss, dem letztes Jahr eine metallene Krone für 600.000 Euro aufgesetzt wurde, was dem Führer nicht gefallen hat. Ich, der das Schloss nie anders gesehen hat, fand es überraschend progressiv und eher positiv. Das Schloss wurde in etwa gleichzeitig zum Dom ebenfalls von Dientzenhofer bis 1714 gebaut. Ein Detail, das mir vorher nicht klar war, die Prellsteine an den Ausfahrten waren dazu da, dass die Kutschen, wenn sie raumgreifend um die Ecke fuhren, nicht die Fassade beschädigten.

Wir gehen hinüber durch den Schlossgarten zur Orangerie, die man im 18. Jahrhundert, als der französische Hof den Ton angab, natürlich unbedingt brauchte. Die Temperaturen waren nördlich der Alpen für Zitrusfrüchte viel zu niedrig, daher wurden sie in den Vorläufern der Gewächshäuser gehalten, der Ertrag war eher dürftig. Heute bei der Kälte ist hier niemand, aber im Hochsommer kühlt sich angeblich halb Fulda neben der dann zehn Meter hohen Springbrunnenfontäne ab.

Die Stadtführung geht nun weiter zum Dom, wo sich Dientzenhofer weit oben mit seinem Konterfei verewigt hat, der Führer spricht fast nur von der alten Basilika, deren Türme übrigens angeblich aus Aberglauben nicht abgerissen wurden und sich in den Türmen der Barockkirche befinden.
Wir gehen weiter an einem schönen Fachwerkhaus vorbei, wo Ferdinand Braun geboren wurde, der Erfinder der Braunschen Röhre, ohne die wir heute nicht fernsehen würden. Anschließend passieren wir das Geburtshaus des Vaters unseres Führers. Er stellt sich eine Zeitmaschine vor, wie sein Vater vor dem Krieg hier rumgetollt ist.
An dem Bäckerhaus steht eine Jahreszahl 15×8. Statt dem x steht dort ein Zeichen, das wie ein auf dem Kopf stehender Fisch aussieht. Es ist eine halbe Acht, also eine Vier, die wohl als unglücksbringend galt. Wir gehen bis zur Stadtpfarrkirche, wo die unterhaltsame und interessante Führung endet.
Abends gehe ich ins Konzert im Fürstensaal des Schlosses. Es spielt die Freitagsakademie Bern auf Epocheninstrumenten Auszüge aus der Entführung des Serail und nach der Pause die sich etwas hinziehende Serenade Nr. 10 B-Dur, ebenfalls von Mozart. Es werden Oboe, Klarinette, Horn und Fagott vorgestellt, die schwieriger zu spielen sind, da sie meist keine Ventile oder Klappen haben. Die Horntöne werden nur mit dem Mund und der Hand, die man in den Schallbecher stopft, erzeugt. Die Leiterin erklärt jede Opernszene vorher, da der Gesangsteil ja fehlt. Die Musik ist eine schöne Abwechslung von der Wanderei, ist aber nicht so wirklich meine. Wiedererkennen tue ich natürlich die Arie des Osmin, Ha, wie will ich triumphieren. Den Altersdurchschnitt im fast vollbesetzten Saal senke ich, bin allerdings mit meinen Multifunktionsklamotten völlig underdressed. Aufgrund der vereinzelten standing ovations wird noch eine Zugabe gespielt, das Happy End der dann doch geglückten Entführung.

Hier ist der Überblick über meine Wanderung auf dem Jakobsweg von Vacha nach Niederhöchstadt im Februar 2025.
Auf leichten Füßen
durch zerschnittene Landschaft
an Haune entlang
So langsam wird das Wandern zur Routine, ich mache kaum noch Bilder, es geht scheinbar schnell voran, die Füße fliegen zumindest am Vormittag. Von der immer größer werdenden Blase merke ich nichts.
Aber zuerst müssen heute morgen um zehn Uhr drei mal zwei Berlinaletickets für den Publikumssonntag, den 23.2., ergattert werden. Und zwar für Köln 75, Monk in Pieces und La cache. Ich klicke schnell genug, es klappt.
Um 10h15 schließe ich die Gasthoftür zweimal zu, werfe den Schlüsselbund in den Briefkasten und werde von der Tageshelle sofort geflasht, ich fühle mich leicht wie ein Vogel, was aber leider nicht bis zum Ende des Wandertages anhält.
Aus dem Ort raus überquere ich auf einer Steinbrücke die Haune, die mich einen großen Teil des Tages begleiten wird. Ein Bildstock stimmt mich ein auf meinen Zielort, das erzkatholische Fulda. Die Weintrauben unten auf der Säule lassen vermuten, dass man den schönen, überflüssigen Dingen des Lebens aber auch nicht abgeneigt ist.

Es geht nun ein gutes Stück an der vielbefahrenen, mit Lärmschutzwänden versehenen B27, entlang. Ich komme in Rückers an, wo ich vor der offenen, schlichten Dorfkirche für „300 Seelen“ ein Päuschen auf einer Bank einlege. Auch hier ist der Fasching kurz davor, seinen Höhepunkt zu erreichen.

Im Ort überquere ich die B27 und unterquere eine weitere Verkehrsverbindung, die Bahntrasse Bebra – Fulda. Es herrscht reger Betrieb. Neben den ICEs, die gebremst unterwegs sind, fahren hier auch jede Menge Güterzüge. Nun geht es leicht bergan in einen Fichtenwald, den ersten auf der Wanderung. Der dunkle Wald hat etwas Beruhigendes, ich treffe niemand. Unter mir liegt ein See, der mir erst wie ein Bumerang geformt erscheint, aber sich dann doch länger erstreckt, es ist die Haunetalsperre, an der ich auf einer Bank mein Mittagsmahl bestehend aus Gemüse-, Kirschsaft und Wasser einnehme. Der See ist in der Mitte zugefroren, am Rand jedoch nicht, er taut gerade auf bei 3 Grad Außentemperatur. Es kommen zwei „Mütterchen“ vorbei, die eine slawische Sprache sprechen. Mir scheint, dass die in Deutschland lebenden Russen und Ukrainer die aktuelle Kälte genießen, weil sie sie an die Winter in ihrer Heimat erinnert. Es fällt jedenfalls auf, dass ich vielen slawisch sprechenden Spaziergängern begegne.
Im nächsten Ort, Steinau, treffe ich auf die ersten Schafe, es sind aber noch keine Rhönschafe, die ja einen schwarzen Kopf haben.

Am Wegesrand fasziniert mich ein im Wind wogendes Schilffeld, das wie ein Fremdkörper allein in der Landschaft dasteht.

Die nächste Rast mache ich kurz vor der Unterquerung der A7 (mit knapp 1000 km die längste Autobahn Deutschlands, geht von der dänischen Grenze bis Füssen). Es ist heute schon auffällig, wie die Landschaft von Verkehrswegen zerschnitten ist, ich befinde mich ja selbst auf einem, der Handelsstraße Via Regia. Mein Camino verläuft heute übrigens wieder viel über asphaltierte Wirtschaftswege, damit bin ich der Natur schon ein stückweit enthoben.
Die angebliche 16 km Etappenstrecke – ich glaube es sind mehr – ziehen sich nun. Ich komme nach Petersberg, gut 2 km vor meinem Zielort. Hier geht es plötzlich links einen Kreuzweg mit dunklen Steinplatten, die die Stationen darstellen, steil den Berg rauf. Eine jüngere, durchtrainierte Sächsin überholt mich. Die Kirche St. Peter, die eine Landmarke darstellt, ist montags leider geschlossen. Die Benediktinerkirche ist von ca. 836, die heilige Lioba ist hier bestattet.
Die Sicht zur Hochrhön, die Wasserkuppe liegt 18 km Luftlinie südöstlich, ist heute getrübt. Man kann die einzelnen Bergkuppen höchstens erahnen.

Ich entdecke hier den 780 geborenen Gelehrten Rabanus Maurus, der am Hof Karls des Großen ausgebildet wurde, dem Kloster Fulda vorstand und später Erzbischof von Mainz war. Er hat viele Texte verfasst, u. a. Kreuzgedichte.


Auf dem Pfaffenpfad geht es nun hinab nach Fulda, wo ich unweit des Schlossgartens mein Quartier – in der Rabanusstraße! – für die nächsten 2 Nächte finde. Ich werde hier einen Ruhetag in Form von Home Office einlegen. Nach zwei Saunagängen im Stadtbad bin ich rechtschaffen erschöpft und schlummere bald ein.
Hier ist der Überblick über meine Wanderung auf dem Jakobsweg von Vacha nach Niederhöchstadt im Februar 2025.
Ungläubiger Blick
französischer Bulldogge
auf Jakobspilger
Wartburg im Nebel
Waldbedeckte Bergkuppen
Gleißende Sonne
Nach dem Saftfrühstück bewege ich mich an der Stedtfelder Straße entlang bei Minustemperaturen Richtung Haltepunkt Opelwerk. In der Ferne im Nebel thront wie verwunschen die Wartburg über der Landschaft, eine wahre Landmarke. Außer mir ist hier niemand. Um 8h35 saust ein ICE an der Haltestelle vorbei und weht mich fast um. Die Regionalbahn hat daher 5 Minuten Verspätung.

Am Eisenacher Bahnhof hol ich mir erst einmal einen großen grünen Tee, ich bin jetzt schon dehydriert und kämpfe dann doch mit dem leeren Bauch, wahrscheinlich die Rache für den optimistischen leichtfertigen Eintrag gestern. Den tea to go schlürfe ich genüsslich im Regionalzug nach Bad Salzungen, der hier noch gut 20 Minuten rumsteht. Meine Lebensgeister sind nun wieder geweckt. In Bad Salzungen steige ich in den gut besetzten 100er Bus nach Vacha, der mich über Merkers – im Schaubergwerk war ich schon einmal vor Jahren mit meinem Vater – an den Ausgangsort meiner Wanderung bringt. Vacha war im August 2020 der Endpunkt der Wanderung mit C. auf dem ökumenischen Jakobsweg von Görlitz gewesen. Ich gehe jetzt weiter auf der Via Regia bzw. dem Jakobsweg gen „Heimat“. In Vacha halte ich mich nicht lange auf, es ist ja jetzt schon 10h20 und es liegen noch 25 km vor mir.

Die erste Jakobswegmarkierung ist schnell gefunden. Es geht nun durch die thüringische Rhön.

Am Ortsausgang der Friedhof mit der Kapelle, die zum im Bauernkrieg geschleiften Servittenkloster gehörte. In dieses Kloster war Hermann Künig eingetreten, der Ende des 15. Jahrhunderts nach Santiago pilgerte und darüber einen der ersten Berichte verfasste.

Der Weg nach Süden ist am Morgen zum Teil noch gefroren und der harte Boden knirscht bei jedem Schritt. Das wird sich im Laufe des Tages ändern. Die Sonne wird mehr und mehr das Regiment übernehmen und der Weg wird weicher und zum Teil matschig werden. Ich gehe heute anfangs viel auf Asphalt, meist kleine Wirtschaftsstraßen, später auf einem Radweg. Die Landschaft ist offen und man sieht die waldbedeckten Kuppen, die aus vulkanischer Tätigkeit resultieren; ich befinde mich in der Kuppenrhön.

In Sünna komme ich leider nicht in die barocke Bilderkirche. Auch im Pfarrhaus, vor dem ein großer, weißer Herrnhuterstern hängt, macht niemand auf.
Hinter Sünna öffnet sich ein schöner Blick zum Oechsenberg, dem nördlichsten Berg der Rhön, wo zu DDR-Zeiten Basalt abgebaut wurde, der Berg hat dadurch über 10 Meter an Höhe verloren. Vor der Wende war das hier Sperrgebiet, mit dem man aus der DDR nur mit Passierschein hineinkam.

Es geht jetzt schnurgeradeaus auf einem Radweg, Radfahrer treffe ich nicht, Spaziergänger nur vereinzelt. Ein beschaulich daliegender Teich mit überdachten Bänken und Schilf am Ufer lädt zur Rast ein.

Es wird nun Nachmittag und warm, ich binde die Regenjacke um den Bauch. Das Fortkommen wird beschwerlicher, je näher ich dem Ziel komme. Die neuen – allerdings eingelaufenen – Schuhe, die neuen Einlagen und die neuen Merinowollsocken sowie meine permanente Dehydration, die auch mit dem Fasten zusammenhängt, spielen hier sicher auch eine Rolle. Die Anstiege sind zwar nicht steil, aber ziehen sich, ich fange an, einen Podcast über Ernährung – passt gut zum Fasten 😉 – zu hören.
Im Wald, von dem es in der Rhön nicht so viel gibt, begrüßt mich eine kleine Jakobsstatue, darüber hängt die Wunschglocke, die ich natürlich anschlage, während ich mir etwas wünsche. Eine Mutter mit zwei Kindern tut es mir kurz danach gleich.


Vom Waldrand hat man einen wunderschönen Blick, den Inselsberg kann ich allerdings, wenn überhaupt nur erahnen.

Oberhalb von Bremen/Thür. spanne ich auf einer Wohlfühlbank aus, das Leben kann so schön sein.
In Bremen hat die barocke, dem Jakob dem Älteren geweihte Kirche geöffnet, im rechten Seitenaltar ist die Heilige Barbara abgebildet, die Schutzpatronin der Bergleute.

Die letzten Kilometer schaffe ich jetzt auch noch. In Geisa ist der Fasching im Gange, es gibt eine neue Prinzessin, zu deren Ehren mit Papierschleifen geschmückte Weihnachtsbäume am Straßenrand stehen, die am Ende zusammen auf einem Berg nahebei verbrannt werden.

Ich komme nun zu meiner Unterkunft, wo ich die eiskalte Dusche – nach der Warmen – genieße, ein alkoholfreies Weißbier zu mir nehme und mir idiotischerweise die Bundesliga anschaue. Ich bin fix und fertig.

Hier der Überblick über meine Wanderung auf dem Jakobsweg von Vacha nach Niederhöchstadt im Februar 2025.
Der Bauch passt sich an
Steil die Böschung hinunter
Frieren in Sauna
Heute geht es endlich wieder los. Eine neue Wanderung wartet auf mich. Irgendjemand hat geschrieben, dass man eine wirkliche Wanderung alleine macht, jemand anderes, dass man sie im Winter macht. Das finde ich beides auch, noch intensiver wird sie für mich allerdings dadurch, dass man dabei nichts isst. Das entfernt mich aus dem Alltag, verstärkt die Sinneseindrücke, lässt mich zu mir kommen.
Nach dem Ausgleichstag am Donnerstag, an dem ich Obst, Joghurt und Suppen zu mir genommen habe, wird es nun ernst. Morgens nach dem grünen Tee erst einmal ein Einlauf, ein knapper Liter warmes Wasser rinnt langsam hinten rein, der Effekt lässt nicht lange auf sich warten: Der Darm entleert sich explosiv. Das Zeichen für den Körper, von der Verbrennung externer zugeführter kohlehydratreicher Nahrung auf die Reserven zurückzugreifen, die in ihm selbst schlummern. Immer wieder überraschend wie nahtlos das geht, Hunger verspüre ich kaum, höchstens eine gewisse Leere im Bauch, der sich der neuen Lage im wahrsten Sinne schnell anpasst: Der Magen zieht sich zusammen und schrumpft.
Ich habe heute noch einen Bürotag vor mir, den ich vor allem mit leicht stupiden, repetitiven Arbeiten an der Datenbank verbringe, um 15 Uhr geht es dann endlich hinaus, erst mit der U-Bahn zum Hauptbahnhof, dann wie vor einem Jahr, als ich meinen ersten Elisabethpfad ging, mit dem ICE nach Eisenach. Der Zug ist voll, die Reservierung zahlt sich aus. Die Mitreisenden untereinander ziemlich kommunikativ, ich höre Podcasts.
Es ist schon dunkel, als ich kurz nach 6 in Eisenach aussteige. Die gut 5 km zu meinem Hotel, demselben wie vor einem Jahr, das im Westen hinter dem Opelwerk in Stedtfeld liegt, gehe ich zu Fuß. Gegen Ende muss ich doch wieder ein Stück am Waldrand entlang, weil die Straße keinen Seitenstreifen hat. Die Stirnleuchte leistet mir hier gleich gute Dienste. Zum Schluss geht es ein kurzes Stück querfeldein über eine steile Böschung zur Straße. Es fehlt nicht viel und ich lege mich hin.
Im Hotel sitzen die Leute gemütlich im Restaurant, ich hole mir die Zimmerkarte, den Bademantel und die Wasserglasflasche, die aufs Haus geht, an der Rezeption ab und zahle gleich. Ein modernes, sauberes Doppelzimmer erwartet mich. Nachdem ich mich an dem Sprudel erfrischt habe, geht es in die kleine Sauna in der 3. Etage. Ich bin dieses Mal nicht alleine, eine Frau schwitzt schon fleißig, als ich es mir oben links bequem mache. Wir kommen erst nach einer Weile darauf, dass man bei dieser Sauna den Startknopf immer wieder drücken muss, da sie sonst ausgeht. Nach der ersten kalten Dusche friere ich doch tatsächlich leicht, als ich wieder zurück in die Sauna gehe. Nach erneutem Druck auf den Startknopf fängt der Ofen zu bollern an und das Wasser, das wir auf die Steine geschüttet haben, verdunstet endlich mit explosiven Knackgeräuschen. Wir kommen gut ins Schwitzen.
Danach begebe ich mich aufs Zimmer, nach der zeitversetzen Tagesschau, sehe ich mir in der Mediathek bereits das Literarische Quartett an, es geht auch um das neue Buch von Julia Schoch, das ich bereits gelesen habe. Jemand sagt, dass sie die ostdeutsche Knausgaard wäre, eine naheliegende Einschätzung. Ihn würde ich allerdings nie lesen, von Julia Schoch hingegen am liebsten alles. Ein Grund mag sein, dass sie im Vergleich recht wenig schreibt. Kurz nach zehn mache ich die Bettleuchte aus.
Die ersten Schritte
für das linke Knie schmerzhaft
bis es sich rund läuft
Kaputt gelaufen
Die liebsten Wanderschuhe
Nicht mehr im Programm

Fastvollmond verdeckt
von Wolken, weißes Licht strömt
durch Loch in -decke
Zu Fuß des Freiturms
die Stadt Kronberg getaucht in
letzten Sonnenstrahl
[Blick von Mammolshain]
Frostiger Nordwind
Eislaufen auf vier Pfoten
Mond über Kronberg
—
Zwei Haflinger auf Weide
Frankfurts Skyline leuchtet fern
[Mammolshainrunde]
Allein im Niesel
Streuobstwiesenrutschpartie
Himmel hellt sich auf
Mit scharfen Sinnen
durch Zwielicht und Dunkelheit
Der Hund mit dabei
Soulane, champ d’olives,
Passerelle, boîte à livres,
Tour, vent, Florentine
[4,3 km autour de Laroque-des-Albères]
Heuer gegangen
Zwei Elisabethpfade,
dann den Jakobsweg
Vacha – Geisa – Hünfeld – Fulda – Flieden – Bad Soden – Gelnhausen – Langendiebach – Bergen-Enkheim – Niederhöchstadt