Der schlechte Leumund
Unsres nächsten Verwandten
In Bezug auf Sucht
[Low – Monkey, 2005]
Der schlechte Leumund
Unsres nächsten Verwandten
In Bezug auf Sucht
[Low – Monkey, 2005]
Schon wieder schüttelt mich
der gliederlösende Eros,
bittersüß, unbezähmbar,
ein dunkles Tier
[Sappho]
Pünktlich zum Ende der Eisheiligen werden wir morgens von Sonnenstrahlen geweckt. Um 8 Uhr verlassen wir das Hotel, um in dem Bäckereicafe, wo wir schon gestern bei der Ankunft eingekehrt waren, zu frühstücken. Von Putendinkelbrötchen, Croissant und grünem Tee gestärkt, gehen wir bei blauem Himmel die Treppenstufen hinauf gen Schinderhannes Steig, ein kleiner Junge, der 8 Brötchen eingekauft hat, überholt uns leichten Fußes.

Eine riesige Glyzinie, die sich vor lauter Blüten hinabneigt, säumt den Weg aus dem Ort.

Im Wald hören wir im Baum direkt über uns einen Zaunkönig sein hohes Lied pfeifen. Auf den Lichtungen blüht überall der gelbe Ginster um die Wette. Auch wenn die heutige Etappe sehr kurz ist, so habe ich doch das Gefühl jetzt endlich im Flow zu sein, das Gehen, selbst bergauf, geschieht nahezu von alleine.
Nach einer Passage auf einem schmalen Wiesenpfad erreichen wir den Hauptweg, dem wir nach rechts folgen. Das heutige Highlight ist der auf dem Pferdskopf (661 m) gelegene Holzturm, zu dem es links hinauf geht. Von oben haben wir eine atemberaubende Sicht bis zur zweithöchsten Erhebung des Vogelsbergs, dem Hoherodskopf 60 km nördlich. Außerdem lässt sich im Nordwesten der Westerwald erahnen und man sieht im Osten natürlich das Feldbergplateau.

Von hier geht es zwischen jungen Buchen hinunter Richtung Treisberg, einem sympathischen, einsam gelegenen Ortsteil von Schmitten mit rund 150 Einwohnern. Hier findet am heutigen Sonntag ein Trödelmarkt statt. Wir ergattern Christa Wolfs Kassandra aus dem Bücherschrank und laben uns in der Sonne an einem Pott Kaffee und einem Stück Käsekirschkuchen, welches beides die Freiwillige Feuerwehr ausgibt. Ich stelle mir vor, was für eine eng verschweißte Gemeinschaft so ein kleiner, abgelegener Ort doch sein muss.

Es geht nun weiter hinab durch ein Laubwäldchen zu unserem Etappenziel, das auch den Endpunkt des Schinderhannes Steigs darstellt, der Landsteiner Mühle in Weilrod, die heute als Seminarhaus genutzt werden kann. Die Kirchenruine Landstein, eine ehemalige Wallfahrtskirche, verfiel bald nach der Reformation.


Hier sehen wir auch das Konterfei des unserem Steig den Namen gebenden Räubers, das allerdings den im Kreis um den Taunus herumführenden Schinderhannespfad markiert, dessen 189 km man in rund einer Woche absolvieren kann.

Wir gehen nun noch zur knapp 20 Minuten entfernten Bushaltestelle von Altweilnau-Egertshammer hinter dem Campingplatz und nehmen auf der bei Rennradfahrern sonntags sehr beliebten Strecke den 245er Bus nach Bad Homburg, wo wir in die S5 nach Rödelheim und dort dann in die S3 nach Schwalbach-Nord steigen, von wo wir in 10 Minuten zuhause sind. Eine wunderbare Wanderung findet ihr Ende.
Hier ist die Übersicht über die Wanderung auf dem Schinderhannes Steig vom 14.-17.5.2026.
Die Nachtruhe wird um halb drei unterbrochen, anschließend geht nicht mehr viel mit Schlaf. Ob es mit der anstrengenden Etappe am Vortag, dem Wein oder dem zu stark beheizten Schlafzimmer in der Einliegerwohnung zu tun hat, bleibt unklar.
Wir frühstücken in der Souterrainküche einen Ananas-Kokosnuss-Banane-Smoothie, Zimtschnecken sowie Obstsalat mit Naturjoghurt, dazu trinken wir grünen Tee.
Auf dem Weg zur Hauptstraße kommen wir etwas vom Weg ab, so dass wir den öffentlichen Bücherschrank passieren, in dem ich Wolfgang Hildesheimers schwere Mozartbiographie entdecke.
Draußen ist es noch kälter geworden, was auch an der Höhe liegt, Glashütten liegt auf 507 m. Die Hände an den Stöcken bleiben kalt, es sind rund 5 Grad. C. geht vorneweg, um warm zu werden, ich kann ihr nur schwer folgen.
Wir sind jetzt im Mischwald, allerdings sind die meisten Fichten noch gesund. Hier wurde früher Glas hergestellt, dafür war viel Brennholz nötig. Nach einem längeren flachen Stück geradeaus im Wald geht es steil bergauf, vor uns der Fernmeldeturm auf dem großen Feldberg (881 m).

Wir kommen zum Roten Kreuz (688 m). Das Gasthaus ist seit 2022 geschlossen, die Betreiber sind nach Mosbach bei Gersfeld in die Rhön unweit des Hochrhöners, den wir im Juli gehen werden, umgezogen.

Hier zweigt die Straße zum Großen Feldberg ab; mehrere Rennradfahrer kommen schon wieder runtergefahren.

Gelegentlich lockert der Wald auf und wir genießen die Sonnenstrahlen auf dem Körper. Die Mittagsrast machen wir auf dem Waldparkplatz Kittelhütte, es gibt Frikadellenbrötchen vom Metzger.
Wir gehen nun im großen Bogen um Seelenberg herum, das wir im Norden leicht streifen. Ein junger Wanderer mit Rucksack und Wanderhut kommt in der Gegenrichtung den Berg hoch.

Mit der Wahl meiner Halbschuhe aus Leder (Meindl Jamaica) bin ich nicht wirklich glücklich. Die Füße sind beengt, ich stoße beim Bergabgehen vorne leicht mit den Zehen an, bei der nächsten Wanderung am Pfingstwochenende werde ich wieder meine knöchelhohen Wanderschuhe (ebf. Meindl) tragen, die zwar deutlich schwerer sind, in denen der Fuß aber mehr Platz hat.
Wir gehen nun geradeaus recht steil bergab nach Schmitten rein, wo es anfängt, leicht zu tröpfeln, ich mache noch schnell ein Foto der Blume des Tages, es ist der Weiße Flieder.

Wir nehmen im Supermarktcafe einen Cappuccino nebst Erdbeerkuchen zu uns und begeben uns nun zu unserem Hotel, das von Indern geführt wird. Hier sinken wir erst einmal aufs Bett und holen den in der Nacht versäumten Schlaf nach.
Abends essen wir hervorragend im angeschlossenen indischen Restaurant, hinter mir eine Gruppe älterer Engländer, vor mir ein Großbildschirm, auf dem ein Cricketspiel läuft. Danach gehen wir noch einmal durch den Ort und trinken beim Indo-Italiener einen Verdauungs-Grappa. Wir kommen erst recht spät zum Schlafen.
Hier ist die Übersicht über die Wanderung auf dem Schinderhannes Steig vom 14.-17.5.2026.
Nach einer erholsamen Nacht und einem eher überschaubaren Frühstück versorgen wir uns erst einmal beim Bäcker mit Proviant in Form belegter Brötchen und Mohnschnecken. Der Startpunkt des Schinderhannes Steigs liegt im Wald hinter dem Hof Gumbrecht, wo es Blumen zum Selberpflücken und eine Weide mit kleinen Ponies gibt. Die Markierung des Wegs ist aus der Ferne gesehen eher unscheinbar, aber sie wird recht konsequent durchgezogen.

Der Weg beginnt mit einem Waldlehrpfad mit um die 80 verschiedenen Baumarten und verläuft anschließend größtenteils durch intakten Buchenwald; bald sehen wir vor uns in der Ferne die weiße Kuppel des Bah’àí-Tempel von Hofheim-Langenhain aus dem Wald herausragen, eines von acht Häusern der Andacht, wie diese Tempel genannt werden, weltweit. Es geht auf kurvigem Weg aufwärts Richtung Staufen, im Wald treffen wir auf zwei junge Rehe. Eine gute Stunde nach Aufbruch kommen wir zum Aussichtspunkt auf Eppstein mit dem Mendelssohn-Gedenkstein, wo ich schon auf meiner Ost-West-Durchquerung des Taunus im letzten Dezember vorbeigekommen war. Wir gehen weiter zum nahegelegenen Kaisertempel aus der Gründerzeit und dann hinunter nach Eppstein.
Dort besichtigen wir nach einem Cappuccino im Supermarktcafe draußen die recht gut erhaltene Burg mit dem früher als Verließ genutzten Bettelbub-Turm und steigen auf den Bergfried, der vom Türmer bewohnt war, der Bescheid gab, wenn es im Ort brannte bzw. sich Feinde näherten.




Es geht nun bald durch den Wald in Richtung Eppenhain, wo wir auf einer hinter Bäumen versteckten Bank unsere Mittagsrast halten. Den Schwenker über den Rossert sparen wir uns angesichts der langen Etappe heute und gehen stattdessen durch den hoch und einsam gelegenen Ort. Auf dem erst 2023 vollendeten Atzelbergturm aus Stahl – Vorgänger waren aus Holz gewesen und angezündet worden – läuft vor uns eine ukrainische Familie die 156 Stufen hoch. Oben wackelt der Turm etwas im Wind und ich kann das Unwohlsein der kleineren Tochter gut nachvollziehen. Der Blick über den Taunus ist grandios. Man sieht sowohl den Großen Feldberg als auch den Altkönig und hinter uns den nahegelegenen Fernmeldeturm und Eppenhain.


Wir bekommen nun einige Sonnenstrahlen ab, Regen hat es den ganzen Tag nicht gegeben, nur Haufenwolken sind über uns hinweggezogen.
Das nächste Zwischenziel ist das abgelegene Schlossborn, wo am 1. Mai immer die Rennradfahrer herumpesen. Wir gönnen uns beim gut frequentierten Bäcker einen weiteren Cappuccino.
An verschiedenen Teichen entlang gehen wir durch Wiesen zu unserem Etappenziel Glashütten, das ebenfalls einen verschlafenen Eindruck macht. Hier nächtigen wir in einer Einliegerwohnung im Souterrain, die Hausherrin macht sich Sorgen um Parkett, Mülltrennung und das Schließen der Tür, kredenzt uns dabei jedoch zwei Flaschen Mineralwasser, die unsere Organismen gut vertragen können.
Blume des Tages ist heute der gelb leuchtende Ginster, der uns in Glashütten am Wegesrand begrüßt.

Nach der Dusche machen wir uns auf in den als Straßendorf angelegten Ort, essen bei einer Koreanerin sehr leckere, frische mit Gemüse und Salat gefüllte kalte Frühlngsrollen und schlürfen Buchweizentee dazu. Mein Hauptgericht sind Krevetten und gebratener Reis, C.s Gemüse mit Reis, Ei und Kimchi. Die exzellenten Internetbewertungen hat die Köchin, die den Laden allein schmeißt, absolut verdient.
Schlussendlich kaufen wir noch im Supermarkt am Ortsende das Frühstück für morgen und lassen den Abend bei einer Flasche badischem Blanc de Noir ausklingen.
Hier ist die Übersicht über die Wanderung auf dem Schinderhannes Steig vom 14.-17.5.2026.
Wenn das Herz zerbirst
Sehnsucht nach einer Liebe
Nicht von dieser Welt
[Samuel Barber – Adagio for Strings, Op. 11 (Berliner Philharmoniker)]
Die nächste Wanderung steht vor der Tür. C. und ich sind dieses Mal auf den Spuren des Räubers Schinderhannes, der 1803 in Mainz unterm Fallbeil endete, im heimischen Taunus unterwegs. Nach einem üppigen Spargelmahl zuhause machen wir uns gegen Viertel vor zwei auf in Richtung des nahegelegenen Kelkheim, wo der Einstieg des Wanderwegs ist, der uns in drei Tagen nach Norden über die Höhen des Taunus bis nach Landstein kurz vor Neu-Anspach führen soll.
Das Wetter ist unstet und zu kalt für die Jahreszeit, bei Temperaturen leicht über 10 Grad kommt es immer wieder zu kurzen Regenschauern, die uns aber die gute Stimmung nicht verderben können. Aprilwetter im Mai, die Eisheiligen stellen sich dem Sommer standhaft entgegen.
Wir gehen den Anfang unserer Mammolshainrunde, die wir oft mit Kimba, der Berner Sennenhündin des Nachbarn machen. Es geht über den römischen Viergötterstein auf Schwalbacher Gemarkung am Friedhof vorbei über die L 3015 und dann parallel zu ihr durch den Wald. Rechts lassen wir den Altkönig hinter uns und kommen zu der Bad Sodener Sportanlage mit Tennisplätzen, -halle und Stadion.

Es geht nun am Waldrand entlang in Richtung Bad Soden, links tut sich ein Blick hinüber zu den gut 10 km entfernten Frankfurter Bankentürmen auf.

In Bad Soden steigen wir über ein Holzgitter und gehen durch ein Wäldchen hinab in Richtung Quellenpark, von wo schon Blasmusik ertönt.

Eine große Attraktion ist hier das Anfang der 90er gestaltete bunte Hundertwasserhaus, wo der Wiener Künstler seiner Kreativität freien Lauf gelassen hat. Das bewohnte Haus, das um einen 30 Meter hohen Turm mit vergoldeter Kugel obendrauf, errichtet ist, weist viele Rundungen auf, selbst das zugehörige, etwas beengte Parkhaus passt sich in den verspielten Architekturstil ein.


Zudem ist das neu gestaltete Badehaus von 1722 in den Komplex integriert. Hierum gab es harte Auseinandersetzungen mit der Stadt, die auf mehreren Tafeln dokumentiert sind.


Nahebei können wir uns mit einem gespritzten Apfelsaft erfrischen, die Blasmusiker ziehen gerade ab.

Die Blumen des Tages sind heute die überall opulent blühenden Rhododendren, die die Augen erfreuen.

Aus Bad Soden, das in einer Talsenke liegt, geht es über Treppen hinaus. Wir hören auch hier wieder in der Ferne Musik, der Feiertag wird ausgiebig begangen, wir sehen zudem gelegentlich junge Männer mit Bierflaschen in den Händen, die den Vatertag feucht feiern.
In Kelkheim quartieren wir uns in unserem schlichten Hotel ein, an das ein persisches Restaurant angeschlossen ist, wo wir später ein Reisgericht mit einem Tomaten-Auberginen-Mus mit Knoblauchnote und Ei sowie Safraneis zu uns nehmen werden.
Ein kleiner Rundgang durch den unspektakulären Ort zur höhergelegenen, Anfang des 20. Jahrhunderts im neuromantischen Stil errichteten Klosterkirche schließt den aktiven Teil des Tages ab.
Hier ist die Übersicht über die Wanderung auf dem Schinderhannes Steig vom 14.-17.5.2026.
Ich trau Augen nicht
Eine Siebenschläferin
Neben mir im Bett
Nach zwei Sprühstößen
Melatonin um zwei nachts
Ans Bett genagelt
Uberfahrer mit
Übergepäck von Berlin
Nach Eschborn fahren
Telefon klingelt
Klaffende, lange Wunde
Nach Sturz auf den Kopf
Beim Gang zur Haustür
Am Muttertag hinfallen
Als Fleurop klingelt
Tauben wecken mich
Die Rosskastanie blüht
Ciao, Eisheilige
Wie sich die Stimme
an die Melodie anschmiegt
Atemberaubend
[The Hidden Cameras – Boys of Melody, 2003]
Kriebelmücken. Wind.
Zeltenge. Landschaftsweite.
Manchmal muss ES raus!
[Bart Schrijver – The North (behind the scenes), 4 aus 5]
Abschiedsbrief fertig
Koffer aufs Rad, nach Duisburg
Schnell raus aus Deutschland
Bei Tanke gepennt
Schlüssel steckt, Tür angelehnt
Wertsachen perdu
[aufgew.]
Flower Power Vibes
Land langer weißer Wolke
Vom Gesang becirct
[Aldous Harding feat. H. Hawkline – Venus in the Zinnia]
Zwanzig Minuten
Nach halber Etappe ruh’n
Mittags im Schatten
Jogging um den Hof
Rückkehr in off’ne Zelle
Geldgürtel fast leer
Walnüsse knacken,
so dass die Schalenhälften
unversehrt bleiben
Gut ausgeschlafen
Körper holt sich, was er braucht
Auf ihn ist Verlass
Sterbenskrank im Bett
Banjo-Gitarren-Duo
Ein Chor zum Abschied
[Lambchop – Weakened]
Ganz in sich ruhend
Über Unterarm streichend
Mit Vogelfeder
[Julian Lage – Something More von Scenes from above]
Gesicht des Vaters
Alles in Stimme legend
Kommunikativ
[Sophie Auster @ Frannz Club, Berlin]
Mansarde. Kerzen.
Che Guevara an der Wand
Die Nadel senkt sich
[Pink Floyd – Speak to Me / Breathe (in the Air) von The Dark Side of the Moon, 1973]
Die Worte, die wir
aufschreiben, sprechen, singen
Alle nur geborgt
Es lodert das Meer
Ein Sturzbach an Gefühlen
Undurchdringlichkeit
[Rafael Anton Irisarri – Empire Systems von A Fragile Geography, 2016. Er spielt heute und morgen im Morphine Raum, Berlin]
Nach dem Senchatee
Aufgedrehtheit am Morgen
Wachheitseinbildung
Auf Schusters Rappen
Kurze Hosen, Fischerhut
Das Gespräch suchend
[Steffen Kopetzky – Harzreise. Er liest am 18.5. im Zauberberg in Berlin-Friedenau]
Erster Sommertag
Klappläden mittags versperrt
Flieder-, Grilldüfte
Pulle Äppelwoi
Melatonin kurz vor 2
Schlafe wie ein Stein
Weltmusiktanzgroove
Ziehharmonikawehmut
Bläsersatzpower
[Les Négresses Vertes@Zoom, Frankfurt]

La valse zum Anfang
Dann C’est pas la mer à boire
Face à la mer schließt
[Les Négresses Vertes@Zoom, Frankfurt]
Es singt als Erstes
Und Letztes, das Rotkehlchen
Der Chef vons Janze
Unerträgliches
Waschweibergeschwätz im Zug
Ohrhörer. Full Blast!
Ein Glockenteppich
Gewebt aus vibrierenden
Gitarrensaiten
[White Fence – I Came Close, Orange for Luck von Orange]
Mondsilhouette
Über die Hügel tanzend
Am frühen Abend
[Burgruine Brandenburg]
Rollkofferscheppern
Distanz durch Augenschließen
Rappelvoller Zug
Eichendorffallee
Pfeifen lernte ich von dir
Vierschanzentournee
Wenn von jedem Ton
das ganze Leben abhängt.
Volltreffer. Versenkt.
[Joel Lyssarides – Late on Earth vom gleichnamigen Album]
Sich gegenseitig
alle Kleider vom Körper
reißen und es tun
Zwanzig Minuten
Und es wird nie langweilig
[Tortoise – Djed von Millions Now Living Will Never Die, 1996]
The lonely rider left the saloon. He had been the last guest anyway. There was only the barmaid left who stood behind the counter. He had met many people that night but for some reason now all their faces had become blurred images. Maybe it was the drinks. Maybe his tiredness. They had talked about this and that. Nothing important really. In the beginning he had tried to listen to what the others said but after a while their voices had turned into noises he couldn’t make sense of anymore. Whenever he had said something the others simply had ignored him and had carried on with their talk. And he couldn’t blame them really. For he had said too many things he shouldn’t have said to people he didn’t know. Outside of the saloon they were strangers.
In the road a fresh wind from the North was blowing. It was a relief. Slowly his mind cleared up again. The barmaid stepped out of the door and started the conversation:
B: Hey man, you forgot something.
LR: You know that’s what I am really good at. Forgetting things. What was it this time?
B: Your notebook. I have seen you writing in it when you were sitting at the bar on your own a couple of hours ago.
LR: Oh yes. You are right. But you know what. I think I wanted to forget it and apparently it worked. I didn’t forget it like I forget umbrellas in cafés when the rain has stopped. It was kind of intentional. If you want you can keep it.
B: Are you sure?
LR: Positive.
B: Can I ask you something personal?
LR: Go ahead.
B: Where are you going at this time of the night?
LR: I am going into the desert.
B: You mean you will ride into the desert?
LR: No. I don’t have a horse. I will walk into the desert.
B: And what will you do there?
LR: I will try to get back to the heart of things. There is a world outside the saloon, you know.
B: Will you ever come back here?
LR: I guess so.
B: When will it be?
LR: Count your heartbeats, girl. When you are at half a million you will see a man on the horizon. That man will be me.
B: And if I get the counting wrong?
LR: In that case we will never see each other again, I guess.
She counted till one hundred until his footsteps had died away. The lonely rider disappeared into the night, heading South.
Wir kennen uns schon
über sechzig Jahre und
kennen uns doch nicht
Mit Worten spielen
Einen Song mit Sog schreiben
Aufgehoben sein
[Blumfeld – Graue Wolken von Testament der Angst, 1999]
Es blühen am Teich
Sumpfdotterblume, Flieder
Ich schieb dich herum
Serenade mit
Mönchsgrasmücke, Singdrossel,
Amsel und Krähe
Wie ich mich damals
nach Dir sehnte, ohne zu
wissen, wer Du bist
[Münchener Freiheit – Tausendmal Du, 1986]
Sie lächelt freudig
Als ich an ihr Bett trete
Einfach nur da sein
Stell die Uhr zurück
– ein Präparat nur für dich –
Geh später ins Bett
[Yoga – Dein Guru von Amnesie, 2021]
In den Morgenchor
Stimmen alle Vögel ein
Auch die Nachtigall
Morgenspaziergang
Ausbruch aus Hausgefängnis
Freie Luft atmen
Die Erde streicheln
Zurückgestreichelt werden
Das ist Fernwandern
Auf der Terrasse
Abendsonne im Gesicht
Weißbier noch im Glas
[Maciek Pysz – Beija Flor von Pont de Vie]
Gelb leuchtender Raps
Sonne hoch am Firmament
Morgenbrise, kühl
In ihrem Zimmer
Drehwurm gekriegt, gefallen
Rippen gebrochen
Siesta. Klacken.
Rattenleben ausgehaucht
Wiesenbegräbnis
Kimba liegt im Gras,
guckt zwischen den Halmen durch
Kommen sie zurück?
Erfrischend ehrlich
Hochzeitsständchen mal anders
Der Kantor sang mit
[Max Raabe & Palast Orchester – Du bist nicht die Erste (Comedian Harmonists 1931), MTV Unplugged 2019]
Erdnussbutter weg
Bügel der Falle unten
Ratte verschwunden
C. verlässt den Weg
Kimba kann nicht stillsitzen
Sie muss hinterher
Dunkler Bernstein, Rauch
Honigmet, Sherry, Lakritz
Kandis, Karamell

R.s Morgenfahne
am Tag der Beerdigung
seines alten Herrn
Ich träume davon,
das „r“ so schön wie Bert Brecht
rollen zu können
[Bertolt Brecht – Die Moritat von Mackie Messer (Weill/Brecht), 1929]
Arrival at lake
Carol opens the fridge, says
„You can help yourself.“
Lederhalbschuhe
In Morgensonne glänzend
Wiesentauklatschnass
Die Muße haben,
den Wiesenweg zu gehen,
und nicht zu rennen
Nach Regen auf Weg
Zig Pferdeapfelhaufen
Rein in Kotbeutel!
Holpriges Eiern
Dauernde Tempowechsel
Komplexe Rhythmen
[Petter Eldh – Midsum Brew feat. Savannah Harris, von Project Drums vol. 2, 2025]
Lebensmüder Freund
Traumhochzeit, Missbrauchsvorwurf
Krisen überall
[Navid Kermani – Sommer 24]
Sounds wabern im Dunst
Auf einer Treppe zum Licht
Die Spannung löst sich
[Boards of Canada – Tape 05]
Auf Bob Dylan’s erstem, selbstbetiteltem Album, das in dem Jahr erschien, in dem ich gezeugt wurde, sind hauptsächlich Coverversionen von Traditionals und Blues von anderen drauf. Aber zwei Lieder sind von ihm selbst. Zum einen der bekannte Song to Woody, den er für den von ihm hochverehrten Folk-, Protestsänger und Hobo Woody Guthrie schrieb und ihm der Legende nach noch am Sterbebett vorsang (s.a. das Biopic Like a Complete Unkown), sodann der Talking Blues Talkin‘ New York, das nach Jesse Fuller’s Blues You’re No Good zweite Stück auf der LP.
Als ich dieses Lied neulich nach längerer Zeit wiederhörte, fiel es mir wie Schuppen von den Ohren, da singt er, der Provinzler aus dem abgelegenen Hibbing im Mittleren Westen an der Grenze zu Kanada, das sich durch den größten Eisenerztagebau der Welt auszeichnet, ja über seine Ankunft im Big Apple.
Ein recht gradlinig erzählter Song, in New York sieht er die Menschen unter die Erde in die U-Bahn gehen und die Wolkenkratzer sich zum Himmel erheben. Man kann sich das sehr gut vorstellen und kommt quasi mit ihm an in der großen Stadt. Die NY Times schreibt, es wäre der kälteste Winter seit dem Krieg, er kann darüber nur lachen und findet es im Vergleich zu Hibbing nicht sehr kalt. Nun kommt er mit seiner alten Gitarre mit der Subway in Greenwich Village an, dort singt er in einem Café und sie sagen ihm, dass er sich wie ein Hinterwäldler anhört und dass jetzt Folksänger angesagt sind. Für einen Dollar am Tag spielt er Mundharmonika und bekommt positives Feedback. Er tritt in die Gewerkschaft ein und macht sich erste Gedanken über arm und reich. Mit einem Zwinkern singt er davon, dass manche Leute mit einem Kugelschreiber ausgeraubt werden, indem sie z.B. ihre Unterschrift unter einen Kreditvertrag mit hohen Zinsen setzen. Er verlässt an einem sonnigen Tag New York, das ihn wenig beeindruckt hat, nach New Jersey, wo er Woody Guthrie im Krankenhaus besuchen wird. Interessanterweise musiziert er dort in Cafés, wo viel Schach gespielt wird und man sich mehr mit Schachgeben und Figurenschlagen beschäftigt, als seinem Gesang zuzuhören. Wie das so ist in den USA, Musik spielt eigentlich immer im Hintergrund, ist fast nie im Mittelpunkt.
Ich mag an dem Song, dass man quasi mit Dylan unterwegs ist, er nimmt einen mit und er macht plastisch, wie es gewesen sein könnte, als er damals als zwanzigjähriger Naseweis und absoluter Nobody in New York ankam. Und dass hier noch nicht großartig mit Dylan Thomas, Rimbaud, William Blake, der Bibel, Shakespeare und was weiß ich angegeben wird, sondern einfach nur erzählt wird. Und außerdem natürlich sein Mundharmonikaspiel, das mich ob seiner expressiven Simplizität schon immer geflasht hat.
Zuguterletzt kann ich das Thema des Liedes auch deshalb ein bisschen nachvollziehen, weil ich selber 1979 mit Robert, dem mittleren der drei Brüder meiner Gastfamilie, der in meinem Alter war, ich glaube in seinem Käfer, man sagt übrigens Bug und nicht Beetle, an einem warmen Julitag von ihrem hölzernen Ferienhaus am See in South Salem in einer knappen Stunde gen Süden nach New York City reingefahren bin. Da war ich noch 15 oder gerade 16, also jünger als Dylan, wir hörten eine Radiostation mit Wetterbericht, der Sprecher redete von Temperaturen von um die 80 Grad Fahrenheit, die große Stadt lag vor uns und wir tauchten langsam in sie ein. Nach dem Sightseeing kamen wir nach Greenwich Village, das träge in der Nachmittagssonne lag, es war tagsüber ziemlich tot und ich war etwas enttäuscht. So wie Dylan 18 Jahre zuvor.
Viele Herrschaften
In Weimar gegen Ende
Einer schrieb es auf
[Johann Peter Eckermann – Gespräche mit Goethe, abgebr.]
Ich überlege, einen längeren Post – mehr als 17 Silben 😉 – über eines der folgenden Themen zu schreiben, gibt es da Präferenzen in der Leserschaft?
Melde ich mich nicht,
passiert nichts, die anderen
melden sich fast nie
Politikkritik
Ohne Gegenvorschläge
Nicht ernstzunehmen
Lauthalses Lachen
des momentan wohl stärksten
Schachspielers der Welt
Damals nicht mein Ding
Nun coole Feiermusik
War wohl zu verkrampft
[Afrika Bambaataa & the Soulsonic Force – Planet Rock, 1982]
Weglaufen bringt nichts
Er holt dich stets ein, der Blues
Gehen ist anders
Woher kam Wespe?
Rein in Insektenfänger
Ab in die Freiheit
Die Stimmung bedrückt
Das Drama entfaltet sich
Die Welt steht nicht still
[Richard Barbieri – Snakes & Ladders von Hauntings]