864

Dezember 4, 2020

As vulnerable

as a cellophane wrapper

on a pack‘ of cigs.

[Joni Mitchell on the state she was in when she wrote Blue]

Deux, trois pensées d’un jongleur

Dezember 4, 2020

Ich frage mich, ob ich besser oder schlechter jonglieren würde, wenn der nächste runtergefallene Ball mein Todesurteil wäre. Natürlich mit einer vorher definierten Mindestwurfzahl z. B. 300. Man muss dazu sagen, ich zähle die Würfe beim Jonglieren und zwar laut. Ich glaube, es würde keinen Unterschied machen. Beim Jonglieren ist man so im Jetzt da lauert die Gefahr hauptsächlich darin, dass man sich ablenken lässt, dass man anfängt, zu denken. Im Moment des Jonglierens würde das über einem schwebende Fallbeil nichts ändern. Während des Jonglierens würde ein Denken daran das Risiko zu versagen sogar eher vergrößern da man ja gerade im Automatismus, sozusagen auf Autopilot sein muss, um es zu schaffen. Da braucht man keine Zusatzmotivation.

Obwohl es sein könnte, dass ich vor Publikum fehlerfreier jongliere als ohne. Weil die Konzentration eine andere ist. Sich vor anderen zu blamieren ist einfach etwas anderes als dies vor sich selbst zu tun. Kann es sein, dass die Eitelkeit stärker ist als die Todesangst? Seltsamer Gedanke.

Ein Fehler, der mir oft passiert ist es, mich in Sicherheit zu wiegen. Sagen wir, ich habe mir 300 Würfe vorgenommen und ich habe 250 geschafft. Wenn ich jetzt anfange zu denken, ich bin jetzt schon fast am Ziel, der Rest ist ein Klacks, dann ist das der Beginn eines Abschweifens von den Objekten, die im Fokus stehen, den in der Luft fliegenden Bällen und rächt sich meist sofort. Oder ganz ähnlich, ich bin kurz vor dem Ziel und mache mir bewusst, dass ich fast da bin und es schaffen muss. Dann werde ich nervös und verkrampfe mich und mache einen Fehler. Entweder werfe ich zwei Bälle gegeneinander oder schaffe es nicht, einen Ball zu fangen weil z. B. die Würfe nach oben nicht senkrecht genug sind.

Ich kann es bis heute nicht fassen, dass ich noch mit über 35 jonglieren gelernt habe. Damals einfach aus einer schriftlichen Anleitung, erst mit zwei dann mit drei Bällen, schönen bunten Jonglierbällen, die super in der Hand liegen. Man muss es sich trauen, etwas üben und es kommt dann irgendwann. Es wird aber für mich immer ein Wunder bleiben. A propos Jonglierobjekte, habe ich das schon mal geschrieben im Blog? Ich glaube in Boston war es, da sahen wir einen Typen, der hat doch tatsächlich mit Toastern jongliert.

863

Dezember 4, 2020

Treffe trotz Tröpfelns

in Dämmerung Fußgänger,

Jogger und Radler.

862

Dezember 4, 2020

Der Regen lässt nach.

Der Morast lässt mich nicht los.

Der Boden ein Schwamm.

861

Dezember 3, 2020

Die Kunst, Figuren

anzufassen, zu schlagen,

zurechtzurücken.

860

Dezember 3, 2020

Einige Schritte

nach vorn. Dann Innehalten.

Trompetenträume.

[J. Peter Schwalm (& Arve Henriksen) – Raumzeit vom neuen Album Neuzeit]

859

Dezember 3, 2020

Die Inspektion

per Überweisung bezahlt.

Hier traut man sich noch.

858

Dezember 3, 2020

Sechzig Sekunden,

um die Welt zu erklären.

Eher zwei Minuten.

857

Dezember 3, 2020

Es riecht nach früher.

Der alte Mann im Büro

mit Fluppe im Mund.

856

Dezember 3, 2020

Auf der Treppe liegt

eine winzige Spitzmaus.

Sie ist mausetot.

855

Dezember 2, 2020

Schnatternde Gänse

im Formationsflug mit

Belgischem Kreisel.

854

Dezember 1, 2020

Ein Zuckerbäcker

hat die Natur über Nacht

schneeweiß gepudert!

853

Dezember 1, 2020

Welt und mich trennt

Bildschirm, der Anschein erweckt,

wahre Welt zu sein.

852

November 30, 2020

Erinnerung an

Lesen des ersten Haikus.

Welche Ent-Täuschung!

851

November 29, 2020

Auf Wiese dampfen

Misthaufen bei frostigen

Temperaturen.

850

November 29, 2020

Die Kohlmeise singt

auf der Edelkastanie

ihr einsames Lied.

849

November 29, 2020

Nebeneinander

fliegende Entenvögel

über Mammolshain.

848

November 29, 2020

Lächelfalten von

brünetter Textilfachfrau

als sie Ware reicht.

847

November 28, 2020

Rechts hinterm Taunus

versinkt Helios während

links Luna aufgeht.

846

November 28, 2020

Sennenhündin gleicht

Sumoringerin im Spiel

mit Kangalrüden.

845

November 28, 2020

Ein gelungenes

auf zehn holprige Haikus:

’ne gute Quote.

844

November 28, 2020

Collies begleiten

meine Laufbewegungen

mit bösem Bellen.

843

November 28, 2020

Ich jogge so schnell,

dass ich genug Atem habe,

Haikus zu denken.

842

November 28, 2020

Rotes Eichhörnchen

von rechts nach links bringt Glück weil

weder schwarz noch Katz.

841

November 28, 2020

Renne durch Nebel

mit beschlagener Brille

in Streuobstwiesen.

840

November 28, 2020

Ohrstöpsel raus und

ich hör‘ Uhrticken, Heizung,

Autos, dein Atmen.

839

November 27, 2020

Vater tadelt Sohn,

der nicht klingelt, bevor er

mich mit Rad passiert.

838

November 26, 2020

Good vibes. Joy of life.

Dancing to the Afrobeat.

What a horn section!

[Fela Kuti – Water No Get Enemy]

Conspiracy fallacy

November 26, 2020

In den 1990er Jahren erkrankte Kuti an AIDS, an dessen Folgen er am 2. August 1997 starb. Die Existenz der Erkrankung hatte Kuti stets abgestritten… Kondome waren seiner Meinung nach das Mittel einer weißen Verschwörung, deren Ziel die Reduzierung der schwarzen Geburtenrate sei. [Wikipedia]

837

November 26, 2020

Hellgelbe Blätter

um den Apfelbaum verstreut

leuchten auf Rasen.

836

November 25, 2020

Bibbern bei fünf Grad.

Körper an Klimawandel

bereits angepasst.

835

November 24, 2020

Nächtens aufgewacht.

Nicht genug Luft bekommen.

Warte aufs Ende.

834

November 24, 2020

Die Nächte waren

nie länger als in diesem

Coronaspätherbst.

833

November 24, 2020

Das Lied, zu spielen

bei meiner Trauerfeier.

Auch wenn keiner kommt.

[Talk Talk – I Believe in You]

832

November 24, 2020

Früher das Gefühl,

„meine“ Musik wird entweiht,

wenn ich sie teile.

831

November 24, 2020

Mit Melatonin

mehr gedämmert als gepennt.

Kopf nicht zermartert.

830

November 23, 2020

Lavendel entsorgt.

Lange mit Hotline gequatscht.

Fliege erschlagen.

829

November 23, 2020

Take the late Talk Talk

and transplant them to Texas.

Somnambulistic.

[Loma – Ocotillo]

828

November 22, 2020

Polyrhythmic trance

in the Senegalese night

to forget the world.

[Paradise Cinema – Possible Futures]

827

November 22, 2020

Meditationen

zwischen den weißen Linien

Tempomat sei Dank.

826

November 22, 2020

Waldsee umrundet.

Ahorn mit Schwarzfleckigkeit.

Urnenfeld besucht.

825

November 21, 2020

Die Enten schnattern,

die Krähen krächzen mir ihr

„Guten Morgen“ zu.

824

November 20, 2020

Don’t say I don’t care,

I do. Just not in the way

you want me to-hoo.

[Ailbhe Reddy – Looking Ready via Fingertips]

823

November 20, 2020

Ein Beispiel dafür,

dass die Schönheit im Kopf ist

und nicht auf dem Brett.

822

November 19, 2020

Himmel trägt Tonsur.

Wolkendecke drumherum.

Zenith nachtschwarzblau.

821

November 19, 2020

Himmel zieht sich zu.

Leute grüßen nicht zurück

oder mit Brummen.

820

November 19, 2020

Eine Mondsichel?

Oder eine Banane?

Pflück‘ sie und find’s raus!

819

November 18, 2020

Sich beim Vortragen,

ans Manuskript zu halten.

Viel zu langweilig.

818

November 18, 2020

Keinen getroffen.

Doch nicht allein auf dem Weg

durch die kühle Nacht.

817

November 18, 2020

Vielleicht das Schönste

im Leben. Am Firmament,

Sterne zu sehen.

816

November 18, 2020

Streifzug durch die Nacht.

Man ahnt mehr, als dass man sieht.

Der Himmel gibt Licht.

815

November 18, 2020

Der Weg in die Nacht,

wo man die Sinne aufreißt,

wird zu einer Sucht.

814

November 18, 2020

In Nacht eingetaucht.

Großen Wagen gesehen.

Polarstern gefolgt.

813

November 17, 2020

Mit Taschenlampen

blenden Leute die Natur

und sehen mich nicht.

812

November 17, 2020

Morgens eingepennt.

Polizist schießt mit Taser.

Trifft mich. Wache auf.

811

November 17, 2020

To con-vey one’s mood

in se-ven-teen syll-able-s

is ve-ry dif-fic

[John Cooper Clarke]

810

November 16, 2020

Such an upbeat song

on a rather downbeat album,

a real miracle.

[Laura Marling – Strange Girl]

809

November 16, 2020

Zwischen den Wolken

des aufreißenden Himmels

funkeln Fixsterne.

808

November 16, 2020

Schnelle Vertrautheit

mit Unbekannten, die man

in Dunkelheit trifft.

807

November 16, 2020

Hör‘ im Haus Kratzen.

Ne Maus? Nee. Ein Eichhörnchen!

Dachrinnenturner.

806

November 16, 2020

Eichhörnchen greift sich

Nüsse aus Futterkasten

und wedelt mit Schwanz.

805

November 16, 2020

Schnitt unter Nase

beim Rasieren. Blutstillung

lässt Träne kullern.

804

November 15, 2020

Der goldgelbe Saft

mit durchdringendem Geruch

nach Heu und nach Tier.

803

November 15, 2020

Frühlingssonne fällt

auf Massen von Spaziergängern

sonntagnachmittags.

802

November 15, 2020

Drahtzaun geöffnet

für ausgebüxtes Zwerghuhn

und wieder fixiert.

801

November 15, 2020

Nachdem die Zehen

gegen das Tischbein stoßen,

bevor der Schmerz kommt.

800

November 14, 2020

Die Engel singen

vom Firmament hinab und

zieh’n uns hoch zu sich.

[Brian Eno – An Ending (Ascent)]

799

November 14, 2020

Schwarzrote Farbe,

Brombeeraromen, fruchtig,

rund und geschmeidig.

[Primitivo aus Puglia, Doppio Passato, 2019 Bio]

798

November 14, 2020

Walnüsse gesucht,

gesammelt, -schält, -lagert, -knackt,

gepult, genossen.

797

November 14, 2020

Die Windschutzscheibe

heute morgen weiß bestäubt:

ein Feuerlöschstreich.

796

November 14, 2020

Eichkatz meditiert

auf Apfelbaum in leere

Noisettebar blickend.

795

November 14, 2020

Krähe wirft Walnuss

mit Maul so oft aufs Pflaster

bis sie geknackt ist.

794

November 14, 2020

Deux cavaliers jouent

à cache-cache pour accomplir

le meurtre du roi.

793

November 14, 2020

Peruanische

Heidelbeeren so groß wie

Trollingerreben.

792

November 14, 2020

Zwei Runden locker

mit beschlagener Brille

durch Wiesen getrabt.

791

November 13, 2020

H…e, W……d, S..-

.a, H…e, L..a, G..i,

C…….e, B…..a.

790

November 13, 2020

Winfried, Franz, Walter,

Jonathan, Eckhard, Kostas,

Andrea, Thomas.

789

November 13, 2020

Süßes Wiegenlied,

das Augen schließt und sacht trägt

in Morpheus Arme.

[The Weather Station – Life’s Work]

788

November 13, 2020

Eigentlich auch schön.

Ich schreibe das Ganze hier

alles nur für mich.

787

November 13, 2020

An siebter Stufe

der Treppe stolpere ich

bei Versonnenheit.

786

November 13, 2020

Langes Wachliegen

bis zum Klingeln des Weckers.

Danach Entspannung.

785

November 12, 2020

Frecher Regelbruch:

Auto auf Geh- und Radweg

beschleunigt vor mir.

784

November 12, 2020

Novembernebel

hängt über Feld und Wiese.

Wie es sich gehört.

783

November 12, 2020

Halb vier aufgewacht.

Nicht mehr eingeschlafen nach

seniler Bettflucht.

Tapes

November 11, 2020

I was kind of parsing the grammar.

„There has been a problem.“

What does that mean?

[Tamara Lindeman on the story behind one of her songs]

782

November 11, 2020

Abgelaufenes

Bier zu trinken, wäre mir

früher nicht passiert.

781

November 11, 2020

Die Geheimnisse,

die ich der Nacht anvertrau‘,

bleiben im Dunkel.

780

November 11, 2020

Windstille total.

Sechs Highlander fressen Heu.

Vogelgekreische.

779

November 11, 2020

Die Nacht breitet sich

wie eine Decke über

die klamme Erde.

778

November 10, 2020

Der schwere, graue

Himmel hängt voller Wolken

und will einstürzen.

777

November 10, 2020

Wenn die Augen sich

an die Nacht gewöhnt haben,

scheint sie tief vertraut.

776

November 10, 2020

Eine Frau mit Hund

fragt mich im Dunkeln, ob ich

Angst vor Hunden hab‘.

775

November 10, 2020

Ich höre Schritte

im Dunkeln den Weg hinab.

Meine eigenen.

774

November 10, 2020

Als Spaziergänger

ragt man aus der Landschaft raus

und wird gesehen.

773

November 10, 2020

Vom ersten Tag an

schreitet der Verfall fort bis

zum allerletzten.

772

November 9, 2020

Morgens streichelt mich

Dachshaar vom Rasierpinsel.

Kaum noch zu kriegen.

771

November 9, 2020

Elixir des Dieux.

Breuvage du soleil ardent.

Pastis, je t’aime tant!

770

November 9, 2020

Milchig-trüber Trunk.

Schwer auf der Zunge liegend.

Sonne pur. Pastis.

769

November 9, 2020

Nach dem Ausatmen

kommt ein Moment der Ruhe

vor dem Einatmen.

768

November 9, 2020

Wir sagen immer:

„Ich atme“, doch das stimmt nicht.

Etwas atmet mich.