In den Morgenchor
Stimmen alle Vögel ein
Auch die Nachtigall
In den Morgenchor
Stimmen alle Vögel ein
Auch die Nachtigall
Morgenspaziergang
Ausbruch aus Hausgefängnis
Freie Luft atmen
Die Erde streicheln
Zurückgestreichelt werden
Das ist Fernwandern
Auf der Terrasse
Abendsonne im Gesicht
Weißbier noch im Glas
[Maciek Pysz – Beija Flor von Pont de Vie]
Gelb leuchtender Raps
Sonne hoch am Firmament
Morgenbrise, kühl
In ihrem Zimmer
Drehwurm gekriegt, gefallen
Rippen gebrochen
Siesta. Klacken.
Rattenleben ausgehaucht
Wiesenbegräbnis
Kimba liegt im Gras,
guckt zwischen den Halmen durch
Kommen sie zurück?
Erfrischend ehrlich
Hochzeitsständchen mal anders
Der Kantor sang mit
[Max Raabe & Palast Orchester – Du bist nicht die Erste (Comedian Harmonists 1931), MTV Unplugged 2019]
Erdnussbutter weg
Bügel der Falle unten
Ratte verschwunden
C. verlässt den Weg
Kimba kann nicht stillsitzen
Sie muss hinterher
Dunkler Bernstein, Rauch
Honigmet, Sherry, Lakritz
Kandis, Karamell

R.s Morgenfahne
am Tag der Beerdigung
seines alten Herrn
Ich träume davon,
das „r“ so schön wie Bert Brecht
rollen zu können
[Bertolt Brecht – Die Moritat von Mackie Messer (Weill/Brecht), 1929]
Arrival at lake
Carol opens the fridge, says
„You can help yourself.“
Lederhalbschuhe
In Morgensonne glänzend
Wiesentauklatschnass
Die Muße haben,
den Wiesenweg zu gehen,
und nicht zu rennen
Nach Regen auf Weg
Zig Pferdeapfelhaufen
Rein in Kotbeutel!
Holpriges Eiern
Dauernde Tempowechsel
Komplexe Rhythmen
[Petter Eldh – Midsum Brew feat. Savannah Harris, von Project Drums vol. 2, 2025]
Lebensmüder Freund
Traumhochzeit, Missbrauchsvorwurf
Krisen überall
[Navid Kermani – Sommer 24]
Sounds wabern im Dunst
Auf einer Treppe zum Licht
Die Spannung löst sich
[Boards of Canada – Tape 05]
Auf Bob Dylan’s erstem, selbstbetiteltem Album, das in dem Jahr erschien, in dem ich gezeugt wurde, sind hauptsächlich Coverversionen von Traditionals und Blues von anderen drauf. Aber zwei Lieder sind von ihm selbst. Zum einen der bekannte Song to Woody, den er für den von ihm hochverehrten Folk-, Protestsänger und Hobo Woody Guthrie schrieb und ihm der Legende nach noch am Sterbebett vorsang (s.a. das Biopic Like a Complete Unkown), sodann der Talking Blues Talkin‘ New York, das nach Jesse Fuller’s Blues You’re No Good zweite Stück auf der LP.
Als ich dieses Lied neulich nach längerer Zeit wiederhörte, fiel es mir wie Schuppen von den Ohren, da singt er, der Provinzler aus dem abgelegenen Hibbing im Mittleren Westen an der Grenze zu Kanada, das sich durch den größten Eisenerztagebau der Welt auszeichnet, ja über seine Ankunft im Big Apple.
Ein recht gradlinig erzählter Song, in New York sieht er die Menschen unter die Erde in die U-Bahn gehen und die Wolkenkratzer sich zum Himmel erheben. Man kann sich das sehr gut vorstellen und kommt quasi mit ihm an in der großen Stadt. Die NY Times schreibt, es wäre der kälteste Winter seit dem Krieg, er kann darüber nur lachen und findet es im Vergleich zu Hibbing nicht sehr kalt. Nun kommt er mit seiner alten Gitarre mit der Subway in Greenwich Village an, dort singt er in einem Café und sie sagen ihm, dass er sich wie ein Hinterwäldler anhört und dass jetzt Folksänger angesagt sind. Für einen Dollar am Tag spielt er Mundharmonika und bekommt positives Feedback. Er tritt in die Gewerkschaft ein und macht sich erste Gedanken über arm und reich. Mit einem Zwinkern singt er davon, dass manche Leute mit einem Kugelschreiber ausgeraubt werden, indem sie z.B. ihre Unterschrift unter einen Kreditvertrag mit hohen Zinsen setzen. Er verlässt an einem sonnigen Tag New York, das ihn wenig beeindruckt hat, nach New Jersey, wo er Woody Guthrie im Krankenhaus besuchen wird. Interessanterweise musiziert er dort in Cafés, wo viel Schach gespielt wird und man sich mehr mit Schachgeben und Figurenschlagen beschäftigt, als seinem Gesang zuzuhören. Wie das so ist in den USA, Musik spielt eigentlich immer im Hintergrund, ist fast nie im Mittelpunkt.
Ich mag an dem Song, dass man quasi mit Dylan unterwegs ist, er nimmt einen mit und er macht plastisch, wie es gewesen sein könnte, als er damals als zwanzigjähriger Naseweis und absoluter Nobody in New York ankam. Und dass hier noch nicht großartig mit Dylan Thomas, Rimbaud, William Blake, der Bibel, Shakespeare und was weiß ich angegeben wird, sondern einfach nur erzählt wird. Und außerdem natürlich sein Mundharmonikaspiel, das mich ob seiner expressiven Simplizität schon immer geflasht hat.
Zuguterletzt kann ich das Thema des Liedes auch deshalb ein bisschen nachvollziehen, weil ich selber 1979 mit Robert, dem mittleren der drei Brüder meiner Gastfamilie, der in meinem Alter war, ich glaube in seinem Käfer, man sagt übrigens Bug und nicht Beetle, an einem warmen Julitag von ihrem hölzernen Ferienhaus am See in South Salem in einer knappen Stunde gen Süden nach New York City reingefahren bin. Da war ich noch 15 oder gerade 16, also jünger als Dylan, wir hörten eine Radiostation mit Wetterbericht, der Sprecher redete von Temperaturen von um die 80 Grad Fahrenheit, die große Stadt lag vor uns und wir tauchten langsam in sie ein. Nach dem Sightseeing kamen wir nach Greenwich Village, das träge in der Nachmittagssonne lag, es war tagsüber ziemlich tot und ich war etwas enttäuscht. So wie Dylan 18 Jahre zuvor.
Viele Herrschaften
In Weimar gegen Ende
Einer schrieb es auf
[Johann Peter Eckermann – Gespräche mit Goethe, abgebr.]
Ich überlege, einen längeren Post – mehr als 17 Silben 😉 – über eines der folgenden Themen zu schreiben, gibt es da Präferenzen in der Leserschaft?
Melde ich mich nicht,
passiert nichts, die anderen
melden sich fast nie
Politikkritik
Ohne Gegenvorschläge
Nicht ernstzunehmen
Lauthalses Lachen
des momentan wohl stärksten
Schachspielers der Welt
Damals nicht mein Ding
Nun coole Feiermusik
War wohl zu verkrampft
[Afrika Bambaataa & the Soulsonic Force – Planet Rock, 1982]
Weglaufen bringt nichts
Er holt dich stets ein, der Blues
Gehen ist anders
Woher kam Wespe?
Rein in Insektenfänger
Ab in die Freiheit
Die Stimmung bedrückt
Das Drama entfaltet sich
Die Welt steht nicht still
[Richard Barbieri – Snakes & Ladders von Hauntings]
Rhythmus filigran
Melodie süßlich-fragil
Gesang android
[Arlo Parks – 2Sided]
Links ein Buchstabe
Cursor in Promptzeile blinkt
Was willst du von mir?
[DOS, ca. 1985]
Kaum Wochenenden
Im Erwachsenenleben
Vollständig nüchtern
So lang zerren an
elektronischen Saiten
bis Melodie kommt
[Seefeel – Dead Guitars von s/t, 2011]
Knapp am Kitsch vorbei
Auch ein Bass braucht Zärtlichkeit
Das reine Gefühl
[Flea – Thinking Bout You]
Gottesdienst draußen
Mit so vielen Teilnehmern
Wie als es anfing
Changierend zwischen
Völliger Konfusion,
Klarheit, Ironie
Zahnzwischenräume
Sich peu à peu zusetzend
Ohne Zahnseide
Lasst uns entspannen
Pedal Steel und Shoegazing
Die Faust aufs Auge
[Japancakes – What You Want von Loveless (My Bloody Valentine), 2015]
Die Geschichte hab
Ich ihm für ne Sekunde
Doch glatt abgekauft
[Der Nino aus Wien – Du Oasch, 2009]
Drei hoch zwei mal elf
mal sieben mal dreizehn mal
siebenunddreißig

Wenn alles verschwimmt
Dinge, die wirklich zählen
In Fokus kriegen
[The Dandy Warhols – Good Morning von The Dandy Warhols Come Down, 1997]
Letzte 3 Wochen
Rund 5 Pfund zugenommen
Nicht alles Muckis
Sommer, Chinaturm
Junge Amis mit Klampfe
Bierselig, textfest
[Steve Miller Band – Rock’n Me von Fly Like an Eagle, 1976]
Heilerde geschluckt
Unter der warmen Decke
Im Halbschlaf entspannt
Saxofon so rein
Vom Klavier zärtlich umspielt
Auf der Zeit gesurft
[Archie Shepp-Dollar Brand – Left Alone (Mel Waldron) von Duet, 1978]
Joggerin lächelt
Eichhörnchen sägt Haselnuss
Auf Brückenbrüstung
Chaos überall
Verfolgungsjagd im Dunklen
Vom Blues besessen
[Gallon Drunk – Bedlam, 1992]
Zwischen den Fingern
dtv-Dünndruckseite
halten, umblättern
Buchhändler. Ostfront.
Gefängnis. Bettlägerig.
Tod. Erstaufführung.
[Wolfgang Borchert – Allein mit meinem Schatten und dem Mond]
Oben die Spieluhr
Den ganzen Tag rumgetollt
In Schlaf gesungen
[The Dandy Warhols – Sleep von Thirteen Tales from Urban Bohemia, 2000]
Jeder Tag, an dem T.
nicht in den Nachrichten ist,
ist ein guter Tag
Sonne und Graupel
Vier Säcke Komposterde
Rieseln durch Finger
Nach der Siesta
Vom canapé hochkommen
Größte feat heute
Sich im Traum treffen
Im tugendhaften Team sein
Schmerz sublimieren
[Sophie Auster – Blue Team von Milk for Ulcers, 2025]
Vom Staat entlassen
Schauspielerin schwimmt sich frei
Autor fährt Taxi
[İlker Çatak – Gelbe Briefe, 4 aus 5]
So lange spielen
Bis das ganze Geld weg ist
Buch drüber schreiben
[Julia Schoch – Selbstporträt mit Bonaparte]
Heißwasser läuft ein
Schaumberge türmen sich auf
Rein in die Wanne
[Stephen Duffy mit Nigel Kennedy – Natalie von Music in Colours, 1993]
Die meisten beklagen sich nach einem verlorenen Dreh über die Ungerechtigkeit, Bonaparte ignoriert Verluste. Für das Verlieren hat er wortwörtlich keinen Sinn. Er straft das Glück, wenn es ihn verfehlt, mit Verachtung, ja er fühlt sich nicht im Geringsten angesprochen, ganz so, als müsse dem System irgendein Fehler unterlaufen sein… Mit ungerührter Miene verlässt er den Spieltisch, um in einem unerkannten Moment (unerkannt vom Zufall) wieder da zu sein und das Ganze gewissermaßen geradezurücken.
[Julia Schoch – Selbstporträt mit Bonaparte, S. 113/114]
Siesta um 5
20 Minuten Timer
5 vorher erwacht
Für schlechte Laune
Die Unausgeschlafenheit
Voll verantwortlich
Die wahre Schreckensvorstellung in der Liebe war in meinen Augen plötzlich die, kein einziges Mal im Leben, bei niemandem, den Vorgang des Verfalls, des absoluten Endes, mitzuerleben.
[Julia Schoch – Selbstporträt mit Bonaparte, S. 105]
Ein langer Abgang
Nicht nur bei guten Weinen
Auch in der Musik
Der Besuch ist weg
Sonntagnachmittagswehmut
Sturz in die Leere
…dass er drei Tage später überraschend vor der Tür meines Hotelzimmers stand und ein Hemd trug, unter dem die herrlichsten Schlüsselbeine, die ich je an einem Mann gesehen habe, durchschimmerten.
[Julia Schoch – Selbstporträt mit Bonaparte, S. 22]
Rosa Pastellton
Kumuluswolkendecke
reißt im Westen auf
Welt aus den Fugen
Bitterböse Satire
Rückt täglich näher
[Randy Newman – Political Science von Sail Away, 1972]
Nach Windstoß flattert
rot-weißes Baustellenband
Kimba’s Flucht zu mir
Es wird nie wieder
so sein wie beim ersten Mal
als es „klick“ machte
Dem stechenden Blick
des alten Mannes entzieht
die junge Frau sich
Samstagfrühmorgens
Gymnopédie von unten
Catherine’s Handy
—
Der autolose Nachbar
organisiert Brötchenkauf
Normandie. Camping.
Christina und ich hängen
an Kreidefelsen.
Lange nicht gehört
Marcie’s faucet needs a plumber
Fließende Verse
[Joni Mitchell – Marcie von Joni Mitchell, 1968]
Im Bügelzimmer
Uhr geht eine Stunde vor
Noch eine Woche…
Die Stimme anders
Die Lyrics scheinbar banal
One-Night-Stand Feeling
[Bob Dylan – Lay, Lady, Lay von Nashville Skyline, 1969]