Where do bad folks go when they die?
They don’t go to heaven where the angels fly
They go to the lake of fire and fry
Ein weiterer Song von Unplugged, Nirvana’s akustischem Spätwerk, das gleichzeitig ihr Meisterwerk war und kein halbes Jahr vor Cobain’s Kopfschuss aufgenommen und ein halbes Jahr danach veröffentlicht wurde. Eigentlich hat dieses Lied so gut wie nichts mit Nirvana zu tun, da es zum einen von den Meat Puppets stammt, einer psychedelischen Gitarrenband aus Phoenix, Arizona (ihr Stil wird häufig als cow punk bezeichnet) und zum andern die beiden Kirkwood-Brüder (die genialen Gitarristen der Meat Puppets) hier mit Cobain spielen, der nur singt. Wobei die intensive und emotionale Art wie er singt deutlich macht, dass ihm dieses Lied ganz besonders nah am Herzen liegt. Dave Grohl, Nirvana’s Drummer ist auch mit von der Partie und trommelt sehr einfühlsam und zurückhaltend, aber die Melodie wird einzig und allein von den zwei Meat Puppets gespielt. Hier noch das MTV-Livevideo weil es die Gänsehaut-Atmosphäre unwahrscheinlich gut rüberbringt.
(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 159 Songs ist hier.)
Nach 20 Tagen hintereinander mit nahezu 30 Km Fußmarsch pro Tag habe ich seit der Rückkehr am Samstag einen sich täglich verschlimmernden Muskelkater in meinen Beinen bekommen. Aus lauter Verzweiflung bin ich heute daher von meinem Arbeitsplatz in der Nähe des Gendarmenmarkts bis nach Wilmersdorf zu Fuß gelaufen. In nur etwas über einer Stunde. Die öffentlichen Verkehrsmittel sind auch nur etwa 50% schneller. Zumindest ist der Muskelkater jetzt nicht mehr ganz so schlimm. Überraschend auf dem Weg war wie leer das Zentrum von Berlin doch im Vergleich zu Paris z.B. ist. Da waren ein paar Touristen am KZ-Gedenkmal, ein paar mehr am Potsdamer Platz, aber ansonsten waren da zwischen 6 und 7 abends nur ein paar versprengte Figuren.
Baby Jane’s in Acapulco, we are flyin‘ down to Rio
Throw me a line I’m sinking fast
Clutching at straws can’t make it
Die erste Single von Roxy Music, die kurz vor den olympischen Sommerspielen in München im August 1972 rausgekommen ist und bis auf Nummer 4 in den britischen Charts kam. Lang, lang ist’s her, aber Falten hat dieses Stück in den 38 Jahren seitdem nicht gekriegt. Es ist so spritzig und stylish wie eh und je. Phil Manzanera’s kurzes Gitarrensolo ist angeblich völlig improvisiert. Brian Eno bearbeitet den Synthesizer und sorgt für die elektronischen Effekte, Bryan Ferry spielt die vibrierende Pianetlinie, Andrew Mackay die Oboe und das Saxophon. Der Name des Titels wird erst ganz am Ende genannt, es handelt sich natürlich um Tabak. Bryan Ferry hatte 1964 in seiner Zeit als Kunststudent ein Bild einer riesigen Zigarettenpackung mit dieser jungen Frau auf dem Cover gemalt, die inmitten einer Ebene steht. Ich glaube, ich kauf mir gleich auch ne Packung Van Nelle mit Blättchen, damit ich das Drehen nicht völlig verlerne. Der wilde Geruch von Tabak fehlt mir fast genauso sehr wie das teuflische Nikotin.
(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 157 Songs ist hier.)
Selten hat ein Titel so wenig auf die Musik – und auch die Musiker – gepasst wie hier. Die netten, lieben Boys aus Austin, Texas machen auch hier wieder sehr langsame und ruhige, geradezu zärtliche Musik, die die Ohren des Zuhörers umschmeichelt. Sie haben ihren eigenen hypnotisch-minimalistischen, harmonisch-melodischen Sound gefunden, keiner klingt wie sie. Das ist es, was eine gute Band für mich ausmacht: Die Einzigartigkeit des Klangs. Als kleine Abwechslung dienen die Breaks, die mich an diese Perforation am rechten Autobahnrand erinnern, die das Einschlafen des Fahrers verhindern soll, da der Wagen beim Drüberfahren leicht durchgerüttelt wird (weiß einer wie die heißt?). Mit so einer Pause hört das Stück natürlich dann auch auf. Man erwartet, dass es wieder anhebt, aber die Erwartung wird enttäuscht. Einen zusätzlichen Charme bezieht diese mp3 daraus, dass sie von einer Vinylscheibe mit einem kleinen Kratzer stammt. Das sich repetierende Knacken koinzidiert wunderbar mit dem permanent repetierten Motiv. Lang lebe die unperfekte Analog-LP.
(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 156 Songs ist hier.)
Bevor es hier mit dem normalen Programm weitergeht, eine der beiden musikalischen Entdeckungen unseres diesjährigen Jakobswegteils. Das bekannteste Pilgerlied, gezupft und gesungen in der Herberge von Carrión de los Condes. Wir haben es in der Abtei von Conques vor dem Abendessen gesungen. Ultreïa heißt so viel wie „immer weiter“ (gehen) und „immer höher“ (im geistig/seelischen Sinne kommen). Das Wort rief uns auch ein illuminierter Rückkehrer aus Santiago zu, der uns auf der alten Eisenbahntrasse kurz vor Éauze morgens entgegenkam. Er sah aus wie ein Indianer mit seinem Federschmuck am Pilgerstab, den seltsam flattrigen, orangenen Kleiderfetzen am Leib, den Sandalen und dem auf den Rücken geschnallten aus Weide geflochtenen Korb mit seinem restlichen Gepäck (hauptsächlich dreckige Wäsche wie mir schien).
Hier noch der Text des Liedes:
Tous les matins nous prenons le chemin,
Tous les matins nous allons plus loin.
Jour après jour, St Jacques nous appelle,
C’est la voix de Compostelle.
Ultreïa ! Ultreïa ! E sus eia Deus adjuva nos !
Chemin de terre et chemin de Foi,
Voie millénaire de l’Europe,
La voie lactée de Charlemagne,
C’est le chemin de tous mes jacquets.
Ultreïa ! Ultreïa ! E sus eia Deus adjuva nos !
Et tout là-bas au bout du continent,
Messire Jacques nous attend,
Depuis toujours son sourire fixe,
Le soleil qui meurt au Finistère.
(Paroles et musique Jean-Claude Benazet)
Mit diesem dichten, aber luftig gewebten Gitarrenklangteppich beginnt mein Lieblingsalbum der Feelies, die man allein schon wegen des Covers der ersten Platte wo sie so herrlich nerdig rüberkommen, liebhaben muss. Natürlich schreib ich das nur weil mich heute jemand wegen der beiden Stifte in der Brusttasche meines kurzärmligen Hemds mit diesem schönen, urdeutschen Adjektiv belegt hat. In der letzten Minute des Songs passiert etwas, das ihn aus meiner 3’00“-Shortlist, in der außerdem noch Lloyd Cole’s glorreiches Why I Love Country Music und das melancholische Une Chanson du Crépuscule von den Montgolfier Brothers drin waren, herausstechen lässt. Ich glaube, es ist ein Taktwechsel, eine Beschleunigung des Rhythmus, eine stärkere Betonung der einzelnen Noten, jedenfalls bekommt das Lied plötzlich diesen Twist ins Metaphysische, auf einmal kann ich meine Lippen nicht mehr verschließen, ich muss die Melodie mitpfeifen bzw. versuchen, sie mitzupfeifen. Sie ist in mir übergelaufen, so dass ich sie nicht mehr für mich behalten kann, sie muss einfach raus. Do you know what I mean? Bis Ende Juli mach ich jetzt erst einmal Pause hier, zum einen habe ich diese Woche noch soviel zu tun, dass ich voraussichtlich keine Zeit zum Bloggen mehr haben werde, zum andern sind wir ab Samstag für drei Wochen auf dem Jakobsweg von Le Puy en Velay im Zentralmassiv nach Aire sur l’Adour in den Landes, wo wir vor drei Jahren losgegangen sind nach Santiago. Das heißt also, dass es in diesem Programm, wenn alles gut geht erst wieder am 2. August weitergeht. Außerdem wollte ich mich eigentlich noch bitterlich beklagen, dass dieses Blog in den letzten fünf Monaten quasi völlig resonanzlos geblieben ist. Aber dann habe ich es mir noch einmal anders überlegt. Im Grunde schreibe ich ja sowieso nur für mich selbst. Ansonsten hätte ich schon vor Jahren mit der Bloggerei aufgehört.
(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 155 Songs ist hier.)
Molly is nobody’s fool
comes from an excellent gene-pool
So entspannt wie wir ins Wochenende gestartet sind, so laid-back floaten wir jetzt auch wieder heraus. Howe Gelb singt auf seine sehr unaufgeregte und abgeklärte Art von Liebe und der Biologie, die damit einhergeht. Es geht ums Chromosom, den Genpool, das Molekül und schreiende Zellen. Der Liebeszuwachs ist dann wohl der neue Organismus, der sich nach der Befruchtung im Bauch der Frau bildet. Wenn es denn so simpel sein sollte, eine klassisch-schöne Idee und damit packe ich mich jetzt auf die wohlverdiente, knallharte Taschenfederkernmatratze. Der Sekt, der Riesling, der spanische Rosé und der blanc de noirs (first time but not last time) gestern abend bei unseren Nachbarn haben wohl doch ihre Spuren in meinem Organismus hinterlassen.
(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 154 Songs ist hier.)
Mal wieder ein Instrumental. Leo Kottke, der neben seinem Mentor, dem zu früh verstorbenen John Fahey wahrscheinlich virtuoseste Gitarrist im Fingerpicking-Stil spielt den Zuhörer in diesem viel zu kurzen Stück schwindlig. Fingerpicking, das ist wie der Name schon sagt, das Spiel der Akustikgitarre ohne Plektrum direkt mit den Fingern (Spitzen bzw. Nägeln). Das gibt dann, wenn man so fix spielt wie Kottke einen Sound nahe dran an dem der Slidegitarre, die Saiten klingen so als wären sie beschwipst. Die Unberechenbarkeit seines Gitarrenspiels voller Synkopen, Polyphonien und Arpeggios erinnert mich an einen Haken schlagenden Feldhasen. Sehr schön anzusehen, aber mit fairen Methoden nicht einzufangen.
(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 153 Songs ist hier.)
Anyone is pretty when she smiles
Me, I’m only pretty when I’m crying
Über Julie Doiron weiß ich eigentlich gar nichts, aber unter den neunundneunzig Liedern mit einhundertdreiundachtzig Sekunden auf meinem iPod war dieses dasjenige, was die anderen „eclipsed“ hat, ausgeschaltet wäre zu unpoetisch. Zwei Dinge sind es vor allem, die mich hier anziehen. Zum einen die extreme Langsamkeit, diese Konzentration auf wenige Töne, diese geringe Tondichte pro Zeiteinheit. Da wird die Pause, das Atemholen betont; es herrscht eine mediterrane Siesta-Schläfrigkeit in diesem Stück, es strotzt vor einer aus der Ruhe geschöpften Kraft. Dann natürlich die für meine Begriffe sehr erotische Stimme von Julie Doiron, sie zieht die Silben schlafwandlerisch in die Länge, sie hat einen herrlichen drawl, bei dem ich nicht anders kann als an Südstaatenschönheiten denken. Natürlich ist Julie Doiron von ganz woanders, nämlich – o welche Überraschung 😉 – aus New Brunswick, der einzigen zweisprachigen Provinz Kanadas. Da ist es jetzt bestimmt auch etwas frischer als hier im Zug nach Frankfurt. Summa summarum, es handelt sich hier um ein sehr entspanntes Stück Musik mit dem man herrlich ins hitzige Wochenende hineingleiten kann.
(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 152 Songs ist hier.)
Some turn to Jesus
And some turn to heroin
Some turn to rambling round
Looking for a clean sky
And a drinking stream
Some watch the paint peel off
Some watch their kids grow up
Some watch their stocks and bonds
Wer die letzten fünf Monate – ich kann es selbst nicht glauben, wie lange dieses tägliche Programm schon läuft – hier ein bisschen verfolgt hat, dürfte inzwischen mitbekommen haben, wer meine Lieblingssängerin ist. Hier spielt sie mal wieder Klavier statt Gitarre und das Stück ist musikalisch wie auch lyrisch so sehr Joni that it almost hurts. Die eigenwillige Pianoballade strahlt eine große Ernsthaftigkeit und Gravität aus. Der Text beschreibt eine bildliche Essenstafel. Die einen kriegen die Bratensoße, andere den Knorpel, wieder andere das Knochenmark, manche gar nichts. Es wäre für alle was da. Jemand hat die Gefräßigen reingelassen, aber die Bedürftigen wurden ausgesperrt. An diesem Festessenstisch sitze ich nun schon eine ganze Weile und irgendwie schmeckt es mir nicht mehr so richtig. Ich will endlich wieder aufstehen und losgehen. Gut, dass es bald wieder soweit ist.
(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 151 Songs ist hier.)
P.S. An den schönen Sommer 1972 erinnere ich mich übrigens noch sehr gut. Wir wohnten in dem Haus in der Venloer Straße in Hülsdonk. Ich habe viel Zeit in Vaters Arbeitszimmer mit der Tür zur großen Terrasse verbracht. Da stand der Fernseher und die olympischen Spiele fingen so unbeschwert an, erreichten einen Höhepunkt mit Ulrike Meyfahrt’s überraschendem Hochsprungsieg und wurden dann plötzlich zu einem schrecklichen Alptraum.
Future butterfly going to spend the day higher than high
You’ll be beautiful confusion
Oh, once I was you
Bei diesem Lied muss ich an Elliott Smith’s persönlichen Unabhängigkeitstag denken, den 21. Oktober 2003. An dem Tag hat er sich ein Messer in die Brust gerammt, wobei nie 100%ig geklärt wurde, ob es wirklich Selbstmord war. Es gibt eine erschreckende Diskrepanz zwischen seiner sanften Stimme, diesen wundervollen an die besten Stücke der Beatles erinnernden Harmonien, der sehr berührenden Melodie und seinem brutalen Ende. Wahrscheinlich spielten seine Drogenprobleme eine Rolle und um Rausch, Abhängigkeit und Entzug scheint es auch in diesem Song zu gehen.
(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 150 Songs ist hier.)
Don’t you know it’s bad luck
To stay in one place for too long?
Die Stimme von Basia Bulat erinnert mich unglaublich stark an diejenige von Tracy Chapman. Da scheint soviel Trauer, soviel harte Lebenserfahrung drin zu stecken, es ist jedes mal wie ein Stich ins Herz, wenn ich sie singen höre. Das Lied ist eine bittersüße Ballade, in der ein englisches Brettspiel mit dem Leben verglichen wird. Ich glaube, es geht darum, dass man auch mal was riskieren muss, wenn man weiterkommen will. Dass der erste Schritt hin auf einen Menschen, den man gerade kennengelernt hat, auch nicht ungefährlich ist. Man könnte ja zurückgewiesen werden. Und doch lohnt es sich auf jeden Fall, mal das zu tun, was nicht unbedingt von einem erwartet wird. Leben ohne Risiko ist wie Suppe ohne Salz. Vielleicht gesünder, aber wozu?
(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 146 Songs ist hier.)
Aching to find where the tulips cry
on and on and on again
I still get high
Der erste Song auf dem ersten Album von Swell. Sozusagen der Einstieg in die Band. Es geht los mit rhythmisch schlagenden Glocken, dann kommt die leicht jaulende Gitarre. Und David Freel singt von anthropomorphen Tulpen. Wer würde da nicht an Holland denken und eine weibliche Pflanze, deren Konsum eine gewisse beruhigende und entspannende Wirkung entfalten kann. Das Lied ist immer noch genau so gut wie vor zwanzig Jahren. Ob David Freel heute noch high wird weiß ich nicht, zu gönnen wäre es ihm.
(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 143 Songs ist hier.)
‚Cause your head’s shaking
‚Cause your arms are shaking
And your feet are shaking
‚Cause the earth is shaking
Sorry, ich bin etwas spät dran, gestern war ich mit ein paar Kollegen im Freiluftkino im Volkspark Friedrichshain (sehr empfehlenswerte Location), um den neuen Film von Jane Campion über den sehr jung gestorbenen Dichter John Keats und seine große Liebe zu sehen (nicht empfehlenswert, da sehr gekünstelt und langweilig). Im Kino hatten sie den süffigen Augustiner Edelstoff in den alten, dickbauchigen Halbliterflaschen, ich glaube, ich habe da eine halbe Pulle zu viel getrunken. Das gestrige Lied habe ich zuerst als Cover von R.E.M. auf der wunderbaren Sammelsurium-CD Dead Letter Office gehört. Im Original von Pylon, die wie R.E.M. aus Athens, Georgia stammen und diese wohl auch beeinflusst haben, ist es mindestens genauso fetzig. Gut als Partymusik geeignet, stimmt es mich schon auf das Wochenende in Luxemburg ein, wo wir voraussichtlich so einige, alte Bekannte treffen werden.
(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 142 Songs ist hier.)
I don’t care about your hair
I just care about the shoes you wear
So wahnsinnig viele neue, interessante Gitarrensounds nach dem von Johnny Marr gab es nicht, wenn ich mich recht erinnere. Einer der wenigen, der seine Gitarrensaiten auf eine ganz eigene Art und Weise zum Schwingen brachte, war Mark Robinson aus Washington, D.C., das sich eigentlich eher durch Hardcore einen Namen auf der Rockmusikweltkarte gemacht hat. Für mich hat das sehr flinke Gitarrenspiel hier einen lässigen, luftig-lockeren Klang, dazu fällt mir gerade diese Schokolade mit Luftlöchern ein, die es in den Achtzigern gab, sie war vom Kakaogehalt eher mau, aber sie war innovativ und musste unbedingt probiert werden. Das Beste an ihr waren die leeren Zwischenräume. Dies ist keine besonders gute Aufnahme, vor allem die Vocals am Anfang sind leicht verzerrt, aber es ist nur eine Democassette, auf der CD ein Jahr später war die Qualität besser, allerdings hörte sich das dann nicht mehr ganz so jungfräulich an. Was aber absolut in der Natur der Sache war.
(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 141 Songs ist hier.)
N’aie pas peur sur ta route
Des barques echouées
Suis la senteur salée
Des longs roseaux mouillés
Musik, die in die Beine geht und trotzdem einen melancholischen Unterton hat. Stark vom algerischen Raï aber auch von anderen Volksmusiken aus dem südosteuropäischen Raum beeinflusst, hat das zum Großteil aus Straßenmusikern bestehende Kollektiv Les Négresses Vertes um 1990 eine Art Weltmusik voller Spielfreude mit u.a. Akkordeon, Posaune und Trompete gemacht. Ihr Sänger Helno starb 1993 an einer Überdosis, aber sie machten weiter. Der „Mann aus den Sümpfen“ war eines ihrer bekanntesten Lieder.
(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 140 Songs ist hier.)
Send me the pillow …
The one that you dream on …
And I’ll send you mine
Es wird nicht einfacher mit der Liedauswahl. Ich hatte mich schon fast für das jubilierende Fifty-Fifty Clown von den Cocteau Twins entschieden, einen ihrer transzendentalsten, himmlischsten Songs. Doch dann kam wieder ein Lied von The Queen Is Dead von den Smiths und heute konnte ich ihnen nicht widerstehen. Die Lyrics sind mehr oder weniger geschenkt, aber Johnny Marr’s Gitarrenakkorde glitzern und funkeln wie Sternschnuppen in der lauen Sommernacht. Wenn ich mir jetzt sofort etwas wünschen müsste, dann wäre es eine Reunion und ein Konzert unter dem Apfelbaum in unserem Garten zu meinem Geburtstag in ein paar Wochen. File under Alex has a dream…
(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 139 Songs ist hier.)
Look see his bones are gone
He done left the grave
The grip of death it could not hold him down no
It’s for him that I rave
Eigentlich wäre ja heute bzw. gestern ein weiteres Smiths-Lied drangewesen, nämlich The Boy With the Thorn in His Side, aber am Ende war Amerika mal wieder stärker als England. Einfach unglaublich wie Morrissey die Melodie summt und stöhnt. Aber das flotte Banjospiel auf Black Bush ist noch phantastischer. Man hat das Gefühl, dass das Instrument sich verschluckt, dass die Saiten über sich selber stolpern. Aber irgendwie kriegt es sich immer wieder ein. David Eugene Edwards singt von Jesus ohne seinen Namen zu erwähnen. Das ist es, was ich an ihm und seinen Songs mag. Er ist sehr christlich, seine Themen sind meist biblisch und man spürt seine tiefe Religiosität in den Liedetexten, aber er versucht nie irgendwen zu bekehren.
(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 138 Songs ist hier.)
Am Sonntag ist mein Onkel aus Amerika gestorben. Wir haben es erst heute erfahren. Natürlich war unsere Beziehung nicht sehr eng. Obwohl er sehr oft in Deutschland war, ich glaube, ich habe ihn in den letzten 25 Jahren so im Schnitt einmal pro Jahr auf Familienfesten getroffen. Letztes Jahr waren C. und ich zu seinem 70. in Ohio. Wie auch schon 10 Jahre zuvor. Er war ein sehr einnehmender, lustig-lockerer Typ. Er war der Einzige aus der Familie, der nach Amerika gepasst hat. Seine Urne wird in Deutschland beigesetzt werden. Wie er es gewollt hat. Hoffentlich dauert es jetzt nicht wieder zehn Jahre bis zu unserem nächsten Trip nach Amerika.
(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 137 Songs ist hier.)
A dirty street outside my room, papers swirl around
Not a soul on a night of gloom, tries to stop a howl
Another day on a dismal beach, a seagull turns and flies by
The waves seem so high and fierce, break and crash back down
Ein relativ frühes Lied von einer meiner Lieblingsbands. Yo La Tengo aus Hoboken, New Jersey auf der anderen Seite des Hudson gegenüber von Manhattan. Sie waren auch schon damals die Meister der leisen Töne. Diese langsame, stimmungsvolle, melodische Ballade ist heute gerade die richtige Entspannungsmusik für mich, meine Stimmung ist mal wieder close to ground zero und überhaupt. Ich glaube, ich bin gerade in der post midlife crisis und in so einer Situation sind Ira & Georgia, also die Philemon & Baucis des 21. Jahrhunderts, genau der Balsam, nach dem die waidwunde Seele verlangt.
(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 136 Songs ist hier.)
Comme dit si bien Verlaine au vent mauvais
Je suis venu te dire que je m’en vais
Tu te souviens des jours anciens et tu pleures
Tu suffoques, tu blêmis à présent qu’a sonné l’heure
Vorhin auf dem Heimweg von der Arbeit hat mich das Lied voll erwischt. Der Bürotag war gekennzeichnet von einem Konflikt, der sich zwar mehr oder weniger wieder in Wohlgefallen aufgelöst hat, der mich aber trotzdem mitgenommen hat und nach solchen Auseinandersetzungen bin ich ziemlich nah am Wasser gebaut. Als ich dann auf dem Fußweg von der U-Bahnstation – ich war extra eine Station weiter gefahren, um alle Tagestracks hören zu können – dem großen Serge sein doch sehr herzlos rüberkommendes Abschiedslied an eine Geliebte im Ohr hatte, war ich den Tränen nicht weit. Neben dem Text ist auch die Melodie sehr traurig. Bei Gainsbourg denke ich immer, dass er seinen Lebensgenuss optimiert hat, er hat alles und alle genommen, die er kriegen konnte und ist rechtzeitig abgetreten von der Lebensbühne bevor die Alterszipperlein ihm etwas anhaben konnten. Ich muss auch an einen Weinkeller in Saint-Germain-des-Prés denken, in dem wir vor einigen Jahren waren. Nach ein paar Gläsern schwärmte uns ein mittelalter Pariser von Gainsbourg vor und sang ein Lied von ihm, ich habe vergessen welches. Aber da fiel es mir mal wieder wie Schuppen von den Augen, dass Frankreich es besser hat.
(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 135 Songs ist hier.)
Love lost, such a cost,
Give me things
that don’t get lost.
Like a coin that won’t get tossed
Rolling home to you.
Das Zusammenspiel der zart gezupften akustischen Gitarre, dem in Zeitlupe gespielten Bass und dem erdig-folkigen Banjo gekoppelt mit dem himmlisch entrückten Klang der Pedal Steel-Gitarre ist es, was mich an diesem Song ganz besonders anzieht. Mit den Lyrics trifft Neil Young natürlich auch ins Schwarze der Psyche eines jeden Mannes zwischen zehn und hundert. Viel mehr kann man(n) von Popmusik eigentlich nicht verlangen.
Eher unwichtig ist hingegen,
über wen das Lied ist (den Hausmeister der Ranch, die Young 1970 in Nordkalifornien gekauft hat)
wer Banjo spielt (James Taylor)
wer im Hintergrund singt (Linda Ronstadt)
auf welchem Album es ist (Harvest)
an welcher Stelle es auf der LP ist (1. Track auf Seite 2)
in welchen Filmen es zu hören ist (Dogtown & Z-Boys, Die Wonder Boys und Dogtown Boys.)
welcher prominente Songwriter es auf einer Tour 2002 gecovert hat (Bob Dylan)
zu dem Begräbnis welchen Schauspielers es gespielt wurde (Heather Ledger)
bis auf welchen Platz die Single in den Billboard Charts kam (31)
wann und wo der Song zuerst live vorgetragen wurde (23.2.71, BBC?)
(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 134 Songs ist hier.)
I found myself a friend,
but he’s crooked as a stick in water
So now I’m writing fairy tales
to catch the spirit of revenge
Heute vor neun Jahren habe ich meinen ersten Post bei Blogger veröffentlicht. Zur Feier des Tages würde ich gerne den ersten neun Lesern, die mir eine Mail an alex63 AT bigfoot PUNKT com mit Namen und Adresse schreiben, ein kleines Dankeschön zukommen lassen. Und zwar in Form einer CD-ROM mit den ersten 100-120 Liedern, die ich im Rahmen dieses Projektes ausgewählt habe.
In other news: Heute hätte ich fast einen Song von Dir, liebe A. genommen. Crystalised von The xx. Eine der wenigen neuen Gruppen, mit denen ich was anfangen kann. Wobei es natürlich schon so ist, dass ihre Musik stark an die von einer anderen Band aus den Achtzigern erinnert. Ich meine natürlich die Young Marble Giants mit ihren ungeschminkten, minimalistischen LoFi-Stücken.
In dem Lied von heute geht es wohl um das Ende einer Beziehung, eine ganz gewöhnliche Katastrophe. Wenn ich wählen könnte zwischen dem unglücklichen Verliebtsein in eine, von der ich von vorneherein weiß, dass sie notorisch fremdgeht (das gestrige Help Me for a man) und der plötzlichen Realisation, dass sie es nicht ehrlich mit mir meinte (A Common Disaster), dann würde mir die Wahl nicht schwer fallen.
(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 133 Songs ist hier.)
Help me
I think I’m falling
In love again
When I get that crazy feeling
I know I’m in trouble again
Zwischen ihren beiden Meisterwerken, dem Seelen-Striptease Blue und dem Roadalbum Hejira hat Joni Mitchell 1974 ihre populärste LP, das leicht angejazzte Court and Spark veröffentlicht. Das zweite Lied auf der Platte war Help Me, das gleichzeitig die meistverkaufte Single von ihr war. Ich schreibe das weil ich ansonsten kaum kommerziell sehr erfolgreiche Musik kenne, die mich so anspricht wie dieses Stück und das Album worauf es sich befindet. Auf die Schnelle fallen mir da nur einige Lieder der Beatles ein. Mitte der Achtziger, als ich Help Me das erste Mal gehört habe, habe ich mich sofort in der Protagonistin wiedererkannt. Unglücklich verliebt zu sein, war damals ein Dauerzustand bei mir. Das hat sich dann später glücklicherweise ein bisschen gelegt. Cut. Man hat den Moment, in dem Joni Didn’t it feel good? singt und der Klang der Gitarren, der Holzbläser und des Saxophons konvergieren, recht treffend mit der Explosion von Brausepulver auf der Zunge verglichen: Zischende Eruptionen von Klangfarben, die in alle Richtungen zerstieben.
(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 132 Songs ist hier.)
Don’t let your mind do all your walking
Boy you’ll stumble every time
Dieses Lied wird dominiert von dem gleichzeitig luftig-ätherischen und komplex-dichten Klang von David Eugene Edwards‘ Slide-Gitarre. Besonders faszinierend an diesem Song ist die Kombination aus den ernst vorgetragenen Lyrics mit religiösem Hintergrund und dem stark psychedelischen Sound. Das erinnert mich ein bisschen an die Kurzgeschichte über den norwegischen Maelstrom von Edgar Allan Poe, in den man mehr und mehr hineingezogen wird, je näher man ihm kommt. Hier noch ein Video einer Liveperformance beim Loreleifestival 1997.
(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 131 Songs ist hier.)
It’s getting faster, moving faster now, it’s getting out of hand
On the tenth floor, down the back stairs, it’s a no man’s land
Lights are flashing, cars are crashing, getting frequent now
Der Opener des ersten Albums Unknown Pleasures gespielt auf dem letzten Konzert von Joy Division, gute zwei Wochen bevor Ian Curtis sich erhängt hat. Ich wollte nicht noch ein Lied von dieser Gruppe auswählen (sie sind jetzt wie die Nachfolgeband New Order, die Smiths und Joni Mitchell mit sechs Titeln vertreten), aber es gab absolut nichts, was auch nur entfernt herangereicht hätte. Da Da Da? Here Comes a City? My Name Is Jonas? Because the Night? Ride into the Sun? Das ist Mucke für Warmduscher, bei den Temperaturen – draußen sind es jetzt um halb 12 Uhr nachts immer noch 26,6, drinnen 25,0 Grad – geht das aber so was von gar nicht. Schön bei dieser letzten, sozusagen definitiven Version sind natürlich Stephen Morris schwer verhallte Drums, die da sind wo sie hingehören, nämlich ganz weit vorne. Und dass Ian Curtis so spät mit seinem Sprechgesang anfängt und erst einmal die anderen vorlässt. Z.B. Peter Hook, der wieder mal die Wände zum Erbeben bringt. Und Bernard Sumner, der es wunderlicherweise schafft, seine malträtierten Gitarrensaiten nicht zum Zerspringen zu bringen.
(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 130 Songs ist hier.)
Your kiss so sweet
Your sweat so sour
Sometimes I am thinking that I love you
But I know it’s only lust
Von Bands mit politischer Stoßrichtung bin ich ja eigentlich überhaupt kein Fan, aber hier haben die Post-Punker aus Leeds, die sich nach der berüchtigten chinesischen Viererbande genannt haben, ein eindrucksvolles Stück Rockmusik vorgelegt und zwar von der Musik und vom Text her. Wir haben es in diesem Lied mit einer Kapitalismuskritik zu tun, die heute so aktuell ist wie eh und je. Eine Art negative Utopie. Menschen in Beziehungen werden füreinander immer mehr zu Waren, wenn einer fertig ist weil er z.B. seelisch krank ist, wird er vom anderen wie ein kaputtes Teil zurückgeschickt und ausgetauscht. Der Materialismus des Geldes hat sich auf unsere sozialen Beziehungen übertragen. Sagten die Gang of Four vor über dreißig Jahren. So ganz unrecht hatten sie damals und haben sie erst recht heute wohl damit nicht. Die Musik hierzu ist nervös-quirlig und hartkantig, mit deutlichem Ska-Einfluss. Ein stotterndes Killerriff beherrscht den zudem sehr basslastigen Song. Man sagt, Bloc Party würden so ähnlich klingen. Alles, was ich bis dato von ihnen gehört habe – das war eher wenig – war allerdings nur ein schwacher Abklatsch. Aber wahrscheinlich ist es mit Rockmusik so, dass man ab einem gewissen Zeitpunkt die „neuen“ Bands nicht mehr goutieren kann, da man in ihrer Musik die alten Gruppen von früher hört, die damals subjektiv viel besser waren. Und zwar nicht nur wegen der Originalität sondern auch weil man selber damals jünger und aufnahmefähiger für Neues war.
(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 129 Songs ist hier.)
Show me how you do that trick,
the one that makes ice-cream she said
Fast Lied des Tages geworden wären heute das zärtliche No Water von Yo La Tengo, selbiger Band’s countryeskes Did I Tell You, Swell’s trommelwirbliges Come Tomorrow, derselben Gruppe abgründiges Always One Thing, das schwelgerische Punks in the Beerlight der Silver Jews, Neil Young’s sentimentales I Believe in You, Julie Doiron’s sprödes Don’t Ask, The Gun Club’s dämonisches Sleeping in Blood City, Suzanne Vega’s unter die Haut gehendes Undertow, Pinback’s zeitlupenhaftes Charborg, Giant Sand’s entspanntes X-tra Wide, Belle & Sebastian’s unernstes Get Me Away From Here I’m Dying und Joni Mitchell’s persönlichstes Lied Little Green. Soviel bleibt jetzt nicht mehr übrig und das Raten des heutigen Songs sollte somit nicht mehr ganz so schwer sein ;-). Es ist ein Cover mit gewissen textlichen Verbesserungen, das kann ich verraten, die Stimme des ursprünglichen Sängers ertrage ich heutzutage nur noch mit 2 Promille und mehr. Aber die Melodie ist einfach nicht kaputtzukriegen, auch und gerade in dieser trashigen Keyboardversion.
(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 128 Songs ist hier.)
Eine Slideshow (Artikel dazu) zur Einstimmung auf unsere Jakobswegfortsetzung im Juli. Wir wollen 580 Kilometer auf der Via Podiensis von Le Puy nach Aire sur l’Adour gehen, wo wir vor drei Jahren (etwas runterscrollen) gen Santiago aufgebrochen waren.
Don’t worry I’m not looking at you
Gorgeous and dressed in blue
I know it drives you crazy
When I pretend you don’t exist
Unglaublich, aber wahr, es ist jetzt auch schon wieder über zehn Jahre her, dass Mark Sandman, der Sänger und Bassist von Morphine während eines Konzerts in der Nähe von Rom auf der Bühne einem Herzinfarkt erlag. Morphine war eine sehr spezielle Band, die sich im Zonenrandgebiet von Rock und Jazz bewegt hat. Bei diesem Stück kommt das sehr gut zum Ausdruck. Es beginnt mit dem unwahrscheinlich potenten Bass Mark Sandman’s, der das um sich selbst kreisende Motiv spielt. Dazu gesellen sich die delikat gespielten Drums. Als nächstes singt Mark Sandman mit seiner grummeligen Bassstimme davon wie er eine Frau anmacht. Schließlich setzt das Saxofon neben einigen Pianoakkorden den jazzigen Akzent und die ganze Gruppe improvisiert etwas vor sich hin. A free flow into the dark of the night.
(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 127 Songs ist hier.)
And all that I need now
is someone with the brains and the know-how
to tell me what I want..
Was könnte bei diesen Temperaturen besser passen als Aimee Mann’s jubilierendes Lied über den ersten Sommer nach dem Ende der Schulzeit? Sorry aber fürs Bloggen ist es definitiv zu schön draußen. Wir sind dann mal im Mauerpark.
(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 125 Songs ist hier.)
Round and round and round you go
Who you are, nobody knows
Dieser Eintrag bringt zwei Nova. Zum einen das erste Lied von 2008 und damit das Neueste, zum anderen den ersten Interpreten aus dem deutschsprachigen Raum, die Schweizerin Sophie Hunger, die allerdings auf englisch singt. Ich glaube zu dem Stück muss man nicht viel sagen. Es handelt sich um eine peppige, sehr melodische Gitarrenballade über eine Liebesgeschichte mit einem Vagabunden. Sophie Hunger’s bluesig-souliger Gesang hat mein Herz im Sturm erobert.
(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 124 Songs ist hier.)
P.S. Über dieses Lied habe ich vor über einem Jahr schon mal was geschrieben.
And so I drank one, it became four
And when I fell on the floor, I drank more
1987, das letzte Jahr der Smiths ist angebrochen und ihr Schwanengesang Strangeways, Here We Come ist das erste ihrer Alben, das ich von Anfang bis Ende höre. Strangeways heißt das Gefängnis in Manchester. Ganz am Anfang des Liedes baut sich für denjenigen, der es kennt, eine unglaublich starke Spannung auf, die dann durch Morrissey’s erste Liedzeile, den Liedtitel aufgehoben wird. Da bricht sich ein Jubel in seiner Stimme Bahn, da befreit sich jemand von seinen Fesseln als Leadsänger in einer Popband. Und dann diese träumerische Gitarre von Johnny Marr, die zweite Stimme der Gruppe. Auch heute noch stehe ich sprachlos vor dieser unwahrscheinlichen, vollkommenen Kollaboration zweier musikalischer Genies. Damit sind die Smiths übrigens in meinem kleinen Musikcountdown mit sechs Titeln aufgerückt zu New Order und Joni Mitchell. Ich würde mich nicht wundern, wenn sie den Wettstreit am Ende gewinnen würden.
(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 123 Songs ist hier.)
Sending me a postcard from the sands
A photograph and how you’re doing
You write the words in ink and curive and
I follow along with my fingers and pretend
Endlich mal wieder was aus den letzten zehn Jahren. So viel Feedback krieg ich ja hier nicht, aber A., eine sehr liebe Kollegin, meinte hier wäre doch fast nur alte Musik. The American Analog Set, die ursprünglich mal aus Austin, Texas kamen sind jetzt auch nicht mehr ganz taufrisch und ich glaube, es gibt sie gar nicht mehr, aber ihre Musik ist immer noch so umwerfend wie am Anfang. Sie sind eine Band, die einen Groove, den sie einmal gefunden hat, nicht mehr loslässt. Ein bisschen wie Stereolab, nur easier going. Wir haben sie zweimal in klitzekleinen Venues gesehen, einmal im Dreikönigskeller in Frankfurt direkt am Main und einmal in einer Art Wohnzimmer in einem Jugendzentrum in Offenbach. Es war jedes Mal kuschlig und die Jungens absolut zum Liebhaben. Es gibt einen Typus eines jungen, handfesten, amerikanischen Guys, den man liebhaben muss.
(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 122 Songs ist hier.)
You say you’ve got a bone to pick
Well, there’s plenty showin‘ on me
Der Songtitel heißt übersetzt amerikanisches Pfeifen bzw. Keuchen und könnte einen auf die Idee bringen, dass David Eugene Edwards damit meint, dass Amerika auf dem letzten Loch pfeift. Und das schon ziemlich lange. Sein Großvater ist bzw. war ein wilder Prediger und das hat auf ihn abgefärbt. Auch er hört sich so an, als hielte er uns in seinen Songs Predigten, in denen es viel um die Hölle und das darin Brennen geht. Der Mann ist definitiv besessen und bringt das auch sehr klar rüber. Dieses Lied wird vom Klang des Akkordeons beherrscht, es ist eine handliche Version dieser Instrumentengruppe namens Konzertina. Neben dem schwermütigen, düsteren Klang wird man in diesem Stück das Gefühl nicht los, dass der Teufel persönlich einen durch das Spiel dieses Instruments zum Tanz auffordert. Einen Tanz, den man nicht ablehnen kann und der so lange dauert bis nach vielen Stunden einer der Tänzer (wer wohl?) am Ende aus Erschöpfung tot zusammensinkt. Ende der heutigen Gutenachtgeschichte.
(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 121 Songs ist hier.)
Endlich ein Lied von den Pixies; es kommt mir so vor als wäre das jetzt der erste Song überhaupt von denen, den ich im Rahmen dieses Projekts gehört habe. Das kann eigentlich nicht sein. Oder haben die wirklich kein Stück, das länger als 3 Minuten und 35 Sekunden ist, gemacht? Live habe ich sie nie gesehen weder um 1990 als ich sie das erste Mal gehört habe – A. hat mir 1991 zum Geburtstag Bossanova geschenkt, ihr hörerfreundlichstes, sehr surfiges Album – noch bei ihrer Reuniontour, wo sie ja auch in Berlin waren und es dort ein großes Bloggerstelldichein gegeben hat. Was war damals so gut an den Pixies? Und ist es heute noch? Dass sie anders klangen, frischer, unbelastet von der Rockgeschichte, direkt und ins Herz gehend, keine Gefangenen machend. Sie waren der Zeitgeist und kündigten mit ihrer locker-flockig von der Leber gespielten Mucke den Zusammenbruch eines großen, politischen und geografischen Blocks an und zogen ihr Ding durch. Genau so eine Band bräuchten wir heute. Und ich wäre ihr erster Fan.
(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 120 Songs ist hier.)
Every time just like the last
On her ship tied to the mast
To distant lands
Takes both my hands
Never a frown with golden brown
Schwierige Wahl heute, der größte Hit der Stranglers setzt sich knapp gegen Lloyd Cole, Mary Margaret O’Hara und The House of Love durch. Die auf einem Cembalo gespielte Ohrwurmmelodie, ein Evergreen wie er im Buche steht, höre ich immer wieder gern. Worum es geht, ob um Heroin, eine Frau oder gar Marmite (;-)), ist letztlich eher unbedeutend. Ich höre das Lied mit Vorliebe mit geschlossenen Augen auf dem Kopfhörer und die Taktwechsel erzeugen bei mir Kaskaden bunter, kaleidoskopartiger Formen im Kopf, die sich auffächern und mit permanent steigender Geschwindigkeit auf mein Gehirn niederprasseln. So ähnlich stelle ich mir einen LSD-Rausch vor.
(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 119 Songs ist hier.)
four, nine, five, three, one
four, nine, five, three, one
Rob Crow and Zach Smith haben Ende der Neunziger eine Band in San Diego gegründet, die von vorneherein ihren ganz eigenen Sound hatte. Das Rezept war einfach, zwei Gitarren plus Schlagwerk plus zwei Stimmen. Loro war eine ihrer ersten Singles und sie weben da ein dichtes Netz aus den Schwingungen der Gitarrensaiten, in dem man sich sofort sehr gut aufgehoben fühlt. Dazu singt und summt erst der eine, dann im Kreuzgesang der andere. Das erinnert entfernt an die Vokalharmonien der Beach Boys, die ja auch von der sonnigen Westküste kamen. Mit dem Unterschied, dass es hier ruhiger zugeht und die Musik nicht auf den Wellen surft, sondern eher ein glattes, windstilles Meer evoziert. Da ist zwar eine Strömung, aber es ist ein Sog nach unten in die Tiefe, der nichts mit überirdischen klimatischen Bedingungen zu tun hat.
(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 118 Songs ist hier.)
Women he has taken grow old too soon
He tilts their tired faces
Gently to the spoon
The Hissing of Summer Lawns, was für ein phantastischer Titel für ein Album. Das Innenfoto von Joni im dunklen Bikini im Wasser, mit geschlossenen Augen auf dem Rücken liegend (Foto auf dem Kopf). Ich erinnere mich an kein anderes Bild von ihr, wo sie soviel Haut zeigt. Das Album, das von vielen als ihr Bestes angesehen wird – allerdings nicht von mir – ist eines ihrer Körperlichsten (neben Don Juan’s Reckless Daughter). Afrika steht hier im Zentrum, zum einen die Kriegstrommeln von Burundi auf The Jungle Line, dann das Cover mit der Gruppe von Schwarzen auf einer grünen Wiese (Central Park?) vor New York, die eine lange Schlange in den Händen halten. In dem heutigen Lied geht es nach Joni’s Angaben um eine fiktive Verknüpfung zweier realer Personen. Einem Zuhälter, den sie in Vancouver getroffen hat (der Kingpin) und Edith Piaf. Was wäre passiert, wenn die beiden sich getroffen hätten? Wahrscheinlich hätte Joni dann niemals diesen wunderbaren Song geschrieben. Übrigens ein Lied, das bereits in die Zukunft weist, die Stimmung ist sehr relaxed und abgeklärt, ähnlich wie auf ihrem Roadalbum Hejira, das dann ein Jahr später rauskam.
(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 117 Songs ist hier.)
The dream is gone
but the baby is real
oh you did a good thing
she could have been a poet
or, she could have been a fool
oh you did a bad thing
Das Lied habe ich das erste Mal nach dem Ende der Smiths so ca. 1988 gehört. Es ist auf dem zweiten Album Hatful of Hollow, das vielleicht sogar mein Liebstes ist, da es als einziges – wenn man mal von der Livescheibe Rank absieht – so etwas wie einen unpolierten Garagensound hat. Es enthält B-Sides und alternative Versionen wie z.B. BBC-Studioaufnahmen. Ich hatte mir damals die sechs Smiths-Alben (inklusive der Kompilation The World Won’t Listen) bei Zweitausendeins in der Türkenstraße als billigen, portugiesischen Reprint – ich glaube für lächerliche 30 Märker – gekauft. Eine Platteninvestition, die sich gelohnt hat. Dieses Stück zeichnet sich wiederum durch einen stark nach vorne gemixten Bass aus. Der rumpelt in einem Schneckentempo dahin, dass es eine wahre Freude ist. Das ganze Lied ist eher langsam, fast schon meditativ, angelegt. Es hört sich ein bisschen so an als wäre es im Halbschlaf aufgenommen worden. Dem dritten Zustand, den ich den anderen beiden schon immer bevorzugt habe, da er Wachheit und Schlaf umfasst und somit in gewisser Weise über ihnen steht. Morrissey erzählt die Moritat von einer Abtreibung und seufzt auf seine unnachahmliche melodische Art und Weise. Johnny Marr’s Gitarre wacht im Laufe des Songs ebenfalls allmählich auf und er steuert seine funkelnden, swingenden Riffs bei. Wenn ich das Lied höre, möchte ich wieder fünfundzwanzig sein. Aber nicht heute. Nein. Damals. Und wenn Nietzsche und die alten Inder Recht haben, dann wird mir das sogar vergönnt sein.
(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 116 Songs ist hier.)
Aus 118 als okay bewerteten Tracks mit 3 Minuten und 40 Sekunden Länge auf meiner Festplatte habe ich dieses Instrumentalstück ausgewählt. Es gehört zwar leider zu der Sorte „abgenudelt bis dass es aus den Ohren wieder rauskommt“, aber wenn man mal versucht, von der Melodie zu abstrahieren, dann bleibt dieser kleine, stolze, schüchterne, eigenwillige, respektvolle, nebelverhangene, mit dem Rücken zum Publikum gespielte Ton übrig. Und der darf in einer Lieblingsmusiksammlung einfach nicht fehlen.
(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 115 Songs ist hier.)
Das Schöne an dem Gejammer über die aktuelle Rock- und Popmusik, das ich im Grunde schon seit fast zehn Jahren – also mit meinem ersten Blog – anstimme, ist ja, dass ich genau weiß, dass jeder mal an diesen Punkt kommt, wo er den aktuellen, heißen Scheiß nicht mehr goûtieren kann weil er ihn viel besser schon mal vor vielen Jahren im Original gehört hat. Ich bin da schon drüber hinaus. Ich kann inzwischen auch die Sachen von früher kaum noch genießen. Das hat sich alles so fürchterlich abgenudelt. Bis auf die paar Songs, die ich hier auswähle. Für eine Songperle ziehe ich mir hundert uninspirierte 0815-Lieder rein. Es ist unglaublich, aber das Verhältnis ist wirklich fast so extrem. Danke fürs Mitlesen und -hören.
It’s not a case of doing what’s right
It’s just the way I feel that matters
Tell me I’m wrong
I don’t really care
Es ist auch schon eine Weile her, dass Robert Smith und seine Band The Cure richtig gute Musik gemacht haben, an der man nicht vorbeikam. Seventeen Seconds ist jetzt sage und schreibe dreißig Jahre alt. Ich bewundere bei dem heutigen Lied die unwahrscheinliche und doch gelungene Vermählung einer peppigen Melodie mit einem treibenden Beat und der Trauerkloßstimme des Leadsängers. Der Gitarrenklang ist unübertroffen, erst meint man ein Xylophon zu hören, dann perlt der luftig-lockere Sound nur so von den Saiten. Ein Stück, dass einfach nicht altert, heute noch so frisch und unverbraucht wie damals. Wenn man dagegen an den Robert Smith von heute oder die wenigen mir bekannten jungen Rockbands von heute denkt, dann kann einem nur das ganz große Heulen kommen.
(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 114 Songs ist hier.)
Heute bzw. gestern waren C. und ich auf der Pfaueninsel. Wir haben es beide sehr genossen, ich habe ein Faible für kleine Inseln. Hiddensee ist ja schon nicht groß, aber die Pfaueninsel ist vielleicht ein Zwanzigstel davon. Am meisten beeindruckt hat uns beide die Fontäne mit den zwei Schalen. Wie der Wasserstrahl die obere kleine Schale füllt, die dann überläuft, indem das Wasser eine dünne, durchsichtige Wand bildet und wie die zweite, größere Schale dieses Wasser auffängt und dann ebenfalls überläuft und das Wasser nun eher wild und anarchisch auf den schöngeformten Steinfuß fällt und dort aufschlägt und in alle Richtungen spritzt, das ist ein Schauspiel, dem ich stundenlang zusehen könnte. Gibt es da nicht ein Gedicht zu? Nach der kurzen Rückfahrt mit der Fähre gab es plötzlich einen fetten Regenschauer und wir haben uns nahe der Anlegestelle untergestellt. Dort war auch eine andere Bloggerin mit ihrem Sohn und einem Begleiter. Habe mich natürlich nicht getraut, sie anzusprechen.
***
Vorvorgestern auf dem Karneval der Kulturen wären wir am Mehringdamm fast erdrückt worden. Da waren eindeutig zwei oder drei Leute zuviel am gleichen Ort.
Pick a card, any card.
Wrong.
Pick 19th century twin-set pearls in a new clasp,
Brass neck, collar me
Right.
Swagger, die Schallplatte, die mit diesem Lied anfängt, war ein Geschenk von A. zu meinem Geburtstag, ich glaube es war 1991, also mein Achtundzwanzigster. Zusammen mit Bossanova von den Pixies. Meine ersten beiden Indiescheiben. A. hat mich eingeführt in die Welt des Independent Rock, eine gute englische Bekannte von ihm arbeitete in Brüssel bei einem in Insiderkreisen bekannten Musiklabel. Die Blue Aeroplanes aus Bristol waren dann für eine Weile – zusammen mit den Pixies – eine meiner Lieblingsbands. Ich mochte Gerard Langley’s Stimme und seinen Sprechgesang. Von den Texten habe ich nicht viel kapiert, aber der Kerl hatte literarisch was drauf, das war sonnenklar. Bis heute gefällt mir an diesem Lied und der ganzen Platte die warme, intime Atmosphäre. Ich habe sie in meinem ersten Studio in Luxemburg in der rue de Neudorf meistens spätabends bei Kerzenschein gehört. Die Musik erzeugte bei mir so eine Art campfire feeling. Eine andere Frau, in die ich damals schwer verliebt war, kannte die Band weil ihr Ex sie zu Konzerten mitgenommen hatte und fand sie nicht so toll. Sie verstand auch nicht, was man an Raymond Carver oder Eric Rohmer gut finden konnte. Für sie waren deren Werke öde und langweilig. Dafür hat sie mir Paul Auster’s New York Trilogy empfohlen, die ich begeistert in einem Rutsch durchgelesen habe. Primitivo habe ich auch durch sie entdeckt. Bei den damaligen wilden Parties spielten wir oft drinking games. Wenn sie und ich dann ziemlich hinüber waren, spielten wir manchmal Schach. Ich weiß nicht mehr, wer da gewonnen hat, aber auf jeden Fall hat es mich jedes Mal überrascht wie stark sie war. Vielleicht lag es auch nur daran, dass sie den Wein besser vertrug.
(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 113 Songs ist hier.)
Mit diesem Instrumental klingt Nick Drake’s zweites Album Bryter Later aus. Wie das ganze Album ist auch dieses Stück recht reich instrumentiert. An erster Stelle natürlich die Flöte, die die naiv-unschuldige Weise spielt. Dann neben Bass, Drums und Nick Drake’s Gitarre ein Streicherarrangement. Normalerweise hasse ich so etwas, aber hier stört es mich nicht; das könnte zum einen daran liegen, dass es relativ zurückhaltend eingesetzt wird. Zum andern kenne und liebe ich dieses Stück seit 30 Jahren, ich höre die Streicher gar nicht mehr, sie sind ein integraler Teil des Ganzen geworden. Der Titel ist nicht nur identisch mit dem heutigen Wochentag, er passt auch perfekt zu dem ruhigen Fluss des Instrumentals. Man meint, eine Abgeklärtheit zu hören wie als wäre da ein Hoffnungsschimmer am Horizont. Es hat dann aber leider nur noch für ein weiteres Album gereicht.
(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 112 Songs ist hier.)
She said she’d throw herself off a bridge
He stood and laughed and she never did
She telephoned to say that she’d cut her wrists
Instead she beat the walls with her fists
Das passt jetzt sehr gut zu dem gestrigen Eintrag. Wieder 80er in Großbritannien, wieder dieser läutende Gitarrensound (Neil Clark heißt der Mann an der Klampfe hier), wieder ein romantischer Songwriter mit einer sonoren Stimme. Bei dem Lied muss ich an eine alte, unglückliche Liebe Anfang der Neunziger aus der Luxemburger Zeit denken. Ich hatte ihr die CD Easy Pieces geschenkt, auf der es drauf ist. Es stellte sich dann raus, dass ich leider nur ein minor character in ihrem Leben war, worauf ich mich dann auch nicht von der Brücke geschmissen habe, allerdings hat etwas Ähnliches dann später ein sehr guter Freund gemacht (nicht wegen ihr), mit dem ich vorher öfter darüber gescherzt hatte. Da wusste ich, dass ich aus Luxemburg weg musste. Zurück zu ihr. Sie war sehr blond und aus Zehlendorf. Zu unserer Middle Life Crisis Luxo Reunion Ende Juni kommt sie natürlich auch nicht.
(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 111 Songs ist hier.)
Wir waren heute abend in dem Berliner Konzert der argentinisch-französischen Kollaboration Gotan Project (s.a. verlan). Die sieben Gruppenmitglieder waren mit zwei Reisebussen aus Paris gekommen. Die akustischen Instrumente wie Stimme, Bandoneon, Geige und Trompete, Gitarren sowie die Keyboards wurden von Musikern aus Buenos Aires gespielt während an den synthetischen Sounderzeugern ein Franzose und ein Deutschsprachler saßen. Sie waren vor allem für die Drumprogrammierung, diverse Soundeffekte und Einspielungen von Stimmen – häufig durch einen Vocoder gejagt – verantwortlich. Was die beiden da verzapften, war bis auf die diversen Halleffekte nicht unbedingt mein cup of tea, die üblichen eintönigen Beats, schlimm die Roboterstimmen. Aber was die Argentinier da machten, war ziemlich klasse. Im Zentrum natürlich das Bandoneon mit seinem wehmütigem, wiegendem Klang. Dann der Keyboarder, der die Stücke zum Grooven brachte. Und schließlich die Geigerin, die z.T. nur staccatomäßig, leicht über die Saiten strich und so kleine Notentupfer setzte. Manche Stücke hatten einen sehr hypnotischen Effekt; insgesamt fand ich den Sound aber oft sehr breiig und einförmig, als würde da immer die nahezu selbe Nummer gespielt. Wir standen unten, der Saal war ziemlich voll, und nach einer Weile tanzten natürlich so einige Paare Tango. Immer schön anzusehen und vielleicht versuchen wir es ja auch nochmal.
Who’s that boy, always on his own
Let’s ignore him, he’s ugly, no one’s song
Check that mind, so relaxed and pure, in honesty
Boy just watch your joy
Nach dem Ende der Smiths 1987 gab es nicht so wahnsinnig viele Bands in England, denen man es am Anfang zutrauen konnte, in ihre Fußstapfen zu treten. Außer den Field Mice fallen mir da jetzt gerade nur The House of Love ein. Ihr Leader Guy Chadwick hatte ähnlich wie Morrissey etwas von einem romantischen Outsider an sich. Seine Songtexte waren zwar nicht ganz so exquisit wie die des Smiths-Sängers, dafür hatte er durchaus auch Croonerqualitäten. Hauptmerkmal der Musik war außerdem der samtene, klirrend-klingelnde Klang von Terry Bickers Gitarre (noch eine Parallele zu den Smiths). Hier am Anfang von Road scheinern sich die Saiten in läutende Miniglocken zu verwandeln, sie geben dem Song etwas Glorreiches, feierlich Festliches, wie ein prächtiges Sternefunkeln nachts am Himmelszelt.
(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 110 Songs ist hier.)
Zwei Tage nach Ian Curtis 30. Todestag (s.a. hier) wähle ich mir den fünften Song von Joy Division, der größten Band von allen, wenn mich jemand fragen würde. Und wenn ich mir das Dabeisein bei einem einzigen Konzert hätte wünschen können, dann wäre es das hier gewesen am 18. Dezember 1979 im Les Bains Douches in Paris. Da waren die vier in absoluter Topform, was sie mit dieser erbarmungslosen Version von Shadowplay unter Beweis stellten. Peter Hook’s überfetter, rumpelnder Bass eröffnet den Reigen, dann trätiert Bernard Sumner seine Gitarre wie ein wildes Tier und entlockt ihr höllische Dissonanzen. Der Song explodiert. Krachig-kraftvoller geht nimmer. Ansonsten natürlich noch Stephen Morris gewohnt solides, diesmal sehr schön schepperndes Schlagzeug und dann schließlich Ian Curtis düstere Stimme, aber irgendwie ist er nur Statist, den eigentlichen Job machen die anderen.
(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 109 Songs ist hier.)
We lay on the bed there
Kissing just for practice
Could we please be objective?
Because the other boys are queuing up behind us
Meine Beziehung zur Musik von Belle and Sebastian hat eine wellenförmige Form. Die Welle ist allerdings schon vor längerer Zeit an den Gestaden des Indiepop ausgelaufen. Zu Anfang habe ich den Appeal der Musik wie auch schon vorher bei den Cocteau Twins überhaupt nicht verstanden. Ich habe die Melodien zuerst einfach nicht wahrgenommen, das schien alles so beliebig und verweichlicht. Aber beim zweiten oder dritten Hören von If You’re Feeling Sinister hat es dann geklickt bei mir. Und sie haben mich völlig verzaubert. Vor allem in dem zweiten Lied der CD, Seeing Other People. Wie da Leichtigkeit des Rhythmus, schwermütige Melodie, an den Barock erinnernde Harmonik, angenehme, sanfte Stimme des Sängers und seine mit den Worten gekonnt spielenden Lyrics zusammenfinden, ist ein sehr seltener Glücksfall in der Musik. Da ist er wieder der metaphysische Moment, wo es mir vorkommt als würde ein Musikstück vorstoßen in eine andere, glücklichere, tiefere Welt. Aber wahrscheinlich bin ich nur mal wieder sentimental-nostalgisch gerührt davon, dass dieses Album rauskam als ich noch in Luxemburg war und nebenbei noch 14 Jahre jünger, also vor einer gefühlten Ewigkeit. Damals hielt ich sie für eine Weile für die beste britische Band seit den Smiths und habe ihnen sogar zugetraut, in deren Fußstapfen zu treten. So am Anfang der Frankfurter Zeit um 1997/98 habe ich alle CD-Maxis von ihnen gekauft, ich glaube in den USA über Cdnow mit Einfuhrumsatzsteuer und so. In der Zwischenzeit haben Belle and Sebastian dann aber kaum noch Musik gemacht, die mich angesprochen hat. Die drittte Platte war noch ganz gut, aber danach fehlten mir so ein bisschen die einfachen Melodien in dem ganzen Pop-Produktionstralala, das sie mit Streichern und weiß Gott welchen tollen Effekten veranstaltet haben. Das war mir zu dick und sirupmäßig aufgetragen, da war die kindliche Seele schon lange aus der Musik entfleucht.
(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 107 Songs ist hier.)
Don’t the sun look good today
but the rain is on its way,
watch the butcher shine his knives,
and this town is full of battered wives
Diese Version des Songs mit dem die Go-Betweens einer Hitsingle am nächsten gekommen sind (Nr. 70 in Australien, Nr. 82 in UK) wurde wahrscheinlich in den Neunzigern bei einem Konzert in Deutschland („eins-zwei-dry-vier“) aufgenommen. Natürlich denke ich bei dem Lied sofort an den viel zu früh verstorbenen Grant McLennan, der ja immer die etwas poppigeren Stücke des Songwriterduos Forster/McLennan geschrieben hat. Wobei hier der teilweise leicht abgründige Text seltsam kontrastiert mit der luftig-lockeren Ohrwurmmelodie. Ein bisschen Melancholie schwingt natürlich auch mit, sonst wäre es kein Lied der Go-Betweens. Aber insgesamt ist es wegen seines peppigen Drives und seiner Sonnigkeit nicht gerade sehr typisch für ihr Œuvre. Ein Tag, an dem man sich hiermit wecken lässt, kann nur ein guter Tag werden, sag ich jetzt mal so.
(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 106 Songs ist hier.)
Dieser instrumentale Remix des Danceklassikers von The Human League ist eigentlich über sieben Minuten lang. Ich habe ihn mir allerdings aus einem Mix von Musicophilia rausgeschnitten. Daher fehlt fast die Hälfte und deswegen hört man auch am Anfang noch das Fading Out von Funkadelic’s One Nation Under a Groove, das dann langsam in Don’t You Want Me überblendet. Egal, die Zeit als messbare Größe ist sowieso rettungslos überschätzt. Für mich ist es fast ein Wunder, aber ich habe mir diese tausende Male abgenudelte Nummer bis heute nicht übergehört (autsch). Ein Grund könnte sein, dass ich in meinen späten Teens Discos gemieden habe und diesem Smashhit nicht so schutzlos ausgeliefert war wie viele andere aus meiner Generation. Andererseits finde ich gerade diesen Remix gut gelungen, da er sehr variationsreich ist. Bestimmt kein Nachteil ist, dass hier nicht gesungen wird. Sehr schön natürlich auch der Name, den sich die Band für dieses Projekt zugelegt hat. Ich glaube, jetzt lege ich erstmal die Barry White-Instrumentalplatte auf, die ich vor einem Jahr in New York erstanden habe. Sorry für das abrupte Ende des Tracks, aber das sollte man als Wink mit dem Zaunpfahl verstehen, die komplette CD käuflich zu erwerben.
(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 105 Songs ist hier.)
Still a lot of lands to see
But I wouldn’t want to stay here
It’s too old and cold and settled in its ways here
Oh but California
Vor 40 Jahren, die Siebziger haben gerade angefangen, Joni ist auf Europareise und sie hat den Blues. Zum einen weil sie spürt, dass dem Frieden doch keine Chance gegeben wird (der Vietnamkrieg geht weiter), zum andern weil sie sich zurücksehnt. In ihre Wahlheimat Kalifornien. Eigentlich kommt sie ja aus dem kanadischen Westen. Von Paris reist sie der Sonne nach weiter südlich nach Griechenland und dann nach Spanien, aber die Parties mit den vielen gebildeten, schönen Leuten können nichts an ihrem Heimweh ändern. Bei dem Lied denke ich auch ein bisschen an meine Radfahrt nach Griechenland, die ursprünglich ins Morgenland gehen sollte, im Sommer 1982. Ich war damals auch in Matala, die Höhlen waren kaum noch bewohnt. Am Strand lagen Neckermannurlauber in einem Glutofen von 40 Grad und mehr. Das war so ziemlich der südlichste Punkt meiner Tour, danach ging es langsam wieder zurück nach Mitteleuropa. Inzwischen ist die Gegend um Perpignan, in der ich mich jetzt gerade befinde, so ein wenig mein Kalifornien geworden. Die Sonne scheint jetzt gerade wieder und das helle Licht zusammen mit dem kühlen, starken Nordwind, der Tramontane, vertreibt jegliche Schwermut. Dazu der honigsüße, schnell zu Kopf steigende Muscat und das frugale französische Essen. Sowie die als Albères im Mittelmeer auslaufenden Pyrenäen, in denen man herrliche Wandertouren machen kann. Mehr braucht man nicht zum Glück.
(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 104 Songs ist hier.)
Oh, Susan, the hope of fusion
is that the halo will reappear
it may be pure illusion
but it’s beautiful while it’s here
Der Regen hat aufgehört. Die Tramontane hat die Wolken verscheucht. Wir haben die Chance genutzt und am vorletzten Tag eine zweieinhalbstündige Wanderung in der Nähe von Maureillas-las-Illas gemacht. Auf schmalen, felsigen Wegen an der Bergflanke durch den Wald zu einem Dolmen und einer Turmruine mit schöner Aussicht nach Céret. Hierzu passt das zupackende Lied von Aimee Mann sehr gut. Es geht, glaube ich, um eine Beziehung, die in die Brüche geht. Und wie man daraus das Beste macht. Mal sehen, ob wir morgen problemlos nach Hause kommen. Die Vulkanasche, die unseren Hinflug um einen Tag verzögert hat, scheint derzeit Girona zu verschonen. Ansonsten bleiben wir halt noch ein paar Tage…
(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 103 Songs ist hier.)
What U putting in your nose?
Is that where all your money goes
The river of addiction flows
U think it’s hot, but there won’t be no water
When the fire blows
Mit dieser Songauswahl habe ich mich selbst überrascht. Dump alias James McNew aka der Bassist von Yo La Tengo hat vor ein paar Jahren eine CD mit Prince-Covern mit dem schönen Titel That Skinny Motherfucker with the High Voice? gemacht, in dem er auch dieses frühe Princelied von 1985 spielt. James McNew ist von der Statur eher der Anti-Prince, kann aber auch recht hoch singen. Wie diese melancholisch-melodiöse Weise groovt ist ein absolutes Phänomen. Neben der Fistelstimme trägt auch die simple Keyboardtonfolge zu einer naiv-unschuldigen Stimmung bei, die mein Herz auf der Stelle erobert hat. Im Hintergrund hört man, glaube ich auch noch Ira Kaplan, also Yo La Tengo’s Gitarristen, Leadsänger und -komponisten, Vocals beitragen, das Original habe ich übrigens noch nie bewusst gehört.
(Die Liste aller seit dem 1. Februar [5:34] ausgewählten 102 Songs ist hier.)
Every time I see you falling
I get down on my knees and pray
I’m waiting for that final moment
You say the words that I can’t say
Was soll ich zu diesem Lied nur sagen? Dass es einer der handvoll wirklich guten Popsongs ist? Das weiß doch sowieso jeder, der sich ein bisschen mit Popmusik auseinandergesetzt hat. Dass der Liedtext völlig nichtssagend und vage scheint (another view)? Bernard Sumner kann glaube ich nicht anders und wenn man mal ehrlich ist, dann macht das auch gar nichts, im Gegenteil gesungen hört sich das perfekt an, wer versucht, in Poplyrics große Lebensweisheiten zu entdecken, dem kann man nur eine Überdosis Glück wünschen. Love Triangle, wer denkt da nicht an Jules und Jim und an Jeanne Moreau. Ob der Bernard von denen wohl jemals gehört hat? Ich war auch schon in so einer Dreiecksbeziehung drin. Sogar zweimal, kurz hintereinander. Was man auf jeden Fall sagen kann, aus sowas kommt keine der drei Personen unbeschadet heraus. Ich habe damals meine erste Freundin an einen guten Freund verloren. Es war schade um uns drei. Dann habe ich noch meinen besten Freund verloren weil er dachte, dass ich etwas mit seiner Ex angefangen hätte. Ein seltsames – eher fiktives – Liebesdreieck. BLT habe ich, glaube ich, das erste Mal in der akustischen Version von Frente! gehört. Es hat mich sofort gepackt, natürlich auch wegen der mädchenhaften Stimme der Sängerin, wobei ich sagen muss, dass das Original noch besser ist. Oder hätte ich tanzbarer sagen sollen?
(Die Liste aller seit 1. Februar [5:34] ausgewählten 101 Songs ist hier.)
Y’a pas qu’au fond de la piscine
Que mes yeux sont bleu marine
Tu les avais repérés
Sans qu’il y ait un regard
Morgens die Runde Laroque – St Génis – Villelongue – Laroque in 29:09 Minuten gelaufen. Das Wasser im Swimming-Pool hat sich auf 17-18 Grad aufgewärmt. Noch zu kalt für mich. Wir reinigen den Swimming-Pool mit dem Roboter, dem Schrubber und dem Netz. Meine Kniee schmerzen. Am frühen Nachmittag regnet es Bindfäden. Isabelle Adjani in Rivette’s La Belle Noiseuse. Musste das sein? (Hier hat der Blogger Isabelle mit Emanuelle verwechselt, unverzeihlich!) Dann doch lieber Luc Besson’s Clip zu Pull Marine.
(Die Liste aller seit 1. Februar [5:34] ausgewählten 100 Songs ist hier.)
So leave your house and come into my shed
Please stop my world from raining through my head
Please don’t think I’m not your sort,
You’ll find that sheds are nicer than you thought
Nick Drake im Doppelpack. So richtig wundern tut es mich jetzt nicht, dass er der erste ist, der an zwei aufeinanderfolgenden Tagen jeweils mein Lieblingslied auf Songlängenbasis geschrieben hat. Man in a Shed, von der ersten Platte Five Leaves Left, ist wiederum – wie alle seine Liedertexte – sehr autobiographisch und hat mich 1979 als ich es mit sechzehn das erste Mal gehört habe, völlig umgehauen. Dieser Typ, der nicht aus seinem Schuppen rauskam und sich in ein Mädchen aus einem schönen Haus verliebte, die ihm außer guten Ratschlägen nicht viel geben konnte, war – das war sonnenklar – ich selbst. Ich hatte mich auch in meinem Zimmer im Souterrain verschanzt, las in meinem braunen Stoffsessel mit den Wörterbüchern auf den Armlehnen die halbe Weltliteratur durch und wartete auf die Frau, die mich vom Kopf auf die Füße stellen würde. Die dann auch kam und mit der ich stundenlang über Gott und die Welt geredet habe. Aus uns wurde natürlich nichts, ich glaube ich war zu schüchtern und zu unreif für sie. Bei diesem Lied fällt es mir besonders auf wie attraktiv es sein kann, in einer Depression zu verharren und sich nicht hinauszuwagen in die Welt da draußen (ich bin dann später hineingesprungen ins knallharte Leben, aber das ist eine andere Geschichte). Die Gitarre auf dem rechten Kanal am Anfang strahlte eine tiefe Verlassenheit und Traurigkeit aus, aber spätestens, wenn der sehr in den Vordergrund gemischte satte Bass einsetzte, konnte ich mich so richtig suhlen in meiner Melancholie und in meinem glücklich-unglücklichen Außenseitertum. Das Klavier vervollständigt die Instrumentierung und gibt dem Stück einen bluesigen und gleichzeitig federleichten Swing. Dieses Lied ist der Beweis: Die größte Gefahr einer Depression lauert in ihrem enormen Suchtpotential.
(Die Liste aller seit 1. Februar [5:34] ausgewählten 99 Songs ist hier.)
Open up the broken cup
Let goodly sin and sunshine in
Yes that’s today.
And open wide the hymns you hide
You find renown while people frown
At things that you say
But say what you’ll say
About the farmers and the fun
And the things behind the sun
And the people round your head
Who say everything’s been said
And the movement in your brain
Sends you out into the rain.
Das ist die letzte Strophe dieses Songs von Nick Drake’s letzter Platte Pink Moon. Sie fasst sein Leben in wenigen Zeilen zusammen. Von der Sonne zu den Dingen hinter der Sonne bis hinaus in den Regen. Sein kurzes Leben war wie eine zerbrochene Tasse, seine Lieder die Scherben, für die sich niemand zu seinen Lebzeiten interessierte. In ihnen hat er gesagt, was er sagen musste auch wenn die anderen die Stirn runzelten. Hier singt jemand von einer Depression aus der er nicht mehr rausgekommen ist. Er hat die Antidepressiva nicht regelmäßig genommen wie vom Arzt angordnet. Vielleicht hätte er uns sonst nicht dieses Lied hinterlassen. Am Ende dann hat er zu viele Pillen gegen die Depression genommen. Und sie haben gewirkt.
(Die Liste aller seit 1. Februar [5:34] ausgewählten 98 Songs ist hier.)
I asked the painter why the roads are colored black.
He said, „Steve, it’s because people leave
and no highway will bring them back.“
Mit diesem gut abgehangenen Stück fängt das kleine Meisterwerk American Water der Silver Jews an. David Berman jongliert mit den Metaphern wie Rastelli in seinen besten Jahren. Inzwischen hat er ja leider dem Songwritertum völlig abgeschworen. Dafür können wir uns wohl bei seinem Vater, Dr. Evil, bedanken.
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No language, just sound is all we need now to synchronise
Love to the beat of the show
Das ist das Lied, das Joy Division live zum Durchbruch verholfen hat. Es geht ums Radio, es geht ums dazu Tanzen, es geht um den Beat und die Show. Und es geht um den Sex.
(Die Liste aller seit 1. Februar [5:34] ausgewählten 96 Songs ist hier.)
Well I Wonder
Do you hear me when you sleep?
I hoarsely cry
ich bin müde und zerschlagen (ich kann in berlin nicht vernünftig schlafen, gehe halb eins ins bett und wache halb fünf auf und wälze mich, nicht nur wegen der fehlenden rolladen aber auch), mir tut der hals weh (die schmacht bleibt, als wäre meine kehle radioaktiv verseucht, halbwertzeit 1000 jahre) und der rücken schmerzt jetzt auch in diesem ikea-ledersessel. und das schlimmste ich befinde mich in einer tiefen depression. (wieso sind depressionen eigentlich immer tief? sind sie es überhaupt? hilft es dem deprimierenden, wenn er realisiert, dass seine depression nicht tief ist, oder deprimiert es ihn noch mehr?). dieser post ist einfach stream of consciousness und hat nicht unbedingt was mit dem lied zu tun. heute und gestern war ein typ in der u2, der spielte saxophon. in der u2 sind auf dem weg von hausvogteiplatz zum bahnhof zoo eigentlich immer musikanten oder solche die sich dafür halten drin. das besondere an dem saxophonisten war, dass er anders war. zum einen wegen des instrumentes, die meisten spielen gitarre oder akkordeon – sodann weil er ganz ok gekleidet war, also offensichtlich kein penner. außerdem spielte er ein unaufdringliches, lyrisches jazzstück, scheiße ich weiß nicht wie es heißt, aber es ist sehr bekannt. zudem spielt er ziemlich lange. also nicht nur von einer station zur nächsten sondern eher über zwei stationen. diesem musiker gebe ich kein geld obwohl er der beste ubahnmusiker ist, den ich bisher gehört habe. seine musik nervt nicht. das ist eigentlich für mich die hauptmotivation, geld zu geben. die musik ist so schlecht gespielt und nervt so dermaßen, dass ich mitleid mit dem musikanten kriegt. na ja dieser kriegt jedenfalls nix von mir – es kriegt sowieso nur der erste bettler, der mir am tag über den weg läuft die 50 cent, die ich morgens in meine jackentasche tue und diesen sehe ich erst am abend also ist er meist nicht der erste – weil ich genau weiß, dass er von den anderen was kriegen wird. heute war eine gruppe französische schüler in der pubertät in der u2. sie klatschten nach der performance und der eine junge gab dem bettler was. ich hab jetzt noch in 77 lieder reinzuhören und muss packen und und und. ach und was ich vergessen habe, mein auto ist im arsch. die pumpe-düse will nicht mehr so richtig, esp fällt dauernd aus, die leistung fällt ab und ich komme kaum noch die berge zwischen bad hersfeld und eisenach hoch. meine autos halten immer knapp 10 jahre. der erste von 1990-2000, der zweite von 2001-2010. jeweils etwas mehr als 100.000 km, ich glaube der erste hatte mehr. ein fingerzeig des himmels: was zum teufel soll ich mit einem auto in berlin? wir sind jedenfalls jetzt erstmal ne woche in laroque bei perpignan.
(Die Liste aller seit 1. Februar [5:34] ausgewählten 95 Songs ist hier.)
Like a leaf clings to a tree
Please cling to me
We are creatures of the wind
Wild is the wind
Meine Liebe zu dieser Coverversion eines Filmsongs von 1957 – es ist nicht exakt die Gleiche aber nahezu – habe ich schon mal in englische Worte gekleidet. Eins könnte man noch hinzufügen. Der Wind ist wild, aber Chan Marshall’s Stimme, wenn sie diese Titelzeile singt, ist wilder.
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Anytime call me up if you
got the sun,
cuz I got the waves.
Eigentlich war ja Nick Drake’s River Man in der exquisiten Cambridger Fassung mein Lieblingslied mit 242 Sekunden. Aber dann habe ich mir plötzlich gedacht, dass das in der Wunde rumbohren auf Dauer ja nun auch nichts bringt. Heute will ich mich einfach mal in musikalischer Hinsicht gehen lassen. Also habe ich mich für dieses Throwaway-Bubblegum-Drone-Piece entschieden. Außerdem ist es eine gute Einführung in diese Art von psychedelischer Musik, insbesondere auch für Leute, die noch nicht wissen, ob sie am Donnerstag zum Konzert von Brian Jonestown Massacre ins Lido Magnet (ich weiß noch nicht mal wo das ist) kommen wollen. Ich werde wohl da sein, zu BJM und ihrem Leader Anton Newcombe ist zu sagen, dass
sie 1. normalerweise ganz ähnliche hypnotische, repetitive, melodische Musik machen
sie 2. mit den Dandy Warhols in inniger Lokalfeindschaft – ich glaube beide Bands kommen aus San Franciso bzw. von der Westküste – verbunden sind
sie 3. neuerdings eher so eine Art Weltmusik machen
er 4. inzwischen in Berlin lebt
er 5. den little helpers inzwischen abgeschworen haben soll
(Die Liste aller seit 1. Februar [5:34] ausgewählten 93 Songs ist hier.)
Take me out tonight
where there’s music and there’s people
who are young and alive
Eigentlich wollte ich ja Man Enough to Prey von Lloyd Cole’s exzellentem nach Raymond Carver benanntem Album Don’t Get Weird on Me, Babe auswählen. Vor allem auch wegen der Harmonika, die bei mir zum einen nostalgische Gefühle weckt und zum andern eine innere Ruhe und Wärme ausstrahlt, aber dann kamen mal wieder die Smiths dazwischen. Dieses ist einer ihrer klassischen Songs, der sich durch eine besondere Instrumentierung auszeichnet. Zum einen grummelt der Bass sehr stark im Vordergrund wie auf kaum einem anderen Smiths-Lied. Er wird schön kontrastiert von etwas, was sich anhört wie ein Streicherensemble, es ist allerdings nur ein elektronisches Artefakt; das Budget war zu klein. Selbiges gilt für die Flötenmelodie. Von Johnny Marr’s Gitarre hingegen ist hier kaum etwas zu hören. Das macht aber hier rein gar nichts. Das Stück ist so gut, dass dieser Mangel sehr gut zu verschmerzen ist. Alle Smiths-Verächter muss ich nun leider enttäuschen; das war bestimmt nicht das letzte Stück von den Smiths.
(Die Liste aller seit 1. Februar [5:34] ausgewählten 92 Songs ist hier.)
vorgestern auf dem myfest gewesen. jetzt beim aufschreiben schäme ich mich dafür, einer veranstaltung mit diesem namen beigewohnt zu haben. myspace, myfest, myzeil. myass. erstaunlicherweise in dem gewusel drei kollegen getroffen. der erste war zu sehr mit seinem kinderwagen beschäftigt, um mich in der unterführung vom kottbusser tor zu bemerken. mit der zweiten hatte ich mich dort am kiosk verabredet. die dritte hat uns beide dann am mariannenplatz erspäht. ansonsten eine sehr leckere, gehaltvolle caipirinha getrunken und ein fladenbrot mit köfte und würzigen gegrillten wurstscheiben gefuttert. hab mal wieder den altersdurchschnitt angehoben. länger als eine minute techno halte ich immer noch nicht aus, aber das herumgehampel der leute, vor allem des typen mit sonnenbrille, zauberte ein dickes, fettes breitmaulfroschgrinsen auf meine wangen. gut hingegen die oft orientalisch angehauchte musik auf der bühne am mariannenplatz. ich sag nur saz.
Dies hier hat mich heute sehr bewegt. Der Gedanke, Gestorbene, die man gut gekannt hat, irgendwann wiederzutreffen, verfestigt sich auch bei mir immer mehr. Die können doch nicht für alle Zeit verschwunden sein. Im Grunde kommt es mir ja schon jetzt so vor, dass die Toten gar nicht weg sind. Dadurch, dass ich an sie denke, ich denke da besonders an eine Person, sind sie weiter lebendig.
You’re on your way to my enemies
You’re moving in on my memories
Yo La Tengo – noch so eine Lieblingsband von mir – beginnen ihr allseits stark unterschätztes Noisy Rock Album May I Sing With Me mit einem entspannten, sonnigen Stück aus der Feder von Georgia Hubley, das man bis zu dem späten Zeitpunkt, zu dem ihre sanfte, summende Stimme einsetzt, für ein Instrumental halten könnte. An diesem Song fasziniert mich jedes Mal wie lange der Wechsel vom ruhigen zum schnelleren Teil hinausgezögert wird. Wenn man weiß, dass eine Beschleunigung mit den hinzustoßenden Drums ansteht, dann baut sich für einen eine prickelnde Spannung auf, die man hier eigentlich nicht erwarten würde. Die Melodie ist so schlicht und schön, dass es mir jedes Mal den Atem verschlägt. Worum es hier geht, ist unklar, der Titel ist sehr mysteriös, der kurze Songtext hilft auch nicht wirklich weiter. Eine reine Mutmassung meinerseits, aber es könnte um ein ambivalentes Verhältnis der Band zu ihrem Heimatland gehen.
(Die Liste aller seit 1. Februar [5:34] ausgewählten 91 Songs ist hier.)
Saturday sun brought people and faces
That didn’t seem much in their day
But when I remember those people and places
They were really too good in their way.
Das passende Lied zum heutigen Tag, die Sonne hat auch schon kurz mal durch die Balkontür ins Wohnzimmer reingelünkert. Zu Nick Drake schreibe ich eher ungern obwohl ich es schon öfter getan habe; es scheint immer so, dass die eigenen Worte von der Musik dieses frühvollendeten Songwriters ablenken. Außerdem ist Nick Drake für mich immer noch sehr privat; die Idee mit anderen Leuten gemeinsam seine Lieder anzuhören, ist für mich wie ein Verrat. Ich würde mich in solch einem Setting unwohl fühlen, ein bisschen so als würden meine innersten Gefühle in seinen Songs nach außen gekehrt. Nick Drake habe ich früher viel mit meinem besten Schulfreund gehört, dann ein zwei mal mit C. Heute höre ich seine Musik fast nur zufällig, wenn der iPod im Shuffle-Modus eines seiner Lied ausgewählt hat. Saturday Sun schließt die erste Platte ab, die ich besonders mag weil ich sie auch zuerst gehört habe. Das Lied strahlt eine große Gelassenheit aus und ist für drakesche Verhältnisse schon fast heiter. Das hat vielleicht auch mit der Instrumentierung zu tun, Drake spielt Klavier, zudem sorgt ein Vibraphon für eine leicht beschwingte, offene, jazzige Atmosphäre. Das Stück hat etwas Rundes, Abgeschlossenes, Vollständiges. Ein eigenes Universum, das in sich ruht. Die Melancholie ist gut versteckt und äußert sich vor allem am Ende, wenn er singt
And Saturday’s sun has turned to Sunday’s rain.
So Sunday sat in the Saturday sun
And wept for a day gone by.
Auch das scheint wieder auf dieses Wochenende zu passen, regnen soll es ja eventuell auch noch.
(Die Liste aller seit 1. Februar [5:34] ausgewählten 90 Songs ist hier.)
He came riding fast like a phoenix out of fire flames
He came dressed in black with a cross bearing my name
He came bathed in light and splendor and glory
I can’t believe what the lord has finally sent me
Vor ca. zehn Jahren am Anfang unserer Frankfurter Zeit sind wir mal ein Wochenende nach München gefahren, wo ich studiert habe. Aufhänger war ein Konzert von Giant Sand, damals gerade meine Lieblingsgruppe. Sie spielten im Industriepark im Osten der Stadt. 20 Uhr war als Startzeitpunkt angesetzt. Wir trudelten fünf nach acht ein. Ich hatte mich darauf eingestellt, ein Weilchen auf den Beginn des Konzerts zu warten aber das war nicht nötig. Howe Gelb und seine Mannen hatten pünktlich angefangen. Wie man das in Deutschland halt so macht. Das Trio Gelb, Burns & Convertino lieferte eine solide Vorstellung ab, war aber nach einer Stunde schon wieder weg von der Szene. Dann kam der main act, für den wir aber eigentlich nicht gekommen waren. PJ Harvey. Ein kleines, dürres, zierliches Persönchen. Mit einer unglaublichen Energie und Power. Sie tanzte über die Bühne wie ein wildgewordener Derwisch. Wie sie an dem Abend meine Lieblingsband hinweggefegt hat, das hatte etwas von einem Wirbewind, der übers Flachland weht und keinen Grashalm stehen lässt. Eines der intensivsten und eindrucksvollsten Konzerte, das ich erlebt habe.
(Die Liste aller seit 1. Februar [5:34] ausgewählten 89 Songs ist hier.)
Kool Thing you’re sitting with a kitty
Now you know you sure look pretty
Like a lover, not a dancer
Super boy take a little chance here
Dieses Liedchen wird mir immer in Erinnerung bleiben als Filmmusik zu der Tanzszene in Hal Hartley’s Simple Men, einem Film, von dem ich ansonsten so gut wie alles vergessen habe. Ich hab ihn trotzdem gemocht, es war ein road movie, das eine Art von amerikanischer Unbekümmertheit ausstrahlte, wenn ich mich recht erinnere. Kim Gordon singt hier wohl über einen Rapper und sein machohaftes Gehabe. Das interessiert mich nun überhaupt nicht, aber der Song ist einer der eingängigsten der Band und war nicht umsonst ihre erste Single auf einem Majorlabel.
(Die Liste aller seit 1. Februar [5:34] ausgewählten 88 Songs ist hier.)
Heute mittag habe ich mein erstes Subway-Sandwich gegessen. Thunfisch auf Vollkornbrötchen mit Mexican Southwest Sauce und Honig Salz und Pfeffer sowie allem außer Paprika. Wir – zwei Kolleginnen und ich – gingen dann bei herrlichem Sonnenschein zum französischen Dom, wo wir uns auf die Stufen setzten. Nachdem ich das Sandwich ausgepackt hatte, konnte ich mir folgende kritische Bemerkung nicht verkneifen:
15 Zentimeter? Das sollen 15 Zentimeter sein?
(bei Subway gibt es normale 15 Zentimeter lange „Baguettes“ und 30 Zentimeter lange, ich hatte mich für die Kurzversion entschieden)
Worauf eine der Kolleginnen etwas in der Richtung sagte, dass sie diesen Gedanken auch schon mal gehabt hätte, allerdings in einem etwas anderen Zusammenhang. Es dauerte etwas bis es bei mir klingelte.
Der Bezug dieses Eintrags zu dem gewählten Lied mag auf den ersten Blick nicht erkennbar sein, aber das scheint nur so. 😉
(Die Liste aller seit 1. Februar [5:34] ausgewählten 87 Songs ist hier.)
I saw my head laughing
rolling on the ground
And now I’m set free
I’m set free
I’m set free to find a new illusion
Von was singt Lou Reed hier nur? Von einem Drogentrip? Oder vielmehr vom Gegenteil, der Befreiung von einer Drogenabhängigkeit? Oder von einer Elektroschockbehandlung? Oder vielleicht von einer Nahtoderfahrung? Egal worum es hier genau geht, da hat jemand eine sehr tiefgehende Erfahrung gemacht, die ihn verändert hat und hat sie in Musik umgesetzt. Es ist ein ruhiges, hymnisches, pastorales Lied geworden, das eine starke positive Energie aussendet. Eine ähnliche Wirkung hat auf mich sonst nur religiös motivierte Musik wie Soul oder Gospel.
(Die Liste aller seit 1. Februar [5:34] ausgewählten 86 Songs ist hier.)
Sehr viele, sehr gute Songs hier (u.a. Joy Division’s kraftvoll-dunkles Shadowplay, Wild Is the Wind von Cat Power interpretiert als wäre es ihr eigenes Lied, das lyrische The Fox in the Snow von Belle & Sebastian, der Tanzknüller Some Distant Memory von Electronic, das meditative Spider Monkey von Beth Gibbons oder UB40’s sehr sommerlicher Ohrwurmreggae Food for Thought), aber dieser hier sticht ganz klar aus der Masse hervor. Ich habe gestern schon das Wort erwähnt. Transzendenz. Das mag sich jetzt etwas versponnen anhören, aber im Grunde höre ich Musik hauptsächlich deshalb, um herauszutreten aus dem profanen Hier und Jetzt in eine andere Dimension außerhalb von Raum und Zeit. Es sind solche Momente wie der reine Gesang der Libanesin Dunya Yusin, den Eno und Byrne auf My Life in the Bush of Ghosts gesampled haben. Es scheint eher ein Klagegesang ist, auf jeden Fall ist er überirdisch schön. Er ist eingebettet in einen unglaublich dicht gewobenen Rhythmusteppich. Die Beats werden u.a. auch auf gefundenen Objekten wie Bratpfannen, Pappkartons etc. geschlagen. Ich habe schon mal von diesem Stück geschwärmt, also belass ich es jetzt mal hiermit.
(Die Liste aller seit 1. Februar [5:34] ausgewählten 84 Songs ist hier.)
Wieder schlecht geschlafen letzte Nacht, dann ein wunderschöner, frühsommerlicher Sonnentag. Und eine Depressionswelle von tsunamihaften Ausmaßen schlägt über mir zusammen. Ausweichen unmöglich. Versuche mich abzulenken, indem ich die Teakmöbel auf der Terrasse öle. Es klappt nicht so richtig. Eigentlich wollte ich einen anderen Song wählen, Skyscrape von Idaho, Sad-/Slowcore, meiner Stimmung angemessener. Aber mein Lieblingslied von Loveless ist transzendentaler. Und nebelverhangener. Ich suche jetzt den Schlaf auf den Federkernen. Hoffentlich finde ich ihn.
(Die Liste aller 83 seit 1. Februar (5:34) ausgewählten Songs ist hier.)
Laisse-moi devenir
L’ombre de ton ombre
L’ombre de ta main
L’ombre de ton chien
Wahrscheinlich das uncoolste Lied der Musikgeschichte. Fast hätte ich statt seiner Kool Thing von Sonic Youth ausgewählt. Aber wenn man mal ehrlich ist, dann muss dieses Chanson in einer Liste bester Lieder drin sein. Weil es das Liebeslied per se ist. Die Argumente, die der von seiner Liebsten Verlassene aufbringt, um sie zurückzugewinnen, sind so over the top, dass man sich ein inneres Lächeln kaum noch verkneifen kann. Er will ihr Regentränen aus Ländern anbieten, wo es nicht regnet. Er will die Erde nach seinem Tod umgraben, um ihren Körper mit Gold und Licht zu bedecken. Er will ihr die Geschichte von dem König erzählen, der daran gestorben ist, dass er sie nie getroffen hat. Und gegen Ende verspricht er ihr, dass er aufhören wird zu weinen und zu reden und sich verstecken wird, um sie nur noch beim Tanzen und Lächeln zu betrachten und ihr beim Singen und Lachen zuzuhören. Ganz am Schluss sieht er nur noch eine Möglichkeit, ihr nahezukommen. Als Schatten ihres Schattens.
P.S. Die autobiographische Geschichte hinter diesem Chanson war prosaischer. Eine von Brel’s Geliebten – er war mit Miche verheiratet und sie hatten drei Mädchen – war von ihm schwanger und er wollte die Vaterschaft nicht anerkennen, so dass sie sich gezwungen sah, das Kind abzutreiben und ihn zu verlassen. Brel hat auch gesagt, dass dies ein Lied über die Feigheit des Mannes sei. So erscheinen die ganzen Münchhausiaden, die er hier aufreiht, plötzlich in einem völlig anderen Licht.
(Die Liste aller seit 1. Februar (5:34) ausgewählten Songs ist hier.)
And I swear that I don’t have a gun
No, I don’t have a gun, no, I don’t have a gun
No, I don’t have a gun, no, I don’t have a gun
Heute abend in der U9 (oder war es in der U2?) auf einem dieser Bildschirme mit Schwachsinnsnachrichten über angebliche Promis, von denen ich glücklicherweise meistens noch nie etwas gehört habe (Gnade der frühen Geburt), stand plötzlich ein Name, den ich kannte. Courtney Love (46 wie ich). Die News war allerdings mal wieder keine. Angeblich hat sie daran gedacht, sich umzubringen weil sie sich so unglaublich hasst. Das habe ich dann sogar fast geglaubt. Kurt hatte übrigens damals doch ein Gewehr.
(Die Liste aller seit 1. Februar (5:34) ausgewählten Songs ist hier.)
Catch the mouse
Squash his head
Put him in the pot
In diesem Lied geht es offensichtlich um Tiere, die auf gewaltsame Art getötet werden. Um Grausamkeit. Erst wird die Maus ihrer Freiheit beraubt, dann wird ihr kleines Köpfchen langsam zerquetscht und schließlich wird sie in den Topf gesteckt. Man kann sich ausmalen, dass der Topf mit kochendem Wasser auf dem heißen Herd steht. Am Ende wird die Maus oder was von ihr übrig ist dann wahrscheinlich noch mit den im Titel evozierten Messern klein geschnitten. Ein perfektionistischer Akt totalen Overkills. Und wie überirdisch schön die schlichte Melodie dazu ist. Das macht Angst. Bei Art Spiegelman waren die Mäuse die Juden.
Vielleicht mein größter Moment als Swell-Fan. Als ich David Freel vor ein paar Jahren nach einem Konzert in der Oetinger Villa in Darmstadt mal aus dem T-Shirtkarton befreit habe, in den er reingefallen war. Ich würde hier mehr schreiben, wenn es noch mehr Resonanz geben würde. Im Moment quäle ich mich etwas durch dieses Projekt. Wenn erst das Internet zuhause geht, dann wird hoffentlich alles anders.
And a bar maid came by with fishnet stockings and a bow-tie
She said:
„Drink up now, it’s getting on time to close,“
Die Songs von Joni Mitchell fielen für mich immer in vier Kategorien. Die, bei denen ich dachte, sie sänge über mich in der Gegenwart, die bei denen ich das Gefühl hatte, sie sänge über meine Zukunft, die in denen sie über ihre eigenen Beziehungen sang und den Rest. Dieses Lied gehört zur zweiten Kategorie. Wenn ich es heute höre, dann kommt es mir allerdings eher so vor, als sänge sie von meiner Vergangenheit.
Why must happy hearts break so hard?
Leave you staring in the mirror at a bar
Leave you talking to yourself,
‚Cause you can’t talk to anybody else.
Daniel Johnston, der von gebrochenen Herzen singt. Das rührt mich jedes Mal von neuem. Wir haben ihn übrigens vor kurzem im Konzert in Berlin gesehen. Mit einer zwölfköpfigen Jazzcombo als Begleitband.
restless boy in restless town
and you commence to drinking
a bottle up, a bottle down
a bottle white, a bottle brown
another day peels away
Dieses Lied ergänzt das gute Wetter perfekt. Während uns die Sonne gerade von außen wärmt, wärmt uns dieses Lied von Lambchop’s Nixon-Album das Herz von innen. Nicht lange nachdem ich realisiert hatte, dass Lambchop eine ziemlich gute Band sind, habe ich davon gelesen, dass Kurt Wagner eine Weile mit Richard Brautigan zugebracht hat. Bevor er sich erschossen hat, wenn ich mich recht erinnere ;-). Kurt Wagner ist vielleicht nicht ganz so ein seltsamer Vogel, aber ein Kauz ist der Fliesenleger, der einen grummelnden Bass genauso beherrscht wie ein durchdringendes Falsetto, schon. Es liegt nahe anzunehmen, dass der Titel dieses Stücks etwas mit grumpy (mürrisch, sauertöpfisch) zu tun hat; der Song selber kommt allerdings eher heiter beschwingt daher, er swingt sich herrlich in das Ohr und die Beine. Normalerweise bin ich ja kein Fan von Streichern, aber hier fügen sie sich nahtlos ein und gehören integral zum Sound hinzu.
Oh cheeky cheeky
Oh naughty sneaky
You’re so perceptive
And I wonder how you knew.
Ganz schwierig hier ein Lieblingslied auszumachen, dieser Song von der ersten Enosoloplatte hatte zwei Atouts, zum einen den Anfang, der so unglaublich vielversprechend ist. Sodann die Variationsbreite, hier passiert so viel, hier wird so viel rumgemacht, dass Langeweile eigentlich nicht aufkommen kann. Eno war zu diesem Zeitpunkt – nach der Banderfahrung in Roxy Music – auf dem Höhepunkt seiner Kreativität. Lyrics haben bei ihm ja angeblich nichts zu bedeuten, es geht mehr um den Klang als um den Inhalt, das sagt er zumindest, aber ich glaub das nicht so ganz. Auf jeden Fall ein sehr cooler Titel, und dass Finken auf englisch genauso heißen, wusste ich bis gerade eben auch noch nicht.
gestern im konzerthaus auf dem gendarmenmarkt. paolo pandolfo spielte musik von js bach und cf abel, z.t. solo z.t. mit mitzi meyerson am cembalo. am besten gefielen mir die bachstücke im duo. sehr schön zu beobachten, wie pandolfo bei langsamen passagen eine ernste, konzentrierte miene aufsetzt, bei mittelschnellen teilen in eine würdevolle, stolze mimik wechselt, um dann bei schnellen passagen in einen schalkhaften, heiteren gesichtsausdruck zu changieren. sehr banal, aber die bedeutung der inneren haltung, die man nach außen sichtbar macht, kann man gar nicht überschätzen. diese wechselwirkung von innen und außen, die in beide richtungen ausschlägt. hatte das gefühl in der musik, die haltung wiederzuerkennen. die cellosuite von bach, die er gespielt hat, war sehr einschläfernd. bachs cellosuiten sind mir zu monoton, zu wenig variationsreich. eigentlich erstaunlich, ein instrument, dessen klang ich liebe, ein komponist, den ich für den besten halte. die kombination sehr enttäuschend. die sachen von abel auch nicht mein cup of tea. pandolfo erzählte – in phantastischem deutsch – ein bisschen die geschichte von carl friedrich abel, der schüler von johann sebastian bach war und dann später in london zum alkoholiker wurde, dessen konzerte gelegentlich vom schluchzen des publikums übertönt wurden weil er so empfindsam spielte. eine seiner sinfonien wurde längere zeit als ein werk von mozart angesehn, den er unterrichtete. ein komponist zwischen barock und klassik.
Here I am in a house full of doors but no exits
In a light that is grey like the stain on my windows
(Lyrics)
Movement, das erste – und imo beste – Album von New Order, klingt aus mit diesem rhythmusbetonten Stück. Stephen Morris drummt mal wieder wie ein junger Gott, aber auch die anderen brauchen sich nicht zu verstecken. Barney Sumner’s gelegentliche Gitarrenverzerrungen, Peter Hook’s im Hintergrund rumpelnder Bass und last but not least Gillian Gilbert’s wabernde Keyboards. Ein Album, das an die glücklicheren, alten Joy Divsion Zeiten erinnert und gleichzeitig den zukünftigen Sound einer trendsettenden Dancepopband ankündigt. Aus einem Zwischenreich zwischen Tod – von Ian Curtis und damit Joy Division – und Wiedergeburt als New Order. Im Buddhismus nennt man es Bardo.
Die Lyrics hören sich so an als wären sie ein Beitrag zur aktuellen Missbrauchsdiskussion. Chan Marshall hat in Interviews gesagt, dass es hier um eine Abtreibung geht. Ein bewegendes Lied, das sich unüberwindlich vor uns auftürmt wie damals der große, nackte Mann vor ihr. Was für ein treffender Titel. Eine meiner Lieblingswebsites über Indiepop von vor zehn Jahren hieß sogar nach diesem Song.
And I closed my eyes like Marvin Gaye
But now I’ve had enough
Ich habe dieses Lied das erste Mal bei einem Konzert im Robert Johnson in Offenbach gehört. Es war damals gerade erst erschienen und Low öffneten ihren Set damit. Selten habe ich ein so mucksmäuschenstilles Publikum erlebt. Wir trauten uns kaum zu atmen, so intensiv war der Vortrag. Von dem langsamen Stück ging eine starke Spiritualität aus, ich kam mir vor wie in einer Kirche, Alan sang mit geschlossenen Augen als würde er beten. Er hatte zwar keinen Heiligenschein, zumindest sah ich ihn nicht, aber die Musik erzeugte in dem Raum eine Aura. Die vom Album gerippte mp3, die man über mickrige Computerlautsprecher anhört, mag diese Atmosphäre kaum zu transportieren, aber mit etwas Phantasie und einem starkem Glauben (heute ist ja immerhin Sonntag), kann man sich vielleicht vorstellen, wie dieses Stück damals auf uns gewirkt hat. Wovon der Song genau handelt, ist mir bis heute nicht ganz klar. Vielleicht ist das auch besser so.
if the air you breathed was so unique
would you use it up to idly speak
Wenn Liz Fraser die ätherischste Stimme der Rockmusik hat und Hope Sandoval die erotischste, dann hat Margo Timmins die zärtlichste. Die lullt einen so ein, dass sich das Schnurren eines Kätzchens im Vergleich dazu schon fast aggressiv anhört.
An der Grenze zum Schmalz, vielleicht auch schon jenseits davon, egal, muss auch manchmal sein. Avalon. Was für ein herrliches Synthiegewaber, was für ein Superalbum zum chillen.
Immer noch das beste Fußball-WM-Lied aller Zeiten. 1990 wurden dann zwar die Deutschen Weltmeister aber musikalisch hatten mal wieder die Engländer die Nase vorn. Ein Song strotzend von good vibrations, Lebensfreude und Optimismus mit der Prise Melancholie, die fast alle Lieder von New Order auszeichnet. Ich habe ihn erst ein Jahr später in Luxemburg bei einem englischen Hooligan/Freund gehört. Es war der Start in einen der wildesten Sommer meines Lebens. Den zweitwildesten, um genau zu sein.
Ich sehe sie noch vor mir, 1999 auf der Tour zum Album, hinter ihrem langen Pony, in Trance diese einfache Gitarrenweise singend. Sie in höheren Sphären schwebend, der Gitarrist Mick Turner den Bodenkontakt herstellend. Einer der berückendsten musikalischen Momente, den ich erleben durfte. Am selben Abend spielte vorher Elliott Smith mit Quasi. Völlig im Schatten von Chan und ihren Musikern.
Viel näher an Hardcore werde ich in dieser Reihe wohl nicht mehr kommen. The Jesus Lizard aus Chicago, die vor kurzem auch wieder auf Reuniontour waren, eine Band mit einem Leadsänger, der während der Konzerte gerne seinen exhibitionistischen Neigungen nachkommt. Musikalisch waren sie Nirvana nicht ganz unähnlich, nur irgendwie härter und kompromissloser. Der passende Ohrwurm zu Ostern.
Ich kenn die genauen Zahlen nicht, die kennt nur der liebe Gott, aber ich schätze mal, dass auf einhundert Fahrten mit besoffner Birne ungefähr ein Führerscheinentzug erfolgt. Das heißt, dass die meisten Alkoholfahrten unentdeckt bleiben. Zwangsläufig sehr ähnlich wird die Statistik sein, die die durchschnittliche Anzahl der Promillefahrten einer Person bis zur ersten Kontrolle, bei der diese Person erwischt wird, erfasst. Randbemerkung: Diese Zufallsvariable stelle ich mir poissonverteilt vor. Ich glaube nicht, dass es bei der allseits und auch von mir geschätzten Bischöfin viel anders war, auch wenn sie natürlich so tut, als hätte sie nur einen Fehler gemacht und nicht erst beim zigten Fehler erwischt worden ist. Eine zweite Überlegung, die mir in den unzähligen Kommentaren gefehlt hat, betrifft den Messwert von 1,53 Promille. Das entspricht in etwa zwei Flaschen Wein, bei K da sie klein und weiblich ist wohl etwas weniger. Um so eine Menge überhaupt an einem Abend trinken zu können – und dann auch noch vor 23 Uhr – muss man in Übung sein. Man muss regelmäßig größere Mengen Alkohol runterschlucken, sonst erreicht man so einen Wert nicht. Mit anderen Worten Frau K hat ein Alkoholproblem und hat allein schon deshalb mit ihrem Rücktritt die vollkommen richtige Entscheidung getroffen.