Listening Room

Januar 20, 2011

This is so cool. A virtual place where you can upload music which can then be listened to by the people online and can be chatted about. The above room is for users of the forum „I Love Music“. But everybody can get inside. It reminds me of the good old internet days about ten years ago. There were these listening chambers at ILM. One unknown track per chamber you could discuss about. Now you can listen all night to different tracks if someone else is there and uploading. Great to discover new stuff.

P.S. February, 14th: The listening room has closed due to copyright problems and a missing business plan.

0:32 Die Ärzte – Yoko Ono (2001)

Januar 19, 2011

Du hast mir nichts als Pech gebracht
Du hast mich nur belogen
Du hast mich lächerlich gemacht
Mein Konto überzogen

(Du) Du nervst noch mehr als Yoko Ono
Du gehst mir ewig auf den Sack
(Du) Du haust nicht ab aus meiner Wohnung
(Du) Hast einen beschissenen Musikgeschmack

Heute habe ich ein bisschen gefudelt mit dem Lied. Ursprünglich wäre laut iPod der Choral Gegrüßest seist Du Judenkönig aus der Bachschen Matthäuspassion vorgesehen gewesen. Aber in der Zwischenzeit machte eine Kollegin den Vorschlag, eine Kurznummer einer Berliner Band in Erwägung zu ziehen und sie hat mir doch tatsächlich gefallen. Gehässig zu sein gegenüber John Lennon’s Geliebter, Muse und Ersatzmutter ist zwar eher billig um nicht zu sagen wohlfeil, aber in gerade mal einer halben Minute einen kompletten, schmissigen Punksong hinzukriegen, ist schon eine Kunst. Danke, liebe I. für die Entdeckung und die Bereicherung meines iPods um eine recht solide Band und ein ziemlich geniales Lied. Richtig geschummelt habe ich allerdings bei der Zeitnahme. Das Stück wird mit 31 Sekunden angegeben, es war in Wirklichkeit 33 Sekunden lang und ich habe es um eine Sekunde Pause am Ende gekürzt auf 32 Sekunden weil ich von Bach eh schon genug ausgewählt habe.

(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 303 Stücke ist hier)

0:33 Pierre Boulez – Douze Notations Pour Piano IV. Rhythmique (1945, David Fray 2006)

Januar 18, 2011

Und weiter geht es mit Klassik, wie gestern aus dem 20. Jahrhundert, heute allerdings wirklich modern oder was man vor 65 Jahren dafür hielt. Einer meiner Lieblingsnachwuchspianisten, den ich gerade erst wieder lobend erwähnt habe, spielt hier aus der allerersten Komposition des damals kaum zwanzigjährigen Pierre Boulez, der kurz zuvor Schüler von Messiaen war. Es ist ein Stück, um sich die Ohren mal kurz durchzupusten, Stockhausen und die serielle Musik lassen grüßen. David Fray hat ja interessanterweise auf seiner zweiten CD-Einspielung Boulez einem anderen großen Komponisten gegenübergestellt, der zu seiner Zeit auch vorderste Avantgarde war, nämlich Johann Sebastian Bach.

(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 302 Stücke ist hier)

0:34 Carl Orff – Iii Cour D’amours – Dulcissime (Carmina Burana, 1937, Aufnahme 1968)

Januar 17, 2011

So viel Klassik hatte ich ja hier noch nicht und klassischen Gesang noch weniger. Und von Orff noch gar nix. Außerdem wird hier geradezu guinnessbuchrekordverdächtig hoch gesungen. Muss ins Blog.

(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 301 Stücke ist hier).

0:35 Faust – 17 (1973)

Januar 16, 2011

Der Soundtrack zu dem Film, in dem die Killerbienen die Weltherrschaft übernehmen. Ist glücklicherweise schon nach kaum mehr als einer halben Minute wieder zu Ende.

(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 300 Stücke ist hier).

0:36 Hatfield & the North – Big Jobs (Poo Poo Extract, 1974)

Januar 16, 2011

Here’s a song to begin the beginning
a few notes which are arbitrary
but we try our best to make it sound nice
and hope that the music turns you on to our latest L.P.
it should be a laugh certainly

Das erste Mal habe ich Hatfield & the North auf dem Zündfunk gehört, so etwa um 1986, als da noch Till Obermaier und Carl-Ludwig Reichert das Programm bestimmten, von der jüngeren Generation stieß gerade Karl Bruckmaier dazu. Es war Musik von dem Album The Rotter’s Club und sie hat mich sofort bezaubert. Zum einen die Stimme des Sängers, die etwas sehr heimeliges und vertrauenerweckendes hat, sodann der relativ gelassene, gut abgehangene Folkrock dieser Supergroup der Canterbury Scene.

(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 299 Stücke ist hier).

0:37 Richard Buckner – Hand @ the Hem (1998)

Januar 14, 2011

And, so All-Cure-&-Comfort:
Where’s the bed I called you for?
From the futon on the floor
to your backroom (twice-refused),

Ein weiterer abgebrochener Download; der amerikanische Songwriter Richard Buckner mit der sonoren Stimme kommt gerade noch dazu, etwas von einem Futon auf dem Boden zu singen, von dem aus er nach einem Bett gerufen hat. Zu RB weiß ich nix außer, dass er eine gleichzeitig unheimlich traurige und vertraute Stimme hat. Ich habe mir mal eine CD von ihm gekauft, und habe sie auch mehrmals angehört und gemocht, habe seine Karriere aber nie weiterverfolgt. Das war glaube ich ein Fehler, wenn ich mir diesen gloriosen Torso so anhöre…

(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 298 Stücke ist hier).

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Januar 13, 2011


Ich war ja nie ein Schubertfan, aber David Fray’s Klavierspiel – inklusive seiner luziden Kommentare – hat mich mal wieder am Schlawickel gepackt.

Bananenrepublikhauptstadt

Januar 13, 2011

Viele Behörden sind überfordert mit der Eintreibung der Außenstände: Im vergangenen Jahr wurde nur ein Drittel der Bußgelder bezahlt. Die Finanzverwaltung erwägt den Einsatz einer privaten Inkassofirma. (q)

0:38 Mr. Bungle – Merry Go Bye Bye (1995)

Januar 13, 2011

Ich habe da eine Superidee liebe Leute. Ab sofort gibt es hier nur noch Posts mit höchstens so vielen Wörtern wie es bisher Hits gegeben hat am Tag. Also let’s get started:

Der Tausendsassa Mike Patton und seine Zweitband schaffen es in 38 Sekunden mehr Musikstile zu spielen als andere in ihrem ganzen Leben.

Tja Pech für euch, hättet ihr mal etwas fleißiger geklickt.

(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 297 Stücke ist hier).

0:39 Faust – Me Lack Space….. (1972)

Januar 12, 2011

Ich erinner mich an ein Ragakonzert in Amsterdam 1982, das ich mit meinen Eltern besucht habe. Und sie haben die ganze Zeit gefragt, wann es denn endlich losginge, wann die denn endlich mit dem Stimmen der Instrumente fertig sein würden. Natürlich hatten sie da schon lange mit der Musik angefangen. Bei Faust geht das flotter, neununddreißig Sekunden und der Riesenvorteil ist, dass da nicht alle gleichzeitig losspielen und eine Riesenkakophonie erzeugen sondern, dass einer brav nach dem andern spielt. Im Grunde eigentlich immer nur einen Ton. Und am Ende ein unharmonisches Getröte. Monochromatik kann ganz schön sexy spannend sein.

(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 296 Stücke ist hier).

0:40 Guillemots – Sake (2006)

Januar 11, 2011

I wouldn’t walk away from you
Even if you asked me to
As all the leaves must turn brown
So trampled, we must all be found

Das Guillemot (dt. Trottellumme) ist eine entenartige Vogelart, deren einziger mitteleuropäischer Brutort Helgoland ist. Die gleichnamige Band kommt aus Birmingham und spielt feingliedrig-zarten, melodischen Indiepop. Man könnte auf den Gedanken verfallen, sie mit Coldplay zu vergleichen. Im Gegensatz zu den Londoner Ohrweichspülern haben die Guillemots allerdings einen exquisiten Bandnamen und machen ebenso erlesene Musik der harmonisch-wehmütigen Art.

(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 295 Stücke ist hier).

0:41 John & Sean Lennon – With a Little Help from My Friends

Januar 11, 2011

Kreuzberger Nächte sind lang. Aber dang, aber DANG. Ich sag nur Goldrausch, oder war es Rauschgold?

(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 294 Stücke ist hier).

0:42 Deerhoof – The Eyebright Bugler (2002)

Januar 9, 2011

IIRC Deerhoof are a music collective from San Franciso. Most striking about them is their singer of Japanese origin with a high-pitch voice you can’t forget. I am not sure but Japanese women seem to be able to scream like no other females (Yoko Ono or the singer of Blonde Redhead come to mind). I would like to have been at this Tokyo concert of The Beatles in 1966 just for the screaming of the Nippon girls. The song is a letdown as the band doesn’t get its act together – esp. Paul seems to be totally out of sync – but I think they can be pardonned with all that shrieking action of the audience going on.

(The list of all 293 chosen tracks since February, 1st, 2010 is here).

0:43 Yo La Tengo – George (2005)

Januar 9, 2011

On Friday night there was this guy at the Nollendorfplatz underground station where I was waiting for the U3 who asked people for money. He also asked me and when I did not react he continued talking to me. He cursed me and said something in the sense that I will think of him when I will be in the same situation in the future. Now I read of a thirty year old stabbing down people in the Berlin underground who did not give him money.

(The list of all 292 chosen tracks since February, 1st, 2010 is here).

0:44 Nick Drake – Saturday Sun (1969)

Januar 8, 2011

Saturday sun came early one morning
In a sky so clear and blue
Saturday sun came without warning
So no-one knew what to do.

The complete version of this song finishes off Nick Drake’s first – and my favourite – album of his. Here he just starts the song on the piano, sings a couple of verses from the distance and then closes the lid of the piano with a bang. This broken up rendering with some classical opera(?) music in the background somehow summarizes Nick Drake’s life much better than the long version. Additionally it is Saturday tomorrow and according to the weather forecast sunshine will be quite improbable in Berlin. So if it occurs nobody will know what to do again! This is actually the first time I have chosen the same song twice. I should have done that more often.

(The list of all 291 chosen tracks since February, 1st, 2010 is here).

0:45 Johann Sebastian Bach – Goldberg-Variationen Variatio 1 A 1 (1741, Gould 1955)

Januar 6, 2011

Die erste Goldberg-Variation, die einleitende Aria und die dreizehnte hatten wir schon in diesem Programm. Hier wird nach der eher getragenen, sehr erhabenen Aria so richtig auf die Tube gedrückt, bin nicht sicher, ob jemand diese Variation schon mal schneller als der junge Gould 1955 gespielt hat, er selber hat jedenfalls 1981 sechsundzwanzig Sekunden – eine pro Jahr – länger gebraucht. Das mit einer hohen Virtuosität und Exzentrik gekoppelte Tempo ist nicht alles, sicherlich, aber es hat mir Bach und vor allem die Goldberg-Variationen näher gebracht. Das war sozusagen die Punkfassung von ihnen, betuliche, langsamere Einspielungen hätten mich nie derartig umgehauen. Wahrscheinlich würde ich, wenn ich nur eine Platte auf die sprichwörtliche Insel mitnehmen dürfte, diese nehmen. Ich bin ja eher Agnostiker, aber wenn ich die Worthülse göttlich mit Bedeutung füllen müsste, dann würde mir so ziemlich als erstes diese Musik hier einfallen, sie hat eine Aura, sie ist dicht und fragil, sie ist heilig.

(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 290 Stücke ist hier).

0:46 Minor Threat – Straight Edge (1981)

Januar 5, 2011

i’m a person just like you
but i’ve got better things to do
then sit around and fuck my head
hang out with the living dead
snort white shit up my nose
pass out at the shows
i don’t even think about speed
that’s something i just don’t need

i’ve got straight edge

i’m a person just like you
but i’ve got better things to do
then sit around and smoke dope
cause i know that i can cope
laugh at the thought of eating ludes
laugh at the thought of sniffing glue
always gonna keep in touch
never want to use a crutch

i’ve got straight edge (x4)

Es ist ziemlich unglaublich, was Ian MacKaye, der Leadsänger von Minor Threat und später von Fugazi da in 46 Sekunden alles verbal an Text raushaut. Insbesondere, wenn man berücksichtigt, dass da auch noch eine relativ lange Gesangspause zwischen den Strophen mit drin ist. Dieser Song der Band aus Washington, D.C. hat immerhin – wenn auch wohl ungewollt – eine Abstinenzbewegung ins Leben gerufen; in der damaligen Hardcoreszene ging es darum straight zu sein, keine Drogen – und zwar auch keine soften – zu nehmen. Das war auch eine Gegenreaktion auf den vorher vor allem durch Exzesse ins mediale Rampenlicht gerückten Punk. Dieser Hintergrund war mir bei der Auswahl absolut nicht bewusst, der Song hat mich auch so durch seine Stringenz und Schnörkellosigleit sofort für sich eingenommen.

(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 289 Stücke ist hier).

0:47 The American Analog Set – New Drifters IV (1999)

Januar 4, 2011

Mein in der Straße stehendes Auto ist eingeschneit. Vorne und links. Der Schnee ist vereist. Heute allerdings ein bisschen angetaut. Vorhin hätte ich die Möglichkeit gehabt, den Wagen eine Parkposition nach hinten zu bewegen da der hintere Parknachbar eine Abendspritztour unternommen hat. Ich habe zwar die Scheibe und die Fahrertür freigemacht, die man wegen des Schneebergs nicht mehr öffnen konnte, habe aber den Wagen am Ende doch nicht bewegt. Er kann ruhig noch ein bisschen länger Winterschlaf halten. Ich brauche ihn gerade nicht unbedingt und wieso sollte ich das geringe Parkplatzangebot in Berlin noch weiter verknappen? Denn der jetzige Platz ist bis auf weiteres nicht zu benützen, da die Schneemassen immer noch 30 bis 40 cm hoch sind, die ihn umrahmen. Achso die Musik hätte ich heute fast vergessen. Eher locker-lässig zum abhängen. Aus Austin, Texas. Bei dem Drumsound muss ich an Schneebesen denken, warum nur?

(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 288 Stücke ist hier).

Tier- und Völkerkunde

Januar 3, 2011

Die Deutschen ähneln Elefanten. Auf den ersten Blick wirken sie grob und wild, doch sobald man sie gestreichelt hat und ihnen schmeichelt, werden sie sanftmütig. Dann braucht man nur noch die Hand auf ihren Rüssel zu legen, und sie lassen einen willig auf ihren Rücken klettern.

[Voyage en Allemagne, Montesquieu, laut der Zeit noch nicht vollständig publiziert]

0:48 Minutemen – Please Don’t Be Gentle With Me (1984)

Januar 3, 2011

Just wake up
And tug my hair

Die Band, die sich nach der Länge bzw. treffender Kürze ihrer meisten Songs benannt hat, ist mir nur deswegen unter die Ohren gekommen weil sie in Rockmusikkritikerkreisen ein recht hohes Ansehen genießt. Im Spin Alternative Record Guide von 1995 wurde ihr Album Double Nickels on the Dime – von dem auch dieses Stücklein ist – als eine der wichtigsten Scheiben der alternativen Musik bezeichnet. Ich muss sagen, dass mich ihre recht elementare nahezu melodielose, mittelschnelle Gitarrenmusik nicht besonders beeindruckt hat. Sie sind eine der Gruppen, die ich weder besonders mag, noch besonders nervig finde. Bei dieser Nummer spielen sie allerdings etwas anders als sonst; es scheint mir, dass das kalifornische Trio hier konzentrierter bei der Sache ist. Ein toughes Stück einer bei dieser Einspielung sehr tighten Band. Sie können hier auch nicht verbergen, dass sie von einem gewissen Don Van Vliet, der uns vor wenigen Tagen endgültig verlassen hat, schon mal den ein oder anderen Track gehört haben. Und wo sich die Jon Spencer Blues Explosion hat inspirieren lassen, um dann noch einen Scheit draufzulegen auf das Lagerfeuer des schweißtreibenden, frei schwingenden Bluesrocks, ist nun auch klar.

(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 287 Stücke ist hier).

0:49 Ryoji Ikeda – This Is a Recording (1995)

Januar 2, 2011

Ceci n’est pas une pipe
Dies ist kein Haiku
This is a recording

(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 286 Stücke ist hier).

0:50 Thought Criminals – Episode (1977-81)

Dezember 21, 2010

Ein kurzer Punksong von einer australischen Band soll mein Weihnachtsgruß sein. Lasst es euch allen gut gehen, esst viel, trinkt viel, genießt den Schnee und ganz wichtig vergesst nicht, gute Musik zu hören!

(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 285 Stücke ist hier).

0:51 Curtis Mayfield – Rap (1971)

Dezember 20, 2010

Unglaublich, ich habe bis jetzt noch keinen Song von Curtis Mayfield ausgewählt (ich glaube, überhaupt noch keinen Soul). Das geht natürlich überhaupt nicht. Wobei diese paar Sekunden, wo er ein bisschen live vor sich hin rappt natürlich absolut nicht ausreichen, aber allein schon, wenn ich seine Stimme höre, dann geht zwischen meinen Ohren die Sonne auf. Auf dass es uns jetzt allen von innen ein ganz wenig wärmer wird, in diesem sehr winterlichen deutschen Winter.

(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 284 Stücke ist hier.)

0:52 Faust – Untitled (1973)

Dezember 19, 2010

Die 1973 auf Virgin erschienen Faust Tapes haben Faust in Großbritannien bekannt gemacht, das Album wurde damals zum Preis einer Single, also 49p, verscherbelt. Die Auflage erreichte angeblich (bis heute?) 100.000. 15 der 26 Tracks auf dem CD-Rerelease haben keinen Titel (auf der LP waren gar keine Titel angegeben). Hieran sieht man schon, dass die Stücke auf dieser Platte eigentlich nicht für eine Veröffentlichung gedacht waren. Heutzutage wird das Album allerdings als eines der wichtigsten der Band angesehen, es hört sich an wie direkt aus dem Probenraum, recht sperrig und improvisiert. C. hat dieses Klavierstück ausgewählt (ich hätte einen Hardcoresong von den Angry Samoans bevorzugt). Der Pianoton bebt und zittert so seltsam; da wurde wohl kräftig mit dem Hall nachgeholfen.

(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 283 Stücke ist hier)

0:53 Johann Sebastian Bach – Invention 2 c-moll BWV 773 (1723, Stadtfeld 2004)

Dezember 18, 2010

Keine Lautensuite, keine Goldberg-Variation, nichts aus einer Passion, mal was anderes von Jo Seb. Martin Stadtfeld, den zeitgenössischen Pianisten, hatte ich auch noch nicht. Hier spielt er in einem unglaublichen Tempo sehr virtuos eine kurze Invention. Man wartet die ganze Zeit darauf, dass er sich doch jetzt bitteschön mal ein bisschen vergreift, eine minimale Dissonanz erzeugt – bei Gould in der ersten Einspielung der Gouldberg-Variationen gibt es mindestens eine unsaubere Stelle – aber nichts dergleichen passiert, alles fehlerfrei. Perfektion muss auch mal sein.

(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 282 Stücke ist hier)

0:54 Boards of Canada – Paul Russell’s Piece (1996)

Dezember 17, 2010

Tanzmusik für den Freitag abend. Die Boards of Canada haben am Anfang ihrer Karriere offensichtlich auch eher rhythmisch orientierte Synthie-Musik der eher simplen Strickart gemacht. Die Basslinie hier ist ganz schön fett. Dies hört sich sehr nach einem Track an, den man schon mal irgendwo gehört hat. Auch außerhalb von Clubs.

(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 281 Stücke ist hier)

0:55 Maher Shalal Hash Baz – Firing Results (2003)

Dezember 16, 2010

Wieder slow motion, wieder sehr gut passend zum Schnee, der heute abend wieder auf Berlin hinabfiel, sehr trocken und pulvrig, für übermütig-spaßige Aktionen wie Schneeballschlachten völlig ungeeignet. Es war Wichteln mit den Kollegen angesagt und zwar in einem alpenländischen Restaurant in Kreuzberg. Wir hatten eigentlich die Vorgabe von fünf Euro pro Geschenk gehabt aber ich war, glaube ich, der Einzige, der dieses Limit eingehalten hat. Dementsprechend verhalten fiel dann auch die Reaktion der Beschenkten aus. Blöde Ausrede, ich weiß auch mit zehn oder zwanzig Euronen wäre mir das Geschenkkaufen kein bisschen leichter gefallen, eher schwerer da die Auswahl tendenziell größer wird. War auf jeden Fall ein netter Abend und wir stapften dann noch in trauter Eintracht durch den Schnee zur U-Bahnstation Gneisenaustraße, die Mädels fuhren alle nach Osten, die Jungens gen Westen. In diesem Moment setzt die obige wehmütige Weise an. Die Melodie erst von einem höheren Blasinstrument (Klarinette?) dann von einem tieferen (Tuba?) und schlussendlich von einem Saiteninstrument, wohl einer Gitarre gespielt. Janz schee traurisch.

(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 280 Stücke ist hier)

0:56 Yo La Tengo – Cell Phone (2001)

Dezember 15, 2010

Das ist die Musik zu diesem Winter. Die Geräusche sind durch die frische Schneeschicht gedämpft, der Auftritt der Füße auf den Boden ist weniger hart. Und wenn man dann zuhause ankommt im Warmen, ist das Licht gedimmt und es macht sich eine wohlige Wärme breit in einem nachdem man seinen Minztee geschlürft hat. Das Wort cosy wurde für dieses Setting erfunden.

(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 279 Stücke ist hier.)

0:57 My Bloody Valentine – Touched (1991)

Dezember 14, 2010

Das bei weitem nicht stärkste Stück – eher das schwächste, aber dafür das kürzeste – auf dem immer noch phantastischen Loveless – ich höre gerade den Remaster von 2008 auf den sauguten Bose-Ohrhörern (Bessere kenn ich nicht, die Sennheiser hatten keinen Schnitt, die Koss reichten auch nicht ganz heran) – ist aber locker numero uno in der Siebenundfünfzigsekundenklasse. Es ist ein Intermezzotrack, im Sandwich zwischen zwei genialen Songs, dem dichten, ätherischen Ohrwurm Loomer und dem verzerrten, stark leiernden To Here Knows When, ein bisschen wie eine Filmmusik zum Luftholen in der Pause, wobei der Anfang natürlich schon sehr nach Staubsauger im Rückwärtsgang klingt. Neben dem letzten Stück, der Tanznummer Soon, das einzige Instrumental auf der CD. A propos, im Wikipediaeintrag steht etwas davon wie viel Mühe und Zeit auf die Lyrics von Loveless verwendet wurde. Bis vor nicht so langer Zeit hatte ich eigentlich immer gedacht, sie würden Lautmalereien auf dem Album singen. Diesen Kurztrack hat übrigens der Drummer mit dem sagenhaften Namen Colm Ó Cíosóig komponiert. Vielleicht wäre es ja der richtige Weg aus der Krise für Irland, sich wieder auf seine musikalischen Qualitäten zu besinnen und die Banken einfach mal geschlossen zu lassen. Und wir könnten ja alle mal wieder aus Solidarität in den irischen Pub im Ort gehen, die Wirte überweisen doch bestimmt was in das gebeutelte Mutterland in diesen schwierigen Zeiten, oder?

(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 278 Stücke ist hier.)

0:58 Kluster – 3 (1971)

Dezember 13, 2010

Keine leichte Wahl heute, kein Track, der mich angesprungen hat und dem ich nicht widerstehen konnte. In solchen Fällem höre ich die On the Go-Liste, das ist sozusagen die Shortlist, die ich nach einmal Durchhören der Longlist, die aus allen Tracks mit mindestens 3 Sternen (bzw. unbewertet) mit der Tageslänge besteht, zusammengestellt habe. Und zwar so lange bis nur noch ein Stück übrig bleibt. Drei Sachen setzten sich auf der Shortlist ab, ein gesungenes Lied der britischen (eigentlich schottischen) Folkgitarrenlegende Bert Jansch, ein impressionistisches Instrumental von Mick Turner, dem Gitarristen der australischen Dirty Three und dieses kleine Stücklein. Da keiner der drei Wettbewerber sich beim zweiten Hören durchsetzen konnte, stieg die Chance für das unkonventionellste Musikstück, das ich dann auch wählte. Auf englisch würde ich sagen, das ist something to chew on, etwas zum drauf herum beißen. Kluster (deutsch gesprochen) waren zu dieser frühen Zeit ein Trio aus Schnitzler, Moebius und Roedelius (von dem hatte ich schon was) und machten experimentielle Musik. Dies hier hört sich an wie eine sphärische Soundinstallation, es werden verschiedene Instrumente (insbes. eine schilfig klingende Flöte ragt hervor) gespielt, verschiedene Töne erzeugt aber so etwas wie Harmonie oder Melodie gibt es nicht. Die unterschiedlichen Sounds klingen nicht wirklich zusammen, jeder ist ein Individuum, von den anderen fast unendlich weit entfernt wie diverse Fixsterne in mehreren Galaxien.

(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 277 Stücke ist hier.)

0:59 Captain Beefheart – Flavor Bud Living (1980)

Dezember 12, 2010

Die Zeit verrinnt unaufhaltsam. Die letzte Minute ist angebrochen. Was wird danach kommen? Ich glaube, ich weiß es. Die meisten Religionen behandeln dieses Thema übrigens ähnlich.

Das ist jetzt nicht unbedingt ein typisches Stück von Captain Beefheart aber es ist auf jeden Fall sehr eigen. Wenn man es weiß, dann kann man sich vorstellen, dass der Delta Blues hier die Basis bildet. Auch die Improvisation spielt eine ganz wichtige Rolle. Don van Vliet, ein Oddball der Rockmusik, ohne den sie sehr viel ärmer wäre.

(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 276 Stücke ist hier.)

1:00 Sonic Youth – Nic Fit (1992, Untouchables 1982)

Dezember 11, 2010

sonic death
sonic smoke
sonic youth

What a lucky guy I am, I did not have a nic fit today. But I knew from the beginning of this project on that I would choose this song which sounds like a great way to handle a nicotine craving attack. It is probably the hardcore punk song I like most. And until recently I didn’t even know that it was a cover and that the original was by a band from Washington DC. What do I like about it? The speed, the noise and the raw power. And that it fits nicely on Dirty, my first & favourite Sonic Youth album.

(The Liste of all 275 tracks is here.)

1:01 Nico – Prelude (1969)

Dezember 10, 2010

Der erste Track auf The Marble Index, einem nicht besonders einladenden, eher spröden Album der Kölner Chanteuse, die auch bei Velvet Underground sprechsang, das man auch als verschlossen bezeichnen kann. Ich habe es damals aufgrund eines Artikels in Rock Session gekauft, einer Musikreihe von rororo, in dem ein Englischsprachler es als das verstörendste und furchteinflößendste Album aller Zeiten beschrieb. Ein Block aus Eis, der nicht mal in der Hölle auftaut. Oder so. Ich habe die komplette CD dann vielleicht einmal von Anfang bis zu Ende gehört, es hat gereicht. Die Musik, wenn man den monotonen Vortrag gekoppelt mit ein bisschen Harmoniumspiel (plus diversen von John Cale gespielten Instrumenten wie z.B. Viola), das kaum melodischen Mustern folgt, denn so bezeichnen will, scheint nicht in Hinblick auf einen Zuhörer aufgenommen worden zu sein. Dieses Instrumentalstück leitet also ein in diesen Gral der Goth Music (s.a. das schwarzweiße Cover mit ihrem fahlen Gesicht, das vor dem dunklen Hintergrund, der sich wie ein tiefschwarzer Heiligenschein um ihren Kopf legt, hervorsticht). Und es ist noch geradezu verspielt und unernst im Vergleich zu dem was danach folgt. Das liegt wahrscheinlich auch daran, dass sie zum einen nicht stimmmäßig in Erscheinung tritt – ihren Sprechgesang als kühl und irritierend zu beschreibend ist eigentlich untertrieben, er hat mich fast immer genervt – und dass hier zum andern John Cale dem Glockenspiel einige Töne entlockt, die so leicht daherkommen wie das Tirilieren einer Lerche. Ein Stück, das den Zuhörer hineinzieht in die Düsternis, ein Köder in eine Unterwelt.

(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 274 Stücke ist hier.)

1:02 Johann Sebastian Bach – Befiehl du deine Wege (Matthäuspassion 1729, Harnoncourt 1970)

Dezember 9, 2010

Befiehl du deine Wege
Und was dein Herze kränkt
Der allertreusten Pflege
Des, der den Himmel lenkt.
Der Wolken, Luft und Winden
Gibt Wege, Lauf und Bahn,
Der wird auch Wege finden,
Da dein Fuß gehen kann.

  • Wenn man die letzten vier Verse so allein liest, könnte man meinen, das wäre hier der Choral für den Jakobswegpilger.
  • Das ist in dieser Reihe das erste Gesangswerk von Bach, wenn man diese Musik hat, dann braucht man kaum noch die Kirche drumherum.
  • Das sind, glaube ich, alles Originalinstrumente bzw. nachgebaute Originalinstrumente. Ich bilde mir ein, dass man das hört.
  • Heute war der Tag der fetten Schneeflocke, die über Berlin schwebte.
  • Überraschungseinladung am Abend, bin immer noch etwas gerührt.
  • Heute hat meine Nase angefangen, mit Zatopek um die Wette zu laufen. Das Wettrennen ist noch völlig offen.

(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 273 Stücke ist hier.)

1:03 The Trash Can Sinatras – Perfect Reminder (1993)

Dezember 9, 2010

I don’t remember what you said or did
that made you so attractive

So wie der Sänger hier „reminder“ ausspricht kann er nur aus einer Region kommen. Aus welcher, my dear reader? Googlen und lünkern wird mit zehn Jahren Haft im U-Boot in Hohenschönhausen – auch bekannt als Hotel zur ewigen Lampe – bestraft. Schlechter Witz, I know. In der dortigen Stasi-U-Haft saßen auch jede Menge Leute aus dem Westen, z.B. derjenige, der unsere Gruppe heute (bzw. jetzt schon wieder gestern) rumgeführt hat und dessen Buch Der Tag, an dem uns Vater erzählte, dass er ein DDR-Spion sei, ich anschließend gekauft habe. Eine ziemlich unglaubliche Geschichte. Als Widmung hat er mir in das Buch „Zum Erinnern“ geschrieben. Womit wir wieder beim heutigen Titel wären.

(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 272 Stücke ist hier.)

1:04 Autechre – Teartear (1994)

Dezember 7, 2010

Dieser Track beschließt das erste wirkliche Album der nordenglischen Elektronikpioniere Autechre (gesprochen ohtecker) und er ist in Wirklichkeit mit 6 Minuten 45 viel länger. Es handelt sich wohl um einen abgebrochenen Download. Von dieser Sorte kommen jetzt immer mehr Stücke. Normalerweise könnte das ein Ausschlusskriterium sein, aber ich sehe das nicht so eng. Dieses ganz leicht verstörende, ein ganz bisschen eine bedrückende Stimmung aufbauende Stück, ist so gut, dass selbst sein Torso alle anderen Alternativen klar aussticht. Da ist dann noch nicht einmal der besondere Appeal des Kaputtseins mit eingerechnet. Gleichzeitig innovativ und gut anhörbar, vor 16 Jahren gab es das noch in der elektronischen Musik, heute bin ich mir da nicht mehr so sicher.

(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 271 Stücke ist hier.)

Auf dem Jakobsweg gelesen

Dezember 6, 2010


Das ist gleichzeitig eine idealistische wie auch eine pragmatische Perspektive. Man könnte mit einer Betonung des existentialistischen Aspekts auch sagen: „Die Freude ist in uns oder sie ist nicht.“ Das würde mir als kategorische Aussage fast noch besser gefallen. Ist aber als Satz etwas freudlos…

1:05 Popol Vuh – Kleiner Krieger (1975)

Dezember 6, 2010

Dieses kurze Instrumental der nach dem heiligen Buch der Maya benannten Münchner Krautrockband eröffnet ihr fünftes Album Einsjäger und Siebenjäger. Florian Fricke, die treibende Kraft hinter Popol Vuh ist ja leider viel zu jung vor nicht so langer Zeit, ich sehe gerade es ist schon wieder neun Jahre her, gestorben. Er und seine Band haben viel mit Werner Herzog zusammengearbeitet und waren an einigen Soundtracks maßgeblich beteiligt. Dieses leicht orientalisch angehauchte Stück hat wie viele andere der Band einen spirituellen Touch, es klingt gleichzeitig sehr hell als wäre es von Licht durchflutet.

Hier noch ein Video von 1971, wo sie frei improvisieren, Fricke am Moog. Geile, wilde Zeiten…

(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 270 Stücke ist hier.)

1:06 Zulya Kamalova – Saginou (1999)

Dezember 5, 2010

Was wir heute auf dem Weihnachtsmarkt am Roten Rathaus gekauft haben:
1. Langos mit Debreziner
2. Folienkartoffel mit Kräuterquark
3. Steinerne Seifenschale in Schildkrötenform
4. 0,4 l Glühwein
5. 0,2 l Glühweintasse mit buntem Weihnachsmarktbild mit Riesenrad, Rotem Rathaus und W-Pyramide drauf
6. Windspiel aus Metallstreifen, das optische Spiraleffekte erzeugt
7. 100 g geröstete Maronen
8. Schale aus Olivenholz
9. Brillennase aus Palisanderholz

Der Titel des heutigen Liedes heißt, glaube ich, Sehnsucht auf Tatarisch. Tatarisch ist eine Turksprache. Tatarstan ist eine russische Republik westlich des Urals. Zulya ist eine tatarische Sängerin aus Sarapul (Udmurtien), die seit geraumer Zeit in Australien lebt.

(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 269 Stücke ist hier.)

1:07 Kronos Quartet – Kyrie III (1997, Guillame de Machaut 14. Jh.)

Dezember 4, 2010

Das bis jetzt mit Abstand älteste Stück Musik in dieser Reihe. Eine Kyrie (gr. Herr) ist das erste Wort einer kurzen Litanei, die eine Messe eröffnet. Ich finde, die Musik hat diesen höfischen, spätmittelalterlichen Klang, aber für mich hört sich das jetzt nicht unbedingt religiös an.

(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 268 Stücke ist hier.)

1:08 Wire – Another The Letter (1978)

Dezember 3, 2010

Oh faint heart, when the letter arrives
You suddenly find things getting life-size

Once the air rang with things unsaid
Now cruel outlines are easily read
Behind the curtain in the yellow bulb light
The letter reads I took my own life

Fast schon makabre Koinzidenz. Gestern einen Selbstmörder im Programm, nun ein Lied über einen Abschiedsbrief. Wire beweisen mal wieder, dass sie die Meister des Minutensongs sind und die Minutemen, die sich ja sogar nach der Länge der meisten ihrer Stücke genannt haben, ganz klar ausstechen. Faszinierend an dem Track ist die schwindelerregende Speed, das Wirbelwindhafte, man meint eine sich beschleunigende Sirene zu hören. So ähnlich stelle ich mir den Moment am Ende von Edgar Allan Poe’s Kurzgeschichte The Pit and the Pendulum vor, als die glühenden, immer näherrückenden Wände seines Gefängnisses den Erzähler in die Mitte des Raums schieben, wo ein Loch ist (die Grube), in das er hineinfällt und dann mitten in einer Schlacht der Franzosen gegen die Spanier zu Zeiten der spanischen Inquisition aufwacht.

(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 267 Stücke ist hier.)

Gewalt im Kiez

Dezember 3, 2010

Vor kurzem wurde ein Mann in meiner erweiterten Nachbarschaft im Schoelerpark (vielleicht 500 Meter entfernt) erstochen; es handelte sich wohl um ein Verbrechen aus Eifersucht. Jetzt lese ich im Zeit-Magazin, dass eine Redakteurin Ende April in der Düsseldorfer Straße (ca. 1 km in der anderen Richtung) von drei Jugendlichen abends um elf unweit ihrer Wohnung nahezu erschlagen wurde. Die Beute betrug 35 Euro. In diesem letzten Fall ist offensichtlich etwas sehr schief gelaufen. Die drei waren zuletzt in BoB (Bude ohne Betreuung) im Wedding untergebracht.

Ein »niedrigschwelliges Angebot«, soll heißen, die Jugendlichen werden nicht weiter von Pädagogen belästigt. Sie bekommen eine Einzimmerwohnung und pro Woche rund 52 Euro, den Rest müssen sie selber regeln. Wollen sie reden, haben sie einmal in der Woche eine Stunde mit einem Sozialarbeiter. Ansonsten sind sie weithin sich selbst überlassen. Die Jugendlichen sollten durch das Gefühl von »Einsamkeit und Langeweile« ihre eigene »Strukturlosigkeit« wahrnehmen, heißt es im BoB-Konzept, um dann das Bedürfnis nach Struktur zu entwickeln. Tatsächlich entwickeln die drei in kürzester Zeit eine Struktur, eine schwerkriminelle.

1:09 Nick Drake – Place to Be (1971, letzte Strophe)

Dezember 2, 2010

When I was strong, strong in the sun
I thought I’d see you when day is done
Now I am weaker than the palest blue
Oh so weak in this need for you.

Schwächer als das blasseste Blau, ein Bild, das mich nicht loslässt. Blau ist ja auch meine Farbe, schon immer gewesen, dunkelblaue T-Shirts, die ich jahrelang in meiner Jugend getragen habe, blaue Sweatshirts mit denen ich quasi verwachsen bin, blau ist die Farbe mit der ich mein Inneres nach außen wölbe. Blau ist natürlich der Blues. Und wenn das Blau dann abblättert wie bei Nick Drake, immer blasser, immer unscheinbarer wird, wenn die Melancholie zur Depression und dann zur Lebensmüdigkeit wird. Man kann das ahnen im Liedvortrag, aber immer wieder bin ich überwältigt von der Direktheit und Offenheit, mit der Nick Drake seine Verzweiflung aus sich heraussingt. Da ist ganz viel Kraft drin, vielleicht hat ihm die dann gefehlt zum Weiterleben, vielleicht war ihm aber auch einfach nicht zu helfen, wie auch immer, good night.

(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 266 Stücke ist hier.)

1:10 Die Fantastischen Vier – 45 Fieber (1991)

Dezember 1, 2010

du sagst sprechgesang hat doch keinen sinn
ich sag platz nummer eins und da will ich hin

Das Lied habe ich schon am Wochenende ausgewählt, aber wie das Leben so spielt ging es heute im Büro um den Songtext von Die Da. Die Mädels waren sich nicht einig über eine Zeile aus dem Refrain: ist es die da die da am eingang steht oder ist es die da die am eingang steht oder so ähnlich, jedenfalls Papperlapapp. Bzgl. des Textes wurde ich nicht konsultiert, hinterher fragte man mich, ob ich die Band kennen würde, ziemlich unglaublich. Meine Kolleginnen halten mich für vorgestrig und so ganz unrecht haben sie nicht damit. Aber die Fanta 4 kenne ich natürlich schon, ich habe sogar mal eine CD gekauft von denen. Auch wenn mir Rap ja normalerweise gar nicht gefällt. Bei denen mag ich, dass ihre Songs nicht aggressiv rüberkommen, dass da eine Lockerheit ist und ein gekonntes Spiel mit Reimen. Die andere Rapband, die mir sonst noch zum Teil gefällt, das sind die Beastie Boys, auch keine typischen Rapper. Die haben ihr eigenes Ding durchgezogen und klingen nicht so beliebig und austauschbar wie 99% des Raps, den man sonst so hört. Achso der Titel passt natürlich auch super gerade, noch angemessener wäre allerdings Gefühlte -20 gewesen.

(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 265 Stücke ist hier.)

1:11 Bill Evans – My Heart Stood Still (1964, Rodgers 1927)

November 30, 2010

Wie kann es sein, dass dieser Jazz-Standard aus dem Musical A Connecticut Yankee (1927) in dieser Fassung so kurz ist? Ganz einfach, er wird hier dreimal gespielt! Allerdings kein einziges Mal bis zum Ende! Das Herz des vom Trio aus Bill Evans am Klavier, Gary Peacock am Bass und Paul Motian an den Drums gespielten Stücks bleibt dreimal stehen. Warum, wieso, weshalb leuchtet mir nicht so wirklich ein. Zumindest nicht bei Take 3 und bei Take 1 eigentlich auch kaum. Irgendetwas war nicht so, wie es hätte sein sollen. Es gibt wohl nur wenige Musiker, die auf so hohem Niveau scheitern wie Bill Evans und seine Mitspieler.

(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 264 Stücke ist hier.)

1:12 Mittagspause – Innenstadtfront (1979)

November 29, 2010

Panik in Grafenberg,
stahl ein Irrer den grünen Gartenzwerg.

Ein weiterer Beweis dafür, dass das spießige Düsseldorf Ende der Siebziger die Punk- und damit die Musikhauptstadt Deutschlands war. Und natürlich auch ein Beispiel für das physikalische Gesetz von Kraft und Gegenkraft im soziologischen Kontext. Wer singt hier bloß, den kenn ich doch? Es ist der Mann von Rank Xerox, der dann später die falsche Farbgebung in einen Bandnamen verdichtet hat. Ja, es ist Peter Hein von den Fehlfarben, der hier noch etwas rotziger singt – man könnte auch sagen shoutet – als später zu seinen Glanzzeiten. Den Sinn für humorige, prägnante Liedertexte nah am Zeitgeist hat er auch in diesem frühen Stadium schon gehabt. Ich glaube, die Fehlfarben touren gerade mal wieder, sie sind bestimmt immer noch ziemlich gut. Mittagspause war übrigens so etwas wie eine Mischung aus Nukleus und Supergroup der damaligen Punk-/NDW-Szene. Bis Ende 1978 war Gabi Delgado-Lopez (später DAF) als zweiter Sänger mit von der Partie. Ab Anfang 1979 war Thomas Schwebel (Ex-S.Y.P.H., Solinger Band, später auch in den Fehlfarben) als Gitarrist mit an Bord. Das Stakkatohafte und Monotone dieses kurzen Stücks war übrigens typisch für Mittagspause, die keinen Bassisten hatten, und nimmt den roboterhaften DAF-Sound zu einem guten Teil vorweg.

(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 263 Stücke ist hier.)

1:13 Ramones – Judy Is a Punk (live, 1979)

November 29, 2010

Jackie is a punk
Judy is a runt
They both went down to Berlin, joined the Ice Capades

Beim Gehen gedacht
Dieser Weg ist mein Meister
Er hat kein Ende

(So., 28.11. Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 262 Stücke ist hier.)

1:14 Black Dice – Island (2004)

November 28, 2010

Konkret plus abstrakt
Interessanter Cocktail
In Brooklyn gemixt

(Sa., 27.11. Die Liste aller seit 1. Februar ausgewählten 261 Stücke ist hier.)

1:15 Atomic Death Circle – Returning to Port (200?)

November 28, 2010

Ist das ein Walzer?
Mir ist grad nicht nach Tanzen
Vom Netz abgekappt

(Fr., 26.11. Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 260 Stücke ist hier.)

1:16 fennesz – gr_500 (1997)

November 28, 2010

Geräusche aus Wien
Über den Prater wabernd
Austro-Elektro

(Do., 25.11. Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 259 Stücke ist hier.)

1:17 Jonathan Richman – Egyptian Reggae (1977, live Central Park, 2000)

November 24, 2010

Winter has arrived in Berlin today. On the way to work – I walk about a mile up the Motzstraße to catch the subway at the Nollendorfplatz – it was raining a mixture of rain and snow. On the way back finally it snowed snow and the temperature was below zero degrees Celsius as I could scratch the ice from the windshield of my car at home. When this instrumental came up on my iPod I could not refrain from dancing, it is such a fun to bounce up and down to this easy-going tune full of good vibrations.

(The list of all selected tracks since February, 1st is here.)

1:18 Yo La Tengo – Too Much Pt. 1 (1996)

November 23, 2010

Wie das hier eigentlich weiter gehen soll mit dem Musik-Countdown wurde ich heute von einem treuen Leser gefragt. Ursprünglich wollte ich ja bei dreißig Sekunden aufhören, da es danach ein bisschen lächerlich wird. Aber ich hab es mir anders überlegt. Ich mache so lange weiter bis mir die Musikstücke ausgehen. Sollte ich also mit z.B. 45 Sekunden nichts auf der Festplatte meines Rechners finden, so ist Schluss. Ansonsten geht es bis runter auf eine Sekunde, vorausgesetzt ich habe für jede Sekundenlänge mindestens einen Track. Momentan habe ich so zwischen zehn und zwanzig Stücke pro Tag, es sieht so aus als ginge das noch eine Weile gut. Die Einminutenmarke werden wir voraussichtlich locker unterschreiten, spätestens unter dreißig Sekunden wird es dann eng.

Im Moment behagt mir übrigens sehr, dass ich endlich mal die Zeit habe alle Stücke von Anfang bis Ende durchzuhören. Die Kürze der Songs führt eben gerade nicht zu einer stressigen Beschleunigung sondern im Gegenteil zu einer beruhigenden Verlangsamung. Dadurch, dass ich nicht mehr skippen muss und alles bis zum Ende anhören kann, ist die Auswahl möglicherweise auch fairer, vielleicht sogar objektiver, jedenfalls kann ein mieser Start eventuell noch ausgebügelt werden, da ich in dem Fall ja noch nicht weiterspringe.

Heute mal wieder etwas von einer meiner Lieblingsbands und zwar von der sehr schönen Doppel-CD Genius + Love = Yo La Tengo, deren zweite Scheibe nur aus Instrumentals besteht, wovon einige Covers und einige selbstkomponiert bzw. improvisiert sind. Dieses Gitarrenfeedbackstück lässt an die wildesten Krautrockzeiten denken und erinnert mich an das erste, phantastische Konzert von Yo La Tengo, dem ich beigewohnt habe, an einem warmen Sommerabend 1997 im Knaack Klub, der ja jetzt leider schließen musste. Damals haben sie wirklich alles gegeben, vor allem Ira an der Gitarre gebärdete sich wie ein reinkarnierter Hendrix und sein und mein Schweiß schien gemeinsam von den Decken des Klubs herunterzulaufen. A propos, war eigentlich jemand meiner Leser bei der Geburtstagsparty zum Zwanzigsten von City Slang im Admiralspalast am Sonntag?

(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 257 Stücke ist hier.)

1:19 Boards of Canada – Rodox Video (1996)

November 22, 2010

Ich hätte nichts dagegen, wenn es jetzt hier nur noch – immer schön alternierend – mit den Boards of Canada und Neil Young weitergehen würde, und ihr? Was soll ich sagen, BoC haben es einfach drauf, Musik zu machen, die mich da abholt, wo ich gerade bin (hahaha!). Nee, mal ganz ehrlich, im Grunde höre ich ja Musik außer zur Entspannung vor allem für den Kick, und zwar in dem Sinne, dass die Musik mich am Schlawickel packt, die Erde quasi in dem Moment, wo ich sie höre, zum Stillstand bringt, jedes noch so intensive Gespräch in ein Hintergrundrauschen verwandelt, mich wie ein Reh im Scheinwerferlicht völlig lähmt und fixiert; die beste Musik ist eigentlich immer die, die mich in eine Schlange verwandelt, die ihr blind gehorcht, die vom Flötenspiel beschworen wird.

BoC berühren mich unglaublich stark, ganz tief innen, da wo die Erinnerung an meine frühe Kindheit gespeichert ist. Da ist ganz viel Unschuld drin und ein Versprechen auf die Zukunft und etwas sehr Weiches, Zartes; ich glaube, man nennt es auch Liebe.

(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 256 Stücke ist hier.)

P.S. Sorry, aber auf meinem Netbook-Computerlautsprecher hört sich das hier übrigens im Vergleich zum iPod ganz, ganz beschissen an.

1:20 Neil Young – Till the Morning Comes (1970)

November 21, 2010

I’m gonna give you till the morning comes
Till the morning comes, till the morning comes.
I’m only waiting till the morning comes
Till the morning comes, till the morning comes.

Wenn man abends um zehn anfängt, dieses Lied zu singen und morgens um sechs damit aufhört, dann hat man es insgesamt dreihundertsechszigmal gesungen.

(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 255 Stücke ist hier.)

1:21 Boards of Canada – Over the Horizon Radar (2002)

November 21, 2010

Tief durchatmen, Augen zu und Lauscher auf. Die schottischen Analogsoundbastler nehmen uns mit auf einen Minispacetrip unter dem Radarschirm weg hinter den Horizont.

(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 254 Stücke ist hier.)

1:22 The Beatles – I Want to Hold Your Hand (1963)

November 19, 2010

And when I touch you
I feel happy inside
It’s such a feeling
That my love I can’t hide

Auch nach all den Jahren immer noch ein tolles Lied. Hier in der Version von der Love-Kompi mit dem dazugemischten Mädchenkreischen im Hintergrund, das die Nummer dann auch stilecht beendet. Zum Schluss hört es sich an wie das Rauschen einer Meeresbrandung. Mehr braucht man zu dem Song kaum zu sagen, der Text ist so banal, dass er fast schon wieder gut ist. Elf Millionen Mal ging die Scheibe weltweit über den Ladentisch, eine der meistverkauften Singles aller Zeiten, die den Beatles den Durchbruch in den USA bescherte. Sie klingt immer noch frisch und jugendlich naiv, ziemlich unglaublich nach fast 47 Jahren.

(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 253 Stücke ist hier.)

1:23 Primal Scream – Velocity Girl (1986)

November 18, 2010

Here she comes again
With vodka in her veins

Es gab einen Bobby Gillespie vor Primal Scream, das wissen die meisten, er war Drummer bei The Jesus & Mary Chain und vorher Roadie bei Altered Images. Aber es gab auch eine Band Primal Scream vor Screamadelica. Hier eröffnen sie den NME-Cassettensampler C86, der eine ganze Bewegung gestartet hat, weg von dem in den allerletzten Zügen liegenden synthielastigen und überproduzierten New Wave hin zum Indiegitarrenschrammelrock. Ein kleiner Song, der harmloser scheint als er ist. Zumindest was den Text angeht, wo es offensichtlich um ein Mädchen geht, das mit härteren Drogen herummacht. Diese frühen, naturbelassenen Primal Scream ziehe ich auf jeden Fall ihren späteren, härteren und abgedrehteren Alben ab etwa XTRMNTR zigfach vor.

(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 252 Stücke ist hier.)

1:24 Brian Eno – Sparrowfall (3) (1978)

November 17, 2010

Ein Instrumental von einem meiner Lieblingsalben von Brian Eno, Music for Films, bei dem der Witz ist, dass die meisten Stücke – inklusive diesem hier – nur mögliche Soundtracks zu imaginären Filme sind. Die Filme gibt es also gar nicht, aber die Musik zu ihnen sehr wohl. Eine reizvolle Idee, und wenn sie dann auch noch so stringent umgesetzt wird…

Brian Eno hat übrigens ein neues Album raus und es ist nach langer Zeit (seit ca. 25 Jahren würde ich sagen) endlich mal wieder ein Gutes. Von den Videos hier, die peu à peu online geschaltet werden, finde ich übrigens das erste, japanische am besten, wie Eno da tänzerisch die Gerätschaften bedient, ist einfach umwerfend. Tanzmusik für das neue Jahrzehnt. Oder so.

(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 251 Stücke ist hier.)

1:25 This Mortal Coil – The Lacemaker II (1991)

November 16, 2010

Diese Wahl ist mir sehr schwer gefallen. Eigentlich hätte es ja das Gitarrenduo Jansch/Renbourn mit dem luftigen East Wind sein müssen. Aber dann kam kurz danach dieses Instrumental der 4AD Supergroup und ich dachte erst, die oder vielmehr das, nämlich das Lied, gibt es noch? Als wäre ein Musikstück lebendig und könnte sterben. Seltsamer Gedanke, aber hier hat er mich dermaßen übermannt, dass ich genauer gelauscht habe und jetzt zum ersten Mal die bellenden Hunde bewusst gehört habe. Die die düstere, oppressive Stimmung nicht gerade aufhellen. Ein Track für den Soundtrack nach der Apokalypse.

(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 250 Stücke ist hier.)

1:26 Serge Gainsbourg – Champêtre et Pop No.2 (1967)

November 15, 2010

Irgendwie haut mich die simple, coole Melodielinie dieses Instrumentals völlig um; ich würde sagen, es hat couilles. Gainsbourg war ja nicht nur Chansonnier sondern auch wie mir gerade erst klar geworden ist, Komponist von Filmmusiken. Hier werden immerhin 72 seiner Filmmusikstücke vereinigt, es wäre vielleicht mal an der Zeit, diese Seite seines Schaffens näher zu beleuchten, aber nicht heute. Ach eins noch, champêtre heißt ländlich und auf dem Land gedeiht die Pflanze, die Serge mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit bei der Komposition unterstützt hat, am Besten.

Meine Gedanken kreisen allerdings immer noch um ein seltsames Zusammentreffen mit zwei mittelalten (in der 2. Hälfte der Vierziger, wüde ich sagen) Frauen im ICE nach Berlin gestern. Sie hatten ein Wochenendseminar in Karlsruhe besucht und waren jetzt auf dem Weg zurück nach Hildesheim. Als ich mich auf meinen Tischplatz im Großraumwagen begeben wollte, sprach mich sofort eine der beiden an und sagte, dass sie schon auf die Person, die sich auf den vierten Platz am Tisch setzen würde – der dritte war von einem anderen Mann besetzt, den sie auch schon angequatscht hatten – gewartet hätten und gewettet hätten, ob es ein Mann oder eine Frau sein würde. Nach einer Weile verschwanden sie Gottseidank mit dem anderen Mann für ein Bierchen ins Bistro und ich hatte meine Ruhe bis 20 Minuten vor Hildesheim. In den 20 Minuten gelang es den beiden allerdings mich mit ihren inquisitorischen Fragen zu enervieren, was ich versucht habe, mir nicht anmerken zu lassen, ob mit Erfolg sei dahingestellt. Jedenfalls wollten sie zum Schluss unbedingt wissen, was ich beruflich mache. Jetzt im Nachhinein kommt es mir so vor als hätten sie in ihrem Seminar, in dem es um soziale und psychologische Dinge gegangen sein muss, die Aufgabe aufgetragen bekommen, jeden den sie auf dem Weg zurück treffen, nach seiner beruflichen Tätigkeit zu fragen. Jedenfalls habe ich ihnen dann gesagt, dass es etwas mit Zahlen zu tun hat und sie waren offensichtlich enttäuscht ob meiner profanen Antwort und versuchten, mir meinen Job schlechtzumachen. Etwas, das ich aber sowas von dringend gebrauchen kann im Moment und überhaupt. Die eine sagte, ihr hätte ihr Beamtenjob auch nicht gefallen und sie wäre krank geworden und hätte jetzt eine neue Stelle, in der sie ihre soziale Kompetenz besser einsetzen könne (oder so ähnlich). Hinterher sagte mir der Mann, der auch noch am Tisch war und mit den beiden im Bistro gewesen war, dass sie ihn natürlich auch nach seinem Job gefragt hätten und ihn halbwegs korrekt eingeschätzt hätten, mich jedoch für jemanden von der schreibenden Zunft gehalten hätten. Der sex appeal von Schriftstellern auf einen gewissen Frauentypus, das wäre bestimmt auch mal eine lohnenswerte soziopsychologische Untersuchung.

(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 249 Stücke ist hier.)

1:27 Tom Liwa/Florian Gässing – Kathleen in Grün (2002)

November 14, 2010

Das Rot ist das Rot von einem Buchumschlag,
der aus meiner Jacke guckt.

Heute ist mir mein Handy in unseren Brunnen gefallen. Irgendwas soll mir das sagen. Dass ich nicht kompatibel mit der modernen Welt bin? Dass das Handy überbewertet wird? Dass ich statt die Leute nicht anzurufen, vielleicht besser direkt mit ihnen unter vier Augen sprechen sollte? Oder einfach nur, dass ich besser auf meine Sachen aufpassen sollte? In other news, in meinem Programm hier hat noch ein Lied des Duisburger Barden Tom Liwa gefehlt, ein Loch was ich hiermit gestopft hättte. Das Stück habe ich übrigens heute morgen das erste Mal gehört und habe mir nach den ersten Takten gedacht, das ist ja interessant, diesen Song von Nick Drake kennst du ja noch gar nicht…

(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 248 Stücke ist hier.)

1:28 Miles Davis – Mystery (Reprise, 1992)

November 13, 2010

Das letzte Stück auf dem letzten, posthum veröffentlichten Album Doo-Bop. Sein Vermächtnis und was für eins. In achtundachtzig Sekunden einmal um sein Werk. Miles war zu diesem Zeitpunkt musikalisch in Richtung Hip-Hop unterwegs, was man – glücklicherweise, wenn ihr mich fragt – hier kaum hört. Es ist ein klassischer, unverkennbarer Miles Davis geworden, der sehr cool und rhythmusbetont daherkommt. Der Trompetenton immer noch voll da, klar und luzide, aber wie hinter einer Nebelwand gespielt. Wenn ich ihn höre, dann sehe ich immer einen Mann mit dem Rücken zum Publikum, einen einsamen Wolf inmitten von tausenden von Leuten. Der Minitrack macht Lust auf mehr und ich hätte schon gerne gewusst, wohin Miles Davis sich noch bewegt hätte, wenn er länger gelebt hätte. Um die elektronische Musik wäre er wohl kaum umhingekommen und sie vor allem nicht um ihn.

(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 247 Stücke ist hier.)

1:29 Marin Marais – Suite in g-moll, Courante (1711, Perl/Santana 2004)

November 13, 2010

Marin Marais war etwa eine Generation älter als Johann Sebastian Bach und das hört man in seinen Kompositionen. Marais spielte am Hofe Ludwigs XIV. Viola da Gamba (Kniegeige) und seine beschauliche, pastorale Musik fließt wie ein träger Strom vor sich hin; es fehlt jegliche Dynamik. Durch den Film Tous les matins du monde, bei dem ich fast eingepennt wäre, bin ich das erste Mal auf Marais gestoßen; ich habe damals die ereignislose Handlung und die lahme Musik gehasst. Inzwischen bin ich ein paar Jahre älter geworden und kann die Interpretation des heutigen Auswahlstücks von Hille Perl an der Gambe und ihrem Mann Lee Santana an der Laute durchaus genießen. Diese Art von Musik ist nicht nur völlig zeitlos, die Zeit als Kategorie scheint auch in ihr selbst nicht existent.

(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 246 Stücke ist hier.)

1:30 Pixies – Broken Face (1988)

November 12, 2010

I got no lips, I got no tongue
Where there were eyes, there’s only space

A ninety second glimpse into the crazy mind of Black Francis aka Frank Black born Charles Michael Kittridge Thompson IV. You have been warned.

(The list of all 245 chosen tracks since February, 1st is here.)

1:31 The Telescopes – Candy Says (1990, VU 1969)

November 10, 2010

Candy says I’ve come to hate my body
and all that it requires in this world

Ich weiß wirklich nicht wie die Telescopes das machen, aber sie verkürzen den Song um zweieinhalb Minuten, sie verdichten ihn auf weniger als 40% des Originals und in dem Lied scheint nichts zu fehlen. Es ist nur alles etwas intensiver, kurzlebiger, komprimierter. Und das Dollste ist ja, dass sie sich gleichzeitig alle Zeit der Welt nehmen, dass sie eine Zeitlupenversion des Klassikers von Velvet Underground abliefern, der das selbstbetitelte dritte Album der Band startet. Sehr gelungenes Cover, das übrigens ziemlich nah am Vorbild bleibt. Was aber auch absolut nichts macht, da es mehr oder weniger perfekt ist.

(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 244 Stücke ist hier.)

1:32 Boards of Canada – Olson (1998)

November 9, 2010

Wir floaten mit analogen Sounds durch die Galaxie. Eigentlich nur ein Sketch mit einem Touch New Age, gut als Gutenachtmusik geeignet.

(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 243 Stücke ist hier.)

1:33 Les Négresses Vertes – La Valse (1988)

November 8, 2010

Es gibt einige, ganz wenige Musikstücke, von denen ich nicht genug kriegen kann, nach denen ich süchtig bin. Insgesamt vielleicht eine Handvoll. Das kurze Instrumental La Valse, das das Debütalbum Mlah der Négresses Vertes einleitet, gehört hierzu. Ich habe es das erste Mal – glaube ich zumindest, vielleicht war es auch das zweite oder dritte Mal – in Luxemburg-Limpertsberg gehört. Wir waren zu viert – ein Niederländer, ein Belgier, ein Grieche und ich – und hatten mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit schon vorher das eine oder andere Gläschen gesüffelt. Dann gingen wir in das Studio des Niederländers und setzten den feuchtfröhlichen Abend fort und ich legte die o.g. CD in den Schacht des CD-Spielers. Und was soll ich sagen, als das Stückchen zu Ende war, griff ich mir die Fernbedienung, sprang wieder an den Anfang zurück und spielte es erneut ab. Usw. Ich weiß jetzt nicht mehr wie oft ich das gemacht habe, bestimmt dreißig oder vierzig Mal, die anderen waren so in ihre Gespräche vertieft bzw. schon so angeheitert, dass sie es gar nicht gemerkt haben, zumindest haben sie sich nichts anmerken lassen. Ich glaube nicht, zumindest erinnere ich es nicht, dass wir den Rest der CD an dem Abend gehört haben. Mir hat dieses eine Stück auch vollkommen gereicht. Die nachfolgenden Songs hätten dieses Level sowieso niemals halten können.

Was mich hier so unglaublich anzieht, ist natürlich die traurige Weise, die für mich eine regnerische Stadt evoziert, auch gerade weil sie vom Akkordeon gespielt wird, kann es eigentlich nur Paris sein. Die Kombination von melancholischer Melodie und kreisendem Tanz gibt dem Ganzen noch einen zusätzlichen Tiefgang. Eine Traurigkeit, die sich immer wieder um sich selbst dreht, das ist auch eine Art von Sucht, die dann schließlich zur Depression werden kann. Komischerweise tut mir die permanente Wiederholung des Stückes allerdings eher gut, es hat zwar etwas von einem Suhlen in seinem eigenen Weltschmerz aber hinterher fühle ich mich eigentlich immer besser oder genauer erhabener.

(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 242 Stücke ist hier.)

1:34 Georg Philipp Telemann – Triosonate 7 F-Dur aus den ‚Essercizi musici‘ Mesto (18. Jhd.)

November 7, 2010

Passend zum Sonntag mal wieder Barockmusik zum Chillen. Telemann war ja anscheinend zu seinen Lebzeiten ein großer Star, wurde dann für 200 Jahre vergessen bzw. nicht mehr wertgeschätzt und erst im 20. Jahrhundert wieder rehabilitiert.

(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 241 Stücke ist hier.)

1:35 Neil Young – Cripple Creek Ferry (1970)

November 6, 2010

Hey hey, Cripple Creek Ferry
Butting through the overhanging trees
Make way for the Cripple Creek Ferry
The water’s going down, it’s a mighty tight squeeze

In diesen 95 Sekunden ist alles drin, was einen guten Song von Neil Young ausmacht. Die eingängie, verspielte Melodie, ein scheinbar einfacher Text und natürlich die charakteristische Fistelstimme. Neil Young in nuce. Und um eine Nussschale geht es hier auch, eine Fähre, die über einen Bach übersetzt. Cripple Creek ist ein Goldgräberort in den Rocky Mountains in Colorado, der während des Goldrauschs Ende der 1890er Jahre gegründet wurde. Und das Lied ist eines von zweien auf After the Goldrush, von denen Neil Young sicher sagen kann, das sie von dem verschollenen, gleichnamigen Filmskript von Stockwell/Berman inspiriert wurden. Mir gefällt vor allem diese Auf- und Abbewegung der Tonhöhe der Melodie, die so eine Art aurales Schaukeln auslöst, gekoppelt mit dem anschließenden vorsichtigen Innehalten. Man meint zu spüren, dass es eine unwägbare Unternehmung ist, zu dem Ziel auf der anderen Seite des Baches überzusetzen. Wie wir alle wissen, endete der Goldrausch für viele mit einem bösen Kater oder schlimmer.

(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 240 Stücke ist hier.)

1:36 The Four Seasons – December, 1963 (Oh, What a Night) (Auszug, 1975)

November 6, 2010

You know, I didn’t even know her name
But I was never gonna be the same
What a lady, what a night

John Darnielle aka The Mountain Goats scheint auch ein Fan dieses Liedes zu sein, da es hier vor einem seiner Konzerte auf der Anlage gespielt wird. Für mich steht es irgendwie für die goldene Zeit meiner Jugend, ich war zwölf als es rauskam und es ist mir wahrscheinlich auch deswegen so gut im Gedächtnis haften geblieben, da es mein Geburtsjahr besingt und sogar im Titel führt. Die Four Seasons habe ich damals sehr gemocht, sie kombinierten geschickt Melodie und Rhythmus, so dass sehr gut tanzbare Songs herauskamen. Wobei ich auf diese Musik so weit ich mich erinnere überhaupt nicht getanzt habe, ich habe sie eher unbewegt genossen. Kurz danach kam dann die Discowelle (Saturday Night Fever) und da habe ich dann mehr oder wenig völlig zu gemacht gegenüber Chartmusik und versucht, einen eigenen Geschmack zu finden.

(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 239 Stücke ist hier.)

1:37 Zk – In der Ecke stehen (1981)

November 4, 2010

Auf ne Party gehen
und nichts als Leute sehen,
die in der Ecke stehen
wohin sie auch gehen

Wieder eine Gruppe aus Düsseldorf (in diesem Projekt nach den Fehlfarben und dem KFC bis dato die dritte), wieder von der Kompi Verschwende Deine Jugend. Es handelt sich um die Vorläuferband der Toten Hosen, die sich ursprünglich Zentralkomitee Stadtmitte nannte, Campino ist schon als Sänger mit von der Partie. Der melodische Song ist eher melancholisch angelegt, das punkige Element besteht im wesentlichen aus der schön verzerrten E-Gitarre. Diese Art von Parties kennen wir wahrscheinlich alle, meine Discobesuche in München Mitte der Achtziger liefen oft exakt so ab. Über das Thema haben auch andere gesungen (Michael Stipe in Losing My Religion: „That’s me in the corner“ oder Morrissey in ?). In any case, Düsseldorf ist in meinem kleinen Musikkosmos anscheinend ganz klar die deutsche Musikhauptstadt. Dabei fehlen noch so einige hochkarätige Vertreter wie z.B. DAF, Neu!, die frühen Kraftwerk mit Michael Rother, La Düsseldorf, Der Plan, Male und Mittagspause, um nur anderthalb Handvoll zu nennen.

(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 238 Stücke ist hier.)

Dancing to Brian Eno

November 3, 2010


(via a post punk tumblr)
Eine junge Französin tanzt in ihrem Pariser Studio zu St. Elmo’s Fire aus Brian Eno’s Meisterwerk Another Green World. Das hat was. Die Idee ist einfach und cool, die Musikauswahl noch cooler und die Ausführung bezaubernd.

1:38 Man or Astro-man? – Intoxica (1994, The Revels, 1960s)

November 3, 2010

Ich kenne weder die Coverband noch die gecoverte Band, die beide angeblich zum Genre Surfmusik zu zählen sind, das mir jetzt in dem Zusammenhang auch nichts sagt, für mich hört sich das eher an wie ein Soundtrack zu einem Western mit dem irgendwas nicht stimmt. Die Landschaft ist nicht weit und er spielt nicht in der Vergangenheit sondern eher in der Zukunft. Und er wird zu schnell abgespielt. Im Film wird viel gelacht und nur in die Luft geschossen und nicht auf Cowboys, Soldaten oder Indianer. Und die Pferde wiehern die ganze Zeit. Aber es ist schon ein Breitwandformat. Man merkt schon, im Grunde ist meine Suche nach dem perfekten Achtundneunzigsekundenstück auf meinem iPod noch voll im Gange.

(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 237 Stücke ist hier.)

Ministerpräsident spielt lieber Schach

November 2, 2010

MP Peter Müller spielt lieber Schach als sich langweilige politische Debatten reinzuziehen.
(via Schachblog)
Neulich im saarländischen Landtag: Peter Müller spielt eine Partie Schach mit seinem iPad. Schach spielende Politiker können keine schlechten Politiker sein: Neben Helmut Schmidt und Richard von Weizsäcker fällt mir da jetzt noch Peer Steinbrück ein, bei Otto Schily bin ich mir jetzt nicht mehr ganz so sicher. Schach spielt er glaube ich schon, aber ist/war er ein guter Politiker?

1:39 The Durutti Column – Jazz (1980)

November 2, 2010

Ein drittes Stück von Vini Reilly (1, 2), das zweite von seinem Debüt The Return of the Durutti Column (Factory Nr. 14), dessen erste 2.000 LPs von den Bandmitgliedern von Joy Division in Sandpapierhüllen gesteckt worden waren. Reilly’s typischer, fließender Gitarrensound wird hier in ein rhythmisches Flußbett aus Bass und recht stark nach vorne gemixten Drums geleitet. Mit Jazz hat das nicht direkt etwas zu tun aber mit Rock eben auch nicht. The Durutti Column bewegen sich hier zwischen den verschiedenen Genres, was zu einem guten Teil auch ihre Originalität ausmacht.

(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 236 Stücke ist hier.)

The Pretty Things

November 2, 2010

spielten gestern im Quasimodo neben dem Theater des Westens. Es war sehr voll und sehr laut und es war neben dem Sänger Phil May noch der Gitarrist Dick Taylor – der eher wie ein schmaler, pensionierter Schullehrer mit kleiner, runder Nickelbrille daherkam – von der Ursprungsformation von 1963 mit an Bord. Der R&B war musikalisch eher grob geschnitzt bzw. ging im Lärm etwas unter (nächstes Mal unbedingt Ohrstöpsel mitbringen), aber Phil May’s schelmisches, lausbübisches Grinsen ins Publikum nach jeder dritten Liedzeile war einfach umwerfend. Er konnte es selber kaum glauben, dass so viele Leute ihn gestern in Berlin noch hören wollten. Vorne tanzten mindestens sechzigjährige Pärchen solo herum, die weißhaarigen Damen hätte ich ja gerne mal vor vierzig Jahren gesehen. Wen es interessiert, hier steht noch mehr über das Konzert.

Sounds and Silence

November 2, 2010


Am Samstag abend im netten Kreuzberger fsk-Kino am Oranienplatz endlich mal wieder einen guten Film gesehen bzw. in diesem Fall wohl eher gehört. Die Wartezeit vor dem Filmanfang hat uns das faszinierende Video mit der aus Holzlatten minütlich aktualisierten Bildschirmuhr verkürzt. Als besonderen Gag zeigen sie im Kino wie der Filmvorführer den Film auf die Spule legt. Neu entdeckt haben wir in diesem Musikfilm über das ECM-Label vor allem den tunesischen Oud-Spieler Anouar Brahem, der nicht nur phantastisch auf diesem traditionellen Instrument der arabischen Musik spielt sondern auch so einges zu erzählen hat. Andere beeindruckende, mitwirkende Musiker: Arvo Pärt (vor allem der Chor im Schlussstück, der auch im Trailer ist, war überirdisch schön), die zwischen Free und Fusion oszillierende Schweizer Jazzcombo um Nik Bärtsch, der argentinische Akkordeonist Bandoneonspieler Dino Saluzzi und natürlich Jan Garbarek und sein immer noch glasklarer Saxophonton. Keith Jarrett hat sich leider mal wieder geziert. Catherine und ich haben die Besucheranzahl an dem Abend um 67% erhöht, eigentlich unfassbar. Der Film ist ja nicht nur sehr gut sondern auch noch brandneu.

1:40 KFC – Stumpf ist Trumpf (1980)

November 1, 2010

Aus Düsseldorf kamen ja so einige Bands, es war aber oft so, dass diejenigen, die die interessantere, radikalere Musik gemacht haben, nicht den Erfolg gehabt haben, den dann andere, weichgespültere Gruppen gehabt haben. Ich denke da gerade an Neu! und Kraftwerk sowie den KFC (Kriminalförderungsclub) und Die Toten Hosen. Mit den jeweils letzteren konnte ich nie viel anfangen, das öde Autobahn hat mich in der ersten Hälfte der Siebziger mindestens genauso gelangweilt wie in der ersten Hälfte der Achtziger der im Stadionrock herummäandernde, schwache Punkabklatsch der Hosen. Die kamen nicht mehr zum Punkt, jedenfalls später nicht mehr. Der KFC hingegen war da ganz anders. Zum einen hat er sich, wie es sich für echte Punker gehört, nach nur vier Jahren wieder aufgelöst. Zum andern hat er mit dem für sich und den Sänger Tommi Stumpf sprechenden Titel dieses hundertsekündigen Songs eine animalische, hart rockende Version von Punk mit Ohrwurmcharakter kreiert, der man schwerlich widerstehen kann. Das Lied habe ich natürlich von der exzellenten Kompilation Verschwende Deine Jugend zum gleichnamigen Buch von Jürgen Teipel.

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1:41 Pixies – Isla de Encanta (1987)

Oktober 31, 2010

Donde no hay sufrimiento

Im Grunde war das schon immer mein Lieblingslied auf der Debüt-EP Come On Pilgrim und wenn ich es mir recht überlege vielleicht sogar mein liebster Pixiessong überhaupt. Er kicked ass wie es sich für eine neue Band gehört und das Riff lässt dasjenige von Smoke on the Water, von dem immer alle in meiner Schulzeit geschwärmt haben, aber sowas von uralt aussehen. Dies ist Black Francis Ode an Puerto Rico, wo er einige Zeit zugebracht hat, der Titel bezieht sich auf den Spitznamen des Eilands: „Insel der Verzauberung“.

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1:42 Boards of Canada – Constants Are Changing (2005)

Oktober 30, 2010

Nur ein Satz: Mystik, Magie und Melancholie verschmelzen zu Musik.

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1:43 John Carpenter – Shape Escapes (1978)

Oktober 30, 2010

Eine Filmmusik und damit eine Premiere in dieser Reihe, wenn mich mein Gedächtnis nicht trügt. Ich habe Halloween nie gesehen, meine mich aber vage an die Szene zu erinnern, wo das Thema zuerst auftaucht: In einem dunklen Raum blickt die Kamera auf einen Vorhang vor einem Fenster, auf dem plötzlich ein Schatten erscheint, der sich hin und her bewegt und dann wieder verschwindet. Fast noch schöner als diese mit Synthesizer unterlegte Keyboardfassung aus dem Film ist die Klavierinterpretation. Man sieht förmlich wie die Spannung aufgebaut wird durch die schnelle, hohe, mit der rechten Hand gespielte Melodie, der der tiefe, langsame von der linken Hand gespielte Begleitteil gegenübergestellt wird.

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1:44 Moondog – Lament 1 (1971)

Oktober 28, 2010

Irgendwie ist hier ein bisschen die Luft raus. Die Besucherzahlen wollen einfach nicht anziehen (verstehe ich ja wirklich nicht). Der letzte Urlaubshiatus hat mich etwas aus der Blogpostroutine gebracht. Die Tracks sind inzwischen so kurz, dass sie meist nur noch Intermezzi sind, keine durchkomponierten Stücke mehr, fast nur noch Instrumentals. Außerdem gibt es nur noch 20 – 30 Tracks pro Tag zu hören, wovon einige Wortbeiträge, Klatschen, Vogelgezwitscher und abgebrochene Downloads sind. Heute haben wir Glück mit dem exzentrischen Moondog, der jahrelang auf den New Yorker Straßen in seltsamen Wikinger-Outfits herumlief, denn es ist seine auch unter dem Namen Bird’s Lament bekannte Erkennungsmelodie. An Moondog fasziniert seine völlige Singularität, seine Musik ist häufig recht orchestral und dem Kontrapunkt verpflichtet, sie schwebt zwischen perkussivem Barock, Minimal Music und improvisiertem Jazz, ist unglaublich harmonisch und melodisch und in einer angenehmen Art weich. Moondog hieß ursprünglich Louis Hardin und hat sich sein Pseudonym 1947 nach seinem Blindenhund angelegt, der den Mond anheulte wie kein anderer. Begraben liegt Moondog in Münster, die letzten 25 Jahre seines Lebens war er als Straßenmusiker in Deutschland unterwegs.

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1:45 Johann Sebastian Bach – Suite g-Moll BWV 995 III Courante (ca. 1730, Óscar Cáceres)

Oktober 27, 2010

Das ist jetzt schon der dritte Tanz – vom Tempo her zwischen der gemächlichen Sarabande und der flinken Gigue – aus dieser herrlichen Lautensuite von Johann Sebastian Bach in der luziden Interpretation des Montevideoer Gitarristen Cáceres. In Der vollkommene Capellmeister (1739) schreibt Mattheson über die Courante (von mir aus dem Englischen zurückübersetzt):

Die Bewegung einer Courante ist hauptsächlich durch die Leidenschaft oder die Stimmung einer süßen Erwartung gekennzeichnet. Denn es ist etwas Inniges, etwas Sehnendes und auch Erfreuliches in der Melodie: Eindeutig Musik, auf die Hoffnungen aufbauen.

Cut. Auf der ersten Etappe auf dem Jesus Trail von Nazareth nach Cana war der Weg- und Straßenrand voller Müll. Wir sprachen später noch mit einem der amerikanischen Voluntaries in unserer Nazarether Herberge darüber und er sagte uns, dass sie vor kurzem jede Menge Müll entfernt hätten und sogar der israelische Tourismusminister da gewesen war und versprochen hatte, sich hier einzusetzen. Das Ergebnis war ernüchternd, insbesondere der Ort Mashhad kurz vor Cana ist eine einzige stinkende Müllhalde. Ich werde diese im Süden sehr verbreitete Mentalität, dass die Natur ein Feind ist und daher vermüllt werden darf nie verstehen. Was auch interessant auf dem Weg war: Den ersten israelischen Juden haben wir erst am Nachmittag des dritten Tages getroffen. 25% der Bevölkerung in den nichtbesetzten Gebieten in Israel sind Araber. Mit den besetzten Gebieten wären es noch wesentlich mehr. Kein Wunder, dass Israel denen keinen Staatsbürgerstatus geben will. Die Araber, die das Glück haben auf israelischem Territorium zu wohnen, sind nicht nur voll stimmberechtigte Bürger, sie haben sogar noch wie die Orthodoxen keine Militärpflicht. Ich glaube, die fühlen sich in Israel recht wohl, da der Lebensstandard höher, das Land wegen guter Bewässerungstechnik fruchtbarer und die Infrastruktur besser ist als in den arabischen Anrainerländern.

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1:46 Lansing-Dreiden – Dazzle Magic (2006)

Oktober 26, 2010

Dazzle Magic beschreibt die Musik des amerikanischen Künstlerkollektivs Lansing-Dreiden, dessen Mitglieder bis heute namentlich unbekannt sind, sehr gut. Es bedeutet nämlich eine Kombination aus Blendwerk und Zauber und was sie da in ihren diversen Alben abgefeuert haben in den letzten Jahren war zwar nie besonders neu, aber es klang mindestens genauso schillernd wie das Alte, ich denke da an diverse Musiken aus den Siebzigern und zwar zuallererst an Glam Rock, von dem sie sich offensichtlich haben inspirieren lassen. Bei dem Titel muss ich gerade auch an den auf dem Wasser wandelnden Jesus denken. Am Sonntag schwebte ich noch in Ein Gedi im Toten Meer bei weit über 30 Grad. In senkrechter Position guckte der Oberkörper in etwa bis zur Brust raus. Aus der Ferne hätte es so aussehen können als wäre ich durch das Wasser gelaufen. Schwenk. Ich habe ja bis heute nicht verstanden, warum die Siesta von kaum einem Unternehmen für seine Mitarbeiter angeboten wird. Noch besser wäre allerdings der Nachmittagsschlaf auf dem Rücken in einer Salzlösung. Etwas entspannenderes kann ich mir nicht vorstellen.

(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 229 Stücke ist hier.)

short break

Oktober 14, 2010

bin dann mal ein paar tage weg, hier unterwegs. frieren werden wir wohl nicht, morgen sollen es 36 grad werden. komme am 25. wieder zurück. dann geht es mit dem musikalischen countdown hier weiter. in der zwischenzeit könnt ihr ja nochmal durchhören, was bis jetzt so gelaufen ist. alle bis auf die ersten 20 oder so songs sind weiterhin online.

1:47 Wire – Champs (1977)

Oktober 13, 2010

the pace the pace,
the speed,
the need,
the need to seed,

Wire mit ihrem Kunstschulbackground oszillierten zwischen Punk und Experiment, hatten aber auch einen knack for melody und eine Affinität zu Kurzsongs, sowie eine Menge Punch und dabei meine ich nicht den Longdrink. In Champs bringen sie dies phantastisch gut auf den Punkt, in dem Lied ist wirklich jede Sekunde ein Volltreffer, es ist ein Stück perfekter Musik. Am Ende möchte man jubilieren „Hurra, Armada versenkt“.

(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 228 Stücke ist hier.)

1:48 Vashti Bunyan – Winter Is Blue (1966)

Oktober 12, 2010

Why must I stay here
Rain comes I’m sitting here
Watching love moving
Away into yesterday

Hier geht es offensichtlich um das Ende einer Liebe, das mit dem Beginn des Winters koinzidiert. Vashti Bunyan’s zärtlich-sanfte Stimme evoziert für mich Flower Power wie kaum eine andere. Passenderweise war sie eine Weile mit einem Pferdewagen unterwegs und suchte mit ihrem Partner nach einer angeblich von Donovan auf einer schottischen Insel gegründeten Künstlerkommune. Während dieser Zeit on the road schrieb sie ihre Lieder, die dann 1970 auf Just Another Diamond Day veröffentlicht wurden. Dieser Song von einer älteren Aufnahmesession war ein später veröffentlichter Bonustrack.

(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 227 Stücke ist hier.)

1:49 The Durutti Column – Sleep Will Come (1980)

Oktober 11, 2010

Peace will come and with it sleep
Forgotten dream
I clear my mind

Vini Reilly ist jemand, der seinen eigenen Sound bzw. Ton gefunden hat; man kann ihn nach wenigen Sekunden wiedererkennen. Mit seiner Spieltechnik auf der Gitarre erzeugt er einen rhythmisch ondulierenden, stark hallenden Klang, der mich etwas an New Age – das eigentlich erst später kam – erinnert. Bei dem heutigen Track fühlt sich der elastische Gitarrensound wie ein Trampolin an, in das der Hörer immer wieder zurückgeworfen wird, um dann wieder hochzuspringen. Man kann einfach nicht hinfallen, man wird immer wieder aufgefangen. Vom Titel bin ich mir nicht sicher, ob er autobiographisch ist. Ich kann ihn ganz gut nachvollziehen weil ich selber momentan nahezu täglich Schlafprobleme habe. Ich wache häufig lange vor fünf Uhr morgens auf und kann dann erst einmal nicht mehr einschlafen. Da helfen dann auch Schafzählsessions wenig. Der Schlaf kommt dann doch noch, allerdings oft erst ca. 5 Minuten bevor der Wecker gegen sieben klingelt. Toll ist in dem Moment dann immer, dass ich das Gefühl habe, aus tiefstem Schlummer zu erwachen und mich häufig phantastisch gut an meinen Traum erinnere, der dann normalerweise mittendrin abgebrochen ist.

(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 226 Stücke ist hier.)

1:50 The White Stripes – Fell in Love with a Girl (2002)

Oktober 10, 2010

can’t keep away from the girl
these two sides of my brain need to have a meeting
can’t think of anything to do yeah
my left brain knows that our love is fleeting

1. Dieses Lied ist auch in John Peel’s Singles Box, auf seine späten Tage war der britische Radio DJ ein großer Fan von Jack und Meg White, von den 142 Singles sind 15 von den White Stripes bzw. von Kollaborationen mit ihnen.
2. Die White Stripes sind so ziemlich die letzte der neuen Bands, die sich überhaupt noch in meine Gehörgänge verirrt hat. Neu war ihre Art von schweißtreibendem, primitivem Garagenbluesrock zwar absolut nicht, aber zumindest vital. Und das ist heutzutage ja schon eine ganze Menge.
3. Ich habe mal kurz einen jungen Belgier kennengelernt, der meinte, die White Stripes wären die größte Band der Welt. Und wenn man die Aussage nur auf die Bands, die seit den White Stripes gegründet worden sind bezieht, dann hat sie durchaus ihre Plausibilität.

(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 225 Stücke ist hier.)

1:51 The Lemonheads – Bit Part (1992)

Oktober 9, 2010

I just want a bit part in your life
A bit part in your life
A little more than a cameo
Nothing traumatic when I go

Ein Lied für das englische Wörter wie catchy oder kick-ass erfunden worden zu sein scheinen. Powerpop wie er im Buche steht. Wie Evan Dando und seine Lemonheads in 111 Sekunden die Party kickstarten. Neben Dando brüllt und singt hier übrigens die schöne Juliana Hatfield. Eines der ganz wenigen Lieder, ansonsten fällt mir da jetzt gerade auf die Schnelle nur Panic ein, das selbst mich alten Tanzmuffel unwiderstehlich auf die Tanzfläche hinauszieht.

(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 224 Stücke ist hier.)

1:52 The Mountain Goats – See America Right (2002)

Oktober 8, 2010

If we never make it back to California
I want you to know I love you
But my love is like a dark cloud full of rain
That’s always right there up above you

John Darnielle kenn ich ein bisschen von I Love Music und von seinem Blog Last Plane to Jakarta. Er ist ein Heavy Metal Fan, eigentlich eine Spezies, die ich aber sowas von nicht verstehe. Aber diesen Song und das Tallahassee-Album auf dem er drauf ist, kann ich sehr gut nachvollziehen. Hassliebe, Alkoholismus, Selbstzerstörung. Ein Paar, das nicht miteinander aber erst recht nicht ohne einander leben kann. Don’t we all know it? John ist glaube ich Psychotherapeut oder sowas ähnliches. Er weiß, wovon er hier singt.

(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 223 Stücke ist hier.)

1:53 Johann Sebastian Bach – Goldberg Variationen Aria (1741, Gould 1955)

Oktober 7, 2010

Die Goldberg-Variationen in der berühmten 1955er Aufnahme von Glenn Gould gehen reflektiert und präzise los, das Tempo spart sich Gould für später auf. Ich weiß nicht mehr genau in welchem Jahr es war, vielleicht 1986, jedenfalls war ich auf Interrailtour in Griechenland, Italien und Portugal, wo ich gerade noch hingekommen bin in der begrenzten Zeit. Und ich habe in allen drei Ländern rein zufällig morgens zum Frühstück in den Hostels bzw. Privatquartieren die Gouldschen Goldberg-Variationen gehört. Sie waren der Soundtrack zu meiner ersten und letzten Interrailreise. Und mit dieser Aria geht der Trip los. Es gibt schlechtere.

(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 222 Stücke ist hier.)

1:54 The Beach Boys – Caroline, No (1966/1997, a cappella)

Oktober 6, 2010

Where did your long hair go
Where is the girl I used to know
How could you lose that happy glow

Caroline hat sich verändert. Was ist nur mit ihr passiert? Warum liebt er sie nicht mehr? Wieso hat sie das glückliche Leuchten in den Augen verloren? Ist sie alt geworden? Oder hat sie sich ihr Haar schneiden lassen und hat ihn einfach verlassen? Und dieses Lied von Brian Wilson ist in Wirklichkeit nicht über ihre verblasste Schönheit sondern über seinen Liebeskummer? In any case seien wir froh, dass es mit Caroline und Brian so ein trauriges Ende genommen hat. Denn sonst gäbe es dieses wunderschöne Lied nicht, das in der reinen Vokalfassung aus den erst 1997 veröffentlichten Pet Sounds Sessions wie ich finde noch bewegender ist. Die Liebe zwischen den beiden Protagonisten wird in diesem Song sozusagen aufgehoben und kann somit gar nicht sterben.

(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 221 Stücke ist hier.)

1:55 Joy Division – As You Said (1980)

Oktober 5, 2010

Vor New Order war Joy Division und vor Joy Division war Warsaw und vor Warsaw, der Band war Warszawa, der Song (Eno & Bowie auf Low). Wieso schreib ich das? Na ja, auf meinem iPod läuft das Stück unter Warsaw und zwar als letzter Track auf der Warsaw-LP, die erst viele Jahre nach Ian Curtis‘ Tod publiziert wurde. Dabei hat er mit der Punk-Band vor Joy Division eigentlich nichts zu tun. Außer einer gewissen, sehr entfernten Ähnlichkeit – zumindest ist es auch ein ambienteskes Instrumental, allerdings mit Beats – mit dem Bowie-Stück. Ansonsten muss man natürlich sagen, dass As You Said, das als B-Seite auf der Gratissingle Komakino im April 1980 rauskam, hinausweist auf eine Zukunft der Band ohne den Sänger. Die Einfachheit des Stücks, das sich anhört wie das Ergebnis einer Rumspielerei von Stephen Morris mit dem Drum Computer und seiner Partnerin Gillian Gilbert an der Elektro-Orgel unter ausgiebiger Benutzung des Hallreglers, macht es mir sympathisch. Eigentlich ist es ein großes, schlagendes Nichts, New Order ohne Melodie, im Grunde schon so eine Art Technotrack, nur viel, viel besser natürlich. Manche Bands machen ihre ganze Karriere über nur Scheiße, andere pinkeln mal kurz in die Ecke im Probenraum und es ist große, zukunftsweisende Kunst. Ratet mal in welche Kategorie Joy Division gehören!

(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 220 Stücke ist hier.)

1:56 Ougenweide – Rumet uz die Schäemel und die Stüele (1976)

Oktober 4, 2010

Rûmet ûz die schämel und die stüele!
heiz die schragen
vuder tragen!
hiute sul wir tanzens werden müeder.
werfet ûf die stuben, sô ist ez küele,
daz der wint
an diu kint
sanfte waeje durch diu übermüeder!

(Räumt die Schemel und Stühle aus!
Lass die Tische
forttragen!
Heute wollen wir bis zum Umfallen tanzen.
Reißt die Türen auf, dann ist es luftig,
so dass der Wind
den Mädchen
kühlend durch ihre Mieder wehen kann.)

(Quelle)

Ougenweide war glaube ich die erste deutsche Band, die mittelalterliche Texte vertont hat. Sie gründeten sich 1970 und existieren bis heute und touren gerade mit einer ganz neuen CD namens Herzsprung. Dieses mittelhochdeutsche Lied ist – wie auch der Bandname – von Neidhart von Reuental (Anfang 13. Jahrhundert) und es beschreibt einen bäuerlichen Wintertanz, in dem es um das Werben um die Mädchen geht. Es hat mich damals schon im Deutschunterricht fasziniert, die Minnegesänge von Walther von der Vogelweide zu verstehen und es hat mich gewundert, dass so etwas möglich ist, dass eine Sprache in knapp 800 Jahren so relativ unverändert geblieben ist, dass man sich die Wörter mit etwas Geduld und Mühe heute immer noch herleiten kann. Ich sehe schon den Tag kommen, wo ich das Mittelhochdeutsche besser verstehe als die aktuelle Sprache der Jugendlichen. Auch daran kann man sehen, wie unglaublich sich das Leben in dieser Welt in den letzten fünfzig Jahren beschleunigt hat.

(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 219 Stücke ist hier.)

1:57 Pascal Comelade – Under My Thumb (2008, Rolling Stones 1966)

Oktober 3, 2010

Ein alter Klassiker der Stones in einer liebevollen rein instrumentalen Bearbeitung mit Glockenspiel, Harmonika, Klavier, Gitarre und diversen Schlaginstrumenten. Der Katalane Pascal Comelade, der unweit Perpignan kurz vor den Pyrenäen in Céret wohnt, hat so ein wenig die naive Kunst in die Musik gebracht. Er arbeitet sehr gerne mit Spielzeuginstrumenten wie Klavieren und Gitarren in Miniaturform und spielt mit Vorliebe bekannte Lieder nach, schreibt aber auch selber welche. Er hat mit vielen bekannten Musiker zusammengearbeitet, sehr gelungen finde ich zum Beispiel seine Kollaboration mit Robert Wyatt mit dem Namen September Song. Das eigentlich sehr machohafte Under My Thumb wird bei ihm zu einer recht rührseligen Ballade zum Schunkeln. Muss auch mal sein. Passt außerdem gut zum Oktoberfestende.

(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 218 Stücke ist hier.)

1:58 Bob Marley & the Wailers – Sun Is Shining (1971)

Oktober 2, 2010

When the morning gathers the rainbow
Want you to know I’m a rainbow too

1. Reggae ist so ein Stil, den ich zwar im Grunde ganz gerne mag, aber es gibt nur wenig Songs, die ich liebe.
2. An diesem Stück von Bob Marley haben mich sofort die atypischen Elemente fasziniert.
3. Da wäre zuerst der unheimlich schleppende Rhythmus zu nennen, um so langsame Musik zu machen, muss man mindestens einen Joint zu viel geraucht haben.
4. Dann das Klagende und das Bedrückende, was seltsam mit dem Titel kontrastiert als wollte der Sänger sagen, die Sonne scheint zwar, aber nicht für alle und zwar insbesondere nicht für seine Freunde. Hierhin passt auch, dass die Tonart anscheinend e-Moll ist. Die Wailers machen hier wirklich ihrem Namen alle Ehre.
5. Zu guter Letzt hat der Klang der Melodica mich sofort mitten ins Herz getroffen, es kommt mir vor als bündele er die Traurigkeit ähnlich wie in der Natur der Eselsschrei, wie die arme Kreatur ihre Gefühle direkt eins zu eins in Laute umsetzt, die jeder sofort verstehen kann ohne Übersetzer.

(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 217 Stücke ist hier.)

1:59 Felt – Ferdinand Magellan (1986)

Oktober 1, 2010

Felt war so eine Art Kultband in Insiderkreisen in den 80ern. Ihr Leader war der enigmatische Lawrence, dessen Nachname lange ein Geheimnis blieb. Seine Stimme hatte etwas pathetisch Glitzerndes, ein bisschen wie ein introvertierter Bryan Ferry ohne Croonerqualitäten. Na ja, die werdet ihr hier jetzt leider noch nicht – wer weiß was die Zukunft bringen wird – hören, denn es handelt sich schon wieder um ein Instrumentalstück. Auf dem Klavier dieses Mal, sehr melodisch und leicht schwermütig und etwas unter die Oberfläche gehend. Von der Leichtigkeit und Schlichtheit durchaus vergleichbar mit den kurzen Klavierstücken von Satie. Als ich es heute morgen gehört habe, dachte ich erst, es wäre von dem kanadischen Pianisten Gonzales und war dann fürbass überrascht. Der Titel passt irgendwie ganz gut auf die Musik und den Bandleader. Magellan war ja bekanntermaßen derjenige, der die erste Weltumsegelung begann, sie aber nicht selber vollenden konnte weil er beim Versuch, die Bewohner einer philippinischen Insel zu unterwerfen, ums Leben kam. Als Lawrence dann Ende der 80er Felt (Filz) auflöste, nannte er seine nächste Band, die mehr in Richtung Glam-Rock tendierte, Denim. Den großen Durchbruch schaffte er auch mit ihr nicht.

(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 216 Stücke ist hier.)

2:00 Roedelius – Freudentanz (1981)

September 30, 2010

Der heute 75-jährige Hans-Joachim Roedelius ist nicht nur ein Urgestein des Krautrock – vor allem in Cluster & Harmonia – er ist auch ein Pionier der experimentiellen, elektronischen Musik und hat vor dem Krieg als Kind in UFA-Filmen mitgespielt. Es ist bezeichnend, dass es keine deutsche Wikipediaseite über ihn gibt, sehr wohl aber eine ausführliche englische Seite (eine französische und portugiesische übrigens auch). Mit der Wahl dieses Instrumentals habe ich mich selbst überrascht, was leider nicht oft genug passiert, drei Argumente sprachen dafür. Zum einen ist es trotz der kurzen Länge unheimlich abwechslungsreich, es ereignet sich sehr viel, die elektronische Orgel – man könnte auch Synthesizer sagen – und die Keyboards vollführen wirklich einen gemeinsamen Tanz, die Informationsdichte der Musik ist sehr hoch, Shannon hätte bestimmt seine Freude daran gehabt. Zum zweiten kannte ich das Stück noch nicht und neue, unbekannte Sachen haben bei mir, wenn sie gut sind (leider ist auch das viel zu selten der Fall) sofort einen Stein im Brett. Außerdem habe ich bis dato kaum Krautrock ausgewählt und auch wenig elektronische Musik sowie noch gar nichts von Roedelius. Zu allerletzt passt der Titel natürlich phantastisch, ein Freudentanz in den letzten Tag der Arbeitswoche, den Freitag, was läge näher?

(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 215 Stücke ist hier.)