Ein paar Fragen zu diesem Lied für Leute mit Stamina, seine Dauer in Sekunden stellt eine Schnapszahl dar. Es passt in großen Teilen ganz gut zur chilligen Stimmung in der Shisha Lounge heute abend, wo wir eine Kollegin verabschiedet haben.
1) Wie heißt das Lied?
2) Von wem wurde es ursprünglich gespielt?
3) Von wem wird es hier gespielt?
4) Nach welchem bekannten Rocksong, der by the way einer meiner Lieblingssongs ist, klingt dieses Cover am Anfang?
Finnische Bands kannte ich bis jetzt erst zwei. Einmal natürlich die Leningrad Cowboys aus den Kaurismäkifilmen, dann die Indierocker 22 Pistepirkko (22 Marienkäfer). Auch die Gruppe hier ist schräg. Sie spielen in diesem älteren Stück einen ziemlich speedigen, schmutzigen, harten Bluesrock. Insbesondere dem psychedelischen Slidegitarrensound bin ich rettungslos verfallen. Eine Kollegin hat eine Best Of-Kompilation der Combo im Musikprogramm eines Finnairfluges nach China gehört(!). Außerhalb von Suomi scheint sie völlig unbekannt. Kein englischer oder deutscher Wikipediaeintrag, nix in I Love Music, aber eine hauptsächlich finnische Homepage mit ein paar mp3s. Konzerte meist in Helsinki, außerhalb von Skandinavien scheinen sie in den letzten Jahren nicht aufgetreten zu sein.
ob das wohl eine weise entscheidung war, die nato-außenministerkonferenz im zentrum von berlin stattfinden zu lassen? wieso treffen die sich nicht an irgendeinem verlorenen brandenburgischen see? stattdessen muss die halbe stadt abgeriegelt werden und tausende von polizisten werden mobilisiert. was das kostet, wie das nervt, wie da absolut nix hinten rauskommt.
***
was sucht man auf dem jakobsweg? körperliche genesung? trost? die erleuchtung? gott? die körperliche herausforderung? den partner fürs leben? ich jedenfalls habe dort nur meinen rhythmus, mein tempo, meinen schritt gesucht. und war auch kurz davor, ihn zu finden. aber am ziel, in santiago habe ich ihn dann verloren. da war schluss mit dem kontinuierlichen gehen. da gab es wieder ampeln, die den fluss der bewegung störten. städte sind nix für langstreckenwanderer.
When I see you look at me
I’m not sure of anything
All I know is when you smile
I believe in everything
Ein von Georgia gesungenes Gutenachtlied, das gleichzeitig eine Liebeserklärung für ihren Ira ist. Wer danach keine schönen Träume hat, dem kann ich nun wirklich nicht helfen.
(Die Liste aller seit 1. Februar 2010 ausgewählten 364 Stücke ist hier.)
I was driving across the burning desert
When I spotted six jet planes
Leaving six white vapor trails across the bleak terrain
It was the hexagram of the heavens
it was the strings of my guitar
Dieses Lied und das zugehörige Album hörte ich das erste Mal in der Nähe von München am kleinen, aber feinen Pilsensee. So richtig habe ich nie verstanden, was die Leute an Bob Dylan so toll fanden (er war ok), seine Stimme war ein grässliches, unverständliches Krähenkrächzen, seine Melodien entweder simpel oder nicht vorhanden, seine streberhaften Texte aus der Bibel und diversen anderen Quellen zusammengeklaubt. Diese Art von schlaumeierhafter, geheimbündischer Musik – wie auch die literarische Variante bei James Joyce, Arno Schmidt, Thomas Pynchon et al. – war mir immer zu anstrengend und zu weit hergeholt. Man hatte bei ihr auch immer das Gefühl, dass man dem Autoren seine eigenen Elaborate auslegen musste. Bei Joni war das alles viel einfacher und komplexer. Einfacher weil direkter. Komplexer von der Psychologie her; es ging meist wie auch hier um Beziehungen zu dem anderen Geschlecht. Über Joni und dieses Lied will ich jetzt auch gar nichts mehr schreiben, es hat damals ganz alleine ohne Erklärungen Dritter zu mir gesprochen und es war gut so.
(Die Liste aller seit 1. Februar 2010 ausgewählten 362 Stücke ist hier.)
Heute waren wir in Friedrichshain. Sind aus der U1 Warschauer Straße ausgestiegen über die Bahnbrücke, in die Revaler Straße und dann über das ehemalige Gelände des RAW, wo heute das Astra Kulturhaus ist. Außerdem diverse andere Projekte u.a. eine Skatehalle und ein cooles Café. Die Sonne schien als gäbe es kein Morgen. Dann ging es über die schattige Simon-Dach-Straße an einigen Cafés vorbei rechts in die Krossener Straße und zum Boxhagener Platz, wo der Wochenmarkt sich gerade auflöste. Über diverse andere Stationen ging es dann schließlich die Sonntagstraße runter hin zum Lenbachplatz. Auf der langen roten Bank verweilten wir anschließend, hörten die Sechsminutenlieder durch, guckten uns das bunte Treiben an, blinzelten in die Sonne, dösten dahin. Und stiegen schließlich am nahegelegenen Ostkreuz in die S-Bahn gen Hackescher Markt.
(Die Liste aller seit 1. Februar 2010 ausgewählten 360 Stücke ist hier.)
Dort (in Tokio) wurde noch einmal Hokusais legendärer Holzschnitt Die Welle von Kanagawa aus dem Jahre 1832 gezeigt – der Inbegriff dessen, was die Welt für japanische Kunst hält. Und den die Welt seit fast zweihundert Jahren missversteht. Der Westen sah in der „Welle“ immer ein Symbol für die unbeherrschbare Naturgewalt. Die Japaner selbst jedoch sahen weniger die Welle als die winzigen gelben Schifferboote darin – und wie geschmeidig die Ruderer darin die Wellenkämme reiten. Die Welle ist also das Sinnbild dafür, wie gemäß der alten Schinto-Tradition Natur und Mensch im Einklang miteinander Höhen und Tiefen erleben.
(Florian Illies heute in der ZEIT)
Der Eintritt des Reaktorunfalls in Japan ist einerseits ein ungeheures, unvorhersehbares Unglück und andererseits deswegen unglaublich weil es einem klar macht, dass die Japaner anscheinend wirklich anders ticken als wir, dass sie nicht so ein starkes Sicherheitsstreben wie wir haben, dass sie irgendwo den Kamikaze in sich tragen. Wie konnte es dazu kommen, dass dieses relative kleine Land, das zu den dichtbesiedelsten Ländern der Welt zählt, sich so mit Haut und Haaren der Kernkraft ausgeliefert hat? Es gibt dort über 50 Kraftwerke, Fukushima hat glaube ich zehn Reaktoren mit ca. 10 GW, die größten deutschen Atommeiler haben zwei Reaktoren. Und das in einer Weltgegend, wo Erdbeben regelmäßig auftreten. Das Wort Tsunami ist japanisch, wie konnten sie so leichtsinnig sein, ihre KKWs direkt am Meer zu bauen? Wie konnten sie davon ausgehen, dass 8,0 auf der Richterskala nicht übertroffen werden nur weil in der jüngeren Vergangenheit kein Beben wesentlich stärker gewesen war? Das ist wohl ihre pragmatische, aber gleichzeitig ungeheuer leichtfertige Ader. Vorhin habe ich gehört, sie hätten die Pläne für Fukushima einfach von den Amerikanern kopiert und das Kraftwerk überhaupt nicht an die geografischen Gegebenheiten angepasst. Und schlussendlich die Erfahrung von Hiroshima und Nagasaki. Wie kann es sein, dass sich Japan trotzdem mit KKWs zugestellt hat? Sie haben den Strahlentod doch schon tausendfach erlebt. Versteht das einer?
1. Fünfundvierzig Lieder zur Auswahl heute abend aber kein wirklich Herausragendes.
2. Hier wird ein dichter Teppich aus Gitarrenklängen und Frauensprechgesang gewoben. Ein Teppich, der sich ganz langsam bewegt.
3. Der Frauenchorgesang im Hintergrund hier erinnert mich an einen Song der Field Mice, einen ihrer späteren, wo sie ins Mystische, in den Trockeneisnebel der Klubs abgleiten.
4. Da war auch etwas von Pat Metheny, das hätte ich auch nehmen können. Mit einem elektrischen Bass, der sich doch sehr nach Jaco Pastorius anhörte. Ich sehe gerade, es war Jaco. Track 5 von hier.
5. Heute morgen habe ich seit knapp zwanzig Jahren das erste Mal wieder geheult. Ich habe keine Ahnung warum. Ich saß im Wohnzimmer auf meinem Ledersessel, trank meinen Assam, hörte ein paar 5’58er Musikstücke auf dem iPod, ich glaube es lief gerade Porgy in der Interpretation von Bill Evans und ich las über die Begegnung und den Briefwechsel der Tochter von Ponto und der Schwester von Susanne Albrecht. Der jetzt als Buch veröffentlicht wurde, Patentöchter heißt es glaube ich. Besonders auffallend war die Betonung des hellen Lichtes Ende Juli 1977, am Tag des Mordes. Ich habe irgendwie versucht, mich daran zu erinnern, wo ich denn zu dem Zeitpunkt war und ich kam zu dem Schluss, dass ich wohl in England in Margate gewesen bin, mit einem anderen deutschen Schüler in einer englischen Gastfamilie. Und dann plötzlich flossen die Tränen, unmöglich sie zurückzuhalten, ich wollte es auch gar nicht. Es tat gut in dem Moment, war aber auch erschreckend weil ich nicht kapiert habe warum. Das letztes Mal war es wegen einer Frau gewesen, dieses Mal waren es Tränen, um der Tränen willen. Ich glaube ich habe das Weinen so lange aufgeschoben, dass es irgendwann kommen musste, nachdem ich viele Gelegenheiten, in denen ich gute Gründe zu heulen gehabt hätte, verpasst hatte, war dieser unschuldige Moment heute morgen, der aus dem Nichts auftauchte, perfekt. Hoffentlich dauert es jetzt nicht wieder zwanzig Jahre bis zum nächsten Mal.
(Die Liste aller seit 1. Februar 2010 ausgewählten 358 Stücke ist hier.)
Auch über dieses Instrumentalstück habe ich schon mal ein Sätzchen verloren („Gitarrenklänge mit einem unwiderstehlichen Sog“), im Anschluss an das 2007er Konzert von Michael Rother und Dieter Moebius im Frankfurter Sinkkasten. Ansonsten muss ich wie viele andere auch dauernd an Japan denken, wo die Lage aussichtslos scheint. Radioaktivität tritt zunehmend aus, die betroffenen Kraftwerksblöcke scheinen von der Betreibergesellschaft langsam ihrem Schicksal überlassen zu werden. Wenn es keine Kühlung mehr gibt, können die Blöcke eigentlich nur in die Luft fliegen (oder etwa nicht?), es wird Radioaktivität in hoher, lebensgefährlicher Dosis austreten, der Wind wird irgendwann von Norden kommen und der Fallout sich Richtung Tokio bewegen. Über dreißig Millionen Menschen zu evakuieren, was für eine übermenschliche Aufgabe, was für ein unvorstellbares Leid. Wie kann man das noch aufhalten? Man kann wohl nur noch beten, so schlimm scheint es zu stehen. Und beim Hören, Lesen und Sehen der Nachrichten komme ich mir zunehmend wie ein Voyeur vor. Werden wir jetzt live dabei sein, wie sie zu tausenden an Überdosen von Radioaktivität sterben? Was für eine perverse Welt. Wieso macht nur keiner was? Wieso schicken sie da keine Roboter hin, die Brände zu löschen und die Kernbrennstäbe zu kühlen? Stattdessen sehen wir jeden Abend einen alten, matten Mann in grauer Kleidung mit unbewegter Miene im Fernsehen wie er mit einschläfernden Sätzen abwiegelt. Was ist nur mit Japan passiert? War das nicht mal eine der fortschrittlichsten Nationen der Welt? Jetzt wollte ich noch gucken, was Momus zu der japanischen Tragödie schreibt, da muss ich sehen , dass er sein Blog vor einem guten Monat geschlossen hat und seinen letzten Eintrag mit Selbstbeweihräucherung vertändelt.
(Die Liste aller seit 1. Februar 2010 ausgewählten 356 Stücke ist hier.)
In the morning in the winter shade
On the first of March, on the holiday
I thought I saw you breathing
Heute am Sonntag mal wieder sanfte, die Ohren umschmeichelnde Töne. So viel Wohlklang wie bei Sufjan Stevens hat es in der Musik wohl seit dem Barock nicht mehr gegeben. Hier singt er allerdings über den Tod eines an einem Knochentumor leidenden Freundes am 1. März, der wenn er auf einen Montag fällt, in Chicago als Casimir-Pulaski-Tag gefeirt wird. Casimir Pulaski war ein General im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg, der die Engländer mit seiner Kavallerie 1779 bei Charleston besiegte. Sufjan Stevens hat sein Projekt alle fünfzig amerikanischen Staaten mit einem Album zu beehren vorerst nach nur zwei Staaten (Michigan und Illinois) beendet. Man könnte auch hinzufügen: „Und das ist gut so“. Konzeptalben sind ja schon meistens nicht sehr spannend aber ein lebensumspannender Reigen von 50 dieser Teile wäre gleichzeitig langweilig und größenwahnsinnig gewesen. Was Sufjan stattdessen im Moment so macht, weiß ich nicht genau, aber ich habe so das Gefühl, dass nach diesem Pulaskilied nicht mehr sehr viel Erwähnenwertes gekommen ist. Seine Weichspülermusik kann nämlich manchmal auch ganz schön auf die Nerven gehen.
(Die Liste aller seit 1. Februar 2010 ausgewählten 354 Stücke ist hier.)
You and me
On half speed
Wild and free
But quietly
Like we’re supposed to be
Heute abend wieder mal den Soundcheck auf Radio1 – da labern verschiedene Musikkritiker über neue CDs – gehört und er war wie so oft, wenn man mal von der neuen Eleventh Dream Day – einer meiner ersten Blogposts überhaupt war über diese Chicagoer Gitarrenband – absieht, ziemlich grässlich, ich weiß nicht mehr wo sie hin ist die gute Musik, aber im Rundfunk kann man, glaube ich, lange nach ihr suchen. Unglaublich ist bei diesem Kritikergipfel auch, dass die Kritiker die von ihnen ausgewählte Musik meist selber auch nicht mögen. Niete. Niete. Niete. Niete.
Cut.
Heute abend mal wieder ein Stück zum relaxen. Mit meinem geliebten Xylophon. Sehr schön auch der Titel, der die gesamte tragische Geschichte der modernen Arbeitswelt zusammenfasst. Oder so.
(Die Liste aller seit 1. Februar 2010 ausgewählten 352 Stücke ist hier.)
Wieder eine geklaute Schachaufgabe. Weiß zieht und gewinnt. Der schwarze König wird erst einmal verführt, dann über das komplette Brett gejagt und schließlich versetzt ihm sein Counterpart den Todesstoß indem er einfach aus der Schusslinie geht. Man möchte es kaum glauben, dass so etwas in einer realen Partie passiert ist. Der Führer der weißen Steine war hier übrigens Eduard Lasker.
ein bisschen angst macht mir dieser hype um guttenberg schon. niemand konnte mir bisher sagen, was an diesem windbeutel so toll sein soll, aber jede menge leute halten ihn für einen fähigen politiker. das erinnert mich doch ein bisschen an einen gewissen h., dem die deutschen damals auch wie dem rattenfänger von hameln hinterhergelaufen sind. ich sag mal so, wenn der guttenberg je in die hohe politik zurückkommen sollte, dann seh ich für deutschland ziemlich schwarz. nach der art und weise zu urteilen wie der seinen lebenslauf frisiert hat, hat der gute mann übrigens einen riesigen minderheitskomplex. so etwas kann sehr schnell umschlagen in eine allmachtsphantasie. womit wir wieder bei h. wären. jetzt will ich über den lackaffen aber wirklich nichts mehr schreiben müssen.
Das war schon eine ziemlich gute Platte damals, Tutu. Sie hat mich während meines Studiums begleitet und vor allem dieses Stück hatte es mir angetan. Es ist so unglaublich reich, man hat das Gefühl in den knapp sechs Minuten stecken alle Musikstile drin, die man sich vorstellen kann. Neben Jazz und Rock, Zigeunermusik, Funk, Dub Reggae, Anklänge an Techno, moderne, avantgardistische Klassik etc. pp. Und wie das vor Lebensfreude groovt, dieser rumpelnde Bass, diese hallenden Keyboards, dieser kleine (das ist das Adjektiv, das ihn vielleicht am besten in einem Wort beschreibt) Trompetenklang. In diesem Teil steckt das komplette Universum drin. Von der Milchstraße über den Andromedanebel bis zum hintersten schwarzen Loch, da wo die Strahlen unserer Sonne noch nie hingekommen sind. Wer hier seinen Kopf nicht verliert, der hat keinen. Ich übertreibe, dabei hätte es dieses Meisterstück nun wirklich nicht nötig gehabt.
(Die Liste aller seit 1. Februar 2010 ausgewählten 350 Stücke ist hier.)
Wo uns Pharoah – laut dem Heiligen Geist Albert Ayler der Sohn, John Coltrane war der Vater – mitnimmt auf eine Sternenreise durch eine friedliche Galaxie, wo die Vögel zwitschern, der Bass brummt, die Rhythmusglocken erklingen und das Tenorsaxophon die lyrisch-impressionistische Melodie hervorzaubert. Ein Trip in eine sehr entspannte Welt ohne Geschrei und Gelaber, dafür muss man nicht in die Raumkapsel steigen, dafür reichen ein paar gute Ohrhörer.
(Die Liste aller seit 1. Februar 2010 ausgewählten 348 Stücke ist hier.)
if funny looks don’t get you down,
you could get on in this town.
the drivers crawl along the curb.
the thought of walking’s quite absurd,
the dumbest thing I’ve ever heard.
Ein herzerwärmender, melodiegeschwängerter, opulenter Song von Sean O’Hagan und seinen Mannen. Er hat sozusagen den Barock in den Indiepop gebracht. Es geht hier wohl um die Stadt der Engel und auch das passt natürlich perfekt, sonnigere Musik hat es aus dem neblig-regnerischen London wahrscheinlich kaum je gegeben.
(Die Liste aller seit 1. Februar 2010 ausgewählten 346 Stücke ist hier.)
Heute abend um acht im Radialsystem. Mal abstrakt, mal konkret, auf keinen Fall langweilig. Neuer Jazz, manchmal minimal, manchmal meditativ, manchmal melodisch. Wir sind gespannt.
Das erste Lied der Rolling Stones in meiner kleinen Musikauswahl. Tätä. Und dann auch noch eine Ballade. Tätä. Wie ich sie eigentlich hasse. Tätä. Okay, Schluss mit dem Unsinn, ich bin hier an der Spree, weit weg von Rhein und Main. Tja ich glaube das ist mein Lieblingslied der Stones, meine Lieblingsplatte ist Beggar’s Banquet weil sie so schön abgedreht ist – vor allem das Jigsaw Puzzle habe ich bis heute noch nicht entwirrt, aber eigentlich kenn ich die Stones gar nicht richtig. Für die Beatles war ich ja auch zu jung, aber deren Gesamtwerk habe ich mir dann später reingepfiffen während die Stones für mich im Grunde immer nur eine Band waren, die nicht rechtzeitig aufhören konnte und deren Musik – und zwar auch die aus ihrer Jugend – dadurch wie Altherrenmucke klang. Bei dem Lied hier habe ich früher übrigens immer gedacht, dass Mick Jagger von „white horses“ singt, wilde Pferde sind wirklich das Allerletzte, was ich mit dieser sanften, schleppenden Melodie in Zusammenhang bringen würde. Trotzdem oder gerade deswegen ein wunderschönes Liebeslied, das jung und faltenlos geblieben ist im Gegensatz zu seinem Sänger. So betrachtet ist es das Bildnis des Dorian Gray.
(Die Liste aller seit 1. Februar 2010 ausgewählten 344 Stücke ist hier.)
there’s some monster within slipping from sleeping to arise.
and there’s some angels there too down and deep within darkening eyes.
In memoriam von unserem Ex-Verteidigungsminister, der gestern wohl die weiseste Entscheidung seines Lebens getroffen hat. Glückwunsch nachträglich. Drei Zitate ohne Quellenangabe. Sozusagen ein Plagiat mit Ansage. Beim letzten Zitat bin ich mir nicht sicher, ob es nicht auch schon ein Plagiat war. Da kursiert so ein Gerücht in den sozialen Netzwerken, das eigentlich zu schön ist, um wahr zu sein.
About the song:
There is this horn section sample after 2:50 which sounds like an intruder from outer space in the balanced song. For the next two minutes I just wait for this extraterrestrian to come back. And it does.
Von einem, dem die Zeit wie Sand durch die Hände rinnt:
Traum: Auf der Oberfläche der Sonne verursacht eine von der Erde ausgesandte Sonde eine Störung. Zuerst sieht man nur einen kleinen schwarzen Fleck, der sich aber rasch ausbreitet. Schließlich erlischt die Kernfusion auf der Sonne ganz. Im Dunkeln suche ich mit C. nach Kerzen. Aber sinnvoll scheint das nicht. Es kann nur noch Tage oder Stunden dauern, bis die Temperatur auf diesem Planeten für immer bei minus 273 Grad angekommen ist, da helfen Kerzen jetzt auch nicht weiter. Wir resignieren.
Last but not least:
Ich war immer bereit zu kämpfen. Aber ich habe die Grenzen meiner Kräfte erreicht.
(The list of all 343 selections since 1st February 2010 is here.)
Oh, to live on Sugar Mountain
With the barkers and the colored balloons
You can’t be twenty on Sugar Mountain
Though you’re thinking that you’re leaving there too soon
Hier geht es offensichtlich ums Älterwerden. Da gab es diesen Klub in Kanada, in den man nur unter zwanzig reinkam. Inzwischen gibt es Parties in Deutschland speziell für über Vierzigjährige. Die Zeiten haben sich geändert. Früher war man mit zwanzig erwachsener als heute mit vierzig. Unser aller Karl Theo von und zu hat übrigens schon bald den nächsten Schock zu verkraften. Er wird dieses Jahr vierzig. Hier noch etwas mehr zu Sugar Mountain und welches Lied von Joni Mitchell damit etwas zu tun hat.
(Die Liste aller seit 1. Februar 2010 ausgewählten 342 Stücke ist hier.)
She said, money is like us in time,
It lies, but can’t stand up.
Down for you is up.
Dieser Song ist derjenige, der in meinen Ohren das dritte Album der einflussreichen New Yorker Kultband am Besten verdichtet. Der düstere, wilde Walliser John Cale ist weg und Lou besinnt sich auf seine alten Lieben. Hier geht es wohl um ein Mädchen von der Uni in Syracuse mit der Lou mal was hatte, die dann aber einen anderen heiratete. Die Ballade strahlt eine unglaubliche – fast schon beängstigende – Gelassenheit, Ausgeglichenheit und Souveränität aus, ich habe sie vorhin im mit über 250 kmh dahinbrausenden Sprinter gehört und musste die Augen schließen, es ging nicht anders, manche Musik erfordert den ganzen Menschen inklusive aller seiner Sinne. Wie das grandios, geradezu Grand-Canyon-mäßig dahinfließt. Einfach mal einen Gang rausnehmen. Einfach mal nur da sein und genießen. Es lohnt sich. Ohne Schmu.
(Die Liste aller seit 1. Februar 2010 ausgewählten 340 Stücke ist hier.)
Eine relativ unbekannte Berliner Instrumentalband ohne Wiki- aber mit Indiepediaeintrag, die für mich sehr überraschend ein Cover von My Bloody Valentine (Sometimes von Japancakes countryfiziert) und ein spirituelles Stück von Pharoah Sanders (Colors) ausgestochen hat. An irgendwas erinnert mich das hier, es hat anfangs etwas von der Unschuld der Melodien der Montgolfier Brothers und kriegt dann einen Dreh ins Trancehafte. Der Gruppenname ist übrigens im wahrsten Sinne des Wortes ausgeklügelt.
(Die Liste aller seit 1. Februar 2010 ausgewählten 338 Stücke ist hier.)
and when I say
fare thee well
my only friend
oh how the days go
your setting sun
your broken drum
your little drugs
I’ll never forget you
Hier singt Beck, der mit „I’m a loser, why don’t you kill me“, über seinen Freund Elliott Smith, der es schließlich getan hat. Und zwar old school mäßig: Sich selbst das Messer in die Brust gerammt. Das mag jetzt etwas makaber klingen (ich wusste beim ersten Hören nicht, worüber das Lied war), aber ich brauchte etwas Cooles, Relaxendes heute abend. Aufregen ist wirklich das Dümmste, was man so tun kann.
(Die Liste aller seit 1. Februar 2010 ausgewählten 336 Stücke ist hier.)
Gestern waren wir im Cinema International in der Karl-Marx-Allee in der Nähe vom Alex. Es war der Publikumstag – sie sagen auch blödsinnigerweise Kinotag – der Berlinale, wo die Tickets nur die Hälfte kosten und in einem proppevollen großen Saal wurde die Trilogie Dreileben gezeigt, ein Gemeinschaftsprojekt von Christian Petzold, Dominik Graf und Christoph Hochhäusler. Die drei hatten vor ein paar Jahren diverse E-Mails zum Stand des deutschen Kinos ausgetauscht und daraus hatte sich das Projekt entwickelt, drei Filme zu machen, die drei Dinge gemeinsam haben sollten: den Ort, die Zeit und die Tat. Mit der Zeit hat es nicht ganz geklappt, aber davon evtl. später. Ich hatte von den Filmen nicht viel erwartet, die wenigen Kritiken, die ich dazu im Vorfeld gelesen hatte, waren eher zurückhaltend gewesen. Aber das war ein idealer Ausgangspunkt.
Der erste Film war Etwas Besseres als den Tod von Christian Petzold. Sehr ruhig, sich langsam vorwärtsbewegend mit viel Wald, viel Krankenhaus und vielen sehr nahen Gesichtsaufnahmen. Johannes, Zivi in einer Klinik irgendwo am Arsch der Welt, der hier zufälligerweise im Thüringer Wald liegt, verliebt sich in Ana, ein bosnisches Zimmermädchen – politically correct room-maid – in einem nahegelegen Sporthotel. Und es ist eine schöne, sachte Liebesgeschichte. Sie ist diejenige, die anfängt, er reagiert und scheint am Anfang völlig chancenlos zu sein. Sie ist die Powerfrau, er derjenige, der um sie kämpfen muss und dann schließlich bei ihr landet. Das ändert sich dann später wieder, aber nicht wirklich. Ein Lied spielt hier eine Rolle, ein ziemlich abgenudeltes, aber immerhin. Johannes tanzt engumschlungen mit Ana und übersetzt es für sie ins Deutsche. Und es geht ums Weinen von Flüssen in diesem Lied.
Der nächste Film war Komm mir nicht nach von Dominik Graf. Ein ziemlicher Schock nach dem eher – im positiven Sinne – langatmigen Petzoldwerk. Es wird viel geredet, viel genuschelt, die Aufnahmemikros stehen nicht immer da, wo sie die Stimmen so aufnehmen, dass der Zuhörer sie verstehen kann. Dominik Graf und sein Actionkino eben, oder sagt man Genrekino? Er versucht zwanghaft realistisch und lakonisch zu sein, aber es ist oft nur hingerotzt. In diesem Streifen ist die Polizeipsychologin die Hauptfigur. Sie schläft bei einer Freundin von früher – da das Hotel, in dem sie ein Zimmer reserviert hat, doch voll ist – und lernt ihren neuen Mann und eine gemeinsame bis dahin unbekannte Liebesgeschichte aus der Vergangenheit kennen (diesbezüglich intrigieren die beiden Weiber dann ausgiebig nachträglich). Die Schauspielerin, die Vera spielt, (Susanne Wolff) die Freundin, die mit einem Typen zusammmenlebt, der dicke Krimischwarten schreibt, die kein Mensch außer ihm selber kauft, ein Stephen King für Arme – hat mich vom Gesicht her unglaublich an Emmanuelle Béart erinnert. Nur interessanter. Was soll man noch sagen zu dem Film? Die Polizei wird als korrupt dargestellt. So richtig hat mich das nicht überzeugt, das ist mal wieder typisch Dominik Graf, der immer alles übertreibt. Hat der eigentlich schon mal einen Tatort gedreht? Er wäre der ideale Regisseur dafür. Es ist eigentlich immer zu dick aufgetragen, zu überfrachtet bei ihm, mach mal halblang, cool down, das Leben ist nicht so, möchte man ihm zurufen. Aber eins ist klar, wenn der Film im September im Fernsehen ausgestrahlt wird, dann muss ich ihn unbedingt nochmal sehen, denn ich habe die Hoffnung, einige Dialoge und Witze, die ich beim ersten Hören nicht verstanden habe, doch noch zu verstehen.
Der dritte Film war Eine Minute Dunkel von Christoph Hochhäusler und ich habe ihn von Anfang an nicht gemocht. Er konzentriert sich auf Molesch, den ausgebuchsten Mörder. Er flüchtet in einem Wäschesack aus der Klinik, wo er im Totenzimmer seine Mutter besuchen durfte. Dort sieht er auch Johannes, den Zivi aus Teil 1. Die Filme verschränken sich alle untereinander, blicken aufeinander, aber immer nur zwei nie alle drei gleichzeitig. In diesem Fluchtdrama geht es auch um die ziemlich unfähige Polizei, bis auf einen krankgeschriebenen Kriminalisten, der columbomäßig den Fall aufrollt und stringente Schlüsse zieht. Das Ende haben wir leider nicht mehr gesehen, C. musste ihren Flieger kriegen. Wir haben außerdem wahrscheinlich einen oder mehrere der Regisseure verpasst, gelohnt hat es sich trotzdem.
Mit Ursula 1000 ist Ursula Andress gemeint, das sexy Schweizer Bond Girl aus Dr. No. Hinter dem Namen verbirgt sich ein Brooklyner DJ; dieses Stück von ihm hat wohl nicht ganz die hippe Länge, schätze mal es ist ein abgebrochener Download. Heute war übrigens eine ganze Menge los im Büro, ungewöhnlich für einen Freitag. Und es gab gebratenen Red Snapper in der Kantine, einen meiner Lieblingsfische, den wir an der zypriotischen Südküste mal vor Jahren gegrillt gegessen hatten. Einige hundert Meter im Meer waren große Fischfarmen mit dieser Spezies. Wir hören jetzt die CD von James Blake, meine erste von 2001 2011 und ich gewöhne mich so langsam an die strangen Elektro- und Vokalspielereien.
(Die Liste aller seit 1. Februar 2010 ausgewählten 333 Stücke ist hier.)
First of all I have to offer an excuse to my English speaking readers that this will be another post in German as the choice of this track would not make any sense in your language.
Die anderen muss ich leider auch enttäuschen. Was das hier sein soll, das müsst ihr schon selber rauskriegen. Das absolute Gehör ist hier hilfreich oder der Hinweis, dass da der Name eines großen deutschen Komponisten sehr buchstäblich genommen wurde. War wohl auch eine beliebte Frage in Musikprüfungen, auf die viele Kandidaten nicht vorbereitet waren (Spielen Sie doch mal [hier den Namen des Komponisten einsetzen]!). In einer stressigen Prüfsituation versteht man so einen kleinen Scherz nicht unbedingt. Interessant ist hier außerdem das Kreuzmotiv, der fragliche Komponist war ziemlich christlich und seine Musik wird heute noch ausgiebig in vielen Kirchen in der ganzen Welt gespielt. Wer war’s?
(Die Liste aller seit 1. Februar 2010 ausgewählten 331 Stücke ist hier.)
Ich hatte es ja schon erwähnt, einen Fünfsekundentrack habe ich auf meinem iPod nicht gefunden. Da aus dem zahlreichen Publikum leider auch keine Vorschläge gekommen sind, musste ich improvisieren. Ihr werdet es nicht glauben, aber diese Aufnahme ist diejenige, die mir bisher am meisten Arbeit gemacht hat. Nicht nur, dass ich eine kurze Reise in die falsche Richtung angetreten habe heute abend und Probleme mit der Feldaufnahme hatte. Noch viel schwieriger war die Umwandlung des Videos in einen reinen Soundclip. Schlussendlich habe ich es hingekriegt und kann euch nun eine Aufnahme mit Lokalkolorit präsentieren. Ich bin mir nicht hundertprozentig sicher, aber ich glaube, diese Tonfolge hat wie das Ampelmännchen und der grüne Pfeil ihren Ursprung in dem Teil Deutschlands, der von dem anderen eingemeindet wurde. Schon interessant, dass alle diese drei Innovationen aus dem Verkehrsbereich stammen. Vier Fragen am Ende. Wieviele Töne sind das? Wann wird diese Fanfare abgespielt? Was kam danach? Wo war ich genau?
(Die Liste aller seit 1. Februar 2010 ausgewählten 330 Stücke ist hier.)
Dieses Mini-Instrumental von dem Japaner Tori Kudo und seiner Band, deren hebräischer Name (aus dem Buch Jesaja) wörtlich übersetzt angeblich so viel bedeutet wie „Sei schnell, wenn du etwas stiehlst!“ heißt laut dem ID3-Tag „Feren on the Scope“. Da hat wohl mal wieder der Fehlerteufel zugeschlagen, der vielleicht das wichtigste Bandmitglied von Maher Shalal Hash Baz ist.
(Die Liste aller seit 1. Februar 2010 ausgewählten 329 Stücke ist hier.)
I’s a muggin‘, boom bada yada
Bom ba doo boo, we boopa dooboop
I’s a muggin‘
Eine weitere Vokaleinlage von Mingus, das voller dieser kurzen Intermezzi ist. Hier singen Mingus & Mitchell im Duo. Man nennt diese Form von Gesang von semantisch sinnlosen Silbenfolgen, der Instrumentalphrasen nachahmt, Scat. Der Titel ist allerdings übersetzbar. „Ich ist ein Überfall“. Why not? Ist unser Herauskrabbeln aus dem Bauch unserer Mütter etwa keine plötzliche Invasion in diese Welt? Rimbaud ist ja damals auch mit dem Satz „Je est un autre.“ („Ich ist ein anderer“) durchgekommen. Oder sollte es eigentlich „Is a muggin'“ bzw. „It’s a muggin'“ oder sogar „Ice a muggin'“ (Eisanschlag) heißen? Da gibt es noch jede Menge Interpretationsmöglichkeiten. Charles können wir nicht mehr fragen und ob Joni es noch weiß bzw. je gewusst hat?
(Die Liste aller seit 1. Februar 2010 ausgewählten 327 Stücke ist hier.)
Danket dem Herrn, denn er ist freundlich; denn seine Güte währet ewig.
Das ist der erste Vers von Psalm 136; alle 26 Verse hören mit demselben Halbsatz auf. Es wird in diesem Psalm die Geschichte des Volkes Israel erzählt, von der Schaffung des Himmels, der Erde und der Sonne über den Auszug aus Ägypten, das Platz machende Schilfmeer, den Gang des Volkes durch die Wüste, das Erwürgen diverser – ich nehme mal an feindlicher – Könige usw. Für all das wird Gott in diesem Psalm gedankt. Ich danke nun auch mal meiner treuen Leserschaft, die bis jetzt durchgehalten hat, denn der Countdown hat nun wirklich begonnen. In zehn Sekunden bzw. Tagen ist alles vorbei. Was danach kommt, ihr werdet es hoffentlich lesen und hören.
(Die Liste aller seit 1. Februar 2010 ausgewählten 325 Stücke ist hier.)
Es geht jetzt diesem Projekt nicht nur so langsam die Zeit aus und es nähert sich seinem Ende. Mir gehen inzwischen auch die Worte aus; was soll ich zu dieser Aufnahme, die mit Musik nun wirklich kaum noch etwas zu tun hat, nur schreiben? Ich habe sie einem Adagio aus dem 3. Brandenburgischen Konzert vorgezogen. Manchmal ertrage ich Wohlklang einfach nicht ohne dass es dafür jetzt einen ersichtlichen Grund geben würde.
(Die Liste aller seit 1. Februar 2010 ausgewählten 321 Stücke ist hier.)
Ganz schwere Wahl heute abend, ich war hin- und hergerissen zwischen der Intro zu einem My Bloody Valentine Reunion Konzert von vor ein paar Jahren, wo das Pblikum die aus den Lautsprechern schallende psychedelische Beatleshymne I’m the Walrus mitgrölte und einem weiteren abgebrochenen Stück von Richard Buckner, dessen Stimme ich wirklich liebe, wahrscheinlich weil sie gleichzeitig maskulin und melancholisch ist und diesem vierstimmigen Kanon hier. Am Ende hat mal wieder Deutschland gewonnen. Bach vor dem amerikanischen Buckner und vor den britischen Beatles.
Wie der Chor hier mit Inbrunst das Todesurteil von Jesus besiegelt, das finde ich ziemlich unglaublich und fast schon erschreckend. Wieso lässt Bach den Chor in diesem Kanon so stark jubilieren? Soll das eine Art von Realismus sein, um das damalige aufgepeitschte Volk darzustellen, dass in Massenhysterie Jesus Tod fordert? Oder wird hier nicht vielmehr der Geburtsmoment des Christentums gefeiert? In dem Zusammenhang könnte man auf den Gedanken verfallen, ob es nicht besser gewesen wäre, wenn Jesus damals nicht zum Märtyrer geworden wäre. Dann wären der Welt die Kreuzzüge, die Inquisition und der Kindesmissbrauch der Priester erspart geblieben. Gotische Kathedralen, der Jakobsweg und die Musik von Bach aber auch.
In dubio pro reo.
(Die Liste aller 313 seit dem 1. Februar 2010 ausgewählten Stücke ist hier.)
Viel weiß ich von diesem Track nicht. Weder die Sängerin noch den Titel noch das Jahr der Aufnahme. Das Lied habe ich schon mal gehört, ich weiß nur nicht mehr wo. Heute morgen habe ich auf dem rbb Inforadio minimalistische Klaviermusik irgendwo zwischen Klassik und Jazz gehört, die mir auch sehr gefallen hat, von der ich aber auch so ziemlich alles vergessen habe. Es war eine Pianistin, Name Kluge oder so ähnlich, Titel des Albums Infinitum oder so ähnlich. Außer ihr spielten ein Saxophonist und ein Schlagzeuger auf dem Album, das gerade rausgekommen ist. Anyone?
(Die Liste aller 312 seit dem 1. Februar 2010 ausgewählten Stücke ist hier.)
Maureen’s got five sisters
They all got ass
One of them has eyes as big as Jolly Ranchers
Beautiful girl
Das hier könnte man einen hot chill nennen. Hat jedenfalls Groove und coole Lässigkeit in spades. Jolly Ranchers sind amerikanische Bonbons aus Colorado. File under useless knowledge.
(Die Liste aller 311 seit dem 1. Februar 2010 ausgewählten Stücke ist hier.)
Die Auswahl war heute sehr übersichtlich, nochmal was von den Faust Tapes und zwei Stücklein von Maher Shalal Baz, nichts wirklich Umwerfendes. Auch dieser Bachchoral reißt mich nicht gerade vom Hocker. Die Titelfrage – und damit der gesungene Text – ist allerdings gelinde gesagt etwas bizarr. Sie wird in der Passion von den Jüngern an Jesus gestellt. Es kann sich hier eigentlich nur um das Passahfest handeln und nicht um Ostern. Denn Ostern gibt es ja erst durch Jesus Auferstehung, also nach seinem Tod. Obwohl, im Christentum ist alles möglich, wenn Jungfrauen Kinder kriegen können, wieso sollte nicht auch Jesus in eine Zeitmaschine in die Zukunft steigen können und ein Fest feiern, dass es erst nach seinem eigenen Tod gibt? Das sollte eigentlich eine Kleinigkeit für ihn sein, denn er ist ja immerhin Gottes Sohn. Ansonsten fällt mir hierzu eigentlich nur noch eins ein: The beat must go on!
(Die Liste aller 310 seit dem 1. Februar 2010 ausgewählten Stücke ist hier.)
Endlich mal eine Kölner Band nach all den Düsseldorfer Gruppen. Ich glaube schon, dass man sagen kann, dass dies die wichtigste Formation aus der Karnevalhauptstadt ist, die mit Karneval aber normalerweise eher weniger zu tun hat. Hier spielen sie allerdings lustig ein bisschen freestylemäßig vor sich hin. Aus denen hätte auch eine große Freejazzkapelle werden können. Es kam dann ein bisschen anders aber nicht viel. Irgendwie muss ich jetzt die Kurve kriegen zu einem schwerwiegenden Problem, das sich in meinem Musikcountdown abzeichnet. Da gibt es ein Loch zu stopfen und ich verspreche mir in dem Zusammenhang viel von meiner kompetenten und musikalisch gut ausgestatteten Leserschaft. Ich habe bis jetzt keinen Fünfsekundentrack (in Ziffern 5). Geht da was? Wenn ja, die mp3 bitte an alex63ANbigfootPUNKTcom schicken oder mir sagen, wo ich sie im Internetz finden kann. Jute Nacht allerseits.
(Die Liste aller 309 seit dem 1. Februar 2010 ausgewählten Stücke ist hier.)
„All Men Are Evil Except My Boyfriend“
Said the sound of the spectacle
I read it in a fanzine
Bikini Kill war eine Frauenband aus Olympia, Washington, die die feministische Bewegung der Riots Girls mit anführte. Sie haben damals in den frühen Neunzigern ziemlichen Lärm gemacht und ganz schön rumgeschrien. Hier eines ihrer späteren, kürzeren Stücke, mit achtundzwanzig Sekunden finde ich es trotzdem nicht eine Sekunde zu kurz.
(Die Liste aller 307 seit dem 1. Februar 2010 ausgewählten Stücke ist hier.)
I want a boy for my birthday
That’s what I’ve been dreaming of
I won’t have a happy birthday
Without a boy to love
Tschuldigung für die schlechte Qualität dieses unvollständigen Liedes. Es ist soweit ich weiß die älteste erhaltene Aufnahme der Smiths, sie covern eine amerikanische R&B Mädchenband der 50er und 60er. Den Liedtext trägt Morrissey mit hoher Überzeugungskraft vor, selbst in der grottenschlechten Qualität hört man doch auch schon hier – zumindest ging es mir so mit dem iPod – die einzigartige Magie des Smiths-Sounds. Ich hatte vorhin in der U-Bahn jedenfalls eine Gänsehaut über die knappe halbe Minute, bevor das Lied abbrach. Das Aufnahmejahr 1982 ist außerdem ein Jahr, in dem mein Leben eine interessante Wendung nahm, von der ich, wenn ich ehrlich bin, noch heute zehre. Und 1963, na ja, da schweigt des Sängers Höflichkeit oder wie es nochmal heißt.
(Die Liste aller 306 seit dem 1. Februar 2010 ausgewählten Stücke ist hier.)
***
Wir haben heute übrigens den allerschlimmsten, banalsten, überflüssigsten Film von Rudolf Thome überhaupt gesehen. Schon die letzten Machwerke waren ja nicht sehr toll – beim Letzten von 2006 pennte lustigerweise Thome himself über die längste Zeit der Vorpremiere in der Sachsenhausener Harmonie, der wir beiwohnten. Das rote Zimmer ist eine Altherrenphantasie über einen Mann der mit zwei Frauen rummacht, die auch miteinander rummachen. Es wird viel geküsst, die Frauen dürfen sich ausziehen, der Mann natürlich nicht, und die Dialoge sind wieder mal an der Grenze der Debilität, hölzern und unlustig und ohne Charme. Der Film zog sich außerdem ewig in die Länge, die Einstellungen wollten nicht aufhören, es war eine Qual. Das war nun endgültig der letzte Thome, den ich mir in diesem Leben angetan habe.
Die Dissidenten habe ich in den frühen Neunzigern mal im Tempodrom gesehen. Eine Band, die ich immer bewundert habe weil sie Musik und Reisen auf eine perfekte Art und Weise vereinigt hat. Bis heute kenne ich kaum eine Gruppe, die östliche und westliche Musik so überzeugend fusioniert hat. Die Négresses Vertes haben später etwas ähnliches versucht, aber die Volksmusik, auf die sie sich bezogen haben, war nicht ganz so exotisch, eher aus dem mediterranen Raum (z.B. algerischer Raï). Embryo, aus denen die Dissidenten dissidiert sind, habe ich übrigens auch mal gesehen. Ganz am Anfang meines Studiums in München im Winter 1984. Sehr viel Getrommel in einem kleinen Klub. Da fehlte ein bisschen der sex appeal, den die Dissidenten dann später hatten.
(Die Liste aller 305 seit dem 1. Februar 2010 ausgewählten Stücke ist hier.)
Du hast mir nichts als Pech gebracht
Du hast mich nur belogen
Du hast mich lächerlich gemacht
Mein Konto überzogen
(Du) Du nervst noch mehr als Yoko Ono
Du gehst mir ewig auf den Sack
(Du) Du haust nicht ab aus meiner Wohnung
(Du) Hast einen beschissenen Musikgeschmack
Heute habe ich ein bisschen gefudelt mit dem Lied. Ursprünglich wäre laut iPod der Choral Gegrüßest seist Du Judenkönig aus der Bachschen Matthäuspassion vorgesehen gewesen. Aber in der Zwischenzeit machte eine Kollegin den Vorschlag, eine Kurznummer einer Berliner Band in Erwägung zu ziehen und sie hat mir doch tatsächlich gefallen. Gehässig zu sein gegenüber John Lennon’s Geliebter, Muse und Ersatzmutter ist zwar eher billig um nicht zu sagen wohlfeil, aber in gerade mal einer halben Minute einen kompletten, schmissigen Punksong hinzukriegen, ist schon eine Kunst. Danke, liebe I. für die Entdeckung und die Bereicherung meines iPods um eine recht solide Band und ein ziemlich geniales Lied. Richtig geschummelt habe ich allerdings bei der Zeitnahme. Das Stück wird mit 31 Sekunden angegeben, es war in Wirklichkeit 33 Sekunden lang und ich habe es um eine Sekunde Pause am Ende gekürzt auf 32 Sekunden weil ich von Bach eh schon genug ausgewählt habe.
(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 303 Stücke ist hier)
Und weiter geht es mit Klassik, wie gestern aus dem 20. Jahrhundert, heute allerdings wirklich modern oder was man vor 65 Jahren dafür hielt. Einer meiner Lieblingsnachwuchspianisten, den ich gerade erst wieder lobend erwähnt habe, spielt hier aus der allerersten Komposition des damals kaum zwanzigjährigen Pierre Boulez, der kurz zuvor Schüler von Messiaen war. Es ist ein Stück, um sich die Ohren mal kurz durchzupusten, Stockhausen und die serielle Musik lassen grüßen. David Fray hat ja interessanterweise auf seiner zweiten CD-Einspielung Boulez einem anderen großen Komponisten gegenübergestellt, der zu seiner Zeit auch vorderste Avantgarde war, nämlich Johann Sebastian Bach.
(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 302 Stücke ist hier)
So viel Klassik hatte ich ja hier noch nicht und klassischen Gesang noch weniger. Und von Orff noch gar nix. Außerdem wird hier geradezu guinnessbuchrekordverdächtig hoch gesungen. Muss ins Blog.
(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 301 Stücke ist hier).
Der Soundtrack zu dem Film, in dem die Killerbienen die Weltherrschaft übernehmen. Ist glücklicherweise schon nach kaum mehr als einer halben Minute wieder zu Ende.
(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 300 Stücke ist hier).
Here’s a song to begin the beginning
a few notes which are arbitrary
but we try our best to make it sound nice
and hope that the music turns you on to our latest L.P.
it should be a laugh certainly
Das erste Mal habe ich Hatfield & the North auf dem Zündfunk gehört, so etwa um 1986, als da noch Till Obermaier und Carl-Ludwig Reichert das Programm bestimmten, von der jüngeren Generation stieß gerade Karl Bruckmaier dazu. Es war Musik von dem Album The Rotter’s Club und sie hat mich sofort bezaubert. Zum einen die Stimme des Sängers, die etwas sehr heimeliges und vertrauenerweckendes hat, sodann der relativ gelassene, gut abgehangene Folkrock dieser Supergroup der Canterbury Scene.
(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 299 Stücke ist hier).
And, so All-Cure-&-Comfort:
Where’s the bed I called you for?
From the futon on the floor
to your backroom (twice-refused),
Ein weiterer abgebrochener Download; der amerikanische Songwriter Richard Buckner mit der sonoren Stimme kommt gerade noch dazu, etwas von einem Futon auf dem Boden zu singen, von dem aus er nach einem Bett gerufen hat. Zu RB weiß ich nix außer, dass er eine gleichzeitig unheimlich traurige und vertraute Stimme hat. Ich habe mir mal eine CD von ihm gekauft, und habe sie auch mehrmals angehört und gemocht, habe seine Karriere aber nie weiterverfolgt. Das war glaube ich ein Fehler, wenn ich mir diesen gloriosen Torso so anhöre…
(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 298 Stücke ist hier).
Viele Behörden sind überfordert mit der Eintreibung der Außenstände: Im vergangenen Jahr wurde nur ein Drittel der Bußgelder bezahlt. Die Finanzverwaltung erwägt den Einsatz einer privaten Inkassofirma. (q)
Ich habe da eine Superidee liebe Leute. Ab sofort gibt es hier nur noch Posts mit höchstens so vielen Wörtern wie es bisher Hits gegeben hat am Tag. Also let’s get started:
Der Tausendsassa Mike Patton und seine Zweitband schaffen es in 38 Sekunden mehr Musikstile zu spielen als andere in ihrem ganzen Leben.
Tja Pech für euch, hättet ihr mal etwas fleißiger geklickt.
(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 297 Stücke ist hier).
Ich erinner mich an ein Ragakonzert in Amsterdam 1982, das ich mit meinen Eltern besucht habe. Und sie haben die ganze Zeit gefragt, wann es denn endlich losginge, wann die denn endlich mit dem Stimmen der Instrumente fertig sein würden. Natürlich hatten sie da schon lange mit der Musik angefangen. Bei Faust geht das flotter, neununddreißig Sekunden und der Riesenvorteil ist, dass da nicht alle gleichzeitig losspielen und eine Riesenkakophonie erzeugen sondern, dass einer brav nach dem andern spielt. Im Grunde eigentlich immer nur einen Ton. Und am Ende ein unharmonisches Getröte. Monochromatik kann ganz schön sexy spannend sein.
(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 296 Stücke ist hier).
I wouldn’t walk away from you
Even if you asked me to
As all the leaves must turn brown
So trampled, we must all be found
Das Guillemot (dt. Trottellumme) ist eine entenartige Vogelart, deren einziger mitteleuropäischer Brutort Helgoland ist. Die gleichnamige Band kommt aus Birmingham und spielt feingliedrig-zarten, melodischen Indiepop. Man könnte auf den Gedanken verfallen, sie mit Coldplay zu vergleichen. Im Gegensatz zu den Londoner Ohrweichspülern haben die Guillemots allerdings einen exquisiten Bandnamen und machen ebenso erlesene Musik der harmonisch-wehmütigen Art.
(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 295 Stücke ist hier).
Die erste Goldberg-Variation, die einleitende Aria und die dreizehnte hatten wir schon in diesem Programm. Hier wird nach der eher getragenen, sehr erhabenen Aria so richtig auf die Tube gedrückt, bin nicht sicher, ob jemand diese Variation schon mal schneller als der junge Gould 1955 gespielt hat, er selber hat jedenfalls 1981 sechsundzwanzig Sekunden – eine pro Jahr – länger gebraucht. Das mit einer hohen Virtuosität und Exzentrik gekoppelte Tempo ist nicht alles, sicherlich, aber es hat mir Bach und vor allem die Goldberg-Variationen näher gebracht. Das war sozusagen die Punkfassung von ihnen, betuliche, langsamere Einspielungen hätten mich nie derartig umgehauen. Wahrscheinlich würde ich, wenn ich nur eine Platte auf die sprichwörtliche Insel mitnehmen dürfte, diese nehmen. Ich bin ja eher Agnostiker, aber wenn ich die Worthülse göttlich mit Bedeutung füllen müsste, dann würde mir so ziemlich als erstes diese Musik hier einfallen, sie hat eine Aura, sie ist dicht und fragil, sie ist heilig.
(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 290 Stücke ist hier).
i’m a person just like you
but i’ve got better things to do
then sit around and fuck my head
hang out with the living dead
snort white shit up my nose
pass out at the shows
i don’t even think about speed
that’s something i just don’t need
i’ve got straight edge
i’m a person just like you
but i’ve got better things to do
then sit around and smoke dope
cause i know that i can cope
laugh at the thought of eating ludes
laugh at the thought of sniffing glue
always gonna keep in touch
never want to use a crutch
i’ve got straight edge (x4)
Es ist ziemlich unglaublich, was Ian MacKaye, der Leadsänger von Minor Threat und später von Fugazi da in 46 Sekunden alles verbal an Text raushaut. Insbesondere, wenn man berücksichtigt, dass da auch noch eine relativ lange Gesangspause zwischen den Strophen mit drin ist. Dieser Song der Band aus Washington, D.C. hat immerhin – wenn auch wohl ungewollt – eine Abstinenzbewegung ins Leben gerufen; in der damaligen Hardcoreszene ging es darum straight zu sein, keine Drogen – und zwar auch keine soften – zu nehmen. Das war auch eine Gegenreaktion auf den vorher vor allem durch Exzesse ins mediale Rampenlicht gerückten Punk. Dieser Hintergrund war mir bei der Auswahl absolut nicht bewusst, der Song hat mich auch so durch seine Stringenz und Schnörkellosigleit sofort für sich eingenommen.
(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 289 Stücke ist hier).
Mein in der Straße stehendes Auto ist eingeschneit. Vorne und links. Der Schnee ist vereist. Heute allerdings ein bisschen angetaut. Vorhin hätte ich die Möglichkeit gehabt, den Wagen eine Parkposition nach hinten zu bewegen da der hintere Parknachbar eine Abendspritztour unternommen hat. Ich habe zwar die Scheibe und die Fahrertür freigemacht, die man wegen des Schneebergs nicht mehr öffnen konnte, habe aber den Wagen am Ende doch nicht bewegt. Er kann ruhig noch ein bisschen länger Winterschlaf halten. Ich brauche ihn gerade nicht unbedingt und wieso sollte ich das geringe Parkplatzangebot in Berlin noch weiter verknappen? Denn der jetzige Platz ist bis auf weiteres nicht zu benützen, da die Schneemassen immer noch 30 bis 40 cm hoch sind, die ihn umrahmen. Achso die Musik hätte ich heute fast vergessen. Eher locker-lässig zum abhängen. Aus Austin, Texas. Bei dem Drumsound muss ich an Schneebesen denken, warum nur?
(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 288 Stücke ist hier).
Die Deutschen ähneln Elefanten. Auf den ersten Blick wirken sie grob und wild, doch sobald man sie gestreichelt hat und ihnen schmeichelt, werden sie sanftmütig. Dann braucht man nur noch die Hand auf ihren Rüssel zu legen, und sie lassen einen willig auf ihren Rücken klettern.
[Voyage en Allemagne, Montesquieu, laut der Zeit noch nicht vollständig publiziert]
Die Band, die sich nach der Länge bzw. treffender Kürze ihrer meisten Songs benannt hat, ist mir nur deswegen unter die Ohren gekommen weil sie in Rockmusikkritikerkreisen ein recht hohes Ansehen genießt. Im Spin Alternative Record Guide von 1995 wurde ihr Album Double Nickels on the Dime – von dem auch dieses Stücklein ist – als eine der wichtigsten Scheiben der alternativen Musik bezeichnet. Ich muss sagen, dass mich ihre recht elementare nahezu melodielose, mittelschnelle Gitarrenmusik nicht besonders beeindruckt hat. Sie sind eine der Gruppen, die ich weder besonders mag, noch besonders nervig finde. Bei dieser Nummer spielen sie allerdings etwas anders als sonst; es scheint mir, dass das kalifornische Trio hier konzentrierter bei der Sache ist. Ein toughes Stück einer bei dieser Einspielung sehr tighten Band. Sie können hier auch nicht verbergen, dass sie von einem gewissen Don Van Vliet, der uns vor wenigen Tagen endgültig verlassen hat, schon mal den ein oder anderen Track gehört haben. Und wo sich die Jon Spencer Blues Explosion hat inspirieren lassen, um dann noch einen Scheit draufzulegen auf das Lagerfeuer des schweißtreibenden, frei schwingenden Bluesrocks, ist nun auch klar.
(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 287 Stücke ist hier).
Ein kurzer Punksong von einer australischen Band soll mein Weihnachtsgruß sein. Lasst es euch allen gut gehen, esst viel, trinkt viel, genießt den Schnee und ganz wichtig vergesst nicht, gute Musik zu hören!
(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 285 Stücke ist hier).
Unglaublich, ich habe bis jetzt noch keinen Song von Curtis Mayfield ausgewählt (ich glaube, überhaupt noch keinen Soul). Das geht natürlich überhaupt nicht. Wobei diese paar Sekunden, wo er ein bisschen live vor sich hin rappt natürlich absolut nicht ausreichen, aber allein schon, wenn ich seine Stimme höre, dann geht zwischen meinen Ohren die Sonne auf. Auf dass es uns jetzt allen von innen ein ganz wenig wärmer wird, in diesem sehr winterlichen deutschen Winter.
(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 284 Stücke ist hier.)
Die 1973 auf Virgin erschienen Faust Tapes haben Faust in Großbritannien bekannt gemacht, das Album wurde damals zum Preis einer Single, also 49p, verscherbelt. Die Auflage erreichte angeblich (bis heute?) 100.000. 15 der 26 Tracks auf dem CD-Rerelease haben keinen Titel (auf der LP waren gar keine Titel angegeben). Hieran sieht man schon, dass die Stücke auf dieser Platte eigentlich nicht für eine Veröffentlichung gedacht waren. Heutzutage wird das Album allerdings als eines der wichtigsten der Band angesehen, es hört sich an wie direkt aus dem Probenraum, recht sperrig und improvisiert. C. hat dieses Klavierstück ausgewählt (ich hätte einen Hardcoresong von den Angry Samoans bevorzugt). Der Pianoton bebt und zittert so seltsam; da wurde wohl kräftig mit dem Hall nachgeholfen.
(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 283 Stücke ist hier)
Keine Lautensuite, keine Goldberg-Variation, nichts aus einer Passion, mal was anderes von Jo Seb. Martin Stadtfeld, den zeitgenössischen Pianisten, hatte ich auch noch nicht. Hier spielt er in einem unglaublichen Tempo sehr virtuos eine kurze Invention. Man wartet die ganze Zeit darauf, dass er sich doch jetzt bitteschön mal ein bisschen vergreift, eine minimale Dissonanz erzeugt – bei Gould in der ersten Einspielung der Gouldberg-Variationen gibt es mindestens eine unsaubere Stelle – aber nichts dergleichen passiert, alles fehlerfrei. Perfektion muss auch mal sein.
(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 282 Stücke ist hier)
Tanzmusik für den Freitag abend. Die Boards of Canada haben am Anfang ihrer Karriere offensichtlich auch eher rhythmisch orientierte Synthie-Musik der eher simplen Strickart gemacht. Die Basslinie hier ist ganz schön fett. Dies hört sich sehr nach einem Track an, den man schon mal irgendwo gehört hat. Auch außerhalb von Clubs.
(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 281 Stücke ist hier)
Wieder slow motion, wieder sehr gut passend zum Schnee, der heute abend wieder auf Berlin hinabfiel, sehr trocken und pulvrig, für übermütig-spaßige Aktionen wie Schneeballschlachten völlig ungeeignet. Es war Wichteln mit den Kollegen angesagt und zwar in einem alpenländischen Restaurant in Kreuzberg. Wir hatten eigentlich die Vorgabe von fünf Euro pro Geschenk gehabt aber ich war, glaube ich, der Einzige, der dieses Limit eingehalten hat. Dementsprechend verhalten fiel dann auch die Reaktion der Beschenkten aus. Blöde Ausrede, ich weiß auch mit zehn oder zwanzig Euronen wäre mir das Geschenkkaufen kein bisschen leichter gefallen, eher schwerer da die Auswahl tendenziell größer wird. War auf jeden Fall ein netter Abend und wir stapften dann noch in trauter Eintracht durch den Schnee zur U-Bahnstation Gneisenaustraße, die Mädels fuhren alle nach Osten, die Jungens gen Westen. In diesem Moment setzt die obige wehmütige Weise an. Die Melodie erst von einem höheren Blasinstrument (Klarinette?) dann von einem tieferen (Tuba?) und schlussendlich von einem Saiteninstrument, wohl einer Gitarre gespielt. Janz schee traurisch.
(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 280 Stücke ist hier)
Das ist die Musik zu diesem Winter. Die Geräusche sind durch die frische Schneeschicht gedämpft, der Auftritt der Füße auf den Boden ist weniger hart. Und wenn man dann zuhause ankommt im Warmen, ist das Licht gedimmt und es macht sich eine wohlige Wärme breit in einem nachdem man seinen Minztee geschlürft hat. Das Wort cosy wurde für dieses Setting erfunden.
(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 279 Stücke ist hier.)
Das bei weitem nicht stärkste Stück – eher das schwächste, aber dafür das kürzeste – auf dem immer noch phantastischen Loveless – ich höre gerade den Remaster von 2008 auf den sauguten Bose-Ohrhörern (Bessere kenn ich nicht, die Sennheiser hatten keinen Schnitt, die Koss reichten auch nicht ganz heran) – ist aber locker numero uno in der Siebenundfünfzigsekundenklasse. Es ist ein Intermezzotrack, im Sandwich zwischen zwei genialen Songs, dem dichten, ätherischen Ohrwurm Loomer und dem verzerrten, stark leiernden To Here Knows When, ein bisschen wie eine Filmmusik zum Luftholen in der Pause, wobei der Anfang natürlich schon sehr nach Staubsauger im Rückwärtsgang klingt. Neben dem letzten Stück, der Tanznummer Soon, das einzige Instrumental auf der CD. A propos, im Wikipediaeintrag steht etwas davon wie viel Mühe und Zeit auf die Lyrics von Loveless verwendet wurde. Bis vor nicht so langer Zeit hatte ich eigentlich immer gedacht, sie würden Lautmalereien auf dem Album singen. Diesen Kurztrack hat übrigens der Drummer mit dem sagenhaften Namen Colm Ó Cíosóig komponiert. Vielleicht wäre es ja der richtige Weg aus der Krise für Irland, sich wieder auf seine musikalischen Qualitäten zu besinnen und die Banken einfach mal geschlossen zu lassen. Und wir könnten ja alle mal wieder aus Solidarität in den irischen Pub im Ort gehen, die Wirte überweisen doch bestimmt was in das gebeutelte Mutterland in diesen schwierigen Zeiten, oder?
(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 278 Stücke ist hier.)
Keine leichte Wahl heute, kein Track, der mich angesprungen hat und dem ich nicht widerstehen konnte. In solchen Fällem höre ich die On the Go-Liste, das ist sozusagen die Shortlist, die ich nach einmal Durchhören der Longlist, die aus allen Tracks mit mindestens 3 Sternen (bzw. unbewertet) mit der Tageslänge besteht, zusammengestellt habe. Und zwar so lange bis nur noch ein Stück übrig bleibt. Drei Sachen setzten sich auf der Shortlist ab, ein gesungenes Lied der britischen (eigentlich schottischen) Folkgitarrenlegende Bert Jansch, ein impressionistisches Instrumental von Mick Turner, dem Gitarristen der australischen Dirty Three und dieses kleine Stücklein. Da keiner der drei Wettbewerber sich beim zweiten Hören durchsetzen konnte, stieg die Chance für das unkonventionellste Musikstück, das ich dann auch wählte. Auf englisch würde ich sagen, das ist something to chew on, etwas zum drauf herum beißen. Kluster (deutsch gesprochen) waren zu dieser frühen Zeit ein Trio aus Schnitzler, Moebius und Roedelius (von dem hatte ich schon was) und machten experimentielle Musik. Dies hier hört sich an wie eine sphärische Soundinstallation, es werden verschiedene Instrumente (insbes. eine schilfig klingende Flöte ragt hervor) gespielt, verschiedene Töne erzeugt aber so etwas wie Harmonie oder Melodie gibt es nicht. Die unterschiedlichen Sounds klingen nicht wirklich zusammen, jeder ist ein Individuum, von den anderen fast unendlich weit entfernt wie diverse Fixsterne in mehreren Galaxien.
(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 277 Stücke ist hier.)
Die Zeit verrinnt unaufhaltsam. Die letzte Minute ist angebrochen. Was wird danach kommen? Ich glaube, ich weiß es. Die meisten Religionen behandeln dieses Thema übrigens ähnlich.
Das ist jetzt nicht unbedingt ein typisches Stück von Captain Beefheart aber es ist auf jeden Fall sehr eigen. Wenn man es weiß, dann kann man sich vorstellen, dass der Delta Blues hier die Basis bildet. Auch die Improvisation spielt eine ganz wichtige Rolle. Don van Vliet, ein Oddball der Rockmusik, ohne den sie sehr viel ärmer wäre.
(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 276 Stücke ist hier.)
Der erste Track auf The Marble Index, einem nicht besonders einladenden, eher spröden Album der Kölner Chanteuse, die auch bei Velvet Underground sprechsang, das man auch als verschlossen bezeichnen kann. Ich habe es damals aufgrund eines Artikels in Rock Session gekauft, einer Musikreihe von rororo, in dem ein Englischsprachler es als das verstörendste und furchteinflößendste Album aller Zeiten beschrieb. Ein Block aus Eis, der nicht mal in der Hölle auftaut. Oder so. Ich habe die komplette CD dann vielleicht einmal von Anfang bis zu Ende gehört, es hat gereicht. Die Musik, wenn man den monotonen Vortrag gekoppelt mit ein bisschen Harmoniumspiel (plus diversen von John Cale gespielten Instrumenten wie z.B. Viola), das kaum melodischen Mustern folgt, denn so bezeichnen will, scheint nicht in Hinblick auf einen Zuhörer aufgenommen worden zu sein. Dieses Instrumentalstück leitet also ein in diesen Gral der Goth Music (s.a. das schwarzweiße Cover mit ihrem fahlen Gesicht, das vor dem dunklen Hintergrund, der sich wie ein tiefschwarzer Heiligenschein um ihren Kopf legt, hervorsticht). Und es ist noch geradezu verspielt und unernst im Vergleich zu dem was danach folgt. Das liegt wahrscheinlich auch daran, dass sie zum einen nicht stimmmäßig in Erscheinung tritt – ihren Sprechgesang als kühl und irritierend zu beschreibend ist eigentlich untertrieben, er hat mich fast immer genervt – und dass hier zum andern John Cale dem Glockenspiel einige Töne entlockt, die so leicht daherkommen wie das Tirilieren einer Lerche. Ein Stück, das den Zuhörer hineinzieht in die Düsternis, ein Köder in eine Unterwelt.
(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 274 Stücke ist hier.)
Befiehl du deine Wege
Und was dein Herze kränkt
Der allertreusten Pflege
Des, der den Himmel lenkt.
Der Wolken, Luft und Winden
Gibt Wege, Lauf und Bahn,
Der wird auch Wege finden,
Da dein Fuß gehen kann.
Wenn man die letzten vier Verse so allein liest, könnte man meinen, das wäre hier der Choral für den Jakobswegpilger.
Das ist in dieser Reihe das erste Gesangswerk von Bach, wenn man diese Musik hat, dann braucht man kaum noch die Kirche drumherum.
Das sind, glaube ich, alles Originalinstrumente bzw. nachgebaute Originalinstrumente. Ich bilde mir ein, dass man das hört.
Heute war der Tag der fetten Schneeflocke, die über Berlin schwebte.
Überraschungseinladung am Abend, bin immer noch etwas gerührt.
Heute hat meine Nase angefangen, mit Zatopek um die Wette zu laufen. Das Wettrennen ist noch völlig offen.
(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 273 Stücke ist hier.)
I don’t remember what you said or did
that made you so attractive
So wie der Sänger hier „reminder“ ausspricht kann er nur aus einer Region kommen. Aus welcher, my dear reader? Googlen und lünkern wird mit zehn Jahren Haft im U-Boot in Hohenschönhausen – auch bekannt als Hotel zur ewigen Lampe – bestraft. Schlechter Witz, I know. In der dortigen Stasi-U-Haft saßen auch jede Menge Leute aus dem Westen, z.B. derjenige, der unsere Gruppe heute (bzw. jetzt schon wieder gestern) rumgeführt hat und dessen Buch Der Tag, an dem uns Vater erzählte, dass er ein DDR-Spion sei, ich anschließend gekauft habe. Eine ziemlich unglaubliche Geschichte. Als Widmung hat er mir in das Buch „Zum Erinnern“ geschrieben. Womit wir wieder beim heutigen Titel wären.
(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 272 Stücke ist hier.)
Dieser Track beschließt das erste wirkliche Album der nordenglischen Elektronikpioniere Autechre (gesprochen ohtecker) und er ist in Wirklichkeit mit 6 Minuten 45 viel länger. Es handelt sich wohl um einen abgebrochenen Download. Von dieser Sorte kommen jetzt immer mehr Stücke. Normalerweise könnte das ein Ausschlusskriterium sein, aber ich sehe das nicht so eng. Dieses ganz leicht verstörende, ein ganz bisschen eine bedrückende Stimmung aufbauende Stück, ist so gut, dass selbst sein Torso alle anderen Alternativen klar aussticht. Da ist dann noch nicht einmal der besondere Appeal des Kaputtseins mit eingerechnet. Gleichzeitig innovativ und gut anhörbar, vor 16 Jahren gab es das noch in der elektronischen Musik, heute bin ich mir da nicht mehr so sicher.
(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 271 Stücke ist hier.)
Das ist gleichzeitig eine idealistische wie auch eine pragmatische Perspektive. Man könnte mit einer Betonung des existentialistischen Aspekts auch sagen: „Die Freude ist in uns oder sie ist nicht.“ Das würde mir als kategorische Aussage fast noch besser gefallen. Ist aber als Satz etwas freudlos…
Dieses kurze Instrumental der nach dem heiligen Buch der Maya benannten Münchner Krautrockband eröffnet ihr fünftes Album Einsjäger und Siebenjäger. Florian Fricke, die treibende Kraft hinter Popol Vuh ist ja leider viel zu jung vor nicht so langer Zeit, ich sehe gerade es ist schon wieder neun Jahre her, gestorben. Er und seine Band haben viel mit Werner Herzog zusammengearbeitet und waren an einigen Soundtracks maßgeblich beteiligt. Dieses leicht orientalisch angehauchte Stück hat wie viele andere der Band einen spirituellen Touch, es klingt gleichzeitig sehr hell als wäre es von Licht durchflutet.
Hier noch ein Video von 1971, wo sie frei improvisieren, Fricke am Moog. Geile, wilde Zeiten…
(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 270 Stücke ist hier.)
Was wir heute auf dem Weihnachtsmarkt am Roten Rathaus gekauft haben:
1. Langos mit Debreziner
2. Folienkartoffel mit Kräuterquark
3. Steinerne Seifenschale in Schildkrötenform
4. 0,4 l Glühwein
5. 0,2 l Glühweintasse mit buntem Weihnachsmarktbild mit Riesenrad, Rotem Rathaus und W-Pyramide drauf
6. Windspiel aus Metallstreifen, das optische Spiraleffekte erzeugt
7. 100 g geröstete Maronen
8. Schale aus Olivenholz
9. Brillennase aus Palisanderholz
Der Titel des heutigen Liedes heißt, glaube ich, Sehnsucht auf Tatarisch. Tatarisch ist eine Turksprache. Tatarstan ist eine russische Republik westlich des Urals. Zulya ist eine tatarische Sängerin aus Sarapul (Udmurtien), die seit geraumer Zeit in Australien lebt.
(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 269 Stücke ist hier.)
Das bis jetzt mit Abstand älteste Stück Musik in dieser Reihe. Eine Kyrie (gr. Herr) ist das erste Wort einer kurzen Litanei, die eine Messe eröffnet. Ich finde, die Musik hat diesen höfischen, spätmittelalterlichen Klang, aber für mich hört sich das jetzt nicht unbedingt religiös an.
(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 268 Stücke ist hier.)
Oh faint heart, when the letter arrives
You suddenly find things getting life-size
Once the air rang with things unsaid
Now cruel outlines are easily read
Behind the curtain in the yellow bulb light
The letter reads I took my own life
Fast schon makabre Koinzidenz. Gestern einen Selbstmörder im Programm, nun ein Lied über einen Abschiedsbrief. Wire beweisen mal wieder, dass sie die Meister des Minutensongs sind und die Minutemen, die sich ja sogar nach der Länge der meisten ihrer Stücke genannt haben, ganz klar ausstechen. Faszinierend an dem Track ist die schwindelerregende Speed, das Wirbelwindhafte, man meint eine sich beschleunigende Sirene zu hören. So ähnlich stelle ich mir den Moment am Ende von Edgar Allan Poe’s Kurzgeschichte The Pit and the Pendulum vor, als die glühenden, immer näherrückenden Wände seines Gefängnisses den Erzähler in die Mitte des Raums schieben, wo ein Loch ist (die Grube), in das er hineinfällt und dann mitten in einer Schlacht der Franzosen gegen die Spanier zu Zeiten der spanischen Inquisition aufwacht.
(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 267 Stücke ist hier.)
Vor kurzem wurde ein Mann in meiner erweiterten Nachbarschaft im Schoelerpark (vielleicht 500 Meter entfernt) erstochen; es handelte sich wohl um ein Verbrechen aus Eifersucht. Jetzt lese ich im Zeit-Magazin, dass eine Redakteurin Ende April in der Düsseldorfer Straße (ca. 1 km in der anderen Richtung) von drei Jugendlichen abends um elf unweit ihrer Wohnung nahezu erschlagen wurde. Die Beute betrug 35 Euro. In diesem letzten Fall ist offensichtlich etwas sehr schief gelaufen. Die drei waren zuletzt in BoB (Bude ohne Betreuung) im Wedding untergebracht.
Ein »niedrigschwelliges Angebot«, soll heißen, die Jugendlichen werden nicht weiter von Pädagogen belästigt. Sie bekommen eine Einzimmerwohnung und pro Woche rund 52 Euro, den Rest müssen sie selber regeln. Wollen sie reden, haben sie einmal in der Woche eine Stunde mit einem Sozialarbeiter. Ansonsten sind sie weithin sich selbst überlassen. Die Jugendlichen sollten durch das Gefühl von »Einsamkeit und Langeweile« ihre eigene »Strukturlosigkeit« wahrnehmen, heißt es im BoB-Konzept, um dann das Bedürfnis nach Struktur zu entwickeln. Tatsächlich entwickeln die drei in kürzester Zeit eine Struktur, eine schwerkriminelle.
du sagst sprechgesang hat doch keinen sinn
ich sag platz nummer eins und da will ich hin
Das Lied habe ich schon am Wochenende ausgewählt, aber wie das Leben so spielt ging es heute im Büro um den Songtext von Die Da. Die Mädels waren sich nicht einig über eine Zeile aus dem Refrain: ist es die da die da am eingang steht oder ist es die da die am eingang steht oder so ähnlich, jedenfalls Papperlapapp. Bzgl. des Textes wurde ich nicht konsultiert, hinterher fragte man mich, ob ich die Band kennen würde, ziemlich unglaublich. Meine Kolleginnen halten mich für vorgestrig und so ganz unrecht haben sie nicht damit. Aber die Fanta 4 kenne ich natürlich schon, ich habe sogar mal eine CD gekauft von denen. Auch wenn mir Rap ja normalerweise gar nicht gefällt. Bei denen mag ich, dass ihre Songs nicht aggressiv rüberkommen, dass da eine Lockerheit ist und ein gekonntes Spiel mit Reimen. Die andere Rapband, die mir sonst noch zum Teil gefällt, das sind die Beastie Boys, auch keine typischen Rapper. Die haben ihr eigenes Ding durchgezogen und klingen nicht so beliebig und austauschbar wie 99% des Raps, den man sonst so hört. Achso der Titel passt natürlich auch super gerade, noch angemessener wäre allerdings Gefühlte -20 gewesen.
(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 265 Stücke ist hier.)
Wie kann es sein, dass dieser Jazz-Standard aus dem Musical A Connecticut Yankee (1927) in dieser Fassung so kurz ist? Ganz einfach, er wird hier dreimal gespielt! Allerdings kein einziges Mal bis zum Ende! Das Herz des vom Trio aus Bill Evans am Klavier, Gary Peacock am Bass und Paul Motian an den Drums gespielten Stücks bleibt dreimal stehen. Warum, wieso, weshalb leuchtet mir nicht so wirklich ein. Zumindest nicht bei Take 3 und bei Take 1 eigentlich auch kaum. Irgendetwas war nicht so, wie es hätte sein sollen. Es gibt wohl nur wenige Musiker, die auf so hohem Niveau scheitern wie Bill Evans und seine Mitspieler.
(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 264 Stücke ist hier.)
Panik in Grafenberg,
stahl ein Irrer den grünen Gartenzwerg.
Ein weiterer Beweis dafür, dass das spießige Düsseldorf Ende der Siebziger die Punk- und damit die Musikhauptstadt Deutschlands war. Und natürlich auch ein Beispiel für das physikalische Gesetz von Kraft und Gegenkraft im soziologischen Kontext. Wer singt hier bloß, den kenn ich doch? Es ist der Mann von Rank Xerox, der dann später die falsche Farbgebung in einen Bandnamen verdichtet hat. Ja, es ist Peter Hein von den Fehlfarben, der hier noch etwas rotziger singt – man könnte auch sagen shoutet – als später zu seinen Glanzzeiten. Den Sinn für humorige, prägnante Liedertexte nah am Zeitgeist hat er auch in diesem frühen Stadium schon gehabt. Ich glaube, die Fehlfarben touren gerade mal wieder, sie sind bestimmt immer noch ziemlich gut. Mittagspause war übrigens so etwas wie eine Mischung aus Nukleus und Supergroup der damaligen Punk-/NDW-Szene. Bis Ende 1978 war Gabi Delgado-Lopez (später DAF) als zweiter Sänger mit von der Partie. Ab Anfang 1979 war Thomas Schwebel (Ex-S.Y.P.H., Solinger Band, später auch in den Fehlfarben) als Gitarrist mit an Bord. Das Stakkatohafte und Monotone dieses kurzen Stücks war übrigens typisch für Mittagspause, die keinen Bassisten hatten, und nimmt den roboterhaften DAF-Sound zu einem guten Teil vorweg.
(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 263 Stücke ist hier.)
Wie das hier eigentlich weiter gehen soll mit dem Musik-Countdown wurde ich heute von einem treuen Leser gefragt. Ursprünglich wollte ich ja bei dreißig Sekunden aufhören, da es danach ein bisschen lächerlich wird. Aber ich hab es mir anders überlegt. Ich mache so lange weiter bis mir die Musikstücke ausgehen. Sollte ich also mit z.B. 45 Sekunden nichts auf der Festplatte meines Rechners finden, so ist Schluss. Ansonsten geht es bis runter auf eine Sekunde, vorausgesetzt ich habe für jede Sekundenlänge mindestens einen Track. Momentan habe ich so zwischen zehn und zwanzig Stücke pro Tag, es sieht so aus als ginge das noch eine Weile gut. Die Einminutenmarke werden wir voraussichtlich locker unterschreiten, spätestens unter dreißig Sekunden wird es dann eng.
Im Moment behagt mir übrigens sehr, dass ich endlich mal die Zeit habe alle Stücke von Anfang bis Ende durchzuhören. Die Kürze der Songs führt eben gerade nicht zu einer stressigen Beschleunigung sondern im Gegenteil zu einer beruhigenden Verlangsamung. Dadurch, dass ich nicht mehr skippen muss und alles bis zum Ende anhören kann, ist die Auswahl möglicherweise auch fairer, vielleicht sogar objektiver, jedenfalls kann ein mieser Start eventuell noch ausgebügelt werden, da ich in dem Fall ja noch nicht weiterspringe.
Heute mal wieder etwas von einer meiner Lieblingsbands und zwar von der sehr schönen Doppel-CD Genius + Love = Yo La Tengo, deren zweite Scheibe nur aus Instrumentals besteht, wovon einige Covers und einige selbstkomponiert bzw. improvisiert sind. Dieses Gitarrenfeedbackstück lässt an die wildesten Krautrockzeiten denken und erinnert mich an das erste, phantastische Konzert von Yo La Tengo, dem ich beigewohnt habe, an einem warmen Sommerabend 1997 im Knaack Klub, der ja jetzt leider schließen musste. Damals haben sie wirklich alles gegeben, vor allem Ira an der Gitarre gebärdete sich wie ein reinkarnierter Hendrix und sein und mein Schweiß schien gemeinsam von den Decken des Klubs herunterzulaufen. A propos, war eigentlich jemand meiner Leser bei der Geburtstagsparty zum Zwanzigsten von City Slang im Admiralspalast am Sonntag?
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Ich hätte nichts dagegen, wenn es jetzt hier nur noch – immer schön alternierend – mit den Boards of Canada und Neil Young weitergehen würde, und ihr? Was soll ich sagen, BoC haben es einfach drauf, Musik zu machen, die mich da abholt, wo ich gerade bin (hahaha!). Nee, mal ganz ehrlich, im Grunde höre ich ja Musik außer zur Entspannung vor allem für den Kick, und zwar in dem Sinne, dass die Musik mich am Schlawickel packt, die Erde quasi in dem Moment, wo ich sie höre, zum Stillstand bringt, jedes noch so intensive Gespräch in ein Hintergrundrauschen verwandelt, mich wie ein Reh im Scheinwerferlicht völlig lähmt und fixiert; die beste Musik ist eigentlich immer die, die mich in eine Schlange verwandelt, die ihr blind gehorcht, die vom Flötenspiel beschworen wird.
BoC berühren mich unglaublich stark, ganz tief innen, da wo die Erinnerung an meine frühe Kindheit gespeichert ist. Da ist ganz viel Unschuld drin und ein Versprechen auf die Zukunft und etwas sehr Weiches, Zartes; ich glaube, man nennt es auch Liebe.
(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 256 Stücke ist hier.)
P.S. Sorry, aber auf meinem Netbook-Computerlautsprecher hört sich das hier übrigens im Vergleich zum iPod ganz, ganz beschissen an.
I’m gonna give you till the morning comes
Till the morning comes, till the morning comes.
I’m only waiting till the morning comes
Till the morning comes, till the morning comes.
Wenn man abends um zehn anfängt, dieses Lied zu singen und morgens um sechs damit aufhört, dann hat man es insgesamt dreihundertsechszigmal gesungen.
(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 255 Stücke ist hier.)
Tief durchatmen, Augen zu und Lauscher auf. Die schottischen Analogsoundbastler nehmen uns mit auf einen Minispacetrip unter dem Radarschirm weg hinter den Horizont.
(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 254 Stücke ist hier.)
And when I touch you
I feel happy inside
It’s such a feeling
That my love I can’t hide
Auch nach all den Jahren immer noch ein tolles Lied. Hier in der Version von der Love-Kompi mit dem dazugemischten Mädchenkreischen im Hintergrund, das die Nummer dann auch stilecht beendet. Zum Schluss hört es sich an wie das Rauschen einer Meeresbrandung. Mehr braucht man zu dem Song kaum zu sagen, der Text ist so banal, dass er fast schon wieder gut ist. Elf Millionen Mal ging die Scheibe weltweit über den Ladentisch, eine der meistverkauften Singles aller Zeiten, die den Beatles den Durchbruch in den USA bescherte. Sie klingt immer noch frisch und jugendlich naiv, ziemlich unglaublich nach fast 47 Jahren.
(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 253 Stücke ist hier.)
Es gab einen Bobby Gillespie vor Primal Scream, das wissen die meisten, er war Drummer bei The Jesus & Mary Chain und vorher Roadie bei Altered Images. Aber es gab auch eine Band Primal Scream vor Screamadelica. Hier eröffnen sie den NME-Cassettensampler C86, der eine ganze Bewegung gestartet hat, weg von dem in den allerletzten Zügen liegenden synthielastigen und überproduzierten New Wave hin zum Indiegitarrenschrammelrock. Ein kleiner Song, der harmloser scheint als er ist. Zumindest was den Text angeht, wo es offensichtlich um ein Mädchen geht, das mit härteren Drogen herummacht. Diese frühen, naturbelassenen Primal Scream ziehe ich auf jeden Fall ihren späteren, härteren und abgedrehteren Alben ab etwa XTRMNTR zigfach vor.
(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 252 Stücke ist hier.)
Ein Instrumental von einem meiner Lieblingsalben von Brian Eno, Music for Films, bei dem der Witz ist, dass die meisten Stücke – inklusive diesem hier – nur mögliche Soundtracks zu imaginären Filme sind. Die Filme gibt es also gar nicht, aber die Musik zu ihnen sehr wohl. Eine reizvolle Idee, und wenn sie dann auch noch so stringent umgesetzt wird…
Brian Eno hat übrigens ein neues Album raus und es ist nach langer Zeit (seit ca. 25 Jahren würde ich sagen) endlich mal wieder ein Gutes. Von den Videos hier, die peu à peu online geschaltet werden, finde ich übrigens das erste, japanische am besten, wie Eno da tänzerisch die Gerätschaften bedient, ist einfach umwerfend. Tanzmusik für das neue Jahrzehnt. Oder so.
(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 251 Stücke ist hier.)
Diese Wahl ist mir sehr schwer gefallen. Eigentlich hätte es ja das Gitarrenduo Jansch/Renbourn mit dem luftigen East Wind sein müssen. Aber dann kam kurz danach dieses Instrumental der 4AD Supergroup und ich dachte erst, die oder vielmehr das, nämlich das Lied, gibt es noch? Als wäre ein Musikstück lebendig und könnte sterben. Seltsamer Gedanke, aber hier hat er mich dermaßen übermannt, dass ich genauer gelauscht habe und jetzt zum ersten Mal die bellenden Hunde bewusst gehört habe. Die die düstere, oppressive Stimmung nicht gerade aufhellen. Ein Track für den Soundtrack nach der Apokalypse.
(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 250 Stücke ist hier.)
Irgendwie haut mich die simple, coole Melodielinie dieses Instrumentals völlig um; ich würde sagen, es hat couilles. Gainsbourg war ja nicht nur Chansonnier sondern auch wie mir gerade erst klar geworden ist, Komponist von Filmmusiken. Hier werden immerhin 72 seiner Filmmusikstücke vereinigt, es wäre vielleicht mal an der Zeit, diese Seite seines Schaffens näher zu beleuchten, aber nicht heute. Ach eins noch, champêtre heißt ländlich und auf dem Land gedeiht die Pflanze, die Serge mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit bei der Komposition unterstützt hat, am Besten.
Meine Gedanken kreisen allerdings immer noch um ein seltsames Zusammentreffen mit zwei mittelalten (in der 2. Hälfte der Vierziger, wüde ich sagen) Frauen im ICE nach Berlin gestern. Sie hatten ein Wochenendseminar in Karlsruhe besucht und waren jetzt auf dem Weg zurück nach Hildesheim. Als ich mich auf meinen Tischplatz im Großraumwagen begeben wollte, sprach mich sofort eine der beiden an und sagte, dass sie schon auf die Person, die sich auf den vierten Platz am Tisch setzen würde – der dritte war von einem anderen Mann besetzt, den sie auch schon angequatscht hatten – gewartet hätten und gewettet hätten, ob es ein Mann oder eine Frau sein würde. Nach einer Weile verschwanden sie Gottseidank mit dem anderen Mann für ein Bierchen ins Bistro und ich hatte meine Ruhe bis 20 Minuten vor Hildesheim. In den 20 Minuten gelang es den beiden allerdings mich mit ihren inquisitorischen Fragen zu enervieren, was ich versucht habe, mir nicht anmerken zu lassen, ob mit Erfolg sei dahingestellt. Jedenfalls wollten sie zum Schluss unbedingt wissen, was ich beruflich mache. Jetzt im Nachhinein kommt es mir so vor als hätten sie in ihrem Seminar, in dem es um soziale und psychologische Dinge gegangen sein muss, die Aufgabe aufgetragen bekommen, jeden den sie auf dem Weg zurück treffen, nach seiner beruflichen Tätigkeit zu fragen. Jedenfalls habe ich ihnen dann gesagt, dass es etwas mit Zahlen zu tun hat und sie waren offensichtlich enttäuscht ob meiner profanen Antwort und versuchten, mir meinen Job schlechtzumachen. Etwas, das ich aber sowas von dringend gebrauchen kann im Moment und überhaupt. Die eine sagte, ihr hätte ihr Beamtenjob auch nicht gefallen und sie wäre krank geworden und hätte jetzt eine neue Stelle, in der sie ihre soziale Kompetenz besser einsetzen könne (oder so ähnlich). Hinterher sagte mir der Mann, der auch noch am Tisch war und mit den beiden im Bistro gewesen war, dass sie ihn natürlich auch nach seinem Job gefragt hätten und ihn halbwegs korrekt eingeschätzt hätten, mich jedoch für jemanden von der schreibenden Zunft gehalten hätten. Der sex appeal von Schriftstellern auf einen gewissen Frauentypus, das wäre bestimmt auch mal eine lohnenswerte soziopsychologische Untersuchung.
(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 249 Stücke ist hier.)
Das Rot ist das Rot von einem Buchumschlag,
der aus meiner Jacke guckt.
Heute ist mir mein Handy in unseren Brunnen gefallen. Irgendwas soll mir das sagen. Dass ich nicht kompatibel mit der modernen Welt bin? Dass das Handy überbewertet wird? Dass ich statt die Leute nicht anzurufen, vielleicht besser direkt mit ihnen unter vier Augen sprechen sollte? Oder einfach nur, dass ich besser auf meine Sachen aufpassen sollte? In other news, in meinem Programm hier hat noch ein Lied des Duisburger Barden Tom Liwa gefehlt, ein Loch was ich hiermit gestopft hättte. Das Stück habe ich übrigens heute morgen das erste Mal gehört und habe mir nach den ersten Takten gedacht, das ist ja interessant, diesen Song von Nick Drake kennst du ja noch gar nicht…
(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 248 Stücke ist hier.)
Das letzte Stück auf dem letzten, posthum veröffentlichten Album Doo-Bop. Sein Vermächtnis und was für eins. In achtundachtzig Sekunden einmal um sein Werk. Miles war zu diesem Zeitpunkt musikalisch in Richtung Hip-Hop unterwegs, was man – glücklicherweise, wenn ihr mich fragt – hier kaum hört. Es ist ein klassischer, unverkennbarer Miles Davis geworden, der sehr cool und rhythmusbetont daherkommt. Der Trompetenton immer noch voll da, klar und luzide, aber wie hinter einer Nebelwand gespielt. Wenn ich ihn höre, dann sehe ich immer einen Mann mit dem Rücken zum Publikum, einen einsamen Wolf inmitten von tausenden von Leuten. Der Minitrack macht Lust auf mehr und ich hätte schon gerne gewusst, wohin Miles Davis sich noch bewegt hätte, wenn er länger gelebt hätte. Um die elektronische Musik wäre er wohl kaum umhingekommen und sie vor allem nicht um ihn.
(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 247 Stücke ist hier.)
Marin Marais war etwa eine Generation älter als Johann Sebastian Bach und das hört man in seinen Kompositionen. Marais spielte am Hofe Ludwigs XIV. Viola da Gamba (Kniegeige) und seine beschauliche, pastorale Musik fließt wie ein träger Strom vor sich hin; es fehlt jegliche Dynamik. Durch den Film Tous les matins du monde, bei dem ich fast eingepennt wäre, bin ich das erste Mal auf Marais gestoßen; ich habe damals die ereignislose Handlung und die lahme Musik gehasst. Inzwischen bin ich ein paar Jahre älter geworden und kann die Interpretation des heutigen Auswahlstücks von Hille Perl an der Gambe und ihrem Mann Lee Santana an der Laute durchaus genießen. Diese Art von Musik ist nicht nur völlig zeitlos, die Zeit als Kategorie scheint auch in ihr selbst nicht existent.
(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 246 Stücke ist hier.)
Candy says I’ve come to hate my body
and all that it requires in this world
Ich weiß wirklich nicht wie die Telescopes das machen, aber sie verkürzen den Song um zweieinhalb Minuten, sie verdichten ihn auf weniger als 40% des Originals und in dem Lied scheint nichts zu fehlen. Es ist nur alles etwas intensiver, kurzlebiger, komprimierter. Und das Dollste ist ja, dass sie sich gleichzeitig alle Zeit der Welt nehmen, dass sie eine Zeitlupenversion des Klassikers von Velvet Underground abliefern, der das selbstbetitelte dritte Album der Band startet. Sehr gelungenes Cover, das übrigens ziemlich nah am Vorbild bleibt. Was aber auch absolut nichts macht, da es mehr oder weniger perfekt ist.
(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 244 Stücke ist hier.)
Es gibt einige, ganz wenige Musikstücke, von denen ich nicht genug kriegen kann, nach denen ich süchtig bin. Insgesamt vielleicht eine Handvoll. Das kurze Instrumental La Valse, das das Debütalbum Mlah der Négresses Vertes einleitet, gehört hierzu. Ich habe es das erste Mal – glaube ich zumindest, vielleicht war es auch das zweite oder dritte Mal – in Luxemburg-Limpertsberg gehört. Wir waren zu viert – ein Niederländer, ein Belgier, ein Grieche und ich – und hatten mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit schon vorher das eine oder andere Gläschen gesüffelt. Dann gingen wir in das Studio des Niederländers und setzten den feuchtfröhlichen Abend fort und ich legte die o.g. CD in den Schacht des CD-Spielers. Und was soll ich sagen, als das Stückchen zu Ende war, griff ich mir die Fernbedienung, sprang wieder an den Anfang zurück und spielte es erneut ab. Usw. Ich weiß jetzt nicht mehr wie oft ich das gemacht habe, bestimmt dreißig oder vierzig Mal, die anderen waren so in ihre Gespräche vertieft bzw. schon so angeheitert, dass sie es gar nicht gemerkt haben, zumindest haben sie sich nichts anmerken lassen. Ich glaube nicht, zumindest erinnere ich es nicht, dass wir den Rest der CD an dem Abend gehört haben. Mir hat dieses eine Stück auch vollkommen gereicht. Die nachfolgenden Songs hätten dieses Level sowieso niemals halten können.
Was mich hier so unglaublich anzieht, ist natürlich die traurige Weise, die für mich eine regnerische Stadt evoziert, auch gerade weil sie vom Akkordeon gespielt wird, kann es eigentlich nur Paris sein. Die Kombination von melancholischer Melodie und kreisendem Tanz gibt dem Ganzen noch einen zusätzlichen Tiefgang. Eine Traurigkeit, die sich immer wieder um sich selbst dreht, das ist auch eine Art von Sucht, die dann schließlich zur Depression werden kann. Komischerweise tut mir die permanente Wiederholung des Stückes allerdings eher gut, es hat zwar etwas von einem Suhlen in seinem eigenen Weltschmerz aber hinterher fühle ich mich eigentlich immer besser oder genauer erhabener.
(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 242 Stücke ist hier.)
Passend zum Sonntag mal wieder Barockmusik zum Chillen. Telemann war ja anscheinend zu seinen Lebzeiten ein großer Star, wurde dann für 200 Jahre vergessen bzw. nicht mehr wertgeschätzt und erst im 20. Jahrhundert wieder rehabilitiert.
(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 241 Stücke ist hier.)