Archive for the ‘a day a second’ Category

1:09 Nick Drake – Place to Be (1971, letzte Strophe)

Dezember 2, 2010

When I was strong, strong in the sun
I thought I’d see you when day is done
Now I am weaker than the palest blue
Oh so weak in this need for you.

Schwächer als das blasseste Blau, ein Bild, das mich nicht loslässt. Blau ist ja auch meine Farbe, schon immer gewesen, dunkelblaue T-Shirts, die ich jahrelang in meiner Jugend getragen habe, blaue Sweatshirts mit denen ich quasi verwachsen bin, blau ist die Farbe mit der ich mein Inneres nach außen wölbe. Blau ist natürlich der Blues. Und wenn das Blau dann abblättert wie bei Nick Drake, immer blasser, immer unscheinbarer wird, wenn die Melancholie zur Depression und dann zur Lebensmüdigkeit wird. Man kann das ahnen im Liedvortrag, aber immer wieder bin ich überwältigt von der Direktheit und Offenheit, mit der Nick Drake seine Verzweiflung aus sich heraussingt. Da ist ganz viel Kraft drin, vielleicht hat ihm die dann gefehlt zum Weiterleben, vielleicht war ihm aber auch einfach nicht zu helfen, wie auch immer, good night.

(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 266 Stücke ist hier.)

1:10 Die Fantastischen Vier – 45 Fieber (1991)

Dezember 1, 2010

du sagst sprechgesang hat doch keinen sinn
ich sag platz nummer eins und da will ich hin

Das Lied habe ich schon am Wochenende ausgewählt, aber wie das Leben so spielt ging es heute im Büro um den Songtext von Die Da. Die Mädels waren sich nicht einig über eine Zeile aus dem Refrain: ist es die da die da am eingang steht oder ist es die da die am eingang steht oder so ähnlich, jedenfalls Papperlapapp. Bzgl. des Textes wurde ich nicht konsultiert, hinterher fragte man mich, ob ich die Band kennen würde, ziemlich unglaublich. Meine Kolleginnen halten mich für vorgestrig und so ganz unrecht haben sie nicht damit. Aber die Fanta 4 kenne ich natürlich schon, ich habe sogar mal eine CD gekauft von denen. Auch wenn mir Rap ja normalerweise gar nicht gefällt. Bei denen mag ich, dass ihre Songs nicht aggressiv rüberkommen, dass da eine Lockerheit ist und ein gekonntes Spiel mit Reimen. Die andere Rapband, die mir sonst noch zum Teil gefällt, das sind die Beastie Boys, auch keine typischen Rapper. Die haben ihr eigenes Ding durchgezogen und klingen nicht so beliebig und austauschbar wie 99% des Raps, den man sonst so hört. Achso der Titel passt natürlich auch super gerade, noch angemessener wäre allerdings Gefühlte -20 gewesen.

(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 265 Stücke ist hier.)

1:11 Bill Evans – My Heart Stood Still (1964, Rodgers 1927)

November 30, 2010

Wie kann es sein, dass dieser Jazz-Standard aus dem Musical A Connecticut Yankee (1927) in dieser Fassung so kurz ist? Ganz einfach, er wird hier dreimal gespielt! Allerdings kein einziges Mal bis zum Ende! Das Herz des vom Trio aus Bill Evans am Klavier, Gary Peacock am Bass und Paul Motian an den Drums gespielten Stücks bleibt dreimal stehen. Warum, wieso, weshalb leuchtet mir nicht so wirklich ein. Zumindest nicht bei Take 3 und bei Take 1 eigentlich auch kaum. Irgendetwas war nicht so, wie es hätte sein sollen. Es gibt wohl nur wenige Musiker, die auf so hohem Niveau scheitern wie Bill Evans und seine Mitspieler.

(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 264 Stücke ist hier.)

1:12 Mittagspause – Innenstadtfront (1979)

November 29, 2010

Panik in Grafenberg,
stahl ein Irrer den grünen Gartenzwerg.

Ein weiterer Beweis dafür, dass das spießige Düsseldorf Ende der Siebziger die Punk- und damit die Musikhauptstadt Deutschlands war. Und natürlich auch ein Beispiel für das physikalische Gesetz von Kraft und Gegenkraft im soziologischen Kontext. Wer singt hier bloß, den kenn ich doch? Es ist der Mann von Rank Xerox, der dann später die falsche Farbgebung in einen Bandnamen verdichtet hat. Ja, es ist Peter Hein von den Fehlfarben, der hier noch etwas rotziger singt – man könnte auch sagen shoutet – als später zu seinen Glanzzeiten. Den Sinn für humorige, prägnante Liedertexte nah am Zeitgeist hat er auch in diesem frühen Stadium schon gehabt. Ich glaube, die Fehlfarben touren gerade mal wieder, sie sind bestimmt immer noch ziemlich gut. Mittagspause war übrigens so etwas wie eine Mischung aus Nukleus und Supergroup der damaligen Punk-/NDW-Szene. Bis Ende 1978 war Gabi Delgado-Lopez (später DAF) als zweiter Sänger mit von der Partie. Ab Anfang 1979 war Thomas Schwebel (Ex-S.Y.P.H., Solinger Band, später auch in den Fehlfarben) als Gitarrist mit an Bord. Das Stakkatohafte und Monotone dieses kurzen Stücks war übrigens typisch für Mittagspause, die keinen Bassisten hatten, und nimmt den roboterhaften DAF-Sound zu einem guten Teil vorweg.

(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 263 Stücke ist hier.)

1:13 Ramones – Judy Is a Punk (live, 1979)

November 29, 2010

Jackie is a punk
Judy is a runt
They both went down to Berlin, joined the Ice Capades

Beim Gehen gedacht
Dieser Weg ist mein Meister
Er hat kein Ende

(So., 28.11. Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 262 Stücke ist hier.)

1:14 Black Dice – Island (2004)

November 28, 2010

Konkret plus abstrakt
Interessanter Cocktail
In Brooklyn gemixt

(Sa., 27.11. Die Liste aller seit 1. Februar ausgewählten 261 Stücke ist hier.)

1:15 Atomic Death Circle – Returning to Port (200?)

November 28, 2010

Ist das ein Walzer?
Mir ist grad nicht nach Tanzen
Vom Netz abgekappt

(Fr., 26.11. Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 260 Stücke ist hier.)

1:16 fennesz – gr_500 (1997)

November 28, 2010

Geräusche aus Wien
Über den Prater wabernd
Austro-Elektro

(Do., 25.11. Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 259 Stücke ist hier.)

1:17 Jonathan Richman – Egyptian Reggae (1977, live Central Park, 2000)

November 24, 2010

Winter has arrived in Berlin today. On the way to work – I walk about a mile up the Motzstraße to catch the subway at the Nollendorfplatz – it was raining a mixture of rain and snow. On the way back finally it snowed snow and the temperature was below zero degrees Celsius as I could scratch the ice from the windshield of my car at home. When this instrumental came up on my iPod I could not refrain from dancing, it is such a fun to bounce up and down to this easy-going tune full of good vibrations.

(The list of all selected tracks since February, 1st is here.)

1:18 Yo La Tengo – Too Much Pt. 1 (1996)

November 23, 2010

Wie das hier eigentlich weiter gehen soll mit dem Musik-Countdown wurde ich heute von einem treuen Leser gefragt. Ursprünglich wollte ich ja bei dreißig Sekunden aufhören, da es danach ein bisschen lächerlich wird. Aber ich hab es mir anders überlegt. Ich mache so lange weiter bis mir die Musikstücke ausgehen. Sollte ich also mit z.B. 45 Sekunden nichts auf der Festplatte meines Rechners finden, so ist Schluss. Ansonsten geht es bis runter auf eine Sekunde, vorausgesetzt ich habe für jede Sekundenlänge mindestens einen Track. Momentan habe ich so zwischen zehn und zwanzig Stücke pro Tag, es sieht so aus als ginge das noch eine Weile gut. Die Einminutenmarke werden wir voraussichtlich locker unterschreiten, spätestens unter dreißig Sekunden wird es dann eng.

Im Moment behagt mir übrigens sehr, dass ich endlich mal die Zeit habe alle Stücke von Anfang bis Ende durchzuhören. Die Kürze der Songs führt eben gerade nicht zu einer stressigen Beschleunigung sondern im Gegenteil zu einer beruhigenden Verlangsamung. Dadurch, dass ich nicht mehr skippen muss und alles bis zum Ende anhören kann, ist die Auswahl möglicherweise auch fairer, vielleicht sogar objektiver, jedenfalls kann ein mieser Start eventuell noch ausgebügelt werden, da ich in dem Fall ja noch nicht weiterspringe.

Heute mal wieder etwas von einer meiner Lieblingsbands und zwar von der sehr schönen Doppel-CD Genius + Love = Yo La Tengo, deren zweite Scheibe nur aus Instrumentals besteht, wovon einige Covers und einige selbstkomponiert bzw. improvisiert sind. Dieses Gitarrenfeedbackstück lässt an die wildesten Krautrockzeiten denken und erinnert mich an das erste, phantastische Konzert von Yo La Tengo, dem ich beigewohnt habe, an einem warmen Sommerabend 1997 im Knaack Klub, der ja jetzt leider schließen musste. Damals haben sie wirklich alles gegeben, vor allem Ira an der Gitarre gebärdete sich wie ein reinkarnierter Hendrix und sein und mein Schweiß schien gemeinsam von den Decken des Klubs herunterzulaufen. A propos, war eigentlich jemand meiner Leser bei der Geburtstagsparty zum Zwanzigsten von City Slang im Admiralspalast am Sonntag?

(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 257 Stücke ist hier.)

1:19 Boards of Canada – Rodox Video (1996)

November 22, 2010

Ich hätte nichts dagegen, wenn es jetzt hier nur noch – immer schön alternierend – mit den Boards of Canada und Neil Young weitergehen würde, und ihr? Was soll ich sagen, BoC haben es einfach drauf, Musik zu machen, die mich da abholt, wo ich gerade bin (hahaha!). Nee, mal ganz ehrlich, im Grunde höre ich ja Musik außer zur Entspannung vor allem für den Kick, und zwar in dem Sinne, dass die Musik mich am Schlawickel packt, die Erde quasi in dem Moment, wo ich sie höre, zum Stillstand bringt, jedes noch so intensive Gespräch in ein Hintergrundrauschen verwandelt, mich wie ein Reh im Scheinwerferlicht völlig lähmt und fixiert; die beste Musik ist eigentlich immer die, die mich in eine Schlange verwandelt, die ihr blind gehorcht, die vom Flötenspiel beschworen wird.

BoC berühren mich unglaublich stark, ganz tief innen, da wo die Erinnerung an meine frühe Kindheit gespeichert ist. Da ist ganz viel Unschuld drin und ein Versprechen auf die Zukunft und etwas sehr Weiches, Zartes; ich glaube, man nennt es auch Liebe.

(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 256 Stücke ist hier.)

P.S. Sorry, aber auf meinem Netbook-Computerlautsprecher hört sich das hier übrigens im Vergleich zum iPod ganz, ganz beschissen an.

1:20 Neil Young – Till the Morning Comes (1970)

November 21, 2010

I’m gonna give you till the morning comes
Till the morning comes, till the morning comes.
I’m only waiting till the morning comes
Till the morning comes, till the morning comes.

Wenn man abends um zehn anfängt, dieses Lied zu singen und morgens um sechs damit aufhört, dann hat man es insgesamt dreihundertsechszigmal gesungen.

(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 255 Stücke ist hier.)

1:21 Boards of Canada – Over the Horizon Radar (2002)

November 21, 2010

Tief durchatmen, Augen zu und Lauscher auf. Die schottischen Analogsoundbastler nehmen uns mit auf einen Minispacetrip unter dem Radarschirm weg hinter den Horizont.

(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 254 Stücke ist hier.)

1:22 The Beatles – I Want to Hold Your Hand (1963)

November 19, 2010

And when I touch you
I feel happy inside
It’s such a feeling
That my love I can’t hide

Auch nach all den Jahren immer noch ein tolles Lied. Hier in der Version von der Love-Kompi mit dem dazugemischten Mädchenkreischen im Hintergrund, das die Nummer dann auch stilecht beendet. Zum Schluss hört es sich an wie das Rauschen einer Meeresbrandung. Mehr braucht man zu dem Song kaum zu sagen, der Text ist so banal, dass er fast schon wieder gut ist. Elf Millionen Mal ging die Scheibe weltweit über den Ladentisch, eine der meistverkauften Singles aller Zeiten, die den Beatles den Durchbruch in den USA bescherte. Sie klingt immer noch frisch und jugendlich naiv, ziemlich unglaublich nach fast 47 Jahren.

(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 253 Stücke ist hier.)

1:23 Primal Scream – Velocity Girl (1986)

November 18, 2010

Here she comes again
With vodka in her veins

Es gab einen Bobby Gillespie vor Primal Scream, das wissen die meisten, er war Drummer bei The Jesus & Mary Chain und vorher Roadie bei Altered Images. Aber es gab auch eine Band Primal Scream vor Screamadelica. Hier eröffnen sie den NME-Cassettensampler C86, der eine ganze Bewegung gestartet hat, weg von dem in den allerletzten Zügen liegenden synthielastigen und überproduzierten New Wave hin zum Indiegitarrenschrammelrock. Ein kleiner Song, der harmloser scheint als er ist. Zumindest was den Text angeht, wo es offensichtlich um ein Mädchen geht, das mit härteren Drogen herummacht. Diese frühen, naturbelassenen Primal Scream ziehe ich auf jeden Fall ihren späteren, härteren und abgedrehteren Alben ab etwa XTRMNTR zigfach vor.

(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 252 Stücke ist hier.)

1:24 Brian Eno – Sparrowfall (3) (1978)

November 17, 2010

Ein Instrumental von einem meiner Lieblingsalben von Brian Eno, Music for Films, bei dem der Witz ist, dass die meisten Stücke – inklusive diesem hier – nur mögliche Soundtracks zu imaginären Filme sind. Die Filme gibt es also gar nicht, aber die Musik zu ihnen sehr wohl. Eine reizvolle Idee, und wenn sie dann auch noch so stringent umgesetzt wird…

Brian Eno hat übrigens ein neues Album raus und es ist nach langer Zeit (seit ca. 25 Jahren würde ich sagen) endlich mal wieder ein Gutes. Von den Videos hier, die peu à peu online geschaltet werden, finde ich übrigens das erste, japanische am besten, wie Eno da tänzerisch die Gerätschaften bedient, ist einfach umwerfend. Tanzmusik für das neue Jahrzehnt. Oder so.

(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 251 Stücke ist hier.)

1:25 This Mortal Coil – The Lacemaker II (1991)

November 16, 2010

Diese Wahl ist mir sehr schwer gefallen. Eigentlich hätte es ja das Gitarrenduo Jansch/Renbourn mit dem luftigen East Wind sein müssen. Aber dann kam kurz danach dieses Instrumental der 4AD Supergroup und ich dachte erst, die oder vielmehr das, nämlich das Lied, gibt es noch? Als wäre ein Musikstück lebendig und könnte sterben. Seltsamer Gedanke, aber hier hat er mich dermaßen übermannt, dass ich genauer gelauscht habe und jetzt zum ersten Mal die bellenden Hunde bewusst gehört habe. Die die düstere, oppressive Stimmung nicht gerade aufhellen. Ein Track für den Soundtrack nach der Apokalypse.

(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 250 Stücke ist hier.)

1:26 Serge Gainsbourg – Champêtre et Pop No.2 (1967)

November 15, 2010

Irgendwie haut mich die simple, coole Melodielinie dieses Instrumentals völlig um; ich würde sagen, es hat couilles. Gainsbourg war ja nicht nur Chansonnier sondern auch wie mir gerade erst klar geworden ist, Komponist von Filmmusiken. Hier werden immerhin 72 seiner Filmmusikstücke vereinigt, es wäre vielleicht mal an der Zeit, diese Seite seines Schaffens näher zu beleuchten, aber nicht heute. Ach eins noch, champêtre heißt ländlich und auf dem Land gedeiht die Pflanze, die Serge mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit bei der Komposition unterstützt hat, am Besten.

Meine Gedanken kreisen allerdings immer noch um ein seltsames Zusammentreffen mit zwei mittelalten (in der 2. Hälfte der Vierziger, wüde ich sagen) Frauen im ICE nach Berlin gestern. Sie hatten ein Wochenendseminar in Karlsruhe besucht und waren jetzt auf dem Weg zurück nach Hildesheim. Als ich mich auf meinen Tischplatz im Großraumwagen begeben wollte, sprach mich sofort eine der beiden an und sagte, dass sie schon auf die Person, die sich auf den vierten Platz am Tisch setzen würde – der dritte war von einem anderen Mann besetzt, den sie auch schon angequatscht hatten – gewartet hätten und gewettet hätten, ob es ein Mann oder eine Frau sein würde. Nach einer Weile verschwanden sie Gottseidank mit dem anderen Mann für ein Bierchen ins Bistro und ich hatte meine Ruhe bis 20 Minuten vor Hildesheim. In den 20 Minuten gelang es den beiden allerdings mich mit ihren inquisitorischen Fragen zu enervieren, was ich versucht habe, mir nicht anmerken zu lassen, ob mit Erfolg sei dahingestellt. Jedenfalls wollten sie zum Schluss unbedingt wissen, was ich beruflich mache. Jetzt im Nachhinein kommt es mir so vor als hätten sie in ihrem Seminar, in dem es um soziale und psychologische Dinge gegangen sein muss, die Aufgabe aufgetragen bekommen, jeden den sie auf dem Weg zurück treffen, nach seiner beruflichen Tätigkeit zu fragen. Jedenfalls habe ich ihnen dann gesagt, dass es etwas mit Zahlen zu tun hat und sie waren offensichtlich enttäuscht ob meiner profanen Antwort und versuchten, mir meinen Job schlechtzumachen. Etwas, das ich aber sowas von dringend gebrauchen kann im Moment und überhaupt. Die eine sagte, ihr hätte ihr Beamtenjob auch nicht gefallen und sie wäre krank geworden und hätte jetzt eine neue Stelle, in der sie ihre soziale Kompetenz besser einsetzen könne (oder so ähnlich). Hinterher sagte mir der Mann, der auch noch am Tisch war und mit den beiden im Bistro gewesen war, dass sie ihn natürlich auch nach seinem Job gefragt hätten und ihn halbwegs korrekt eingeschätzt hätten, mich jedoch für jemanden von der schreibenden Zunft gehalten hätten. Der sex appeal von Schriftstellern auf einen gewissen Frauentypus, das wäre bestimmt auch mal eine lohnenswerte soziopsychologische Untersuchung.

(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 249 Stücke ist hier.)

1:27 Tom Liwa/Florian Gässing – Kathleen in Grün (2002)

November 14, 2010

Das Rot ist das Rot von einem Buchumschlag,
der aus meiner Jacke guckt.

Heute ist mir mein Handy in unseren Brunnen gefallen. Irgendwas soll mir das sagen. Dass ich nicht kompatibel mit der modernen Welt bin? Dass das Handy überbewertet wird? Dass ich statt die Leute nicht anzurufen, vielleicht besser direkt mit ihnen unter vier Augen sprechen sollte? Oder einfach nur, dass ich besser auf meine Sachen aufpassen sollte? In other news, in meinem Programm hier hat noch ein Lied des Duisburger Barden Tom Liwa gefehlt, ein Loch was ich hiermit gestopft hättte. Das Stück habe ich übrigens heute morgen das erste Mal gehört und habe mir nach den ersten Takten gedacht, das ist ja interessant, diesen Song von Nick Drake kennst du ja noch gar nicht…

(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 248 Stücke ist hier.)

1:28 Miles Davis – Mystery (Reprise, 1992)

November 13, 2010

Das letzte Stück auf dem letzten, posthum veröffentlichten Album Doo-Bop. Sein Vermächtnis und was für eins. In achtundachtzig Sekunden einmal um sein Werk. Miles war zu diesem Zeitpunkt musikalisch in Richtung Hip-Hop unterwegs, was man – glücklicherweise, wenn ihr mich fragt – hier kaum hört. Es ist ein klassischer, unverkennbarer Miles Davis geworden, der sehr cool und rhythmusbetont daherkommt. Der Trompetenton immer noch voll da, klar und luzide, aber wie hinter einer Nebelwand gespielt. Wenn ich ihn höre, dann sehe ich immer einen Mann mit dem Rücken zum Publikum, einen einsamen Wolf inmitten von tausenden von Leuten. Der Minitrack macht Lust auf mehr und ich hätte schon gerne gewusst, wohin Miles Davis sich noch bewegt hätte, wenn er länger gelebt hätte. Um die elektronische Musik wäre er wohl kaum umhingekommen und sie vor allem nicht um ihn.

(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 247 Stücke ist hier.)

1:29 Marin Marais – Suite in g-moll, Courante (1711, Perl/Santana 2004)

November 13, 2010

Marin Marais war etwa eine Generation älter als Johann Sebastian Bach und das hört man in seinen Kompositionen. Marais spielte am Hofe Ludwigs XIV. Viola da Gamba (Kniegeige) und seine beschauliche, pastorale Musik fließt wie ein träger Strom vor sich hin; es fehlt jegliche Dynamik. Durch den Film Tous les matins du monde, bei dem ich fast eingepennt wäre, bin ich das erste Mal auf Marais gestoßen; ich habe damals die ereignislose Handlung und die lahme Musik gehasst. Inzwischen bin ich ein paar Jahre älter geworden und kann die Interpretation des heutigen Auswahlstücks von Hille Perl an der Gambe und ihrem Mann Lee Santana an der Laute durchaus genießen. Diese Art von Musik ist nicht nur völlig zeitlos, die Zeit als Kategorie scheint auch in ihr selbst nicht existent.

(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 246 Stücke ist hier.)

1:30 Pixies – Broken Face (1988)

November 12, 2010

I got no lips, I got no tongue
Where there were eyes, there’s only space

A ninety second glimpse into the crazy mind of Black Francis aka Frank Black born Charles Michael Kittridge Thompson IV. You have been warned.

(The list of all 245 chosen tracks since February, 1st is here.)

1:31 The Telescopes – Candy Says (1990, VU 1969)

November 10, 2010

Candy says I’ve come to hate my body
and all that it requires in this world

Ich weiß wirklich nicht wie die Telescopes das machen, aber sie verkürzen den Song um zweieinhalb Minuten, sie verdichten ihn auf weniger als 40% des Originals und in dem Lied scheint nichts zu fehlen. Es ist nur alles etwas intensiver, kurzlebiger, komprimierter. Und das Dollste ist ja, dass sie sich gleichzeitig alle Zeit der Welt nehmen, dass sie eine Zeitlupenversion des Klassikers von Velvet Underground abliefern, der das selbstbetitelte dritte Album der Band startet. Sehr gelungenes Cover, das übrigens ziemlich nah am Vorbild bleibt. Was aber auch absolut nichts macht, da es mehr oder weniger perfekt ist.

(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 244 Stücke ist hier.)

1:32 Boards of Canada – Olson (1998)

November 9, 2010

Wir floaten mit analogen Sounds durch die Galaxie. Eigentlich nur ein Sketch mit einem Touch New Age, gut als Gutenachtmusik geeignet.

(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 243 Stücke ist hier.)

1:33 Les Négresses Vertes – La Valse (1988)

November 8, 2010

Es gibt einige, ganz wenige Musikstücke, von denen ich nicht genug kriegen kann, nach denen ich süchtig bin. Insgesamt vielleicht eine Handvoll. Das kurze Instrumental La Valse, das das Debütalbum Mlah der Négresses Vertes einleitet, gehört hierzu. Ich habe es das erste Mal – glaube ich zumindest, vielleicht war es auch das zweite oder dritte Mal – in Luxemburg-Limpertsberg gehört. Wir waren zu viert – ein Niederländer, ein Belgier, ein Grieche und ich – und hatten mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit schon vorher das eine oder andere Gläschen gesüffelt. Dann gingen wir in das Studio des Niederländers und setzten den feuchtfröhlichen Abend fort und ich legte die o.g. CD in den Schacht des CD-Spielers. Und was soll ich sagen, als das Stückchen zu Ende war, griff ich mir die Fernbedienung, sprang wieder an den Anfang zurück und spielte es erneut ab. Usw. Ich weiß jetzt nicht mehr wie oft ich das gemacht habe, bestimmt dreißig oder vierzig Mal, die anderen waren so in ihre Gespräche vertieft bzw. schon so angeheitert, dass sie es gar nicht gemerkt haben, zumindest haben sie sich nichts anmerken lassen. Ich glaube nicht, zumindest erinnere ich es nicht, dass wir den Rest der CD an dem Abend gehört haben. Mir hat dieses eine Stück auch vollkommen gereicht. Die nachfolgenden Songs hätten dieses Level sowieso niemals halten können.

Was mich hier so unglaublich anzieht, ist natürlich die traurige Weise, die für mich eine regnerische Stadt evoziert, auch gerade weil sie vom Akkordeon gespielt wird, kann es eigentlich nur Paris sein. Die Kombination von melancholischer Melodie und kreisendem Tanz gibt dem Ganzen noch einen zusätzlichen Tiefgang. Eine Traurigkeit, die sich immer wieder um sich selbst dreht, das ist auch eine Art von Sucht, die dann schließlich zur Depression werden kann. Komischerweise tut mir die permanente Wiederholung des Stückes allerdings eher gut, es hat zwar etwas von einem Suhlen in seinem eigenen Weltschmerz aber hinterher fühle ich mich eigentlich immer besser oder genauer erhabener.

(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 242 Stücke ist hier.)

1:34 Georg Philipp Telemann – Triosonate 7 F-Dur aus den ‚Essercizi musici‘ Mesto (18. Jhd.)

November 7, 2010

Passend zum Sonntag mal wieder Barockmusik zum Chillen. Telemann war ja anscheinend zu seinen Lebzeiten ein großer Star, wurde dann für 200 Jahre vergessen bzw. nicht mehr wertgeschätzt und erst im 20. Jahrhundert wieder rehabilitiert.

(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 241 Stücke ist hier.)

1:35 Neil Young – Cripple Creek Ferry (1970)

November 6, 2010

Hey hey, Cripple Creek Ferry
Butting through the overhanging trees
Make way for the Cripple Creek Ferry
The water’s going down, it’s a mighty tight squeeze

In diesen 95 Sekunden ist alles drin, was einen guten Song von Neil Young ausmacht. Die eingängie, verspielte Melodie, ein scheinbar einfacher Text und natürlich die charakteristische Fistelstimme. Neil Young in nuce. Und um eine Nussschale geht es hier auch, eine Fähre, die über einen Bach übersetzt. Cripple Creek ist ein Goldgräberort in den Rocky Mountains in Colorado, der während des Goldrauschs Ende der 1890er Jahre gegründet wurde. Und das Lied ist eines von zweien auf After the Goldrush, von denen Neil Young sicher sagen kann, das sie von dem verschollenen, gleichnamigen Filmskript von Stockwell/Berman inspiriert wurden. Mir gefällt vor allem diese Auf- und Abbewegung der Tonhöhe der Melodie, die so eine Art aurales Schaukeln auslöst, gekoppelt mit dem anschließenden vorsichtigen Innehalten. Man meint zu spüren, dass es eine unwägbare Unternehmung ist, zu dem Ziel auf der anderen Seite des Baches überzusetzen. Wie wir alle wissen, endete der Goldrausch für viele mit einem bösen Kater oder schlimmer.

(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 240 Stücke ist hier.)

1:36 The Four Seasons – December, 1963 (Oh, What a Night) (Auszug, 1975)

November 6, 2010

You know, I didn’t even know her name
But I was never gonna be the same
What a lady, what a night

John Darnielle aka The Mountain Goats scheint auch ein Fan dieses Liedes zu sein, da es hier vor einem seiner Konzerte auf der Anlage gespielt wird. Für mich steht es irgendwie für die goldene Zeit meiner Jugend, ich war zwölf als es rauskam und es ist mir wahrscheinlich auch deswegen so gut im Gedächtnis haften geblieben, da es mein Geburtsjahr besingt und sogar im Titel führt. Die Four Seasons habe ich damals sehr gemocht, sie kombinierten geschickt Melodie und Rhythmus, so dass sehr gut tanzbare Songs herauskamen. Wobei ich auf diese Musik so weit ich mich erinnere überhaupt nicht getanzt habe, ich habe sie eher unbewegt genossen. Kurz danach kam dann die Discowelle (Saturday Night Fever) und da habe ich dann mehr oder wenig völlig zu gemacht gegenüber Chartmusik und versucht, einen eigenen Geschmack zu finden.

(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 239 Stücke ist hier.)

1:37 Zk – In der Ecke stehen (1981)

November 4, 2010

Auf ne Party gehen
und nichts als Leute sehen,
die in der Ecke stehen
wohin sie auch gehen

Wieder eine Gruppe aus Düsseldorf (in diesem Projekt nach den Fehlfarben und dem KFC bis dato die dritte), wieder von der Kompi Verschwende Deine Jugend. Es handelt sich um die Vorläuferband der Toten Hosen, die sich ursprünglich Zentralkomitee Stadtmitte nannte, Campino ist schon als Sänger mit von der Partie. Der melodische Song ist eher melancholisch angelegt, das punkige Element besteht im wesentlichen aus der schön verzerrten E-Gitarre. Diese Art von Parties kennen wir wahrscheinlich alle, meine Discobesuche in München Mitte der Achtziger liefen oft exakt so ab. Über das Thema haben auch andere gesungen (Michael Stipe in Losing My Religion: „That’s me in the corner“ oder Morrissey in ?). In any case, Düsseldorf ist in meinem kleinen Musikkosmos anscheinend ganz klar die deutsche Musikhauptstadt. Dabei fehlen noch so einige hochkarätige Vertreter wie z.B. DAF, Neu!, die frühen Kraftwerk mit Michael Rother, La Düsseldorf, Der Plan, Male und Mittagspause, um nur anderthalb Handvoll zu nennen.

(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 238 Stücke ist hier.)

1:38 Man or Astro-man? – Intoxica (1994, The Revels, 1960s)

November 3, 2010

Ich kenne weder die Coverband noch die gecoverte Band, die beide angeblich zum Genre Surfmusik zu zählen sind, das mir jetzt in dem Zusammenhang auch nichts sagt, für mich hört sich das eher an wie ein Soundtrack zu einem Western mit dem irgendwas nicht stimmt. Die Landschaft ist nicht weit und er spielt nicht in der Vergangenheit sondern eher in der Zukunft. Und er wird zu schnell abgespielt. Im Film wird viel gelacht und nur in die Luft geschossen und nicht auf Cowboys, Soldaten oder Indianer. Und die Pferde wiehern die ganze Zeit. Aber es ist schon ein Breitwandformat. Man merkt schon, im Grunde ist meine Suche nach dem perfekten Achtundneunzigsekundenstück auf meinem iPod noch voll im Gange.

(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 237 Stücke ist hier.)

1:39 The Durutti Column – Jazz (1980)

November 2, 2010

Ein drittes Stück von Vini Reilly (1, 2), das zweite von seinem Debüt The Return of the Durutti Column (Factory Nr. 14), dessen erste 2.000 LPs von den Bandmitgliedern von Joy Division in Sandpapierhüllen gesteckt worden waren. Reilly’s typischer, fließender Gitarrensound wird hier in ein rhythmisches Flußbett aus Bass und recht stark nach vorne gemixten Drums geleitet. Mit Jazz hat das nicht direkt etwas zu tun aber mit Rock eben auch nicht. The Durutti Column bewegen sich hier zwischen den verschiedenen Genres, was zu einem guten Teil auch ihre Originalität ausmacht.

(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 236 Stücke ist hier.)

1:40 KFC – Stumpf ist Trumpf (1980)

November 1, 2010

Aus Düsseldorf kamen ja so einige Bands, es war aber oft so, dass diejenigen, die die interessantere, radikalere Musik gemacht haben, nicht den Erfolg gehabt haben, den dann andere, weichgespültere Gruppen gehabt haben. Ich denke da gerade an Neu! und Kraftwerk sowie den KFC (Kriminalförderungsclub) und Die Toten Hosen. Mit den jeweils letzteren konnte ich nie viel anfangen, das öde Autobahn hat mich in der ersten Hälfte der Siebziger mindestens genauso gelangweilt wie in der ersten Hälfte der Achtziger der im Stadionrock herummäandernde, schwache Punkabklatsch der Hosen. Die kamen nicht mehr zum Punkt, jedenfalls später nicht mehr. Der KFC hingegen war da ganz anders. Zum einen hat er sich, wie es sich für echte Punker gehört, nach nur vier Jahren wieder aufgelöst. Zum andern hat er mit dem für sich und den Sänger Tommi Stumpf sprechenden Titel dieses hundertsekündigen Songs eine animalische, hart rockende Version von Punk mit Ohrwurmcharakter kreiert, der man schwerlich widerstehen kann. Das Lied habe ich natürlich von der exzellenten Kompilation Verschwende Deine Jugend zum gleichnamigen Buch von Jürgen Teipel.

(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 235 Stücke ist hier.)

1:41 Pixies – Isla de Encanta (1987)

Oktober 31, 2010

Donde no hay sufrimiento

Im Grunde war das schon immer mein Lieblingslied auf der Debüt-EP Come On Pilgrim und wenn ich es mir recht überlege vielleicht sogar mein liebster Pixiessong überhaupt. Er kicked ass wie es sich für eine neue Band gehört und das Riff lässt dasjenige von Smoke on the Water, von dem immer alle in meiner Schulzeit geschwärmt haben, aber sowas von uralt aussehen. Dies ist Black Francis Ode an Puerto Rico, wo er einige Zeit zugebracht hat, der Titel bezieht sich auf den Spitznamen des Eilands: „Insel der Verzauberung“.

(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 234 Stücke ist hier.)

1:42 Boards of Canada – Constants Are Changing (2005)

Oktober 30, 2010

Nur ein Satz: Mystik, Magie und Melancholie verschmelzen zu Musik.

(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 233 Stücke ist hier.)

1:43 John Carpenter – Shape Escapes (1978)

Oktober 30, 2010

Eine Filmmusik und damit eine Premiere in dieser Reihe, wenn mich mein Gedächtnis nicht trügt. Ich habe Halloween nie gesehen, meine mich aber vage an die Szene zu erinnern, wo das Thema zuerst auftaucht: In einem dunklen Raum blickt die Kamera auf einen Vorhang vor einem Fenster, auf dem plötzlich ein Schatten erscheint, der sich hin und her bewegt und dann wieder verschwindet. Fast noch schöner als diese mit Synthesizer unterlegte Keyboardfassung aus dem Film ist die Klavierinterpretation. Man sieht förmlich wie die Spannung aufgebaut wird durch die schnelle, hohe, mit der rechten Hand gespielte Melodie, der der tiefe, langsame von der linken Hand gespielte Begleitteil gegenübergestellt wird.

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1:44 Moondog – Lament 1 (1971)

Oktober 28, 2010

Irgendwie ist hier ein bisschen die Luft raus. Die Besucherzahlen wollen einfach nicht anziehen (verstehe ich ja wirklich nicht). Der letzte Urlaubshiatus hat mich etwas aus der Blogpostroutine gebracht. Die Tracks sind inzwischen so kurz, dass sie meist nur noch Intermezzi sind, keine durchkomponierten Stücke mehr, fast nur noch Instrumentals. Außerdem gibt es nur noch 20 – 30 Tracks pro Tag zu hören, wovon einige Wortbeiträge, Klatschen, Vogelgezwitscher und abgebrochene Downloads sind. Heute haben wir Glück mit dem exzentrischen Moondog, der jahrelang auf den New Yorker Straßen in seltsamen Wikinger-Outfits herumlief, denn es ist seine auch unter dem Namen Bird’s Lament bekannte Erkennungsmelodie. An Moondog fasziniert seine völlige Singularität, seine Musik ist häufig recht orchestral und dem Kontrapunkt verpflichtet, sie schwebt zwischen perkussivem Barock, Minimal Music und improvisiertem Jazz, ist unglaublich harmonisch und melodisch und in einer angenehmen Art weich. Moondog hieß ursprünglich Louis Hardin und hat sich sein Pseudonym 1947 nach seinem Blindenhund angelegt, der den Mond anheulte wie kein anderer. Begraben liegt Moondog in Münster, die letzten 25 Jahre seines Lebens war er als Straßenmusiker in Deutschland unterwegs.

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1:45 Johann Sebastian Bach – Suite g-Moll BWV 995 III Courante (ca. 1730, Óscar Cáceres)

Oktober 27, 2010

Das ist jetzt schon der dritte Tanz – vom Tempo her zwischen der gemächlichen Sarabande und der flinken Gigue – aus dieser herrlichen Lautensuite von Johann Sebastian Bach in der luziden Interpretation des Montevideoer Gitarristen Cáceres. In Der vollkommene Capellmeister (1739) schreibt Mattheson über die Courante (von mir aus dem Englischen zurückübersetzt):

Die Bewegung einer Courante ist hauptsächlich durch die Leidenschaft oder die Stimmung einer süßen Erwartung gekennzeichnet. Denn es ist etwas Inniges, etwas Sehnendes und auch Erfreuliches in der Melodie: Eindeutig Musik, auf die Hoffnungen aufbauen.

Cut. Auf der ersten Etappe auf dem Jesus Trail von Nazareth nach Cana war der Weg- und Straßenrand voller Müll. Wir sprachen später noch mit einem der amerikanischen Voluntaries in unserer Nazarether Herberge darüber und er sagte uns, dass sie vor kurzem jede Menge Müll entfernt hätten und sogar der israelische Tourismusminister da gewesen war und versprochen hatte, sich hier einzusetzen. Das Ergebnis war ernüchternd, insbesondere der Ort Mashhad kurz vor Cana ist eine einzige stinkende Müllhalde. Ich werde diese im Süden sehr verbreitete Mentalität, dass die Natur ein Feind ist und daher vermüllt werden darf nie verstehen. Was auch interessant auf dem Weg war: Den ersten israelischen Juden haben wir erst am Nachmittag des dritten Tages getroffen. 25% der Bevölkerung in den nichtbesetzten Gebieten in Israel sind Araber. Mit den besetzten Gebieten wären es noch wesentlich mehr. Kein Wunder, dass Israel denen keinen Staatsbürgerstatus geben will. Die Araber, die das Glück haben auf israelischem Territorium zu wohnen, sind nicht nur voll stimmberechtigte Bürger, sie haben sogar noch wie die Orthodoxen keine Militärpflicht. Ich glaube, die fühlen sich in Israel recht wohl, da der Lebensstandard höher, das Land wegen guter Bewässerungstechnik fruchtbarer und die Infrastruktur besser ist als in den arabischen Anrainerländern.

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1:46 Lansing-Dreiden – Dazzle Magic (2006)

Oktober 26, 2010

Dazzle Magic beschreibt die Musik des amerikanischen Künstlerkollektivs Lansing-Dreiden, dessen Mitglieder bis heute namentlich unbekannt sind, sehr gut. Es bedeutet nämlich eine Kombination aus Blendwerk und Zauber und was sie da in ihren diversen Alben abgefeuert haben in den letzten Jahren war zwar nie besonders neu, aber es klang mindestens genauso schillernd wie das Alte, ich denke da an diverse Musiken aus den Siebzigern und zwar zuallererst an Glam Rock, von dem sie sich offensichtlich haben inspirieren lassen. Bei dem Titel muss ich gerade auch an den auf dem Wasser wandelnden Jesus denken. Am Sonntag schwebte ich noch in Ein Gedi im Toten Meer bei weit über 30 Grad. In senkrechter Position guckte der Oberkörper in etwa bis zur Brust raus. Aus der Ferne hätte es so aussehen können als wäre ich durch das Wasser gelaufen. Schwenk. Ich habe ja bis heute nicht verstanden, warum die Siesta von kaum einem Unternehmen für seine Mitarbeiter angeboten wird. Noch besser wäre allerdings der Nachmittagsschlaf auf dem Rücken in einer Salzlösung. Etwas entspannenderes kann ich mir nicht vorstellen.

(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 229 Stücke ist hier.)

1:47 Wire – Champs (1977)

Oktober 13, 2010

the pace the pace,
the speed,
the need,
the need to seed,

Wire mit ihrem Kunstschulbackground oszillierten zwischen Punk und Experiment, hatten aber auch einen knack for melody und eine Affinität zu Kurzsongs, sowie eine Menge Punch und dabei meine ich nicht den Longdrink. In Champs bringen sie dies phantastisch gut auf den Punkt, in dem Lied ist wirklich jede Sekunde ein Volltreffer, es ist ein Stück perfekter Musik. Am Ende möchte man jubilieren „Hurra, Armada versenkt“.

(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 228 Stücke ist hier.)

1:48 Vashti Bunyan – Winter Is Blue (1966)

Oktober 12, 2010

Why must I stay here
Rain comes I’m sitting here
Watching love moving
Away into yesterday

Hier geht es offensichtlich um das Ende einer Liebe, das mit dem Beginn des Winters koinzidiert. Vashti Bunyan’s zärtlich-sanfte Stimme evoziert für mich Flower Power wie kaum eine andere. Passenderweise war sie eine Weile mit einem Pferdewagen unterwegs und suchte mit ihrem Partner nach einer angeblich von Donovan auf einer schottischen Insel gegründeten Künstlerkommune. Während dieser Zeit on the road schrieb sie ihre Lieder, die dann 1970 auf Just Another Diamond Day veröffentlicht wurden. Dieser Song von einer älteren Aufnahmesession war ein später veröffentlichter Bonustrack.

(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 227 Stücke ist hier.)

1:49 The Durutti Column – Sleep Will Come (1980)

Oktober 11, 2010

Peace will come and with it sleep
Forgotten dream
I clear my mind

Vini Reilly ist jemand, der seinen eigenen Sound bzw. Ton gefunden hat; man kann ihn nach wenigen Sekunden wiedererkennen. Mit seiner Spieltechnik auf der Gitarre erzeugt er einen rhythmisch ondulierenden, stark hallenden Klang, der mich etwas an New Age – das eigentlich erst später kam – erinnert. Bei dem heutigen Track fühlt sich der elastische Gitarrensound wie ein Trampolin an, in das der Hörer immer wieder zurückgeworfen wird, um dann wieder hochzuspringen. Man kann einfach nicht hinfallen, man wird immer wieder aufgefangen. Vom Titel bin ich mir nicht sicher, ob er autobiographisch ist. Ich kann ihn ganz gut nachvollziehen weil ich selber momentan nahezu täglich Schlafprobleme habe. Ich wache häufig lange vor fünf Uhr morgens auf und kann dann erst einmal nicht mehr einschlafen. Da helfen dann auch Schafzählsessions wenig. Der Schlaf kommt dann doch noch, allerdings oft erst ca. 5 Minuten bevor der Wecker gegen sieben klingelt. Toll ist in dem Moment dann immer, dass ich das Gefühl habe, aus tiefstem Schlummer zu erwachen und mich häufig phantastisch gut an meinen Traum erinnere, der dann normalerweise mittendrin abgebrochen ist.

(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 226 Stücke ist hier.)

1:50 The White Stripes – Fell in Love with a Girl (2002)

Oktober 10, 2010

can’t keep away from the girl
these two sides of my brain need to have a meeting
can’t think of anything to do yeah
my left brain knows that our love is fleeting

1. Dieses Lied ist auch in John Peel’s Singles Box, auf seine späten Tage war der britische Radio DJ ein großer Fan von Jack und Meg White, von den 142 Singles sind 15 von den White Stripes bzw. von Kollaborationen mit ihnen.
2. Die White Stripes sind so ziemlich die letzte der neuen Bands, die sich überhaupt noch in meine Gehörgänge verirrt hat. Neu war ihre Art von schweißtreibendem, primitivem Garagenbluesrock zwar absolut nicht, aber zumindest vital. Und das ist heutzutage ja schon eine ganze Menge.
3. Ich habe mal kurz einen jungen Belgier kennengelernt, der meinte, die White Stripes wären die größte Band der Welt. Und wenn man die Aussage nur auf die Bands, die seit den White Stripes gegründet worden sind bezieht, dann hat sie durchaus ihre Plausibilität.

(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 225 Stücke ist hier.)

1:51 The Lemonheads – Bit Part (1992)

Oktober 9, 2010

I just want a bit part in your life
A bit part in your life
A little more than a cameo
Nothing traumatic when I go

Ein Lied für das englische Wörter wie catchy oder kick-ass erfunden worden zu sein scheinen. Powerpop wie er im Buche steht. Wie Evan Dando und seine Lemonheads in 111 Sekunden die Party kickstarten. Neben Dando brüllt und singt hier übrigens die schöne Juliana Hatfield. Eines der ganz wenigen Lieder, ansonsten fällt mir da jetzt gerade auf die Schnelle nur Panic ein, das selbst mich alten Tanzmuffel unwiderstehlich auf die Tanzfläche hinauszieht.

(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 224 Stücke ist hier.)

1:52 The Mountain Goats – See America Right (2002)

Oktober 8, 2010

If we never make it back to California
I want you to know I love you
But my love is like a dark cloud full of rain
That’s always right there up above you

John Darnielle kenn ich ein bisschen von I Love Music und von seinem Blog Last Plane to Jakarta. Er ist ein Heavy Metal Fan, eigentlich eine Spezies, die ich aber sowas von nicht verstehe. Aber diesen Song und das Tallahassee-Album auf dem er drauf ist, kann ich sehr gut nachvollziehen. Hassliebe, Alkoholismus, Selbstzerstörung. Ein Paar, das nicht miteinander aber erst recht nicht ohne einander leben kann. Don’t we all know it? John ist glaube ich Psychotherapeut oder sowas ähnliches. Er weiß, wovon er hier singt.

(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 223 Stücke ist hier.)

1:53 Johann Sebastian Bach – Goldberg Variationen Aria (1741, Gould 1955)

Oktober 7, 2010

Die Goldberg-Variationen in der berühmten 1955er Aufnahme von Glenn Gould gehen reflektiert und präzise los, das Tempo spart sich Gould für später auf. Ich weiß nicht mehr genau in welchem Jahr es war, vielleicht 1986, jedenfalls war ich auf Interrailtour in Griechenland, Italien und Portugal, wo ich gerade noch hingekommen bin in der begrenzten Zeit. Und ich habe in allen drei Ländern rein zufällig morgens zum Frühstück in den Hostels bzw. Privatquartieren die Gouldschen Goldberg-Variationen gehört. Sie waren der Soundtrack zu meiner ersten und letzten Interrailreise. Und mit dieser Aria geht der Trip los. Es gibt schlechtere.

(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 222 Stücke ist hier.)

1:54 The Beach Boys – Caroline, No (1966/1997, a cappella)

Oktober 6, 2010

Where did your long hair go
Where is the girl I used to know
How could you lose that happy glow

Caroline hat sich verändert. Was ist nur mit ihr passiert? Warum liebt er sie nicht mehr? Wieso hat sie das glückliche Leuchten in den Augen verloren? Ist sie alt geworden? Oder hat sie sich ihr Haar schneiden lassen und hat ihn einfach verlassen? Und dieses Lied von Brian Wilson ist in Wirklichkeit nicht über ihre verblasste Schönheit sondern über seinen Liebeskummer? In any case seien wir froh, dass es mit Caroline und Brian so ein trauriges Ende genommen hat. Denn sonst gäbe es dieses wunderschöne Lied nicht, das in der reinen Vokalfassung aus den erst 1997 veröffentlichten Pet Sounds Sessions wie ich finde noch bewegender ist. Die Liebe zwischen den beiden Protagonisten wird in diesem Song sozusagen aufgehoben und kann somit gar nicht sterben.

(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 221 Stücke ist hier.)

1:55 Joy Division – As You Said (1980)

Oktober 5, 2010

Vor New Order war Joy Division und vor Joy Division war Warsaw und vor Warsaw, der Band war Warszawa, der Song (Eno & Bowie auf Low). Wieso schreib ich das? Na ja, auf meinem iPod läuft das Stück unter Warsaw und zwar als letzter Track auf der Warsaw-LP, die erst viele Jahre nach Ian Curtis‘ Tod publiziert wurde. Dabei hat er mit der Punk-Band vor Joy Division eigentlich nichts zu tun. Außer einer gewissen, sehr entfernten Ähnlichkeit – zumindest ist es auch ein ambienteskes Instrumental, allerdings mit Beats – mit dem Bowie-Stück. Ansonsten muss man natürlich sagen, dass As You Said, das als B-Seite auf der Gratissingle Komakino im April 1980 rauskam, hinausweist auf eine Zukunft der Band ohne den Sänger. Die Einfachheit des Stücks, das sich anhört wie das Ergebnis einer Rumspielerei von Stephen Morris mit dem Drum Computer und seiner Partnerin Gillian Gilbert an der Elektro-Orgel unter ausgiebiger Benutzung des Hallreglers, macht es mir sympathisch. Eigentlich ist es ein großes, schlagendes Nichts, New Order ohne Melodie, im Grunde schon so eine Art Technotrack, nur viel, viel besser natürlich. Manche Bands machen ihre ganze Karriere über nur Scheiße, andere pinkeln mal kurz in die Ecke im Probenraum und es ist große, zukunftsweisende Kunst. Ratet mal in welche Kategorie Joy Division gehören!

(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 220 Stücke ist hier.)

1:56 Ougenweide – Rumet uz die Schäemel und die Stüele (1976)

Oktober 4, 2010

Rûmet ûz die schämel und die stüele!
heiz die schragen
vuder tragen!
hiute sul wir tanzens werden müeder.
werfet ûf die stuben, sô ist ez küele,
daz der wint
an diu kint
sanfte waeje durch diu übermüeder!

(Räumt die Schemel und Stühle aus!
Lass die Tische
forttragen!
Heute wollen wir bis zum Umfallen tanzen.
Reißt die Türen auf, dann ist es luftig,
so dass der Wind
den Mädchen
kühlend durch ihre Mieder wehen kann.)

(Quelle)

Ougenweide war glaube ich die erste deutsche Band, die mittelalterliche Texte vertont hat. Sie gründeten sich 1970 und existieren bis heute und touren gerade mit einer ganz neuen CD namens Herzsprung. Dieses mittelhochdeutsche Lied ist – wie auch der Bandname – von Neidhart von Reuental (Anfang 13. Jahrhundert) und es beschreibt einen bäuerlichen Wintertanz, in dem es um das Werben um die Mädchen geht. Es hat mich damals schon im Deutschunterricht fasziniert, die Minnegesänge von Walther von der Vogelweide zu verstehen und es hat mich gewundert, dass so etwas möglich ist, dass eine Sprache in knapp 800 Jahren so relativ unverändert geblieben ist, dass man sich die Wörter mit etwas Geduld und Mühe heute immer noch herleiten kann. Ich sehe schon den Tag kommen, wo ich das Mittelhochdeutsche besser verstehe als die aktuelle Sprache der Jugendlichen. Auch daran kann man sehen, wie unglaublich sich das Leben in dieser Welt in den letzten fünfzig Jahren beschleunigt hat.

(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 219 Stücke ist hier.)

1:57 Pascal Comelade – Under My Thumb (2008, Rolling Stones 1966)

Oktober 3, 2010

Ein alter Klassiker der Stones in einer liebevollen rein instrumentalen Bearbeitung mit Glockenspiel, Harmonika, Klavier, Gitarre und diversen Schlaginstrumenten. Der Katalane Pascal Comelade, der unweit Perpignan kurz vor den Pyrenäen in Céret wohnt, hat so ein wenig die naive Kunst in die Musik gebracht. Er arbeitet sehr gerne mit Spielzeuginstrumenten wie Klavieren und Gitarren in Miniaturform und spielt mit Vorliebe bekannte Lieder nach, schreibt aber auch selber welche. Er hat mit vielen bekannten Musiker zusammengearbeitet, sehr gelungen finde ich zum Beispiel seine Kollaboration mit Robert Wyatt mit dem Namen September Song. Das eigentlich sehr machohafte Under My Thumb wird bei ihm zu einer recht rührseligen Ballade zum Schunkeln. Muss auch mal sein. Passt außerdem gut zum Oktoberfestende.

(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 218 Stücke ist hier.)

1:58 Bob Marley & the Wailers – Sun Is Shining (1971)

Oktober 2, 2010

When the morning gathers the rainbow
Want you to know I’m a rainbow too

1. Reggae ist so ein Stil, den ich zwar im Grunde ganz gerne mag, aber es gibt nur wenig Songs, die ich liebe.
2. An diesem Stück von Bob Marley haben mich sofort die atypischen Elemente fasziniert.
3. Da wäre zuerst der unheimlich schleppende Rhythmus zu nennen, um so langsame Musik zu machen, muss man mindestens einen Joint zu viel geraucht haben.
4. Dann das Klagende und das Bedrückende, was seltsam mit dem Titel kontrastiert als wollte der Sänger sagen, die Sonne scheint zwar, aber nicht für alle und zwar insbesondere nicht für seine Freunde. Hierhin passt auch, dass die Tonart anscheinend e-Moll ist. Die Wailers machen hier wirklich ihrem Namen alle Ehre.
5. Zu guter Letzt hat der Klang der Melodica mich sofort mitten ins Herz getroffen, es kommt mir vor als bündele er die Traurigkeit ähnlich wie in der Natur der Eselsschrei, wie die arme Kreatur ihre Gefühle direkt eins zu eins in Laute umsetzt, die jeder sofort verstehen kann ohne Übersetzer.

(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 217 Stücke ist hier.)

1:59 Felt – Ferdinand Magellan (1986)

Oktober 1, 2010

Felt war so eine Art Kultband in Insiderkreisen in den 80ern. Ihr Leader war der enigmatische Lawrence, dessen Nachname lange ein Geheimnis blieb. Seine Stimme hatte etwas pathetisch Glitzerndes, ein bisschen wie ein introvertierter Bryan Ferry ohne Croonerqualitäten. Na ja, die werdet ihr hier jetzt leider noch nicht – wer weiß was die Zukunft bringen wird – hören, denn es handelt sich schon wieder um ein Instrumentalstück. Auf dem Klavier dieses Mal, sehr melodisch und leicht schwermütig und etwas unter die Oberfläche gehend. Von der Leichtigkeit und Schlichtheit durchaus vergleichbar mit den kurzen Klavierstücken von Satie. Als ich es heute morgen gehört habe, dachte ich erst, es wäre von dem kanadischen Pianisten Gonzales und war dann fürbass überrascht. Der Titel passt irgendwie ganz gut auf die Musik und den Bandleader. Magellan war ja bekanntermaßen derjenige, der die erste Weltumsegelung begann, sie aber nicht selber vollenden konnte weil er beim Versuch, die Bewohner einer philippinischen Insel zu unterwerfen, ums Leben kam. Als Lawrence dann Ende der 80er Felt (Filz) auflöste, nannte er seine nächste Band, die mehr in Richtung Glam-Rock tendierte, Denim. Den großen Durchbruch schaffte er auch mit ihr nicht.

(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 216 Stücke ist hier.)

2:00 Roedelius – Freudentanz (1981)

September 30, 2010

Der heute 75-jährige Hans-Joachim Roedelius ist nicht nur ein Urgestein des Krautrock – vor allem in Cluster & Harmonia – er ist auch ein Pionier der experimentiellen, elektronischen Musik und hat vor dem Krieg als Kind in UFA-Filmen mitgespielt. Es ist bezeichnend, dass es keine deutsche Wikipediaseite über ihn gibt, sehr wohl aber eine ausführliche englische Seite (eine französische und portugiesische übrigens auch). Mit der Wahl dieses Instrumentals habe ich mich selbst überrascht, was leider nicht oft genug passiert, drei Argumente sprachen dafür. Zum einen ist es trotz der kurzen Länge unheimlich abwechslungsreich, es ereignet sich sehr viel, die elektronische Orgel – man könnte auch Synthesizer sagen – und die Keyboards vollführen wirklich einen gemeinsamen Tanz, die Informationsdichte der Musik ist sehr hoch, Shannon hätte bestimmt seine Freude daran gehabt. Zum zweiten kannte ich das Stück noch nicht und neue, unbekannte Sachen haben bei mir, wenn sie gut sind (leider ist auch das viel zu selten der Fall) sofort einen Stein im Brett. Außerdem habe ich bis dato kaum Krautrock ausgewählt und auch wenig elektronische Musik sowie noch gar nichts von Roedelius. Zu allerletzt passt der Titel natürlich phantastisch, ein Freudentanz in den letzten Tag der Arbeitswoche, den Freitag, was läge näher?

(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 215 Stücke ist hier.)

2:01 Serge Gainsbourg – Ballade de Melody Nelson (1971)

September 29, 2010

Un petit animal
Que cette Melody Nelson
Une adorable garçonne
Et si délicieuse enfant
Que je n’ai con-
Nue qu’un instant.

Fünf Jahre vor L’Homme à tête de chou hatte Gainsbourg bereits ein Konzeptalbum geschrieben, Histoire de Melody Nelson. Auch darin ging es um eine Beziehung zu einer Frau und zwar einer vierzehn Jahre jungen Lolita, die offensichtlich von seiner damaligen Begleitung Jane Birkin inspiriert war. Er hat sie erst mit ca. 20 das erste Mal getroffen, das ganze Album ist also in gewisser Weise imaginiert. Wobei die Knabenhaftigkeit von Melody eindeutig von Jane herstammt. In dem heutigen Lied haucht Birkin mehrmals den Namen ihres Chansondoubles auf ihre lasziv-mädchenhafte Weise ins Mikro. Mir gefällt hier besonders der Bass und die sehr heimelige und gut abgehangene Atmosphäre, die er zusammen mit Gainsbourg’s Sprechgesang herstellt. Auch sehr gekonnt: Die recht zurückhaltend, aber immer punktgenau eingesetzten Streicher.

(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 214 Stücke ist hier.)

2:02 Sufjan Stevens – Redford (2003)

September 28, 2010

Gerade noch bei Facebook über die neue CD von Sufjan Stevens ein bisschen abgelästert und dann das. Ganz viel Mittelmaß bei 2:02 und nur Sufjan erhebt sich über all diese Mediokrität. Dabei ist dieses Instrumentalstück nicht gerade typisch – vielleicht doch, vielleicht ist er ja erst in den letzten Jahren in diesen orchestralen Sound hineingeschlittert, der aber sowas von abtörnend ist – es ist sehr sparsam und delikat instrumentiert, neben dem Klavier gibt es noch ein bisschen wabernden Hintergrundchorgesang, wenn ich das Stück höre, dann kitzelt es meine Seele. Es kam heute genauso unvermutet wie das Geschenk, das mir eine junge, schöne Frau vorhin mit ihrem Lächeln gemacht hat.

(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 213 Stücke ist hier.)

2:03 Nick Drake – Road (1972)

September 27, 2010

You can say the sun is shining
if you really want to
I can see the moon
and it seems so clear

You can take the road
that takes you to the stars now
I can take a road
that I’ll see me through

Ganz viele phantastische Songs hier, z.B. Girlfriend in a Coma, Orgasm Addict, I’m so Tired, Griselda in der Fassung von Yo La Tengo, ein ruhiges Lied von den Kinks, das ich erst für eins von Yo La Tengo hielt u.v.a. Aber zu diesem kurzen Song von Nick Drake habe ich eine besondere Beziehung. Weil es nämlich das einzige Lied überhaupt ist, dessen Text ich auswendig kann. Damals Anfang 1980 als ich es das erste Mal gehört habe, konnte ich nicht anders als die paar Verse aufsaugen weil sie in dem Moment für mich eine tiefe Wahrheit über Nick Drake’s und mein eigenes Leben ausgedrückt haben und weil ich Angst hatte, sie zu verlieren. Wobei ich heute Nick Drake nach all dem was ich in der Zwischenzeit über ihn gelesen habe, nachträglich nicht mehr so wirklich abnehme, dass er den Weg zu den Sternen verschmäht hätte, wenn er den Erfolg denn gehabt hätte. Er ist seinen Weg gegangen, der leider eine Sackgasse war. Was mich heute etwas verstört an dem Text ist dieser Absolutheitsanspruch gekoppelt mit dem sich bequem machen in einer resignativen Haltung, die aber gleichzeitig sehr selbstgerecht ist. Und wenn ich mal ehrlich sein soll, dann war ich eigentlich nie so ein großer Mondfan, die Sonne und der Süden haben mich schon immer viel mehr angezogen. Inzwischen ist es jetzt allerdings wieder anders. Im Sommer auf dem Jakobsweg suche ich wie die Einheimischen den köstlichen, kühlen Schatten. Aber wenn es die Sonne nicht gäbe, dann gäbe es eben auch keinen Schatten.

(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 212 Stücke ist hier.)

2:04 The Feelies – Fa Cé-La (1980)

September 26, 2010

Get a message out to Mom and Dad,
„Everything is alright.“

Eines der bekanntesten Lieder der Feelies ist so kurz, dass es nur 43 Mitbewerbertracks auf meinem iPod gibt, von denen ihm keiner auch nur entfernt das Wasser reichen kann. Der flotte Song, der eigentlich fast ein Instrumental ist, gesungen wird außer dem Titel kaum etwas, ist von der ersten Platte Crazy Rhythms, die sich durch einen sehr klaren, luftigen, direkten Gitarrensound auszeichnete, der dadurch erreicht wurde, dass man die Gitarren direkt ans Mischpult angeschlossen hat ohne Verstärker oder Mikrofone zu benutzen. Sehr auffällig ist hier natürlich auch der dichte Rhythmusteppich aus diversen Schlaginstrumenten, der den Song unterfüttert und nach vorne treibt. Der Titel dieses Stücks gibt mir Rätsel auf. Da fällt mir die Tonleiter Do-Re-Mi-Fa-So-La-Si ein, da heißt es allerdings Fa-So-La, vielleicht haben die Feelies ja im Musikunterricht nicht richtig hingehört. An dem Bandnamen ist interessant, dass er wohl – wie auch der der Doors – auf Aldous Huxley zurückgeht. Ein Feelie war in Brave New World eine Fortentwicklung des Films, die außer Auge und Ohr auch den Tastsinn ansprach.

(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 211 Stücke ist hier.)

2:05 Ramones – Blitzkrieg Bop (1976, live 1977)

September 25, 2010

Shoot them in the back now
What they want, I don’t know

Zu Silvester 1977 waren die Ramones im Rainbow Theatre in London und haben ihre Show mit ihrem bekanntesten Song Blitzkrieg Bop eröffnet. Dieses Konzert wurde dann später für das Album It’s Alive ausgewählt. Wie man in dem Video sieht, das in zehn Minuten außerdem noch vier andere Songs featured, haben die Band und das Publikum gut abgerockt. Die Ramones habe ich lange überhaupt nicht wahrgenommen, aber ihre Mischung aus Melodie, Speed und Lärm, die unwahrscheinliche Fusion von Surfmusik à la Beach Boys mit Hard Rock á la MC5 und den Stooges hat schon ihren Reiz. Ich habe weiterhin Schwierigkeiten sie als eine der ersten Punkbands anzuerkennen weil Punk für mich irgendwie eine sehr britische Sache war mit viel working class Bewußtsein und die Ramones mehr etwas von einer Spaßband haben. Wie ich gerade sehe, gibt es in Berlin-Mitte das einzige Ramonesmuseum. In New York und in den Staaten generell hat sich kaum eine Sau für sie interessiert und hier werden sie im Museum verewigt. Auch wieder mal typisch.

(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 210 Stücke ist hier.)

2:06 Johann Sebastian Bach – Suite g-Moll BWV 995 IV Sarabande (ca. 1730, Óscar Cáceres)

September 24, 2010

Diese Bachsche Lautensuite im französischen Stil hatten wir in der gleichen Interpretation für Gitarre schon vor einigen Tagen; da war es der Schlussteil gewesen, der flotte Giguetanz, jetzt ist es die getragene Sarabande, ein höfischer Tanz aus der Barockzeit. Wieso schon wieder Bach? Na ja, zum einen kann es in einer Sammlung von Lieblingsmusik per definitionem nicht zuviel Bach geben, zum andern ist das hier ein wunderbares ruhiges Instrumentalstück zum Atem holen und ins Wochenende hinein chillen. Was mich hier wirklich völlig umhaut, ist die unglaubliche Langsamkeit der Musik, die geradezu paradox erscheint. Wie kann ein so kurzes Musikstück sich so viel Zeit nehmen, wie gehen so lange Pausen eigentlich in knapp über zwei Minuten rein? Das ist ein Wunder und im Grunde völlig unmöglich. Das kann nur Johann Sebastian.

P.S. Zu dem zeitlupenhaften Tempo würde übrigens ganz gut passen, dass die Sarabande wohl von einem andalusischen Fruchtbarkeitstanz herstammt. Ich muss jetzt unbedingt noch zwei Assoziationen in diesem leicht chaotischen Blogeintrag unterbringen. Zum einen strahlt die Musik für mich eine sehr starke Würde aus, zum andern finde ich, dass sie etwas von einem Understatement hat, da steckt so viel Meisterschaft drin, aber sie wird nicht ostentativ nach außen getragen.

(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 209 Stücke ist hier.)

2:07 Wire – On Returning (1979)

September 23, 2010

You’ll be sorry when the sun has roasted you to
Lobster red, nothing said

Man muss auch mal schweigen können.

(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 208 Stücke ist hier.)

2:08 Giant Sand – Unwed and Well Sped (1992)

September 23, 2010

I am well attached
but I am unwed
I got stopped by a cop
‚cause I sped.

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, sich zu erden. Man kann 600 Kilometer auf dem Jakobsweg gehen, aufs brandenburgische Land zu den Pferden und Hunden hinziehen oder sich einen Song von Giant Sand anhören. Die letzte Methode ist natürlich für den Großstädter die einfachste, das geht sogar in der U-Bahn. Der ganz große Erfolg ist Howe Gelb versagt geblieben, seine ehemaligen, jüngeren Bandkollegen Joey Burns und John Convertino, die später Calexico ohne Howe gegründet haben, haben ihn auf der Popularitätskurve ganz locker links überholt – das Szenario kenn ich doch von irgendwoher – aber ich glaube, Howe nimmt seinen Geheimtippstatus, den er seit über 25 Jahren erfolgreich verteidigt, mit Ruhe und Gelassenheit. Wir haben ihn zuletzt vor etwa einem Jahr in einem randvollen Klub in einem Rödelheimer Gewerbeviertel gesehen, der höchstens dreimal so groß wie unser Wohnzimmer war. Er war gut in Form wie eigentlich bei jedem Konzert von ihm, das ich besucht habe. Das ausgewählte Lied rumpelt herrlich irgendwo zwischen Country, Bluegrass und Indie Rock, es ist im besten Sinne down to earth.

(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 207 Stücke ist hier.)

2:09 The Smiths – Shakespeare’s Sister (1985)

September 21, 2010

I thought that if you had
an acoustic guitar
then it meant that you were
a protest singer

Ich weiß nicht, ob hier noch irgendjemand liest, was ich über die Smiths zu sagen habe, aber egal. Jetzt ist das Dutzend jedenfalls voll und ich glaube, dass es eventuell dabei bleiben könnte. Am Sonntag abend im ICE-Sprinter von Frankfurt nach Berlin stand ich ca. zehn vor zehn auf dem Gang und war zum Ausstieg am neuen Hbf bereit, da sprang mein iPod zu diesem Lied und ich konnte nicht anders als in mich hinein- und herauslächeln, keine Ahnung, ob es die Mitreisenden gemerkt haben. Mit 2 Minuten 9 hatte ich bis dahin wirklich nur mittelmäßige Lieder gehört, dieses hier war so unglaublich viel mehr im Hier und Jetzt wie die anderen, dass es weh tat. Vom Tempo her unglaublich schnell für die Smiths, das klassische R&B-Riff hat Marr wohl zuerst in 19th Nervous Breakdown von den Stones gehört, wurde aber auch von Bo Diddley und Chuck Berry verwendet. Der Titel kommt von einem feministischen Text von Virginia Woolf, wo sie sich eine Schwester von Shakespeare vorstellt, die aber selbst, wenn sie literarisch ebenso begabt gewesen wäre wie ihr Bruder, wegen der bildungsmäßigen Benachteiligung der Frauen in der damaligen Zeit niemals den Durchbruch geschafft hätte. Morrissey macht daraus eine Person, die magisch von den Klippen angezogen wird und sich dazu zwingen muss, nicht runter zu springen – Virginia Woolf hat sich ertränkt – um ihre große Liebe zu treffen. Dieses Aufsaugen diverser literarischer und musikalischer Einflüsse und das Verschmelzen zu etwas einzigartig Neuem hat das Genie der Smiths ausgemacht. Sicher spielt für meine besondere Beziehung zu dieser Band auch eine große Rolle, dass ich sie für mich selbst entdeckt habe und abends in den Discos darum betteln musste, dass sie dort etwas von ihnen auflegten. Ich glaube in den kompletten Achtzigern habe ich kein einziges Lied der Smiths im Radio gehört (p.s. kann eigentlich nicht sein, ich erinner mich jetzt an eine Sendung über und mit Morrissey im Österreichischen Rundfunk). Für mich war damals sofort klar, dass diese Band die Beatles meiner Generation waren, nur viel viel besser weil jünger und dynamischer und smarter und weil sie die besseren Melodien hatten.

(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 206 Stücke ist hier.)

2:10 The Smiths – William, It Was Really Nothing (1984)

September 20, 2010

How can you stay with a fat girl who’ll say:
„Would you like to marry me
and if you like you can buy the ring“
she doesn’t care about anything

Da hatte ich jetzt gedacht das Smiths-Kapitel in diesem Projekt wäre mit Panic und insgesamt zehn Liedern abgeschlossen, aber dann kommt doch noch ein weiterer Popdiamant aus der Feder von Marr & Morrissey auf meinem iPod. Im Juni 1984 hat Johnny Marr die Musik hierzu bei sich zuhause komponiert. Heute morgen habe ich überlegt, was ich damals gemacht habe, ich war wohl mit dem Fahrrad in Kappadokien unterwegs in Richtung Indien, ein Trip, der dann aber bald aus verschiedenen Gründen von mir abgebrochen wurde. Den Song habe ich erst ein paar Jahre später auf der wundervollen Singles- und B-Seiten-Kompilation Hatful of Hollow gehört. Es geht hier um den Rat eines Mannes an einen Geschlechtsgenossen, sie doch nicht zu heiraten, da das ja totale Zeitverschwendung wäre. Daher auch der Titel, William, da war doch eigentlich gar nichts. Das wird in dem obigen Zitat auf die Spitze getrieben, wo die Heirat mit einer fetten Frau, die gerne einen fetten Ring von ihrem Ehemann in spe hätte, verglichen wird. Die Musik ist eher unbekümmert und setzt einen Kontrapunkt zu diesem maliziösen, politisch nicht 100% korrekten, Text. Marr lässt hier seine Gitarre janglen (klirren, läuten, klingeln), dass es eine wahre Freude ist.

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2:11 Johann Sebastian Bach – Goldberg Variationen Variatio 13 (1741, Gould 1955)

September 19, 2010

Jetzt also doch die Gould-, ach nee sorry, Goldberg-Variationen. Natürlich in der flinken Aufnahme von 1955, in der die Variatio 13 ganze 27 Sekunden kürzer als in der späteren 1982er Session ist. Wieder ein Beispiel dafür, dass Bach auf anderen Instrumenten als der Orgel – für mein dilettantisches Ohr jedenfalls – oft besser klingt. Wie Glenn Gould hier über die schwarzen und weißen Tasten seines Steinway mit seinen zehn Fingern huscht, ohne dass man das Gefühl bekommt, sein Spiel wäre oberflächlich, ist schon beeindruckend. Besonders gefällt mir wie lichtdurchflutet und luzide diese Variation ist. Sie strahlt von innen heraus und reinigt den Geist, man meint klarer zu sehen, wenn man sie gehört hat, so geht es mir zumindest.

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2:12 Serge Gainsbourg – Marilou Reggae (1976)

September 18, 2010

Salutations distinguées
De petit serpent katangais

Ein weiteres – ich will immer weiterer schreiben – Chanson von L’Homme á tête de chou. Marilou, die im Frisörsalon als Haarwäscherin arbeitet, tanzt Reggae und ihre anmutigen Bewegungen lassen anzügliche Gedanken im Erzähler/Sänger aufkommen. Dies war Gainsbourg’s erster Reggae, von der Instrumentation ein bisschen cheap – die Keyboards hören sich etwas nach Heimorgel an – man könnte auch sagen minimalistisch, aber mich spricht er an. Und das ist ja erst der Beginn der Geschichte, da kommt ja noch mehr.

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2:13 The Cure – A Reflection (1980)

September 17, 2010

Eigentlich hätte hier der Garagenbluesrocker Psycho Daisies von The Henchmen feat. Jack White stehen sollen, wahrscheinlich der einzige Overlap dieses Projekts mit John Peel’s famöser Record Box, aber leider habe ich die mp3 heute morgen nicht auf den 256 mb usb stick kopiert (weil ich nicht erwartet habe, dass ich sie auswählen würde). Na ja dieses Instrumental am Anfang von Seventeen Seconds ist mindestens genauso gut oder besser. Weil es nämlich das gesamte phantastische Album in nuce darstellt. Bei diesen paar Takten höre ich Play for Today, A Forest und M vor meinem geistigen Ohr. Darüber muss man mal ein Buch oder zumindest einen Blogpost schreiben. Denn das ist für die Musik wie Prousts Madeleines für die Literatur; man hört nur einen winzigen Ausschnitt und ein gesamtes Meisterwerk, ein sagenhafter Trip in die Düsternis eröffnet sich in Gänze vor einem. Schon ziemlich erstaunlich.

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2:14 The Velvet Underground & Nico – I’ll Be Your Mirror (1967)

September 16, 2010

When you think the night has seen your mind
That inside you’re twisted and unkind
Let me stand to show that you are blind
Please put down your hands
‚Cause I see you
I find it hard to believe you don’t know
The beauty you are

Lou hat dieses Lied für Nico geschrieben, angeblich hat sie nach einem früheren Konzert zu ihm gesagt, sie sei sein Spiegel. Das würde dann bedeuten, dass Lou Nico singen lässt wie schön er ist. Das ist schon etwas strange, wenn sie den Text geschrieben hätte, wär das ja ok, aber so macht sich – der nicht so wahnsinnig ansehnliche – Lou selbst Komplimente durch den Mund einer schönen Frau. Interessant ist auch die Geschichte der Aufnahme. Nico sollte das Lied einfühlsam und sanft singen, ihre Stimme war allerdings aggressiv und schrill. Die Band ließ sie das Lied so oft wiederholen bis sie in Tränen ausbrach. Danach sang sie die definitive Version wie ein Schmusekätzchen. Es stimmt, das hier ist einer der ganz wenigen Songs, wo Nicos Stimme nicht nervt, nicht so kalt und kantig ist. Ich dachte, ich hätte irgendwo gelesen das wäre Andy Warhol’s Lieblingslied der Velvets, bei Wikipedia steht jetzt es wäre Lou’s Favorit. Egal, es ist auf jeden Fall auch ein sehr schönes Schlaflied.

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2:15 The Beatles – Revolution (1968, 2006 remix)

September 15, 2010

You tell me it’s the institution
Well, you know
You better free your mind instead

Ganz schwere Wahl heute abend, kein Lied hat mich angesprungen, viel Gutes – das mir etwas zu bubblegumeske Blitzkrieg Bop, die mir etwas zu lahme Aria da Capo am Ende der Gouldschen Goldberg Variationen, Joni Mitchell’s People’s Parties, das mit dem Folgelied Same Situation untrennbar verbunden ist – aber nichts wirklich Herausragendes. Mit den Beatles kann man so falsch nicht liegen, vor allem nicht mit einem für sie nicht sehr typischen Song, der an der Grenze zu dem was man damals Hard-rock nannte, ist. Ich finde diesen verkürzten Remix für die posthume Kompilation Love sehr gut gelungen. Der bluesige, dreckige Garagensound der Gitarren hat es mir vor allem angetan. Da steckt eine Menge Power drin und die kann ich gerade sehr gut gebrauchen.

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2:16 The Cranberries – Pretty (1993)

September 14, 2010

You’re so pretty the way you are.
And you had no reason to be so insolent to me.

Ich muss gestehen, ich habe das erste Album der Cranberries, das Folk, Indie und Pop ziemlich gekonnt verschmolz, damals geliebt, es erinnerte etwas an die Sundays, war nur irgendwie besser, insbesondere die Stimme von Dolores O’Riordan hat mich ziemlich umgehauen, sie hatte etwas von einer Unschuld vom Lande. Die Lyrics von dem heutigen Song sind ziemlich beliebig, aber das habe ich damals nicht gehört. Später als die Band dann richtig Erfolg hatte, kam Dolores immer zickiger rüber und die überproduzierte Musik wurde dann ebenfalls schnell beliebig. Pretty allerdings klingt auch heute noch frisch und unverbraucht.

(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 199 Stücke ist hier.)

2:17 The Jesus Lizard – Mouth Breather (1991)

September 13, 2010

Don’t get me wrong, he’s a nice guy, I like him just fine
But he is a mouth breather

Das war knapp, Coldplay’s Schmonzette Don’t Panic hatte meine waidwunde Seele fast umgarnt, aber dann bin ich doch noch zur Vernunft gekommen und habe mich für Hardcore statt Schmalz entschieden.

Etwas off-topic, aber nicht wirklich: Kennt jemand einen streamenden Audioplayer, der auch mit Safari funktioniert? Der Obige mit shock wave flash von Adobe offenbar nicht, jedenfalls kam auf dem iPhone vorhin eine Google-Anzeige statt des Players.

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2:18 Johann Sebastian Bach – Suite g-Moll BWV 995 VI Gigue (ca. 1730, Óscar Cáceres)

September 12, 2010

In den düsteren Zeiten während der zweiten Hälfte meines Studiums – meine Freundin hatte mich verlassen, ich versumpfte zunehmend, das Diplom schien unerreichbar wie die Eigernordwand – habe ich die therapeutische und zwar insbesondere beruhigende und tröstende Wirkung von auf der klassischen Gitarre gespielter Barockmusik erfahren. Eine der CDs, die ich damals günstig bei Zweitausendeins in der Türkenstraße hinter der LMU in München erstand, beinhaltete u.a. Lautensuiten von Bach sowie von Silvio Leopold Weiss. Diese CD hörte ich rauf und runter, meist auf repeat, wenn ich schlecht drauf war oder mich beim Studieren konzentrieren musste. Was mir an diesem kurzen letzten Teil der Bachschen Suite besonders gefällt, ist der warme, helle Klang der Gitarre. Bei Bach assoziere ich ja eher Erhabenheit, Seriösität, Schwere und manchmal sogar Dunkelheit – liegt vielleicht auch an dem für mich typischen bachschen Instrument, der Orgel und dem Ort, wo er ausgiebig gespielt wird, der Kirche – aber hier schafft es der uruguayanische Gitarrist, Licht und Leichtigkeit in die Musik zu bringen, sie quasi zu latinifizieren. Das fließt und perlt so anmutig dahin, dass es eine wahre Freude ist.

(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 197 Stücke ist hier.)

2:19 The Brian Jonestown Massacre – Mansion in the Sky (1999)

September 12, 2010

Don’t ask me what I’ve done ‚cause I would lie
Just make room in your mansion in the sky

BJM’s Leadsänger Anton Newcombe, der inzwischen in Berlin wohnt, ist ein Eklektiker wie er im Buche steht. Die psychedelische Musik seiner Band, die ursprünglich aus San Francisco stammt, ist stark beeinflusst von den großen Gitarrenbands der Sechziger wie Velvet Underground, den Rolling Stones, den Beatles und den Byrds. Hier singt Anton eine melodische, countryeske Ballade mit Gebetscharakter, in der er um Vergebung seiner schlimmen Sünden bittet und gleichzeitig einen Platz in Jesus‘ Villa im Himmel beansprucht. Etwas größenwahnsinnig, aber zumindest ist die Selbsterkenntnis da, dass er auf die Frage, was er getan hat, sowieso nur lügen würde. Klassischer Stoff aus einem Junkiehirn, wie mir scheint. Die Musik allerdings kommt doch eher zurückhaltend und demütig daher, also wenn ich G… wäre, dann würde ich mir zumindest das Lied bis zu Ende anhören.

(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 196 Stücke ist hier.)

2:20 The Smiths – Panic (1986)

September 10, 2010

I wonder to myself
Burn down the disco
Hang the blessed D.J.
Because the music that they constantly play
It says nothing to me about my life

This is what I wrote about the song a couple of years ago:

October 1986. I was on the Greek cyclade Naxos where I met a black English guy who was deejaying in a club in the main town. He was ranging his LPs as the season was over and he was about to go back to rainy England. Before he played a single for me. A song by a band from the whereabouts of Manchester I had never heard of. Called The Smiths, a name I instantly loved for its modest ubiquitousness. The song was called Panic but it took me at least seven or eight years before getting that title. From the beginning on I thought it was called after the chorus at the end, Hang the DJ. A two minutes and something pop song which didn’t impress me much at first but which somehow stayed in memory. Which became a token song for nostalgia. I don’t know how many times I asked deejays for this song. Usually because they only played music which didn’t say anything to me about my life. Sometimes they played it (as they liked the song themselves but didn’t realise why I asked for it), many times they didn’t. This song starts the wonderful compilation of singles, b-sides and 12“ extra songs called The World Won’t Listen (how could I not love that title) which came out in early 1987. Whatever Panic is about (e.g. riots in England and radio deejays who pass stupid songs on the public radio after Chernobyl has happened a couple of hours before), it has a feel of power which in the end becomes so totally overwhelming and irresistible (that kid’s choir is angelic). As if changing the music could change the world. That’s what I always liked most about Morrissey. He always incarnated the romantic side of revolution for me.

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2:21 Elliott Smith – Between the Bars (1997)

September 9, 2010

Drink up, baby, stay up all night
The things you could do, you won’t but you might
The potential you’ll be that you’ll never see
The promises you’ll only make

Shit, vorhin als ich den Liedtitel vor mich hingedacht habe, habe ich mich noch gefragt, ob Elliott Smith die bars wie in Gefängnisstäbe oder wie in Kneipen gemeint hat, aber eigentlich war es ja von Anfang an klar. Auch hier geht es wie in so vielen seiner Songs mal wieder um Drogen, um König Alkohol, um genauer zu sein. Und was er mit einem macht bzw. was er einen nicht machen lässt. Wie man sich von ihm einlullen lässt und ihn für einen guten Freund hält. Obwohl er einem doch gerade das Leben wegnimmt und den Schein an seine Stelle setzt, wenn man nicht aufpasst. Ich widme diesen Post einem, dem ich schon mal einen Eintrag gewidmet habe. Soviel kann ich sagen, er hat sich aufgerappelt aus dem Straßengraben und ist wieder auf dem Weg. Und ich nun auch und zwar ins Bett, dieser ruhige, von Elliott Smith’s sanfter Stimme vorgetragene Song eignet sich nämlich auch phantastisch als Wiegenlied. Nach dem Lauf gestern habe ich jetzt ganz fürchterliche Schmerzen im linken Knie. Wäre ich es doch mal etwas langsamer angegangen, aber die Menge hat mich irgendwie mitgerissen und ich wollte natürlich auch nicht letzter von unserem Team werden. Immer dieser verdammichte falsche Ehrgeiz.

(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 194 Stücke ist hier.)

2:22 Meat Puppets – Plateau (1983)

September 8, 2010

Who needs action
when you got words.

Noch ein Lied, das Kurt Cobain in dem MTV Unplugged Konzert von 1993 mit den Kirkwood-Brüdern gespielt hat. Hier ist das Original. Ich komme vom Firmenlauf und bin etwas groggy, so dass ich nicht viele Worte verlieren werde. Was es genau mit der Hochebene auf sich hat, weiß ich nicht, ob sie was mit der Wüste in Arizona zu tun hat? Oder mit dem Ort, wo man hinkommt, wenn man gewisse Pilze zu sich nimmt? Das ist alles völlig zweitrangig. Das Ende dieses Liedes gibt mir wirklich einen Kick, da geht die Sonne auf und es öffnet sich der Blick auf die Hochebene. Und er ist verdammt schön. So schön, dass man danach eigentlich nichts mehr zu sehen braucht. In other news nagen die Zweifel an mir. Von Tag zu Tag frage ich mich mehr und mehr, was ich hier eigentlich treibe. Und für wen. Kann mir das einer sagen, ohne einen I like it-Button zu benutzen?

(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 193 Stücke ist hier.)

2:23 Jonathan Richman – Couples Must Fight (live 2000)

September 7, 2010

Couples must fight, couples must argue
from time to time, must clear the air
when all is calm, that’s when it’s hard to

Jonathan Richman’s Musik kenne ich kaum, aber fast alles, was ich von ihm gehört habe, habe ich gemocht. Er hat so eine natürlich-direkte Art, die irgendwie auch typisch amerikanisch ist, der ich nicht widerstehen kann. Insbesondere die Liveaufnahmen haben es mir angetan, da er auf der Bühne sein Charisma voll rüberbringen kann. Understatement ist eine seiner Qualitäten, es hört sich oft roh und manchmal auch etwas unbeholfen an, was er und seine Band – früher waren das mal die Modern Lovers – da so treiben, aber sein Naturburschencharme wiegt etwaige Schwächen zigfach auf. Indie und LoFi wären ohne ihn gar nicht vorstellbar, ich glaube er gehörte zu denen, die in den Sechzigern bei den Velvet Underground Konzerten dabei waren und die dann fast alle eine Band gegründet haben. In diesem Song sticht der Gitarrenklang hervor, die Spielart erinnert mich etwas an Flamenco bzw. spanische Volksmusik.

(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 192 Stücke ist hier.)

Dear reader, watt meinst’n du?

September 6, 2010

Und jetzt kommen wir mal wieder zu einer der wirklich essentiellen Fragen des Lebens. Es geht um den Songindex, der alle Lieder auflistet, die ich im Rahmen meines diesjährigen Projekts a day a second bis jetzt ausgewählt und besprochen habe.

Wieso ich das frage? Weil es etwas Arbeit machen würde und ich faul bin und ich meine geliebten Leser nicht einfach so vor vollendete Tatsachen stellen will.

2:24 Boards of Canada – Roygbiv (1996)

September 6, 2010

Wo die beiden schottischen Brüder, die sich nach dem für Naturdokumentarfilme bekannten National Film Board of Canada genannt haben, versuchen, die sieben Farben des Regenbogens, nämlich: Red, Orange, Yellow, Green, Blue, Indigo und Violet in elektronische Musik mit analogem Equipment umzusetzen. Ich würde sagen, es ist ihnen gelungen. Es fängt etwas bedrohlich an mit der düsteren Orgel und den harten Keyboards, dazu kommen dann schleppende Maschinenbeats, sphärische Synthieklänge, das Sample einer einsilbigen Kinderstimme (ich höre „lake“) und ein paar elektronische Effekte, die üblichen Ingredienzen eines Boards of Canada Tracks halt. Was zum Wegträumen und genau das werde ich jetzt auch machen. Good night, world.

(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 191 Stücke ist hier.)

2:25 John Fahey – In Christ There Is No East Or West (1959)

September 5, 2010

Eine schwere Geburt war das heute, das abgedrehte Everybody’s Got Something to Hide Except Me and My Monkey der Beatles hätte diesem Gitarreninstrumental des Vaters des Fingerpicking fast die Show gestohlen. Wie der Titel schon andeutet, handelt es sich – passend zum heutigen Tag – um ein Kirchenlied, das John Fahey auf seiner ersten Platte Blind Joe Death noch etwas fingerfaul interpretiert. Ich habe eine andere Version von ihm, die etwas länger ist und wo es flüssiger daherkommt. Was fasziniert mich so an diesem Stück? Ich glaube es ist die Kombination aus der simplen und doch tiefen Melodie, die immer wieder repetiert wird und dem erdigen, fast schon rostigen Klang der Gitarre. Man meint zu hören, wie sehr John Fahey mit dem Instrument kämpft, wie er ihm die wohlklingenden Töne abtrotzt.

(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 190 Stücke ist hier.)

2:26 Johnny Cash – Solitary Man (2000, Neil Diamond 1966)

September 4, 2010

Melinda was mine
‚Till the time that I found her
Holdin‘ Jim
And lovin‘ him

Then Sue came along
Loved me strong
That’s what I thought
Me and Sue
But that died, too

Johnny Cash existierte auf meiner musikalischen Landkarte bis zu American Recordings, der Reihe von hauptsächlich aus Covern bestehenden Alben aus den letzten zehn Jahen seines Lebens eigentlich nicht. Ich hatte mir zwar vorher schon Live at Folsom Prison zugelegt, fand es aber enttäuschend, da es mir viel zu sehr nach Country klang. Das hätte ja nun wirklich keiner ahnen können. 😉 Die dritte Edition von American Recordings hatte phantastische Versionen exzellenter Rocksongs, von denen man nicht erwartet hätte, dass Johnny Cash sie spielen würde. Ich denke da an U2’s One, an I See a Darkness von Will Oldham, an das düster-obsessive Mercy Seat von Nick Cave und an das heute ausgewählte Lied Solitary Man. Man spürt förmlich die ganze Lebenserfahrung Johnny Cash’s in seiner auf den ersten Blick relativ gleichförmigen Interpretation. Sein hier leicht brüchiger Bassbariton gibt dem Ganzen noch eine zusätzliche Gravität. Solitary Man scheint für ihn geschrieben worden zu sein, so wie er es singt, identifiziert er sich jedenfalls zu 100% mit der mit Frauen eher glücklosen Titelfigur. Ein echter Hörgenuss sind außerdem die luziden, stromlos gespielten Gitarrenläufe. Ich glaube, ich kenne jemanden, dem das hier auch gefällt. Stimmt’s?

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2:27 Miossec – Non non non non (je ne suis pas saoul) (1995)

September 3, 2010

Je vous téléphone encore, ivre mort au matin
Car aujourd’hui, c’est la Saint Valentin
Et je me remémore notre nuit très bien
Comme un crabe déjà mort
Tu t’ouvrais entre mes mains
Ceci est mon voeu, ceci est ma prière
Je te la fais, les deux genoux à terre

1991 starb Gainsbourg, vier Jahre später kam eine Platte eines nicht mehr ganz jungen (er war 31) Bretonen raus, sie hieß Boire und auf dem Cover hatte er eine Fluppe im Maul. Der Mann kam aus Brest und hieß Christophe Miossec, vor der Musik hatte er in den Medien gejobbt. Das erste Lied auf der schwungvollen Scheibe war Non Non Non Non und ich empfand es wie eine frische von der Atlantikküste wehende Brise mit leichtem Salzgeschmack. Natürlich ging es ums Saufen und um den Sex und die Dinge, die einem wichtig sind, wenn man meint, jung zu sein. Nach Miossec kam dann leider keiner mehr. Nein. Nein. Nein.

(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 188 Stücke ist hier.)

2:28 Sophie Hunger – Walzer für Niemand (2008)

September 3, 2010

Niemand kommt rein und setzt sich hin
Den Fuß auf’n Tisch, Hand unter’s Kinn
Niemand isst hungrig mein Frühstücksmenü
Niemand kommt immer zu früh

Ich bin etwas spät dran mit meinem täglichen Musikstückchen, es ist zum zweiten Mal von der Deutschschweizerin Sophie Hunger. Hier singt sie auf deutsch und es berührt mich fast noch mehr als Round and Round. Wer nur ist dieser Niemand? Ist das ein Lied über Einsamkeit? Eins ist klar, niemand hat mir gestern so eine Gänsehaut gemacht wie Sophie Hunger.

(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 187 Stücke ist hier.)

2:29 Nick Drake – Day Is Done (1969)

September 1, 2010

When the day is done
Down to earth then sinks the sun
Along with everything that was lost and won

Gestern morgen als ich aus dem U-Bahnschacht am Hausvogteiplatz heraustrat Richtung Gendarmenmarkt sah ich einen Mann, der ein Rad schob. Er war vielleicht sechzig und normal gekleidet. Ich habe ihm ins Gesicht gesehen und schon sprach er mich an. Ich dachte erst, er wolle nach dem Weg – z.B. zur Werderschen Kirche – fragen, aber er war kein Tourist. Er bat mich darum, mir eine Frage stellen zu dürfen. Er würde draußen leben – jetzt fiel der Groschen bei mir – und es wäre sehr schwierig und blablabla. Seine Frage hat er mir nie gestellt, ich habe ihn vorher unterbrochen. Ansonsten hätte er mir wahrscheinlich lang und breit seine traurige Lebensgeschichte erzählt. Um das zu verhindern, habe ich ihm ganz schnell einen Euro gegeben. An ihm hat mich seine Professionalität beeindruckt, er achtete sehr gut auf sein Äußeres, seine Fassade war noch völlig ok. Ich weiß nicht, ob es seine Masche war oder ob es eher zufällig war weil ich ihn unterbrochen habe, aber im Grunde hat er mich gar nicht explizit angebettelt. Was bestimmt auch wichtig für Bettler ist, ist zur richtigen Tageszeit aktiv zu sein. Und morgens gegen neun ist garantiert eine gute Zeit, da die Leute noch leicht verschlafen und noch nicht so abgebrüht sind. Mit jedem Schnorrer, der einem im Laufe des Tages über den Weg läuft, wird man immuner, was dessen Probleme angeht. Das Ziel eines Bettlers muss es sein, der Erste zu sein. In diesem Business gilt ganz besonders: „The early bird catches the worm“. Was ich noch vergessen habe zu erwähnen, „mein“ Bettler hatte einen ganz leichten süddeutschen Singsang drauf, der mich so sanft und ernst vorgetragen auch positiv in seinem Sinne beeinflusst hat. Und Nietzsche hat natürlich trotzdem den Nagel auf den Kopf getroffen: „Bettler aber sollte man ganz abschaffen! Wahrlich, man ärgert sich, ihnen zu geben, und ärgert sich, ihnen nicht zu geben.“ „Mein“ Bettler hat sich nämlich selbst abgeschafft. Nach außen hin hat er nicht die Rolle eines Bettlers gespielt, er war noch er selbst und nicht jemand, der seine Selbstachtung das Klo runtergespült hat.

(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 186 Stücke ist hier.)

2:30 Penguin Cafe Orchestra – Telephone and Rubber Band (1981)

August 31, 2010

Das Penguin Cafe Orchestra hat Instrumentalmusik zwischen E und U gemacht, die immer sehr englisch im Sinne von unkonventionell und unkompliziert war. Mein Lieblingsstück von ihnen hätte mit 11 Minuten 46 Sekunden leider den zeitlichen Rahmen dieses Projekts gesprengt, der Titelname ist mindestens so schön wie die sehr einfühlsame Musik:
The Sound of Someone You Love Who’s Going Away and It Doesn’t Matter

Der Tagestrack ist vergleichsweise locker und unernst. Die Melodie besteht aus Telefontönen, dazu werden diverse Streichinstrumente gespielt. Eigentlich recht unspektakulär, aber auf jeden Fall originell und versponnen. Also genau die Art von ein itzekleines bisschen abgefahrener Musik auf die ich stehe.

(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 185 Stücke ist hier.)

2:31 Robert Wyatt – Out of Season (1997)

August 30, 2010

A late sparrow fledgling
Bathing in dust
Beneath the gaping mouth
Of the post box
(Hungry for letters home)

Zu Robert Wyatt gäbe es so einiges zu erzählen. Ende der Sechziger Drummer bei der avantgardistischen Prog- bzw. Jazzrockkapelle Soft Machine. Anfang der Siebziger fällt er sturzbesoffen bei einer Party aus dem Fenster im 4. Stock und ist anschließend querschnittsgelähmt. Sein Markenzeichen ist seine hohe, absolut unverwechselbare Stimme. Er ist bis heute, glaube ich, überzeugter Kommunist. Ich persönlich finde ja, dass niemand dem lieben Gott, wie man ihn sich so mit Bart und weißen Haaren vorstellt, ähnlicher ist als Robert Wyatt. Erstaunlicherweise habe ich noch nichts von ihm ausgewählt obwohl ich jede Menge Tonträger von ihm habe; eigentlich war ich davon ausgegangen, dass ich irgendwann Shipbuilding, das den Falklandkrieg thematisiert, aussuchen würde – meinetwegen auch in der Fassung vom Knödelbarden Elvis Costello – aber erschreckenderweise habe ich irgendwie die mp3 verlegt bzw. wohl eher nie gerippt. Shleep, die CD, auf der der Tagessong drauf ist, war mein 1997er Lieblingsalbum. Sie ist gekennzeichnet von einer außerordentlich hohen Konsistenz.

Out of Season ist eine impressionistische Angelegenheit. Posaune und Trompete vermählen sich gar wundersam zu einem haikuartigen Text über einen Spatzen, der spät flügge geworden, im Staub badet und neben dem Briefkasten mit dem riesigen, hungrigen Schlitzmaul auf Post wartet. Wenn das mal kein Selbstporträt des Künstlers als Vögelein ist. Hoffen wir, dass Robert all die Briefe bekommen hat, die er erwartet hat. Er ist dieses Jahr übrigens 65 geworden.

(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 184 Stücke ist hier.)

2:32 Erik Satie – Gymnopédie No. 3 (1888, Branford Marsalis 1986)

August 29, 2010

In dieser Reihe destilliere ich die besten Stücke aus meiner MP3-Sammlung von knapp 30.000 Titeln. Dass es schon wieder ein Instrumental geworden ist – There She Goes von den La’s war das beste Lied – passt, denn Gesang würde von der reinen Musik ja im Grunde nur ablenken, sie quasi verdünnen. Und in dieser Logik ist noch ein dritter Punkt im Zusammenhang mit der Interpretation der heute ausgewählten Komposition zu nennen. Normalerweise werden die Gymnopédies von Satie auf dem Klavier gespielt und sie haben diesen leichten, schwebenden Klang, bei dem ich mir immer Ballerinas vorstelle, die in der Luft tanzen. Aber hier ist es anders. Der Jazzer Branford Marsalis bläst die fragile, tastende Tonfolge der Melodie auf seinem Sopransaxophon. Und das führt nun zur völligen Ablösung der Musik vom Körperlichen, sie wird rein zerebral und zwar dadurch, dass nun nicht mehr diskrete Töne angeschlagen werden, die man mit Schrittfolgen assoziieren könnte, sondern stattdessen die Melodie stetig nach oben fließt. Was ich euch heute vorstelle ist somit gewissermaßen das Destillat eines Destillats eines Destillats.

(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 183 Stücke ist hier.)

2:33 The Durutti Column – Messidor (1981)

August 28, 2010

Der Messidor ist der zehnte Monat im Republikanischen Kalender der Französischen Revolution. In ihn fällt der 14. Juli. Martialisch oder revolutionär kann man The Durutti Column’s Musik nicht gerade nennen, Vini Reilly, der sich hinter dem Bandnamen verbirgt, der fast so geschrieben wird wie eine anarchistische Miliz im Spanischen Bürgerkrieg, ist eher bekannt für leicht sphärische, etwas ins Ambient abdriftende Gitarreninstrumentals. Er hat seinen eigenen Pizzicatostil entwickelt und damit auch einen fließenden, perlenden signature sound, wo die einzelnen Töne vom Himmel herunterzutropfen scheinen. 1981 veröffentlichte er seine zweite Platte LC, auf der sich auch dieses Stück befindet, in dem die offene, freudige Melodie den gemächlicheren Rhythmus überholt und scheinbar vor ihm wegläuft.

(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 182 Songs ist hier.)

2:34 The Chills – This Is the Way (1986)

August 27, 2010

Fill your head with alcohol,
comic books and drugs.

Die Chills aus Neuseeland haben mir damals als ich sie Mitte der Achtziger das erste Mal auf Bayern 2 gehört habe wirklich the chills gegeben, also eine Gänsehaut. Vor allem dieses musikalisch und textmäßig sehr einfache Lied hatte es mir angetan, da es so eine überirdische Leichtigkeit ausstrahlt und die Melodie gleichzeitig einen ungeheuren Ohrwurmcharakter hat und doch so völlig chartuntauglich ist. Bei der Melodie muss ich an muscat denken, den Aperitivwein aus der Gegend von Perpignan. Er hat eine so starke Traubensüße, dass es im Kopf wehtut, wenn man ihn zu schnell trinkt. Das ist aber ein positiver Schmerz, so ähnlich wie wenn man vor Freude weint. Die Chills waren ein klassischer Geheimtipp von den Antipoden, wie fast alle Kiwibands waren sie auf dem Label Flying Nun zu finden. Erfolg haben sie außer in den Kreisen von aficionados von independent music kaum gehabt. Ihr Mastermind Martin Phillips hat dann vor ein paar Jahren noch eine Soloplatte rausgebracht und seitdem habe ich nichts mehr gehört von ihnen.

(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 181 Songs ist hier.)

2:35 Joy Division – Leaders of Men (1977)

August 26, 2010

When your time’s on the door
And it drips to the floor
And you feel you can touch
All the noise is too much
And the seeds that are sown
Are no longer your own

Endlich mal wieder was von Joy Division, ihr habt bestimmt genauso ungeduldig darauf gewartet wie ich selber. Dies ist ein sehr früher Song von ihnen und er befindet sich auf ihrer ersten Veröffentlichung An Ideal for Living, das ist die EP mit dem von Bernard Sumner gezeichneten, trommelnden Hitlerjungen auf dem Cover. Ich glaube nicht, dass man da sehr viel hineininterpretieren sollte, zu Beginn des Punk wurde gerne provoziert und was eignete sich dazu besser als Nazifiguren. Das Stück ist insofern bemerkenswert als Ian Curtis hier noch mit seiner natürlichen, weichen Stimme singt und sie nicht durch Verlangsamung der Bandgeschwindigkeit künstlich tiefer und dunkler gemacht wird bzw. er sie entsprechend verstellt. Somit ist sein Gesang weit weniger gravitätisch und apokalyptisch als sonst, ich persönlich mag ihn so besser. Ansonsten zeigen hier auch die anderen Bandmitglieder schon, was sie drauf haben. Peter Hook spielt mit seinem Bass am Anfang das Motiv, hält sich danach aber eher zurück, sein Bass brodelt im Hintergrund an der Oberfläche so dahin, man hört fette, riesige Blasen aufsteigen. Stephen Morris trommelt bereits unglaublich virtuos mehrere Rhythmen zugleich. Bernard Sumner gelingt es, seiner Gitarre verzerrte Akkorde zu entlocken, die für den passenden Verfremdungseffekt sorgen. Das ganze Stück hat bereits den typischen Joy Division Powersound; irgendwie kann ich mir keine Band vorstellen, die von ihnen bei einem gemeinsamen Konzert nicht an die Wand gespielt worden wäre. Sie waren einfach in einer anderen Liga als die anderen. Natürlich ist das keine Musik für jeden Abend, insbesondere die Ernsthaftigkeit und völlige Humorlosigkeit gehen nach einer Weile auf die Nerven, aber dennoch bin ich immer noch hin und weg, wenn ich zufällig einen ihrer exzellenten Songs höre, sie hauen mich jedes Mal um.

(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 180 Songs ist hier.)

2:36 Kammerflimmer Kollektief – Alles Glühen (2005)

August 25, 2010

Wie die Tage draußen so werden auch die Musikstücke in diesem speziellen Teil des Internetzes immer kürzer. Auch die Allmählichkeit der Verkürzung, die man bei kurzem Zeithorizont kaum bemerken kann, läuft in der Natur und hier ziemlich parallel. Heute kann man unter dieser Adresse mal wieder gesangloser Musik lauschen. Das Kammerflimmer Kollektief aus Karlsruhe schafft es, Elektronik, Ambient, Jazz und Improvisation so zu vermischen, dass am Ende eine Musik herauskommt, die einen genauso an einen warmen Sommerregen wie an ein knisterndes Kaminfeuer erinnern kann. Die Sechs sind Meister der Eklektik, sie verbinden das Beste aus den verschiedenen Musikwelten zu etwas ganz Neuem, etwas ihnen völlig Eigenem.

(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 179 Songs ist hier.)

2:37 Serge Gainsbourg – Aéroplanes (1976)

August 24, 2010

Elle est marrante c’est une fan
Du cap’tain Cook
Elle a sur lui tout un press-book
Aussi sur Tarzan dont elle est folle comme Jane
Je la vois assez l’enlacer et lui de liane en liane
Pousser son cri en volapük
Du coté de Pamanbuk
Et moi Chita le singe qui leur cavale au cul dans la savane

Ein weiteres Liedchen des großen Serge, endlich eins von meiner Lieblingsplatte, dem Konzeptalbum L’Homme à Tête de Chou, wo es um einen Vierzigjährigen geht, der sich in eine Shampouineuse(!) verliebt. Ich habe es das erste Mal in Deinem Studio in Bel Air in Luxembourg gehört, mon trésor. Weißt Du noch, es war ganz am Anfang vor vielen, vielen Jahren, sozusagen in mythischer Vorzeit. Allein für dieses Album lohnt es sich, glaube ich, die französische Sprache zu erlernen, wobei man schon ziemlich tief in die verschiedenen Bedeutungen, unter anderem auch der sexuellen Art, der Worte eindringen muss. Dieses Lied ist in der Mitte der Platte anzutreffen, die beiden haben sich im Frisörsalon bereits kennengelernt, Marilou, so heißt die Auserwählte, hat Reggae getanzt und seine Phantasie angeregt, aber die beiden haben ihre Bekanntschaft noch nicht im Schlafgemach intensiviert. Hier faltet Marilou ganz unverfänglich Papierflieger aus Reiseprospekten und er malt sie sich als Jane aus (er war gerade mit einer zusammen) und sich selbst als Cheeta. Was für seine Bescheidenheit und seinen Realitätssinn spricht, King Kong wäre ja theoretisch auch eine Option gewesen.

(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 178 Songs ist hier.)

2:38 Bill Wells & Maher Shalal Hash Baz – The Dust of Months (2006)

August 23, 2010

Dieses Instrumentalstück gehört in die Kategorie musikalischer Archetyp. Beim ersten Hören ist man sich sicher, dass man die Melodie kennt. Sie ist universal, sie gehört uns allen. Natürlich mag ich das Zaghafte und das sehnsüchtig Schmachtende an ihr. Sentimentalität wird sowieso total unter- (nicht über-, ätsch!) -schätzt. Das Orchester von Maher Shalal Hash Baz verspielt sich auch hier wieder wunderschön und gerade diese menschlich-allzumenschliche Komponente macht seinen ganz speziellen Charme aus. Man hört diese Amateure musikalisch dilettieren und man kann nicht anders als ihre tastenden, leicht schrägen Töne lieben. Perfektion wird überschätzt, so stimmt’s.

Aufmerksam geworden auf die Band bin ich übrigens über den Eintrag hier, der auch noch genau die CD Osaka Bridge bespricht, auf der der Tagestrack drauf ist.

(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 177 Songs ist hier.)

2:39 The Velvet Underground & Nico – Femme Fatale (1967)

August 22, 2010

See the way she walks
Hear the way she talks
You’re put down in her book
You’re number 37, have a look
She’s going to smile to make you frown, what a clown
Little boy, she’s from the street
Before you start, you’re already beat

Vor um die zwanzig Jahren habe ich mir eingeredet, dass dieses scheinbar so harmlos klingende Liedchen genau die Frauen beschreibt, in die ich mich immer wieder verliebe. Heute kann ich das nicht mehr ganz nachvollziehen. Als ich vor über sieben Jahren schon mal über das Album geschrieben habe, wo das Lied drauf ist, selbst da war mir schon klar, dass es sich wohl eher um einen Mythos handelt und dass es wahrscheinlich so ist, dass femmes fatales eher für sich selbst – als für die Männer, denen sie den Kopf verdrehen – tödlich sind (siehe z. B. Nico, die hier auch den Sprechgesang bestreitet, wobei mich die Livefassung mit Lou Reed damals noch mehr mesmerisiert hat). Mit anderen Worten dieser Song ist eine Erinnerung an die Wirren der Jugend, meine ehemals intime Beziehung zu ihm ist jetzt einer abgeklärteren, eher freundschaftlichen Haltung gewichen.

(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 176 Songs ist hier.)

2:40 Serge Gainsbourg – Ford Mustang (1968)

August 21, 2010

On s’fait des langues
En Ford Mustang
Et bang!
On embrasse
Les platanes
„Mus“ à gauche
„Tang“ à droite
Et à gauche, à droite

Außerdem waren in der engeren Auswahl zwei NDW-Lieder, das supermonotone Anna von Trio und Andreas Doraus – auch wegen des Kinderchors – leicht infantiles Fred vom Jupiter. Aber Serge und Jane waren einfach cooler. Wie sie hier von einem Zungenkuss in einem Ford Mustang, mit dem sie eine Allee runterfahren, singen, der dazu führt, dass der Wagen sich um die Platanen wickelt und in der Mitte auseinanderbricht, das hat einfach Klasse. Andere Marken, die im Lied genannt werden: Kool, Coca-Cola, Browning, ein Zippo-Feuerzeug, ein Kleid von Paco Rabanne und Aspirin. Alles Sachen, die im Auto nach dem Unfall gefunden wurden, außerdem ein Scheibenwischer, flüssiges Make-Up, ein Blitzlicht, ein Schallplattenwechsler, ein Band von Edgar Allan Poe, ein Superman-Comicheft, ein Foto von Marilyn Monroe.

(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 175 Songs ist hier.)

2:41 Buzzcocks – Walking Distance (live 1978)

August 20, 2010

Wenn man es sich mal überlegt, dann sind die Buzzcocks im Grunde ja die englischen Ramones. Kurze, schnelle, melodische Songs sind auch ihr Markenzeichen. Hier spielen sie ein Instrumental, das ohne den kurzen Soundcheck und die Ansage in diesem wunderbar weichen, nordenglischen Akzent nur gerade mal zwei Minuten gedauert hätte. Der Titel des Stücks passt übrigens perfekt zum Ort des Geschehens. Die Gruppe spielt im Apollo in Manchester, locker fußläufig zu erreichen von ihrer Heimatstadt Bolton. Fast hätte ich allerdings ein Reggae-Instrumental gewählt, Izzy Royal’s Coronation Dub, eines der Lieblingslieder von John Peel, das auch in seiner bekannten Box drin war. Meine mp3 rauscht und knistert wie Schwein, man hört förmlich wie John Peel die Single zu Tode geliebt hat.

(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 174 Songs ist hier.)

2:42 Townes van Zandt – Waiting Around to Die (1969)

August 19, 2010

Now I’m out of prison, I got me a friend at last
He don’t drink or steal or cheat or lie
His name is Codeine, he’s the nicest thing I’ve seen
Together we’re gonna wait around and die

Das Lied hat Townes van Zandt mit Anfang 20 geschrieben und es nimmt im Grunde sein Leben vorweg. Früh als manisch-depressiv diagnostiziert, hat er sich langsam aber sicher zu Tode gesoffen und gespritzt. Sein 52 jähriges Leben hätte mit dem Songtitel überschrieben werden können, er hat es nicht auf die Reihe gekriegt. Und hat trotzdem phantastisch trockene und luzide Songs geschrieben, die ihm großen Respekt bei Musikern und Kritikern eingebracht haben. Ich bin kein Fan, dafür kenne ich seine Musik auch zu wenig, aber dieses Lied ist so abgründig und wird von ihm mit gerade mal 24 so nüchtern-klar und schicksalsergeben vorgetragen, dass ich einfach hinhören musste, was er da so sang und dann war es auch schon um mich geschehen und er hatte mich postmortal am Haken.

(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 173 Songs ist hier.)

2:43 Stereo Total – Orange Mécanique (2005)

August 18, 2010

Next to me were some gloopy lewdies
I asked them for
synthemescal
vellocetanol
or euphorisaker

Oh! This would sharpen me up
And make me ready for a bit of the old
Ultra violence

Endlich eine Berliner Band, es wurde aber auch so langsam Zeit. Die einleitenden Worte – z.T. aus Burgess Buch, nehme ich an – spricht zwar eine Französin mit starkem accent auf englisch, aber das passt ja eigentlich janz jut (zu Weltstadt und so). Die Melodie hat so eine neoklassisch-grandiose Anmutung à la Also sprach Zarathustra, nur besser weil nicht ganz so überkandidelt. Dann setzen sphärische Klänge ein, Theremin ick hör dir trapsen, und das Stück entführt uns in einen Klub außerhalb der Milchstraße, ich rat mal, Andromedanebel vielleicht? Esoterisch angehauchte Rentnerinnen sehe ich dazu jetzt eigentlich nicht tanzen, eher Elfen und andere alterslose Fabelwesen. Jedenfalls eine sehr schöne auditive Überraschung heute morgen in der U2 kurz nachdem sie in den Untergrund zwischen Mendelssohn-Bartholdy-Park und Potsdamer Platz eingetaucht ist. Den hammerharten, auf den Zuschauer keine Rücksicht nehmenden Film muss ich auch mal wieder angucken.

(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 172 Songs ist hier.)

2:44 Captain Beefheart & His Magic Band – Abba Zaba (1967)

August 17, 2010

Babbette baboon abba zaba zoom

Hier geht es um einen kalifornischen Schokoriegel mit Erdnussbutter in der Mitte. Don Van Vliet läuft bereits in diesem frühen Stück von dem Debüt Safe As Milk zu poetisch-dadaistischer Hochform auf. Ich hätte jetzt Stein und Bein schwören können, dass ich den Song das erste Mal am Monopteros in Gesellschaft einiger bizarrer Gestalten im Sommer 1985 auf Bongo Fury, der Livekollaboration mit Frank Zappa auf einem ollen ITT-Cassettenrecorder gehört habe, aber wie ich gerade feststellen muss, scheint er auf der Platte gar nicht drauf zu sein. Mein Musikgedächtnis ist wohl auch nicht mehr das, was es mal war. Egal, auf jeden Fall ein leicht abgedrehtes Stück Westküstenrock, ganz nach meinem Gusto.

(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 171 Songs ist hier.)

2:45 Fehlfarben – Gottseidank nicht in England (1980)

August 16, 2010

Und wenn die Wirklichkeit dich überholt,
hast du keine Freunde, nicht mal Alkohol,
du stehst in der Fremde, deine Welt stürzt ein,
das ist das Ende, du bleibst allein.

So schwer ist mir die Wahl noch nie gefallen, die Anzahl der exquisiten Musikstücke mit 2 3/4 Minuten Länge auf meinem iPod ist Legion. Aurora Borealis von den Meat Puppets z.B., eines der luzidesten Instrumentals überhaupt. Oder das erfrischende Gilles von dem Bretonen Miossec, oder das intime Spät von Tom Liwa. Oder Humor Me, einer der melodischsten Songs von Pere Ubu. Oder Southwood Plantation Road von der eine Beziehungskatastrophe ausmalenden Tallahassee der Mountain Goats. Oder wie Hille Perl was von Marais auf ihrer Kniegeige spielt. Oder Unhappy Birthday von wem wohl? Oder. Oder. Oder.

Ich überlege gerade, was ich 1980 so gemacht habe, wenn ich mich recht erinnere, ging das Jahr los mit unserem (David aus England plus Freund? plus mein Vater plus ich) 50 Kilometer-Langlaufmarathon von Kaprun nach Mittersill und zurück bei -15 Grad und saukaltem Gegenwind. Windchilltemperatur garantiert -25. Die erste Stunde waren meine Hände eiskalt gefroren obwohl sie in dicken Lederfäustlingen versteckt waren. Aber irgendwann hat sich die Körperbewegungswärme gegen die Außenkälte dann durchgesetzt, in der Gruppe wollte und konnte ich mich nicht blamieren, und meine Hände sind aufgetaut. Im Sommer war ich dann, glaube ich wieder mit David und zweien seiner Freunde im Schwarzwald und wir sind von einer Jugendherberge zur anderen gezogen. Freiburg, Titisee, Schluchsee, Ulm, Memmingen etc. Auf der ersten Etappe über den Feldberg hat es den ganzen Tag geregnet und meine Jeans war so nass, dass sie bestimmt 2-3 Kilo gewogen hat und erst nach Ewigkeiten wieder getrocknet ist. Das war die Zeit als es in Danzig mit Walesa und der Solidarnosc losging. Lustigerweise hatten wir auf unserer diesjährigen Jakobswegteilstreckenwanderung auch einen Tag mit Dauerregen. Von Varaire nach Cahors. Mit 35 km eine der längsten Etappen. Wir sind einfach durchgegangen durch den Wald mit zwei Pausen in Scheunen, wo wir uns unterstellen konnten, von 8 Uhr bis 14 Uhr. Ansonsten hätten wir uns erkältet. Nach 25 km war Schluss mit dem Regen, die Funktionsklamotten sind ratzfatz getrocknet und wir sind die letzten 2 Stunden in der Sonne nach Cahors. Die Aussicht von oben hinunter auf den Ort, der vom Lot wie von einem U umflossen wird, allein war es wert. Der Abstieg war allerdings Gift für meine Knie. Wieso schreib ich das alles? Weil ich auch mal was erzählen will.

Jetzt habe ich nichts über das Lied geschrieben. Das macht glaube ich nichts, da es für sich spricht. Einfach laut aufdrehen und die Zeitmaschine transportiert euch dreißig Jahre zurück. Und mithilfe der Coda gelingt dann wieder der Sprung zurück ins heute. Es klappt, glaubts mir.

(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 170 Songs ist hier.)

2:46 The Smiths – Handsome Devil (1983)

August 15, 2010

Let me get my hands
On your mammary glands
And let me get your head
On the conjugal bed

Ein weiteres frühes Lied der Band aus Manchester mit dem Allerweltsnamen. Die Lyrics gehen offensichtlich um Sex, wobei nicht ganz klar ist, ob zwischen pubertierenden Jungens oder zwischen einem Jungen und einer älteren Frau. Schwer vorzustellen, dass eine Band heutzutage mit einem derartigen Text nicht der politischen Inkorrektheit geziehen würde. Aber die Lyrics interessieren mich hier – bis auf den sehr prägnanten Titel – eigentlich weniger. Der Song hat vom musikalischen her etwas Bedrohliches. Er scheint sich im Verlauf zu beschleunigen, er rockt wie kaum ein anderes Lied der Smiths. Hier kommen die punkigen Wurzeln der Band zum Vorschein. Das ist hier die Peel-Session-Version, wie sie dann später auf Hatful of Hollow veröffenticht worden ist. Natürlich liebe ich auch den Garagensound, später waren die Produktionen dann glatter und perfekter. Hier hingegen kann man noch den ungeschliffenen Diamanten hören.

(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 169 Songs ist hier.)

2:47 The Dandy Warhols – Retarded (2000)

August 14, 2010

Well I really might seem retarded
But I really want to see you again

Samstag abend, es ist die Zeit für sonnige, leichte Musik. Dieses Liedchen der Dandy Warhols aus Portland an der Pazifikküste passt da sehr gut; die hymnische Melodie macht süchtig nach mehr, die Lyrics sind eher sinnbefreit, mehr braucht kein Mensch heute abend. Na dann feiert mal schön!

(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 168 Songs ist hier.)