Wie ich auf Wandrer
neidisch war als Radfahrer,
wenn es steil hoch ging
Wie ich auf Wandrer
neidisch war als Radfahrer,
wenn es steil hoch ging
Stimmen hinter mir
Quietschende Regenjacke
Als wärs ein Seufzen
Egal, ob du schläfst
Schön warm unter der Decke
Das Glück des Dösens
Gefahr beim Fasten
Nicht wieder mit dem Essen
starten zu wollen
Morgens um halb sechs
Verschiebt da jemand den Tisch?
Die Heizung läuft an.
Fastend andauernd
gemahnt werden ans Essen
von den Mitmenschen
In der Nacht um vier
Im Kopf summt ein Bienenschwarm
Im Hals ein Feuer
Die Sonne kommt raus
Der Bibelversautomat
Die Kemenate
Ich wache auf und denke es ist 6 Uhr, aber als ich genauer auf die Uhr sehe, stellt es sich raus, dass es 4 Uhr ist. Darauf eine Melatonintablette, mit der ich nach längerer Zeit wieder einschlafe, und dann nicht aus dem Bett komme. Zum Frühstück Orangensaft. Ich muss feststellen, dass ich doch wieder – wie schon auf der letzten Fernwanderung auf dem Heidschnuckenweg – das falsche Paar Wanderstöcke mitgenommen habe. Bei dem einen Wanderstock fehlt entweder ein Segment oder ich bin zu blöd, ihn auseinander zu ziehen. Die junge Frau an der Rezeption bucht versehentlich 50 Euro Depot für den Bademantel ab. Ob sie wohl meinte, ich hätte ihn in meinem 30 l Rucksack mitgenommen?
Um halb zehn bin ich endlich on the road. Draußen scheint die Sonne und es herrschen zweistellige Temperaturen. Obwohl ich das dünnere Hemd und das nicht ganz so warme Damart-Unterhemd anhabe, ist mir etwas warm. Ich gehe über einen Wiesenweg nach Stedtfeld rein.

Hier geht es über die u. a. von Flixtrain befahrenen Bahnschienen der Strecke Eisenach – Bebra und ich stoße auf den Elisabethpfad, der enttäuschenderweise an einer Straße langläuft, neben der sich dann auch noch das langgestreckte Gelände des Klärwerks befindet. Warum um Himmels willen haben die Schöpfer des Elisabethpfades hier nicht den Rennsteig genutzt, der etwas weiter auf dem Bergkamm verläuft? Ich werde heute bestimmt 80% auf Asphalt – man sagt hier Bitumen – gehen, was unnötig ist und mich fuchsteufelswild macht.


In Hörschel mündet die aus Eisenach kommende Hörsel in die Werra und es beginnt an der Werra der Rennsteig. Den ich für den meistüberschätzten deutschen Wanderweg halte. Der Weg verläuft meist im Wald oben auf dem Kamm und es gibt kaum Ausblicke. Es ist eine Art Wanderautobahn, breit und befestigt. Die Wanderer, die sich dort tummeln, sind meist bierernst und rennen ohne nach links und rechts zu gucken.
An einem Spielplatz raste ich und spreche länger mit einem einheimischen Großvater, der mit seinen Enkeln bei dem schönen Wetter mal draußen ist. Er erklärt mir die Wegführung und weist mich darauf hin, dass es auf dem Radweg weitergeht und fast nur noch Bitumen bis Creuzburg zu erwarten ist. Er wird recht behalten. Neben mir fließt nun die recht hochstehende Werra, über mir ist die Talbrücke der A4, die ich schon unzählige Male überfahren habe. Ein junges Paar und ihr Söhnchen sind auf dem Rad kaum schneller als ich zu Fuß, es geht rauf und runter. Ich plage mich den ganzen Tag ein bisschen mit diversen Hungerästen ab, die Umstellung des Körpers auf Fettverbrennung dauert ihre Zeit.

Ich erreiche nun Spichra, wo ich mir in der schnuckligen evangelischen Kirche in der Sakristei einen Pilgerstempel für den Pilgerausweis selbst erstelle.

Aus Spichra heraus geht es auf besagtem Radweg schnurgerade. Wie ich auf der App sehe, hätte es vorher eine Möglichkeit gegeben, über einen niedrigen Höhenrücken durch den Wald auf einem Wanderweg abzukürzen, was ich natürlich verpasst habe. Ich verfluche völlig sinnbefreit die Wegmacher. Sie hatten sicher ihre Gründe, es ist mein Fehler, ich hätte mich vorher informieren müssen. Links vor mir grasen Wasserbüffel und Gallowayrinder in den überschwemmten Auen. Es handelt sich um das Stiftsgut Wilhelmsglücksbrunnen, wo heute eine Käsemanufaktur betrieben wird. Hier geht es runter vom Asphalt auf einen eingeweichten Weg zwischen den Wiesen. In der Ferne sieht man linker Hand schon mein Etappenziel, die Creuzburg.
Da es noch nicht einmal ein Uhr ist, mache ich eine Trinkpause auf einer Bank mit Tisch. Es sind doch einige Leute zu Fuß und auf dem Rad unterwegs, es ist ja Samstag. Ich komme nun zur Liboriuskapelle (an der Ostseite der alten Werrabrücke), in der sich Wandmalereien von Elisabeth von Thüringen befinden. Die Kapelle ist (natürlich) geschlossen. Ich sehe später Kopien von ihnen mit guten Erklärungen in der Nicolaikirche im Ort.

Über 700 Jahre hält die Brücke, dann kommen die Nazis und sprengen am 1.4.1945 sinnlos zwei Bögen der Brücke (Verbrannte Erde), um den Vormarsch der Amerikaner noch zu stoppen. Sie wurde dann 1952 wieder eröffnet. Die Werra ist heute unter der Brücke ein reißender Strom, der Strudel an den Pfeilern bildet.
In der eindrucksvollen, großräumigen Nicolaikirche lese ich, wie gesagt, über Elisabeths in Wandmalereien festgehaltenes Leben. Ich zünde ein Teelicht an und ziehe mir einen Bibelvers aus dem Automaten, der sinnigerweise mein größtes aktuelles Problem anspricht, den Durst. Es ist Johannes 4,14.

Ich gehe nun hoch zur Burg, wo mir beim Eintritt ins Hotel-Restaurant Bratengerüche entgegenschlagen. Mein Einzelzimmer ist schon – es ist halb zwei – bezugsfertig. Ich versuche nach dem Genuss meiner Säfte erfolglos eine Siesta zu halten und gehe dann runter und trinke zwei Kännchen grünen Tee.

Nun sind meine Lebensgeister wieder geweckt. Zuerst gehe ich rüber zum Museum, das leider schon in 20 Minuten schließt. Ich gucke mir die Elisabethkemenate im Keller an, Elisabeth von Thüringen hat mehrere Jahre auf der Creuzburg gelebt und gewirkt, indem sie sich um die Armen gekümmert hat. Zwei ihrer drei Kinder sind hier geboren worden.



Über den Wehrgang geht es im 1. Stock hinüber zur aktuellen, sehenswerten Ausstellung mit vielen historischen und neuen Fotos des Ortes mit Erläuterungen.

Ich mache noch eine Tour durch den Ort und folge dem Märchen-Naturpfad mit Bäumen, die z. T. in Märchen eine Rolle gespielt haben.

Hier der Etappenüberblick über meine Fastenwanderung auf dem Elisabethpfad von Eisenach nach Marburg im Februar 2024.
Anker geworfen
doch nur vorübergehend
Offene Weite
Knackender Ofen
Auf das Holz tröpfelnder Schweiß
Zischender Aufguss
—
Der nickende Chinese
unter der kalten Dusche
Gluckerndes Wasser
Wärme strömt in den Körper
Die Explosion!
Sie wirft, der Hund läuft
Die blaue Frisbeescheibe
Der Fänger im Flug
In Regenpfützen
Auf kahlen Ästen Sprossen?
Der Himmel bedeckt
Die kalte Dusche
Stadtwohnung versus Landhaus
Lau versus eisig
Nach dem Aufstehen
Der durchdringende Geruch
des ersten Urins
Die Schwerkraft nutzen
beim herabschauenden Hund:
die Fersen senken
Der alte Mann, der
nach dem Selbstmord seiner Frau
das Haus nicht verlässt
zwischen nacht und tag
traumversunken, schlaftrunken
die welt erschaffen
Fuß vor Fuß setzen
Assembler programmieren
Schritt für Schritt zum Ziel
Faraday-Käfig
Fünf Stunden Autobahnfahrt
Gesprächsoffenheit
Die Streuobstwiesen.
Autobahn und ICE.
Durch den Tiergarten.
Äste absägen
mit den eigenen Händen
Nachhaltigkeit pur
Wer entfernt den Müll
der Kunden von McDonald’s?
Sein Name: niemand
Zähflüssiger Strom,
quer durch den Midwest fließend,
made from guitar chords
[Ratboys – Black Earth, WI]
Zwei Spechte trommeln
links und rechts der Auwiese
Mit Verzögerung
Just a perfect day,
drink Sangria in the park
…when… dark, we go home
[Lou Reed – Perfect Day]
Kimbas Blick, wenn ich
die zwei Hirschlungenstücke
aus der Tüte hol
Entschuldigungen
Gesprächsfaden gerissen
Das Feedback bleibt aus
Wo Musik, Stimme
und Clip eine perfekte
Ehe eingehen
[Men I Trust – Ring of Past]
Dreißig Minuten
in falsche Richtung fahren
und es dann merken
Krähe und Elster
auf harter Ackerkrume
Zwei Falken thronen
Samtene Stimme
Weicher badischer Singsang
Mit Jesus liiert
Abteilungsklausur
Agenda abgefrühstückt
Bitte mehr davon
Essen vergessen
Das Sprechen eine Droge
Red Bull unnötig
Hab ich vergessen,
die Heizung auszudrehen?
Der Boden rutscht weg.
Zu viert im Wagen
Fünfeinhalb Stunden vergehn
ruckzuck im Gespräch
Die Wege tauen
Räder werden geschoben
Es ist spiegelglatt
Hochsommer am See
Gegen Ende noch einmal
vom Leben kosten
Wege Eisbahnen
Schneeweiß schimmernde Nächte
Mollige Abende
Bäume, umgestürzt
Der Knoblauchweg ein Dschungel
Die Schneelast zu hoch
Ein Dalmatiner
jagt auf der weißen Wiese
um Kimba herum
Rollkoffergeräusch
Kimba flieht die Treppe hoch
Die Augen weit auf
Vom Schlaf benommen
In den Ohren ein Sausen
Das linke Knie zwickt
Wilde Tänzerin
Hat die Neurose im Griff
Barfußkämpferin
[Joan Baez – I Am a Noise]
Ans Bett genagelt
die Körperwärme spürend
ganz in sich ruhend
Sie bückt sich hinten,
pullert, wartet, dreht sich um,
schnuppert am Output
Wehmut, die berührt
Ruhige Gelassenheit
Der Kairos war da!
[Dominic Miller – Mi Viejo]
Das Fenster öffnen
Einatmen, hinausgucken
Die Welt reinlassen
In Südfrankreich Wind
Zwölf Stunden Autobahnfahrt
In Deutschland Regen
Mehr Geduld haben
Den Menschen mehr Zeit lassen
Mehr in mir ruhen
Es hat gedauert,
bis ich merkte, mein Vater
ist auch nur ein Mensch
[Apsilon – Baba]
Kormoran steht mit
ausgebreiteten Flügeln
vor den Blässhühnern

Entre vous et moi
elle fait des aller-retours
Mademoiselle Zigzague
Töne. Hingetupft.
Vom Klavier schwindlig gespielt.
Leichtfüßiger Ernst.
[Nitai Hershkovits – Of Trust and Remorse (ECM, kein Video)]
Hot vibes from Oslo
Just in time for tomorrow’s
silvester party
[Fieh – Grendehus Funkadelic live@Palace Grill]
Zwischen Weinstöcken
zwei Kaltblüter mit Schweifen
den Boden touchend
hitting the soft spot
between the left and the right
side of the matter
[bar italia – bibs]
Die Kamera läuft
Reißaus mit jungen Frauen
Petzolds erster Film
Im Dunkeln leben
Sich nicht zu sich bekennen
Ohne Gesicht sein
[Arthur H – L’anonyme]
Klavier und Stimme
im fruchtbaren Zwiegespräch
Is love always blind?
[Sunny Kim – Love (Unconfined)]
Comment marier
le jazz avec l’électro
sans aucune couture
[Joanna Duda Trio – Grasshopper]
der Küste folgend
offene Menschen treffend
auf- und absteigend
[Sentier littoral: Racou – Collioure – Racou]

bright, chiming guitars
glimmering in the sunshine
vibes from down under
[RVG – It’s Not Easy]
Die Angst davor,
zu früh ins Bett zu gehen,
um eins aufzuwachn.
Ölproblem gelöst?
Kühlwasserbehälter leer!
Trend zum Zweitauto
In Partylaune
Trashige Keyboardtöne
Durch die Nacht tanzen
[Romy – She’s on My Mind]
Ein Reh am Bahndamm
Jemand schlägt sich in den Busch
Small talk en passant
Im Wein ersaufen
sich in die Arbeit stürzen
mit Füßen beten
Das Tabuthema
unterbewusst ansprechen:
Kilimandscharo
music from a soul
stuck deep down in the basement
visceral power
[The The – Song without an Ending]
Frau und Kind flüchten
Den Soldaten an der Front
Lieder vorsingen
[Matti Friedman – Wer durch Feuer: Krieg am Jom Kippur und die Wiedergeburt Leonard Cohens]
Der Vorsitzende
der AfD nur ein Dummy
Ob er es wohl weiß?
Erst die Ohrmuscheln,
dann das Innenohr streicheln
mit Gänsedaunen
[Jakob Bro, Palle Mikkelberg, Thomas Morgan & Jon Christensen – Strands (Live Copenhague 2018)]
Das Haiku bezieht sich eigentlich auf die Version auf dem neuen Livealbum mit dem gleichen Titel, die noch ruhiger & länger ist. Sie ist in der Deezer-Playliste.