Die Sonne kommt raus
Hier war der Borkenkäfer
Heimliche Küsse
Im riesigen Frühstücksraum, der Platz für an die 100 Leute bietet, nehmen wir zu sechst an verschiedenen Tischen verstreut unsere Morgenmahlzeit ein.
Draußen ist es knapp über null Grad und trocken, die Sonne blinzelt sogar hinter der Baumstämmen. Ich nehme den im Streichen verlaufenden Chaisenweg, der mich am Ende hinauf zum Kellerskopf (474 m) führt. Hier wird ein aus Holland stammendes Wegmarkierungssystem verwandt. Jeder Wegpunkt hat eine Nummer, man läuft quasi eine Nummernfolge ab, die man sich vorher von der Karte – meine Theorie, gesehen habe ich die nicht – abgeschrieben hat. So ähnlich wie die Speisenfolge im Restaurant.

Der Kellerskopf mit dem Aussichtsturm ist leider nicht zugänglich, da hier ein Restaurant residiert, dessen Pforten meistens geschlossen sind.

Das außerordentlich schöne Wetter heute gibt mir einen Kick. Ich sinniere über die verschiedenen Umstände, die Euphoriezustände beim Wandern auslösen können. Neben dem Tageslicht, dem man mindestens 8 Stunden ausgesetzt ist – hier gilt buchstäblich carpe diem – ist die frische, sauerstoffreiche Waldesluft sowie die körperliche Anstrengung zu nennen, die zur Ausschüttung körpereigener Drogen führen kann. Bei Fastenwanderungen kommt dann noch die Wirkung des Fastens hinzu, das Leichterwerden sowie die Schärfung der Sinne.

Die Wege sind heute fest und gehen oft schnurgeradeaus. Gerade, wenn es mal ein Stück leicht abwärts geht, besteht die Gefahr, sich in Sicherheit zu wiegen und einen Abzweig zu verpassen. Genau dieses Wohlgefühl, längere Zeit anstrengungslos vor mich hinzutrotten, ist bei mir inzwischen schon fast ein Indikator dafür, dass ich falsch bin, auf jeden Fall kontrolliere ich dann die Karten-App und muss dann ggf. meinen Weg nachkorrigieren.
In der Achteckhütte, in der es etwas streng riecht, ohne dass ich den Grund finde und die wegen der acht Wege so heißt, die sich hier kreuzen, mache ich eine Apfelpause.
Am Jagdhaus Platte, dem ein modernes Glasdach aufgesetzt wurde und das man für Feiern mieten kann, befindet sich ein großer Wanderparkplatz. Das Lokal daneben ist dann auch gerade wegen einer geschlossenen Gesellschaft geschlossen. Hier stoße ich auf den Rheinhöhenweg, den älteren Bruder des Rheinsteigs, der auch auf der rechten Rheinseite, aber weiter im Landesinnern verläuft.


Ich höre in der Ferne Motorsägengeräusche und es stellt sich raus, dass vor mir ein Trupp Waldarbeiter in orangen Warnwesten dicke Laubbäume fällt. Als ich rufe, meine ich erst zu hören, der Weg wäre gesperrt. Beim Nachfragen wird mir dann gesagt, ich könnte über die Stämme steigen, wenn es mir nichts ausmachen würde. Glück gehabt.
Als Nächstes komme ich kurz vor zwölf zur Eisernen Hand, der idealen und einzigen Einkehrmöglichkeit. Hier herrscht ganz schöner Trubel. Eine bestimmt dreißigköpfige Rentnerwandertruppe fällt ein. Seltsam, auf meinem Weg habe ich so gut wie keine Wanderseele getroffen. Ich genehmige mir Backfisch mit Pommes, höre mir das Gequatsche des Typen am Nebentisch mit seiner Freundin an und ziehe wieder von dannen.
Das Dach der heutigen Etappe ist die Hohe Wurzel auf 618 m. Hier sieht es schlimm aus. Vom Fichtenbestand ist nichts geblieben, die Trockenheit in den Jahren 2018-2022 hat zu einer explosionsartigen Vermehrung des Borkenkäfers geführt, der von den Bäumen nicht viel übrig gelassen hat.

Von hier geht es nur noch bergab und zwar zuerst nach Georgenbronn und dann nach Schlangenbad, wo ich auf den Rheinsteig stoße, dem ich in den nächsten beiden Tagen folgen werde.

In Schlangenbad checke ich kurz vor drei ins Hotel ein, dusche und lege mich eine halbe Stunde aufs Ohr. Anschließend mache ich einen Rundgang durch den recht toten Ort, der schon mal bessere Zeiten gesehen zu haben scheint. Es geht an der historischen Caféhalle vorbei und dann durch den Kurpark, ich passiere zwei Kliniken sowie das Schwimmbad Äskulaptherme. In Schlangenbad gibt es aufgrund des milden Klimas eine Population von ungefährlichen Äskulapnattern, die dem Ort den Namen gegeben haben. Am Schluss wandele ich noch über die Kussallee, wo angeblich früher die Männer ihren Angebeteten im Schutz der Hainbuchen einen oder mehrere Küsse versucht haben, zu entlocken


Hier ist die Übersicht meiner Taunusdurchquerung im Dezember 2025.
Dezember 12, 2025 um 20:20
Ich war zwar nicht in Schlangenbad, dennoch … sieh da:
Dezember 13, 2025 um 09:37
Nicht schlecht, ich treffe immer nur auf Blindschleichen…
Dezember 13, 2025 um 10:38
Eine Blindschleiche ist ja auch keine Schlange. Eine Schleiche ist eine Schleiche ist eine Scheiche 😉
That’s a SNAKE:
Dezember 13, 2025 um 13:40
Das habe ich auch nie behauptet.
Dezember 13, 2025 um 13:44
Stimmt. Wo du recht hast, hast du recht. 😉