Am Knie operiert
Die Hündin nicht dieselbe
Betäubt, immobil
Am Knie operiert
Die Hündin nicht dieselbe
Betäubt, immobil
Linker Ringfinger
schräg zur Seite abgespreizt
will nicht mehr zurück
Volle Autobahn
Zwölfhundert km Südwest
Ein Kaffeepäuschen
Tropfende Nase
Eisengeschmack auf Zunge
Rahmen rotgefleckt
Lichtblume zieht um
von Saarbrücken nach Cottbus
Deutsch zu vermitteln
Train is a-rollin‘
from Bavaria to Hesse
approaching Mainhattan
[The Go-Betweens – Here Comes a City]
Morgendlich Socken
in Sockenklammern pflücken
von Wäscheleine
Charm, ease, joy, youth, looks
Voice, soul, tune, words, moves, groove, band
She has got it all
[Billie Eilish – Birds of a Feather (Tiny Desk Concert)]
Je größer das Glas,
je weniger Wein darin,
desto mehr riecht er
Drogeriemarkt, leer
Bedienstete schreckt zurück
weil ich so groß bin
E-Auto fahren
nicht aus Ideologie
sondern weil’s Spaß macht
Jeder Klavierton
ein Treffer mitten ins Herz
Langsamkeitszauber
[Ryuishi Sakamoto – for Jóhann]
Norwegerpulli
aus Dornröschenschlaf geweckt
Bergen-Memories
Knäcke, Schafskäse,
Ei, Farmersalat, Joghurt,
Orange, Walnuss
Der Himmel hängt tief
Das Boot driftet auf dem See
Der Nebel wabert
[Fennesz – Loved and the Framed Insects]
Zahlen, Schach, Wandern
Marathon, Frankreich, Haiku
Eigene Terrains
Das Handtuch im Bad
Magisch angezogen von
Zahnpastaflecken
Gruppendynamik
Mit eignen Ideen nie
direkt durchdringen
Die kurzen Blicke
Ding Lirens hoch zu Gukesh,
wenn er am Zug ist
Erst den anderen
im Zentrum kommen lassen,
dann zurückschlagen
[Gukesh – Ding Liren, 11. WM-Partie]
Ganz genau wissen,
was an welcher Stelle ist
im WG-Kühlschrank
So sanft geblasen
So filigran gesponnen
Alles nur ein Traum?
[Erik Honoré – Prague]
Neue Statistik
nach dem Ergometerritt:
Schweißhandtuchgewicht
Alterserscheinung
Andauernd strenger riechend
Eigene Pisse
Verloren im All
Da, wo das Licht nicht hinkommt
Magisch unendlich
[Thåström – Magiskt oändligt (via)]
Getrieben vom Beat
Klingelt da ein Telefon?
Die Spannung haltend
[Nik Bärtsch’s Ronin – Modul 66]
Wie sie die Treppe
runtertrappelt, zum Tor geht
und ich bin nicht da
Bei hundertzwanzig
Ein Wagen prescht rechts vorbei
Auf dem Standstreifen
Heute Permafrost
Der Nebel lichtet sich nicht
Die erste Kerze
Altpapiertonnen
Tauchen nach Bücherschätzen,
Briefkonvoluten
In der Dämmerung
Der Freiturm der Burg Kronberg
Von Mammolshain aus

Frei schwebend im Raum
An Decke hängen Töne
Völlig absichtslos
[Jakob Bro, Lee Konitz et al. – Peninsula (von Taking Turns)]
Bauchfell schimmert weiß
Ex-innerdeutsche Grenze
Fuchs auf Wiesenhang!
Da war ich sieben
Wahrscheinlich das erste Lied,
das mich umhaute
[The Carpenters – Close to You]
Streicherteppiche
Musik für wunde Seelen
Black is beautiful
[Michael Kiwanuka – Floating Parade]
Im Schaumbad liegen
Schweißtropfen rinnen vom Kopf
rice milk, vanilla
Muskatnuss, Nelken
Geschmeidig, charakterfest
Salziges Lakritz

Mitten ins Herz treffen
In der Ruhe liegt die Kraft
Eine Band gibts auch
[Fleetwood Mac – Man of the World (Beat Club, 1969)]
Wie jede Faser
sich nach dem Ergometer
vollständig entspannt
Der einzige Song,
dessen Text ich auswendig
aufzusagen weiß
[Nick Drake – Road]
Rotes Eichhörnchen
Drei Krallen in der Nussbar,
eine außerhalb
Sinistrer Einstieg
Totenglocken zum Abschied
Himmlische Streicher
[The Smiths – Last Night I Dreamt That Somebody Loved Me (more)]
Die alte Frau sucht
vor der Supermarktkasse
Dominosteine
Touch me deep inside
Suddenly change direction
Let the funk explode
[Nik Bärtsch’s Ronin – Modul 46 (orig. from Holon)]
Auf seiner Bude
Gemeinsam ganz still werden
Die Sehnsucht hören
[Eric Burdon & the Animals – Anything, danke Andi]
Rosinenklümpchen
auseinanderklamüsern
morgens im Müsli
Friseure, daran
scheiternd, Haare mit Schere
schön kurz zu schneiden
Ältere Männer,
die ganz plötzlich anfangen
mit der Genderei
Sich im Kreis drehen
Geist auf die Sprünge helfen
Zur Ruhe kommen
[Bill Evans – Peace Piece]
Der Hund schaut herab
Das Schlafanzugoberteil
gleitet hinunter
Wenn die Zeit still steht,
kann Momo den Zeit-Dieben
selbige stehlen
[Michael Ende – Momo]
Heuer gegangen
Zwei Elisabethpfade,
dann den Jakobsweg
Gegen das Stuhlbein
mit dem kleinen Zeh stoßen
Warten auf den Schmerz
Kaffeeautomat
Zwei Frauen im Dialog
Nicht stören wollen
Die Mischlingshündin
– ich sitze auf dem Sessel –
springt mir auf den Schoß
gras, à l’apogée
Pflaume, Kirsche, Brombeere
Alkoholbombe

Raus aus dem Iran
als alleinstehende Frau
mit einundvierzig
Mit Walen tanzen
Jung und alt gesellt sich gern
Am Lagerfeuer
[Tucker Zimmerman & Big Thief – Burial at Sea]
Zikadengesang
Die Erde atmet im Schlaf
In Mauerritzen
[nach Michael Endes Momo, geborgen aus dem Bücherschrank]
Ein vages Gefühl,
der Sog der leisen Töne,
die Welt verschwommen
[Lars Danielsson, Verneri Pohjola & John Parricelli – La Chanson d’Hélène (Philippe Sarde)]
Denn der Maulwurf
weiß ganz genau, warum er
immer tiefer gräbt
Bridget St John – Curl Your Toes]
Die Sonne geht auf
über Frankfurt, der Himmel
im Osten rosa

Lasst Waffen schweigen,
Soldaten auf Schlachtfeldern!
Hört diese Musik!
[Jakob Bro, Lee Konitz et al. – Aarhus]
Halsband leuchtet grün
Sie tapst durch die Nebelnacht
Augen funkeln gelb
Lampe schränkt Sicht ein
In der Luft reflektieren
Wasserkristalle
Gelbe Laubwälder
Mit 300 Sachen durch
Taunus im Nebel
[Rodolphe Burger – L’inattendu]
Die Becken streicheln
Über Tasten traumwandeln
Den Bass erfühlen
[Colin Vallon Trio – Mars]
Drei Küchenwecker
liegen in der Küche rum
Sie sucht den vierten
Gothic Synthiepop
Die Stimme kenne ich doch
The eighties are back
[Levin Goes Lightly – Numb]
Fensterblick zum Teich
Taube fliegt auf der Stelle
Krallen im Wasser
Bücher, Vehikel,
mit dem Geist vorzustoßen
in andre Sphären
Morgens aufgewacht
Die Sterbeglocken läuten
Bye, democracy
Nach einem servierten Standardfrühstück, das ich komplett verputze, mache ich mich gegen neun bei bedecktem Himmel auf. Das trübe Wetter hat gehalten, aber Regen bekomme ich glücklicherweise auch heute wieder nicht ab. Die Füße sind etwas schwergängig nach der langen Etappe gestern, außerdem laufe ich im ersten Teil viel auf der asphaltierten Straße oder auf den noch härteren Bodenplatten des Bürgersteigs, was meinen Gelenken und Füßen gar nicht behagt.
Es geht die Brüderstraße hinab ins Tal der Agger nach Overath, dem nach Siegen zweitgrößten Ort auf meiner Strecke.

Hier besichtige ich die geöffnrte katholische Kirche St. Walburga, eine recht große dreischiffige Pfeilerbasilika aus dem 12. Jahrhundert. Im Gäste- bzw. Fürbittenbuch ist der letzte Eintrag über ein halbes Jahr alt.

Ich zünde am Eingang mehrere Teelichter an und bin von der besinnlichen Stimmung angetan – ich bin allein in der Kirche – direkt vor einem Seitenaltar brennen viele unter- und nebeneinander aufgestellte Teelichter.

Abgekordelt links neben mir ein Seitenaltar, der mich mit seinen „Augen“ anzuschauen scheint.

Schließlich noch die modernen Kirchenfenster mit farbigen Segmenten, die mich etwas an die Gedächtniskirche in Berlin erinnern.

Nach einem kleinen Einkauf im Discounter geht es über die Bahngleise und die Bundesstraße an einem Reiterhof vorbei, wo mich die Frauen mit den Pferden an der Leine eine Weile in den Wald hinauf begleiten. Ich komme nach Heiligenhaus, wo ich in der Nähe des modernen Kirchengebäudes, aus dem Chorgesang schallt, eine Rast einlege.
Es geht nun wieder steil die Straße hinab zur Sülz, die ich bei Altenbrück überschreite. Hier gibt es einige alte Fachwerkhäuser, eines ist nun ein kostspieliges Restaurant.


Die moderne katholische Kirche in Untereschbach auf der anderen Seite der Sülz hat neben dem Pilgerstempel, eine Karte zu bieten mit den Anteilen der Katholiken in Deutschland, am höchsten ist der Anteil mit 77% in Passau.
Weiter geht es hinauf zum Königsforst, den ich komplett von Ost nach West auf knapp 10 km durchquere. Erst einmal mache ich meine Mittagspause in einer Schutzhütte. Die Wohltat, aus dem Schuhgefängnis auszubrechen und die Socken auszuziehen, ist unbeschreiblich.
Ich höre nun immer wieder die Schreie der in V-Formation fliegenden Kranichschwärme, die hoch oben in etwa derselben Richtung wie ich nach Westen bzw. Südwesten unterwegs sind. Es sind tausende Vögel.

Im Wald treffe ich viele sehr schnell fahrende Sportradfahrer, einer warnt mich aus der Ferne und bedankt sich, als ich auf der rechten Seite bleibe. Außerdem sind natürlich sehr viele Hunde mit Herr- bzw. Frauchen unterwegs, häufig mit jungen Paaren, die sich statt eine Familie zu gründen, einen Hund angeschafft haben.
Ich komme nun nach Köln-Brück, ein gut erhaltener, vom Krieg wenig in Mitleidenschaft gezogener Stadtteil ganz im Osten mit einigen Fachwerkhäusern. Die Olpener Straße, der ich gen Westen folge, hat hier vierstellige Straßennummern, ein Phänomen, das ich eigentlich nur aus den USA kenne. Ich passiere den von Nord nach Süd verlaufenden Mauspfad, einen historischen Handelsweg.
Hinter Brück wird es ungemütlicher, ich gehe durch Neubrück, ein Stadtrandgebiet mit Gewerbe, die Straße wird breiter, die Autos fahren schneller. Schließlich gehe ich unter der A4 durch nach links und erreiche bald mein Hotel.
Zu Abend essen tue ich heute in einem sehr gut frequentierten syrischen Lokal am Ende der Straße. Draußen unter einer Plane sitzen neben den Heizpilzen die Wasserpfeifenraucher, viele meist verschleierte Frauen. Ich bekomme innen einen Platz zugewiesen. Im ganzen Restaurant bin ich der einzige Biodeutsche (ich mag das Wort nicht, kenne aber kein besseres). Meine Mahlzeit besteht aus Fatusch (Salat mit Brotchips), Falafel und Ayran dazu. Alles sehr schön leicht.
Ich schlummere ein zu dem beruhigenden, gleichmäßigen Rauschen der Autobahn, als würde sich die Trommel der Waschmaschine im Nebenzimmer drehen.
Hier ist der Etappenüberblick der gesamten Wanderung.
Den Buggy schiebend
Baby um Brust gebunden
Glimmstengel paffend
Die Krähen krächzen
Die Autobahn rauscht dahin
Die Stöcke klackern
Eine junge Frau
antwortet auf mein „Morgen“
mit einem Lächeln
Musk, Trump, Xi Jinping
Putin, Erdoğan, Orbán
mit SpaceX ins All