Heile Weltinsel
in einem Meer von Krieg und
Umweltzerstörung
[Laura Marling – Child of Mine]
Heile Weltinsel
in einem Meer von Krieg und
Umweltzerstörung
[Laura Marling – Child of Mine]
Sie können es noch
Suhlen im tiefen Weltschmerz
Elf Minuten lang
[The Cure – Endsong]
not folk music, not jazz,
not pop music, not funk, it’s
just balladeering
[Lee Konitz on Lee Konitz, Bill Frisell, Jakob Bro, Thomas Morgan, Craig Taborn – Vinterhymne]
Herbstwaldwanderung
Füße pflügen durch das Laub
Blättermeerrauschen
Ich wache gegen 5 in unserem Zimmer in der Gartenlaube unterm Dach auf, tippe etwas Tagebuch ins Handy und döse danach noch entspannt vor mich hin, ich fühle wie mein Körper das beruhigende Melatonin ausschüttet. Ein reichhaltiges Frühstück um halb acht, es ist noch dunkel, wir sind die ersten.
Wir gehen zur nahegelegenen Elisabethkirche und machen dort ein Selfie. Hier enden die 3 Elisabethpfade von Eisenach, Frankfurt und Köln, letzteren gehen wir nun in anderer Richtung – s. stilisierte Muschel mit den Sonnenstrahlen – als Jakobsweg.

Draußen ist es recht diesig, der Nebel wird sich erst sehr langsam lichten im Laufe des Tages. Wir kommen an den spärlichen Überresten des Elisabethhospitals vorbei. Die heilige Elisabeth hat sich ja bekanntermaßen viel um die Armen und Kranken gekümmert.

Wir kommen nun an dem Denkmal zu Ehren des Medizinnobelpreisträgers Emil von Behring vorbei, dem die Stadt die Behringwerke zu verdanken hat, die sie zu einem wichtigen Pharmaziestandort gemacht hat. Biontech produziert z. B heute in Marburg Impfstoffe.
Am Ortsausgang ein Naturdenkmal, ein Baum mit fünf Stämmen, die wie überlange Finger einer Riesenhand in den Himmel ragen.

Wir kommen bald in den Wald und sehen jede Menge Pilze am Wegesrand, die vielen Niederschläge in diesem Jahr machen es sicherlich zu einem guten Pilzjahr.

Der erste Ort, den wir erreichen, ist Wehrshausen, die Menschen grüßen nett, wir befinden uns unmittelbar im Marburger Vorland, die Welt scheint hier in Ordnung zu sein.
In Elnhausen treffen wir ein junges Wanderpaar aus der Gegend mit Rucksäcken, das die Nacht in einer Hängematte in einem Turm verbracht hat. Hier gibt es auch einen Dorfladen, wo wir uns einen Kaffee im Pappbecher leisten, den wir an der überdachten Bushaltestelle zu uns nehmen.
Durch den Wald geht es hinauf zum Stackelberg, der Abzweig nach links ist leider nicht markiert, was wir aber relativ bald merken, so dass wir nur ein kleines Stück zurückgehen müssen. Im dörflichen Dilschhausen, das immer noch zu Marburg gehört, obwohl es gut 13 km vom Zentrum entfernt ist, besichtigen wir die kleine, offene Wehrkirche, tragen uns ins Gästebuch ein und holen uns den Pilgerstempel. Um den Altar herum steht die U-förmige Sitzbank, sie erinnert an das Chorgestühl in größeren Kirchen.


Über Wiesen und Felder geht es nach Diedenshausen, das nicht mehr zu Marburg, sondern zu Gladenbach gehört. Wir haben jetzt mit ca. 17 km mehr als die Hälfte unserer heutigen Etappe geschafft und gönnen uns die Mittagsrast. Eine neue Bank unweit der leider geschlossenen Fachwerkkirche lädt uns ein, unsere beim Frühstück geschmierten Stullen bzw. Brötchen zu verzehren. Die Temperatur ist mit etwas über 15 Grad angenehm, wir ziehen die Wanderschuhe aus und schöpfen Kraft für die restlichen 12 km.

Nun geht es unter einer größeren Straße durch Richtung Herzhausen. Hier treffen wir einen kleinen, aufgeweckten Jungen mit einem E-Roller, der damit die langen Auf- und Abstiege rauf- und runterpest. Seine Mutter und Großmutter spazieren seelenruhug hinterher und lassen ihm alle Freiheit dieser Welt.
Wir haben inzwischen fast vier Uhr, der Nebel lichtet sich endgültig und die Sonne kommt heraus. Sonnenblumenfelder sind ungeernet verdorrt, wir gehen der tiefstehenden Sonne entgegen, die uns fast blendet.

Das letzte Stück nach Niedereisenhausen zieht sich ewig, neben Kühen auf den Weiden treffen wir heute auf einige Reiterinnen. Auf einer Pferdekoppel rechts des Weges zwei Schimmel, die uns interessiert aus der Ferne beäugen. Sie bekommen von uns neben Gras, Mohrrüben auch Kohlrabi, so dass sie uns hoffentlich in guter Erinnerung behalten.

Wir kommen kurz vor 18 Uhr in Obereisenhausen an, von wo es nicht mehr weit zu unserem Ziel Niedereisenhausen ist. Die beiden Ortsteile von Steffenberg gehen ineinander über. Wir beziehen unser Doppelzimmer bei netten Gastgebern, die uns schon von weitem begrüßen, duschen uns den Staub und Schweiß von der Haut und entspannen uns. In der Dunkelheit gehen wir noch kurz einkaufen und essen in einer von einem Türken geführten Pizzeria zu Abend. Ich falle um halb elf innerhalb von wenigen Sekunden in tiefen Schlaf, wache erst gegen vier Uhr Winterzeit auf und döse relaxed.
Hier ist der Etappenüberblick der gesamten Wanderung.
Die letzte Musik
vor dem Exitus oder
die erste danach
[Arvo Pärt – Da Pacem Domine]
Die schwarzen Oliven
Alle wieder ausgekotzt
Der Wackerstein blieb
The lyrics naïve,
the build-up legendary,
what a killer song!
[Neil Young – Cortez the Killer (Live Rust) (via)]
Wouldn’t it be great
to leave the machines on stage
and go to the bar?
[New Order – 5 8 6]
Vom Album, zu dem
wir so oft Sex hatten wie
zu keinem andern
[Idaho – Skyscrape]
Sirenengesang
Trancetanz zu Maschinenbeats
durch Nebelschwaden
[Kelly Lee Owens – Dreamstate]
Sie zieht mich gleich rein,
fragt, ob ich da draußen bin.
Der Beat schön schleppend.
[Poe – Hello]
Der Ofen bollert
Das beige Mischgetränk dampft
Der Herbst hält Einzug
[BMX Bandits – Serious Drugs]
erfrischend, hefig,
hopfig, schaumig, bananig,
ein bayrisches Bier
Rückblick aufs Leben
Als spräche der liebe Gott
nach seinem Exit
[Leonard Cohen – Happens to the Heart]
Aus der Fruchtblase
Ein Schrei. Der erste Atemzug
Die Lunge füllen
[Gerry Rafferty – Baker Street (via)]
Wie neugeboren
Knapp eine halbe Stunde
Ergometerfahrt
Vom Balkon Töne
Aus Südosten ein Lüftchen
Windspielsymphonie
Sprinter knackevoll
Rotkäppchen im Bordbistro
Zu früh in Berlin
Telefonanruf
Flashback-Katalysator
Liebe rostet nicht
[Joan Baez – Diamonds and Rust (bbc soul music)]
Braunes Eichhörnchen
Haselnussbar aufgesucht
Köpfchen eingesetzt

Auf dem Speierling
sitzt ein schwarzer Greifvogel,
schwebt majestätisch
Wir fahren hundert
Frau auf dem Seitenstreifen
hält das Schild „ULM“ hoch
nur noch frühmorgens
konzentriert lesen können
abends wegpennen
Streuobstwiesenweg
Dämmerung. Hinterm Maisfeld
lugt ein Reh hervor.
Feuchtkühles Wetter
Sechs Regenjackentaschen
voller Walnüsse
Wie hypnotisiert
Sich dem Grasbüschel nähern,
wo sie gemacht hat
Der Endspurt reicht nicht,
die Nachbarin, die grade
losläuft, einzuholn
Flasche dickwandig
Korken mit Wachs versiegelt
Des fruits rouges, dépot

take me on your trip
you will not be so alone
flutes will follow us
[The Weather Station – Neon Signs]
Ein junges Pärchen
– er Brasilianer, sie Thai –
schlummert hinter mir
Oben verschwinden
Windradflügel im Nebel
Nur kurz im Limbo
Für den Frieden
hier zu protestieren, ist
wohlfeil und zynisch
Im Straßenverkehr
nur auf die Autos achten,
nie auf die Fahrer
Topfpflanzen gießen
Wasser sickert in Erde
Hörst du das Glucksen?
Johnson hats gewusst
Die vollendete Einheit
Die Freiheit feiern
Das Cello klagt weh
Synthiesounds wirbeln im Kreis
Beats flattern davon
Gehen und Schreiben
Fuß- und Handbewegungen
Langsame Rhythmen
[Von Wegen und Umwegen (Anthologie)]
The Scottish accent
The seamless fingerpicking
The cat everywhere
[Donovan – Summer Day Reflection Song]
Dein Anschlag ein Fluss
Von Klaviertasten tropfen
Töne herunter
Die Wände zittern
Die Ohren an der Decke
Der Kosmos stürzt ein
[Mabe Fratti – Kravitz]
Am seidnen Faden
Klaviertöne im Himmel
Sie sind reif, pflück sie!
[Roger Eno – Above and Below]
Erste Herbststürme
Unterm Walnussbaum suchen
Als wär es Ostern
Ausgeschlafensein
nach schlaflosen Nächten
richtig genießen
Linie öffnen
Die Schwerfiguren tripeln
König mattsetzen
An Kimba schnüffeln
vier weiße Retrieverlein,
vier Monate alt
Morgenspaziergang
Geruch geschmorter Zwiebeln
steigt in die Nase
Mit Nelken und Zimt
Birne in Rotwein gekocht
Köstliche Mélange
Blassklare Robe
Frisch, leicht, Zitronenbukett
Wirkung instantan

Trete aus dem Tor
Kimba sieht mich, auf mich zu
fliegt ein Wollknäuel
ganz sacht der anschlag
zeit steht still in jedem ton
so tief, so traurig
[Anna Gourari – Konzert in d-Moll (Adagio), BWV 974 (Alessandro Marcello transkribiert von JS Bach)]
Der Weg nach oben
Auf Morgensonnenstrahlen
Tautropfen funkeln
[Yo-Yo Ma – Sicilienne, op. 78 (Gabriel Fauré)]
Bordeaux-Weinprobe
Ersten Wein beim zweiten Mal
nicht wiedererkannt
Ein Trompetenton,
Herzen schmelzend in nem Bett
aus Daunenfedern
[Avishai Cohen – The Seventh]
Sie pflegt ihn zuhaus
Das Babyphone Nabelschnur
Der morgende Tag
[Helga Schubert – Der heutige Tag]
Nach dem Durchbeißen
auf der Höllenmaschine
Eins mit dem Körper
Sie schluchzt, bittet mich,
die Türe zuzumachen
Ich versteh warum
Töne wiegen schwer
Klavier trifft Klarinette
Der Drachen steigt auf
[Louis Sclavis & Benjamin Moussay – Loma del Tanto]
Gut artikuliert
verständlich rappen können
nur ganz wenige
[Antilopen Gang – Für wenige]
Das Magenknurren
Immer wieder exakt zur
selben Tageszeit
Im Kanon singen
wir „Viel Glück und viel Segen“
Da fällt der Groschen
Wasserhahn tropft leicht
Wespe nimmt Feuchtigkeit auf
am Rand der Dichtung
Wasserhahn tropft leicht
In Tasse darunter schwimmt
Wespenkadaver
Die Mitfahrerin:
Werden die angetrieben,
all die Windräder?
Im Bett. An der Wand
Der Schatten eines Berges
Mein eigenes Knie
Wenn ich bei euch bin
Gefühl, ich kann nicht helfen
Aber das stimmt nicht
Aus der Waschküche
Frühmorgens leise Stimmen
Philemon, Baucis
Nach dem Aufstehen
Aus Humpeln wird runder Gang
Linker Meniskus
Die Lider schließen
Die Handflächen auflegen
Die Wärme spüren
Ein Zuber Wasser
Frontscheibe undurchsichtig
Autobahn. Hundert.
Punkte verbinden
Töne, aus Fingern fließend
Zum Ursprung zurück
[Bill Evans – Minha (All Mine)]
Speierling, Malve
Topinambur, leuchtend gelb
Ein laues Lüftchen
Verwirrungsstifter
Wer ihm zuhört, verloren
Seine Worte Gift
Streuobstwiesenweg
gepflastert mit Nacktschnecken
Weltherrschaft missglückt
Rücken rundmachen
Maul auf, Zunge raus, gähnen
Was hinten rauskommt