Alles Vertrauen
in die Menschen verloren
Den Fuchs gefunden
So sanft geblasen
So filigran gesponnen
Alles nur ein Traum?
[Erik Honoré – Prague]
Neue Statistik
nach dem Ergometerritt:
Schweißhandtuchgewicht
Alterserscheinung
Andauernd strenger riechend
Eigene Pisse
Verloren im All
Da, wo das Licht nicht hinkommt
Magisch unendlich
[Thåström – Magiskt oändligt (via)]
Getrieben vom Beat
Klingelt da ein Telefon?
Die Spannung haltend
[Nik Bärtsch’s Ronin – Modul 66]
Wie sie die Treppe
runtertrappelt, zum Tor geht
und ich bin nicht da
Bei hundertzwanzig
Ein Wagen prescht rechts vorbei
Auf dem Standstreifen
Heute Permafrost
Der Nebel lichtet sich nicht
Die erste Kerze
Altpapiertonnen
Tauchen nach Bücherschätzen,
Briefkonvoluten
In der Dämmerung
Der Freiturm der Burg Kronberg
Von Mammolshain aus

Frei schwebend im Raum
An Decke hängen Töne
Völlig absichtslos
[Jakob Bro, Lee Konitz et al. – Peninsula (von Taking Turns)]
Bauchfell schimmert weiß
Ex-innerdeutsche Grenze
Fuchs auf Wiesenhang!
Da war ich sieben
Wahrscheinlich das erste Lied,
das mich umhaute
[The Carpenters – Close to You]
Streicherteppiche
Musik für wunde Seelen
Black is beautiful
[Michael Kiwanuka – Floating Parade]
Im Schaumbad liegen
Schweißtropfen rinnen vom Kopf
rice milk, vanilla
Muskatnuss, Nelken
Geschmeidig, charakterfest
Salziges Lakritz

Mitten ins Herz treffen
In der Ruhe liegt die Kraft
Eine Band gibts auch
[Fleetwood Mac – Man of the World (Beat Club, 1969)]
Wie jede Faser
sich nach dem Ergometer
vollständig entspannt
Der einzige Song,
dessen Text ich auswendig
aufzusagen weiß
[Nick Drake – Road]
Rotes Eichhörnchen
Drei Krallen in der Nussbar,
eine außerhalb
Sinistrer Einstieg
Totenglocken zum Abschied
Himmlische Streicher
[The Smiths – Last Night I Dreamt That Somebody Loved Me (more)]
Die alte Frau sucht
vor der Supermarktkasse
Dominosteine
Touch me deep inside
Suddenly change direction
Let the funk explode
[Nik Bärtsch’s Ronin – Modul 46 (orig. from Holon)]
Auf seiner Bude
Gemeinsam ganz still werden
Die Sehnsucht hören
[Eric Burdon & the Animals – Anything, danke Andi]
Rosinenklümpchen
auseinanderklamüsern
morgens im Müsli
Friseure, daran
scheiternd, Haare mit Schere
schön kurz zu schneiden
Ältere Männer,
die ganz plötzlich anfangen
mit der Genderei
Sich im Kreis drehen
Geist auf die Sprünge helfen
Zur Ruhe kommen
[Bill Evans – Peace Piece]
Der Hund schaut herab
Das Schlafanzugoberteil
gleitet hinunter
Wenn die Zeit still steht,
kann Momo den Zeit-Dieben
selbige stehlen
[Michael Ende – Momo]
Heuer gegangen
Zwei Elisabethpfade,
dann den Jakobsweg
Gegen das Stuhlbein
mit dem kleinen Zeh stoßen
Warten auf den Schmerz
Kaffeeautomat
Zwei Frauen im Dialog
Nicht stören wollen
Die Mischlingshündin
– ich sitze auf dem Sessel –
springt mir auf den Schoß
gras, à l’apogée
Pflaume, Kirsche, Brombeere
Alkoholbombe

Raus aus dem Iran
als alleinstehende Frau
mit einundvierzig
Mit Walen tanzen
Jung und alt gesellt sich gern
Am Lagerfeuer
[Tucker Zimmerman & Big Thief – Burial at Sea]
Zikadengesang
Die Erde atmet im Schlaf
In Mauerritzen
[nach Michael Endes Momo, geborgen aus dem Bücherschrank]
Ein vages Gefühl,
der Sog der leisen Töne,
die Welt verschwommen
[Lars Danielsson, Verneri Pohjola & John Parricelli – La Chanson d’Hélène (Philippe Sarde)]
Denn der Maulwurf
weiß ganz genau, warum er
immer tiefer gräbt
Bridget St John – Curl Your Toes]
Die Sonne geht auf
über Frankfurt, der Himmel
im Osten rosa

Lasst Waffen schweigen,
Soldaten auf Schlachtfeldern!
Hört diese Musik!
[Jakob Bro, Lee Konitz et al. – Aarhus]
Halsband leuchtet grün
Sie tapst durch die Nebelnacht
Augen funkeln gelb
Lampe schränkt Sicht ein
In der Luft reflektieren
Wasserkristalle
Gelbe Laubwälder
Mit 300 Sachen durch
Taunus im Nebel
[Rodolphe Burger – L’inattendu]
Die Becken streicheln
Über Tasten traumwandeln
Den Bass erfühlen
[Colin Vallon Trio – Mars]
Drei Küchenwecker
liegen in der Küche rum
Sie sucht den vierten
Gothic Synthiepop
Die Stimme kenne ich doch
The eighties are back
[Levin Goes Lightly – Numb]
Fensterblick zum Teich
Taube fliegt auf der Stelle
Krallen im Wasser
Bücher, Vehikel,
mit dem Geist vorzustoßen
in andre Sphären
Morgens aufgewacht
Die Sterbeglocken läuten
Bye, democracy
Nach einem servierten Standardfrühstück, das ich komplett verputze, mache ich mich gegen neun bei bedecktem Himmel auf. Das trübe Wetter hat gehalten, aber Regen bekomme ich glücklicherweise auch heute wieder nicht ab. Die Füße sind etwas schwergängig nach der langen Etappe gestern, außerdem laufe ich im ersten Teil viel auf der asphaltierten Straße oder auf den noch härteren Bodenplatten des Bürgersteigs, was meinen Gelenken und Füßen gar nicht behagt.
Es geht die Brüderstraße hinab ins Tal der Agger nach Overath, dem nach Siegen zweitgrößten Ort auf meiner Strecke.

Hier besichtige ich die geöffnrte katholische Kirche St. Walburga, eine recht große dreischiffige Pfeilerbasilika aus dem 12. Jahrhundert. Im Gäste- bzw. Fürbittenbuch ist der letzte Eintrag über ein halbes Jahr alt.

Ich zünde am Eingang mehrere Teelichter an und bin von der besinnlichen Stimmung angetan – ich bin allein in der Kirche – direkt vor einem Seitenaltar brennen viele unter- und nebeneinander aufgestellte Teelichter.

Abgekordelt links neben mir ein Seitenaltar, der mich mit seinen „Augen“ anzuschauen scheint.

Schließlich noch die modernen Kirchenfenster mit farbigen Segmenten, die mich etwas an die Gedächtniskirche in Berlin erinnern.

Nach einem kleinen Einkauf im Discounter geht es über die Bahngleise und die Bundesstraße an einem Reiterhof vorbei, wo mich die Frauen mit den Pferden an der Leine eine Weile in den Wald hinauf begleiten. Ich komme nach Heiligenhaus, wo ich in der Nähe des modernen Kirchengebäudes, aus dem Chorgesang schallt, eine Rast einlege.
Es geht nun wieder steil die Straße hinab zur Sülz, die ich bei Altenbrück überschreite. Hier gibt es einige alte Fachwerkhäuser, eines ist nun ein kostspieliges Restaurant.


Die moderne katholische Kirche in Untereschbach auf der anderen Seite der Sülz hat neben dem Pilgerstempel, eine Karte zu bieten mit den Anteilen der Katholiken in Deutschland, am höchsten ist der Anteil mit 77% in Passau.
Weiter geht es hinauf zum Königsforst, den ich komplett von Ost nach West auf knapp 10 km durchquere. Erst einmal mache ich meine Mittagspause in einer Schutzhütte. Die Wohltat, aus dem Schuhgefängnis auszubrechen und die Socken auszuziehen, ist unbeschreiblich.
Ich höre nun immer wieder die Schreie der in V-Formation fliegenden Kranichschwärme, die hoch oben in etwa derselben Richtung wie ich nach Westen bzw. Südwesten unterwegs sind. Es sind tausende Vögel.

Im Wald treffe ich viele sehr schnell fahrende Sportradfahrer, einer warnt mich aus der Ferne und bedankt sich, als ich auf der rechten Seite bleibe. Außerdem sind natürlich sehr viele Hunde mit Herr- bzw. Frauchen unterwegs, häufig mit jungen Paaren, die sich statt eine Familie zu gründen, einen Hund angeschafft haben.
Ich komme nun nach Köln-Brück, ein gut erhaltener, vom Krieg wenig in Mitleidenschaft gezogener Stadtteil ganz im Osten mit einigen Fachwerkhäusern. Die Olpener Straße, der ich gen Westen folge, hat hier vierstellige Straßennummern, ein Phänomen, das ich eigentlich nur aus den USA kenne. Ich passiere den von Nord nach Süd verlaufenden Mauspfad, einen historischen Handelsweg.
Hinter Brück wird es ungemütlicher, ich gehe durch Neubrück, ein Stadtrandgebiet mit Gewerbe, die Straße wird breiter, die Autos fahren schneller. Schließlich gehe ich unter der A4 durch nach links und erreiche bald mein Hotel.
Zu Abend essen tue ich heute in einem sehr gut frequentierten syrischen Lokal am Ende der Straße. Draußen unter einer Plane sitzen neben den Heizpilzen die Wasserpfeifenraucher, viele meist verschleierte Frauen. Ich bekomme innen einen Platz zugewiesen. Im ganzen Restaurant bin ich der einzige Biodeutsche (ich mag das Wort nicht, kenne aber kein besseres). Meine Mahlzeit besteht aus Fatusch (Salat mit Brotchips), Falafel und Ayran dazu. Alles sehr schön leicht.
Ich schlummere ein zu dem beruhigenden, gleichmäßigen Rauschen der Autobahn, als würde sich die Trommel der Waschmaschine im Nebenzimmer drehen.
Hier ist der Etappenüberblick der gesamten Wanderung.
Den Buggy schiebend
Baby um Brust gebunden
Glimmstengel paffend
Die Krähen krächzen
Die Autobahn rauscht dahin
Die Stöcke klackern
Eine junge Frau
antwortet auf mein „Morgen“
mit einem Lächeln
Musk, Trump, Xi Jinping
Putin, Erdoğan, Orbán
mit SpaceX ins All
Heile Weltinsel
in einem Meer von Krieg und
Umweltzerstörung
[Laura Marling – Child of Mine]
Sie können es noch
Suhlen im tiefen Weltschmerz
Elf Minuten lang
[The Cure – Endsong]
not folk music, not jazz,
not pop music, not funk, it’s
just balladeering
[Lee Konitz on Lee Konitz, Bill Frisell, Jakob Bro, Thomas Morgan, Craig Taborn – Vinterhymne]
Herbstwaldwanderung
Füße pflügen durch das Laub
Blättermeerrauschen
Ich wache gegen 5 in unserem Zimmer in der Gartenlaube unterm Dach auf, tippe etwas Tagebuch ins Handy und döse danach noch entspannt vor mich hin, ich fühle wie mein Körper das beruhigende Melatonin ausschüttet. Ein reichhaltiges Frühstück um halb acht, es ist noch dunkel, wir sind die ersten.
Wir gehen zur nahegelegenen Elisabethkirche und machen dort ein Selfie. Hier enden die 3 Elisabethpfade von Eisenach, Frankfurt und Köln, letzteren gehen wir nun in anderer Richtung – s. stilisierte Muschel mit den Sonnenstrahlen – als Jakobsweg.

Draußen ist es recht diesig, der Nebel wird sich erst sehr langsam lichten im Laufe des Tages. Wir kommen an den spärlichen Überresten des Elisabethhospitals vorbei. Die heilige Elisabeth hat sich ja bekanntermaßen viel um die Armen und Kranken gekümmert.

Wir kommen nun an dem Denkmal zu Ehren des Medizinnobelpreisträgers Emil von Behring vorbei, dem die Stadt die Behringwerke zu verdanken hat, die sie zu einem wichtigen Pharmaziestandort gemacht hat. Biontech produziert z. B heute in Marburg Impfstoffe.
Am Ortsausgang ein Naturdenkmal, ein Baum mit fünf Stämmen, die wie überlange Finger einer Riesenhand in den Himmel ragen.

Wir kommen bald in den Wald und sehen jede Menge Pilze am Wegesrand, die vielen Niederschläge in diesem Jahr machen es sicherlich zu einem guten Pilzjahr.

Der erste Ort, den wir erreichen, ist Wehrshausen, die Menschen grüßen nett, wir befinden uns unmittelbar im Marburger Vorland, die Welt scheint hier in Ordnung zu sein.
In Elnhausen treffen wir ein junges Wanderpaar aus der Gegend mit Rucksäcken, das die Nacht in einer Hängematte in einem Turm verbracht hat. Hier gibt es auch einen Dorfladen, wo wir uns einen Kaffee im Pappbecher leisten, den wir an der überdachten Bushaltestelle zu uns nehmen.
Durch den Wald geht es hinauf zum Stackelberg, der Abzweig nach links ist leider nicht markiert, was wir aber relativ bald merken, so dass wir nur ein kleines Stück zurückgehen müssen. Im dörflichen Dilschhausen, das immer noch zu Marburg gehört, obwohl es gut 13 km vom Zentrum entfernt ist, besichtigen wir die kleine, offene Wehrkirche, tragen uns ins Gästebuch ein und holen uns den Pilgerstempel. Um den Altar herum steht die U-förmige Sitzbank, sie erinnert an das Chorgestühl in größeren Kirchen.


Über Wiesen und Felder geht es nach Diedenshausen, das nicht mehr zu Marburg, sondern zu Gladenbach gehört. Wir haben jetzt mit ca. 17 km mehr als die Hälfte unserer heutigen Etappe geschafft und gönnen uns die Mittagsrast. Eine neue Bank unweit der leider geschlossenen Fachwerkkirche lädt uns ein, unsere beim Frühstück geschmierten Stullen bzw. Brötchen zu verzehren. Die Temperatur ist mit etwas über 15 Grad angenehm, wir ziehen die Wanderschuhe aus und schöpfen Kraft für die restlichen 12 km.

Nun geht es unter einer größeren Straße durch Richtung Herzhausen. Hier treffen wir einen kleinen, aufgeweckten Jungen mit einem E-Roller, der damit die langen Auf- und Abstiege rauf- und runterpest. Seine Mutter und Großmutter spazieren seelenruhug hinterher und lassen ihm alle Freiheit dieser Welt.
Wir haben inzwischen fast vier Uhr, der Nebel lichtet sich endgültig und die Sonne kommt heraus. Sonnenblumenfelder sind ungeernet verdorrt, wir gehen der tiefstehenden Sonne entgegen, die uns fast blendet.

Das letzte Stück nach Niedereisenhausen zieht sich ewig, neben Kühen auf den Weiden treffen wir heute auf einige Reiterinnen. Auf einer Pferdekoppel rechts des Weges zwei Schimmel, die uns interessiert aus der Ferne beäugen. Sie bekommen von uns neben Gras, Mohrrüben auch Kohlrabi, so dass sie uns hoffentlich in guter Erinnerung behalten.

Wir kommen kurz vor 18 Uhr in Obereisenhausen an, von wo es nicht mehr weit zu unserem Ziel Niedereisenhausen ist. Die beiden Ortsteile von Steffenberg gehen ineinander über. Wir beziehen unser Doppelzimmer bei netten Gastgebern, die uns schon von weitem begrüßen, duschen uns den Staub und Schweiß von der Haut und entspannen uns. In der Dunkelheit gehen wir noch kurz einkaufen und essen in einer von einem Türken geführten Pizzeria zu Abend. Ich falle um halb elf innerhalb von wenigen Sekunden in tiefen Schlaf, wache erst gegen vier Uhr Winterzeit auf und döse relaxed.
Hier ist der Etappenüberblick der gesamten Wanderung.
Die letzte Musik
vor dem Exitus oder
die erste danach
[Arvo Pärt – Da Pacem Domine]
Die schwarzen Oliven
Alle wieder ausgekotzt
Der Wackerstein blieb
The lyrics naïve,
the build-up legendary,
what a killer song!
[Neil Young – Cortez the Killer (Live Rust) (via)]
Wouldn’t it be great
to leave the machines on stage
and go to the bar?
[New Order – 5 8 6]
Vom Album, zu dem
wir so oft Sex hatten wie
zu keinem andern
[Idaho – Skyscrape]
Sirenengesang
Trancetanz zu Maschinenbeats
durch Nebelschwaden
[Kelly Lee Owens – Dreamstate]
Sie zieht mich gleich rein,
fragt, ob ich da draußen bin.
Der Beat schön schleppend.
[Poe – Hello]
Der Ofen bollert
Das beige Mischgetränk dampft
Der Herbst hält Einzug
[BMX Bandits – Serious Drugs]
erfrischend, hefig,
hopfig, schaumig, bananig,
ein bayrisches Bier
Rückblick aufs Leben
Als spräche der liebe Gott
nach seinem Exit
[Leonard Cohen – Happens to the Heart]
Aus der Fruchtblase
Ein Schrei. Der erste Atemzug
Die Lunge füllen
[Gerry Rafferty – Baker Street (via)]
Wie neugeboren
Knapp eine halbe Stunde
Ergometerfahrt
Vom Balkon Töne
Aus Südosten ein Lüftchen
Windspielsymphonie
Sprinter knackevoll
Rotkäppchen im Bordbistro
Zu früh in Berlin
Telefonanruf
Flashback-Katalysator
Liebe rostet nicht
[Joan Baez – Diamonds and Rust (bbc soul music)]