Archive for the ‘haiku’ Category

5254

Februar 21, 2026

Fünf Waschmaschinen

Gesaugt, gebügelt, gekocht

Steuer begonnen

5253

Februar 21, 2026

Sich auf Flucht finden

Verlorener Sohn kehrt heim

Gerührt vom Vater

5252

Februar 21, 2026

Medienfuzzi

erliegt Charme des Lebens auf

Hof in Brandenburg

[Dieter Moor – Was wir nicht haben, brauchen Sie nicht]

5251

Februar 20, 2026

Mehr Groove, mehr Coolness

Mehr Spiel- und Lebensfreude

Mehr Seele geht nicht

[Jill Scott – Beautiful People vom Tiny Desk Concert, 16.2.2026]

5250

Februar 19, 2026

Schon seit zwei Tagen

Flaues Gefühl im Magen

Kombucha gekippt?

5249

Februar 19, 2026

Hütte in Alpen

Wanderer kommen, gehen

Drei Frauen bleiben

[Manon Coubia – Forêt ivre]

5248

Februar 17, 2026

Um den heißen Brei

herumreden funktioniert

in nem Haiku nicht

5247

Februar 17, 2026

Sehr lange gesucht

Eine Landschaft tut sich auf

Bukolisch. Friedlich.

[Ralph Towner – Drifting Petals von Solstice, 1975]

5246

Februar 17, 2026

Eine Frau sagt mir

Wieviel Kilo ich verlor

In der letzten Zeit

5245

Februar 17, 2026

Rohmeresker Film

Sein Gesicht, als Léa ihm

Jojo übergibt

[Victor Boyer – Die Workation (OmU)]

5244

Februar 17, 2026

Zu Boden fallen

Dicke, weiße Schneeflocken

Winter, halt mich fest!

5243

Februar 16, 2026

Außer Kontrolle

Teekochfeuer spätmorgens

Abends vor Gericht

5242

Februar 15, 2026

Erstes Treffen bei

diesem Stück und die Liebe

wird ewig halten

[Bill Evans Trio – My Foolish Heart (Young/Washington) von Waltz for Debby, 1962]

5241

Februar 15, 2026

Ten days from Cape Town

Bœuf et homard gratuit

Inselglück finden

[Nölle/Bonnardot – Tristan Forever]

5240

Februar 15, 2026

Gaza hinterm Zaun

Im Hebräischen ein Wort:

Krieg, Sieg, Gedenken

[Anat Even – Effondrement]

5239

Februar 15, 2026

Bassist. Unfalltod.

Zu Eltern nach Florida.

Neue Kraft schöpfen.

[Grant Gee – Everybody Digs Bill Evans]

5238

Februar 14, 2026

Minnesota nach

New York mit einem Koffer,

sechs Bücherkisten

[Sabine Lidl – Siri Hustvedt  – Dance around the Self]

5237

Februar 14, 2026

Verkehrskontrolle

Freundin ohne Papiere

Bakschisch nicht nötig

[Leyla Bouzid – A voix basse]

5235

Februar 13, 2026

Timing ist alles

Nebel hängt über der Nacht

Drei harmonieren

[Bill Evans & Stan Getz – But Beautiful von Undercurrent, 1962]

5234

Februar 13, 2026

Mit Händen, Füßen

Ein Papier, alles wird gut

Das Leben ändern

[Pascale Bodet – Beaucoup parler]

Brandenburgischer Jakobsweg, 5. Görike – Bad Wilsnack, 21

Februar 13, 2026

Rehherde in Au
Wettlauf gegen den Regen
Odyssee zurück

Morgens treffe ich um 8 vor dem Abmarsch noch meine Wirtin, die sich sehr für mein Fastenregime interessiert.

Die Landschaft draußen ist in Nebel gehüllt. Die Konturen der Windräder schälen sich erst langsam heraus. Ihr Geräusch empfinde ich als nicht unangenehmes Säuseln. Die Landstraße, der ich bis Plattenburg folge, ist so gut wie unbefahren, aber in einwandfreiem Zustand. Wie es mir überhaupt aufgefallen ist, dass die Infrastruktur hier oft neu und gut ist, ich hatte auch überall Internetempfang.

Hinter Görike

Schnee und Eis sind auf und neben der Straße völlig weggetaut, ich bin am letzten Tag endlich im Flow. Die obligatorische Kuhherde darf auch auf dieser Wanderung selbstverständlich nicht fehlen. Diese erwartungsvoll auf mich gerichteten Blicke…

Kühe hinter Görike

Der nächste Orte ist Söllenthin, die einfache Feldsteinkirche natürlich geschlossen. Am Straßenrand jetzt viele Birken, was zu dem wenig nährstoffteichen Sandboden zu passen scheint. In Klein-Leppin steht noch Arbeit an, es verfällt z.T. so vor sich hin.

Klein-Leppin

Ich setze mich auf eine überdachte Rastbank und bin erfolgreich beim Berlinaleticketkauf für Tristan forever. In den 20 Minuten auf der Bank – ich war vor 10 hier, wenn der Verkauf beginnt – kühle ich stark aus. Doch mit den Handschuhen und einem beherzten Gehtempo bin ich bald wieder aufgewärmt. A propos Handschuhe, ich habe da eigentlich sehr gute Fausthandschuhe, wo man vier Finger aufklappen kann. Wenn das jetzt noch mit dem Daumen, dessen Abdruck ich fürs Handy brauche, gehen würde, wäre das wunderbar.

In Groß-Leppin, das viel gepflegter als sein kleiner Namensvetter erscheint, ist die Kirche hinter einem Grundstück recht weit abseits von der Straße.

Groß-Leppin, Feldsteinkirche

Den Ort verlasse ich auf einer Brücke über die Karthane und erblicke bald vor mir auf der ausgedehnten Wiese in 300 bis 400 m Abstand eine Herde von 12 Rehen, die eins nach dem anderen nach links vor mir wegrennen, die Tiere sind unglaublich scheu.

Ich laufe nun ein Stück auf Betonpflastersteinen durch den Wald, gelegentlich weiche ich Autos aus.

In Plattenburg, wo der Regen stärker wird, passiere ich die älteste Wasserburg Brandenburgs (immer diese Superlative!). In einem Bushaltehäuschen schlürfe ich die letzten Reste meines Tomaten- und des köstlichen Kirsch-Bananensaftes. Eine Frau, die ein Bustaxi nach Wilsnack bestellt hat und mich auf dem Weg gesehen hat, bietet mir an, mitzufahren: Ich lehne aus Pilgerstolz ab. Sie hat im nahen Bestattungswald ihren Mann „besucht“. Sie weist mich auf die Singschwäne hin, deren Ruf gerade erschallt.

Plattenburg

Es geht nun nochmal auf glitschigen und zum Teil von Pfützen übersäten Wegen auf die letzten Meter durch den Wald.

Nach einem kleinen Einkauf im Supermarkt fürs morgige Fastenbrecher-Frühstück komme ich nun zum Ziel der Tour, der Wunderblutkirche von Bad Wilsnack. Im Jahr 1383 wurde der Ort nach der Legende von einem Ritter – und seinen Mannen – niedergebrannt. Anschließend fand ein Priester in der Kirchruine drei vom Feuer unversehrte mit Blut getränkte Hostien. Daraufhin wurde Wilsnack eine der wichtigsten Pilgerstätten Deutschlands. 1539 verbrannte der evangelische Pfarrer von Wilsnack die Hostien und Wilsnack fiel in den Dornröschenschlaf zurück.

Die Kirche kann mich nicht so richtig begeistern, neben einer großen Glocke mit Reliefs sind das sehr fein gearbeitete Taufbecken und die ebenso fein ziselierte Kanzel auffällig. Leider wird mir erst zu spät nach der Besichtigung beim Gespräch mit dem Küster klar, dass in der Kapelle neue, bunte Kirchenfenster von Leiko Ikemura sind. Auf jeden Fall ein Grund, nochmal hierher zu kommen

Es geht nun in rund vier Stunden über Wittenberge (Bus), Osterburg (Bus), Stendal (S-Bahn) und Spandau (ICE) nach Berlin (U7), wo es jetzt stark regnet. Im Vogelflug wären es etwas über 100 km gewesen.

Eine winterliche Fastenwanderung findet ihr Ende, die streckenweise etwas eintönig war, aber im großen und ganzen die Erwartungen erfüllt hat. Ich konnte Abstand zum Alltag und mehr Klarheit gewinnen. Es gab viele wilde und zahme Tiere zu bestaunen, die wenigen Menschen, die ich traf, waren fast alle sympathisch. Zudem habe ich viele schöne Feldsteinkirchen gesehen, die allerdings leider nur selten offen waren. Trotz der vereisten Wege bin ich nicht einmal hingefallen. Am Ende habe ich auch noch fünf Kilo verloren.

Bad Wilsnack, Wunderblutkirche
Wunderblutkirche, Altarraum
Wunderblutkirche, Kanzel und Taufstein

Hier ist die Übersicht über meine Wanderung auf dem brandenburgischen Jakobsweg im Februar 2026.

Nachtrag:

Auszug aus „Von Berlin nach Wilsnack“, 2005 zur Sündenwaage

5233

Februar 12, 2026

Das, was sich nicht in

17 Silben sagen lässt,

ist inexistent

Brandenburgischer Jakobsweg, 4. Wusterhausen – Görike 27

Februar 12, 2026

Kanadagansmeer
Trompetende Kraniche
Blässhühner verschreckt

Beim Verlassen meines Mansardenzimmers gegen 8 Uhr über die steile Treppe, finde ich nur noch einen Zettel vor. Ich lege das Geld auf die Kommode und mache mich aus dem Staube.

In der Kirche brennt Licht. Ich trete ein und höre eine Stimme, drei Menschen stehen vor dem Altar, einer liest etwas vor. Vor mir die filigrane aus Stein gehauene Kanzel. Ich lese, dass die Reformation sich hier langsam vollzog, da noch einige Jahrzehnte nach der offiziellen Einführung die alte katholische Liturgie gefeiert wurde.

Wusterhausen, Kirche St. Peter und Paul
Wusterhausen, Kanzel

Über die Dosse verlasse ich den Ort und komme bald zum Klempowsee, der still und schweigend zugefroren vor mir liegt. Nur wenige Menschen mit Hunden sind auf den vereisten Wegen unterwegs. Ich komme an einer alten Mühle vorbei.

Klempowsee

Was mir schon mehrmals auf der Wanderung aufgefallen ist, sind blaugelb angestrichene Häuser oder Tore. Dabei kommt bei mir die Frage auf, ob wir die Ukrainer wirklich ausreichend unterstützen im Kampf gegen die russischen Angreifer.

Tor in blaugelb

Es geht anderthalb Stunden an der Westseite des Sees entlang bis ich auf eine schnurgerade Straße nach Westen stoße, die in ca. 30 Minuten in das Strandbad und die ehemalige Hansestadt Kyritz führt. Es gibt einen schönen Marktplatz und adrette Bürgerhäuser, allerdings ist die Kirche verrammelt und im örtlichen Plattenladen – so etwas gibt es hier noch – ist der Besitzer ins Gespräch über Musikanlagen mit einem anderen Kunden vertieft und würdigt mich keines Blickes. Ich sehe die CD-Auswahl, die sich von Schlager über Reinhard Mey und die böhsen onkelz erstreckt und verlasse das Etablissement postwendend. Insgesamt ernüchtert mich der Ort.

Kyritz, Straßenzug

Mit schweren Beinen und einem Loch im Bauch geht es weiter Richtung Rehfeld, wo ein Stein exakt markiert, welche Gemeinde die Flächen bis wohin unterhalten muss. Das nenne ich Transparenz.

Stein, der Unterhaltung regelt

Rechts von mir in der Ferne die ersten Windräder. Am Straßenrand immer wieder unbeschnittene Bäume, deren Jungtriebe steil nach oben gerichtet sind, was mich etwas an unseren igelförmigen Apfelbaum erinnert, dem ich mich noch widmen möchte.

Baum im Winter

Das Feld vor mir ist überdeckt mit dunklen Punkten, es sind tausende von Kanadagänsen, die sich hier gütlich tun, es ist ja jetzt Tauwetter, da gibt der Boden bestimmt schon etwas von seinen Schätzen frei. Heute ist sowieso der Tag der Vögel. In der Luft hört man immer wieder die röhrenden, trompetenden Rufe, der meist in V-Formation fliegenden Kraniche.

Kanadagänse

Auf einer Pferdekoppel hinter Rehfeld zwei Schwarze, die mich von weitem erblicken und die ich mit etwas welken Grasbüscheln erfreuen kann. Ich bilde mir ein, sie sind genauso einsam wie ich in dieser unwirtlichen, kalten Natur und haben das Bedürfnis nach Körperkontakt.

Pferde

Ich komme nun nach Berlitt, wo es doch tatsächlich eine Offene Kirche gibt, die wirklich offen ist – die in Rehfeld war es nur bis September – wofür ich mich im Gästebuch bedanke, der letzte Eintrag ist von Ende Oktober. Der schlichte, helle Innenraum gefällt mir genauso wie das Äußere der spätgotischen Feldsteinkirche mit Holztürmchen und Schieferhelm.

Berlitt, offene Kirche
Berlitt, Kirchenraum

Im Ort gibt es eine Bücherzelle, wo ich Dieter Moor’s Buch über seinen Umzug aus der Schweiz nach Brandenburg Was wir nicht haben, brauchen Sie nicht, nicht widerstehen kann.

Auf dem langen Stück nach Barenthin treffe ich auf weitere wilde Tiere. Ich sehe Gänse mit weißem Körper und schwarzem Kopf und umgekehrt. Vor mir läuft ein Damwildhirsch – Einzelkämpfer wie ich – über den Weg. Mir fällt wie schon gestern die große Geschwindigkeit und die Massigkeit des Körpers auf. Außerdem scheuche ich gegen Ende mehrere Blässhühner auf, die auf Zaunpfosten bzw. Bäumen direkt neben mir sitzen und die ich sonst nie wahrgenommen hätte. Bei ihnen erstaunt, wie sie es trotz der kugelhaften, scheinbaren Plumpheit schaffen, einfach so aufzufliegen.

Es hat nun doch noch angefangen, zu nieseln und ich stelle mich kurz in einer Bushaltestelle in Barenthin – ein Lob auf alle Bushaltestellen dieser Welt mit Häuschen – unter, um etwas zu trinken und den Rucksackregenschutz sowie den Regenschirm rauszuholen. Auf Rollsplit geht es am Straßenrand aus dem Ort raus, dann auf z.T.  matschigen, z.T. noch vereisten Feld- und Waldwegen hinauf nach Görike, meinem Tagesziel. Hier beziehe ich meine großzügige Einliegerwohnung im Souterrain und lasse den Nachmittag ausklingen.

Görike, Fliese in Unterkunft

Hier ist die Übersicht über meine Wanderung auf dem brandenburgischen Jakobsweg im Februar 2026.

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Februar 11, 2026

Du bukst die Pizza

Nietzsche, Keith Jarrett & Nick Drake

Dazu Badenwein

Brandenburgischer Jakobsweg, 3. Fehrbellin – Wusterhausen 28

Februar 11, 2026

Knarsch, Klack-Klack, Krächzen
Wildtiere fliehen vor mir
Die Sonne kommt raus

Letzte Nacht haben mindestens vier Personen im Hotel geschlafen, sehr diskrete Zeitgenossen. Nach dem „Frühstück“ versuche ich es mit Berlinaletickets um 10, bekomme aber nur Karten für einen Film. Die Strategie mit mehreren Fenstern im Browser geht nicht auf, ich werde geblockt.

Ich komme daher erst 10h20 los und bin etwas unter Stress, da die längste Etappe ansteht, die ich aber leicht abkürzen kann, was allerdings bedeutet, dass ich zwischen Start und Ziel nur durch drei Orte komme. Das Wetter ist trüb, Eis habe ich genug um mich rum.

Fehrbellin

Ich warte dauernd auf den See, bis mir auffällt, dass es den ja gar nicht gibt. Da habe ich Fehrbellin mit Werbellin verwechselt, wohin Erich Honecker 1981 Helmut Schmidt einlud.

Außer Tieren treffe ich zwischen den wenigen Orten, die ich heute ansteuere, nur ein paar Autos, einen Radfahrer und mehrere Gassigeher. Niemand anderes ist so verrückt, in dieser unwirtlichen Landschaft herumzuwandern. Die Spuren im Schnee deuten darauf, wen ich heute vor allem treffen werde: wilde Tiere.

Spuren

Die Wiesen und Felder sind übersät mit Maulwurfshügeln, außerdem wurden die Heuballen auf einer Wiese vergessen, die werden ja sicher nicht schlecht.

Maulwurfshügel

An einer abgeschiedenen Kreuzung weit von jeglicher Zivilisation komme ich an einer Gerichtsstätte vorbei. Hier wurden u.a. Todesurteile an Kindsmörderinnen vollstreckt, die vor allem auch der Abschreckung dienten.

Gerichtsstätte Das Gericht

Am Himmel ziehen zwei Kraniche nach Norden. Gegen halb zwei kommt die Sonne raus. Vor mir pickt ein Spatzenschwarm auf dem Weg.

Wintersonne

Ich komme nun nach Garz. Hier gibt es einen Wohnturm aus dem 14. Jahrhundert (der letzte dieser Art in der Mark Brandenburg), in dem die Familie von Quast wohnte, die hier lange das Sagen hatte.

Garz, Wohnturm

Bei der schlichten Kirche fällt der spitze Turm auf.

Garz, Kirche

Ich verlasse den Ort über die Temnitz.

Garz, Temnitz

Auf dem Weg nach Barsikow scheuche ich am Wegesrand einen Feldhasen auf, der in Heidenangst vor mir ins Feld rennt. Hier gibt es größere Schneeverwehungen, z.T. über 30 cm tief. Gut, dass ein Allradfahrzeug Spuren hinterlassen hat, in die ich stapfen kann. Man sieht hier übrigens Wege oft sehr gut aus der Ferne, weil sie sich durch Baumreihen andeuten, die sich als Alleen herausstellen.

Vor Barsikow

Heute habe ich immer wieder das Problem, dass die Stöcke zwischen Betonplatten bzw. Steinen wie auf dem alten Pflasterweg vor Barsikow steckenbleiben. Das hindert das Fortkommen – gefühlt – ungemein. Ansonsten genieße ich es, dass das Gras unter dem abtauenden Schnee so langsam zum Vorschein kommt, die Weichheit des Bodens ist eine Wohltat für die Füße.

Vor mir höre ich plötzlich Stimmen, es hört sich an, als hätte jemand ein Radio sehr laut aufgedreht. Es handelt sich um einen Schwarm von Zugvögeln, ich glaube es waren schnatternde Wildgänse. Es sind generell viele Zugvögel unterwegs, die meisten fliegen Richtung Osten. Heißt das, dass der Winter bald vorbei ist?

Es ist nun schon nach fünf und dämmert so langsam. In großer Entfernung vor mir rennen drei Damwildweibchen in einem Affenzahn ins weite Feld. Kurz danach sehe ich ein weiteres Rudel von vier Tieren Reißaus vor mir nehmen.

In Metzelthin passiere ich die schöne Feldsteinkirche und erfreue mich kurz an dem Herrnhuterstern über dem Eingang.

Metzelthin, Feldsteinkirche

Die letzten Meter zu meinem Ziel Wusterhausen gehe ich im Dunkeln am Straßenrand entlang. Viele Autos, die mir entgegenkommen blenden auf. Ein junger Mann hinter mir hupt und bietet mir einen Lift an, was ich dankend ablehne.

Übernachten tue ich bei einer netten Gastfamilie in der Mansarde unterm Dach, die sich schon Sorgen gemacht hatte, weil ich eine Stunde später als angekündigt erscheine.

Hier ist die Übersicht über meine Wanderung auf dem brandenburgischen Jakobsweg im Februar 2026.

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Februar 10, 2026

Sonntagvormittag

Lacht die Sonne in München,

ruft der Biergarten!

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Februar 10, 2026

Klackernde Stöcke

Im Schnee knarschende Schuhe

Krächzende Krähen

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Februar 10, 2026

Bin sicher, auch P.

würde lieber in ’ner Welt

ohne P. leben

5227

Februar 10, 2026

Man weiß die Freiheit

besonders hoch zu schätzen,

wenn man im Knast war

5226

Februar 10, 2026

Zu wenig essen

erzeugt ein Hungergefühl

Nichts essen keines

5225

Februar 10, 2026

Filmriss auf Ios

Ich glaub, wir haben geküsst

Retsina und mehr

[Talking Heads – Road to Nowhere von Little Creatures, 1985]

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Februar 9, 2026

Mad Max-Disco, M.

Blauäugige Brünette

Um mich ist’s geschehn

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Februar 9, 2026

Tequilaparty

Der Kopf wird immer klarer

Blackout aus dem Nichts

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Februar 9, 2026

Olydisco M.

Iren voll aus dem Häuschen

Auf die Tanzfläche!

[U2 – Sunday Bloody Sunday, live 1983 auf Under a Blood Red Sky]

Brandenburgischer Jakobsweg, 2. Groß-Ziethen – Fehrbellin 25+1

Februar 9, 2026

Die Wege tauen
Immer am Graben entlang
Contenanceverlust

Die Nacht über schlafe ich mit offenem Fenster, da es mir aufgrund der nur schwer regelbaren Wandheizung zu heiß ist.

Zum „Frühstück“ genieße ich Orangen- und Apfelsaft sowie zwei Kännchen Tee im schönen Frühstückssaal. Es sitzt dort außerdem eine Gruppe, die über preußische Geschichte und Psychosomatik parliert.

Schloss Groß-Ziethen

Der fürsorgliche Herr an der Rezeption möchte mir eine Thermoskanne, Schuhkrallen und Kartenkopien mitgeben; ich lehne dankend ab.

Draußen taut es bei Temperaturen knapp über Null weiter vor sich hin, es ist weniger glatt als gestern. Ich gehe wieder an der Straße zurück nach Staffelde, ein Starenschwarm fliegt rauf und runter…

In der schlichten, geschlossenen Feldsteinkirche erfreut mich ein Herrnhuter Weihnachtsstern hinter dem Kirchenfenster.

Staffelde
Staffelde, Herrnhuterstern

Ich gehe jetzt wieder den freigeräumten Radweg Richtung A24 (Hamburg-Berlin) und dann ein Stück an der Autobahn entlang. Dort treffe ich auf ein junges Paar, er führt den Berner Sennenhund an der Leine(!), vom Zurückgrüßen halten sie nichts.

Nun geht es durch das Straßendorf Flatow, hier ist sogar das Tor zur Kirche geschlossen.

Flatow

Der Weg führt nun durchs Luch, ein ehemaliges Moor. Im 18. Jahrhundert wurde hier Torf abgebaut und auf Kähnen nach Berlin gebracht, was für einen gewissen Wohlstand sorgte. Friedrich der Große begann 1776 mit der Trockenlegung des Rhinluches, die Anfang des 20. Jahrhundert vollendet wurde. Die Gräben leiten das Wasser bis heute in den Rhin.

Über mir fliegen vier Schwäne gen Süden. Ich muss hier wieder ein Stück an der Straße entlang gehen. In den Bäumen am Straßenrand nisten mehrere schwarze, mittelgroße Vögel mit einem sehr charakteristischen Ruf, die ich aber leider nicht bestimmen kann, da sie zu schnell auffliegen, als ich versuche, die Handschuhe auszuziehen.

Ich komme nun in dem Storchendorf Linum an. Das eine Storchennest wird derzeit von schwarzen Vögeln – für Krähen zu klein? – bewohnt.

Linum, Storchennest

Hier genehmige ich mir eine Tasse grünen Tee in der Storchenklause. Nebenan bekommt man frische und geräucherte Süßwasserfische.

Linum, Neugotische Kirche

Ich stoße auf einen Entwässerungsgraben, dem ich ein gutes Stück folge. Die Landschaft ist weiterhin unspektakulär. Man kann nichts davon ahnen, dass hier in der Gegend 1675 der Große Kurfürst die Schweden entscheidend besiegte und den Grundstein für den Aufstieg von Preußen schuf. Bei der Schlacht war übrigens auch ein gewisser Prinz von Homburg, den Kleist in seinem Drama verewigte, zugegen.

Kanalgraben hinter Linum

Ich mache den kleinen Abstecher nach Hakenberg, gehe aber nicht bis zur 36 m hohen, begehbaren Siegessäule auf dem Kurfürstenhügel, die noch weiter südlich liegt (das wäre hin und zurück 1h Umweg gewesen). Stattdessen fällt mir unweit der Kirche eine Skulptur mit mehreren Reliefs und zwei widersprüchlichen Zitaten zum Krieg ins Auge.

Hakenberg, Skulptur von Lothar Seruset zum Krieg

Der nächste Ort, den ich erreiche, ist Tarmow, wo nichts Interessantes im Bücherschrank steht, außer dem Hinweis, doch bitte die ISBN-Nummern und den Barcode der gespendeten Bücher zu schwärzen, damit Buchsammler sie schlechter verkaufen können.

Hier gibt es allerdings eine Schinkelkirche.

Tarmow, Schinkelkirche

Über die A24 komme ich nun nach Fehrbellin. Meine Unterkunft, ein vollautomatisierter Flachbau ist verschlossen, niemand da. Ich rufe an und echauffiere mich, da die E-Mail mit dem Zugangscode im Spam gelandet ist und die Lösung etwas auf sich warten lässt. Außerdem bin ich stark dehydriert, da ich zu wenig von dem eiskalten Wasser getrunken habe. Es klappt dann aber schließlich alles mit den vier Codes zum Eintritt ins Hotel, zum Ersteintritt ins Zimmer, zu weiteren Eintritten ins Zimmer, sowie später zur Sauna. Außer mir ist niemand zuhaus. Hier werde ich zweimal übernachten, da morgen ein mobiler Arbeitstag ansteht.

Schlussbetrachtung: Gestern – ich schreibe die Einträge immer am nächsten Morgen –  während des Wanderns habe ich so eine luzide Wachheit gespürt, habe mir zum Beispiel im Kopf eine detaillierte Prioritätenliste gemacht, von dem was ich unbedingt in der nahen Zukunft machen muss. In dem Moment, wo ich angekommen bin, war diese Liste wie weggeflogen, ich konnte mich nur noch ins Bett legen, Tee trinken, entspannen und weiter prokrastinieren. Nicht mal die Liste zu machen, kam mir in den Sinn, die ja selber bereits eine subtile Form der Aufschiebung darstellt. Weil man ja meint, allein mit dem Aufschreiben die Sachen zumindest geistig schon angepackt zu haben. Ich möchte nicht wissen, wie viele Prioritätenlisten auf Zetteln ich zuhause rumfliegen habe. Die müsste man eigentlich mal konsolidieren…

Hier ist die Übersicht über meine Wanderung auf dem brandenburgischen Jakobsweg im Februar 2026.

5221

Februar 6, 2026

Solo im Winter

Fastenfernwanderungen

Wege zu mir selbst

5220

Februar 5, 2026

The guitar jangles

Her irresistible voice

Breezy student tune

[The Sundays – Here’s Where the Story Ends von Reading, Writing and Arithmetic, 1990]

5219

Februar 4, 2026

Pulvriger Schnee knirscht

Morgens unter den Schuhen

White Light, white cold

5218

Februar 4, 2026

Dunkelrot, opak

Syrah, Carignan, Grenache

Frisch, kräftig, süffig

Mythique, Corbières. Im Schlauch.

5217

Februar 4, 2026

Im Reich der Sitar

Stimme klingt müde-weise

Erleuchtung nicht weit

[Beck – Nobody’s Fault But My Own von Mutations, 1998]

5216

Februar 4, 2026

Einfahrt nach Berlin

Avus, Funkturm, Rechtskurve

Rotlicht: Artemis

5215

Februar 3, 2026

Nachts durch Schnee gestapft

Kimba stoppt, guckt in Ferne

Felder strahlen weiß

5214

Februar 2, 2026

Im Sphärenklangbett

Harfe trifft auf Theremin

Nicht von dieser Welt

[Nailah Hunter & Alia – The Pavilion of Dreams (Harold Budd)]

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Februar 1, 2026

Energieriegel

Ohren durchpusten lassen

Die Freiheit lieben

[Jon Irabagon – Routers von Server Farm, 2025]

5211

Januar 31, 2026

Wenn Schönheit wehtut

Schlag in die Magengrube

Es zieht uns hinan

[Max Richter – On the Nature of Daylight (Richter/Dangel] von The Blue Notebooks, 2004]

5210

Januar 30, 2026

Die Welt nicht mehr heil

Die Musik schon irgendwie

Ich noch kein Teenie

[Steely Dan – Do It Again, 1972]

5209

Januar 30, 2026

Wampe wieder da

Fastenwanderung kann bald

Wieder losgehen

5208

Januar 28, 2026

Straßen freigeräumt

Auf Bürgersteigen gestreut

Radwege vereist

5207

Januar 27, 2026

Söhne und Väter

Eine Liebesgeschichte?

Allein auf dem Meer

[Claude Chabrol – Que la bête meure, 1969]

5206

Januar 26, 2026

Über die Bühne

Fegt ein skinny Wirbelwind

Frauenpower live

[PJ Harvey – The Whores Hustle and the Hustlers Whore von Stories from the City, Stories from the Sea, 2000]

5205

Januar 26, 2026

An der frischen Luft

Pastorale Melodie

Spätsommerabend

[Yusef Lateef – Love Theme from Spartacus von Eastern Sounds, 1961 auch auf dem Soundtrack zu Sentimental Value]

5204

Januar 26, 2026

Ich weiß mehr von dir

als du denkst, aber sagen

tu ich es keinem

[Claude Chabrol – La femme infidèle, 1968]

5203

Januar 24, 2026

Whisky on the rocks

In die Nacht hineinswingen

Unten an der Bar

[TrackTribe – A Night Alone von Smoke Filled Rooms, 2019 vom Soundtrack zu Sentimental Value]

5202

Januar 24, 2026

Buddhahundnatur

Kimba geht nicht aus dem Weg

Die Leute lächeln

5201

Januar 24, 2026

Der Wagen ruckelt

Du touchierst den Stoßdämpfer

Die Ampel wird grün

5200

Januar 24, 2026

Dreizehn komma acht

Milliarden Jahre alt

Wo war ich da nur?

5199

Januar 23, 2026

Der Orthopäde

sah sich meine Füße an

und lachte lauthals

5198

Januar 23, 2026

Mein Englischlehrer

drummte, ließ uns lustige

Sätze translaten

5197

Januar 23, 2026

Zauber des Anfangs

Bis zum Ende bewahren

Loslassen können

[The Field Mice – Letting Go von Snowball, 1989]

5196

Januar 23, 2026

Nachts auf Land torkelnd

Weltumsegler im Dinghi

Zielsicher zum Strand

5195

Januar 22, 2026

Eine Welt, in der

Kriege nur noch stattfinden

auf den Schachbrettern

[s. hier]

5194

Januar 22, 2026

Dieser Stich ins Herz

Wenn eine Liebe endet

Ein Lied draus machen

[The Field Mice – End of the Affair von Snowball, 1989]

5193

Januar 21, 2026

Indische Rhythmen

Klarinettenmelodie

Gitarrengespinst

[Oregon – Sail von Music of Another Present Era, 1972]

5192

Januar 21, 2026

Acker umgraben

Feta und Öl bekommen

Schwielen an Händen

5191

Januar 20, 2026

Um viertel nach acht

Sonne aufgehen sehen

zwischen Hochhäusern

5190

Januar 20, 2026

So nah dran und doch

Meilenweit davon entfernt

Ein gutes Cover

[Slint – Cortez the Killer (Neil Young), Chicago 1989]

5189

Januar 19, 2026

Nach Feierabend

Sorgen abperlen lassen

Gelassen werden

[Kenny Barron mit Charlie Haden und Roy Haynes – Sail Away von Wanton Spirit, 1994]

5188

Januar 19, 2026

Roter Feuerball

Im Osten Richtung Frankfurt

Auf Foto heller

5187

Januar 19, 2026

Wiedersehn mit Franz

Versuch des Nummernaustauschs

Der Wecker klingelt

5185

Januar 18, 2026

Lied in Zeitlupe

Hypnotischer Sprechgesang

Kann das gut enden?

[King Hannah – Milk Boy (I Love You)] von Big Swimmer, 2024]

5184

Januar 18, 2026

Nachbars Calumet

Selbstgemachter Gravlax mit

Körnersenfsoße

5183

Januar 17, 2026

Erst viele Tage

nach Sturz erscheint blauer Fleck

unter Unterarm

5182

Januar 17, 2026

Lasst uns träumen von

einer friedlicheren Welt

Drei Minuten lang

[Phil Manzanera – Sombre Reptiles (Eno), live@London, 1976]

5181

Januar 16, 2026

verlassen werden

sich im Selbstmitleid suhlen

es kann so schön sein

[Red House Painters – Katy Song von „Rollercoaster“, 1993]

5180

Januar 16, 2026

Anruf aus dem Nichts

Abschied vom Arbeitsleben

nimmt langsam Form an

5179

Januar 16, 2026

Ex-Ehepaar nimmt

keine Gefangenen in

knapp 2 Minuten

[The White Stripes – Fell in Love with a Girl von White Blood Cells, 2001]

5178

Januar 15, 2026

Jemand begrüßt mich

mit Namen, dessen Gesicht

ich nicht erkenne

5177

Januar 15, 2026

Schwingt eine Musik

mit ihrer Eigenfrequenz

schaukelt sie sich auf

[Boards of Canada – Chinook, 1996]

5176

Januar 14, 2026

Kollegin zu mir:

„Du tippst wie meine Oma.“

Es wird langsam Zeit.

5175

Januar 14, 2026

Bester Freund tanzt mit

meiner heimlichen Liebe

im Partykeller

[Neil Diamond – Longfellow Serenade, 1974]

5174

Januar 13, 2026

Metaebenen

in Kunstwerken, um Leere

zu übertünchen

5173

Januar 13, 2026

Eismond in Berlin

Knacken unter den Reifen

Den Radweg bahnen

5172

Januar 13, 2026

Etwas zieht mich rein

In diese düstere Welt

Hey man, this is deep!

5171

Januar 12, 2026

Höhle auf Kreta

Die Schreie der Schweizerin

als Jonathan in…

5170

Januar 12, 2026

Einmal hingelegt

Keinen Radler getroffen

Unter den Linden

5169

Januar 12, 2026

Nach dem Akt musste

jeder von ihren Lovern

den Slip abliefern

5167

Januar 12, 2026

Die Erde dreht sich

Das Leben schreitet voran

Etwas draus machen

[Big Thief feat. Laraaji – Grandmother von Double Infinity, 2025]

5166

Januar 11, 2026

Auf Schlitten, Snowboards,

Spanplatten, Winterjacken

den Abhang runter

[Berlin, Volkspark]

5165

Januar 11, 2026

Sie hat mich gekickt

Epiphanie aus Boxen

Full Blast im Nebel

[My Bloody Valentine – When You Sleep von Loveless, 1991]

5163

Januar 10, 2026

Sächsische Schweiz, Rhön,

Vogesen, Provence, Cevennes,

Fichtelgebirge…

[Die Kunst des Wanderns – Ein literarisches Lesebuch]

5162

Januar 10, 2026

Ein Haus mit Geistern

Ein Kind mit strengen Eltern

Hilfe aus dem All

[Karin Tidbeck – Kosmos an Kisel, dank Stefan]

5161

Januar 10, 2026

Mit sich im Reinen

Die Natur ein Paradies

Zurückgekommen

[Labi Siffre – Cannock Chase von Crying, Loving, Laughing, Lying, 1972 vom Soundtrack zu Sentimental Value]

5160

Januar 10, 2026

Dampfendes Wasser

In Badewanne liegen

Nachlaufen lassen

5159

Januar 10, 2026

Ungleiche Schwestern

Rückkehr des Vaters ins Haus

Film als Therapie

[Joachim Trier – Sentimental Value, 9/10]

5158

Januar 9, 2026

Niemals mehr hören

Seine sonore Stimme

Sie im Kopf haben

5157

Januar 8, 2026

Kurfürstenstraße

Fuchs treibt sich an Bauzaun rum,

quert cool vier Spuren

5155

Januar 6, 2026

Im Limbo zwischen

Post-Punk, Dark Wave & Dream Pop

In jedem Anfang …

[Cocteau Twins – The Hollow Men von Garlands, 1982]

5154

Januar 6, 2026

Unter vier Augen

Dunkel, Tiergarten schneeweiß

Fuchs schnürt übern Weg

5153

Januar 5, 2026

Politischer nie

Ihr mit Abstand stärkster Song

Anders als der Rest

[Creedence Clearwater Revival – Effigy von Willy and the Poor Boys, 1969]

5152

Januar 4, 2026

Neben mir im Zug

Pärchen fängt an, gemeinsam

ein Buch zu lesen