Avustribüne
Verschwommene Lichtkegel
hinter der Glasfront
Drogeriemarkt, leer
Bedienstete schreckt zurück
weil ich so groß bin
E-Auto fahren
nicht aus Ideologie
sondern weil’s Spaß macht
Jeder Klavierton
ein Treffer mitten ins Herz
Langsamkeitszauber
[Ryuishi Sakamoto – for Jóhann]
Norwegerpulli
aus Dornröschenschlaf geweckt
Bergen-Memories
Knäcke, Schafskäse,
Ei, Farmersalat, Joghurt,
Orange, Walnuss
Der Himmel hängt tief
Das Boot driftet auf dem See
Der Nebel wabert
[Fennesz – Loved and the Framed Insects]
Zahlen, Schach, Wandern
Marathon, Frankreich, Haiku
Eigene Terrains
Das Handtuch im Bad
Magisch angezogen von
Zahnpastaflecken
Gruppendynamik
Mit eignen Ideen nie
direkt durchdringen
Die kurzen Blicke
Ding Lirens hoch zu Gukesh,
wenn er am Zug ist
Erst den anderen
im Zentrum kommen lassen,
dann zurückschlagen
[Gukesh – Ding Liren, 11. WM-Partie]
Ganz genau wissen,
was an welcher Stelle ist
im WG-Kühlschrank

Das erste Mal gesehen habe ich dich nach dem Vordiplom, du saßest in den Vorlesungssälen mit den Klappstuhlreihen immer hinten am Rand, ich glaube in schwarzen Klamotten. Hattest wohl ein Semester vor mir mit dem Statistikstudium an der LMU angefangen. Ich erinnere mich nicht, dass du dort je mit irgendwem gesprochen hättest. Ein Außenseiter. Wie ich.
1990 nach der Diplomarbeit wurde es dann ernst mit den Abschlussprüfungen. Für Ökonometrie – da gab es ein Fachbuch unseres Professors – lernten wir zusammen. Ich kam öfter zu dir in deine Bude im Münchner Westend. Von Moosach, wo ich wohnte, mit dem Rad nicht sehr weit. Du hattest die Materie besser kapiert als ich. Im Grunde war die ganze Ökonometrie mit den vielen Gleichungen nur Lineare Algebra, also Erstsemesterstoff. Multiplikation von Matritzen. Allerdings steckten hinter den einzelnen Großbuchstaben zum Teil recht umfangreiche Matritzen mit vielen Zeilen und vielen Spalten. Das war schon recht komprimiert und abstrakt. Im Gespräch mit dir habe ich das erst so richtig begriffen. Es fiel mir wie Schuppen von den Augen, im Grunde war es piss-easy. Und hatte eine mathematische Schönheit. War allerdings auch relativ praxisnah. In den Matritzen standen Zahlen. Andere sind dann ca. 10 Jahre später mit der Berechnung des Pageranks von Websites, auch mit Matritzenrechnung, Milliardäre geworden.
Nach dem gemeinsamen Lernen hörten wir öfter Musik, ich erinnere mich an das Album June 1, 1974, ein Konzert von Kevin Ayers, John Cale, Nico & Brian Eno im Rainbow Theatre in London. Du hattest die Erstausgabe des rororo-Rocklexikons von 1973 von Barry Graves und Siegfried Schmidt-Joos mit einem gezeichneten Jimi Hendrix auf dem Cover und sagtest spöttisch arrogant, dass alle Musik danach nicht der Rede wert sei, also auch o. g. Ayers-Album wie mir gerade auffällt. Ich hatte eine erweiterte Ausgabe des Rocklexikons von 1975 zur Konfirmation von einer Patentante bekommen, wahrscheinlich das zerlesenste Buch in meinem Regal. Ich habe es heute noch. Diese Ausgabe war dir schon zu modern.
Du rauchtest in einer kleinen Pfeife mit einem Metallgitter vorne Haschisch. Du hattest gerade eine Wette am Laufen. Es ging darum, ein Jahr lang keinen Tabak zu rauchen, pures Cannabis war aber ok. Die Wettsumme betrug 1000 Mark, eine Menge Kohle für einen Studenten 1990. Wir trafen uns dann zum Feiern der von uns beiden bestandenen Klausur in meinem Stammbiergarten, am Chinesischen Turm. Und du erzähltest mir, dass du die Wette verloren hattest. Das Inhalieren des Rauchs einer Zigarette war dir 1000 Märker wert gewesen. Eigentlich bewundernswert, aber auch irgendwie dämlich. Ich hatte übrigens kurz davor auch richtig mit dem Drehen und Rauchen angefangen. Aber das ist eine andere Geschichte.
Wo du dich wohl jetzt rumtreibst?
So sanft geblasen
So filigran gesponnen
Alles nur ein Traum?
[Erik Honoré – Prague]
Neue Statistik
nach dem Ergometerritt:
Schweißhandtuchgewicht
Alterserscheinung
Andauernd strenger riechend
Eigene Pisse
Verloren im All
Da, wo das Licht nicht hinkommt
Magisch unendlich
[Thåström – Magiskt oändligt (via)]
Getrieben vom Beat
Klingelt da ein Telefon?
Die Spannung haltend
[Nik Bärtsch’s Ronin – Modul 66]
Wie sie die Treppe
runtertrappelt, zum Tor geht
und ich bin nicht da
Bei hundertzwanzig
Ein Wagen prescht rechts vorbei
Auf dem Standstreifen
Heute Permafrost
Der Nebel lichtet sich nicht
Die erste Kerze
Altpapiertonnen
Tauchen nach Bücherschätzen,
Briefkonvoluten
In der Dämmerung
Der Freiturm der Burg Kronberg
Von Mammolshain aus

Frei schwebend im Raum
An Decke hängen Töne
Völlig absichtslos
[Jakob Bro, Lee Konitz et al. – Peninsula (von Taking Turns)]
Bauchfell schimmert weiß
Ex-innerdeutsche Grenze
Fuchs auf Wiesenhang!
Da war ich sieben
Wahrscheinlich das erste Lied,
das mich umhaute
[The Carpenters – Close to You]
Streicherteppiche
Musik für wunde Seelen
Black is beautiful
[Michael Kiwanuka – Floating Parade]
Im Schaumbad liegen
Schweißtropfen rinnen vom Kopf
rice milk, vanilla
Muskatnuss, Nelken
Geschmeidig, charakterfest
Salziges Lakritz

Mitten ins Herz treffen
In der Ruhe liegt die Kraft
Eine Band gibts auch
[Fleetwood Mac – Man of the World (Beat Club, 1969)]
Wie jede Faser
sich nach dem Ergometer
vollständig entspannt
Der einzige Song,
dessen Text ich auswendig
aufzusagen weiß
[Nick Drake – Road]
Rotes Eichhörnchen
Drei Krallen in der Nussbar,
eine außerhalb
Sinistrer Einstieg
Totenglocken zum Abschied
Himmlische Streicher
[The Smiths – Last Night I Dreamt That Somebody Loved Me (more)]
Die alte Frau sucht
vor der Supermarktkasse
Dominosteine
Touch me deep inside
Suddenly change direction
Let the funk explode
[Nik Bärtsch’s Ronin – Modul 46 (orig. from Holon)]
Auf seiner Bude
Gemeinsam ganz still werden
Die Sehnsucht hören
[Eric Burdon & the Animals – Anything, danke Andi]
Rosinenklümpchen
auseinanderklamüsern
morgens im Müsli
Friseure, daran
scheiternd, Haare mit Schere
schön kurz zu schneiden
Ältere Männer,
die ganz plötzlich anfangen
mit der Genderei
Sich im Kreis drehen
Geist auf die Sprünge helfen
Zur Ruhe kommen
[Bill Evans – Peace Piece]
Der Hund schaut herab
Das Schlafanzugoberteil
gleitet hinunter
Wenn die Zeit still steht,
kann Momo den Zeit-Dieben
selbige stehlen
[Michael Ende – Momo]
Heuer gegangen
Zwei Elisabethpfade,
dann den Jakobsweg
Gegen das Stuhlbein
mit dem kleinen Zeh stoßen
Warten auf den Schmerz
Kaffeeautomat
Zwei Frauen im Dialog
Nicht stören wollen
Die Mischlingshündin
– ich sitze auf dem Sessel –
springt mir auf den Schoß
gras, à l’apogée
Pflaume, Kirsche, Brombeere
Alkoholbombe

Raus aus dem Iran
als alleinstehende Frau
mit einundvierzig
Mit Walen tanzen
Jung und alt gesellt sich gern
Am Lagerfeuer
[Tucker Zimmerman & Big Thief – Burial at Sea]
Zikadengesang
Die Erde atmet im Schlaf
In Mauerritzen
[nach Michael Endes Momo, geborgen aus dem Bücherschrank]
Ein vages Gefühl,
der Sog der leisen Töne,
die Welt verschwommen
[Lars Danielsson, Verneri Pohjola & John Parricelli – La Chanson d’Hélène (Philippe Sarde)]
Denn der Maulwurf
weiß ganz genau, warum er
immer tiefer gräbt
Bridget St John – Curl Your Toes]
Die Sonne geht auf
über Frankfurt, der Himmel
im Osten rosa

Lasst Waffen schweigen,
Soldaten auf Schlachtfeldern!
Hört diese Musik!
[Jakob Bro, Lee Konitz et al. – Aarhus]
Vacha – Geisa – Hünfeld – Fulda – Flieden – Bad Soden – Gelnhausen – Langendiebach – Bergen-Enkheim – Niederhöchstadt
Halsband leuchtet grün
Sie tapst durch die Nebelnacht
Augen funkeln gelb
Lampe schränkt Sicht ein
In der Luft reflektieren
Wasserkristalle
Gelbe Laubwälder
Mit 300 Sachen durch
Taunus im Nebel
[Rodolphe Burger – L’inattendu]
Die Becken streicheln
Über Tasten traumwandeln
Den Bass erfühlen
[Colin Vallon Trio – Mars]
Drei Küchenwecker
liegen in der Küche rum
Sie sucht den vierten
Gothic Synthiepop
Die Stimme kenne ich doch
The eighties are back
[Levin Goes Lightly – Numb]
Fensterblick zum Teich
Taube fliegt auf der Stelle
Krallen im Wasser
Bücher, Vehikel,
mit dem Geist vorzustoßen
in andre Sphären
Morgens aufgewacht
Die Sterbeglocken läuten
Bye, democracy
Die Sonne ist gerade über der A4 aufgegangen, als ich beginne, mich mit einigen anderen Gästen dem umfassenden Frühstücksbüffet zu widmen. Heute am Sonntag zum Ende meiner Wanderung scheint Helios den ganzen Tag über, der Nebel der letzten Woche ist wie verflogen.
Es dauert eine Weile bis ich nach dem Verlassen des Hotels um 8h45 meinen Tritt gefunden habe, die Bewegungen des linken Knies sind trotz der Kniebandage unrund, das Humpeln läuft nur langsam aus in einen flüssigen Gang.
Am Eingang von Höhenberg wird die Brüderstraße, die von Siegen bis Köln verläuft, zu einer Ahornallee. Linker Hand ein kleines Wäldchen, der letzte Zipfel Natur, bevor ich in die versiegelte Stadt eintauche. An der Hauswand gegenüber ein verquerer Graffitispruch.

In Höhenberg komme ich an jeder Menge Kneipen vorbei, wo der halbe Liter Kölsch für 2,20 zu bekommen ist. Hier vor Ort wird das Kölsch u. a. Biere von der 1830 gegründeten, ältesten noch heute in Köln produzierenden Brauerei der Gebrüder Sünner gebraut.

Weiter geht es an einem Industriedenkmal vorbei, dem Turboverdichter für die Sodaproduktion der Chemischen Fabrik Kalk, das ein Mann diskret von der Seite anpinkelt. Etwas später kreuzt ein Typ mit Palästinensertuch meinen Weg, der in sein Smartphone blickend wild gestikuliert und laut auf arabisch herumschreit, niemand beachtet ihn. Ich befinde mich hier in einem sozialen Brennpunktviertel.

Rechter Hand führen auf dieser Seite rundherum Treppenstufen herauf zur ehemaligen Kölnarena, der mit 20.000 Plätzen größten Veranstaltungshalle Deutschlands.

Es ist nun nicht mehr weit zu Vater Rhein, den ich auf der linken, der domabgewandten Seite recht einsam überquere.


Nahe der Domplatte treffe ich meine Eltern. Die Besichtigung des Doms gelingt aufgrund von Gottesdiensten nicht, es ist bis 13h nur der vordere Teil zugänglich.

Vor dem Dom steht eine originalgetreue Kopie der auf den Türmen angebrachten Kreuzblumen, die immerhin fast 10 Meter hoch sind.

Stattdessen trinken wir Kaffee und gucken uns eine der zwölf romanischen Kirchen Kölns an, die den meisten Kölnern ja sowieso mehr am Herzen liegen als der Dom. Es ist die Dominikanerkirche St. Andreas.

Hier liegt Albertus Magnus in einem Steinsarg in der Krypta. Elf Kirchenfenster wurden von Markus Lüpertz neu gestaltet. Unter anderem das Josephfenster links am Eingang, das den Zimmermann, der in der rechten Hand sein Werkzeug, die Säge trägt, zeigt.

Nach einer Mittagsmahlzeit draußen am Wallrafplatz gegenüber dem WDR-Funkhaus machen wir uns auf den Weg nach Moers.
Hier ist der Etappenüberblick der gesamten Wanderung.
Nach einem servierten Standardfrühstück, das ich komplett verputze, mache ich mich gegen neun bei bedecktem Himmel auf. Das trübe Wetter hat gehalten, aber Regen bekomme ich glücklicherweise auch heute wieder nicht ab. Die Füße sind etwas schwergängig nach der langen Etappe gestern, außerdem laufe ich im ersten Teil viel auf der asphaltierten Straße oder auf den noch härteren Bodenplatten des Bürgersteigs, was meinen Gelenken und Füßen gar nicht behagt.
Es geht die Brüderstraße hinab ins Tal der Agger nach Overath, dem nach Siegen zweitgrößten Ort auf meiner Strecke.

Hier besichtige ich die geöffnrte katholische Kirche St. Walburga, eine recht große dreischiffige Pfeilerbasilika aus dem 12. Jahrhundert. Im Gäste- bzw. Fürbittenbuch ist der letzte Eintrag über ein halbes Jahr alt.

Ich zünde am Eingang mehrere Teelichter an und bin von der besinnlichen Stimmung angetan – ich bin allein in der Kirche – direkt vor einem Seitenaltar brennen viele unter- und nebeneinander aufgestellte Teelichter.

Abgekordelt links neben mir ein Seitenaltar, der mich mit seinen „Augen“ anzuschauen scheint.

Schließlich noch die modernen Kirchenfenster mit farbigen Segmenten, die mich etwas an die Gedächtniskirche in Berlin erinnern.

Nach einem kleinen Einkauf im Discounter geht es über die Bahngleise und die Bundesstraße an einem Reiterhof vorbei, wo mich die Frauen mit den Pferden an der Leine eine Weile in den Wald hinauf begleiten. Ich komme nach Heiligenhaus, wo ich in der Nähe des modernen Kirchengebäudes, aus dem Chorgesang schallt, eine Rast einlege.
Es geht nun wieder steil die Straße hinab zur Sülz, die ich bei Altenbrück überschreite. Hier gibt es einige alte Fachwerkhäuser, eines ist nun ein kostspieliges Restaurant.


Die moderne katholische Kirche in Untereschbach auf der anderen Seite der Sülz hat neben dem Pilgerstempel, eine Karte zu bieten mit den Anteilen der Katholiken in Deutschland, am höchsten ist der Anteil mit 77% in Passau.
Weiter geht es hinauf zum Königsforst, den ich komplett von Ost nach West auf knapp 10 km durchquere. Erst einmal mache ich meine Mittagspause in einer Schutzhütte. Die Wohltat, aus dem Schuhgefängnis auszubrechen und die Socken auszuziehen, ist unbeschreiblich.
Ich höre nun immer wieder die Schreie der in V-Formation fliegenden Kranichschwärme, die hoch oben in etwa derselben Richtung wie ich nach Westen bzw. Südwesten unterwegs sind. Es sind tausende Vögel.

Im Wald treffe ich viele sehr schnell fahrende Sportradfahrer, einer warnt mich aus der Ferne und bedankt sich, als ich auf der rechten Seite bleibe. Außerdem sind natürlich sehr viele Hunde mit Herr- bzw. Frauchen unterwegs, häufig mit jungen Paaren, die sich statt eine Familie zu gründen, einen Hund angeschafft haben.
Ich komme nun nach Köln-Brück, ein gut erhaltener, vom Krieg wenig in Mitleidenschaft gezogener Stadtteil ganz im Osten mit einigen Fachwerkhäusern. Die Olpener Straße, der ich gen Westen folge, hat hier vierstellige Straßennummern, ein Phänomen, das ich eigentlich nur aus den USA kenne. Ich passiere den von Nord nach Süd verlaufenden Mauspfad, einen historischen Handelsweg.
Hinter Brück wird es ungemütlicher, ich gehe durch Neubrück, ein Stadtrandgebiet mit Gewerbe, die Straße wird breiter, die Autos fahren schneller. Schließlich gehe ich unter der A4 durch nach links und erreiche bald mein Hotel.
Zu Abend essen tue ich heute in einem sehr gut frequentierten syrischen Lokal am Ende der Straße. Draußen unter einer Plane sitzen neben den Heizpilzen die Wasserpfeifenraucher, viele meist verschleierte Frauen. Ich bekomme innen einen Platz zugewiesen. Im ganzen Restaurant bin ich der einzige Biodeutsche (ich mag das Wort nicht, kenne aber kein besseres). Meine Mahlzeit besteht aus Fatusch (Salat mit Brotchips), Falafel und Ayran dazu. Alles sehr schön leicht.
Ich schlummere ein zu dem beruhigenden, gleichmäßigen Rauschen der Autobahn, als würde sich die Trommel der Waschmaschine im Nebenzimmer drehen.
Hier ist der Etappenüberblick der gesamten Wanderung.
Den Buggy schiebend
Baby um Brust gebunden
Glimmstengel paffend
Die Krähen krächzen
Die Autobahn rauscht dahin
Die Stöcke klackern
Eine junge Frau
antwortet auf mein „Morgen“
mit einem Lächeln
Wir sind um halb acht in der Gaststube, wo der Wirt uns das Frühstück vorbereitet. Er stellt uns noch schnell seine Hilfskraft vor, die mit Sack und Pack aus Luhansk flüchten musste und nach einer Odyssee über Charkiw, Kyjiw und Lviw im Bergischen Land angekommen ist. Ich bezahle und bin positiv überrascht: Es ist 30% günstiger als angekündigt.
Um 8h22 geht Hans‘ Bus nach Gummersbach, wo er umsteigt in den Zug nach Köln und dann in den ICE nach Berlin, insgesamt elf Stunden Fahrt, eine kleine Weltreise.
Ich gehe an der Wasserburg mit den vergitterten Gefängniszellen und der leider noch geschlossenen evangelischen Antoniuskirche vorbei, die als Ort der Stille und Einkehr gilt.

Es geht nun aus dem Ort heraus und ich komme auf die Brüderstraße, einen fast durchweg asphaltierten Höhenweg, der früher für den Handel genutzt wurde und dem ich den ganzen Tag 27 km lang folgen werde. In Eiershagen, das mehrmals Preise im Wettbewerb „Unser Dorf soll schöner werden“ gewonnen hat, starren mich die Rindviecher an, die angekündigten Fachwerkhausgiebel und Schieferfronten sehe ich im Vorübergehen nicht.

Es reiht sich hier ein Dorf an das andere, ich passiere heute über zehn Ortschaften, in Rölefeld steht eine Linde mit einer Hohlkrone, die durch Reifen flach gelegt wurde, die Kunst des geschnittenen Baumes, die „ars topiaria“ geht bis in die Antike zurück.

Menschen, meist Jogger, treffe ich auf meinem Weg nur vereinzelt, kein Wunder, dass hier in der abgelegenen Gegend eine psychiatrische Einrichtung steht.

In Oberbierenbach werde ich aus der Ferne Zeuge, wie ein Hütehund – evtl. ein Bordercollie – eine Lämmerherde mit Ziegen in ein Gatter treibt. Er legt sich flach auf die Wiese und lässt kein Tier entwischen.
Ich bin heute endlich im Flow, schaffe am Ende inklusive Pausen mit 27 km in etwas über 7 Stunden fast einen Viererschnitt. Man muss allerdings dazu sagen, dass der Weg gut befestigt ist, mehr oder weniger immer geradeaus geht, so dass Verlaufen fast unmöglich ist und es keine nennenswerten Steigungen gibt. Außerdem hat mir der Ruhetag gestern gut getan.

Die ev. Kirche in Drabenderhöhe ist eine schlicht gehaltene Dorfkirche mit Empore und Kassettendecke.

Am Ortsausgang mache ich auf einer Bank meine Mittagspause mit einem Wurst-Käse-Brötchen und lutsche zum Nachtisch zwei schwarze Schokostückchen.
Auf einer Bank oberhalb des Weges sitzt ein Wandergenosse, der den Feiertag nutzt, um in einer Tagesetappe zu einer Bekannten zu wandern, einen Tag dort zu bleiben und dann wieder zurück zu gehen. Er erzählt mir von einer Pilgerwanderung in der Nähe mit 40 km-Etappen.

Normalerweise hätte man von hier oben eine wunderschöne Aussicht über das Bergische Land bis zum Siebengebirge und bei klarer Sicht sogar bis zur Eifel. Leider gibt es heute vor allem Suppe zu sehen, der Nebel verdeckt die Sicht.

In Heckhaus erfrische ich mich an einem Radler, das ein Arbeitskollege, der hier wohnt und den ich später treffen werde, netterweise vor der Haustier deponiert hat.
Die evangelische Kirche in Federath beherbergt ein 3,5 m hohes Holzkreuz, das sogenannte Hofkreuz. An diesem Kreuz hängt kein Jesus. Stattdessen sind die Leidenswerkzeuge Hammer, Nägel, Essigschwamm, Geißel, Würfel, sein Gewand, die 30 Silberlinge des Judas sowie ein Kelch, in den Jesu Blut fließt, ins Holz geschnitzt.

Es geht jetzt auf den Endspurt zu meinem Etappenziel, links auf der Telefonleitung sitzen Stare, die ich versuche, nicht aufzuscheuchen, Leonard Cohen lässt aus dem Off grüßen.

Zu Abend esse ich eine große Pizza mit Scampi und Knoblauch, die ich mit Kölsch runterspüle. Die drei Imbissbediensteten kommen aus dem kurdischen Teil Syriens, der gerade wieder von Erdogans Militär angegriffen wurde. Diese Schicksale brechen mir das Herz. Ich träume, dass alle Autokraten in einer Kapsel in den Weltraum geschossen werden und nie mehr zurückkommen.
Hier ist der Etappenüberblick der gesamten Wanderung.
Musk, Trump, Xi Jinping
Putin, Erdoğan, Orbán
mit SpaceX ins All
Heile Weltinsel
in einem Meer von Krieg und
Umweltzerstörung
[Laura Marling – Child of Mine]
Nach einer erholsamen Nacht gehen wir gegen 8 runter zum Frühstück, wo niemand zu sehen ist, wir uns aber komplett selbst bedienen können. Es kommt dann später noch ein anderer Gast und der wortkarge Hotelbedienstete, das Hotel scheint sehr leer zu sein.
Nach dem Frühstück gehen wir hinunter in den Ort, der sich durch ein großes, intaktes Ensemble von Fachwerkhäusern auszeichnet, den Alten Flecken. Zwischen den Häusern immer ein Abstand, um Feuer – es hatte im 16. und 17. Jahrhundert zwei große Brände gegeben – zu vermeiden.


Ein Plakat deutet darauf hin, dass hier auch schon die Jüngsten ans Wandern herangeführt werden.

Der Ort ist ein Leckerbissen für Touristen, wir treffen allerdings keine.

Oben auf dem modernen Turm der katholischen Kirche, der fast wie ein Bahaï-Tempel aussieht, ein Engel mit Trompete.

Die Frontseiten der Häuser sind hier meist mit Schiefer verkleidet, manche Häuser sind auch vollständig von Schiefer eingefasst. Siegerland und Bergisches Land gehören ja bekanntlich zum Rheinischen Schiefergebirge, auf den Wegen kommen wir auch immer wieder über steinige Passagen aus Schiefer.

Der Pilz des Tages ist heute der Fliegenpilz, von dem wir auch ganze Gruppen antreffen. Zum Teil kleben Schnecken auf ihnen, die sie sich schmecken lassen.

Wir überschreiten nun die Landesgrenze nach Rheinland-Pfalz. In dieser Gegend hat die Gegenreformation im 17. Jahrhundert voll zugeschlagen. Wir passieren erst die Kapelle zur Schmerzhaften Mutter mit einem Herz, das von 7 Schwertern durchbohrt ist. Anschließend kommen wir auf eine Anhöhe mit der Roten Kapelle im Andenken an hunderte von hingerichteten „Hexen“. Glück hatten diejenigen, die erst erdrosselt oder erhängt wurden, bevor sie auf dem Scheiterhaufen landeten.

In Friesenhagen ist die katholische Barockkirche, die etwas unterhalb des Jakobsweges liegt, geöffnet. Eindrucksvoll ist das geschmiedete Eisengitter der Seitenkapelle links, der Grafenkammer.

Nun geht es durch den Wald zum Wasserschloss Crottorf, das im Privatbesitz des adoptierten Grafen ist. Hinter dem Drahtzaun im Wald begrüßen uns zwei kleine, bellende Hunde. Die Gaststätte ist heute wegen Ruhetag geschlossen.

Es geht nun wieder zurück nach NRW, wo wir unsere Mittagsrast an einer Bank mit schönem Blick über eine Wiese machen.

Etwas später werden wir von einem älteren E-Biker angesprochen, der uns in Friesenhagen bereits gesehen hat. Er ist gut in Form und saust nach dem Smalltalk über den Jakobsweg wieder die Straße hoch.
Heute sind die Wege recht matschig und die von der Landwirtschaft genutzen Straßen glitschig. Es riecht überall ein bisschen nach Gülle, selbst mitten im Wald. Die Felder sind offensichtlich kürzlich gedüngt worden.
In Denklingen, wo wir gegen 5 zum Einbruch der Dämmerung ankommen, werden wir von unserem Gastwirt, der kein Blatt vor den Mund nimmt, zum Gästehaus geführt. Wir gehen noch schnell etwas einkaufen und essen dann im Gasthaus Schnitzel bzw. Bauernomelette und trinken Kölsch dazu.
Hans stellt später fest, dass das Blasenpflaster unterm Fuß nicht geholfen hat; im Gegenteil darunter klafft eine offene Wunde, die er bandagiert. Er muss morgen zum Arzt, weiter zu wandern ist für ihn völlig ausgeschlossen.
Hier ist der Etappenüberblick der gesamten Wanderung.
Wir verbringen eine erholsame Nacht, die ausgelaugten Körper holen sich den Schlaf, den sie fürs Weiterkommen benötigen. Das Frühstück im Gasthof ist recht minimalistisch. Drei Standardbrötchen, Käse, Wurst, Marmelade, Butter, Ei, Heißgetränk. Zumindest werden wir satt. Das Gebäude unseres Gasthofs ist das einzige historische Gebäude weit und breit.

Siegen hat eine Städtefreundschaft mit Spandau, für die Aufnahme von Spandauer Jugendlichen bei Schulfreizeiten vor der Wende hat Spandau Siegen einen Bären geschenkt.

Wir haben heute eine mit 16 km recht kurze Etappe und gucken uns noch etwas die um 9 Uhr leergefegte Stadt an. Auf der evangelischen Nikolaikirche – geöffnet nur samstags von 10-12 – throhnt das Krönchen, das Wahrzeichen der Stadt, ein Geschenk des Fürsten zu Nassau-Siegen. Die geistliche wird quasi von der weltlichen Macht beherrscht.

Wir gehen hinauf bis zum oberen Schloss, wo das um 10 Uhr öffnende Siegerlandmuseum einige Bilder von Peter Paul Rubens, der hier geboren wurde, beherbergt. Sein Vater Jan hatte übrigens eine Affäre mit Anna von Sachsen, der Frau Wilhelm von Oraniens und kam dafür 2 Jahre ins Dillenburger Gefängnis. Sie erwartete ein tragischeres Schicksal.
Eine größere Gruppe von Mitbürgern mit Migrationshintergrund, die eher französisch als deutsch verstehen, steht mit der Führerin am Eingang.

Ich erblicke in einem Buch das hier nicht ausgestellte Bild Caritas Romana von P. P. Rubens, das einen älteren Mann im Hungerkerker zeigt, der seiner Tochter, die ihn besucht und nichts zu essen mitbringen durfte, an der Brust saugt.

Wir verlassen nun Siegen über den Bahnhof nach Westen, es geht bergauf. Wir lassen eine Hochhaussiedlung ganz oben auf dem Hügel links liegen, der Weg ist nun etwas matschig, wir treffen eine Frau mit leichtem (russischen?) Akzent, die für eine ganze Weile in dieselbe Richtung geht, aber vom Jakobsweg noch nichts gehört hat.

Nach einer kurzen Rast ist unser nächstes Ziel die Autobahnraststätte Siegen-Ost. Vorher geht es noch hoch auf den Buberg (439 m). Wir gehen ein Stück an der Sauerlandlinie A45 lang, trotz der Unterbrechung wegen der in Lüdenscheid gesprengten, maroden Brücke, rollt hier noch so einiger Verkehr. Allerdings sagt uns die Bedienung in der Raststätte, wo wir einen Cappuccino und das migebrachte belegte Fladenbrot auf der sonnigen Terrasse verzehren, dass die Geschäfte momentan eher mau laufen.

Die Temperaturen sind auch heute wieder sehr mild, aber das Vorwärtskommen ist schwierig, die Beine schwer, das linke Knie zwickt, die Füße tun weh, Hans hat sich sogar Blasen gelaufen.
In Heisberg hat ein Rentner für die Kinder hinter einem Sprossenfenster ein Figurenensemble von Steiff-Bären etc. aufgebaut, das sich bewegt, wenn man eine Lichtschranke durchschreitet. Es gefällt mir sehr, wie der eine Bär rechts den Ball auf der Nase jongliert.

Das nächste Highlight ist die Kirche von Oberfischbach, die die gerade vorm Haus fegende Nachbarin nur für Pilger öffnet. In der Kirche ein Pilgerstempel und eine Orgel direkt über der Kanzel, die sich direkt über dem Altar befindet. Eine Art Dreifaltigkeit. Die Frau weist uns auch auf den Pilgerkühlschrank hin, der am Wegesrand etwas weiter oben steht, immer wieder unglaublich, auf was für tolle Ideen die Anwohner kommen, um den Pilgern das Leben zu versüßen.

Auch heute wieder jede Menge Pilze mitten auf dem Weg, ich muss aufpassen, dass ich sie nicht zertrete.

In Freudenberg gehen wir erst einmal Sauerkirschsaft einkaufen, der gut gegen Muskelkater und Kniebeschwerden sein soll. Hier gibt es den „Alten Flecken“ mit einem großen Ensemble von Fachwerkhäusern, den wir heute verfehlen, da wir auf schnellstem Wege hoch zu unserem Hotel im Wald marschieren, es ist nach fünf und es dämmert schon wieder.

Im Hotel treffen wir beim Essen einen weiteren Gast, einen Mann, der beim Essen ein Skypegespräch mit seiner Frau in einer östlichen Fremdsprache führt. Das Hotel hat schon bessere Zeiten gesehen, die Sauna ist nicht funktionsfähig, am Heizkörper im Zimmer fehlt der Wärmeregler, es bleibt kalt. Gut, dass es draußen noch so warm ist und wir beide kühle Schlafräume bevorzugen.
Hier ist der Etappenüberblick der gesamten Wanderung.
Sie können es noch
Suhlen im tiefen Weltschmerz
Elf Minuten lang
[The Cure – Endsong]
In der Nacht habe ich einen Alptraum und meine, schreiend aufzuwachen, Hans merkt davon nichts. Dennoch schlafen wir beide schlecht und wälzen uns viel.
Unsere Gastgeberin begrüßt uns mit einem fulminanten Frühstück, ich erwähne exemplarisch die köstliche mit Zimt selbstgemachte Holundermarmelade. Wir sind jetzt in NRW, man merkt es an ihrem Dialekt, sie sagt z. B. „watt“. Früher wurde hier viel aus Hessen geschmuggelt, z. B. Butter. Hessen war landwirtschaftlich geprägt und arm, im reicheren Siegerland wurde Bergbau und Verhüttung betrieben. Sie hatte vor einer Weile den Deutschland-Wanderer Günter Kromer zu Gast, der hier im Winter durch tiefen Schnee stapfte und dessen auf einer Kommode stehendes Buch ich mir vorgemerkt habe.
Die Wolken hängen auch heute wieder tief, aber es regnet nicht und es ist heute nicht neblig, die Sonne sehen wir allerdings auch nicht.
Hinter Irmgarteichen, wo die Grundschulkinder gerade auf dem Schulhof spielend ihre Pause nutzen, kommen wir erst auf einen Kreuzweg, der sich in den Wald hoch zieht. Hinter dem Friedhof stoßen wir bald auf den Rothaarsteig, den bekannten Fernwanderweg zwischen Brilon und Dillenburg, der auf meiner To Hike Liste steht.

Meine Füße sind heute am dritten Tag leichter, die Beine und Gelenke schmerzen weniger und wir kommen schneller voran als gestern. Die Landschaft ist meist unspektakulär, es geht viel über Wiesen und Feldwege und durch aufgelockerte Wald- und Buschgebiete.

An die Traumata der Feuerwehrhelfer erinnert ein Gedenkstein. Eine Frage, die man sich kaum stellt: Wer hilft den Helfern?

Ich bewundere eine akkurat und ästhetisch geschnittene Hecke, Kunst an der freien Luft inmitten der Natur.

In Niederdielfen kommen wir an der Wassermühle am aufgestauten Teich an. Wir lesen dort von den gefährlichen Mehlexplosionen, die es beim Mahlen geben kann.

Auf einem Baugerüst neben der Bäckerei an der Hauptstraße machen wir unsere Mittagspause mit den beim Frühstück geschmierten Stullen und einem Kaffee aus dem Pappbecher.

Es geht nun aufwärts zur Wallfahrtskapelle Eremitage, die wir links liegen lassen. Anschließend umrunden wir die äußerlich saubere und nicht stinkende riesige Mülldeponie halb. Über uns kreisen die Krähen. Wir lauschen dem Geräusch der heruntergefallenen gelbroten Blätter, die wir mit den Füßen aufwirbeln.

Kurz vor drei erreichen wir unser Etappenziel, die Großstadt und das Oberzentrum Siegen. Es geht zum Teil steil abwärts. Gut, dass ich meine Wanderstöcke dabei habe. Die katholische Kirche St. Marien ist geöffnet, aber sehr duster innen. Sie stammt aus dem 17. Jahrhundert und wurde von Jesuiten erbaut.
Der Ort döst um diese Zeit im Mittagsschlaf dahin, fast alle Geschäfte sind zu. Über eine stark frequentierte Kreuzung kommen wir zu unserem Gasthof, einem historischen Gebäude, wo wir in einem Nebengebäude unterkommen. Die Altstadt Siegens wurde Ende 1944 bei einem Luftangriff der Engländer fast völlig zerstört.
Nachdem wir uns etwas ausgeruht haben, machen wir kurz nach fünf einen kurzen Stadtrundgang, es beginnt bereits zu dämmern. Es geht hinauf zur der ältesten Kirche der Stadt, der evangelischen Martinikirche, dann zum Schloss, gegenüber ein modernes Unigebäude. Das Museum für Gegenwartskunst ist schön bunt beleuchtet.

Wir flanieren die recht übersichtliche Fußgängerzone rauf und runter, überqueren die Siegbrücke mit den Statuen für die beiden Industriezweige, denen die Stadt ihren Wohlstand verdankt, dem Bergbau und dem Hüttenwesen. Im Apollo-Theater stehen am Eingang als Nonnen verkleidete junge Frauen, es wird das Musical Sister Act gegeben, nicht gerade unser cup of tea.


Abends essen wir in der gut besuchten Gaststube unseres Gasthofes Bratkartoffeln und trinken frisch gezapftes Pils dazu.
Hier ist der Etappenüberblick der gesamten Wanderung.