Archive for the ‘haiku’ Category

4860

August 26, 2025

Durch Streuobstwiesen

Spätsommermorgensonne

Satte Grüntöne

4859

August 25, 2025

Die Musik ist aus

Der Kühlschrank brummt vor sich hin

Die Küchenuhr tickt

4858

August 25, 2025

Sag mal, dein Auto

putzt du aber nicht gerne

(’ne Beifahrerin)

4857

August 25, 2025

Verdammt, das riecht gut

Kimba schnüffelt am Boden

Darauf ein Pipi

4855

August 25, 2025

Blubber blubbe blubb

Blub blu bl b bl blu blub

Blubb blubbe blubber

4854

August 25, 2025

Wenn Schweigen Gold ist

Eine Schönheit, die weh tut

Nicht von dieser Welt

[Beth Gibbons & Rustin‘ Man – Sand River von Out of Season, 2002]

4853

August 25, 2025

Eichhörnchen springt rum

Gitterstäbe trennen uns

Wer ist da wohl frei?

4852

August 24, 2025

In Abendsonne

glitzernde Perlenkette

von Klaviertönen

[Oscar Peterson Trio – You Look Good to Me, live Holland 1965]

4851

August 23, 2025

Ian’s letztes Wort

Trauer in Musik gebannt

Auf dem Weg nach vorn

[New Order – Truth von Movement, 1981]

4850

August 23, 2025

Im ganzen Leben

Eine Stunde Seligkeit

Ist das nicht genug?

[Fjodor Dostojewski – Weiße Nächte]

4849

August 23, 2025

Schlange, Thekenplatz

Grüner Tee, Miso, Sushi

Personal auf Zack

[ishin, Berlin, Mittelstraße]

4848

August 22, 2025

Ian’s Vermächtnis

Das Keyboard stimmt an und wir

wissen wo’s hingeht

[Joy Division – Decades, letztes Lied von Closer, 1980]

4847

August 22, 2025

Den Blick abwenden

Vom Smartphone, hin in die Welt

Nothing can beat it

4846

August 22, 2025

Erster Sonnenstrahl

An alte Zeiten denken

Beide verbinden

[Paolo Fresu, Richard Galliano, Jan Lundgren – Float]

4845

August 22, 2025

Unter den Linden

Rote Welle für Radler

Neu vom Tor zum Dom

4844 Sirāt

August 20, 2025

Bridge for dead people

Hair-thin, sword-sharp, hell below

Paradise ahead

4843

August 20, 2025

Ein Haus, zwei Frauen

Beim Tanzen eingeschlafen

Sprudelnd vor Worten

[Dörte Hansen – Altes Land]

4842

August 19, 2025

Beautiful actress

puts headphones around his ears

so that all will change

[The Shins – New Slang, 2001]

4841

August 19, 2025

Dumpfe Beats, Drones, Hall

Wüstentrip zum nächsten Kick

(Do not) watch your steps

[Óliver Laxe – Sirāt (Soundtrack: Kangding Ray), 3 von 5]

4840

August 19, 2025

Nach vierzehn Stunden

Hungergefühl im Magen

Freuen aufs Breakfast

4839

August 18, 2025

Copilot scheitert

an einfachsten Aufgaben

Hoffnung für Menschheit?

4838

August 18, 2025

So stark verbunden

mit anderen Menschen wie

in einer Seilschaft

4837

August 17, 2025

Fliegender Teppich

Webstuhl Tenorsaxofon

Verträumte Töne

[Joe Lovano – Seeds of Change von Trio Tapestry, 2019]

4836

August 16, 2025

Gitarrentöne

Heller am Himmel glitzernd

Als die Fixsterne

[Felt – Fortune, 1982 (remastered)]

4835

August 16, 2025

Für die Teilnahme

am Euthanasie-Programm

Sechshundert Euro

[Chie Hayakawa – Plan 75]

4834

August 15, 2025

Wie konntest du mich

damals nur so gut kennen,

ich war noch nicht fünf

[Nick Drake – Man in a Shed von The Making of Five Leaves Left, März 1968]

4833

August 15, 2025

„Sie findet den Mund nicht,“

schmatzt trotzdem mit den Lippen,

„krallt sich an mir fest.“

[Annie Ernaux – Ich komme nicht aus der Dunkelheit heraus]

4832

August 13, 2025

In der Luft hängen

Nicht wissen, wie’s weitergeht

Es kommen lassen

[Big Star – Kanga Roo von Third/Sister, 1978]

4831

August 13, 2025

Es hat „Klick“ gemacht

Sechsundzwanzig Minuten

Im Flug vergangen

[The Necks – Causeway von Disquiet, das am 10.10. erscheint]

4830

August 13, 2025

Große Befreiung,

abends zu Hause nichts mehr

essen zu müssen

4829

August 13, 2025

In der Buchhandlung

schmale Neuerscheinungen

komplett durchlesen

[z.B. Annie Ernaux – Ich komme nicht aus der Dunkelheit raus (bin noch nicht ganz durch, komme wieder)]

4828

August 12, 2025

When you need it most

A stroke of the forearm’s hair

A slow motion hug

[Bonny Light Horseman – The Roving, 2020 (via)]

4826

August 12, 2025

Bürodissonanz

Klärendes Gespräch zu dritt

Erinnerungen

4825

August 12, 2025

Sommermorgen, kühl

Minzduft betört die Nase

Während des Gießens

4824

August 11, 2025

In Gitarrenbauch

Ganz tief reinkriechen wollen

Im Riff verschwinden

[Flowerpornoes – Herz aus Stein von … red‘ nicht von Straßen, nicht von Zügen, 1994]

4823

August 11, 2025

Tiergartenradfahrt

Abends Insektenheere

Mit Kopf gezweiteilt

4822

August 10, 2025

Westküstenfeeling

Lied für späte Abende

In wilden Zeiten

[Cracker – Kerosene Hat, 1993]

4821

August 10, 2025

Freitagabend, lau

Zu zweit zwei Flaschen süffeln

Es nicht bereuen

Edition Abtei Himmerod, Mosel, Weißburgunder 2023

4820

August 10, 2025

Wabernde Sphären

Als Zukunft noch sexy klang

Dahingeschmolzen

[Leftfield – Melt von Leftism, 1995]

4819

August 9, 2025

Abendspaziergang

Kimba macht im Stoppelfeld

Eskimorollen

4818

August 9, 2025

Direct, dense, cosy

Warm, intimate chord shower

To look forward to

[Joan Shelley – Real Warmth (out Sep., 19th) listening party]

4817

August 9, 2025

In Unterhose

Pieksende Eibennadeln

Auf Haut festklebend

4816

August 9, 2025

Emsige Hände

bringen Gefühle rüber,

wenn wir sprachlos sind

[Jonathan Richman – O Guitar]

4815

August 9, 2025

Geschwätziger Text

Ressourcenverschleuderer

Lebenszeitfresser

4814

August 9, 2025

Auf Leiterpodest

Eibe in Augenhöhe

Heckenscherenschnitt

4813

August 7, 2025

Thanks for reminding

No one wrote lyrics like you

We miss you so much

[Silver Jews – Random Rules, 1998]

4812

August 7, 2025

Die guten Dinge

Wo sind sie nur geblieben?

Fortschritt war gestern

[Gabriel Yoran – Die Verkrempelung der Welt, 5 Sterne]

4811

August 6, 2025

Wie lange brauchst du,

um herauszubekommen,

welches Stück das ist?

[Vincent Meißner – ??? von Eigengrau]

4810

August 6, 2025

Vor Abendsonne

steigt ein Nebelschleier auf

Getreideernte

4809

August 6, 2025

etwas wahrnehmen

in siebzehn Silben gießen

fertig ist’s Haiku

4808

August 6, 2025

wie ihr mit vierzehn

die SONNE auf den Kopf fiel

morgens im August

4807

August 6, 2025

Handsägezähne

sich langsam hineinfressend

in Haselnussstamm

4806

August 6, 2025

Sonne lacht mich an

Gerste lässt Ähren hängen

Tau benetzt Schuhe

4805

August 4, 2025

Nach dem Leckerli

Kimba springt hoch, bellt um sich

Da muss noch mehr sein

4804

August 3, 2025

Nicht Angst vorm Ende

des Lebens, aber davor,

dass es nie anfängt

[nach John Henry Newman]

4803

August 3, 2025

Life is but a dream

Haunting us until the end

This is the soundtrack

[The Rolling Stones – Heaven from Tatoo You, 1981]

4802

August 2, 2025

Gefallne Äpfel

Mirabellenparadies

Brombeerhimmel

4801

August 1, 2025

Endlich weiß ich es

9 mm mit Übergang

So heißt mein Haarschnitt

4800

August 1, 2025

Eintausend Meilen

längs durch Großbritannien

Parkinson fuck off!

[Raynor Winn – Über Land]

4799

August 1, 2025

Gitarrenzauber

Unvergessliche Stimme

Knochentiefer Groove

[Jeff Tweedy – Enough]

4798

Juli 30, 2025

Krankenhausbesuch

Kollege im Wachkoma

An Decke guckend

4797

Juli 29, 2025

Man sieht ihn förmlich

an sich vorbeirauschen und

wie er verschwindet

[Hermann van Veen – Kleiner Fratz (live 1975)]

4796

Juli 28, 2025

dieser musiktrip

das springen von stück zu stück

liebe zum schicksal

4795

Juli 28, 2025

Bleierne Schwere

Müdigkeit übermannt mich

Auf dem Weg nach Haus

4794

Juli 27, 2025

Melodrama-Kitsch

Wohl zu schön, um wahr zu sein

Aber der Weg reizt

[Marianne Elliott – Der Salzpfad nach dem Buch von Raynor Winn]

4793

Juli 27, 2025

Erst schilfig, dann voll

Trompetenklangverwandlung

Mittenrein ins Herz

[Mathias Eick – September, s.a. 4792]

4792

Juli 27, 2025

Sag jetzt lieber nichts

Spanne nur die Ohren auf

Lass die Töne rein

[Mathias Eick – September]

4791

Juli 26, 2025

Tempo rausnehmen

Sein verspultes Ding machen

Es fließen lassen

[Kurt Vile – hit of the highlife]

4790

Juli 26, 2025

Ganz tief in mir drin

etwas zum Schwingen bringen,

das ich nicht kannte

[Eliana Glass – Flood]

4789

Juli 26, 2025

Als Fan sein Idol

wieder zurückschubsen auf

den richtigen Weg

[James Griffiths  – The Ballad of Wallis Island]

Malerweg, 23.7.25 Weißig – Pirna 15+5

Juli 24, 2025

Herumgeturne
inmitten Sandsteinfelsen
Renaissancekleinod

Morgens nehmen wir unser Frühstück ganz allein im großzügigen Frühstücksraum ein. Bezahlen tun wir in cash, der ältere der beiden Jungens des Hofes, die sich hier in den langen Sommerferien etwas zu langweilen scheinen, nimmt das Geld  entgegen. Im Garten ist der Großvater in den Blaubeeren zugange, der uns von ehedem erzählt.

Kurz nachdem wir aus Weißig raus sind, türmt sich vor uns der Rauenstein auf.

Rauenstein

Über Treppenstufen kommen wir zum Gasthaus, das gerade eben geöffnet hat. Die beste Aussicht auf Bastei, Lilienstein, Pfaffenstein, Königstein und die beiden Bärensteine hat man von einem Standpunkt etwas unterhalb des Plateaus, da sonst Bäume die Sicht versperren. Der Lilienstein auf der anderen Elbseite verdeckt den Papststein und den Gohrischstein auf dieser Seite. Das liegt daran, dass die von hier aus unsichtbare Elbe im Tal eine große Schleife um den Lilienstein macht.

Rauenstein: Aussicht auf Lilienstein
Rauenstein: Aussicht auf Bastei

Hinter dem Gasthaus geht es weiter treppauf und treppab, alles ist perfekt durch Geländer gesichert. Auch um halb elf morgens kommen uns hier schon einige Touristen entgegen, man ist hier wirklich mittendrin im Felsenlabyrinth des Elbsandsteingebirges.

Rauenstein

Es geht nun hinunter durch den Wald gen Pötzscha (gegenüber der Stadt Wehlen), wo wir vor einigen Tagen übernachtet hatten. Eine Mönchsgrasmücke singt laut ihr schönes Lied. Am Wegesrand neben Getränken zur Erfrischung, selbstgemachten Marmeladen (u.a. Minzgelee) und Hufeisen auch in die Natur integrierte Wanderschuhe.

Pötzscha

Der Weg geht weiter zur letzten signifikanten Steigung hinauf nach Naundorf. Hinter dem Ort durchqueren wir einen Laubwald, einzelne Wegpassagen sind aufgrund des Regens der letzten Tage immer wieder matschig. Ich höre die Rufe einer Mäusebussardfamilie, die Eltern miauen, die Jungvögel fiepen.

Wir treffen eine einheimische Gruppe älterer Wanderer, die den Malerweg in Tagestouren von Pirna in Gegenrichtung laufen. Kurz vorm Abstieg hinunter ins Elbtal nach Obervogelsang halten wir Mittagsrast mit den Pizzaresten von gestern und einem großen Apfel als Nachtisch.

Unten ist es spürbar heller und die Sonne knallt runter. Wir gehen auf dem sehr stark frequentierten Elberadweg noch rund eine Stunde bis nach Pirna. Die Kajaks auf der Elbe sind kaum schneller als wir, obwohl sie mit der zugegeben recht moderaten Strömung paddeln.

In Pirna gönnen wir uns einen Eiskaffee und ich kaufe mir ein Buch einer Bestsellerautorin über diverse Fernwanderungen in England und eins über den historischen Malerweg. Um 17 Uhr machen wir eine anderthalbstündige Führung durch die von den Weltkriegen verschonte Renaissancealtstadt mit. Der Führer stellt positiv heraus, dass in der DDR anders als im Westen alte Bausubstanz bei Neubau nicht zerstört wurde, sondern sich selbst überlassen und damit erhalten blieb. Dass die Sanierung Pirnas aber dann nach der Wende passiert ist, wird nur beiläufig erwähnt. Wie er überhaupt offensichtlich zu den in Pirna knapp 50 Prozent Wählern einer rechtsextremen Partei bei der letzten Bundestagswahl gehört; er leugnet den Klimawandel, schwadroniert in der 2. Hälfte des 15. Jahrhunderts wäre es hier viel wärmer gewesen als heute. Dresden bekommt natürlich auch sein Fett ab, dort wurden viele Hexen verbrannt, in Pirna keine.

Pirna zeichnet sich durch seine vielen schmucken Erker aus, neben dem Engelserker gibt es auch einen Teufelserker, der von Teufeln getragen wird.

Pirna: Teufelserker

Immerhin kann er nicht umhin, zu erwähnen, dass auf dem Schloss Sonnenschein, einer damals führenden  reformpsychiatrischen Heilanstalt für Geisteskranke, 1940/41 weit über 10.000 Menschen – Stichwort Euthanasie – ermordet wurden, für jeden Toten haben Freiwillige ein buntes Kreuz auf dem Weg vom Schloss hinunter in die Altstadt bis zur Elbe gemalt.

Pirna: 14.751 bunte Kreuze

Die meisten Portale in Pirna sind sich sehr ähnlich mit Jakobsmuscheln und Eiformen. Aber es gibt auch prachtvolle Ausnahmen wie das Portal des Hauses von Wolf Blechschmidt, einem Baumeister des 16. Jahrhunderts, das heute den Eingang eines Hotels ziert.

Pirna: Portal Niedere Burgstr. 1

Der Führer zeigt uns das Geburtshaus des Predigers Johann Tetzel, der mit seinem Ablasshandel ein wichtiger Anlassgeber für Martin Luthers 95 Thesen war. In diesem Haus wurde vor rund 20 Jahren hinter vielen Tapetenschichten eine Holzbohlenstube aus dem 14. Jahrhundert entdeckt. Das Holz wurde solange versteckt, weil die Feuerversicherungspolicen für holzvertäfelte Häuser früher deutlich höher waren als für Unvertäfelte.

Pirna: Tetzelhaus, Bohlenstube

Schließlich gehen wir zurück zum Marktplatz, den Canaletto im 18. Jahrhundert in seinem bekannten Gemälde abgebildet hat.

Pirna: Marktplatz

Nach der Führung machen wir uns zu Fuß auf zu unserem Sporthotel, das nochmal zweieinhalb Km südlich liegt. Eine großartige Wanderung mit einer sehr hohen Dichte an Highlights hat ihr Ende gefunden. Was uns ein Wandergenosse vor einem Jahr sagte, den wir auf dem Eifelsteig trafen, kann ich nun sehr gut nachvollziehen. Ja, dies ist sicher einer der schönsten Wanderwege der Welt. Wenn auch nicht mein Liebster und das nicht nur wegen der mir zu hohen Wandererdichte, zur Ruhe kommt man hier nicht, es ist oft jemand hinter einem, der überholen möchte. Dieses Gedränge kenne ich eigentlich nur von den letzten 100 km des Jakobsweges.

Die Preise sind m.E. auch zu hoch, die Markierungen nicht besonders gut und eher in der umgekehrten Richtung Pirna – Liebethal angebracht. Das kaum sichtbare, dünne, stilisierte „M“ zwar ästhetisch, aber vom praktischen Gesichtspunkt aus Wanderersicht einfach idiotisch.

Der Wegverlauf mit all seinen Volten nicht immer ganz nachvollziehbar, am Anfang war mir auch der Asphaltanteil zu hoch. Am Ende übrigens auch, schnurstracks geradeaus auf dem Elberadweg zu latschen ist nicht meine Vorstellung von Wandergenuss.

Die Menschen häufig sehr nett, manchmal sind es aber auch seltsame Charaktere. Über Politik möchte ich mit den meisten lieber nicht reden. Heimat, Tradition und Lokalpatriotismus spielen mir hier einfach eine zu große Rolle.

Das Wetter war bei unserer Begehung recht wechselhaft, was aber normal zu sein scheint in dieser Gegend. Mein Fazit, im Großen und Ganzen sind meine Kritikpunkte zwar valide, aber nicht wirklich stichhaltig. Ich bin sehr froh, dass ich den Malerweg gegangen bin, er hat mich insbesondere landschaftlich sehr stark beeindruckt.

Hier ist die Übersicht unserer Malerwegwanderung im Juli 2025.

Malerweg, 22.7.25 Gohrisch – Weißig 20

Juli 23, 2025

Durch Spalte gezwängt
Um Feste herumspaziert
Auf Wiesen flaniert

Nach einem ausgiebigen Frühstück mit viel Obst gehen wir im leichten Niesel los, eigentlich sah der Wetterbericht gut aus, aber wir werden heute immer wieder vom Regen erwischt. Es geht den angenehmen Muselweg zwischen Kastanien und Linden zurück zum Malerweg, rechts von uns ein kurz vor der Ernte stehendes Roggenfeld.

Gohrisch, Muselweg

Wir treffen auf eine größere Touristengruppe und können bald eines der Tagesziele vor uns erkennen, die mächtige, niemals eingenommene Festung Königstein.

Gohrisch, Blick auf Festung Königstein

Aber zuerst widmen wir uns einem anderen Highlight des Tages.

Exkurs: Der Regen hat aufgehört, wir sehen erleichtert, dass es nicht nur Wähler rechtsextremer Parteien hier gibt.

Vorm Pfaffenstein

Vor uns türmt sich der Pfaffenstein auf, den wir über den schweren Aufstieg links bezwingen. Es geht über Leitern etc. bis ganz oben, wo man dann noch etwas auf den Felsen herumkraxeln kann, um eine schöne Aussicht über die Landschaft zu bekommen.

Pfaffenstein

Auf der anderen Elbseite ist der Lilienstein – die Nabe, wenn der Malerweg ein Rad wäre – gut zu erkennen.

Blick vom Pfaffenstein nach Norden

Nun machen wir einen kleinen Abstecher von 300 m zum Wahrzeichen der Sächsischen Schweiz, einem 43 m hohen Felsen, der seit 1975 wegen Erosion nicht mehr bestiegen werden darf. Es geht über Leitern und enge Felsspalten hinauf. An einer Stelle, dem sogenannten Nadelöhr, komme ich kaum durch, der Rucksack schrammt mit den Wasserflaschen am Fels vorbei, irgendwie schaffe ich es, mich im Schneckentempo da durchzuzwängen.

Das Nadelöhr

Es handelt sich um Barbarine, die der Sage nach zum Blaubeersammeln ging und nicht mehr zurückkehren wollte, so dass ihre Mutter sie zur Strafe in eine Felsnadel verwandelte.

Barbarine

Nach diesem Abenteuer geht es zurück zum Hauptweg und wir treffen beim Abstieg auf der leichten Route unsere französischen Wanderfreunde, die gestern bei dem Sintflutregen zwar noch das Zelt aufgebaut hatten, sich dann aber anders besonnen und ein Zimmer im Trockenen genommen haben.

Wir wandern gemeinsam im Wald auf der sogenannte Quirlpromenade um den gleichnamigen Berg, kommen am Diebskeller, einer geräumigen Höhle mit Steintisch vorbei, gehen auf dem Pflaster hinab nach Königstein und landen schließlich auf dem Stadtplatz, wo sage und schreibe sechs Wohlfühldoppelbänke stehen und C. und ich Mittagsrast einlegen.

Nun geht es hinauf zur Festung Königstein, ein älteres Paar mit Hunden überholt uns, er joggt den steilen Hang hoch, ist aber mindestens so alt wie ich.

Schließlich stehen wir vor dem Eingangstor im Nordwesten, wo wir Tickets kaufen – sie kosten stolze 15 Euros pro Nase – und auf das Festungsplateau hinaufsteigen. In Anbetracht unserer begrenzten Zeit ersparen wir uns die Ausstellungen in den diversen Gebäuden und machen nach dem obligatorischen, köstlich erfrischenden Eiskaffee einen Komplettrundgang an der Festungsmauer um das knapp 10 Hektar große Areal.

Festung Königstein, Torhaus

Lustig die Geschichte des vom Wein berauschten Pagen, der sich bei einem Fest 1675 auf ein Sims der heutigen Friedrichsburg, einem Pavillion, legte und dort über dem Abgrund einschlief. Er wurde mit Seilen festgezurrt, so dass er nicht runterfallen konnte. Die Stelle nennt man Pagenbett.

Wir haben von dort oben phantastische Aussichten zu den in den letzten Tagen von uns bewanderten Sehenswürdigkeiten der Sächsischen Schweiz.

Festung Königstein, Blick nach Südosten

Unten die sich durch den Sandstein an Königstein vorbeischlängelnde Elbe.

Festung Königstein, Blick nach Nordosten

Beim Abstieg ereilt uns bald ein heftiger Regenguss, der aber glücklicherweise nicht ewig anhält.

Festung Königstein

Bald scheint wieder die Sonne, wir treffen die zwei deutschen, jungen Wanderinnen wieder, mit denen wir in Schmilka gefrühstückt hatten, sie kommen aus Hamburg und haben gerade ihr Abi gemacht.

Es gibt weitere großartige Aussichten in der Nähe der Malerwegkapelle (früher Biedermann-Mausoleum). Man sieht gleichzeitig von links nach rechts Kleinhennersdorfer Stein, Gohrischstein, Papststein, Pfaffenstein und Königstein.

Blick zurück

Wir kommen noch nach Thürmsdorf, wo das Schloss eingerüstet ist und gehen dann auf Wiesenwegen leicht abschüssig nach Weißig, wo wir in Nr. 18 – es gibt hier keine Straßennamen – auf einem Bauernhof nächtigen. Zum Abendbrot bestellen wir uns Pizzen aus Pirna und lassen den Abend bei einem Gläschen lauwarmem Rotkäppchensekt ausklingen.

Hier ist die Übersicht unserer Malerwegwanderung im Juli 2025.

4788

Juli 20, 2025

Dolch im Gewande

Singe mir erst noch ein Lied

Stoss ihn in mein Herz

[Emily Jane White – Dagger ursprünglich von Dark Undercoat, 2007]

Malerweg, 17.7.25 Hohnstein  – Altendorf 14

Juli 18, 2025

Burg mit Geschichte
Zig Stufen runter und rauf
Verlorener Ort

Nach einem ausgiebigen Frühstück gehen wir die Waldstraße hinunter ins Ortszentrum. Wir kommen am Hohnsteiner Kasper vorbei, im Max Jacob Theater werden heute noch Puppenspiele gezeigt.

Hohnsteiner Kasper

Die nach den Plänen  von George Bähr, dem Architekten der Dresdener Frauenkirche, errichtete evangelische Kirche ist vor allem im Innenraum ein lichtdurchflutetes Schmuckstück mit der bunten Holzkassettendecke und den Patronatslogen.

Hohnstein, ev. Kirche

Wir gehen hoch zur Burg, die eine bewegte, moderne Geschichte aufweist. Nach dem 1. Weltkrieg war sie erst Jugendgefängnis, dann Jugendherberge, 1933/34 Konzentrationslager für 5.600 meist politische, kommunistische Gefangene, dann Reichsjugendherberge der Hitlerjugend, im 2. Weltkrieg Kriegsgefangenlager, danach die größte Jugendherberge der DDR und heute Jugendgästehaus der Naturfreunde.

Hohnstein, Burg

Auf dem Malerweg aus dem Ort hinaus überholen wir bald einen fotografierenden Wandergenossen. Wir werden heute immer wieder Wanderer treffen, die ebenfalls den Fernwanderweg gehen.Wir kommen zur Gautschgrotte, einem überhängenden Felsen. Hier in Hohnstein lebte der Ausnahmekletterer Bernd Arnold, nach dem eine Kletterschule und ein Outdoorladen benannt sind.

Hohnstein, Gautschgrotte

Es geht nun auf angenehm zu gehenden, z.T. gesandeten Wegen durch den Wald, am Wegrand entdecken wir kleine, schmackhafte Blaubeeren. Am Ende kommen wir zur Baude an der Brandaussicht, wo man heute eine sehr gute Sicht bis nach Tschechien hat, direkt vor uns der Lilienstein. Hier begann Anfang des 19. Jahrhunderts der Tourismus in der Sächsischen Schweiz. Nach ein paar Minuten gibt es ohrenbetäubenden Lärm: Direkt über uns jagt ein Tiefflieger durch die Luft.

Brandaussicht zum Lilienstein

Der Abstieg ins Polenztal erfolgt über 800 mit Holzbrettern befestigte Stufen, auf der anderen Seite geht es nach ein paar hundert Metern Straße wieder genauso hinauf. Mein Hemd ist oben in Waitzdorf komplett durchgeschwitzt, trocknet aber wieder in wenigen Minuten. Das Gasthaus hier hat wegen Sommerurlaub diese Woche leider gerade geschlossen. Wir essen unseren letzten Proviant, 2 Trockenwürste, 1 Kohlrabi und 2 Müsliriegel.

Im Ort kommen wir an einer eindrucksvollen Linde vorbei, der Stammumfang beträgt sicher an die vier Meter.

Waitzdorf, Linde

Auf dem nächsten Wegstück, dem wildromantischen Kohlichtgraben, treffen wir erneut auf eine Gruppe dreier, junger Wanderer mit großen Rucksäcken, auf ein Paar ungleichen Alters, sowie auf eine junge Einzelwanderin. Der Malerweg ist der meistbegangene Fernwanderweg Deutschlands, den wir bisher kennengelernt haben.

Wir kommen nun nach Kohlmühle, eine alte Linoleumfabrik, die Kunstleder u.ä. sogar noch bis über 20 Jahre nach der Wende produzierte. Heute steht sie verlassen als lost place da.

Kohlmühle

Das ehemalige Bahnhofshotel vergammelt vor sich hin. Es wurde früher auch als Kantine genutzt

Kohlmühle, altes Bahnhofshotel

Nach einem langgezogenen Aufstieg kommen wir zu unserem Etappenziel Altendorf. Auch heute konnten wir dem später einsetzenden Regen ausweichen. Wir kaufen noch etwas Proviant im Hofladen, treffen ein dänisches Wanderpaar wieder und legen heute einen Waschtag ein. Nach dem Essen gönnen wir uns den hauseigenen Kräuterlikör aus 24 Kräutern und Wurzeln.

Hier ist die Übersicht unserer Malerwegwanderung im Juli 2025.

4787

Juli 16, 2025

Herumgewirbelt

Boden unter den Füßen

Hinweggeblasen

[Curtis Harding – Time]

4786

Juli 14, 2025

Klamotten vom Leib

Braune Brühe im Abfluss

Wie neugeboren

4785

Juli 13, 2025

Latifundien

Zum Kaffee und Kuchen bei

einem Bücherwurm

4784

Juli 13, 2025

Jingle-jangle joy

Don’t think about tomorrow

The eighties are back!

[Gwenno – Dancing on Volcanoes]

4783

Juli 13, 2025

Immer wieder schön,

zufällig Nick Drake-Musik

hören zu dürfen

[Nick Drake – Brittle Days III/Work in progress No. 4 (piano)]

4782

Juli 11, 2025

Im Mondlicht am Meer

Wellen treffen auf den Strand

Laufen langsam aus

[Robert Schumann – Kinderszenen No. 12, Kind im Einschlummern (Horowitz)]

4781

Juli 11, 2025

Niesel auf der Haut

Abgestandenes Wasser

Raubvogelschreie

4780

Juli 10, 2025

Um zehn unterm Dach

Auf Julivollmond warten

Und es ist bewölkt

4779

Juli 10, 2025

Hundert Sekunden

Das Ende einer Liebe

Wenn die Zeit stillsteht

[Neil Young – Mexico von Homegrown 2020, eigentlich 1975]

4778

Juli 9, 2025

Der Julivollmond

Heute noch unvollkommen,

der Vollmundige

4777

Juli 9, 2025

Zerschellt am Ufer

der unwirtlichen Insel,

Sirene aus Wales

[Gwenno – Utopia]

4776

Juli 8, 2025

Im abgebrannten

Festsaal Kreuzberg sah ich ihn

mal live. A class act!

[Jonathan Richman – Night Fever (Bee Gees)]

4775

Juli 8, 2025

Am Wegrand leuchten

unbenutzte Kackbeutel

im Regen orange

4774

Juli 7, 2025

Die Särge fertig

Die Blumen im Wald gepflückt

Das Feuer lodert

[Brüder Grimm – Die zwölf Brüder]

4773

Juli 7, 2025

Es regnet sich ein

Hinter uns nasse Hündin,

das Örtchen suchend

4772

Juli 6, 2025

Mittelgebirge!

Die Seele wandern lassen

Das Glück liegt so nah!

[Sebastian Schoepp – Seelenpfade]

4771 there is no time

Juli 6, 2025

The past is over

The future has not started

The present passes

[after a Buddhist saying]

4770

Juli 4, 2025

Das kürzeste Lied

beendet er im Sitzen

Meine Augen feucht

[Neil Young (& the Chrome Hearts) @Waldbühne – The Needle and the Damage Done]

4769

Juli 1, 2025

Morgens um sieben

Der Tiergarten in der Hand

der Dauerläufer

4768

Juli 1, 2025

Fünfzig mal atmen

Alle vier von sich gestreckt

Der Körper wird schwer

Juni 30, 2025

Bei seiner Gefangennahme wog er 120 Kilogramm, bei der Freilassung im Januar 2024 war es nur noch die Hälfte.

4767

Juni 30, 2025

Da tickt eine Uhr

Da ist jemand tieftraurig

Da zieht es mich hin

[Ludovico Einaudi – Punta Bianca]

4766

Juni 30, 2025

Frischer Morgenwind

Sonne blendet an Ampel

Baumfällarbeiten

4764

Juni 29, 2025

In dem Spiegelbild

der eigenen Seele tun

sich Abgründe auf

[Bruce Springsteen – Blind Spot]

4763

Juni 29, 2025

Sofort mittendrin

Schatten der Vergangenheit

Die Rollen vertauscht

[Tara Meister – Wakaschu oder, Bachmannwettlesen 2025]

4762

Juni 29, 2025

Ein Strom aus Tönen

fließt langsam durchs Trommelfell

bis er versickert

[Louis Sclavis – Extases von Characters on a Wall, 2019]