Ein Reiher fliegt auf.
Ein Fuchs sucht Schutz im Maisfeld.
Wir füttern Pferde.
Ein Reiher fliegt auf.
Ein Fuchs sucht Schutz im Maisfeld.
Wir füttern Pferde.
Wenn die Nacht sich senkt
und der Geruch frischen Heus
in die Nase steigt.
Pirsch in Dämmerung.
Fangspiel der drei Fuchsjungen
im Kornstoppelfeld.
Meister Lampe spitzt
die Löffel, hört uns und stellt
sich einfach mal tot.
das lied hat mich heute morgen wirklich umgehauen. von tobias gruben und seiner band die erde hatte ich vorher noch nie etwas gehört, von seinem frühen tod durch eine überdosis 1996 natürlich auch nicht. er war exakt 2 wochen jünger als ich. und was er hier singt ist ein lied aus der perspektive der droge „und ich mach es wieder gut und du weisst, dass ich’s gut mach.“ da ist es mir kalt den Rücken runter gelaufen als ich das gehört habe. er hat diese droge wirklich gefunden und sie ihn. und es geht so weiter. die droge ist sein bester freund und er stellt sich vor, dass sie ihn sogar das geld aus dem hut vom bettler stehlen lässt. 1982 habe ich in amsterdam in einer besetzten wohnung gelebt und da war auch gelegentlich ein junkie. außer heroin gab es nichts mehr in seinem leben. er hat alle beklaut, auch „freunde“. und er hatte kein schlechtes gewissen dabei. diese droge muss schon einen unheimlichen kick geben. in any case das ultimative lied über heroin ist weder von lou reed noch von neil young sondern von tobias gruben.
wie komme ich hierauf? da gibt es jetzt einen film über ihn.
Die Spatzen duschen
unter den Blumenkästen
nach meinem Gießen.
Sechseinhalb Stunden.
Das Weckerklingeln als ein
Klaps auf die Schulter.
Park am Gleisdreieck.
Ein Jogger telefoniert.
Headset macht’s möglich.
Gedächtnisschwäche:
Chronischer Schlafmangel kann
die Ursache sein.
Auf der Autobahn
alle einhundert Meter
ein Standortschildchen.
Schwarzer Maulwurf
liegt leblos am Wegesrand.
Was ist da passiert?
Der Graureiher fliegt
zurück zum Weibchen hinten.
Von uns aufgescheucht.
Die Leute grüßen
und gehen mir aus dem Weg.
Flotter Wiesenlauf.
Strahlende Sonne.
Zugefrorene Pfützen.
Der Boden taut auf.
Der Bussard rüttelt.
Sonnenstrahlen brechen durch.
Der Ostwind bläst kalt.
Wildpflaumenzweige
mit rosa Blüten wehen
und wogen im Wind.
In den Geschäften
lange Schlangen an Kassen.
Sicherheitsabstand!
Einem Nachbarn jag
ich nen Schreck ein, der andre
freut sich, mich zu sehn.
Jog in den Wiesen.
Die Forsythien leuchten gelb.
Na, komm schon. Endspurt!
Auf der Autobahn
in Thüringen, die Felder
mit Gülle gedüngt.
In Sachsen-Anhalt.
Viel zu tun für Don Quijotte:
Riesige Windparks.
Bad, Küche und Bett
im Fertighauscontainer.
Plus Kneippfußwanne.
Der Weg egal ob
im Wald oder auf Asphalt
schnurgeradeaus
Im Wald, träumend.
Aus dem Nichts, direkt vor mir
kreuzt ein Reh den Weg.
Unter dem Balkon
warte ich den Regen ab.
Jemand ruft „Hallo!“.
Inmitten vom Wald
verfallene Gebäude:
Zwangsarbeitslager
Hundert Kuhaugen
glotzen mich an als wäre
ich ein Mensch vom Mars.
Am richtigen Ort.
Im Wald ein Sofapolster.
Zeit für ein Päuschen.
Quer über Felder
pustet mich der Wind fast um.
Es gibt kein Gebüsch.
Ich gehe im Wald.
Unter schwarzen Planen schläft
der Spargel im Feld.
Unterm Dach am Gleis.
Der Orkan peitscht den Regen
auf das Plexiglas.
In einer Nische
vor der Nikolaikirche
trinke ich Säfte.
In Regenkleidung
wirft ein Bube den Enten
Krumen hinterher.
Ein blauweißes Tuch
um einen Zweig gebunden
flattert hoch im Wind.
Er joggt, sie fährt Rad.
„Morgen“, schallt mir entgegen.
„Morgen“, entfährt mir.
Eine Schafherde.
Zig Augen schauen mich an.
Die Antwort: ein Foto.
Ich tippe Zeichen.
Die Pfütze auf der Straße.
Platsch! Mein rechter Schuh.
Ich sehe Häuser
im Angerteich, die stehen
sicher auf dem Kopf.
Am Angerteich ist
eine graubraune Katze.
Sie schmiegt sich an mich.
Am Landstraßenrand
ist der Asphalt uneben.
Hoppla! Ich falle.
Gegen den Uhrsinn
drehen sich vier Windräder.
Ein Flugzeug steigt auf.
Morgendämmerung.
Tiefe Wolken ziehen auf.
Die Welt gehört mir.
Der Wind rauscht im Ohr.
Die Grashalme biegen sich.
Das Moos wächst am Baum.
Der Ort befindet sich im äußersten Süden Frankreichs, 30 km südlich von Perpignan, ca. 5 km Luftlinie nach Spanien. Es ist das Belvedere mit dem Schlossturm von Laroque des Albères, im Zentrum des kleinen Städtchens auf einem Hügel gelegen. Wenn man in Laroque ist, kann man von Norden oder Süden hinauf gehen. Ich komme lieber aus dem Norden weil der Weg diskreter ist und nicht direkt an zig Häusern vorbei verläuft. Man geht gegen den Uhrzeigersinn um den Schlossberg – von dem Schloss steht übrigens nur noch der renovierte Turm – herum bergauf und dann zweimal einige Stufen hinauf und landet auf dem höchsten Punkt der Innenstadt. In der Mitte steht eine Bank, auf der man es sich bequem machen kann, wenn sie noch nicht besetzt ist. Man hat von dort eine phantastische Aussicht in alle vier Himmelsrichtungen.
Nach vorne, also im Norden sieht man die fruchtbare Ebene des Roussillon mit den Tälern des Tech und Têt, in der u. a. Kirschen (Céret) aber vor allem Wein angebaut wird. Neben Trauben für kräftige, blutrote Rotweine gedeiht hier die vollmundige Muscatrebe, aus der süße, schnell zu Kopf steigende Apéritifweine gekeltert werden. In etwa in der Mitte zwischen hier und Perpignan kann man bei guter Sicht die Kathedrale von Elne sehen, mit der – wie auch mit den Wachtürmen der Albères (s.u.) – über Signale kommuniziert wurde. Im Hintergrund baut sich in der Ferne ein Hochplateau auf, es sind die Corbières.
Nach Osten hin kann man die Küste um Argelès und das Mittelmeer – in etwa 10 km Luftlinie – erkennen.
Im Westen sieht man die Pyrenäen, die zum Greifen nahe scheinen. Sie gipfeln in dem rund 50 km entfernten momentan schneebedeckten Pic Canigou, der majestätisch über der Ebene thront. Dieser Berg scheint unerreichbar zu sein. Wir sind auf dem hiesigen Jakobsweg vor ein paar Jahren nach Saillagouse in den Zentralpyrenäen (auch ein verzauberter Ort) gegangen und sind dem Berg gefühlt nicht wirklich näher gekommen, obwohl wir die Luftlinie wohl auf unter 10 km reduziert haben. Im Vordergrund befindet sich der Chemin de la Florentine (ebenfalls magisch), ein schmaler betonierter Fußweg, der durch private Obstgärten unterhalb der Stadtmauer mäandert.
Wenn man sich nun um 180 Grad dreht, sieht man hinter dem Rundturm im Süden die bewaldeten Albères, das ist der Ausläufer der Pyrenäen ins Mittelmeer, mit ihrem höchsten Berg, dem Puig Neulòs, der die Grenze zu Spanien markiert und auf dem eine TV-Sendestation steht.
Es gibt auf dem Belvedere übrigens zwei Panoramatafeln – sowohl nach Norden wie nach Süden – auf denen alle sichtbaren Orte detailliert aufgezeichnet sind. Auf dem Turm hinter der Bank ist oben eine unbewegliche katalanische Fahne aus hartem Material befestigt, die nach Osten zeigt, der vorherrschende Wind ist hier der kalte Tramontane, der aus den Pyrenäen herunterweht.
Was mir auch an diesem Platz gefällt ist, dass man sich dort im Grunde den ganzen Tag aufhalten könnte, ohne sich zu langweilen. Da es ein schöner Ort ist, der auch bekannt ist, kommen hier im Laufe des Tages eine ganze Menge Leute hoch, die zum einen fast alle von dem genius loci positiv beeinflusst sind und gute Vibrationen aussenden. Zum andern unterhalten sie sich – natürlich meist auf französisch – und man kann einige interessante Gesprächsfetzen aufschnappen und etwas über die Gegend lernen.
Morgens haben wir dort auch schon eine Yogaadeptin mit ihrer Matte angetroffen, die von der besinnlichen Stimmung angefixt war. Was wir noch nicht gemacht haben, was ich aber auf jeden Fall demnächst vorhabe, ist einerseits frühmorgens, wenn die Sonne über dem Mittelmeer aufgeht hier zu sein und andererseits abends in der Dämmerung im Sommer, wenn die Sonne hoffentlich hinter den Pyrenäen untergehen sollte.
Danke, Stefan, dass Du mich mal wieder auf einen Lieblingsplatz aufmerksam gemacht hast.
Draußen ganz leise klackende Geräusche. Winzige Tropfen fallen auf das Fenstersims. Unglaublich. Es regnet in Berlin. Zwar nur ein paar Tropfen aber immerhin. Seit dem einen WM-Spiel habe ich hier keinen Regen mehr erlebt. Es geschehen noch Zeichen und Wunder.
In Zeiten von E-Books zwar ziemlich sinnbefreit und außerdem gibt es die Bücher gar nicht alle, aber egal.
heißt das neue Album von Nick Cave und seinen Black Bad Seeds. Ich war nie ein großer Fan von seinem Shtick, seinem dunkel-düsteren Sprechgesang, seinen ominösen Predigten vom Makabren und Morbiden auf Erden im alttestamentarischen Duktus. Meine einzige Platte von ihm war die Doppel-EP Your Funeral, My Trial. Sie hatte den Charme eines Todeskusses vom Sensenmann himself und passte ganz gut zu meiner Stimmung in der ersten Hälfte des Studiums in München. No Future from the other side of the world. Natürlich habe ich ihn im Himmel über Berlin in der zweiten Hälfte der Achtziger gesehen, da machte er in einem Berliner Club einen Höllenlärm mit den Bad Seeds. Das neue Album ist anders, es ist sehr ruhig, sehr sparsam instrumentiert, sehr gut abgehangen. Im Zentrum des Songzyklus steht Jubilee Street, eine Mordballade aus dem Rotlichtmilieu. Neben der das Motiv spielenden, sich scheinbar langsam beschleunigenden E-Gitarre und dem schleppenden Schlagwerkrhythmus hört man einen Streicherteppich und eine einzelne Viola, die im Stile von John Cale in seinen besten Velvet Underground-Zeiten im Hintergrund schöne Dissonanzen beiträgt. Das steigert sich dann sukzessive, ein amorpher Frauenchor kommt noch hinzu und kurz vor dem Klimax, der in eine Kakophonie münden will, fadet der Song aus. Eine Offenbarung und wahrscheinlich sein bestes Lied seit The Mercy Seat.
My Bloody Valentine haben nach über 20 Jahren endlich das seit Ewigkeiten erwartete Nachfolgealbum von Loveless veröffentlicht. Es klingt jetzt alles in allem nicht wie der ganz große Wurf, aber immerhin gibt es Songs wie Only Tomorrow, die da anknüpfen wo sie 1991 aufgehört hatten. Da wird ein dichter Klangteppich aus verzerrtem Gitarrenkrach gewebt, der in eine überirdisch schöne Melodie mutiert. In diesem Stück gehen Dream Pop und Heavy Metal eine Hochzeit im Himmel ein, das gewaltige, massive, bedrohliche Gitarrenriff verliert durch das Vibrato und das Feedback all seine Schwere und löst sich sozusagen in Luft auf. Das haben sie 1991 auch schon hingekriegt, aber es tut gut, zu hören, dass sie es immer noch können.
P.S. Der von mir gestartete I Love Music Thread zum Lied hebt auch so langsam ab…
Erinnert sich noch jemand an den ehemaligen Gitarristen von Dr. Feelgood, einer englischen Rhythm & Blues-Band der Siebziger, die ihre beste Zeit vor dem Punk hatte, wenn man mal ganz ehrlich ist, dann waren sie eigentlich Punk bevor es Punk überhaupt gab. Damals nannte man das dann Pubrock, auch kein Genrename, der unbedingt Lust auf die Musik macht, die er bezeichnet. Wilko Johnson hat unheilbaren Bauchspeicheldrüsenkrebs und hat sich entschieden, keine Chemotherapie erhalten zu wollen und stattdessen zu touren und seine Gitarre so lange nicht aus der Hand zu geben bis er nicht mehr kann. Ein wahrer Punk eben. Hier spielt er ein göttliches Riff in seinem unnachahmlichen stakkatohaften Stil mit roboterhafter Motorik und es wird dazu Beat getanzt. Da möchte man fast sagen „Beam me back, Scottie“. Oh Mist, falsches Filmzitat.
Früher hätte man hierzu Revival gesagt, heute sagt man Retro.
Die Allah-Las – was für ein dämlicher Name, da war ja Shangri-Las noch origineller – kommen aus California, sind angeblich Surfer und haben es drauf einen Sechzigerjahrepsychedelikguitarpop zu spielen wie wenige andere. Entfernt erinnert mich das an Green On Red und Dream Syndicate und den sehr amerikanisch-folkigen und ziemlich abgedrehten Paisley Underground vor knapp dreißig Jahren, aber wahrscheinlich sind die Kinks, die Troggs, die Thirteen Floor Elevators und diverse psychedelische 60er Jahre-Garagenbands, die man auf dem Nuggets-Sampler fnden kann näher an dieser Musik. Was ich doch sehr verblüffend finde ist, dass nahezu alle Lieder auf ihrem Album Eigenkompositionen sind, die so klingen als hätte man sie schon mal gehört. Und wie dieses lässige Album so dahinfließt, das ist schon ganz großes Ohrenkino. Von dem ganzen Retrogedudel (gab es eigentlich was anderes, wirklich Neues dieses Jahr?), das 2012 rausgehauen wurde, so ziemlich das Anhörenswerteste.
Wer hätte gedacht, dass Dinosaur Jr. nochmal ein Stück veröffentlichen würden, dass Freak Scene (von vor über 20 Jahren) toppen würde? Sie haben es gemacht, der zottelige Oberdinosaurier singt cool in seine Zottelmähne hinein wie immer, malträtiert die Gitarre wie immer, aber so, dass aus dem Feedback unglaubliche, oberirdische Melodien hervorspringen. Das helle Licht in diesem krachigen Song, ich glaube man muss schon Amerikaner sein, um so verdammt positiv zu klingen. Das neue Album hält dann das Versprechen dieses phantastischen Gitarrenorkans leider nicht. Aber ein gutes Lied von jemandem, den man schon seit sehr langer Zeit abgeschrieben hatte, das ist doch auch schon was.
von haneke gestern als omu in frankfurt gesehen. kaum erträglich. die szenen sehr langsam, meistens ohne schnitt, zäh. es geht ums altern, oder präziser ums verrecken. das ende kommt fast als erlösung, wobei mich der moment schockiert hat. einer der letzten glücklichen weil innehaltenden augenblicke, er erzählt ihr eine geschichte aus der kindheit, sie hört mit dem schreien auf und scheint ganz ohr. und dann nimmt er das kissen und … der schluss des films dann wirklich nervig, wo er versucht, die taube zu fangen und darüber ins an sie gerichtete tagebuch schreibt. insgesamt ein sehr realistischer film (der auftritt des pianisten alexandre tharaud, der sich selbst spielt, zu herzen gehend), dem man anmerkt, dass der regisseur sich mit der materie intensiv beschäftigt hat.
dreieinhalb sterne.
gestern abend am frankfurter hauptbahnhof warte ich auf gleis neun auf meinen wegen „personen auf den gleisen“ um eine gute halbe stunde verspäteten zug zum berliner ostbahnhof, auf den der db infopunkt netterweise mein ticket umgeschrieben hat, das eigentlich einen umstieg in hannover vorgesehen hatte, den ich aber niemals geschafft hätte weil der zug nach hannover aus demselben grund verspätet war. lese karl, die kulturelle schachzeitschrift mit einem special zum moskauer wm-kampf, die ich mir in der bahnhofsbuchhandlung gekauft habe. ein eher langweiliges match für die hardcorefraktion. ich hebe den blick und sehe mir gegenüber auf gleis acht ein pärchen in einem zug, der gleich abfahren wird, auf den stufen zum wagen stehen. er mit dem rücken zu mir, sie dahinter mit dem gesicht zu mir. sie sind engumschlungen, küssen sich als gäbe es kein morgen. für eine gefühlte ewigkeit. irgendwann gibt der schaffner das pfeifsignal, der junge mann beendet den kuss und steigt aus dem zug, der sich langsam in bewegung setzt. er geht neben dem zug und winkt seiner angebeteten ganz leicht mit der rechten hand zu. der zug beschleunigt, er auch. er rennt parallel zum zug auf ihrer höhe den bahnsteig entlang bis kurz vor seinem ende. so eine schöne filmszene habe ich lange nicht mehr gesehen.
Frühling lässt sein blaues Band
Wieder flattern durch die Lüfte.
Süße, wohlbekannte Düfte
Streifen ahnungsvoll das Land.
Veilchen träumen schon,
Wollen balde kommen.
– Horch, von fern ein leiser Harfenton!
Frühling, ja du bist’s!
Dich hab‘ ich vernommen!
[Eduard Mörike, 18290]
Lee Fields, von dem ich das erste mal letzten Freitag im Soundcheck auf radioeins gehört habe – wo sie auch eine Menge Mist vorstellen – ist morgen in Berlin und spielt im Lido in Kreuzberg. Eigentlich war Soul & Funk ja nie so meine Musik in den Siebzigern, heute weiß ich eigentlich gar nicht mehr warum. Zu soft? Zu warm? Zu kitschig? I don’t know. Inzwischen habe ich schon eine Art Faible für einen gewissen Soul entwickelt, Funk auch aber weniger. Ich denke da an Curtis Mayfield und Gil Scott-Heron, eher eine urbane Variante von Soul. Marvin Gaye mag ich irgendwie auch, aber was ich so von der neuen Platte von Lee Fields gehört habe, hat mich fast noch mehr umgehauen. Man fühlt sich wie mit einer Zeitmaschine zurückversetzt in die frühen Siebziger. Kein Wunder, Lee Fields hat Ende der Sechziger angefangen und er hat eine Soulstimme wie sie im Buche steht. Irgendwie weich und von innen kommend, da singt jemand seine Seele aus seinem Leib. Ich werde da sein, hat jemand Lust mitzukommen? Kostet so um die 25 uros.
Nachdem ich ja vorletzte Woche selber fünf Tage gefastet habe und zufällig von diesem Buch gehört hatte, musste ich es mir natürlich sofort besorgen und habe es in kürzester Zeit verschlungen. Es ist sehr einfach zu lesen, mich hat allerdings die Geschwätzigkeit irritiert. Der Autor ist freier TV-Redakteur beim NDR und arbeitete z.T. auch während der Fastenperiode weiter. Gerade bei einem Buch über das Fasten, das für Konzentration und Einkehr bei sich selbst steht, hat es mich verwundert, dass einerseits soviel banale „Erkenntnisse“ ausgebreitet werden, z.B. der doch sehr abgedroschene Gedanke, wie gut es uns doch in der Wohlstandsgesellschaft geht, und dass andererseits bestimmt die Hälfte des Buches aus im Internet aufgelesenen Informationen besteht. Besonders hanebüchen war da die Sache mit der Lichtnahrung: angeblich kann man nach einer Woche Fasten und Dursten (für eine Weile?) nur noch von Licht leben. Esoterischer Humbug. Mitgenommen habe ich aus dem Buch u.a. dass das Schlafen wohl immer schwieriger wird je länger man fastet, ähnliches hatte ich ja auch selber bei meinem Kurzfasten schon bemerkt. Der Autor kämpft hier besonders mit seiner Blase, da er abends viel trinkt, muss er nachts oft mehrmals aufs Klo. Nicht überraschend fand ich, dass sich im Laufe der langen Fastenzeit der Körper immer mehr runterregelt (Puls geht runter, Blutdruck dito, man friert, man wird langsamer in den Bewegungen) in eine Art Winterschlafmodus. Auch die Überempfindlichkeit gegenüber äußeren Eindrücken – sehr schön als eine erhöhte Durchlässigkeit des Körpers gegenüber der Umwelt gedeutet – und der Hang, sich auf sich selbst zurückziehen, der parallel läuft zu einer gewissen sozialen Inkompatibilität bzw. Unausstehlichkeit waren mir nicht ganz neu. Angeblich soll die Lust auf Sex nachlassen, das halte ich für eine individuelle Eigenheit des Autoren und kann ich aus meiner im Verhältnis sehr kurzen Fastenzeit nicht bestätigen. Dass die Verdauung nahezu bis zum Ende der 40 Tage aktiv ist und Einläufe daher an der Tagesordnung bleiben, war mir vorher noch nicht bekannt. Man hat am Ende des Buchs allerdings ein bisschen das Gefühl, dass es dem Autor mehr darum geht, sich selbst zu beweisen, dass er 40 Tage ohne Essen durchhalten kann als diese Aktion dafür zu nutzen, wirklich neue Erkenntnisse über sich selbst bzw. eine tiefere Selbsterfahrung zu machen. Hierzu passt auch, dass er nach Ende seiner Fastenzeit seinen Job hinwirft, nach Indien reist und einem Guru auf seiner Weltreise zu seinen Anhängern als Assistent folgt. Der Mann ist vierzig, aber scheint noch einen großen Bedarf nach Abenteuer und Flucht vor der Realität zu haben. Das lässt ihn eher als sprunghaften Teenager erscheinen denn als reifen Mann. Er erinnert mich auch in seiner Naivität an mich selbst vor dreißig Jahren. Neben der Gurugeschichte, von der er auch völlig überdreht in Elstners „Menschen der Woche“ erzählt hat, denke ich da an seine Bettelgeschichte, er sagt zwar nicht warum er einmal bettelt, aber ich kann mir eigentlich nur vorstellen, dass er sich auch hier austesten wollte, ob er den eigenen Stolz soweit überwinden kann, sich soweit erniedrigen kann, dass er andere anschnorrt. Eine andere Banalität, die er nicht müde wird dauernd zu wiederholen, ist dass wir alle riesige Egoisten sind. Aber muss man, um das zu realisieren wirklich 40 Tage fasten?
Zwei Sterne.
Darum sucht einen großen Rankkürbis mit einer Ranke von der Länge eines Mannes; nehmt sein Mark aus und füllt ihn mit Wasser des Flusses, das die Sonne erwärmte. Hängt ihn an den Ast eines Baumes und kniet auf den Boden vor dem Engel des Wassers und führt das Ende der Ranke in euer Hinterteil ein, damit das Wasser durch alle eure Eingeweide fließen kann. Lasst das Wasser dann aus eurem Körper fließen, damit es aus dem Inneren alle unreinen und stinkenden Stoffe des Satans wegspült. Und ihr werdet […] mit eurer Nase all die Abscheulichkeiten und Unreinheiten riechen, die den Tempel eures Körpers beschmutzen, und sogar all die Sünden, die in eurem Körper wohnen und euch mit allen möglichen Leiden foltern.
Schriften der Essener
Hat das Fasten irgendetwas in mir verändert bzw. angestoßen? Ja, ich glaub schon und zwar
1. Habe ich 5-6 Pfund verloren und fühle mich leichter. Ich bewege mich übrigens jetzt am oberen Rand des Normalgewichts nach BMI.
2. Esse ich bewusster, kaue ich langsamer, genieße ich das Essen länger und mehr.
3. Werde ich viel schneller pappsatt als vor dem Fasten.
4. Möchte ich (mehr) kochen.
5. Ekle ich mich gerade vor Fleisch.
6. Denke ich ernsthaft darüber nach, vor dem Essen zu beten.
7. Bin ich etwas gelassener geworden und nicht mehr ganz so gereizt wie vorher, scheint mir.
8. Möchte ich bald wieder fasten.
9. Möchte ich beim nächsten Mal ein richtiges Tagebuch schreiben.
10. Möchte ich Fasten und Wandern kombinieren.
11. Möchte ich gemeinsam mit C. fasten.
12. Habe ich als Extremzukunftsprojekt sogar 40 Tage Fasten vor Augen (Moses, Buddha & Jesus können nicht irren), das Buch von einem, der es gemacht hat, habe ich mir schon gekauft.
13. Habe ich seit über eine Woche keinen Kaffee getrunken und habe auch jetzt keine Lust darauf.
14. Habe ich seit über einer Woche nicht mehr ferngesehen und vermisse es auch nicht.
Letzte Woche habe ich es endlich einmal geschafft, länger als zwei Tage ohne Aufnahme fester Nahrung durchzuhalten. Ich hatte es in der Vergangenheit schon diverse Male probiert, war aber immer relativ schnell schwach geworden und hatte dann auch noch den Fehler gemacht, mir anschließend den Magen voll zu schlagen. Der Ausstieg ist so ziemlich das wichtigste beim Fasten, die Verdauungsorgane sollten langsam wieder ihre Arbeit aufnehmen; heute habe ich das Fasten mit einem Apfel gebrochen, als zweites Frühstück eine Banane ganz langsam zerkaut und mir heute Mittag ein Gemüsegericht auf Brokkolibasis gekocht.
Fünf Tage nichts zu essen war einfacher als ich es mir ursprünglich vorgestellt hatte. Immer wenn ich Hunger hatte, habe ich einfach etwas getrunken. Am Tag so um die fünf Liter, davon 3 l Kräutertee und 1 l Wasser. Mittags und abends gab es als Hauptspeise Gemüsesaft bzw. -brühe, der Nachttisch bestand aus einem Obstsaft, den ich mir genüsslich auf der Zunge zergehen ließ. Buchingerfasten also, das Buch, das mich begleitet hat, war Fasten von Hellmut Lützner. So – als Hungerkünstler – hätte ich eigentlich weitermachen können, heute morgen verspürte ich keinerlei Lust auf feste Kost, man kann sich wirklich daran gewöhnen mal eine Weile nichts außer Flüssigkeiten oral zu konsumieren. Ein Ergebnis war der Verlust von sieben Pfunden, wobei das Gewicht die letzten beiden Tage laut Körperfettwaage angeblich unverändert geblieben ist. Die Gewichtsabnahme war allerdings nicht der Grund für die Abstinenz.
Mir ging es eher um ein Abschalten, ein zu mir kommen, eine Periode des Nachdenkens über mich selbst und meinen Weg, den ich gehe. Das ist nicht so richtig gelungen, der Haupteffekt des Fastens war gerade nicht eine Beruhigung, sondern eher eine Aufputschung. Dadurch, dass meine Gedärme für fünf Tage still standen, fühlte ich mich selbst sehr aufgekratzt und hibbelig. Hierzu passt die Beobachtung der den ganzen Tag wiederkäuenden Kühe, deren ausgefeiltes Verdauungssystem ja wohl auch eher beruhigend wirkt. Der Schlaf war eher kurz, ich kam morgens meist deswegen nicht raus weil ich die Wärme nicht gegen die Kälte tauschen wollte, ich hatte übrigens Urlaub genommen, was das Projekt enorm erleichtert hat. Im Arbeitsstress bei dauernd klingelndem Telefon mit Leuten, die etwas von mir wollen, hätte ich wahrscheinlich sehr bald dem Essenstrieb nachgegeben.
Der Körper kennt zwei Energieprogramme. Zum einen das normale, in dem ihm Nahrung zugeführt wird, die er dann in Magen und Darm verarbeitet und in Energie umwandelt, die er für seinen Betrieb benötigt. Bei diesem Programm gehen allein 30% der Energie für die Verdauung drauf, ein Wirkungsgrad, der übrigens gar nicht so übel ist. Zum andern gibt es das Fastenprogramm, in dem die Verdauung ruht und die Energie aus den körpereigenen Reserven – der eigenen Speisekammer – bezogen wird. Alle überflüssigen und giftigen Stoffe im Körper werden in diesem Modus abgebaut. Man muss nur den Schalter zwischen den zwei Programmen umschalten, was am besten durch eine Reinigung der Gedärme eingeleitet wird.
Eine kleine Herausforderung war der Einstieg am Montag. Bei früheren Versuchen hatte ich es mit Glaubersalz versucht, das ist zwar sehr effektiv, aber dadurch wird auch die Innenflora, wie ich sie jetzt mal umschreiben will, vollständig wegschwemmt. Bei mir hat es anschließend immer mindestens eine Woche gedauert bis sich alles wieder intern normalisiert hatte. Nein, dieses Mal habe ich eine auch in dem o.g. Buch als sanfter empfohlene Methode probiert: den Einlauf. Ein entsprechendes Gerät habe ich in der Apotheke für 10 Euro erworben, es besteht aus einem Wassersack, den man z.B. an der Türklinke befestigt, einem daran hängenden Schlauch sowie einem Plastikrohr. Ich glaube, ich brauche das Vorgehen nicht im Detail zu beschreiben, es ist nicht die schönste Erfahrung, es gibt aber auch schlimmere. Auf jeden Fall ist auch dieses Verfahren sehr effektiv, es dauert gerade mal eine Minute bis zur ebenfalls explosiven Entleerung.
Während der Fastentage bin ich relativ viel spazieren gegangen, der Körper will sich einfach bewegen, es ist ein bisschen wie ein zur Ruhe kommen im Gehen. Man fühlt sich auch leichter und beschwingter im Fastenmodus, was ja auch einleuchtend ist. Ich bin allein zweimal von Wilmersdorf in die Nähe des Alexanderplatzes gegangen. Wichtig bei längeren Promenaden war auf jeden Fall, sich Zeit zu nehmen, also auch mal ein Päuschen zu machen, bei dem man sein Wasserfläschchen getrunken hat. Nächstes Mal möchte ich unbedingt Fasten und Wandern noch besser kombinieren, ich denke an Langstreckenwandern, z.B. Jakobsweg von Berlin nach Tangermünde mit 20 Km-Etappen.
Was habe ich sonst so während der fünf Tage gemacht? Ich bin sie eher ruhig angegangen. Habe viel gelesen, viel Musik gehört, war im Kino, wo ich nachmittags in einer Vorstellung, in der ich mit Abstand der jüngste war, The Artist gesehen habe, einen Zombiefilm, in dem die Stummfilmzeit perfekt nachgebildet wird, der aber völlig hohl und leer erscheint, ein symptomatischer Film für unsere Zeit, in der die Nachempfindung vergangener Epochen egal ob in Kunst, Musik oder Film der Hauptzeitvertreib des Mainstreams in den schönen Künsten geworden zu sein scheint. Gegen Ende der Woche habe ich dann endlich unter dem Druck der mir davonlaufenden Zeit etwas mit dem Aufräumen begonnen. Ich habe übrigens überhaupt nicht ferngesehen, hingegen habe ich natürlich jede Menge Zeit im Internet vor dem Monitor des Netbooks verbracht. Sportlich habe ich neben den Spaziergängen ein bisschen mit den Hanteln gearbeitet, etwas jongliert und einmal habe ich mich sogar auf das Ergometer gesetzt, trotz im Verhältnis zum normalen Programm deutlich reduzierter Maximalleistung von 275 Watt, habe ich allerdings nach knapp 20 Minuten abgebrochen, die Atmung war etwas kurz und unregelmäßig, aber der Grund für die Aufgabe lag vor allem im Kopf, ich verspürte keinerlei Lust auf den Kampf mit dem inneren Schweinehund.
Gerüche waren während der Fastenperiode besonders penetrant, das war neben der Aufgedrehtheit und generellen Überempfindlichkeit ein weiterer Grund, wieso ich kaum unter Leute wollte. Zum einen natürlich Essensdüfte, die auch das Wasser eines Fastenden im Munde zusammenlaufen lassen. Am schlimmsten waren allerdings ganz klar die Parfüme und Deos. Die Attacke auf meinen Geruchssinn Kulminierte in der Volksbühne am Donnerstag Abend beim Tindersticks-Konzert. Was da einige Damen aufgetragen hatten, das ging auf keine Hundenase. Wobei ich gerechterweise sagen muss, dass ein Fastender jetzt auch nicht immer nach Rosenwasser riecht, vor allem nicht aus dem Mund, aber lassen wir das jetzt.
Was habe ich im einzelnen zu mir genommen? Da waren neben dem Mineralwasser – ich hatte medium, still war eigentlich empfohlen – natürlich zum einen verschiedene Teesorten, anfangs habe ich mir morgens schwarzen Tee geleistet, das aber bald aufgegeben, als ich gemerkt habe, dass die aufputschende Wirkung noch stärker war als sonst schon. Als Kräutertee habe ich häufig Minze getrunken, auch leicht belebend, gleichzeitig gut für den Atem. Andere Kräutertees waren eher beruhigend wie Rooibos, Zitronengras (gerne mit Minze oder Johanniskraut gemischt) und Süßholz. Ich habe auch oft frischen, in Scheiben geschnittenen Ingwer hinzugetan, dessen reinigende Wirkung sich in der Schärfe manifestierte, die er auf dem Boden der Teekanne entwickelte. Außerdem hatte ich noch einen sehr aromatischen, erfrischenden Früchtetee, der vor allem aus roten Früchten wie Erd- und Himbeeren bestand. Die klare Gemüsebrühe, die ich die ersten Tage in Niederhöchstadt gegessen habe, hatte C gekocht. Sie basierte auf Karotten, Stangensellerie, Tomaten, Porree, Kartoffeln, Brokkoli, Zwiebeln, Knoblauch, Ingwer, Chili, Thymian und Salz. Die Gemüsesäfte, die ich probiert habe, waren ein gemischter Saft (im Grunde mein Lieblingsgemüsesaft), ein Tomatensaft (auch gut), sowie ein Karottensaft und ein Sauerkrautsaft, die ich beide allein nicht trinken konnte, der eine war zu süß, der andere zu sauer. Aber in der Kombination waren sie genießbar. Schlussendlich noch die Obstsäfte, die ich meist als Nachtisch trank. Sehr lecker war der trübe Apfelsaft von einer lokalen Apfelkelterei, die Süße konnte ich in kleinen Zügen genießen. Außerdem habe ich eine leckere Mischung aus Wasser und Johannisbeersaft zu mir genommen. Morgens trank ich meist mein Gläschen Orangen- bzw. Grapefruitsaft.
das album des monats, eine band, die ich ganz am anfang, ich glaube es war 1993, heiß und innig geliebt habe – allein schon dieses tolle cover mit der tänzerin im roten ballkleid – und nach drei alben aus den augen verloren habe. sie haben sich nach dem wahnsinnsdebüt, das die achtzig cd-minuten fast vollständig auf eine perfekte weise – da war keine sekunde zu viel – ausgenutzt hat, fast nur noch wiederholt, stuart staples hat seine rauchige whiskystimme zu streichern und getragenen nachtballaden erklingen lassen. jetzt sind sie wieder da, seine stimme nicht mehr ganz so versoffen, die musik luftiger und rhythmischer und minimalistischer. nicht so viel arrangement, mehr coolness. das lässigere, jazzigere element kommt auch durch das saxophon, dass die geigen ersetzt hat. der titel macht mich etwas perplex, hört sich nicht sehr muttersprachlich an. egal, hauptsache die musik sitzt.
p.s. sehe gerade, dass sie nächste woche mittwoch und donnerstag in der volksbühne spielen. ob sie die wirklich gleich zweimal hintereinander vollmachen? ich glaube, ich gehe am donnerstag, hat wer lust mitzukommen? nicht die größte liveband der erde, dafür ist die musik etwas zu langsam, aber irgendwie habe ich jetzt mal wieder lust auf die.
Es ist also möglich, die Worte als Hinweis auf die unsinnige Tätigkeit zu deuten, Weisheit in die Stadt zu bringen. Wahrscheinlicher ist jedoch, dass er sich auf die Münzen bezog, auf denen das Tier prangte. Aristophanes bezeichnete es als überflüssig, ins reiche Athen Silbermünzen (mit der Eule) zu schicken. In Vers 1106 schreibt er dazu etwa: „An Eulen wird es nie mangeln.“ (q)
Gestern im fast halbleeren Flieger habe ich mir eine alte Humeur Vagabonde-Sendung zum 100. Geburtstag von Lévi-Strauss angehört. Da ging es auch darum, dass er wohl der Ansicht war, dass das Problem der Menschheit ein Zuviel und nicht ein Zuwenig an Kommunikation ist, dass der – inzwischen geradezu beängstigend rasant zunehmende – Informationsaustausch eine Gefahr darstellt weil er, so interpretier ich das jetzt mal, die Vielfalt und zwar insbesondere die Vielfalt der verschiedenen Lebensformen der Völker, durch Einebnung der Unterschiede und eines Setzens einer universalen Kultur bzw. Unkultur vollständig zerstört. Lévi-Strauss hat immer versucht, der modernen, gleichförmigen Welt aus dem Weg zu gehen. So ist er bei den Indianern in Brasilien gelandet, die abgeschottet von der Zivilisation ihre eigene Kultur entwickelt hatten. Man könnte meinen, dass die heutigen Onlinemedien bzw. die zum Abklatsch von ihnen gewordenen Zeitungen diese Kritik bestätigen. Aber eigentlich ist es ja wohl eher so, dass wir den Höhepunkt an Information schon lange überschritten haben. Die Information nimmt quantitativ zwar weiter deutlich zu, qualitativ nähert sie sich allerdings asymptotisch der x-Achse. Wir werden nur noch zugemüllt mit immer wieder neu recyceltem Infoschrott, wirklich wichtige Nachrichten gehen völlig unter, es gibt fast nur noch Simulationen von Nachrichten. Hype bestimmt die Medienwelt. Heutzutage kann eine völlig nichtssagende Person, sozusagen die Inkarnation des Langweilers die Nachrichtenkanäle wochenlang verstopfen. Wieso ich das jetzt schreibe, weiß ich jetzt auch nicht mehr, irgendwie muss ich jetzt zur Musik überleiten. Die Walkabouts aus Seattle gibt es seit dem Orwelljahr 1984 und sie lassen sich Zeit mit ihren Alben. Das letzte kam, glaube ich vor 5 Jahren raus, das neueste ist bei Glitterhouse erschienen und heißt Travels in the Dustland. Es ist ein Songzyklus über ein Amerika abseits des American Way of Life, eines urtümlichen, aber auch schroffen und spröden Landes. Das obige Lied hat diesen fast schon wahnsinnigmachenden schleppenden Rhythmus drauf, bei dem ich eine erbarmunglos auf die Wüste herabbrennende Sonne assoziiere. Es erzeugt so ein schläfriges Gefühl der Unbewusstheit, man meint, man torkelt einer auditiven Fata Morgana in Form der betörenden Stimme von Carla Torgerson entgegen. I love it.
Quicksilver Messenger Service waren in der zweiten Hälfte der Sechziger so ziemlich die abgefahrenste Gitarrenband an der Westküste. In San Francisco machten ihnen zwei andere Acidrockcombos Konkurrenz, die beide kommerziell erfolgreicher und bekannter waren, Jefferson Airplane und Grateful Dead. Live liefen QMS oft zu Hochform auf, die Doors waren eine ihrer Vorgruppen. Hier sieht man den relativ früh verstorbenen Leadgitarristen John Cipollina einen eigenen Tanz mit viel Gesäßeinsatz vollführen. Musikalisch handelt es sich hier wie häufiger bei QMS um ein Bo Diddley-Cover. Beinharter Bluesrock mit einem Schuss LSD. Ein phantastischer Tremolo-Gitarrensound. 1969, das waren noch Zeiten.
Gestern war die Beerdigung meines Patenonkels, ich habe es schon erwähnt. Morgens fuhr ich mit der U2 und dann ab Turmstraße mit dem TXL-Bus zum Flughafen Tegel. Kurz vor dem Flughafen gucke ich auf die Uhr und es fällt mir auf, dass ich einen Denkfehler gemacht habe. Es ist 9h30. Nicht der Abflug von Tegel ist 10h10, nein die Ankunft in Frankfurt ist zu dieser Uhrzeit. Mit anderen Worten, ich haben meinen Flieger verpasst, der Abflug war um 8h55. Im Flughafen organisiere ich noch in letzter Sekunde – die Dame am Ticketschalter muss sich noch am Gate erkundigen, ob sie mich noch akzeptieren, da der Ticketverkauf eine halbe Stunde vor der Abflugzeit eigentlich geschlossen wird – ein Ticket mit dem nächsten Flugzeug, das wirklich um 10h10 abfliegt. Es ist von der anderen Airline. Den Preis erwähne ich jetzt mal nicht, ich glaube die Stunde, die ich mir morgens zusätzlich genommen habe, war eine der teuersten Stunden meines Lebens. Von jetzt an verzögern sich noch so einige Sachen, in Frankfurt-Zentrum bin ich erst kurz vor halb eins. Wir können es nicht schaffen bis um 1 nach Oberissigheim. Im Ort natürlich im Umkreis der Kirche kein Parkplatz, wir sind kurz vor Viertel nach eins dort, die Leute stehen im Regen vor der Kirche, die Kirche ist voll. Wir spannen die Regenschirme auf und hören Musik. Ich weiß wer da spielt, meine beiden Vettern, der eine die Geige, der andere die Orgel. Ich kann mir denken was, ich kenne die Musik, weiß es aber nicht genau. Ja es ist natürlich Bach, der erste Satz des Violinkonzerts a-Moll. Wie da an diesem trüben, regnerischen Dezembertag die Geige aus der Kirche nach draußen schallt, wo wir uns die Füße abfrieren, da frage ich mich, wie es möglich ist, dass mein Cousin diese überirdisch schöne Melodie auf der Geige spielen kann, ohne zu weinen. Vielleicht weint er ja, ich sehe ihn nicht, aber ich glaube es nicht. Ich hingegen stemme mich gegen die Tränenflut, die sich da Bahn brechen will, ich kann so gerade eben widerstehen, als die anderen nach der Predigt aus der Kirche kommen, muss ich mich auch nochmal zusammenreißen, mein Vater will mich ansprechen, lässt es aber dann, ein Wort hätte das Fass bei mir zum Überlaufen gebracht, ich glaube er hat es gemerkt. Die Trauergemeinde strömt zum Dorffriedhof, der sich ganz langsam füllt, es dauert bestimmt eine Viertelstunde bis alle da sind und der Pfarrer weitermachen kann. Es sind so um die 400 Leute, so viele Menschen habe ich bei einem Begräbnis noch nie erlebt. Da sind die Jagdhornbläser, die Johanniter, die Vereinskameraden, die Leute aus dem Dorf, die Freunde, die Familie etc. In dem Moment wo sein Sarg ins Grab hinabgelassen wird, intonieren die Jagdhörner noch einen letzten Tusch, wieder kämpfe ich mit den Tränen, wie unglaublich stark ein paar Töne in diesen Umständen wirken können, die wohlgewählten Worte des sehr jungen Pfarrers, der seine Sache sehr gut macht, haben eher eine beruhigende Wirkung.
Vor einer Woche ist mein Patenonkel gestorben, morgen ist die Beerdigung. Ich stand ihm nicht sehr nahe, heute frage ich mich warum, er gehörte einer Generation an, die noch die Kriegs- und Nachkriegszeit mit Haut und Haaren erlebt hat, aber ich glaube nicht, dass das der Grund war, warum wir eigentlich fast immer nur eher oberflächlich und smalltalkartig miteinander kommunizierten. Er lebte in einer völlig anderen Welt, auf einem Reiterhof mit vielen Pferden, in einem kleinen Dorf, wo jeder sich kennt. Eine Besonderheit an ihm war, dass er eine Art Patriarch war, also etwas was es heute in Deutschland kaum noch gibt, alle nannten ihn Papus. Als junger Teenager war ich in der Mitte der Siebziger mehrmals in den Ferien auf dem Hof reiten, da ich sein Patenkind war, mussten wir nichts bezahlen. Das Reiten war nicht so mein Ding, ich glaube mir tat schnell der Rücken weh, insbesondere beim Trab, Galoppieren war natürlich ein wildes Gefühl des über die Erde Fliegens. Während der Ferien dort habe ich hauptsächlich Tischtennis gespielt und wir haben Lieder gesungen, die ich nirgendwo anders je gehört habe (z.B. Lager-Boogie). Am Besten erinnere ich mich aber an die rauschenden Familienfeste, die wir bei E. gefeiert haben, er hat sein Leben in vollen Zügen genossen und hat uns, die recht große Familie, daran teilhaben lassen. Berüchtigt waren seine Reden, wenn er einmal angefangen hatte, fiel es ihm schwer wieder aufzuhören, er drehte häufig rhetorische Pirouetten, er stand gerne im Rampenlicht. Bei diesen Festen, die natürlich meist im Sommer stattfanden, habe ich dann oft bis zur Morgendämmerung beim zigten frisch gezapften Bier mit meinen Vettern und Kusinen über Gott und die Welt gequatscht. A propos Welt. Man sagt ja, dass mit jedem Menschen eine Welt untergeht, bei E. stimmt das auf jeden Fall, mit seinem Tod ist die Welt um ein großes Original ärmer geworden.
Das Lied da oben ist von den beiden Schotten Bill Wells (Piano) und Aidan Moffat (Gesang): Die Totenwache nimmt den Erzähler so mit, dass er sofort in den Pub neben dem Krematorium gehen muss.
P.S. Vor das Feiern hat der liebe G. die Arbeit gesetzt, das ist in dem Posting zu kurz gekommen. Mein Onkel hat vor allem natürlich in der Erntezeit, wenn das Heu auf dem Hänger eingefahren wurde – den Traktor fuhr er meistens selber, wenn ich mich recht erinnere – geschuftet wie ein Berserker, er war ein Typ, der auch sehr wohl in der Lage war, kaum Worte zu machen und einfach nur zuzupacken.
Ich bin jetzt auch Mitglied bei simfy (Registration mit Benutzername, Passwort und E-Mail reicht) und kann Millionen von Lieder komplett streamen. Brauch also keine CDs mehr kaufen. Dachte ich, stimmt aber nicht. Den ersten Musiker, den ich gesucht habe, James Blake, der vor einem knappen halben Jahr (also einer Ewigkeit in Netzzeit) in aller Munde war, habe ich mit diversen Veröffentlichungen problemlos gefunden. Aber von dem anderen, von dem im Moment alle schwärmen, gab es gar nichts. Das hat mich jetzt noch nicht so überzeugt, das kostenpflichtige Abo mit Smartphonezugriff und ähnlichem Schnickschnack spar ich mir erstmal. Da müsst ihr noch etwas näher an den Zeitgeist rankommen, liebe Leute.
Bin letzte Woche mit W. sechs Tage auf dem Rheinsteig gewandert, von Assmannshausen nach Kamp-Bornhofen. In Kaub haben wir zwei Nächte verbracht. Am ersten Abend kamen wir etwas zu spät, um mit dem Schiffchen zur auf einer Insel im Rhein gelegenen Zollburg Pfalz(grafenstein) überzusetzen. Der Kapitän, der bestimmt zehnmal täglich rüberschippert, meinte auf die Frage von W., was es auf der kleinen Burg zu sehen gäbe, er wisse es nicht, er wäre noch nie da gewesen. Aber er hätte gelegentlich die Leute, die er mitnähme auf ihrer Rückfahrt gefragt wie es denn gewesen wäre. Die hätten zwei Dinge gesagt. Zum einen wäre die Burg sehr schön, zum andern könnte man all das, was man dort sähe nicht in einem Satz beschreiben. Genau so verhielt es sich auch mit unserer Rheinsteigwanderung. Natürlich sind wir am zweiten Nachmittag zur Pfalz übergesetzt. Wobei wir wirklich auf die Minute pünktlich für die letzte Überfahrt waren.
