Sattgrün, die Fährte
im Morgenreif der Wiese
Die Hündin voraus
Sattgrün, die Fährte
im Morgenreif der Wiese
Die Hündin voraus
Im Einkaufszentrum
Mittwoch abends um sechs Uhr
Plötzlich alt gefühlt
Alles was man sagt
operettenhaft singen
macht gute Laune
Schnüren der Senkel
Wanderschuhe an Füßen
Herz, freudig pochend
An der Wegkreuzung
bleibt Sennenhündin sitzen.
Wir gehen weiter.
Morgens ein Flöckchen
Schwebende Ouvertüre
Symphonie in weiß

Putins Gesicht sieht
der Maske eines Toten
täglich ähnlicher
Apfelbaum schneiden
Für jeden gekappten Trieb
kommen zwei Neue
Das breite Grinsen
des schlaksigen Jungen als
er Kimba erblickt

Alkoholreichster
und teuerster Wein gewinnt
bei Blindverkostung
[Château des Tourelles, Médoc Cru Bourgeois, 2016]

Wurschtig, zufrieden,
verpeilt in den Tag träumend
dank Melatonin.
Laut Smartwatch schlaf ich,
wenn ich nachts aufwache und
nen Podcast höre
Brille abnehmen
Auf einhundertachtzig Grad
weitet sich der Blick
Streuobstwiesenjog
Boden leicht angefroren
Allein auf der Flur
Spiel mich schwindelig
Arrangier etwas dazu
Berühr mich innen
Eine Mischung aus
Sennenhund, Bernhardiner
und Neufundländer
Die Wange streifen
mit einer Vogelfeder
Die Zeit anhalten
Auf Leiter stehend,
Apfelbaum zurückschneidend
Der Schwarzmilan kreist
Frau mit Kopfhörer
erschrickt sich nach Morgengruß
vor mir zu Tode.
Manchmal brauche ich
seine kaputte Stimme
Er kann auch anders
[Arthur H – La vie]
Der Wind pfeift ums Eck
Der Kran schwankt, aber fällt nicht
Die Feuerwehr kommt
Dahingeschmolzen
Einfach mal innehalten
Und wieder von vorn
Lakritz und Leder
Erster Rioja in Barrique
Ganz tief einatmen

In einer Woche
zweiundvierzig Stunden Schlaf
Der Wortschatz kehrt zurück
Roter Ball im Maul
Dazu noch ein schwerer Ast
Das lädt ein zum Spiel
Äquivalenz von
Melodie in der Musik
und Menschenlächeln
[Valentin Silvestrov, haikufiziert]
Der Regen lässt nach
Schnee leuchtet auf den Feldern
Der Nebel steigt auf
Gassi mit Moony
Nach dem Geschäft büxt er aus
Er ist beim Nachbarn
Du liegst neben mir
zehn Zentimeter entfernt
Lichtjahre weit weg
Dreißig Sekunden
schaut der Hund auf den Boden
und der Rücken juckt
Ordner mit dem Kreuz
Ihn niemals öffnen wollen
Gut, dass er da ist
Ade, Tannine
Brombeeren ohne Dornen
Süßlakritzabgang

Der lange Atem
geht dem Saxofonspieler
irgendwann mal aus
[Wayne Shorter – Infant Eyes]
Fingerchen gleiten
behende über Saiten
Von Herzen lachen
Morgens aus dem Haus
In der Hälfte der Fälle
gleich zurückkommen
Audio speichern:
Über Mikro des Smartphones
den Stream aufnehmen
Wenn der Körper sich
den Schlaf zurück geholt hat
Wie im Paradies
Ein Junge wächst auf
in den Sechzigern im Pott.
Der Blick von unten.
Der Blick nach unten
Städtische Straßenfluchten
Horizont weit weg
Geschnatter im Kopf
Virtueller Gänseschar
Hälse durchschneiden
Ganz im Hier und Jetzt
Nicht sitzen bleiben können
Eins mit dem Klavier
[Keith Jarrett – Solar (Live in Japan 1987) von Miles Davis]
Die Vase im Schrank
Die Tulpen im Biomüll
Du in meinem Kopf
Einatmen bis fünf,
nun ausatmen bis sieben,
dann halten bis fünf
Siebziger Jahre,
die Tanzfläche rappelvoll,
der Refrain endlos.
[Donna Summer – Love to Love You Baby]
Die Dünnhäutigkeit
des Schlaflosen kann man auch
als Geschenk ansehn
Einpeitscher skandiert:
„russia is a terrorist
state“. Bin mittendrin.
Und jetzt ne Zichte
Alle Probleme lösen
Dafür ein Neues
Ins Loch reinfallen
Auf dem Kriegsschlachtfeld fallen
In den Schlaf fallen
Endlich mal wieder
vom Wecker geweckt werden
Noch träumen dürfen
Vor einigen Jahren
kam mir mittags
ein weißhaariger Mann
auf einem Fahrrad
die Taubenstraße
zwischen Hausvogteiplatz
und Gendarmenmarkt entgegen.
Es war Rainald Goetz.
Er hat mich nicht erkannt.
Nachtisch Ananas
reißt tiefes Loch in den Bauch
Jetzt noch was Stollen
Aus heitrem Himmel
Kribbeln in den Fußsohlen
Der Weg spricht zu mir
Morgens Mann erschreckt,
der zuvor fast im Fahrstuhl
hängen geblieben
Ein Dreijähriger
Unbändige Neugierde
„Muni, was steht da?“
Die Viertelstunde
nach dem Weckerklingeln
Tiefenentspannung
Töne, aufgereiht
wie Perlen auf der Kette,
im Lichtbad schimmernd
[Cimarosa – Sonate No. 42 in d-moll (Arr. Vikingur Ólafsson)]
Am frühen Abend
im Schaukelstuhl wegdösen,
die Nacht wach liegen.
Während der Film läuft
durch den Tiergarten spaziert
Mit Zeit auf Kriegsfuß
Im Bett rumliegen
um fünf, unausgeschlafen
den Atem zählen
Libanon, früher
die Schweiz des Nahen Ostens,
heute ein failed state
[Mickey 3D – Mon pays est tombé]
Lippen aufgespritzt,
Nase korrigiert, gebräunt
Blick abgewendet
Kurz nach der Wende
In Thüringen auf dem Land
Und es bleibt geheim…
[Emily Atef – Irgendwann werden wir uns alles erzählen, 7/10]
Ein Hustenanfall
mitten im Film und exit
„Sie war grad noch da.“
Wogende Körper
Warten bis es zu spät ist
Wagner auf dem Klo
[Patric Chiha – La Bête dans la jungle, 3/10]
Sennenhündin jagt
vier Rehe auf der Wiese
Bewegung tut gut
Vom Stock abgelenkt
Hündin sucht da nach dem Ball,
wo er nicht mehr ist.