Weißer, alter Mann:
Zum Thema woke einfach mal
die Klappe halten
Wer ist dieser Typ?
Ein Lächeln um die Lippen
Ein Erleuchteter?
Zwölf Tage älter
Luftige Melodien
Texte voll Sehnsucht
[The Chills – Rolling Moon]
Vor dreißig Jahren
Zarter Gitarrenohrwurm
von Romantikern
[The Sugargliders – Ahprahran]
Ich werde nach einer erholsamen Nacht in dem etwas zu kurzen Bett im Hotel Burg Ramstein von prasselndem Regen geweckt. Nach dem Verfassen des Tagebucheintrags vom Vortag entscheiden wir uns noch vor dem Frühstück angesichts des Regenradars, der für den ganzen Tag Niederschlag für die Region prognostiziert, die letzte Wanderetappe – von gerade mal rund 15 km – buchstäblich ins Wasser fallen zu lassen.
Wir gehen im Regen den Fußweg hinter der Burg hinunter zum Parkplatz und dann weiter auf der Straße zurück nach Kordel, insgesamt 3 Kilometer. Dort nehmen wir die Regionalbahn nach Trier.
Am Trierer Hauptbahnhof schließt sich ein Kreis. Bereits bei unserer Ankunft in Aachen vor 15 Tagen waren wir Zeuge einer ungewöhnlichen Szene gewesen. Auf dem Weg vom Hbf zu unserem Hotel am Lousberg hatten wir in Bahnhofsnähe eine in der Straße laut herumschreiende Frau getroffen. Sie schrie einen Mann an, der ruhig blieb, es könnte ein Dealer gewesen sein. Am Trierer Hbf auf dem Gleis gegenüber war wieder eine Frau, die herumkrakeelte. Sie war offensichtlich betrunken und lief einem Mann hinterher, der sich ihrer nicht entledigen konnte. Interessant, dass beide Frauen Männer anschrieen, wenn Männer in der Straße meist fluchend herumbrüllen, dann wenden sie sich an niemanden direkt, dann reden sie eher laut mit sich selbst. So ein Typ war uns in Aachen übrigens auch etwas später auf dem Weg zum Hotel begegnet.
In Trier deponieren wir unsere Rucksäcke im Schließfach und genießen es, ganz langsam mit dem Regenschirm zur Porta Nigra und dann durch die Fußgängerzone zum Markt zu gehen, wo wir uns draußen unter den Schirm in ein Café setzen und bei einem Cappuccino entspannen und dem Treiben auf dem Wochenmarkt zuschauen. Wir machen heute buchstäblich nichts außer etwas Shopping. Neben dem Buch Denkanstöße 2024 mit Essays diverser Fachautoren zu aktuellen Themen wie Klimawandel, Generationenkonflikt und Kampf der Supermächte kaufe ich mir in der schließenden Kaufhausfiliale, wo alles reduziert ist, eine neue, etwas weitere Wanderhose, da die Alte selbst nach dem Nähen der aufgeplatzten Nähte auf der Wanderung wieder kaputt gegangen ist. C. kauft sich das neue Buch von Charly Hübner über Uwe Johnson.
Ansonsten passiert heute nur wenig, der Regen stoppt immer nur kurz und setzt immer wieder neu ein, wir checken um 15 Uhr im Hotel in Trier-Nord ein, wohin wir noch einmal 2 km an einer Ausfallstraße im Regen laufen. Dort gehe ich in die Biosauna, keine Ahnung, was der Unterschied zur normalen Sauna ist (doch nicht etwa die farblich changierende Lichtsäule in der Mitte der recht dusteren Biosauna?), die rappelvoll ist, während ich nach mehreren Aufgüssen alleine vor mich hinschwitze. Im Ruheraum chille ich auf der Liege, während der Typ schräg gegenüber pennt und schnarcht.
Damit geht eine Wanderung zu Ende, die nicht immer ganz einfach war, aber auf jeden Fall jeden Tag Überraschungen für uns bereitgehalten hat. Jeder Tag war ein Abenteuer, jede Etappe eine Herausforderung. Wir haben drei exzeptionelle Unterkünfte gehabt (Ferienwohnung Mastiaux in Mirbach, Kurfürstliches Amtshaus in Daun und Burg Ramstein), die meisten Logis waren gut bzw. zufriedenstellend. Wir haben interessante Menschen kennengelernt, sowohl Wanderer als auch Gastgeber. Bei vielen von ihnen hatte ich das Gefühl, dass ich sie schon vorher kannte, obwohl ich sie in diesem Leben sicher noch nie getroffen hatte. Insgesamt mal wieder eine sehr runde Sache. Mal sehen, wie es weitergeht.

Vormittags Regen
Wir kämpfen uns durch den Wald
Zur Ruine rauf
Nach einer nur halbwegs erholsamen Nacht im zu warmen Zimmer im 2. Stock unter dem Dach frühstücken wir gemeinsam kurz nach 8 Uhr mit Ineke und Jap, dem holländischen Paar, in einem antik eingerichteten Gutshauszimmer im Erdgeschoss. Außer uns in dem anderen Zimmer fünf weitere Wandergäste.
Heute ist Regen angesagt und wir haben für die lange Etappe gleichzeitig einen festen Zeitplan, um rechtzeitig auf Burg Ramstein um 18 Uhr zum Abendessen anzukommen. Mit Regenjacke und -schirm ausgerüstet wagen wir uns hinaus. Es wird bis gegen Mittag regnen, wobei der Regen langsam nachlässt, wir werden also nicht klatschnass, wenn man von den Schuhen absieht.
Nach Gladbach geht es hinauf durch den Wald. Und wieder runter, rauf, runter. Plötzlich hinter dem Ort rechts auf einer freien Fläche im Wald eine große PV-Anlage, die erste, die wir auf dem Weg bewusst sehen.

Durch Felder geht es auf dem Hochplateau nach Greverath.

Die Blumen des Tages die Hortensien, die heute ganz in ihrem feuchten Element sind.

Auf dem Weg viele Nacktschnecken, aber auch Weinbergschnecken. Auf einer großen Lichtung im Wald in über 200 Meter Entfernung steht ein Reh, das Reißaus in den Wald nimmt, als es uns wenig später wahrnimmt.
Im Wald sehen wir bald vor uns in der Ferne eine Person. Es ist Gesche, die junge Wanderin, die wir zuerst auf dem schmalen Lieserpfad getroffen hatten. Sie hatte in Gladbach übernachtet, wir haben also etwa 90 Minuten reingeholt, die Etappe läuft nach Plan.
Das Rothaus, das wir passieren, hat wegen Personalmangel geschlossen. Deutschland hat ein riesiges Personalproblem, das sich sicher weiter verschlimmern wird, wenn nicht bald mehr dagegen getan wird. Gerade auf dem Lande sieht es sehr düster aus, das hat uns diese Eifeldurchquerung gezeigt. Oft wird auf ältere Arbeitskräfte, die im Rentenalter sind, zurückgegriffen, wie heute morgen beim Frühstück, man fragt sich allerdings, warum es hier z. B. nicht mehr junge Migranten in den Hotel- und Restaurantbetrieben gibt.
Durch Zemmer gehen wir geradeaus durch und sparen uns so ca. 2 km. Hier machen wir an einer überdachten Bushaltestelle nach über drei Stunden Gehen unsere erste wohlverdiente Pause.

Auf so einer längeren Wanderung gibt es immer wieder Momente, wo man keine Lust hat, auch nur einen weiteren Schritt zu tun, weil die Knochen, die Gelenke und die Sehnen schmerzen und das Wandern so völlig sinnlos erscheint. Bei mir war es heute beim relativ steilen Abstieg auf matschigem Weg durch den Wald von Roth runter zur Deimlinger Mühle an der Straße nach Daufenbach. Jeder Schritt war sowohl für die Füße als auch insbesondere die Kniee ein Martyrium. In solchen Fällen hilft nur eins: Durchbeißen. Und am Ende haben wir ja auch diese Etappe zu einem erfolgreichen Ende gebracht.
Im aufgrund der tieferen Lage sommerlich warmen Daufenbach warten wir auf den Zug nach Kordel, weil eine Brücke über die Kyll seit der Flut vor drei Jahren gesperrt ist. Alternativ benutzen einige die Eisenbahnbrücke, uns kommt die Zugunterbrechung jedoch ganz gut zupass, weil die lange Etappe so um knapp 4 km verkürzt wird.
In Kordel gehen wir einen kaum frequentierten Radweg zwischen Kyll und Bahnlinie, kommen an einer auffälligen roten Felsformation mit einer Marienfigur drin vorbei und können bald unser Tagesziel, die das Tal überragende Burgruine Ramstein erblicken.


Wir haben jetzt nur noch einen kurzen Aufstieg vor uns und schleppen uns mit den letzten Kräften zu unserem Hotel, wo wir bald ein Menü mit Melone und Schinken, Schnitzel mit Pommes und Salat, sowie einen sahnigen Käsekuchen zu uns nehmen dürfen. Bei der anschließenden Besichtigung der in Familienhand befindlichen Burgruine lassen wir uns noch fast aussperren, aber am Ende kommen wir wohlbehalten in unsere Kojen.


Das Salmtal hinab
Etappe zum Genießen
Wir sind nicht allein
Vor dem Frühstück, das pünktlich um 8 beginnt, werfen wir noch einen Blick in die Gnadenkapelle, wo es nach der Messe nach Weihrauch riecht. Innen auch ein Dankesstein für Maria von einem Soldaten, der hier 1944 im Lazarett war.
Wir frühstücken mit einem Paar in unserem Alter, sie wohnt in Düren und macht ihre Exerzitien hier. Sie erzählt von den Überschwemmungen vor drei Jahren, wo Düren um 7 cm der Katastrophe entging, andere Orte lagen gar nicht an einem Gewässer, wurden aber trotzdem völlig überraschend überschwemmt, weil das Wasser über den Berg stieg, der sie von einem überschwemmten Tal trennte.
Die dreischiffige barocke Abteikirche ist – für den Zisterzienserorden typisch – innen sehr schlicht ausgestattet. Auffällig ist der große Chorraum.
Am Ausgangstor fällt mir noch eine Tafel auf, Himmerod ist der Ort, wo nach Gründung der Bundeswehr das Konzept der inneren Führung, das einen Eckpfeiler unserer demokratisch legitimierten Armee darstellt, ausgearbeitet wurde.

Heute haben wir eine der gemütlichsten Etappen des Eifelsteigs vor uns, es geht fast die ganze Zeit rund 20 km die Salm abwärts, Steigungen sind eher Ausnahmen. Sehr bald treffen wir ein jüngeres holländisches Paar, das auch in Himmerod übernachtet hat und gehen längere Zeit gemeinsam. Sie kommen aus Gouda zwischen Utrecht und Amsterdam, haben schon ältere, recht selbstständige Kinder und machen ihre erste Fernwanderung. Sonst fahren sie passioniert Rad. Ihr Fernziel Trier, das Nahziel die Burg Bruch, wo auch wir nächtigen werden. Wir kommen an einer Mühle vorbei, wo Eidechsen in der Sonne vor uns weghuschen. Irgendwann lassen wir die Holländer ziehen, da sie auch aufgrund der kleinen Rucksäcke schneller sind und wir eine Trinkpause machen.
Ich komme im weiteren Verlauf auf philosophische Gedanken der Form, dass der Weg unser Meister ist, dem wir uns anpassen müssen. Wenn es hochgeht, müssen wir genauso das Tempo rausnehmen, wie wenn es runtergeht. Wenn wir mit ihm harmonieren, mit ihm atmen, wird es uns gut gehen etc.
Vor Landscheid unterqueren wir die Autobahnbrücke der A60. Im Ort verlassen wir den Weg und halten unsere Mittagsrast mit Butterbroten im Schatten auf einer Mauer nahe der Kirche, Bänke gibt es keine. Etwas weiter im Ort liegt eine Bäckerei mit Café, wo wir uns einen Capuccino mit Zwetschgenkuchen genehmigen. Bald gesellen sich unsere holländischen Wanderfreunde hinzu, die ebenfalls eine Kaffeepause einlegen. Über uns fliegen mehrere Tiefflieger hintereinander eine scharfe Kurve und verursachen einen ohrenbetäubenden Lärm. Ein paar Kilometer westlich liegt Spangdahlem, eine US-Air Base, die Teil der weiter südlich in Ramstein stationierten 3rd Air Force sind. Ein idyllisches Eifelstädtchen stelle ich mir anders vor. Dafür gibt es hier einen Maibaum, obwohl Bayern weit weg ist.

Kurz hinter dem Ort gibt es im Wald eine Umleitung links hinunter aufgrund von Baumfällarbeiten, man hört im Hintergrund Sägegeräusche. Das Besondere an ihr ist, dass sie 1,3 km kürzer ist als der Originalweg, der eifelsteigtypisch einen großen Schlenker in Form einer Haarnadelkurve macht.
Auch auf dem Eifelsteig liegen viele entwurzelte Bäume bzw. stehen kahle, tote Bäume. Ein trauriges Bild, aber nicht so flächendeckend wie z. B. im Taunus, Harz oder Thüringer Wald.

Nachdem wir aus dem Salmtal kurz heraustreten, hören wir auf der Wiese die Grillen zirpen.
Wir sind heute die meiste Zeit im Wald, es kommen aber immer wieder Lichtungen mit schönen Ausblicken, die das Auge entspannen.

Eine Braunviehherde mit Kälbern, deren eines vergeblich versucht, am Euter der Mutter zu saugen, weidet ansonsten ruhig vor sich hin.

Auf dem Weg einige schwarze Mistkäfer, teils unterwegs in Richtung Trier, teils in Richtung Aachen. Kurz vor unserem Ziel kommen wir an einer, kleinen abgezäunten Wiese vorbei, wo zwei zutrauliche Ziegen grasen.

In Bruch setzen wir uns auf eine erhöhte Baumelbank im Schatten, wo man die Beine baumeln lassen kann, erfrischen uns innerlich mit kühlen Getränken aus dem Automaten und äußerlich durch eine kurze Kneipprunde in der steinigen Salm, die gar nicht so kalt ist wie erwartet.
Hier gibt es eine Ölmühle, deren Mühlrad läuft. Sie lieferte früher die elektrische Energie für das Dorf.


Wir kommen heute in der Burg Bruch im 2. Stock im urigen Zofenzimmer mit Holzbalken unter der Decke unter. Auf dem Burganwesen gibt es einen viel besuchten Biergarten, wo wir gemeinsam mit den Holländern den Abend ausklingen lassen.


Über Stock und Stein
Rast über Lieserschleife
Neunzig Jahre jung
Es ist lustig, in unserem spartanischen Jugendherbergszimmer schlafe ich besser als im Himmelbett in der Suite in der Nacht zuvor. Morgens beim Frühstück kurz vor acht ist noch wenig los, die kleinen Kinder mit Lehrern kommen erst gegen halb neun und es wird lebendiger.
Wir müssen morgens noch zum etwas abgelegenen Supermarkt im Gewerbegebiet, wo wir unser Lunchpaket für deutlich unter 5 Euro selbst zusammenstellen.
Es ist morgens bedeckt, im Laufe des Tages wird die Sonne rauskommen. Im Ort sind einige Wanderer bzw. Kletterer unterwegs. Wir sind schnell auf unserem schmalen Pfad nach Süden, der rechts vom Felsen begrenzt wird und steil nach links zur Lieser abfällt, die sich unten ihren Weg durch die Vulkanlanschaft sucht. Es eröffnen sich diverse Blicke auf die beiden Burgen.


Wir passieren einige hölzerne Schutzhütten, die kunstvoll auf der Talseite in schwindelerregender Höhe befestigt sind. Die Lieser unten kann man unter den Baumkronen nur ahnen. Plötzlich steht vor uns eine junge Frau mit kompaktem Rucksack, sie schmiegt sich an die Felsseite, ich komme an der Bachseite so gerade an ihr vorbei. Wir werden sie heute noch öfter treffen.

Auf dem Weg, der einige Kilometer hier oben verläuft, muss man sich etwas konzentrieren, ein falscher Schritt zu weit nach links kann katastrophale Konsequenzen haben. Irgendwann geht es dann durch den Wald hinunter zur Lieser über eine Brücke. Unten ist der Weg oft ziemlich matschig, ich tauche mit meinen flachen Wanderschuhen tief ein, ohne ganz stecken zu bleiben. Es geht sogleich wieder steil bergauf – den ganzen Tag ein kräftezehrendes permanentes Auf und Ab – zu einem Aussichtspunkt mit Sicht auf einen kleinen, runden Wiesenzipfel im Wald. Hier steht die junge Wanderin, die dasselbe Tagesziel wie wir hat und bewundert den Blick und die Schönheit der Natur.
Wir steigen weiter auf zu einem Gerstenfeld am Wegrand, in dem es seltsame, leise Geräusche gibt, als wäre das Feld elektrisch geladen. Wir vermuten, dass es sich um Heuschrecken handelt, die dort herumspringen, die wir allerdings nicht sehen können.
Unsere Mittagspause machen wir 300 m abseits des Eifelsteigs in der Schutzhütte am Burgberg. Hier wurde ein Aluminium-Ponton gebaut, so dass man über die Baumwipfel hinaus auf die unten mäandernde Lieser blicken kann. Rechts ist nur ein schmales Stück erkennbar. Wir genießen hier zu zweit den Wurstsalat mit zwei Brezeln, einer Apfeltasche und 0,5 Liter köstlichem Ayran und einem guten Schluck Wasser. Immer wieder erstaunlich, wie viel besser das Essen und Trinken draußen nach körperlicher Anstrengung mundet.

Die letzten Kilometer der Etappe bewegen wir uns unten auf Wiesenwegen bzw. auf der schmalen Straße. Am Wegesrand eine halbe Stunde vor dem Ziel noch eine Liegebank, der wir uns nicht entziehen können.

Hinter der letzten Waldkuppe geht es dann hinunter zum schlichten barocken, ursprünglich im 12. Jahrhundert von Bernhard von Clairvaux gegründeten Zisterzienserkloster der Abtei Himmerod. Seit einigen Jahren gibt es hier bis auf Bruder Stephan, der gerade 90 geworden ist, keine Mönche mehr. Er hält sich fit mit Joggen und Schwimmen im nahegelegenen Teich. Ein eher unkonventioneller, ökumenisch denkender Mönch, der seit über 60 Jahren hier ist und zusammen mit dem Förderverein, der den aktuellen Betrieb des Ladens, der Gärtnerei, des Gästehauses, der Fischerei etc. sicherstellt, mit dem Rektor der Abteikirche bezüglich der zukünftigen Nutzung der Abtei im Zwist liegt. Die Erhaltung der Klostergebäude kostet jährlich 150.000 Euro, denen keine entsprechenden Einnahmen gegenüberstehen.
Wir essen ein Eis vom Klostershop und beziehen unser einfaches, aber zweckmäßig mit Schreibtisch eingerichtetes Zimmer inkl. Dusche und Bad und sputen uns mit der Körperpflege, da wir nur 30 Minuten Zeit haben, bis pünktlich um 18 Uhr das Abendbrot beginnt. Auch hier schmecken die einfachen Speisen ganz hervorragend, es gibt Kartoffel- und Krautsalat sowie sehr leckeres frisches Graubrot mit bissfester Krume aus der Klosterbäckerei. Wir lernen kurz den sympathisch-offenen Bruder Stephan kennen und gucken uns anschließend noch auf dem weiträumigen Anwesen um. Dabei treffen wir die junge Wanderin wieder, die im direkt hinter der Klostermauer liegenden Gasthaus untergekommen ist. Wir reden übers Wandern, sie macht ihre erste Tour alleine, um reinzuschnuppern, ist in Daun gestartet und geht auch bis Trier.
Draußen vor der Klostergaststätte wird noch bis in die Dunkelheit gequatscht, während wir bei offenen Fenstern kurz vor zehn in unseren wohlverdienten Schlaf wegdämmern.


Um die Maare rum
Perfektes Regentiming
Schmaler Höhenpfad
Auf der Terrasse unseres Hotels nehmen wir unter einer Linde bei sich langsam zuziehendem Himmel das bis jetzt opulenteste Frühstück der Wanderung ein.
Wir kommen erst relativ spät kurz vor zehn los, meine Füße sind schon fast auf Entzug und freuen sich, als wir endlich loswandern. Auf dem Weg erhaschen wir bald einen Blick zurück auf die Frühstücksterrasse.

Die Leute grüßen hier alle normal mit „Morgen“, selbst der junge Mann südasiatischer Herkunft mit seinem Blumenstrauß, ich bin noch im Berliner „Hallo“ – Modus.
Im Süden von Daun liegt der Kurpark mit vielen geschwungenen Liegebänken, für die es uns jedoch noch etwas früh erscheint. Es ist gegen Mittag Regen angesagt und wir hoffen dem zu entgehen, was uns auch relativ gut gelingt.


Wir kommen zum ersten Vulkansee unserer Wanderung, dem Gemündener Maar. Hier geht es bald zwischen den Bäumen aufwärts zum Dronketurm, von dem man eine phantastische Aussicht auf Daun und das Gemündener Maar hinter uns hat. Wir sind hier nicht die Einzigen, es sind jede Menge Tageswanderer unterwegs. Nahebei grasen einige Schafe, die sich an den Bäumen eng zusammenstellen.


Wir setzen den Weg fort und gehen fast komplett um das Weinfelder Maar herum. Inzwischen fängt es an, etwas zu tröpfeln, ich ziehe die Regenklamotten an, was wie so oft dazu führt, dass ich statt durch das bisschen kühlen, erfrischenden Regen durch meinen eigenen klebrigen Schweiß von innen nass werde. Den Teufel mit dem Beelzebub ausgetrieben…
In Schalkenmehren machen wir rechtzeitig, bevor es richtig zu regnen beginnt in einem Gasthaus draußen unter einer Markise gegen 12 Mittagspause. Neben uns eine Gruppe von mittelalten Holländern mit drei kleinen Hunden.
Es kommt jetzt bald die Sonne raus und wir setzen unseren Weg fort in Richtung Lieser. In den Wiesen um uns herum zirpen die Grillen, als gäbe es kein Morgen.

Es geht nun einige Kilometer meist bergab bis wir schließlich zu dem Teich eines Angelvereins kommen, wo wir eine Mutter und Tochter mit Rucksäcken, die wir schon vorher am Dronketurm getroffen hatten, in der Sonne – ich denke noch „wie kann man nur?“ – rasten sehen, wahrscheinlich um zu trocknen. Der nächste Regenguss steht kurz bevor. Wir steigen ins Tal der Lieser hinab, wo zwar die Udersdörfer Mühle final geschlossen ist (Führer veraltet), dafür aber wenige hundert Meter weiter die Pension Haus Liesertal (als Einkehr nicht im Führer) Getränke und Snacks in einem Häuschen anbietet, wo man sich selbst bedienen kann und Geld in einen auf dem Tisch befestigten Briefkasten einwerfen kann. Eine hochwillkommene Überraschung. Jetzt fängt es richtig an, zu schütten und wir sitzen im Trockenen.
Nach dem Guss gehen wir den hochgelobten Lieserpfad an dem gleichnamigen Bach entlang Richtung Manderscheid. Anfangs an Weiden vorbei. Hier grasen die dunklen Büffel, die für den Mozzarella zuständig sind. Die Luftfeuchtigkeit ist hoch. Ich werde zunehmend von sehr anhänglichen Bremsen geplagt, die mich in die Arme bzw. Waden stechen. Bis ich dann später die biologische Variante des Anti-Brumm-Sprays zu Hilfe nehme. Dann ist Ruhe. Außerdem fällt mir ein anderer leicht nerviger Genosse auch auf dieser Wanderung auf. Der einzige Vogel, den man hier tagsüber außer gelegentlichen hohen Greifvögelschreien hört, ist der Gartenrotschwanz mit seinem an Einfallslosigkeit nicht zu überbietenden monotonen Gepfeife.
Wir sind insbesondere in der ersten Hälfte nicht sehr beeindruckt vom heutigen Teil des Lieserpfads, es gibt einige breite Wirtschaftswege, dann zum Teil grob geschotterte Strecken, die nicht schön zu gehen sind für die strapazierten Füße. Es gibt allerdings auch Wurzelwege und die letzten Kilometer vor Manderscheid wird der Weg zu einem Höhenpfad, links tief unten die Lieserschlucht, rechts die Felswand.

Es kommt noch ein kurzer Regenguss, den ich voll mitkriege, der mir aber nichts anhaben kann, da bald wieder die Sonne scheint und ich schnell trockne.
Wir sind mal wieder in unserem Trott, da steht rechts unterhalb des Weges mit Blick auf eine Wiese eine Wohlfühlbank. Wir chillen kurz, ich vergewissere mich, dass unser Zimmer bis 19 h reserviert ist und es geht weiter. Das Schönste am Wandern ist das Innehalten, sind die Pausen.

In der Ferne sieht man schon die Oberburg von Manderscheid, die von den Erzbischöfen von Trier gebaut wurde, während die dahinter liegende Unterburg auf der anderen Bachseite luxemburgisch war.
Wir durchqueren den 1300 Seelenort, wo gerade die Lichter auszugehen scheinen – wir passieren nur Restaurants, die geschlossen sind – und kommen an der Jugendherberge an, wo das Internet gerade nicht geht – die Telekom weiß schon Bescheid – und uns ein klassisches JH-Mahl erwartet mit lauwarmem Essen. Das Zimmer mit zwei Etagenbetten plus Matratze unter einem Bett strahlt den Charme einer Bundeswehrstube in den frühen Achtzigern aus. Man kann nicht jeden Tag wie ein Fürst residieren…


Morgendlicher Flow
Gut besuchter Wasserfall
Der Durst wandert mit
Nach dem gemütlichen Frühstück mit Ingwershot, Zitronenkuchen sowie Joghurt mit Nektarine und grünem Tee in der Küche schließen wir zwanzig vor neun die Tür unserer Ferienwohnung. Glücklicherweise ist unsere Landlady schon zurück von der Versorgung der Tiere, so dass wir die vergessenen Stöcke wiederbekommen.
Unter der Unterführung der Landesstraße liegt eine totgefahrene Elster, immer wieder Tierkadaver auf den Straßen, viel zu viele.
Wir gehen einen Grasweg hoch und werden bald mit einem schönen Blick zurück auf die neuromantische Erlöserkirche in Mirbach, die vom Kammerherrn von Wilhelm II. 1902 errichtet wurde, belohnt.

Heute bewegen wir uns zunehmend in der offenen Landschaft, der Wald wird im Laufe des Tages dünner und weicht Wildwiesen mit Raps, Borretsch, Ackerrettich, Büschelschön, Sonnenblumen etc. sowie Getreidefeldern. Das ist heute, wo mit 29 Grad der bisher heißeste Tag der Wanderung ist, für unsere Körper eine besondere Herausforderung. Nachdem man etwas getrunken hat, trocknet der Mundraum schon nach kurzer Zeit wieder aus, insbesondere, wenn man, wie ich oft mit offenem Mund geht. Wir nehmen heute jeweils gut vier Liter Flüssigkeit zu uns und selbst das ist eigentlich zu wenig, weil ich z. B. den ganzen Tag kaum Wasser lasse.

Die Wiesen werden gerade mit den Traktoren mit dem entsprechenden Anhänger gemäht und dann wird mit einer anderen angehängten Maschine das Heu aufgesammelt und zu Heuballen komprimiert. Dafür sollte es nicht zu feucht sein, weil es sonst später schimmeln würde. Bei der Sonneneinstrahlung trocknet das gemähte Gras jedoch recht schnell.
Vor dem Steinbruch hinter Nollenbach zweigt der Weg nach links ab. In der Ferne sieht man das Zementwerk von Üxheim.
Heute Vormittag, wo es noch nicht so heiß ist und der Wald uns größtenteils noch schützt, kommen wir sehr gut voran, wir brauchen für die rund 12 km bis zum Wasserfall – knapp die Hälfte der Tagesetappe von 26 km – etwa drei Stunden, wir sind in einem Flow, es fühlt sich so an wie ein anstrengungsloses Gleiten.
Vor dem Wasserfall überqueren wir noch auf einer Fußgängerbrücke die alte Bahnstrecke Jünkerath – Adenau, die 1973 stillgelegt wurde und heute als Radweg genutzt wird. Bisher haben wir nur wenige Menschenseelen getroffen heute. Das ändert sich am Dreimühlen-Wasserfall, wo Menschenmassen das Naturschauspiel bestaunen, fotografieren und sich vereinzelt sogar von den Fällen berieseln lassen. Der Anteil holländisch- bzw. flämischsprachiger Touristen ist sehr hoch. Das stark mineralhaltige Wasser sorgt dafür, dass Kalk abgelagert wird, so dass das Felsgebilde um 10 cm pro Jahr wächst.
Wir pausieren hier im Schatten, welche Wohltat, die Schuhe und Socken für ein paar Minuten auszuziehen, eine weitere kleine Freude des Weges.

Unsere richtige Mittagspause machen wir im nächsten Ort in Niederehe. Der Gastwirt erzählt uns, dass er seit Corona nicht mehr genug Personal hat, um einen Mittagstisch anzubieten. Ein weitverbreites Problem auf dem Eifelsteig. Auf der schattigen Holzveranda bekommen wir dann aber doch noch Käsekuchen, Kartoffelsuppe und Getränke, was uns zum Kräftetanken völlig ausreicht.

Weiter geht es hinauf zum Grabstein von Franz von Wille, dem 1941 gestorbenen Eifelmaler. Die Burg von Kerpen ist noch eine Baustelle, sieht von außen jedoch schon wieder aus wie geleckt.


Die Landschaft hat hier wirklich schon einen lieblichen, mediterranen Touch, von Wille hat die Gelb- und Grünschattierungen in seinen realistischen Bildern sehr gut zum Ausdruck gebracht.

Plötzlich kommt uns ein Wanderer entgegen mit einem großen Regenschirm in der Hand, den er zum Sonnenschirm umfunktioniert hat. Am Wegesrand eine vergatterte und von uns verdatterte Ziegenherde, die zum Teil braunen Tiere hatte ich aus der Ferne für Rehe gehalten.

Wir erreichen nun Berndorf, wo oberhalb der neuen Kirche eine alte Wehrkirche aus dem 16. Jahrhundert steht. Man kann einen Blick in den relativ einfach gestalteten Innenraum hineinwerfen.

Die letzten Kilometer an Wiesen vorbei ziehen sich wie so oft, aber wir kommen heil in Hillesheim in unserer Unterkunft Zum Amtsrichter an, wo uns ein gutgelaunter holländischer Gastgeber begrüßt und wir bald unsere Zelle beziehen können.

Stopp! Zurück marsch marsch!
Wacholder- und Eifelblick
Wie weit ist das Ziel?
Eine etwas unruhige Nacht. Ich wache um drei auf und um halb vier höre ich in der Ferne den ersten Hahnenschrei, penne aber irgendwann wieder ein bis 5h15 und tippe den Tagebucheintrag des Vortags ins Handy.
Wir gehen nach dem Frühstück direkt zur Ahrquelle, die sich mitten im Ort in einem Fachwerkhaus befindet. Am Morgen gegen neun sind wir die einzigen hier. Über uns thront die Burg, in der heute die Jugendherberge untergebracht ist.



Wir erfahren an der Touristeninfo, dass der nächste Supermarkt über 2 km entfernt ist und zwar in der falschen Richtung! Wir müssen aber etwas zu essen kaufen, weil wir abends in einer Ferienwohnung in Mirbach übernachten werden, wo es keinen Laden und auch sonst nichts gibt. Bei herunterbrennender Sonne schleppen wir uns an der Ausfallstraße den Berg hoch bis zum Gewerbegebiet. Wir waren gestern ganz in der Nähe angekommen, wussten jedoch nicht, dass nur hier Supermärkte sind. Zur Infrastruktur gibt es immer nur veraltete und unvollständige Infos in den Führern, man könnte ja auch mal die Wohlfühlbänke in die Karten aufnehmen etc. Ich glaube, ich muss irgendwann mal den definitiven Eifelsteigführer – ähnlich wie Miam Miam Dodo für den Camino – schreiben, wenn ich genug Zeit habe. Wobei, das wäre wahrscheinlich ein tolles Community-Projekt à la Wikipedia, weil die Infos dann immer aktuell wären.
Auf dem Rückweg nehmen wir uns Zeit für die Brunnenstube „Alte Quelle“, die die Burg über den Tiergartentunnel durch den Berg mit Wasser versorgte.

Beim Verlasssn des Ortes ergattern wir vom Hotel Schlossblick noch eine Aussicht auf Burg und Schloss zusammen.

Die heutige Etappe ist mit knapp 18 km eigentlich eher etwas für Genießer, aber der Umweg führt dazu, dass wir von Anfang an geschlaucht sind. Bei den hohen Temperaturen um die 25 Grad und den vielen offenen Passagen auf Graswegen etc. ist unser Flüssigkeitsbedarf enorm. Der Liter Ayran, den wir hinterm Supermarkt getrunken haben, ist schnell wieder ausgeschwitzt. Eine der kleinen, aber glücksbringenden Freuden auf dem Weg ist das Aufkommen des Windes insbes. kurz vor Bergkuppen, so dass das nassgeschwitzte Hemd trocknet und den Körper kühlt. Wir haben unsere eigene Klimaanlage immer dabei.
Plötzlich auf dem Weg ein kleines Vogelnest, das aus einem Baum gefallen ist. Hoffentlich konnten die Bewohner rechtzeitig das Weite suchen.

Wir nähern uns nun Ripsdorf, das etwa auf halber Strecke liegt. Man sieht, dass die Brücken hier alle rundumerneuert worden sind nach der Flutkatastrophe vor drei Jahren. Es gibt also auch Projekte in Deutschland, die klappen.

In Ripsdorf möchten wir eigentlich etwas essen. Hier findet gerade eine Hochzeit statt, so dass unsere Essbestellung vergessen wird, was aber nicht schlimm ist, weil wir bei der Hitze eigentlich gar keinen Hunger haben. Das alkoholfreie Weißbier, das köstliche kühl perlende Mineralwasser und der Salatteller vom Buffet sind völlig ausreichend.
Am Nebentisch sitzen Einheimische, die Eifeldialekt sprechen. Er scheint mir sehr dem Letzeburgischen zu ähneln, ich verstehe nur Brocken. Diese Gruppe werden wir später hinter Alendorf auf einem vom Trecker gezogenen Hänger wiedersehen.
Es gibt hier übrigens einen Hofladen, der auch nicht im Führer steht und von dem der junge Mann in der Touristinfo auch nichts wusste. Da hätten wir auch die Ingredienzen für unser Abendessen kaufen können.
Alendorf, das eine Stunde weiter auf unserem Weg liegt, wird vom Eifelsteig nur berührt. Hier gibt es laut Führer die drittgrößte Wacholderfläche Deutschlands, ich vermute mal, die Größte ist in der Lüneburger Heide im Totengrund nahe des Wilseder Berges, wo wir ja letztes Jahr auf dem Heidschnuckenweg waren. Der Grund, wieso es hier so viel Wacholder gibt, ist einfach. Früher gab es hier viele Schafe, die die Wiesen komplett abgeweidet haben. Nur die dornigen Wacholderbüsche ließen sie stehen, daher werden ja auch Ziegen in der Lüneburger Heide gehalten, deren pelzige Zungen auch vor Wacholderstacheln nicht zurückschrecken.

Der Steig folgt hier dem Kreuzweg auf einem Wiesenweg den Kalvarienberg hinauf. Oben eine Wohlfühlbank – leider in der Sonne – mit einem phantastischen Blick nach Osten bis zur Hohen Acht (27 km) und der Nürburg weiter rechts.

Von hier ist es noch ein gutes Stündchen zu unserem Etappenziel Mirbach. Das übrigens auf so gut wie keinem Wegweiser steht. Der Grund liegt auf der Hand. Deutsche Kleinstaaterei. Mirbach liegt in Rheinland-Pfalz, bis jetzt verlief der Eifelsteig in NRW. Ich habe jetzt das Gefühl, dass wir eine Klimagrenze überschritten haben. Plötzlich gibt es Kiefern, die Landschaft scheint mediterraner, wir kommen nun langsam in die Südeifel.
Gegen sechs erreichen wir völlig erschöpft unsere komfortable Ferienwohnung in Mirbach. Hier kochen wir uns Nudeln mit Tomatensauce und Parmesan, essen Cherrytomaten und Kaminwurzen dazu und genehmigen uns dazu zwei Gläschen Rosé auf unserem Balkon. Den Verkehr auf der nahegelegenen Landesstraße blenden wir aus. Ein weiterer rundum gelungener Wandertag klingt bei einer Kanne Waldfrüchtetee aus.
Die Ferse rollt ab
Die Zehen stoßen sich ab
Die Sohle setzt auf
Eine weitere erholsame Nacht. Zum Frühstück u. a. eingemachte Kirschen und Pflaumen mit Joghurt und Quark sowie Honig von dem Klosterbienenvolk. Es fällt auf, dass das Frühstück im Vergleich zur Abendvesper deutlich entzerrt ist. Um halb acht morgens sind erst eine Handvoll Gäste da, während wir abends um halb sieben Schlange stehen mussten und natürlich auch ein ganz anderer Geräuschpegel herrschte.


Mein Mikrobiom hat nach dreitägigem Streik seine Arbeit wieder aufgenommen. Ein phantastischer Start in den Tag.
Das Wetter sommerlich trocken mit an die 25 Grad, sehr angenehm zum Wandern. Wir steigen gegen 9 auf teilweise immer noch leicht matschigen Wegen hinauf zum Königsberg, von wo wir eine sehr schöne Aussicht zurück auf den Klosterkomplex haben.

Der heutige Wandertag ist trotz der rund 24 km ziemlich entspannt, es gibt keine nennenswerten Anstiege – trotzdem 500 m Höhenunterschied insgesamt – und wir bewegen uns viel durch von Blumen und Gräsern übersäte Wiesen. Man sieht z. B. Malve, Flockenblume, Schafgarbe und Johanniskraut. Bald schon kommen wir an einer Liegebank vorbei, die wir nicht links liegen lassen können.

Wir erreichen das Eichtertal, wo die römische Via Agrippa nach Köln verlief. Man kann noch Fahrspuren im Fels entdecken. Etwas später kommen wir zur Brunnenstube Grüner Pütz. Von hier hatten die Römer eine Wasserleitung nach Köln gebaut, die bei nur 300 m Höhendifferenz ca. 95 km lang war. Ein architektonisches Meisterwerk, das als Äquadukt über Täler verlief und sogar die Wasserscheide zwischen Maas und Rhein überwand. Sie war mit Erdreich bedeckt, so dass sie im Winter nicht zufror.

Unser Weg ist heute zu einem Teil ein schmaler Wiesenpfad, ich muss sagen, dass ich von der Naturnähe und dem Abwechslungsreichtum des Eifelsteigs zunehmend begeistert bin. Der einzige Weg mit so wenig Asphalt und so viel Natur, den wir bisher gegangen sind, ist der wunderschöne, gewundene Stevensonweg in den Cevennen, den der Schriftsteller mit einer Eselin ging. Lustigerweise sind wir damals – ich glaube es war Juli 2011 – dort auf mehreren Etappen sehr nass geworden, obwohl es in Südfrankreich im Sommer normalerweise nur wenig regnet.

Wir kommen nun nach Ettersheim, wo wir uns beim Bäcker mit Salamibrötchen und Eiskaffee stärken. Die tätowierte, nicht mehr ganz so junge, sympathische Bäckersfrau ist sehr handfest und direkt.
Im Ort gehen wir kurz in das Naturzentrum Eifel, dessen Mitarbeiter gerade in einem Nebenraum zu Mittag essen. Wir sehen dort einen Eifelsteigführer von Freytag & Berndt, der mir übersichtlicher und interessanter geschrieben erscheint als unser Rotherführer, aber wir können natürlich unmöglich zwei Führer mit uns rumschleppen. Unterwegs, als es dann zu spät ist, kommt mir die simple Lösung. Wir könnten den alten Führer ja in einem Bücherschrank lassen…
Auch hier wieder ein Kalkbrennofen, man konnte den fertig gebrannten Kalk unten rauskratzen.

Es fällt mir in den Wiesen vor allem ein kleiner rot gepunkteter Schmetterling auf. Es scheint ein Rotwidderchen zu sein, wieder was gelernt.

Wir nähern uns nun unserem Etappenziel Blankenheim. Es geht noch eine Weile im Zickzack auf schnurgeraden befestigten Wegen durch den Wald bevor wir die vielbefahrene B258 überqueren. Nun verpassen wir im Wald eine Abzweigung und landen auf einem von einem schweren Fahrzeug tief zerfurchten Weg, der plötzlich verschwindet. Wir schlagen uns 100 m durch das Walddickicht und treffen auf dem Weg auf vier junge Wanderer – zwei Pärchen – die wir schon gestern vorm Kloster getroffen hatten und die heute erst um halb elf los sind und uns eingeholt haben. Sie übernachten in der Burg, heute eine Jugendherberge. Wir verzetteln uns noch etwas auf dem Weg zu unserem Hotel unweit eines größeren Teiches – das GPS meines Handies will nicht mehr so richtig – und kommen kurz nach fünf dort an.
Auf der großzügigen Terrasse finden wir ein schattiges Plätzchen in der Mitte, essen sehr schmackhafte Pfifferlinge, um uns herum eine Gruppe von Motorradfahrern. Es schallt hier bis 22 Uhr die Country- und Schlager- sowie Karnevalsmusik (im Hochsommer, die spinnen in der Eifel) einer Liveband hoch. Landrat und Bürgermeisterin sind auch da, es wird u. a. ein älteres Semester aus dem Karnevalsverein geehrt. Es ist eine Wohltat, als der Zinnober vorüber ist und wir in den Schlummer sinken können.
Beine federleicht
Füße gehen von allein
Auf dem Weg zuhaus
In der Jugendherberge morgens beim Frühstück um halb acht anfangs fast nur Familien mit kleinen Kindern. Der eine ca. zweijährige Junge, der gerade laufen kann, läuft dauernd hin und her und zeigt auf alles Mögliche, am Ende auch auf den Platz, wo die Familie sitzt. Das Essen ist ok, jedoch leider ohne Ei.
Wir lassen den Tag heute eher ruhig angehen, die Etappe ist mit knapp 19 km übersichtlich und wir haben Zeit. Allerdings zieht sie sich am Ende doch und ich stelle mir so langsam die Frage, ob mein einbandagiertes linkes Knie durchhalten wird. Der Meniskus zwickt insbesondere nachts und der zum Teil doch recht anspruchsvolle Weg verlangt ihm einiges ab. Gut, dass ich es zumindest geschafft habe, den zweiten Wanderstock auszuziehen, die Abstiege sind damit erträglicher.

In der Touristinfo, die schon um 9 auf hat, gibt es wenig bis keine Auskunft zu Einkehrmöglichkeiten, es gibt schlicht keine wie sich später herausstellt, der Kiosk in Golbach ist nur am Wochenende geöffnet.
Gemünd war offensichtlich stark betroffen von der Flut vor drei Jahren. Wenn man sich die ruhig dahinfließende Urft ansieht, kann man es kaum glauben. Gemünd liegt an der Mündung der Olef in die Urft.

Hinter dem Ort geht es gleich auf einem sanft ansteigenden Pfad in den Wald. Mitten im Wald dann ein Mülleimer, keine schlechte Idee, allerdings wäre er m. E. sinnvoller neben einer Bank, wo es ja in den meisten Fällen keinen gibt.

Wir steigen hinauf zur Kuckucksley, von der man einen schönen Blick auf den Ort Olef im bewaldeten Tal hat. Ich lese etwas vor zu Norbert Scheuer, dem lokalen Schriftsteller aus Kall, dem wir uns bis auf 2 km nähern. Die Frau von der Info hatte gesagt, es gäbe dort nichts zu sehen. Es gibt wohl einen Bahnhof, wie wir später erfahren. Die Eskapade, die an der Straße lang gegangen wäre, sparen wir uns.

Der Eifelsteig trägt seinen Namen zu Recht; der Weg ist oft schmal, steil und steinig bzw. felsig.

in Olef machen wir Mittagsrast. Ich setze mich auf den verrückten Stuhl, bei dem es sich um eine optische Täuschung handelt. Aus dem Blickwinkel werden zwei voneinander versetzte Elemente kombiniert. Im Ortskern nichts los außer den herumkurvenden Lieferwagen von DHL, Hermes etc. Traurige neue Welt.

Es geht bald wieder aufwärts und wir kommen in den Wald. Hier wurde früher Erzbergbau in den sogenannten Pingen (Gruben) betrieben. Die Schächte hatten keinen rechteckigen sondern einen runden Querschnitt. Das war ein Nebenerwerb, da die Landwirtschaft auf den kargen Eifelböden nicht viel abwarf.

Mitten im Wald eine geschwungene Wohlfühlbank, der wir uns nicht entziehen können. Besser relaxen kann man die geschundenen Beine und Füße nicht. Wir machen die Bank frei für zwei ältere Wanderer, die uns entgegen kommen. Sie gehen den Eifelsteig in mehreren Tranchen von Trier nach Aachen. Sie haben im Kloster Steinfeld übernachtet. Der eine ist weitgewandert und schwärmt uns u. a. vom Malerweg im Elbsandsteingebirge vor. Wir verquatschen uns etwas, bevor sie auf der Bank entspannen können.
In Golbach ist der Kiosk wie gesagt geschlossen. Auch hier immer wieder schöne Fachwerkhäuser. Generell sind die meisten Häuser am Wegrand gut in Schuss.

Wir sind nun nicht mehr weit von unserem Ziel entfernt. Auf dem Weg ein totes Wiesel. Wie es wohl umgekommen ist? Vom Fuchs geschlagen? Von einem Raubvogel gerissen? Herzinfarkt? Stoff für einen Eifelkrimi.

Eine Rundbank im Schatten lächelt uns in Steinfelderheistert zu. Wer könnte da widerstehen?

Es geht jetzt noch in ein Bachtal und anschließend auf einem matschigen Pfad durch ein Wäldchen und wir erreichen die Mauer vom Kloster Steinfeld.

Dort herrscht reges Treiben im Café. Catherine kauft im Klostershop Paul Auster’s Vermächtnis Baumgartner, nachdem der Eifelkrimi fast ausgelesen ist. Endlich mal ein Buch, das wir beide lesen können (ich meine den Auster). Wir bewegen uns in Richtung Gästehaus mit sage und schreibe 130 Zimmern, von denen wir eins ergattert haben.
Ab 18h ist Vesperzeit im Refektorium am Kreuzgang. An dem Buffet gibt es diverse vegane Salate – viel mit Kichererbsen – sowie eine Frikadelle mit Kartoffeln. Insbesondere das Klosterbier schmeckt ganz hervorragend. Die anderen Gäste sind meist Seminar- bzw. Schulungsteilnehmer. Es wird hier auch viel meditiert. Uns bekannte Eifelsteigwanderer sehen wir nicht.
Ich falle wieder um halb 10 ins Bett. Die einschläfernde Wirkung der zwei Biere ist phänomenal.
Suppe am Staudamm
Kreuz hebt Arme zum Himmel
Nazikaderburg
Endlich mal eine erholsame Nacht mit gut sechs Stunden Schlaf, der Körper holt sich, was er braucht. Das Frühstück wird uns serviert, es ist alles dabei, was das Herz begehrt, allerdings sind die Brötchen abgezählt, was uns nicht stört. Ob das der Dutch way of life ist?
Draußen schönster Sonnenschein, die Luft frisch, gereinigt vom Regen am Abend und über Nacht. Die Etappe geht gut los, auch die Beine haben sich – oh tägliches Fernwanderwunder – vollständig regeneriert, der Körper ist geradezu scharf auf mehr Kilometer.

Wir steigen auf einem schmalen, befestigten, steilen Weg aus dem Ort heraus. Nach wenigen Metern lädt uns schon ein Schild zum Verweilen ein. Eine Privatinitiative hat in 500 stündiger Arbeit einen Rastplatz für Wanderer mit Mauer, Bullauge, Spiegel, Sitzen, Tisch, Geländer, Kreuz, Bank etc. geschaffen. Eine der kleinen Freuden am Wegesrand, ich bin sehr gerührt. Man sollte den Glauben an die Menschheit nicht zu früh verlieren.

Es geht so ähnlich weiter, wir bekommen als Lohn der Aufstiegsmühen eine schöne Sicht auf den tiefblauen Obersee geschenkt und stoßen auf eine geschwungene Wohlfühlbank, auf der man auch mit Rucksack herrlich chillen kann und über die Wiese runter zum Uferweg sehen kann, wo schon so einige Leute zu Fuß unterwegs sind.

Gegen elf kommen wir an der Staumauer der Urfttalsperre an. Erst geht es noch einen steinigen, engen Weg steil hinauf, dann stehen wir auf dem zu seiner Entstehungszeit Anfang des 20. Jahrhunderts größten Bauwerk Europas (wie das wohl gemessen wird?). Hier wird das kleine Flüsschen Urft – wohl eher ein Bach – aufgestaut. Die Energie wird bei Stromspitzen angezapft, der Obersee unten auch für die Trinkwasserversorgung genutzt. Hier liegt auf der anderen Seite des Staudamms ein Ausflugslokal, das gerade geöffnet hat und wo wir uns eine Schale reichhaltige Linsensuppe mit Bockwurst leisten. So viele geöffnete Einkehrmöglichkeiten gibt es laut Führer und Internetrecherche nicht auf dem Weg, wobei wir später noch überrascht werden.

Es geht nun über die Ginsterheide nach Wollseifen, einem nach dem 2. Weltkrieg von britischen Streitkräften geräumten und zerstörten Ort, von dem außer der Kirche und den Fassadenhäusern, die zur Übung des Häuserkampfes auf dem späteren Truppenübungsplatz (s. u.) genutzt wurden, so gut wie nichts mehr steht. Die Wollseifener wurden umgesiedelt und bekamen den Flüchtlingsstatus.




Wir kriegen nun nach dem Abstieg in ein Bachtal und dem anschließenden Aufstieg zur Nazi-Ordensburg Vogelsang die ersten Tropfen ab, ich stelle mich kurz in einem Türrahmen unter. Es handelt sich um eine gigantische, typische Nazianlage, die auf einem Hügel liegt und von weit sichtbar ist. Nach den Parteitagsbauten in Nürnberg gilt sie mit 50.000 qm Bruttogeschossfläche als das zweitgrößte erhaltene Beispiel der Naziarchitektur. Sie wird heute zu Bildungszwecken genutzt, es gibt Führungen, ein Besucherzentrum mit einer Dauerausstellung „Bestimmung: Herrenmensch“ sowie einer weiteren zum Nationalpark Eifel, in dem wir uns befinden, Gästehäuser, einen Sportplatz, ein Café, wo wir Capuccino und Käsekuchen genießen etc. Kurz nach der Machtergreifung am 30.1.1933 hatte Hitler das „Problem“, dass es einen sehr großen Mitgliederzustrom in die Partei gab. Er ging davon aus, dass die meisten dieser Neuankömmlinge unzuverlässige Opportunisten waren. Hier in Vogelsang wurden die Nazifunktionäre geschult, die sich der Aufgabe widmeten, die nötige „Überzeugungsarbeit“ zu leisten, um zu verhindern, dass die Naziideologie verwässert wurde durch die Nachzügler.
In der Zeit des Kalten Krieges war Vogelsang eine belgische Kaserne. Für diesen Westabschnitt des NATO-Gebiets BRD war Belgien zuständig. Große Teile unserer heutigen Etappe durchqueren den ehemaligen Truppenübungsplatz, der heute zum Nationalpark umgewidmet ist.

Der Eifelsteig verläuft zum Teil um Vogelsang herum, wir kommen noch an einem Tor und zwei langgezogenen Gebäuden mit großen Reiterreliefs vorbei. Jetzt beginnt es zu schütten und wir finden eine hölzerne Mülleimergarage, wo wir uns dem Nasswerden entziehen können. Glück gehabt!

Ein weiterer Abstieg führt uns über Holzplanken, die das Ausrutschen verhindern, hinab. Bald kommen wir zu einem Aussichtspunkt, von dem wir in der Ferne unser Ziel sehen können.

Am Modenhübel haben wir einen Eifelrundumblick, direkt vor uns Morsbach, das wir nur touchieren. Wir sind hier auf der Hochfläche ganz alleine, einige Vögel, u. a. ein Greifvogel, wahrscheinlich ein roter Milan, fliegen in weiter Entfernung auf. Wir kommen raus an einer Reitsportanlage mit Hindernissen und erhaschen einen Blick auf das rege Treiben der Bienen.

Unsere Unterkunft, die Jugendherberge, liegt am Ortseingang und bietet uns ein komfortables Zimmer mit getrenntem Bad und Klo. Abends nach dem nächsten Regenguss gehen wir an dem gut ausgelasteten Wohnmobilhafen vorbei in den Ort und essen Salat mit Ayran beim Türken.
Draußen hinter der Jugendherberge spielen die kleinen Kinder lautstark ohne Aufsicht bis zum Einbruch der Dunkelheit nach 22 Uhr. The times they have a changed...
Knistern im Gebüsch
Zaubertrank wird aufgekocht
Genug für alle
[Jon Hassell – Passage D. E.]
Gelbes Oval: Maar
Grüner Hintergrund: Bäume
Gelber Schlenker: Weg

Rückblick auf Monschau
Gewonnen und zerronnen
Gewandert werden
Ein Wandertag, der alles von uns abfordert: Die Etappe ist zwar angeblich nur 24,4 km lang – Catherine misst gut 27 km mit der Schrittzählerapp – aber es geht dauernd Auf und Ab – 785 Höhenmeter sind zu bewältigen, es wird heute bis 25 Grad warm und zuletzt haben sich meine Darmbakterien gegen mich verschworen, wahrscheinlich lag es am Saladdressing gestern (oder am Senfschnitzel bzw. den Kölschs).
Da das Frühstück mit 8 Uhr erst spät losgeht und wir uns zu viert Zeit lassen, sind wir nach der Verabschiedung von meinen Eltern, die zurück nach Moers fahren, erst um 9h15 auf der Rolle. Ein junges Wanderpaar überholt uns bereits beim ersten, steilen Aufstieg raus aus Monschau, der mit einem schönen Blick zurück auf die Stadt belohnt wird.

Es geht jetzt allerdings sofort wieder runter, höhenmäßig werden wir heute sogar 140 Meter verlieren, weil es ja in Fließrichtung der Rur geht bis zum Stausee. Und gleich wieder hoch, heute wird unsere Fitness auf Herz und Nieren getestet. Am Wegesrand ein Rinnsal, das die Natursteinmauer hinunterrieselt.

Es geht am Perlenbach lang bis zur Trinkwassertalsperre. Fünf zum Teil junge Männer decken das Dach eines großen Hauses ab und werfen sich die Dachschindeln gegenseitig zu, der eine ruft im weichen Eifelakzent rüber zu uns: „Wollter helfen?“, worauf ich auf später vertröste.
Die meisten Ausblicke, die wir jetzt noch erhaschen, sind Blicke auf das Blätter- bzw. Nadeldach von oben, den Bach unten kann man nur erahnen. Es ist auffallend, dass es hier im Vergleich zum Harz deutlich weniger tote Fichten gibt. Die Eifel scheint die Dürre der letzten Jahre besser weggesteckt zu haben, auch Sturmschäden sehen wir nicht.

Wir kommen nun nach Höfen, dass sich zum einen durch die gepflegten Buchenhecken auszeichnet, wo „Durchwachser“ alle paar Jahre entfernt und als Brennholz genutzt werden. Sodann gibt es hier viele hellbraune Milchkühe, die sich dem Abweiden der Wiesen widmen und auch vor Dornen nicht zurückschrecken.

Wir machen auf einer Bank in der Sonne im Kluckbachtal Mittagsrast. Es kommt eine vierköpfige holländischsprachige Familie vorbei. Auch auffällig, dass man auf dem Eifelsteig nie lange allein ist, der Weg ist viel begangen.
An der Mündung des Kluckbachs in die Rur ist ein schöner, idyllischer gut genutzter Badeplatz. Wir hätten bestimmt auch an der Rur entlangwandern können, dann wären wir viel schneller gewesen, hätten aber weniger für unseren Körper getan.

Jetzt geht es sofort steil hinauf zum Eifelblick Perdsley, gut, dass es hier ein Holzgeländer gibt, an dem man sich hochziehen kann. Der Blick zeigt wiederum das Walddach und ist enttäuschend. Dafür geht es bald wieder hinunter zur Rur, wo uns ein Schild „3 km Monschau“ verblüfft, wir sind seit über 5 Stunden unterwegs.
Wir überqueren die Rur auf einer Brücke und gehen auf der anderen Seite gleich wieder bergauf, dieses Mal allerdings stetig und lang andauernd. Hier kommen mir Zweifel, ob wir es bis zur Eincheckdeadline 18h in die Unterkunft schaffen werden, der holländische Gastgeber kann mich am Telefon jedoch beruhigen. Wir kürzen nun ein paar Meter ab, indem wir einen im Streichen verlaufenden Wald- und Wiesenweg nehmen statt noch einmal hoch- und runterzusteigen. Wir stoßen kurz vor Hammer wieder auf den Eifelsteig und gehen hinunter zum Campingplatz und bekommen in der Nähe eine große Rhabarberschorle mit Wassermelone und Johannisbeeren drin, die unsere Lebensgeister weckt. Der Gastwirt muntert uns auf und meint, dass wir den Rest auch noch schaffen würden, es ginge kaum noch bergauf. Er wird Recht behalten, auch wenn die letzten 8 km wiederum nicht ganz direkt sind, so kratzen wir unsere letzten Körner zusammen und schaffen die Strecke in etwas über 2 Stunden. Wir geben uns jetzt beide dem Wanderrobotersein hin, nur so geht es noch vorwärts. Schöne Blicke aufs Rurtal und die Orte belohnen unsere Anstrengung.


In Einrur ist unsere Pension eines der ersten Gebäude und unser Gastgeber beglückwunscht uns, dass wir es fast noch bis um 18h geschafft haben. Es stehen bereits zweimal zwei Paar Wanderschuhe auf den Schuhmatten vor zwei anderen Zimmern. Dazu gesellen sich dann Unsere und etwas später zwei weitere Paare der Nachbarn direkt nebenan.
Wir gehen am Stausee auf der anderen Straßenseite essen. Die Sonnenschirme werden jetzt zweckentfremdet als Regenschirme, es gießt in Strömen. Anschließend falle ich um halb zehn ins Bett.
Im Belgischen Venn
Auf Holzstegen übers Moor
Familienzeit
Der Tag beginnt mit Glückwunschen, die auf meinem Handy eintrudeln. 61 Jahre und es fühlt sich nicht so an. Kurz nach Verlasssen des Hotels sind wir auf belgischem Gebiet. Hier im Hohen Venn gibt es weder Mobilfunk- noch Internetempfang. Das passt hervorragend zu dem generellen Gefühl auf dem Eifelsteig und eigentlich jedem Fernwanderweg, dass man dort völlig aus der Zeit gefallen ist und auf sich selbst zurückgeworfen.

Auch heute wieder ideales Wanderwetter, mit knapp 20 Grad etwas wärmer als gestern, viel Sonne und trocken, es zahlt sich aus, ein Sonntagskind zu sein.
Auf der heutigen Etappe treffen wir viele Radfahrer, die meist in der entsprechenden Kluft die zum Teil asphaltierten Wege hinunterpesen bzw. sich raufschrauben. Manche auch mit elektrischer Unterstützung. Wir treffen mehrmals ein etwas jüngeres Wanderpaar, es stellt sich heraus, dass sie aus Brüssel kommen und Französisch sprechen. Sie machen 6 Etappen auf dem Eifelsteig, wir werden sie also sicher wiedersehen.

Außerdem sind auch Joggergruppen unterwegs, Waldeinsamkeit gibt es heute für uns nicht.
Wir kommen an den Standorten der Reinartzhöfe vorbei, die 1950 der Wesertalsperre Eupen weichen mussten, die als Trinkwasserquelle genutzt wird. Sie hätten das Wasser zu sehr verschmutzt.
Am Wegesrand grüßen uns wilde Vergissmeinnicht und viele Margheriten. Wir sehen einen braunen Schmetterling auf einer Schutzhütte, ein kleiner Eisvogel?

Auf einem längeren schnurgeraden asphaltierten Stück scheren wir nach links aus auf eine naturnähere Variante wie im Führer empfohlen. Für anderthalb Kilometer geht es über eine Schneise mit mittelhohen, wilden Gräsern.

Dann biegen wir nach rechts ab auf einen schmalen Holzsteg, der uns etwa genau so weit über das Moor des Hohen Venns führt. Es regnet hier viel, der Boden lässt relativ wenig Wasser durch, die Verdunstung ist wegen des kühlen Klimas gering und es gibt wenig Abflüsse. Links und rechts des Stegs sind viele Heidelbeersträucher, die Beeren sind jedoch noch recht säuerlich.

Schließlich kommen wir nach einer erneuten Wende nach rechts über eine Piste wieder auf den Eifelsteig, dem wir nach links folgen.
Der Weg steigt langsam an zum Steling (658 m), dem Dach des heutigen Wandertages. Das nächste Highlight ist ein bestimmt drei Meter langer Quarzitfelsen, zu dem es eine Geschichte gibt. Karl der Große soll hier mit seinem Gefolge auf Jagd gewesen sein und den Weg zum Königshof nicht mehr gefunden haben. Darauf campten sie im Wald und der hünenhafte Karl legte sich auf dem Felsen zur Schlafruhe. Es wurde kühler und sein Diener fragte ihn, ob er ihm eine Mütze reichen solle. Karl sagte auf Platt „Mütze nich!“, woraus der Name des unweiten Ortes entstanden sein soll.

Wenn es um das Gepäck und insbesondere den Proviant auf so einer Wanderung angeht, bin ich ein Freund des Minimierens. Man sollte versuchen, sein inneres Eichhörnchen zu überwinden und das, was man an Nahrung transportiert, am besten am gleichen Tag verbrauchen. Heute gelingt es – wie schon gestern – mit dem Wasser. Die 3 Liter, die ich für uns beide trage, sind in Mützenich rund eine Stunde vor dem Ziel ausgetrunken. Welche diebische Freude, den Rucksack nach der letzten Trinkpause zu schultern, der dann leicht wie eine Feder ist.
Auf einem angenehmen, nicht zu stark abfallenden Weg gehen wir auf Kiefernadeln hinunter nach Monschau, „der Perle der Eifel“, was sich anscheinend rumgesprochen hat. Der kleine Fachwerkort im schluchtartigen Rurtal platzt aus allen Nähten vor Touristen, die hier den sonnigen Sommersonntag genießen wollen.
Hier treffen wir meine Eltern und feiern den Tag draußen auf der Terrasse bei Eiskaffee bzw. Kaffe und Kuchen sowie später in einem urigen, gut besuchten Kneipenrestaurant.

In Aachen hatte es Konflikte zwischen Katholiken und Protestanten gegeben, die zur Ausweisung der Protestanten geführt hatten. In Monschau, damals noch Montjoie, gab es bereits im 17. Jahrhundert aufgrund der dort herrschenden Religionsfreiheit eine evangelische Gemeinde mit aufgrund der ab 1750 florierenden Tuchherstellung wohlhabenden Mitgliedern, die die Finanzierung der Stadtkirche ermöglichten. Auffällig ist hier die Platzierung der Kanzel, wo das Wort Gottes aus der Bibel verkündet wird, direkt hinter dem Altar mit der Bibel im Zentrum.



Gang durch Geschichte
Ohne Brücke übern Bach
Magere Pferde
Die Nacht in unserem Hotel am Lousberg schlafe ich gut durch, der Retsina beim Griechen um die Ecke am Vorabend hat seine einschläfernde Wirkung nicht verfehlt. Das Frühstück fürstlich mit frisch gepresstem Orangensaft, Rührei und Joghurt mit frischem Obst.
Bei idealem Wanderwetter unter 20 Grad gehen wir hoch auf die wallähnliche Parkanlage oberhalb der Saarstraße nach Westen. Da wo die äußere Stadtmauer war, steht eines von zwei erhaltenen mittelalterlichen Toren, das eindrucksvolle Ponttor, eines der wenigen noch existierenden Doppeltore.

Nun wenden wir uns hinunter nach Süden, kommen an den Gebäuden der Hochschule – insbesondere dem Institut für Bergbau – vorbei und landen am Rathaus, vor dem ein riesiger Sandkasten aufgebaut ist, in dem die Kinder spielen, während ihre Eltern in Liegestühlen auf ihren Smartphones rumwischen. Im Krönungssaal mit dem Kreuzrippengewölbe fanden bis 1531 die Festessen anlässlich der Königskrönungen statt. Wir haben leider keine Zeit, ihn uns anzusehen.

Ähnlich ergeht es uns mit dem Dom, vor dem ein Markt stattfindet. Es ist gerade eine Messe angesagt, die meist älteren Besucher werden vom Küster persönlich begrüßt. Wir besorgen uns in der Nähe eine Kräuterprintenplatte, für die wir später eine gute Verwendung finden, als uns die Kräfte vorübergehend verlassen.

Das Törchen zum „Domgarten“ ist nicht verschlossen, im Schatten der Bäume steht eine Skulptur eines etwas gequält dreinblickenden Karls des Großen mit einem güldenen Mantel.

Vom Dom gehen wir weiter zum Elisenbrunnen, wo in der Wandelhalle ein dünner Wasserstrahl aus der Wand tropft. Weiter geht es zum Theaterplatz mit dem Pferdedenkmal. Wir gehen nun in die Theaterstraße, die später zur Oppenhoffallee wird, in der ich die ersten 5 Jahre meines Lebens zugebracht habe. Alle Erinnerungen daran stammen von Fotos, die ich später gesehen habe.


Wir biegen jetzt ein in die Viktoriaallee, wo es noch alte neoklassizistische Gebäudezüge gibt.

Wir gehen weiter durch Beverau und kommen bald auf einen schmalen Wiesenpfad und anschließend in den Wald. Wir passieren heute diverse Pferdehöfe, uns fällt auf, dass man fast durchweg die Knochen der weidenden Tiere sieht. Weiter geht es – wir bekommen den Tipp von einem entgegenkommenden Wanderer, der auf der matschigen Eifelsteigpassage vor uns fast hingefallen ist – auf einem viel von Skatern genutzten Radweg an einer stillgelegten Bahnlinie.
Nach rund 10 Km kommen wir in Kornelimünster an, wo wir die Mittagspause mit einem belegten Brötchen einlegen. In der Reichsabtei ist eine kostenlose Kunstausstellung, die sich insbes. Fehlstellen widmet, es werden die Rückseiten der Bilder gezeigt, unbekannte Künstler verbergen sich hinter Vorhängen, die man aufziehen kann. Ein Bild des Expressionisten Campendonk erinnert mich sehr stark an Chagall.

Hier in Kornelimünster ist der offizielle Startpunkt des 313 km langen Eifelsteigs. Wir folgen der Inde und schon kurz hinter dem Ort ist der Weg unterbrochen. Eine Brücke – es wird nicht die Einzige auf dem Weg bleiben – ist vom Hochwasser vor drei Jahren weggeschwemmt worden. Es gibt keinerlei Indikation, wo es weitergehen soll, ein junger Mann deutet in Richtung der Wiese, hinter der wir den Weg dann wiederfinden.

Der Weg ist ansonsten meist angenehm zu gehen, der Asphaltanteil ist überschaubar. Bei Walheim wurde bis Mitte der Sechziger Kalk für Zement gebrannt. Als Brennstoff wurde Kohle genutzt, der Kalk kühlte beim Hinunterfallen ab und konnte dann unten im Zugloch handwarm entnommen werden.

Der Weg zieht sich am ersten Tag etwas in die Länge. Die relativ häufigen Schutzplätze sind hochwillkommen.

Wir überqueren den Vichtbach und wählen eine Abkürzung am Bach entlang, anstatt den Berg hochzulaufen. Es geht an einem Zeltlager mehrerer Familien mit Kindern vorbei, die gerade an einem Lagerfeuer ihr Essen vorbereiten. Die Piste hört irgendwann auf, wir schlagen uns etwas durch den Matsch, finden dann aber eine Sandbank im Bach, auf und von der wir ans andere Ufer springen können, wo unweit ein Weg verläuft. Es geht an einer Wasseraufbereitungsanlage vorbei und noch etwas durch den Wald.
Wir kommen nun ins Grenzgebiet, auf der anderen Seite des Weges ist Belgien. Unser Hotelier in Roetgen ist eher kurz angebunden und unwirsch. Wir essen auf der belgischen Seite Fritten mit einem Erbsenburger und einem leckeren, feuchten Schokoküchlein als Dessert. Den Rest des Abends chillen wir im Bett und lesen.

Die Atemzüge
nach dem Klingeln des Weckers
Pure Entspannung
Anderthalb Stunden
zum Mittelmeer. Fünf Stunden
Berlin nach Eschborn
Nicht lang ist es her
Wir saßen zuhause rum
Aufs Ende wartend
[King Krule – It’s All Soup Now]
Hoppla, hier komm ich
Ihr könnt sagen, was ihr wollt
Ich weiß, was ich will
[Bob Dylan – I Want You]
Ein Duft, der betört
Der Lavendel macht sich breit
Die Hummeln freut es

Das Leben danach
in den Griff kriegen wollen
Ein Tag im Baumarkt
[Denis Pfabe – Die Möglichkeit einer Ordnung (Bachmannwettlesen]
Auf der Pergola
nach Öffnen der Klappläden:
Rotes Eichhörnchen
—
Es springt zur Eibenhecke,
läuft auf ihr und taucht hinein
Die Welt ist düster
Bandoneon, Gitarre
Hochzeit im Himmel
[Dominic Miller – Ténèbres (von Absinthe)]
Auf der Pergola
Eichhörnchen richtet sich auf,
taucht in die Hecke
Fettjoghurt und Skyr
Charentais-Melone, reif
Erfrischung, süßweich
Direkt über uns
weit und breit die Einzige
Sie regnet sich ab
Auf dem Wiesenweg
Zig Kirschkerne in Losung
Der Dachs ist nicht weit
Inbrünstiger Ton
Auf Zehenspitzen spielen
Alles rausholen
[Oded Tzur – Renata]
Zehn Liter Quader
Rotwein vom Jahresanfang
Schmeckt nun wie Sherry
„Wieso muss der Typ
mich andauernd nerven
mit Gassigehen?“

Das hat er gehört
als seine Wirbelsäule
unten hart aufschlug
Der Himmel reißt auf
Das Augenlicht versengt von
gleißender Sonne
[Robert Wyatt – Little Red Riding Hood Hit the Road]
Vor uns ein Raucher
Wir folgen narkotisiert
Süße Sillage
Die Löffel senkrecht
Meister Lampe im Maisfeld
Die Elster fliegt auf
Alkproblem gelöst
Quantum täglich 20 Gramm
Vom Mund abgespart
Altkönig im Dunst
Davor dunkle Wolkenfront
Wir werden klatschnass
Große Schwarzkirschen
Verlassene Plantage
Unwiderstehlich
Tolles Liebesspiel
der kleinen Kohlweißlinge
auf Sonnenstrahlen
Der Krieg reißt Wunden
in den Seelen der Menschen,
die nie verheilen
[Tijan Sila – Der Tag, an dem meine Mutter verrückt wurde (Bachmannpreisgewinner)]
In ihrer Kehle
lodert eine Stimme, die
Seelen schmelzen lässt
[Gwen McCrae – Let’s Straighten It Out]
Füße Bleikugeln
In mein Tempo ergeben
Schwül. Niesel hört auf.
Nicht quatschen, machen
Energieexplosion
Wenn Punk ins Ohr geht
[Buzzcocks – Boredom (demo)]
Zwei Atemzüge
Der Erste und der Letzte
Lebensleistungen
[Ulrike Haidacher – Schwestern (Bachmannpreis)]
Entspannte Stimmung
in Olydorf-Teestube
in 85
[Dire Straits – Telegraph Road]
Tänzelndes Klavier
Gelassene Trompete
Diesige Stimme
[Chet Baker – Let’s Get Lost]
Schön und jung und stark
Gib mir ein Brett zum Tanzen
Nimm dir, was du willst
[DAF – Verschwende Deine Jugend]
Laubwaldlichtspiele
Ringelpiez beim Rathausfest
Wilder Wiesenweg
Die forsche Hotelwirtin scheint vergessen zu haben, dass ich bereits vor über einem Monat Vorkasse geleistet habe, aber ich nicht! So toll war das Hotel auch nicht, dass ich freiwillig doppelt zahle. Bis jetzt habe ich auf dieser Wanderung noch nichts vergessen, heute merke ich relativ schnell, dass die Wandermütze fehlt und verliere nur 10 Minuten Zeit.
Über den lichten Laubwald des Schlossparks geht es raus aus Ilsenburg. Ich kann heute im Laufe des Tages die Schatten- und Lichtspiele der Laubbäume ausgiebig studieren. Da ich in Rübeland, dem Zielort der Harzreise – bekannt durch die Höhlen – keine Herberge gefunden habe, muss ich mich heute auf einem improvisierten Weg insbesondere auf den rund 15 km von Wernigerode bis Königshütte rumschlagen.
Im Wald verläuft die Wasserscheide zwischen Elbe und Weser, so weit östlich bin ich jetzt schon.

Heute bin ich etwas in Gedanken versunken, aber im Vollbesitz meiner Kräfte. An einer Stelle im Wald verpasse ich einen Abzweig und gehe doch tatsächlich gedankenverloren ca. 500 m bergauf in die falsche Richtung, bevor es mir schwant, dass es doch eigentlich gar nicht bergauf gehen kann.
Ich treffe heute auf einige Mountainbiker, es ist Samstag. Die erste Ortschaft ist nach rund 10 km Natur Hasserode, wo auch das Bier gebraut wird. Hier muss ich ca. 2 km in der Sonne an der Straße langgehen, bevor ich durch das Westerntor in die Altstadt von Wernigerode eintrete.

In Wernigerode ist dieses Wochenende Rathausfest. Es herrscht großer Trubel, Menschenmassen bevölkern die langgezogene Fußgängerzone. Ich brauche jetzt unbedingt einen Eiskaffee, den ich am Rathaus bekomme. Dort spielt eine Hamburger Band deutschen Schlager mit Volksmusikeinschlag, ich frage mich, ob die Rentner, die vor der Bühne auf Klappstühlen sitzen, dafür und fürs Klatschen bezahlt werden. Die Musik ist unerträglich kitschig. Die drei Musiker – alle in Jeans und weißem Hemd – laufen mit Mikro singend und sich an den Schultern anfassend über den Markt. Sie versuchen, das Publikum zu animieren, indem sie vom Hamburger Nachtleben schwärmen und fragen, was denn so in Wernigerode nachts abgeht. Nach dem Motto Witz komm raus, du bist umzingelt. Ich flüchte so schnell wie möglich und besorge mir beim Griechen ein sehr knuspriges, getoastetes Fladenbrot mit warmem Feta, Tsatsiki und Krautsalat.

Die Breite Straße hinauf steht das barocke Haus des Getreidehändlers Krumme aus dem Jahr 1674 – Wernigerode ist wie Goslar ein Fachwerkparadies – mit vorgesetzter Fassade aus Holzvertäfelungen.

Kurz vor Verlassen der Altstadt sehe ich noch einen Liedermacher mit Klampfe, der allein auf einer großen Bühne sitzt, sich die Seele aus dem Körper singt, während zwei bis drei Leute sich das anhören; er hätte mehr Publikum verdient gehabt.
Ich nehme jetzt nicht wieder die schnurgerade Straße zurück nach Hasserode, sondern gehe auf dem Fußweg der B 244, die nach Elbingerode führt, aus der Stadt heraus. Oben im Gegenlicht das Schloss, ein Leitbau des norddeutschen Historismus auf Basis einer mittelaterlichen Anlage 1882-1885 von Otto zu Stolberg-Wernigerode, dem Stellvertreter Bismarcks, umgebaut.

Ich finde nun einen lauschigen Weg im Laubwald, der den Zillierbach entlang verläuft. Am Wegesrand Waldhimbeeren, die ich mir nicht entgehen lasse. Ihren intensiven Geschmack im Mund denke ich, dass genau diese Momente es sind, die dem Wandern noch einmal einen besonderen Kick geben. Man isst die Früchte der Natur, man vereint seinen Körper, seinen Geschmack, seine Verdauung mit der Welt. Es hat etwas Pantheistisches. Alles ist eins. Etwas pathetisch vielleicht, aber egal.
Am Wegrand ein Belüftungsschacht einer Grube, heute ein Fledermausreservat. Aus dem Schacht strömt angenehm kühle Luft, die meinen heiß gelaufenen Körper kühlt.

Plötzlich stehe ich vor dem Staudamm der Zillierbachtalsperre, hier kommen nur noch die Fassadenkletterer weiter, ich muss außen rum.

Auf einer Bank mache ich eine Trinkpause und gönne meinen Füßen eine kleine Auszeit. Die Schuhe und Socken auszuziehen, die Füße etwas zu massieren, welche Wohltat. Ein älteres holländisches Paar gesellt sich zu mir. Sie haben den Stausee halb umrundet, er entfernt noch rechtzeitig ein Steinchen aus seinem Schuh.

Den weiteren Weg nach Königshütte muss ich mir zusammenschustern. Die Generalrichtung ist Süden. Ich treffe auf einen bunten Schmetterling und bewege mich zum Teil auf Wiesenwegen, die insbesondere gegen Ende fast zugewachsen sind. Viele Wege sind in keinem guten Zustand, Markierungen fehlen weil Bäume umgestürzt bzw. abgestorben sind. Der Grund ist der fehlende Nachwuchs in den Wandervereinen.

Es geht großräumig um ein Kalkwerk herum. Ich kann in meiner kurzen Hose zum Teil hüfthohen Disteln und Brennnesseln einigermaßen ausweichen. Auf einer unverhofften Bank – ich muss mal ein Loblied auf Bänke am Wegesrand singen – brauche ich meine letzten Trinkwasservorräte auf. Ich komme nun zu dem Wasserfall von Königshütte, den ich aber nicht sehe. Der eigentliche Ort liegt noch etwas weiter südlich und ich erreiche rund neun Stunden nach Aufbruch mein Ziel, die sehr familiär geführte Pension Am Felsen, wo ich sofort herzlich mit Namen begrüßt werde und zu Abend eine vom Hausherren zubereitete, exzellente Rinderroulade mit Kartoffelstampf und Rotkohl zu mir nehmen darf.
Vorher sehr erfrischend nach dem langen Wandertag übrigens die kälteste kalte Dusche auf der ganzen, rundum gelungenen Wanderung. Ein perfekter Abschluss.
Brocken im Regen
Wilde Ilse rauscht ins Tal
Übers Ziel hinaus
Morgens komme ich wegen meiner steifen Beine kaum aus dem Bett, auch das Knie zwickt, die Bandage ein absolutes Muss. Es wird Zeit, dass die Wanderung zum Ziel kommt.
Beim Frühstück gibt es in Öl eingelegten Harzer Roller, dem außer mir ein junger, mundfauler Typ mit Bundeswehrpullover und eine Hessin zuspricht, die meint, „bei uns heißt das Handkäs mit Musik“.
Heute geht es erst einmal wieder hoch zur zweiten Gipfelbesteigung des Brocken, da ich ja im Brockenhotel kein Logis mehr gefunden hatte. Ich komme somit schon am frühen Morgen auf den großen Steinen, die sich wie die Hotelfachkraft bereits anmerkte, zum Aufstieg besser eignen, gut ins Schwitzen.
Nach einem erfrischenden alkoholfreien Weißbier auf dem Brocken, dieses Mal bin ich fast alleine, zieht sich der Himmel langsam zu, die Fernsicht ist sehr diesig. Goethe hat sich hier für die Walpurgisnacht im Faust inspirieren lassen.


Das überteuerte Brockenhotel hat mich nicht als Gast gewonnen, wofür ich am Ende ganz froh bin.

Auf dem Plateau weht eine steife Brise. Am Gipfelstein machen die Leute von weit entfernt Gipfelfotos.
Ich gehe wieder den Brockenrundweg, dieses Mal in die andere Richtung und beginne, den Kolonnenweg abzusteigen. Nach wenigen Minuten fängt es an zu schütten. Trotz Regenjacke und -schirm wird zumindest die Hose unten klatschnass, aber ich habe Glück, dass genau hier eine Schutzhütte steht. Später kommt ein Einheimischer in kurzer Hose ohne Schirm vorbei, der jedoch sofort weiter absteigt nach Ilsenburg, weil er meint, dass das Wetter sowieso nicht besser wird. Ein Fehler, weil der Regen nach ca. 20 Minuten nachlässt und ich mich aus der übrigens nicht vollständig dichten Hütte herauswage.

Kurz vor der Hermannstraße, wo es nach rechts im Streichen abgeht, kommen mir zwei junge Frauen in Regenponchos auf dem steilen Plattenweg entgegen, die mich anlächeln. Angesichts des miesen Wetters und der Anstrengung beim Aufstieg, überraschen sie mich positiv. Wie Heine (s. Foto von Tafel gestern) habe ich hier jetzt ein Hochgefühl, höre die Vögel zwitschern, der Regen hört auf und der ebene Weg ist angenehm zu gehen.
Es geht nun ins Ilsetal, das Heine in starken Worten besungen hat, im Grunde war dies seine Lieblingsetappe auf seiner Harzwanderung, daher ist der Weg jetzt auch nach ihm benannt.
Schon damals waren hier die Baumwurzeln auffällig, die an die Oberfläche treten, weil sie im harten Boden keinen Halt finden und für mich wie Finger einer Hand eines Riesen aussehen.


Die Ilse rauscht links, es kommen mir trotz des Regenwetters bereits einige Wanderer entgegen. Bei Sonnenschein ist hier sicher die Hölle los, das bleibt mir erspart.


Hier bei den Ilsefällen steht das Heine-Denkmal. Seine Phantasie ist hier etwas mit ihm durchgegangen, wobei er als Romantiker, der er zu diesem, frühen Zeitpunkt seines Lebens war, sich des örtlichen Märchen- und Sagenguts bediente. Mich erinnert die Harzreise in den Passagen über das Ilsetal sehr an den Taugenichts von Eichendorff, der übrigens ebenfalls 1826 erschienen ist.

Kurz danach soll der Heineweg auf der linken Ilseseite weitergehen, doch die Brücke ist mit einer zaunartigen Holzkonstruktion versperrt. Angeblich aus Sicherheitsgründen. Hier mache ich meine Mittagspause mit Wasser und Datteln. Etwas später komme ich über eine andere Brücke dann doch auf den Heineweg zurück. Hier ist jemand fleißig gewesen und hat einen Steinmännchenpark angelegt.

Kurz vor Ende der heutigen Etappe, auf der mir über große Strecken die Beine so schwer sind wie selten zuvor, müssen noch einige Höhenmeter bewältigt werden auf dem Weg zum Ilsestein. Ich kämpfe mich hier über einen eigentlich verschwundenen schmalen Weg über viele umgestürzte bzw. gefällte Baumstämme den Waldhang hinauf. Als ich den Berg in einem Halbrund am Waldrand hochgehe, links und rechts die so langsam verblühenden lila Kelche des Fingerhuts, definitiv die Blume meiner Harzwanderung.

Der Blick, der sich vom Ilsestein nach Osten nach Ilsenburg hinunter eröffnet, ist atemberaubend. Der Ilsestein ist ein Granitfelsen, auf dem im 11. Jahrhundert eine kleine Reichsburg von Heinrich IV. stand, die bereits 1105 auf Geheiß des Papstes zerstört wurde. Heute steht hier ein eisernes Kreuz, das am ersten Tag der Völkerschlacht von Leipzig 1814 von Graf Anton zu Stolberg-Wernigerode für seine in den Befreungskriegen gegen Napoleon gefallenen Freunde und Bekannte errichtet wurde.



Die trotz der langen Abstiege – es geht jetzt noch einmal auf halsbrecherischem schmalen Schotterpfad bergab – anstrengende Etappe findet ein unverhofft gutes Ende. Aus irgendeinem Grunde (evtl. weil mich gestern Abend in Schierke zwei Wanderinnen gefragt hatten, wo die Bushaltestelle ist, sie hätten keine Lust mehr und müssten noch nach Wernigerode zu ihrem Auto), war ich davon ausgegangen, dass ich noch bis Wernigerode, also noch 8,6 km zusätzlich gehen musste und hatte mich aufgrund der fortgeschrittenen Zeit und zunehmender Wanderunlust damit angefreundet, den stündlich fahrenden Bus zu nehmen. Laut Internet fuhr der Nächste um 16h31. Ich spute mich also und bin kurz nach vier an der Straße nach Wernigerode und wer fährt direkt vor meiner Nase weg? Der 270er Bus nach Wernigerode. Die Wartezeit verbringe ich also im Wartehäuschen und löffle einen Eiskaffee vom Bäcker. Bis mir einfällt, doch mal zu gucken, wo genau mein Hotel ist. Und was soll ich sagen, es stellt sich raus, dass es sich hier in Ilsenburg befindet und zwar 1,8 km weiter oben, ich bin also bereits vorbeigelaufen! Welch Glück, dass ich das noch gemerkt habe, bevor ich in den Bus gestiegen bin!
In jedem Fall gehe ich nun leichten Fußes – immer wieder überraschend wie Pausen mit Flüssigkeitszufuhr die vorher noch zentnerschweren Beine und Füße wieder beflügeln können – zu meinem Hotel im Park.
Wenn der Diktator
dieses Lied hören würde,
statt Krieg zu führen…
[Robert Wyatt – Shipbuilding (Elvis Costello)]
Grenzstein auf Staudamm
Kolonnenweg hochgeschwitzt
Felsbrocken hinab
Ein gutes, von der netten Pensionsbetreiberin vorbereitetes Frühstück mit Ei, grünem Tee, Holzbrettchen mit Aufschnitt und Käse sowie Sahnejoghurt mit Müsli erwartet mich nach einer erholsamen Nacht.
Draußen scheint die Sonne und ich gehe stracks durch den Kurpark zur Talstation der Burgbergseilbahn, wo die heutige Etappe beginnt.

Hier geht es in den Wald, an einem Baumwipfelpfad vorbei, bei dem man sich schon fragt, ob er seine Umgebung verschönert. Er steht auf der Wiese im Kalten Tal, wo die Nazis mit 4000 SA-Leuten und dem Verband Stahlhelm 1931 einen Feldgottesdienst organisierten, um den Segen der Kirche für die geplante Abschaffung der Demokratie zu bekommen.

Ich komme auf dem ansteigenden Weg im schattigen Laubwald gut voran. Tafeln am Wegrand erklären die Baumwurzelarten als da sind Herzwurzler (die meisten Laubbäume, z. B. Buchen), Flachwurzler (z. B. Fichten) und Pfahlwurzler (z. B Kiefern, Lärchen und Eichen). An der Bushaltestelle des Molkenhauses – die erdgasbetriebenen Busse, genannt grüner Harzer, kommen hier fast überall hin – mache ich eine kurze Trinkpause. Ich komme nun zu einer großen Wiese mitten im Wald, die überquert werden muss.

Nach dem vorherigen Anstieg geht es nun überraschenderweise erst einmal hinunter in das schmale Eckertal, das man wohl passender als Schlucht bezeichnen könnte. Am Talende geht es hinauf zur Eckertalsperre, die vor 1990 hälftig auf die beiden deutschen Staaten aufgeteilt war, was bis zu den bilateralen Verträgen Ende der 70er Jahre zu vielen Problemen bei der Nutzung führte. Ursprünglich wurde die Eckertalsperre 1943 fertiggestellt, um den zunehmenden Trinkwasserbedarf von Wolfsburg und Braunschweig zu stillen. Die Grenze verlief in der Mitte des Stausees und auf der Staudammmauer steht heute zur Erinnerung noch der alte Grenzstein.

Von hier hat man einen schönen Blick auf das heutige Wanderziel der Begierde, den Brocken mit dem Sendeturm. Aber bis dahin werden noch einige Tropfen Schweiß die Stirn hinunterrinnen.

Es geht nun auf dem Harzer Grenzweg, einem Teil des grünen Bandes, das der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze folgt, auf einem Kolonnenweg hinauf zum Brocken. Ich treffe hier auf sehr wenige Mountainbiker, die diesen steilen Aufstieg wagen. Die im Verlauf zunehmende Steigung beträgt im Schnitt 12 bis 15 Prozent, an einzelnen Stellen sogar bis zu 20 Grad, definitiv der anstrengendste Weg hinauf zum Brocken. Ein junger Mountainbiker überholt mich so gerade eben, Geschwindigkeit ca. 5 km/h und er muss zum Teil diagonal im Zickzack fahren, um hochzukommen. Ich überhole ihn dann wieder kurz vorm Kleinen Brocken, wo er auf einer Bank die weite Sicht aufs Umland genießt und sehe ihn nicht wieder.

Auch Heine ist diesen Weg – damals natürlich noch ohne Platten – wohl rauf gegangen. Ich stoße nun auf den nach ihm benannten Weg, und zwar an der Stelle, wo sich für mich Auf- und Abstieg trennen werden. Er ging auf dem Rückweg vom Brocken über die Schneelöcher, heute Nationalpark, hinunter ins Ilsetal, wohin ich ihm morgen folgen werde.

File under small pleasures of hiking: Je näher man dem Gipfel kommt, desto häufiger frischt der Wind auf und trocknet die nassgeschwitzten Klamotten und kühlt so den Körper. Was für eine Wohltat!
Kurz vor dem Kleinen Brocken überschreite ich die 1000 Metermarke, der Brocken ist jetzt in Griffweite, aber es sind noch 140 Höhenmeter.
Oben treffe ich auf Menschenmassen, die von ihrer Physis her zu urteilen, wahrscheinlich überwiegend mit der Brockenbahn hochgekommen sind. Ich nehme bis zum Bahnhof den Rundweg auf dem Brockenplateau, der heute weite Blicke in die Umgebung freigibt; ich hatte gelesen, dass es an über 300 Tagen im Jahr hier neblig ist. Oben am Bahnhof stehe ich bestimmt 15 Minuten an für eine Thüringer Rostbratwurst und ein Weißbier, das hier auch endlich wieder richtig heißt und nicht Hefeweizen wie in Westdeutschland außerhalb Bayerns.

Da ich im Brockenhotel keinen Platz mehr gefunden habe, muss ich nun noch die 5,5 km nach Schierke absteigen. Das gestaltet sich als gar nicht so einfach, da der Wanderweg über große, rundliche Felsbrocken verläuft, wo man genau aufpassen muss, wo man hintritt, zum Teil muss man sogar die Hände zu Hilfe nehmen, um die Steine zu überwinden. Beim Einstieg kommt mir eine Gruppe von Jugendlichen mit geistigem Handicap mit ihren jungen Lehrerinnen entgegen. Sie zu einem Nachzügler: „Komm Gazelle, da vorne ist die Straße, Du hast es geschafft!“ Jetzt im Nachhinein, wo ich die über 3 km recht anspruchsvollen Felsenweg kenne, bin ich noch mehr voller Bewunderung, ob ihrer Leistung. Die Größe der Steine nimmt übrigens während des Abstiegs ab, das ist für mich angenehm.

Immer wieder hört man hier den langgezogenen Ton des Signalhorns bzw. das Schnaufen der Dampflok der Brockenbahn, deren Schmalspurgleise mehrfach überschritten werden. Passenderweise treffe ich gerade auf sie, als sie durch ein ausgedehntes Gebiet mit abgestorbenen Fichten fährt.

Schließlich komme ich in Schierke an, wo das erste Hotel auf der linken Seite meins ist. Es ist etwas in die Jahre gekommen, strahlt aber auch einen gewissen Charme aus. Das Einbauduschbad erinnert mich etwas an ähnliche „Weltraumbäder“ in der Studentenstadt München-Freimann aus den Siebzigern. Schierke ist ein Wintersportort, der aber sicher auch schon bessere Zeiten gesehen hat.

P. S. Ich habe heute rund 100 Kilo ca. 1000 m hochgeschleppt. Wenn 1 Kilo einen Meter hochhieven 10 Joule entspricht, dann hätte ich eine physikalische Arbeit von 1000 Kilojoule geleistet. Wofür ich bestimmt 1000 Kilokalorien, also über 4.000 Kilojoule Nahrung aufnehmen musste. Der menschliche Körper ist gar nicht so ineffizient, aber der menschliche Geist kann Maschinen ersinnen mit noch vielfach höherem Wirkungsgrad. Zum Beispiel den Elektromotor.
Hose olivgrün
Das Regencape leuchtet gelb
unterm schwarzen Schirm
Wache recht erholt in meiner JH-Kemenate auf, obwohl sowohl spätabends als auch frühmorgens schon einige Leute auf den Gängen unterwegs sind. Das Frühstück um halb acht ist besser als erwartet, der O-Saft eine Plörre, aber es gibt Körnerbrötchen sowie Naturjoghurt, etwas Obst und Müsli. Außer mir einige noch ältere Gäste sowie auch schon die ersten Kinder am Buffet.
Draußen ist es feucht, was sich auch den ganzen Wandertag nicht ändern wird. Es nieselt mit gelegentlichen Schauern.
Ich gehe die Abkürzung runter in den Ort und komme dieses Mal am Siemenshaus (1692/93) in der Schreiberstraße vorbei. Der Leitspruch der Familie – ein Zweig gründete später das Weltunternehmen – ist ora et labora.

Am Marktplatz komme ich gerade noch rechtzeitig an für das Ende des 9 Uhr Glockenspiels, das die Geschichte des örtlichen Bergbaus ab der Entdeckung durch Ritter Ramm erzählt. Es ertönt das Steigerlied.

Die erste Kneipe auf dem Weg, wo das kleine Pils noch 1,60 kostet, hat leider noch zu…

Ebenfalls an der Hauptstraße liegt die St Stephanikirche, die das Konzept der offenen Kirche nur eingeschränkt realisiert. Sie ist heute von 15 bis 16h30 geöffnet. Das ist mit meiner Tagesplanung leider nicht synchronisierbar.
Hinaus aus der Kreisstadt geht es durch das Breite Tor von 1443, das die Stadt damals sicher sehr gut gegen unerwünschte Eindringlinge geschützt hat. Ich gehe nun durch die Wallanlagen am ausgedehnten Schützenplatz vorbei, wo sich eine Kirmes mit Riesenrad und Achterbahn im Dornröschenschlaf befindet. Hier kommt just ein Regenschauer runter und ich verziehe mich in ein Bushaltestellenhäuschen. Die gute Businfrastruktur rettet mich heute mehrmals davor, noch nasser zu werden als ich schon bin.

Am Ortsausgang treffe ich einen Hundebesitzer, der seine zwei stattlichen Picards – französische Hütehunde – in seinem Kofferraum verstaut. Er wünscht mir eine schöne Wanderung. Auf jeden Fall kann ich mich über Trockenheit und Hitze nicht beschweren.
Ein altes Fabrikgebäude am Straßenrand wird vom Fraunhofer-Institut für ein Reallabor zum Recycling von Lithium-Batterie-Speichersystemen genutzt. Vor der Tür stehen zwei Arbeitnehmer und rauchen.
Es geht nun durch den Wald nach Oker. Netto gewinne ich heute gerade mal 27 Meter von Goslar nach Bad Harzburg, aber es geht viel rauf und runter. Am Ortsrand von Oker sehe ich die Türme der Bleihütte im leichten Nebel, die wie überflüssig gewordene Restposten eines vergangenen Industiezeitalters in den Himmel ragen.

Kurz nach Überquerung der Oker nutze ich eine weitere Bushaltestelle, um den Durchnässungsgrad meiner Klamotten so gut es gut zu minimieren. Bis auf die Schuhe gelingt mir das auch relativ gut, die Körperwärme und der Gehwind sorgen dafür, dass die Hose nur unten richtig nass bleibt.
Ich nähere mich nun meinem Ziel und mache einen Abstecher ins Künstlercafé Winuwuk, das mit Worpswede im Zusammenhang steht. Das Haus ist originell gebaut (fast) ohne rechte Winkel, es passt irgendwie in den Harz, windzerzaust wie es aussieht. Leider macht die Galerie erst 14 Uhr auf, so lange kann ich aber nicht warten. Ich esse dort ein Tässchen mittelmäßige Gulaschsuppe für 8 Euro, was mir den Atem verschlägt, das hat mit Inflation nix mehr zu tun, das ist Nepp.
Auf den wenigen Metern, die mich jetzt noch von Bad Harzburg trennen, schaffe ich es noch, mich zu verlaufen. Es hat mit der Darstellung des Tracks als fette rote Linie auf meiner Wander-App E-walk zu tun. Das führt dazu, dass man denkt, der Hauptweg ist identisch mit dem eigenen Track, was aber nicht immer der Fall ist. Es geht ein schmaler, durch Büsche verdeckter Weg links ab, der in den Ort führt, den ich völlig übersehe, weil ich mich ja auf dem breiten Wirtschaftsweg befinde, der übrigens in der App nur gestrichelt dargestellt ist, während mein eigentlicher Trampelpfad fett rot erscheint. Na ja, alles nicht so tragisch, nachdem ich etwa 500 m leicht angestiegen bin, fällt es mir auf und ich finde dann auch Sherlock Holmesmäßig den Abzweig. Heine hat sich auf dieser Etappe übrigens auch verlaufen, er hat ebenfalls den Ort unterhalb der Harzburg, der damals noch deutlich kleiner war und noch Neustadt hieß, nicht auf Anhieb gefunden. Ich bin also in guter literarischer Gesellschaft.
Im Ort bewundere ich das vorbildliche Mülltrennungskonzept, da wird schön unterschieden zwischen Verbundstoffen, Restmüll, Glas/Dosen und Papier. Hoffen wir mal, dass die Fehlwurfquote nicht so hoch ist.

In Bad Harzburg hole ich mir mit einem per E-Mail übermittelten Code meinen Schlüssel aus dem Schlüsselkasten und lege mich in meinem Pensionszimmer erstmal hin. Der Regen hört jetzt langsam auf und ich spaziere an der wilden Radau entlang in den Kurpark. Das alte Kurhaus, das 1931 von der Nationalen Front, einem Bündnis aus NSDAP, DNVP, Stahlhelm und anderen nationalistischen Verbänden als Versammlungsort genutzt wurde, wurde 1964 durch ein modernes Gebäude ersetzt.

Im Haus der Natur lasse ich mich im Schnelldurchlauf – mehr als eine knappe Stunde habe ich nicht – von einem Mädchen, einer Försterin und einen Nationalparkranger in Videos durch die Waldausstellung führen. Dass die Luchse gute Augen haben, wusste ich ja schon, aber, dass sie mit ihren großen Tatzen vor allem Rehe reißen, die viel größer sind als sie, war mir nicht klar. Inzwischen leben wieder rund 100 Luchse im Harz und angrenzenden Gebieten.

Bad Harzburg war um 1900 eines der führenden Heilbäder Deutschlands. Die Basis war eine Solequelle. Im Kurpark kann man weiterhin kneippen. Es stehen aus der damaligen Zeit noch viele Villen, die den Charme einer verlorenen Zeit verströmen.

Nichts übereilen
Zu zweit den Blick genießen
Fachwerkoverkill
Auch in meinem luxuriösen Zweizimmerappartement wache ich morgens früh gegen halb fünf auf. Fünf Stunden Schlaf müssen reichen. Nach dem ausreichenden Frühstück packe ich meine Siebensachen, vergesse nichts und tippele durch Zellerfeld, das mir etwas gediegener vorkommt als Clausthal, die Bürgerhäuser an der Hauptstraße sind besser gepflegt. Aus dem Ort raus geht es bei Sonnenschein auf einem zweispurigen Weg, mit einem asphaltierten Teil für Fahrräder und einem schmalen Teil für Fußgänger. Die Temperaturen werden heute die zwanzig Grad leicht überschreiten, ideales Wanderwetter.

Heute am vierten Tag haben sich meine Füße eingegroovt, großartige Wehwehchen habe ich keine. Die Etappe ist mit 17,4 km überschaubar und ich gehe sie beschaulich an, warum in der Ferne schweifen, wenn das Schöne so nah ist? Ich komme wieder an diversen Teichen vorbei, die zum Verschnaufen einladen.

Im Wald dann plötzlich eine Bank, die Besorgnisse ausdrückt, die nicht völlig von der Hand zu weisen sind, aber auch von Parteien gekapert werden, die mir hinwiederum Angst machen. Die Welt ist komplizierter geworden, einfache Lösungen scheinen zwar attraktiv, werden die Probleme aber sicher nicht lösen. Ende der Klugscheißerei…

Auf dem Wirtschaftsweg kommt ein schweres Forstfahrzeug mit diversen Baumstämmen heruntergefahren. Dort wo es herkommt, muss ich hin, den Berg hinauf. Auf dem Weg treffe ich mehrere Mountainbiker, die an den Kreuzungen die kleinen Wegschilder intensiv studieren. Ich erreiche den mit 762 Meter bisher höchsten Punkt der Wanderung, die Schalke. Auf dieser baumlosen Höhe gibt es einen Aussichtsturm, von dem man sehr schön im Osten bei bester Sicht den Brocken mit dem Sendemast ausmachen kann. Außerdem sieht man in der Ferne rechts Clausthal-Zellerfeld. Am Rastplatz um die Ecke sitzen drei Wanderfreunde, die ins nahegelegene Schulenberg gehen wollen, um dort einzukehren. Plötzlich klingelt mein Handy, ich Stoffel habe mal wieder vergessen, die Rufumleitung vom Büro rauszunehmen.

Es geht nun langsam wieder hinab auf einer Piste, ein weiterer Wanderer ist gerade dabei, mich zu überholen, als er mich fragt, ob der Ort da vorne unterhalb des Brocken Altenau ist, ich kann das nach Studium der Karte im Führer bestätigen. Wir gehen nun gemeinsam den Weg nach Goslar und quatschen die ca. zwei Stunden über den Harz, das Wandern und Gott und die Welt. Er kommt aus Holzminden und ist mit dem Deutschlandticket erst mit der Bahn und dann mit dem Bus die Harzhochstraße nach Auerhahn gefahren, von wo er seine Tageswandertour nach Goslar, wo er wieder in den Zug nach Hause steigen wird, begonnen hat. Wir laufen auf dem Kamm bei schönster Aussicht erst nach Osten, dann nach Norden. Der Weg ist zwar nicht identisch mit dem in meinem Führer, der tiefer verläuft, aber das ist egal, Hauptsache wir landen in Goslar. In der Ferne sieht man schon das Bergwerk Rammelsberg, dem Goslar seinen Reichtum zu verdanken hat. Hier wurden Silbererze abgebaut, das Bergwerk war das erste Erzbergwerk auf deutschem Boden und insgesamt über tausend Jahre in Betrieb und schloss erst 1988. Man kann es heute besuchen und es gehört zum Weltkulturerbe.

Hier trennen sich nun unsere Wege, mein Wandergenosse geht zum Goslarer Bahnhof, während ich mich in der Jugendherberge einchecke, wo ich erstmal ein Eis schlecke. Kurz nach 14h ist hier die Ruhe vor dem Sturm und ich lege mich nach der Dusche in meinem Zimmerchen für eine halbe Stunde aufs Ohr.

Es fängt nun an zu regnen, so dass ich erst kurz vor fünf in den Ort runter gehen kann. Die frühere Hansestadt ist ein riesiges Fachwerkensemble, es wird mir fast zuviel, die herausragenden Bauten wie das Siemenshaus oder das Gildehaus Kaiserworth am Markt – heute ein Hotel – habe ich gar nicht photographiert.

In Goslar steht seit ca. 1000 die gegen Ende des 19. Jahrhunderts renovierte Kaiserpfalz, wo die deutschen Kaiser seit Heinrich dem II. dem Heiligen, gerne Hof hielten. Gegen 1250 war es mit der Kaiserzeit vorbei, nun blühte Goslar mit dem von den Welfen an die Stadt gepfändeten Bergwerk aber erst richtig auf.

Neben der Kaiserpfalz steht die 6 m hohe Skulptur „Griff in die Freiheit“ von 1955, die an die Heimkehrer, Kriegsgefangenen und Vermisstenangehörigen aus dem 2. Weltkrieg erinnern soll. Außerdem steht dort eine Tafel für die über 12 Mio. Vertriebenen.

Cut. Wer in Goslar mit dem Bus fährt, kann es sich beim Warten auf einem Thron bequem machen und sich auch einmal kurz wie ein Kaiser fühlen.

Himmlischer Soul-Groove
Danke für Deine Musik
Sie ändert die Welt
[Meshell Ndegeocello – Love vom neuen Album No More Water. The Gospel of James Baldwin, das am 2.8. erscheint]
6 km/h, echt?
Der Natur am Teich lauschen
Wasser hoch halten
Ich wache so gegen halb fünf auf, aber ich war ja auch früh ins Bett gegangen, und ich tippe mein Tagebuch. Die Waden schmerzen etwas. Das Frühstück gegen halb acht üppig, die Pensionsgäste sind Frühaufsteher. Der Gastgeber, der in meinem Alter ist, erzählt mir davon, dass er die Strecke nach Clausthal in 3,5 Stunden geht, das wäre ein 6 Km/h-Schnitt, im Führer schreiben sie von 5,5 Stunden. Ich ärgere mich, dass er es schafft, mir schlechte Laune zu machen. Ich brauche an reiner Gehzeit um die 5 Stunden, es geht allerdings auch noch zu den Teichen und ist damit nicht ganz der direkte Weg.
Startpunkt ist der große Parkplatz Bleichestelle, wo auch der Harzer-Hexen-Stieg beginnt, der über knapp 100 km über den Brocken nach Thale geht und dessen erster Etappe ich zu einem großen Teil heute folgen werde.
Ich wende mich allerdings erst einmal nach links zum Friedhof hinauf. Dort stehen die traurigen Überreste der alten Burg, man ahnt noch den Bergfried. Sie wurde wohl im 12. Jahrhundert von den Grafen von Katlenburg gebaut. Später gehörte sie Heinrich dem Löwen.

Oberhalb des Friedhofs wende ich mich auf einem Weg direkt nach Osten, ein mir entgegenkommender Autofahrer bestätigt, dass es hier nach Clausthal-Zellerfeld geht, er spricht von „Zahle“. Damit vermeide ich, wieder runter zum Parkplatz gehen zu müssen. Ich komme durch Wiesenwege auf den breiten geschotterten Hexen-Stieg, der auf der Strecke bis Clausthal – und dann weiter bis Bad Harzburg – auch Hundscher Weg heißt und früher insbesondere für den Transport von Materialien und Nahrungsmitteln für die Bergleute in Clausthal sehr wichtig war. Am Wegrand die Holzskulptur einer Frau mit einer Kiepe auf dem Rücken, die bis zu 40 kg wiegen konnte.

Der sukzessive ansteigende Weg ist breit und erinnert mich anfangs etwas an die von mir ungeliebte Wanderautobahn Rennsteig. Allerdings gibt es später dann doch einige, schöne Ausblicke. Wanderer treffe ich auch kaum. Der erste Rastplatz ist der Eselsplatz mit Stempelstelle für die Wanderer, die ihre Aktivität gerne dokumentieren.

Es eröffnet sich nun ein Ausblick zurück nach Osterode, wo man sehr schön die kurz hinter dem Ort abbrechende Gipskante sieht. Außerdem weiter vorne, einige Häuser des heute zu Osterode eingemeindeten Straßendorfs Lerbach, das sich viele Kilometer lang an der Straße im Tal hinzieht.

Der nächste Stopp ist der Marienblick, wo man die letzten Häuser von Lerbach sehen kann. Der Mischwald besteht zu jeweils rund einem Viertel aus Fichten und Buchen, dann kommen Eichen und Kiefern. Von den Fichten hat der Borkenkäfer nur noch die kahlen Stämme übrig gelassen.

Auf einer Tafel am Wegrand steht, dass ein Hektar (intakter) Wald ca. 10 t CO2 im Jahr bindet. Wenn man das hochrechnet, dann kann der deutsche Wald den überwiegenden Teil der deutschen CO2-Emissionen durch den Straßenverkehr kompensieren.

Das Waldsterben, das in meiner Studienzeit in den Achtzigern medial in aller Munde war (Stichwort saurer Regen mit der Verbindung von Stick- und Schwefeloxiden und Wasser, übrigens schon früh im Harzbergbau entdeckt), hat in den letzten trockenen Sommern in großem Maße real eingesetzt. Es ist inzwischen eine Waldfläche von der Größe des Saarlands betroffen. So steht es in dem Buch vom Waldwanderer Gerald Klamer (einem ehemaligen Förster), das ich in Clausthal erstanden habe. Die langfristige Lösung kann ja nur sein, hitzebeständigere Baumarten zu pflanzen. Das werden dann jedenfalls keine Fichten mehr sein.

Das letzte Stück der heutigen Etappe ist ein Wasserwanderweg auf den Spuren der Wasserwirtschaft in Clausthal. Für das Betreiben der Silbererzbergwerke war Energie nötig, die man aus den umliegenden Teichen durch geschickte Leitung des Wassers gewann. Sie setzte dann bis zu 10 m große Schaufelräder in Bewegung, die dann Pumpen, Gebläse und Pochwerke antrieb, indem die drehende Bewegung des Rades z. B. in Auf- und Abbewegungen von Stangen umgesetzt wurden.
Ich gönne mir am Hirschler Teich eine Pause, trinke einen Liter Wasser, beobachte das Treiben der Vögel und Insekten und lausche ihren Lautäußerungen. Ich bilde mir ein, Teil der Natur zu sein und versuche für ein paar Momente einzutauchen in sie.

Über die Harzhochstraße, die B242, gehe ich hinunter nach Zellerfeld, wo ich mich einquartiert habe. Kurz vor dem Ziel kann ich einem Regenschauer ausweichen, indem ich im Discounter Proviant besorge. Mein Zimmer hat ein Upgrade bekommen, ich darf in einem 2 Zimmer-Appartement nächtigen, hoffentlich vergesse ich hier bei den vielen Ablageorten nichts.

Nach der Dusche und einem weiteren Regenguss gehe ich raus. Vorher habe ich mir die Schuhe vorne noch fest zugebunden, um beim Abwärtsgehen nicht immer vorne am Schuh anzustoßen. Es macht einen großen Unterschied. Zuerst gehe ich hinunter zur B242, dann wieder hinauf die Hauptstraße, den Zellbach, in den anderen Ortsteil Clausthal. Hier stehen viele, oft ziemlich heruntergekommene Holzhäuser. Man sieht auch viele junge Leute aus allen möglichen Ländern, es gibt rund 4.000 Studenten an der TU, bei rund 15.000 Einwohnern insgesamt. Ich gehe bis zur blauen Marktkirche aus Holz, mit über 2.000 Plätzen die größte Holzkirche Deutschlands. Gegenüber ist das Landesamt für Bergbau, Energie und Geologie.
Interessant und im zweiten Fall erschreckend die Ergebnisse der letzten Europawahl im Harz. Im Landkreis Goslar, der die westlichen Teile vereint, war die CDU vor der SPD und der AfD stärkste Kraft, soweit so gut. Im Landkreis Harz mit dem Ostharz hingegen war die AfD vor der CDU und dem BSW an der Spitze, die SPD war nur noch einstellig. Die Ergebnisse in ganz Ostdeutschland waren ähnlich. Da gibt es nichts schönzureden, der eiserne Vorhang hat sich in den Köpfen wieder gesenkt.
Zum Nachdenken noch ein
P. S. Bevor ich einschwenkte auf den Wasserwanderweg gab es eine Hinweistafel zu den Todesmärschen der Nazis im April 1945. Vom KZ Gandersheim marschierten am Samstag, dem 4.4. 450 Häftlinge Richtung Wernigerode über den Harz. Die Nazis sperrten sie in die Zellerfelder Kirche. Viele litten an Durchfall weil sie völlig ausgezehrt Hundefutter gegessen hatten. Sie konnten nicht anders, als ihre Notdurft in der Kirche zu verrichten. Das nahmen die Nazis als Vorwand für zwei Massaker an 21 Häftlingen (Franzosen und Italiener). Auch viele andere KZ-Insassen bezahlten den Todesmarsch mit dem Leben. Ende April kamen noch 150 lebende Häftlinge nach einem Güterwaggontransport in Dachau an.

Füße schwer wie Blei
Abstecher in die Kindheit
Gips unter dem Fuß
Morgens suche ich als erstes meine Brille. Sie taucht später unter den Sachen wieder auf. Das Frühstück nehme ich mit einem dänischen Paar ein, das auf dem Rückweg ist. In der Fußgängerzone bin ich alleine und sehe verschiedene Skulpuren u. a. von Momo aus dem Buch von Michael Ende, das ich als Jugendlicher von Tante H. geschenkt bekommen hatte, aber aus Arroganz nie gelesen habe. Das sollte ich eventuell mal korrigieren.

Ich verlasse nun Northeim, komme am Friedhof vorbei, wo im östlichen Teil mit den frischen Gräbern eine größere Anzahl von Muslimen an einem Grab steht, keine einzige Frau dabei. Der Imam in seiner weißen Tracht kommt auch gerade. Heute ist das Opferfest.
Mir sind heute am zweiten Tag die Beine klumpenschwer, ich habe das Gefühl, nicht voranzukommen. Auf dem Leine-Ruhme-Radweg geht es unweit letzterer meist auf Asphalt gen Osten. Vereinzelt treffe ich auf Sonntagsradfahrer, an einer Stelle geht es auf einem Schotterweg etwas bergauf und dann wieder bergab, ansonsten ist die heutige Etappe mehr oder weniger flach. Hinter Elvershausen wende ich mich nach rechts auf die Straße nach Katlenburg, dessen oberen, auf einer Anhöhe liegenden Teil man in der Ferne sieht. Ich komme an der Fruchtweinkellerei vorbei, wo es nach vergorenem Obstsaft riecht. Das Stammhaus wurde von einem Dr. Demuth 1853 erbaut.
Nun komme ich zum ehemaligen Stillehof, wo wir in meiner Kindheit häufig bei meiner Großmutter, von uns Omi Katlenburg genannt zu Gast waren. Die andere Omi, die Mutter meines Vaters, hieß Omi Einbeck, das nicht weit entfernt ist. Omi K. wohnte in einem, inzwischen abgerissenen Gebäudeteil zwischen der heute mit PV zugepflasterten Scheune und dem Wohngebäude von Bauer Stille. Da wo der weiße Kleinbus auf dem Bild steht. Ich klingele, leider ist niemand zuhause. Marlene Herwig, die Enkelin(?) von August Stille, den ich noch kannte, betreibt nun mit ihrem Mann eine Walnussveredelung hier.

Ich gehe nun die Treppenstufe hoch zur „Burg“, was mir mit meinen schweren Beinen schwer fällt. Ich erinnere mich nicht, hier jemals zu Fuß hochgegangen zu sein, oft war ich nicht hier oben, wahrscheinlich immer mit dem Auto. Oben ist die St. Johanneskirche, wo meine Eltern im kalten Dezember 1962 sich haben trauen lassen.

Im Gebäude neben der Kirche ist die Bücherburg, wo nicht mehr gebrauchte Bücher ihre hoffentlich nur vorübergehende Heimat finden. Ich finde dort in dem recht gut geordneten Second Hand Bücherreich doch tatsächlich einen Bildband über den Harz, obwohl mir Martin Weskott, wie ich gerade übers Internet erfahre, seit 1979 Pfarrer der Gemeinde, sagte, dass Bücher über die Gegend immer sofort weggingen. Eine tolle Bücheraktion, die ihm sogar das Bundesverdienstkreuz eingebracht hat.

Ich verlasse Katlenburg auf der Bundesstraße 241 nach Osterode über die Brücke über die Rhume, die hier ganz flott dahinfließt, aber natürlich viel schmaler ist, als ich sie in meiner kindlichen Erinnerung habe.

Ich sehe bald im Osten in der Ferne einen mit Nadelbäumen bestandenen Berg, der Brocken war es wohl noch nicht, in jedem Fall ist der Harz nicht mehr weit. Die Bundesstraße verlasse ich in Berka und komme bald wieder auf den Radweg.

Hier zieht es sich nun, ich lutsche Lakritzbonbons und komme durch das scheinbar endlose Straßendorf Droste. Im heimeligen, kopfsteingepflasterten Uehrde, das in der Gipskarstlandschaft liegt, hat jemand das Dorf zu einem Drink zu sich eingeladen. Die Gaststätte ist dementsprechend zu. Die letzten paar km schaffe ich jetzt auch noch. Am Straßenrand eine Bank und dahinter eine Rehherde. Plötzlich setzt sich der „Leitbock“ in Bewegung und die ganze Herde folgt ihm. Am Ende steht noch ein einsames Reh an der Stelle, das entweder den Anschluss verloren hat oder ganz froh ist, allein auf dem Magerrasen zu äsen.

Das letzte Stück gehe ich durch ein Wäldchen die Gipskante steil hinab nach Osterode. Dort begebe ich mich auf dem schnellsten Weg in mein Dreisternehotel und erhole mich mit 0,2l Cola aus der Minibar, einer Dusche und der 2. Halbzeit Niederlande Polen, das so ausgeht, wie von mir getippt. Später gehe ich noch einmal durch den am Sonntagabend doch recht verlassenen Ort, esse beim Griechen – er heißt wirklich so – und bestaune in der Fußgängerzone noch eine Skulptur, die einen Eseltreiber zeigt, der Korn (das Getränk!) für die Bergleute in den Harz transportiert.


Holzstamm im Schatten
Literflasche H2O
Mehr brauchts nicht zum Glück
Nachdem ich am Vorabend mit dem Zug aus Frankfurt angereist bin, vom Bahnhof in mein Hotel in der Nordstadt an der Weender Straße getippelt bin, dort in der Sauna schön geschwitzt habe, zum Abendbrot einen Flammkuchen gegessen habe und die drei Tore der ersten Halbzeit Deutschland gegen Schottland genossen habe und dann eingepennt bin, geht es heute an einem am Morgen vom Wetter her wenig verheißungsvollen Samstag los auf die Wanderschaft auf den Spuren Heinrich Heines.
Das Frühstück nehme ich in einer Fast Food Kette ein, wo ich um 8 der erste Kunde bin. Es wird bis zum Abend meine einzige Mahlzeit bleiben, Orangensaft, ein kleiner Bun mit Ei und gepresstem Würstchenfleisch, ein Croissant und ein Capuccino. Der Regen lässt langsam nach. Ich habe jede Menge WandergenossInnen, auf die ich aufpassen muss, um ihnen kein Leid zuzufügen.

Es eröffnen sich Ausblicke auf Weende, ich komme an einem Gatter mit Rehen vorbei, bin von dem Rot des langen Mohnstreifens am Feldrand hypnotisiert. Außer mir sind einige Radfahrer, Jogger und Gassigeher unterwegs. Hier entscheide ich mich, nicht Heines Route im Tal über Bovenden zu nehmen, sondern die beiden Burgen unweit des Weges mitzunehmen. Was natürlich heißt, dass es Auf und Ab geht, ich würde denken, der reizvollere Weg, ich habe ja auch mehr Zeit als Heine, der am ersten Tag angeblich 47 km von Göttingen nach Osterode ging, ich habe diese Strecke in zwei Etappen aufgeteilt.

Oberhalb von Eddigehausen steht die sehr gut erhaltene Burg Plesse. Ich komme von Süden durch den Wald über den steilen Eselstieg, den ich fast übersehe. Oben angekommen habe ich das ausgedehnte Burggelände mit Eingangstor, mehreren Türmen, Burghof, Kapelle, ehemaligem Herrenbau, heute Gaststätte, ganz allein für mich. Es ist windig hier oben, das Restaurant macht erst mittags auf. Die Sicht nach Nordwesten ist gut, es ist noch bedeckt, aber der Himmel wird sich im Laufe des Tages aufklaren.



Auf der Karte sieht es nicht weit aus, aber laut Maps sind es 7 km zu meinem nächsten Zwischenziel, der Burgruine Hardenberg, passenderweise waren wir ja vor kurzem auf der Burg Neuhardenberg 60 km nordöstlich von Berlin, wo ein anderer Teil der Familie Hardenberg später residierte. Ich komme etwas vom Weg ab, der durch Laubwald verläuft, ich muss durch den zugewachsenen Wald recht steil absteigen, mache eine Trinkpause im Restaurant Rodetal und komme schließlich nach Nörten-Hardenberg, wo ein größeres Reitertreffen stattfindet. Oben am Tor der Burgruine steht ein Schild, dass das Betreten verboten ist aufgrund von Einsturzgefahr, offensichtlich ein Witz. Hier ist auch eine Nebenstelle des Standesamtes, es hat sich eine Hochzeitsgesellschaft eingefunden, die gerade ihren Aperitiv nimmt. Oben steht ein älterer unscheinbarer Herr, der mich darauf hinweist, dass wir (!) hier nicht mehr lange bleiben können, weil die Hochzeitsfeiernden demnächst das Tor schließen werden, um ihre Ruhe zu haben. Ich bin mir ziemlich sicher, dass dies der Burgherr war, bin aber zu verdutzt, zu fragen. Bei Hardenberg wird es den Germanisten in den Ohren klingeln. Der früh gestorbene Romantiker Novalis gehört auch zur Familie, wurde aber auf einem anderen Gut der Familie in der Grafschaft Mansfeld geboren.


Von Nörten-Hardenberg sind es etwa noch 10 km zu meinem Etappenziel. Ich finde einen Wiesenweg, der teilweise am Waldrand nach Norden verläuft und mich bis kurz vor Sudheim bringt. Anschließend stoße ich auf die vielbefahrene B3, kann aber meist auf dem Grünstreifen zwischen Radweg und Straße unter blühenden, gut duftenden Linden laufen. Ich treffe dort außer Autos bis kurz vor Northeim niemanden.
Am Stadtrand ein weiterer Outpost der o.n.g. Fast Food Kette, wo ich unbedingt einen Milk Shake zu mir nehmen muss. Das Eis ist so kalt, dass ich beim Trinken mit dem Strohhalm hinter der Nase einen Kälteschock mit leichtem Kopfschmerz erleide, Anfängerfehler. Ich beobachte das Treiben im Restaurant, bin überrascht, dass die meisten ihre Bestellungen über die Displays aufgeben und nicht mündlich. Etwas spooky, aber evtl. sogar schneller, weil die Bestellungen oft ziemlich komplex sind. Außerdem fällt mir auf, dass insbesondere Frauen, die hier essen gehen, fast durchwegs vollschlank sind. Keine so wirklich überraschende Beobachtung.
In Northeim gehe ich in mein Hotel, dusche mich, leiste mir mehrere Weißbiere, gucke den Spaniern zu, wie sie die Kroaten vernichten und futtere nach einem Gang durch die schmucke Fußgängerzone voller Fachwerkhäuser am Münsterplatz Schnitzel mit Spiegelei und herrlich krossen Bratkartoffeln.
Die Füße spüre ich überraschend stark nach der Wanderung, habe leichten Muskelkater und einen ganz kleinen Wolf. Also eigentlich alles ganz normal nach dem ersten Wandertag.


Baumstamm im Schatten
Literflasche H2O
Mehr brauchts nicht zum Glück

Werde angeschnorrt,
Menschen reden ins Handy,
mit mir spricht keiner
[F-Hbf]
Sie hat mir gefehlt,
Deine Stimme voller Soul
Glad to have you back
Null Bock auf Gassi
Sie setzt sich in den Schatten
Kimba kneippt im Bach
Von ihnen bleiben
nichts als Erinnerungen
Die Gestorbenen
Der 2. Weltkrieg
Vom Osten der Republik
nie verarbeitet
Cover me, darling
Serge’s Wortspiele mit „ex“
n’ont pas pris une ride
[Françoise Hardy – Comment te dire adieu]
Bis zum Horizont
Der Weg eine Linie
Auf dem Seil tanzen
Dem Tod frohgemut
ins Auge hineinblicken
Der Wiener kann das
[Ludwig Hirsch – Komm großer schwarzer Vogel]
Einfach nur gehen
Fuß vor Fuß und Schritt für Schritt
Ganz im Hier und Jetzt
Hinter Magdeburg
rechts der Autobahn ein Feld.
Ein rotes Meer: Mohn!
Vor roter Ampel
auf stehendem Rad sitzen,
mit Lenker schlenkernd
Noch Potenzial
Eine Fremde anlächeln
Aus Lebensfreude
[Gianna Nannini – Sorridi]
Das Weltall besteht
im Wesentlichen aus Nichts
Ist das nicht traurig?
[Fennesz – Shisheido]
Mikadomäßig
das Rad herausgehoben
aus dem Radständer
Je mehr ich trinke,
desto mehr bin ich ich selbst,
dachte ich lange
Hinter den Ohren
für den Brillenbügelsitz
die Haare kürzen
Kurdischer Frisör
Versengte Ohrenhärchen
Zündplättchengeruch
Einst Pogo getanzt.
Heute gucken die Leute,
wenn ich sie streife.
In zwei Minuten
mehr sagen als die meisten
im ganzen Leben
[J. S. Bach – Das Wohltemperierte Klavier Präludium C-Dur (András Schiff)]
Mozarts Leichtigkeit
Bachs tiefe Harmonien
Liszts Unbändigkeit
—
Byrd’s unbeugsamer Glaube
Widor’s Orgelshownummer
[Kit Armstrong an Flügel und Orgel @Schinkelkirche Neuhardenberg]
Into the forest
Seen, fichtenumstanden
Farb- und Lichtspiele
Lichter Laubmischwald
Kranichpaar fliegt auf im Bruch
Wiesenweg zurück
—-
Ein See, von Schwänen bedeckt
Zeckenkopf rausgezogen
Unterzuckerung
Wenn Du kaum ansprechbar bist
Panikattacke