Schiffchen im Hafen
Wie glitzernde Smaragde
Kleinod, klitzeklein

Schiffchen im Hafen
Wie glitzernde Smaragde
Kleinod, klitzeklein

Und ja: Es ist Krieg.
Und nein: Worte reichen nicht.
Und ja: Wach jetzt auf!
[Die Nerven – Und Ja]
Zwei Menschen am Meer
Acrylfarben, zerlaufend
Segelboot vorm Wald
[Kronberger Malerkolonie: Transzendenz (Rüngeler, Hackemann, Reuter, Lioba Lang)]
Zehn Treppen hinauf
Blick über die Baumwipfel
Frankfurt bis Feldberg
[Niederhöchstadt – Viergötterstein – Stadion Neuenhain – Mammolshain – Hardtbergturm – Opel-Zoo – Mammolshain – Kronthal – Schafhof – Klärwerk Schwalbach – Niederhöchstadt, 12 km]

gimme triphop vibes
let’s dive into the club night
not a second lost
Erster Lauf im Jahr
Mehr geschleppt als gelaufen
Knie hat gehalten
Drei Häuser weiter,
wo mal ne Garage stand,
wohnen Liebetanz
[Can – Halleluwah]
Sie grooven sich ein
Ein Morgen, sonnig und kalt
Das Feuer lodert
[Lee Fields & the Expressions – Just Can’t Win]
Die Benommenheit
vier Stunden nach Einnahme
des Melatonins
Berner Sennenhund
gekreuzt mit Neufundländer
A puppy to watch
Eine sanfte Kraft,
die wahrscheinlich einen Krieg
beenden könnte
[10cc – I’m not in Love]
Vor vielen Jahren
habe ich in diesem Lied
Tag und Nacht gelebt
[Traffic – John Barleycorn Must Die]
Auf stillen Wassern
Wabernde Nebelschwaden
Ein Lichtstrahl bricht durch
[John Abercrombie – Timeless]
Der Blick der Hündin
rüber zum Haus von Scotty,
der schon lange tot.
In Gummistiefeln
und langsam auf vier Pfoten
den Bach überquert
Es blüht der Weißdorn
Tau auf den Weidekätzchen
Der Boden ein Schwamm
In der Rotphase
Mit Zylindern jonglieren
Den Hut aufhalten
Das Kohlmeisenpaar
Moostransport vom Apfelbaum
ins Vogelhäuschen
—
Zuhause ist man dann, wenn
man sich eingerichtet hat
Liegen. Augen zu.
Die Atemzüge zählen.
Mit mir verschmelzen.
Ein schwankendes Schiff
bei völliger Windstille
It’s the age, stupid!
Wenn gegen Ende
die Geige beschleunigt und
gen Himmel abdreht
[Roxy Music – Out of the Blue]
Die ersten Schritte
nach dem Aufstehn ein Humpeln
seit drei Monaten
Ich hätte jetzt gern
eine Bundeskanzler:in
mit Kriegserfahrung
we are approaching
an ultimate level of
sophistication
[The Smile – Bending Hectic]
Unter den Sohlen
Aus dem Nichts in der Hornhaut
Kleine Orgasmen
Ein leichtes Tröpfeln
Die Natur für uns allein
dank Regenradar
Am frühen Morgen
musikalisch richtig fest
umarmt zu werden
[Khruangbin – May Ninth]
Aus Legosteinen
gemeinsam ein Haus bauen
und dann drin wohnen
[Kurt Rosenwinkel – Use of Light]
Es gibt Lieder, die
mich einfach nur plattmachen,
wie ne Dampfwalze
[Mary Timony – Valley of One Thousand Perfumes]
Straßenmusiker
und Bettler mit zwei Hunden
teilen brüderlich
Der Morgenländer
Augen weit aufgerissen
nach meinem Anblick
[Stadtallendorf]
Auf dem Wiesenweg
Oben zwitschern Feldlerchen
Links und rechts Acker
Ein Frühstückspläuschchen
Genug Flüssigkeit getankt
Es kann losgehen
Bitte Tür schließen
steht an der Kirchenpforte
Doch die Tür ist zu
Der Morgennebel
Die Konturen der Bäume
Eine Welt entsteht
Nach Glockenschlägen
morgens um 6 Entspannung
In Halbschlaf gleiten
Menschen stehen an
Es gibt Bratwurst mit Pommes
Ein Duft, der betört
Heute der vorletzte Tag mit der kürzesten Etappe. Trotzdem kein Zuckerschlecken. Eine gewisse Fasten- und Wandermüdigkeit macht sich im Laufe der Etappe bei mir breit. Die Waden ziehen, die Kniee sind eingerostet, Anfechtungen machen sich bemerkbar.
Das Frühstück sehr übersichtlich, leider kein Tee – das ist ein Problem für den Flüssigkeitshaushalt, wer trinkt schon einen Liter Wasser frühmorgens, ich nicht – aber etwas exotisch. Kombucha mit Ingwer. 2,4% Zucker, mit Kohlensäure, brennt etwas.

Geschichtsexkurs: Vor dem 2. Weltkrieg war Stadtallendorf noch ein Dorf mit 1.500 Einwohnern. Während des Krieges wurde es dann laut dem Dokumentationszentrum der größte Rüstungsindustriestandort Europas. Zwangsarbeiter aus vielen Nationen produzierten Sprengstoff für die Wehrmacht. Nach dem Krieg ließen sich viele Vertriebene in der Region nieder. Es siedelten sich diverse Industrieunternehmen an, was zu einem Wirtschaftsboom führte. Von den heute über 21.000 Einwohnern sind etwa ein Viertel Muslime.
Es geht halb zehn los, ich lasse mir viel Zeit, bin nicht motiviert. Draußen bin ich erst einmal desorientiert, laufe in die falsche Richtung, aus der ich gestern gekommen bin. Muss erst wieder den Weg finden, da ich etwas abseits bin. Das Wetter bedeckt, es muss geregnet haben, ein Gefühl der Klammheit. Temperaturcheck 8 Grad. Bingo!
Der Weg nach Westen ist leicht kurvig und abschüssig und läuft zwischen den Feldern lang. Man hat eine weite Sicht über die Felder und Wiesen. Aus einer Asphaltstraße wird ein Feldweg, der sehr angenehm zu gehen ist. Meine Anwesenheit scheucht die unauffälligen hellbraunen Feldlerchen auf, die tirillierend durch die Lüfte schweben.
Nach knapp einer Stunde komme ich in Langenstein an, benannt nach dem 10 t schweren, über 5 m hohen Menhir aus der Jungsteinzeit, wohl einer der Größten Deutschlands.

Die schnucklige Jakobuskirche weist eine Besonderheit auf. Ein freischwebendes zweischichtiges und zweifarbiges Netzgewölbe im Chorraum. So etwas gibt es in Deutschland nur noch in Frankfurt (St. Leonhard) und in Meisenheim.

Als ich aus dem Ort heraustrete, fällt in der Ferne ein die Landschaft dominierender Hügel mit einer Kirche drauf auf. Es ist mein Etappenziel, Amöneburg. Einerseits ist es schön, sein Ziel so direkt vor Augen zu haben, man kann einschätzen, wie weit es weg ist. Andererseits zollt es einem natürlich auch Respekt ab, insbesondere die erhöhte Lage, da ist noch etwas physikalische Arbeit angesagt heute.

Mein Tempo ist heute gemächlich, ich bin um 14 Uhr im Hotel angemeldet, acht km in drei Stunden, die Zeit läuft nicht weg.
Ich gehe nun weiter zwischen Feldern und Wiesen, komme bald zum nächsten Ort, Kirchhain, den ich mehr oder weniger komplett durchqueren muss. Das Autokennzeichen ist hier jetzt MR für Marburg. In der nach 1945 wiederaufgebauten katholischen Elisabethkirche stempele ich in der Taufkapelle meinen Pilgerausweis, in dem noch Platz ist, pro Tag kriege ich meist mehrere Stempel zusammen.
Neben dem Standesamt steht eine längere Schlange an einem Imbiss, wo es Bratwurst mit Pommes gibt an. Mir läuft das Wasser im Mund zusammen. So langsam beginne ich mich sehr auf das Ende meines Fastenintermezzos zu freuen.

Aus Kirchhain raus geht es über die recht stattliche Ohm im Zickzack über Felder und Wiesen. Eine Gruppe von Landschaftspflegern macht ein Feuer. Es geht nun spürbar aufwärts, ich komme ins Schwitzen, ziehe die Jacke aus und binde sie mir um.

Nach gut der Hälfte des Anstiegs lächelt mich eine Liegebank an und ich kann nicht widerstehen. Vor meinen Augen ein grüner, rundlicher Hügel mit Steinen und Gebüsch drauf. Es hat etwas Künstliches, Steingartenartiges. Auf jeden Fall entspannend.

Oben angekommen, habe ich noch eine halbe Stunde Zeit und entscheide mich für den Mauerrundweg.

Man muss wissen, Amöneburg liegt komplett oben auf dem Hügel und wird zu großen Teilen auch heute noch von einer Stadtmauer umgeben. Der Weg bietet Ausblicke nach Kirchhain, wo ich gerade herkomme und nach Stadtallendorf, wo ich übernachtet habe. Es gibt einige Tore zu sehen sowie die alles überragende katholische Stiftskirche von 1871.

Der Blick nach Westen gibt einen Ausblick auf den Charakter der morgigen, letzten Etappe. Viel Grün, viel Natur, kaum Orte. Marburg ist von hier noch nicht zu sehen.

In der geräumigen Stiftskirche fällt mir auf, dass ich, wenn ich mich recht erinnere, in keiner Kirche, die ich auf dieser Wanderung bisher besucht habe, auch nur eine Menschenseele getroffen habe. Das scheint mir doch schon sehr bezeichnend.
Den Elisabeth-Altar hinter dem Hochaltar finde ich genauso wenig wie den Pilgerstempel. Dafür eine Elisabethfigur, ich glaube, die erste, die ich im Blog präsentiere.

Ich schrieb es bereits, dies ist eine geschichtsreiche Region. 721 soll der angelsächsische Benediktinermönch Bonifatius sein Missionswerk mit einer Klostergründung hier begonnen haben. Wenn man der Statue Glauben schenken darf barfuß, knapp 50 Jahre alt und 1,80 m groß.

Nach dem Rundgang begebe ich mich ins Hotel, meine letzte Nacht auf dem Elisabethpfad möchte ich genießen.

Hier der Etappenüberblick über meine Fastenwanderung auf dem Elisabethpfad von Eisenach nach Marburg im Februar 2024.
Menschen stehen an
Es gibt Bratwurst mit Pommes
Ein Duft, der betört
Frau entschuldigt sich
Ihr Setter am Grundstückszaun
hat mich angebellt
„Hallo Einsamkeit,
Du bist die Einzige, die
mich nie allein ließ“
[Mary Timony – The Guest, verkürzt übersetzt]
Der Wind übertönt
das Brummen/Rauschen/Brausen
der Windradflügel
Ein goldgelber Strahl
Nicht besonders ergiebig
Du musst mehr trinken!
Der kleine Junge
auf der anderen Seite
rennt und ruft: „Hallo“
Schneeglöckchen sprießen
Die ersten Gänseblümchen
Die Gänse turteln

Windräder in Schwung
Im Wind wehende Blätter
Den Wind im Ohr
Knisternde Blätter
Im Wald klingelt ein Handy
Zwitschernde Vögel
Die Verdauung still
Das Geräusch der Fußschrite
Der Geist auf Touren
Der Einlauf reinigt
Die Riemen festgezogen
Die Sonne blinzelt
Unter den Füßen
flitzt der Weg weg. Allmählich
wechselt die Landschaft.
Nieselregen, mild
Gespräche am Wegesrand
Pausen genießen
Karamellfarben
Der köstliche Mangosaft
mit den Fruchtstücken
Wieso grüßen mich
manche Leute nicht zurück?
Nächstes Mal frag ich
Aus der Hecke tönt
ein vielstimmiges Konzert
Die Sänger versteckt
Langsam ansteigend
Der kalte Wind ins Gesicht
Der Weg schnurgrade
Wache nach unruhiger Nacht um 5 auf. Die kalte Dusche ist so richtig kalt, wie ich es liebe. So geht Aufwachen. Ich trinke zwar Mineralwasser und Rhabarbersaft zum Frühstück, vergesse jedoch in die Küche zu gehen und mir einen Tee zu kochen. Das Ergebnis: Ich bin schon durstig, bevor ich überhaupt losgehe. Um zehn vor acht bin ich unterwegs. Es scheint über Nacht geregnet zu haben, jetzt ist es nur noch bedeckt. Die Sonne wird sich den ganzen Tag verstecken, aber es wird trocken bleiben.
Aus Spangenberg raus gehe ich an der munter vor sich hinströmenden Pfieffe und komme an einem längeren Komplex vorbei, einer Sägenfabrik. Der geteerte Radweg anschließend, der in etwa parallel zur Bundesstraße verläuft, ist wie Kanonenfutter für meine Füße, heute drehe ich auf. Das ist auch gut so, denn ich gehe heute zwei Etappen, weil ich nur eine Woche Zeit habe. Heute ist übrigens Halbzeit.
Über uns drei Wildgänse, die ihren Schwarm verloren haben. Ich treffe mehrere Hundebesitzer und muss feststellen, dass die Kackbeutel hier gerne an den Wegrand gestellt werden. Ich sehe 5 solcher Beutel. Ich hoffe mal, die Müllabfuhr kümmert sich drum.
In Mörshausen besuche ich die etwas muffig riechende romanische Kirche aus dem 12. Jahrhundert, stempele den Pilgerausweis und schaffe es, die größte Attraktion, den Schmerzensmann, eine gotische Säule im dunklen Kircheninneren nicht zu sehen. Kann es sein, dass romanische Kirchen generell innen dunkler sind als gotische Kirchen? Angesichts der Fenstergrößen scheint mir das plausibel.


Auch hinter Mörshausen geht es auf einem asphaltierten Weg weiter. Es ist nur leicht wellig. In Adelshausen passiere ich erst einen Trupp Männer mit Warnwesten. Dann stoße ich auf eine Hinweistafel an einer Brücke. Es stellt sich raus, dass hier früher die Kanonenbahn von Berlin nach Metz passierte. Es ist die Bahn, die nach dem 1870/71er Krieg mit Frankreich gebaut wurde, um die Hauptstadt besser mit dem Westen des Deutschen Reichs zu verbinden. Einen anderen weiter westlich gelegenen Streckenabschnitt dieser Bahn, der z.T. in den Berg hineingebaut gewesen war, hatte ich vor einigen Jahren auf einer Radtour mit meinem Vater an der Mosel gesehen.
Wie mich eine zweite Hinweistafel lehrt, bin ich hier auf der historischen Straße Die Langen Hessen, die insbes. für den Güterverkehr zwischen Eisenach und Frankfurt genutzt wurden. Die Kurzen Hessen verlaufen über Alsfeld (Vogelsberg) und sind zwar eine Abkürzung, aber dafür der beschwerlichere Weg.

Hinter Adelshausen erstreckt sich das ausgedehnte Fabrikgelände einer Pharmafirma, das noch erweitert wird. Vor mir in großer Höhe kreist ein Greifvogel, wahrscheinlich ein schwarzer Milan. Es geht nun über die B83 an einem Kreisverkehr zur Domäne Fahre. Hier steht ein Eier- und Getränkeautomat, den ich mir ansehe. Es gesellt sich nun eine Appenzeller Sennenhündin zu mir, die mich ausgiebig beschnüffelt, etwas scheu ist, mir aber folgen möchte, wobei ich ihr klarmachen kann, dass das keine gute Idee ist. Love at first sight.

Hinter der Domäne komme ich zu den Fuldaauen, die Fulda ist hier ein schnell fließendes Flüsschen. An einem der vielen Klärwerke vorbei und über die Fuldabrücke geht es nach Malsfeld rein und die erste kurze Flachetappe von 12 km ist beendet, ich gönne mir eine Rast. Heißgetränke gibt es nur in der Supermarktkette. Allerdings ist der Tee aus. Wir lösen die Sache dann so, dass ich einen Pott heißes Wasser bekomme, den ich eigentlich nicht bezahlen darf, dann aber doch in Form eines Trinkgelds bezahle. In den Pott senke ich dann meinen eigenen Teebeutel.
Die Malsfelder Kirche gehört zu den Offenen Kirchen, eine Initiative, die ich immer mehr zu schätzen weiß, weil ich inzwischen in fast jede Kirche am Weg versuche, hineinzugehen und oft überrascht bin, was es dort alles gibt. Vom Gästebuch zu Teelichtern bzw. Kerzen, die man gegen eine Spende anzünden kann über Pilgerstempel, Papier für Bitten/Wünsche/Kritiken etc., die man einwerfen kann, Mineralwasser, 2nd hand Bücher, Luftpumpen und Flickzeug, Spielzeug für Kinder, Wetterstationen, Steckdosen (wichtig fürs Handy) etc. Es ist jedes Mal wie eine Wundertüte. Heute bekam ich sogar eine Hundepostkarte (mit Bibelvers) für 20 Cent.

Von Mörshausen ging es auf einem Schotterweg hoch nach Dagobertshausen, ein langsamer, schnurgerader Anstieg mit einer kühlen Brise von vorne. Links und rechts Felder. A propos, die Gegend ist eines der ältesten Siedlungsgebiete in Deutschland. Ein wichtiger Grund ist die Fruchtbarkeit der Böden. Dagobertshausen begrüßt mich schelmenhaft.

Der rote Kübel ist für mich ein bisschen wie ein Madeleine für Proust. Ich fuhr so eine Karre, natürlich in Tarngrün 1983/84 bei der Bundeswehr. Was für ein Schrottauto. Auf der Autobahn konnte man nicht mehr als 90 fahren, weil alles wackelte und einen Heidenlärm machte. Die Lenkung hatte weit über 90 Grad Spiel, Servolenkung gab es damals noch nicht. Ganz schlimm waren die abgedeckten Notlichter. Im Wald bei Übungen gaben die weniger Licht als ein Streichholz. Dass ich nie gegen einen Baum gefahren bin, ein Wunder. Das Verdeck habe ich nur selten zum Cabriofahren im Kofferraum versenkt. Ölwechsel und Inspektion inkl. Ölfilter wechseln, musste man natürlich selber machen. Festgefahren habe ich mich auch einmal, wurde vom Koffer (Unimog) aber wieder aus der Matsche gezogen. Ich bin dann bei der Marke geblieben, habe jedoch modernere, zivile Modelle bevorzugt.

Es sind jetzt keine 100 km mehr zum Ziel. Also auch auf der Entfernungsskala Halbzeit.

Es geht nun hinauf bis zum Waldrand. Am Scheitelpunkt öffnet sich ein phantastisches weites Panorama mit dem langen Gebirgszug des Hohen Meißner im Hintergrund. Die Landschaft hat etwas Magisch-Märchenhaftes.

Gut vernehmlich ist auch schon ein Rauschen aus dem Tal, dass anschwillt, je weiter ich vorangehe. Es ist die A7, meine erste Autobahnüberquerung auf dieser Wanderung. A propos Autos, das hiesige Kfz-Kennzeichen ist seit geraumer Zeit nicht mehr ESW für Eschwege sondern HR für Homberg oder MEG für Melsungen. Beide Kennzeichen gehören zum Schwalm-Eder-Kreis.

Es geht weiter mit den geraden, ansteigenden Wegen, hier ein Blick zurück.


Vom Segelflugplatz am Mosenberg (402 m) geht es hinunter nach Homberg, allerdings verpasse ich einen Abzweig und bewege mich in Richtung des Nachbarortes Mardorf. Ich muss jetzt mühsam auf den geraden Feldwegen Zickzack laufen, z. T. sogar wieder bergauf, um schließlich nach Homberg zu kommen.
Eine wichtige Person für Hessen ist Philipp der Gutmütige, der 1526 die Homberger Synode einberuft, wonach mehr oder weniger ganz Hessen evangelisch wurde.

In Nordhessen sind Fachwerkhäuser sehr verbreitet, insbesondere in Homberg, wo der Markt von der Stadtkirche und diversen herausgeputzen Fachwerkhäusern eingerahmt wird. Hier befindet sich mit dem Gasthaus Krone von 1480 eines der ältesten Gasthäuser Deutschlands.

In Homberg komme ich leider etwas zu spät für die Kirche, die um 16h schließt. Ich kaufe ein paar exotische Säfte (Banane/Mango) im asiatisch ausgerichteten Tante Emma Laden direkt am Markt. Die Fachwerkhäuser sind zum Teil von Migranten bewohnt. Anschließend gehe ich zur Supermarktkette, um die Wartezeit rumzukriegen bis meine Landlady nach Hause kommt und trinke grünen Tee.
Hier der Etappenüberblick über meine Fastenwanderung auf dem Elisabethpfad von Eisenach nach Marburg im Februar 2024.
Langsam ansteigend
Der kalte Wind ins Gesicht
Der Weg schnurgrade
Fasten. Autark sein.
Leben von den Reserven
Sich selbst auffressen
Aufrechter gehen!
In Augenhöhe gucken!
Dann verpasst man nichts.
Wach und federleicht
Ich fliege über den Weg
Mit leerem Magen
Schnurgeradeaus
Der einsame Wanderer
Bergauf. Der Wind kühlt.
Gefallne Blätter
Vom Wanderstock aufgespießt
Meine Copilger
Diese Nacht fünfeinhalb Stunden bis 4h30 durchgeschlafen, es wird langsam besser. Die Dusche mit alten Drehhähnen, mit denen man perfekt kaltes und heißes Wasser mischen kann. Ich lasse mir heute morgen Zeit, die Etappe ist ja nicht so lang. In der Barecke kann ich mir Wasser für grünen Tee kochen. Vorher gibt es Rhabarbersaft. Sozusagen English Breakfast für mich heute.
Ich ziehe kurz vor 9 los. Es ist knackig kalt, jetzt um den Gefrierpunkt, in der Nacht bis – 2, die Autoscheiben sind mit dickem Eis überzogen. Mir ins Gesicht scheint die Sonne, ideales Wanderwetter! Ein Mann mit einem lebhaften Deutsch Kurzhaar sagt mir, dass mich schöne Ausblicke vom Kamm, auf dem ich gehen werde, erwarten.
Kaum habe ich die letzten Häuser hinter mir gelassen, sehe ich auf dem Anstieg in den Wald vor mir zwei junge Rehe. Ich versuche mich anzupirschen, aber in ca. 100 m Entfernung nehmen sie Reißaus nach links ins Gebüsch. Es folgen noch zwei weitere Jungrehe.

Es geht weiter bergauf in Richtung Taufstein (461 m). Andere Wanderer treffe ich heute auf den 9 km bis Reichenbach nicht. Ich mache immer wieder Fotos, checke die Wander-App, lasse mir Zeit, genieße den Weg und die Aussicht.

Am Wegesrand wie auch schon gestern „Kunstwerke“ unter dem Rubrum Ars Natura, teilweise mehr, teilweise weniger gelungen. In einigen Fällen erkennt man das Kunstwerk nicht, weil es Natur ist, z. B. Baumstümpfe, drapierte Zweige etc. Recht originell und treffend fand ich die Baumsprüche.

Kurz vor Wollstein höre ich Vogelschreie über mir. Es ist eine kleine Schar von Wildgänsen, die nach Osten zieht. Die Rastbänke am Rande des Weges sind manchmal mehr und manchmal weniger einladend.

In unmittelbarer Nähe des Klosters Marienheide in Wollstein, das die „Schwestern von Bethlehem…“ beherbergt, überfliegt mich ein Militärhubschrauber in etwa 30 bis 40 m Höhe. In der Nähe des Aussichtspunkts mit Blick auf das einsam gelegene Kloster steht ein überdimensionales Metallkreuz auf der Wiese.

Als ich aus dem Wald herauskomme, blicke ich mich um und kann mir ein Schmunzeln nicht verkneifen. Draußen in der Natur ist auch das beste Navi immer noch häufig völlig verloren.

Ich komme nun zum Grenzstein von Hessisch-Lichtenau, wo mir plötzlich bewusst wird, dass es mir insbesondere an den Händen friert. Die Sonne ist unter den Wolken verschwunden und der Wind ist eisig und weht heftig. Ich habe doch tatsächlich meine Handschuhe vergessen. Ich versuche es mit den Zweitsocken, aber das macht die Hände zu unbeweglich. Schließlich nehme ich den Stock unter die Achsel und tue die Hände in die Hosentaschen.

Auf dem Boden liegen plötzlich tausende von Hülsen auf dem Weg rum. Nach genauerem Hinschauen dämmert es mir. Es sind die Fruchtbecher von Bucheckern, die ich bestimmt seit 45 Jahren nicht mehr bewusst wahrgenommen habe.

Richtig ziehen tut es bei den großen Steinen, einem bizarr geformten Steinblock aus Dolomit.

Noch eines der für meine Begriffe interessanteren Werke aus der Reihe Ars Natura:

Ich komme nun in den Ort Reichenbach, der fast auf der Hälfte meiner heutigen Etappe liegt. Menschen treffe ich hier keine. In der ursprünglichen Klosterkirche, die 1207 von den örtlichen Grafen an den deutschen Orden verschenkt wurde und damit dessen erste bedeutende Niederlassung auf deutschem Gebiet war, zünde ich ein Teelicht an und stemple den Pilgerausweis. Hinter dem Altar sind Wandzeichnungen mit Bibelszenen.

Ich entdecke eine Seite mit Hinweisen und Ratschlägen zu einem guten und abgeklärten Leben. Ich glaube, das kann man fast alles auch als Nichtchrist bzw. sogar Nichtgläubiger unterschreiben. Den Text durchzieht eine große Demut, aber auch eine Würde und ein Pragmatismus.

Im Zentrum von Reichenbach stehen diese Milchkannen, ich hatte das Bild auch schon in meinem Führer gesehen.

Hinter Reichenbach geht es in den Wald auf zum Teil matschigen Wegen hinauf auf den mit 522 m höchsten Punkt der Etappe, den Schlossberg mit der Burgruine Reichenbach, deren Turm durch die Spende eines Reichenbachers überdacht werden konnte. Der Blick geht bis zum Hohen Meißner, bei dem mich mal wieder stutzig macht, dass er mit 753 m noch nicht mal so hoch ist wie „unser Hausberg“, der Altkönig.

Der Hohe Meißner gilt als die Heimat von Frau Holle aus dem Märchen der Gebrüder Grimm. So erklärt sich auch der Name der folgenden Skulptur. Man fragt sich, was die Dame da auf dem Kopf trägt, übliche Kopfhörer scheinen es nicht zu sein, evtl. Fernkopfhörer? Eventuell ist es andersherum und sie sendet nach außen. Vielleicht ist es auch einfach nur ein Geweih. Oder ein gewölbter, am Hinterkopf befestigter Knochen. Fragen über Fragen.


Und vergesst mir bitte die Tiere im Wald nicht. Die wollen auch mal schlafen und äsen…

Bei der folgenden Holzskulptur hatte ich geraten, dass sie eventuell Zungenkuss heißen könnte, aber dem war nicht so.

Am Ende der Wanderung sehe ich etwas Haariges auf dem Boden liegen. Es scheint kontraintuitiv zu sein, Haarkleid ausgerechnet im Winter abzuwerfen. Aber was verstehe ich schon von der Welt.

In Spangenberg komme ich schnell zu meiner Privatunterkunft mit sonnigem Zimmer im 2. Stock. Hier wird mir neben einer dem immer durstigen Wanderer natürlich sehr willkommenen Flasche Mineralwasser auch eine Flasche Flens offeriert.
Es hat sich übrigens bei mir nach dem Trinken von zwei Gläsern des Sprudels die Verdauung zurückgemeldet. Man glaubt nicht, was sich nach 5 Tagen Fasten noch so alles im Darm befindet. Auf jeden Fall werde ich morgen noch einmal um gut ein Pfund leichter auf die über 30 km lange Etappe nach Homberg/Efze gehen. 😉
Hier der Etappenüberblick über meine Fastenwanderung auf dem Elisabethpfad von Eisenach nach Marburg im Februar 2024.
Na, klare Pfütze
Was willst DU mir wohl sagen?
Alles sinkt hinab

Na, trübe Pfütze
Was willst Du mir nur sagen?
Du bist so schön rund

Mit klammen Fingern
DEN Reißverschluss aufziehen
und dann zumachen
Nur kleine Schlücke
aus der Pulle mit Wasser
Grade mal vier Grad
Bohrende Frage
tief in den Eingeweiden
Habe ich Hunger?
Gefallne Blätter
Vom Wanderstock aufgespießt
Meine Copilger
Das war die bisher anspruchsvollste Etappe, 3 Berge, 600 Höhenmeter und bestimmt 2 km länger, weil ich jeweils zum anderen Ende des Ortes musste.
Geschlafen von 11 bis 4, danach gewälzt. Trotz des Fastens habe ich morgens Reflux, der mich aufweckt. In der nächsten Apotheke werde ich mir Heilerde und Melatonin kaufen. Längeres Gesprach mit der Gastgeberin, die mir grünen Tee kocht. Sie kommt aus Thüringen und ich bin mir recht sicher, welche Partei sie wählt. Aber sie scheint mir zumindest zuzuhören. Sie hat nach der 4. Impfung „schlimm“ Corona gekriegt, dann Long Covid. Impfen ist für sie gestorben. Findet die grünen Minister gar nicht gut. Und Krieg auch nicht, wieso hören die nicht endlich auf? Außerdem bewegt sie die Inflation. Kroatien ist seit der Euro-Einführung so teuer geworden… Und die nicht klappende Integration der Asylanten. Ein etwas schwieriges Gespräch.
Ich komme erst um 9 los, es gibt gleich einen kleinen Schauer. Der Weg verläuft außenrum auf der Straße, während man über einen steinigen Weg eine Abkürzung gehen kann. Man fragt sich, was die Wegmacher geraucht haben. Es geht nun unter kahlen Laubbäumen auf einem weichen Blätterteppich durch den Wald, immer bergauf bis zur Ruine Boyneburg, dem Dach der heutigen Etappe mit 508 m. Hier spielt die Sage Das Fräulein von Boyneburg der Gebrüder Grimm mit drei Schwestern, von denen sich die Jüngste nach der Weissagung vom Blitz erschlagen lässt, um ein fürchterliches Gewitter zu beenden. Ihr zu Ehren wird heute noch eine Brotspende zu Himmelfahrt verteilt. Man kann sich sehr gut vorstellen, dass der Blitz besonders gerne in diese völlig exponierte Burg einschlägt.

Auf dem Abstieg fällt auf, dass zum einen die Markierung des Elisabethpfades lausig ist, was mir eigentlich egal ist, da ich die Wander-App E-Walk nutze. Aber man hat halt auch ganz gerne die Bestätigung aus der real world, dass man on track ist. Andererseits ist der Pfad an einigen Stellen von Baumstämmen und Ästen blockiert. Kurz vorher wies eine Tafel darauf hin, dass der Wald hier sich selbst überlassen wird, das Ergebnis ist undurchdringliche Wildnis. Ich gehe weiträumig herum. Zudem ist der Waldboden sehr weich und rutschig.


Beim weiteren Abstieg nach Wichmannshausen komme ich mit einem Hundebesitzer ins Gespräch, der mir vom neuerlichen Drama der seit Jahrzehnten im Bau befindlichen A44 erzählt. Der Tunnel unter der Boyneburg ist fertig, wird aber noch nicht befahren, da ein anderer Tunnel neu ausgeschrieben werden muss. Er glaubt nicht daran, dass er bei Lebzeiten noch auf der Autobahn bis Eisenach fahren wird können, er ist 63.
Wichmannshausen, das in einem Talkessel liegt, wird außerdem von drei Bundesstraßen und der Bahnstrecke Göttingen-Bebra durchzogen. Zur Ruhe kommt man hier nicht.
Ich bin begeistert von dem Innenraum der Wichmannshäuser Kirche St. Martin. Ein blauer Himmel, zwei weiß-rot bemalte Holzemporen, eine schmucke Kanzel, ein Altarraum, der durch eine durchbrochene Wand getrennt ist vom Besucherraum.

Im hinteren Bereich der Kirche eine Kopie – das Original ist in der Gedächtniskirche in Berlin – der Madonna von Stalingrad von Kurt Reuber, der hier bevor er an die Ostfront als Truppenarzt eingezogen wurde, Pfarrer war.

Von Wichmannshausen geht es nun auf einem geteerten Radweg nach Hoheneiche, wo ich vor der Kirche mit der Elisabethpforte mein Saftmahl einnehme. Die Sonne ist jetzt rausgekommen, die Temperatur fast 10 Grad.

Der Weg zieht sich nun durch den Wald. Ich komme gut voran. Vom Alpstein (398m), der 2. Erhebung des Tages gibt es eine wunderbare Sicht nach Norden zum nächsten Zwischenziel, Kirchhosbach. In der nahegelegenen Hütte hängen gestrickte Köstlichkeiten.


In der Kirche von Kirchhosbach hole ich mir den schönen Pilgerstempel. Im Gästebuch ist der letzte Eintrag vom Oktober, ich bedanke mich kurz. Interessant, was die Kirchhosbacher so gelesen bzw. gesehen haben. Der geräumige Bücherschrank enthält u. a. zwei Kundera, Queneau, Ulla Hahn und eine Wander-DVD.

Im Wald liegen bzw. stehen diverse Kunstwerke, bei denen man sich zuweilen fragt, ob die Natur das nicht viel besser kann (s. o.).

Vom Wald ist an vielen Stellen nicht mehr viel zu sehen, Bäume sind aufgrund von Unwettern umgestürzt bzw. in großem Stil gefällt worden. Das sind zum Teil fast schon apokalyptische Bilder. Das Holz wird zum großen Teil als Brennholz genutzt oder über Kassel nach China verschifft, wie mir gesagt wird.


Die letzte Anhöhe ist der Mäuseberg mit 415 m, neben der Centbuche, wo sich sieben Wege kreuzen. Von hier geht es nur noch bergab nach Waldkappel, wo ich mir im Getränkemarkt noch neue Säfte besorge. Die Wolken werden dunkler, es fängt an zu regnen, aber ich komme fast trocken in meiner Unterkunft am Ortsende an. Meine 87 jährige Gastgeberin begrüßt mich als ersten Pilger des Jahres. WLAN gibt es hier nicht und LTE und Handy funktionieren nur draußen auf der Terrasse. Die Temperatur sinkt auf drei Grad.
Hier der Etappenüberblick über meine Fastenwanderung auf dem Elisabethpfad von Eisenach nach Marburg im Februar 2024.
B7, Züge
Wichmannshausen. Talkessel.
A4-4 Tunnel
Dieses Gejammer
Was will sie, die Ilsebill?
Es geht uns zu gut
Der Waldweg ein Bett
Rotbraune, feuchte Blätter
Die Füße juchzen
Niemand unterwegs
Die ganze Welt gehört mir
Und den Piepmätzen
Die Schlücke kauen
Sauerkirschsaft, süß-sauer
Dann grüner Tee. Los!
Eine Kohlmeise
zwitschert hoch oben im Baum
Wo genau sitzt sie?
Wandern und Fasten
Täglich ein paar Gramm leichter
Gleich hebe ich ab!
Wie ich auf Wandrer
neidisch war als Radfahrer,
wenn es steil hoch ging
Stimmen hinter mir
Quietschende Regenjacke
Als wärs ein Seufzen