Die Ampel noch rot
Den Lenker hin und her schwenkt
der Rennradfahrer
Ein Hund blickt dich an.
Er hebt die Augenbrauen
mit einem Muskel.
Die Ampel auf rot.
Der Hund blickt hoch zum Frauchen.
Da, ein Leckerli!
Im Schlaraffenland
Ladungen von Eiweißen
fliegen in den Mund
Ein Bett aus Saiten
Plötzlich ist alles so klar
Wir tanzen im Kreis
[Saif Al-Khayyat – Hakimi]
Was ist eigentlich
aus dem Frühling geworden?
Nach Winter Sommer.
Gleich schnell laufen
für ne halbe, ne ganze,
anderthalb Stunden
Faustdick überrascht
Erst hinterrücks von ner Frau
dann von einem Mann
Mit gesenktem Kopf
Zwei Flüchtlinge auf dem Weg
Sie grüßen zurück
Das Meeresleuchten
hat der Idiot am Schluss
ganz für sich allein
[Christian Petzold – Roter Himmel]
Frankfurt, Hauptwache
Samstagabend. Sprachgewirr.
La jeunesse dorée
Nach der Siesta
Die Ohren noch jungfräulich
Musik wirkt direkt
Ménage à quatre
Haus im Wald nahe Ostsee
Der letzte Sommer?
[Christian Petzold – Roter Himmel]
Ein schwarzer Umriss
ganz weit oben am Himmel
Der Schwarzmilan kreist
Zwei Amseln fliegen
zwischen Apfelbaumzweigen
gerade hindurch
On-Ear Kopfhörer
Wahrnehmungsverweigerung
von jungen Leuten
An die Synapsen
andockende Gitarren
Cover me, Babe!
[William Tyler & The Impossible Truth – Highway Anxiety / Radioactivity (Live)]
Die warme Dusche
vor der Kalten nicht nötig
Gasbrenner defekt
Eine Injektion
mitten rein in die Seele
Warmer Liebesstrom
[Ben Watt – That’s the Way Love Is]
Auf dem halben Weg
geht Kimba ins hohe Gras
und lässt sich fallen

Sechsundvierzig Mal
Jonglieren auf einem Bein
Noch ganz am Anfang
Über die Straße
in die leere Baustelle
huscht das Eichhörnchen
Durch das hohe Gras
Zwei Hunde ebnen den Weg
Blütenstaubwolken
Auf Schwellen liegend
S-Bahnstrecke nach Kronberg
Ein Fuchs, mausetot
Das Gras hoch, benetzt
vom Morgentau, die Hunde
darin versunken
Blick und tiefer Fall
in deine Nasenlöcher.
Drei Uhr. Aufgewacht.
Zum Verständnis der vergangenen Faunenwechsel, wie der massive Austausch von ganzen Artengemeinschaften innerhalb eines relativ kurzen Zeitraums auch genannt wird, ist es wichtig zu wissen, dass wir heute erdgeschichtlich gesehen in einem Eiszeitalter leben, wenn auch in einer Warmphase. Mehrere solcher meist zehn- bis fünfzehntausend Jahre währenden warmen Klimaperioden liegen hinter uns, auf die jeweils etwa zehnmal so lange Kälteperioden folgten.
Jan Haft – Wildnis, S. 47
Ganz tief im Wald drin
Die Wunderwelt der Töne
Manchmal verstörend
Amsel und Traube
Moony rast durchs hohe Gras
Professor schämt sich
Wir wollen feiern,
dass du endlich dreißig bist
Wir wollen feiern
[Katharina Schwerk – Reden umgetextet von Amelle]
Neben dem Hochhaus
hinter den kahlen Bäumen
glitzert Plöner See
Sonne konzentriert
Dreiundsechzig Pro Zucker
Süße Versuchung
Schärfung der Sinne
nachdem man körperlich bis
an die Grenze ging
Der Trost der Worte
Der Trost der Stimme/Stille
Der Trost der Musik
Auf dem Drahtesel
vor zweiundvierzig Jahren
zu zweit durch Deutschland
Mitten auf dem Weg
sitzt Meister Lampe und nimmt
reißaus nach links ins Feld
Zartbitterschoko
Orangenmarmelade
Wacholderschnäpschen
[Everything but the Girl – Caution to the Wind]
Duett mit sich selbst
Beats, auf der Stelle tretend
Schwebendes Ende
Kimba im Schwalbach
säuft kaum, spaziert rauf und runter
Sennenhündin kneippt
Ich steh hinter dir
Ein starker Geruch nach Schweiß
Schalottenschalen
Das Herz erwärmen
mit Tracey’s Stimme im nicht
endenden Winter
[Everything but the Girl – Run a Red Light]
Morgens und abends
Erst auf einem Bein, dann auf dem anderen
die Zehen abwechselnd zusammenkrallen und strecken
beim Zähneputzen mit der elektrischen Zahnbürste
Schalk an den Tasten
Sie sprudeln vor Spielfreude
The Groove must go on
[Ahmad Jamal – Poinciana (Olympia, Paris 2012)]
Über ’nem Wäldchen
im gräulichen Ostfrankreich
fliegt ein Storchenschwarm
Wind, Sonne, Regen
Nach elf Stunden Autofahrt
Totale Leere
Die volle Sonne
Seidenweicher Honigsaft
Die volle Rebe
[Château La Roca, Muscat de Rivesaltes 2021,15,5%]

Klein, süß, sehr saftig
Orangen aus dem Garten
Hundert Pro Bio
Schwarzrote Tinte
Bukett wenig ausgeprägt
Fülliger Körper
[Kar Magna, Côtes du Roussillon Villages Rouge 2020]

Wird man gewaltsam
zurückgeholt, geht einen
nichts mehr etwas an.
[Peter Nadas – Der eigene Tod (e-book)]
Auf Beifahrersitz
Berner Sennenhundrüde
Kopf lehnt aus Fenster
Zusammenjammen
bis dass der Tod uns scheidet
Die Wüste in uns
[Giant Sand feat. Rainer Ptacek – The Inner Flame]
An der frischen Luft
Drei Büsche zurückschneiden
Den Dschungel lichten
Wachs in den Ohren
Über das rauschende Meer
durch die Nacht gleitend
Die blutjunge Frau
Auf den Schultern den Jungen
Illusionslos
Kreise, konzentrisch
auf Wasseroberfläche
Fische tauchen auf
Hohlweg, ansteigend
Bambushain, im Wind zitternd
Blick auf Meer, Corbières
Die Putzfrau, die nicht
zum Saubermachen herkommt,
sondern zum Reden.
Zwischen den Schafen
auf der Weide stolzieren
weiße Kuhreiher
Hurra es regnet!
Schwarzkehlchen und Kuhreiher
Artischockenherz
Der Morgen dämmert
Ich lausche deinem Atem
Ein und aus und ein
In sich eingerollt
Die Augen fest verschlossen
Die Yorkshire-Hündin
Auf Windschutzscheibe
handgeschriebener Zettel
mit Handynummer
Entspannter Halbschlaf
Das Beste aus zwei Welten
Ohrstöpselrauschen
Viele Ameisen,
auf die ich getreten bin,
haben überlebt.
Die Goldberg-Variationen in der berühmten 1955er Aufnahme von Glenn Gould gehen reflektiert und präzise los, das Tempo spart sich Gould für später auf. Ich weiß nicht mehr genau in welchem Jahr es war, vielleicht 1986, jedenfalls war ich auf Interrailtour in Griechenland, Italien und Portugal, wo ich gerade noch hingekommen bin in der begrenzten Zeit. Und ich habe in allen drei Ländern rein zufällig morgens zum Frühstück in den Hostels bzw. Privatquartieren die Gouldschen Goldberg-Variationen gehört. Sie waren der Soundtrack zu meiner ersten und letzten Interrailreise. Und mit dieser Aria geht der Trip los. Es gibt schlechtere.
(Die Liste aller seit dem 1. Februar ausgewählten 222 Stücke ist hier.)
Alle tragen schwer
auf der Ameisenstraße
zum Ameisennest
Ein weißes Segel
auf dem dunkelblauen Meer
unterm Horizont
Risse im Gebälk
nachdem plötzlich Halbschwester
bei Lesung auftaucht
[Julia Schoch – Das Vorkommnis (e-book) ]
Das Sägeblatt, das
sich wie in Butter leicht schräg
hineinfräst ins Holz
Diesen Flohzirkus
aus bunten Jonglierbällen
zusammenhalten
Steiler Weg hinab
Halt dich an den Bäumen fest!
Unten tost der Bach
[Casot d’en Lic]
Rosa Judasbaum
Gelber Ginster, Kirsche, weiß
Blauregen in Mauve
Morgens Eis gekratzt
Zwölfhundert km Südwest
Abends zwanzig Grad
Ortseingangsschild durch
Neubaugebiet verschoben:
Lauf am Ziel vorbei
Die Morgenruhe
Vogelstimmen verebben
nach dem Sieg des Lichts
Schwarzes Gewimmel
Am Himmel ein Starenschwarm
auf- und absteigend
Gendarm hält uns an,
lallenden, jungen Deutschen
zu übersetzen
[Mautstelle Le Boulou an A9]