Junge Geschwister
rennen zum U-Bahnaufzug
Er gewinnt und drückt
Wer jetzt nicht lächelt,
lächelt nimmermehr oder
was sagte Rilke?
[J Mascis – Can’t Believe We’re Here]
Es gibt Momente
da braucht die Welt einen Tritt
in ihr Hinterteil
[Tocotronic – Die Welt kann mich nicht mehr verstehen]
Ans Bett genagelt
Ihm das letzte Wort lassen
Finger, feingliedrig
Eine Trompete
taut vereiste Herzen auf,
der Schnee jungfräulich
[Chris Botti – Time on My Hands]
Keilformation
Kraniche ziehen rufend
am Himmel westwärts
Die Mausefalle
morgens leer, Kuchenstück weg
Mikadomäuschen
Entropie bekämpft
Blätter zusammengerecht
Kompost aufgefüllt
Perspektivwechsel
Unter halbgeschlossenen
Lidern zublinzeln
[Arne Piewitz alias Henning Venske – Ich war der Märchenprinz]
Wolken zusehen
wie sie nach Westen ziehen
unter der Decke
Ich schlafe draußen
zwischen Sträuchern nah am Meer
Jemand singt ein Lied
[Gordon Macrae – Oh What a Beautiful Morning]
Ausgeschlafen sein
In den Arbeitsflow kommen
Die Zeit vergessen
[Lou Reed – Perfect Day]
Zwischen den Bäumen
lünkert die Sonne hervor
Der Tag ein Geschenk
Jagende Meute
Moony pfeilschnell, Kimba bellt
Emmy mit Apfel
Manchmal funktioniert
künstliche Intelligenz
Long live the Beatles!
[The Beatles – Now and Then]
Um fünf aufgewacht
Schabgeräusche in der Wand
Eine Maus im Ohr
Sympathischer Kerl
Free Jazzer erster Stunde
mit Weggefährten
[Tilmann Urbach – Tastenarbeiter Alexander von Schlippenbach im Rahmen des Berliner Jazzfests]
7/10
Die Melancholie
kommt grazil angeschwebt und
löst sich langsam auf
[Frédéric Chopin – Prélude No. 4 (variation, Benoît Daniel)]
Ein Autorenpaar
Sie erfolgreicher als er
Er liegt tot im Schnee
[Justine Triet – Anatomie d’une chute]
7/10
Männer mit Hüten
irren kopflos paffend durch
Parallelwelten
[Timm Kröger – Die Theorie von allem]
2/10
Brombeere, Lakritz
Ein purpurroter Hammer
ohne Tannine
[Château Grand Clapeau Olivier, Haut-Médoc, 2019]

Hinter all dem Blech
zeichnet sich im Nebel ab
Arthurs Heilinsel
[The Bryan Ferry Orchestra – Avalon]
Ein vages Gefühl
Geheimnisvolle Aura
You drive me crazy
[Bryan Ferry – The Only Face, 1999 remaster]
Wie sich alles fügt
Wie aus Chaos Ordnung wird
Tröstender Kraftquell
[Carl Philipp Emanuel Bach – Württembergische Sonate No. 1 in a-Moll, I. Moderato (Keith Jarrett)]
Zwei Virtuosen
erzeugen ein Klanggeflecht
aus goldnen Fäden
[Martin Kolbe & Ralf Illenberger – Waves]
Ich wache auf, mache die Balkontür zum Innenhof auf und lege mich wieder ins Bett. Es regnet. Das nicht enden wollende Plätschern der Regentropfen schafft eine Hörkulisse, die die Stille brutal übertönt. Die Tropfen scheinen immer wieder auf denselben Stein zu treffen, das Geräusch ist völlig regelmäßig. Als würde es mir auf den Kopf tropfen. Wobei ich nicht fühle, wie die einzelnen Tropfen auf meiner Kopfhaut aufschlagen. Was es aber nicht besser macht. Ich sehne es geradezu herbei, den Regen zu fühlen. Die kühle Nässe, das Wasser, das die Wangen und den Hinterkopf hinabläuft. Aber ich kann bzw. darf ihn nur hören. Es macht mich halb wahnsinnig. Ich bin kurz davor, nach der Wasserfolter zu verlangen. Aufgestanden.
Dieser Herbstsonntag
so trist, so trüb, so trostlos
wenn da nicht dies wär:
[Jamila Woods – Boomerang]
Jeden Tag die Uhr
ne Stunde zurückstellen
la grasse matinée
21.06.1941
Es heißt immer, es sei die Liebe, nach der wir ein Leben lang suchen, oder es sei Ruhm. Es ist keins von beiden. Was wir suchen, ist Verständnis. Wir suchen dauernd ein anderes Herz, das wir anrühren können und das uns anrühren kann. Unermüdlich wie ein ausgehungertes Tier suchen wir danach. Denn unser Herz ist immerzu einsam. Immerzu allein. Und wo immer wir dieses Verständnis auch zu finden meinen, bei einem Mädchen, bei einem Jungen, einem gebrechlichen Greis oder einer alten Schrulle, bei einem Säufer, einer Prostituierten, einem Verrückten, einem Kind, dahin gehen wir, und nichts auf der Welt kann uns zurückhalten.
Patricia Highsmith: Tage- und Notizbücher
Ein neues Album
aus den schottischen Lowlands
Altern in Würde
Luftiger Ohrwurm
Abheben auf den Saiten
einer Gitarre
[Straßenmusiker spielt, pfeift und singt Here Come the Warm Jets von Brian Eno]
Der erste Walzer
Sie: Guck mir in die Augen,
nicht auf die Füße
[Karin Hanczewski in Der neue Freund, ab 1h10]
Schlaglöcher
randvoll mit Himmel
alles was bleibt
Gabriele Hartmann in Sommergras 140
Am schnellsten trocknen
klatschnasse Anziehsachen,
wenn man sie anlässt
Ruhige Wasser
Ausbrechende Vulkane
Das Feuer gelöscht
[Bark Psychosis – A Street Scene]
In der ersten Woche dieser ganzen Geschichte habe ich in Netanyahus Reden nicht einmal das Wort Kibbuz gehört.
Meine eine Hoffnung ist, dass es, wenn der Krieg vorbei ist, im Nahen Osten weder eine Hamas noch Netanyahu geben wird.
Der israelische Autor Etgar Keret im rbb-Interview
Wie langsamer Sex
Permanente Steigerung,
dann plötzlicher Stopp.
[The Field Mice – Sensitive]
Beauty and the Beast:
Sanfte Trompete umarmt
düstere Rhythmen
[Nils Petter Molvaer – Tlon (part 1, live)]
Die große Runde
Kimba schnappt sich Kuchenstück
auf Rastbankholztisch
[Niederhöchstadt – Schwalbach – Neuenhain – Mammolshain – Kronthal – Kronberg – Niederhöchstadt, 9 km]
Cumuluswolken
vorüberziehen lassen
Den ganzen Tag lang
Bewegungsablauf
des Rehs in freier Wildbahn:
Mehr Hoch- als Weitsprung
Rehe aufgescheucht
Zwei springen übern Bahndamm
Eins bleibt auf dem Feld
Klappläden klappern
Umgestürzte Gießkannen
Der Herbst im Anmarsch
Im Ohr ein Rauschen
Eingesponnen in Kokon
aus Pastis und Wachs
Deine Stimme nicht
so maniriert wie meistens,
die Musik subtil
Mehr rot als braun
Pflaume, Leder, Lebkuchen
Noch ausbaufähig

Gassi mit Rudel
Am Wegrand lila Astern
neben dem Bahndamm
Wir erträumen uns
eine Welt ohne Bezug
zu der Jetzigen
[American Analog Set – Diana Slowburner II]
Mit dem goldnen Saft
gut haushalten, das Revier
will gut markiert sein
Zweiweltenbummler
Zwischen Stadt und Land pendelnd
Reizflut und Erdung
Entgeisterter Mann
– Kimba schnüffelt an Pfosten –
Pfefferspraybereit
Berlin nach Frankfurt
Die Autobahn übersät
mit Tierkadavern
Eine Melodie
ganz genau kennen, doch nicht
mehr wissen woher
[Sverre Gjørvad – If You Were a Melody]
Zergehen lassen
zwischen Zunge und Gaumen:
Das Lakritzbonbon
Keinen Blick haben
für die Menschen links und rechts
auf dem Trauermarsch
[The Cure – All Cats Are Grey]
Ne Supernova,
Der kleine Bruder von Jim,
Viel zu früh verlöscht
[Gun Club – Idiot Waltz]
Das Portemonnaie weg.
Renne dem Dieb hinterher.
No chance. Aufgewacht.
Roll den Teppich aus
Aus Gitarre und Cello
und dem Glockenspiel
[Pale Saints – Shell]
Zurück zum Ursprung
Das Tier mit den zwei Rücken
Für den Eindringling
Die Gelenke steif
Skelett in Vorfreude auf
die Leichenstarre
Die Stille beginnt.
In den Moment einsinken.
Worte, halb verschluckt.
[Mark Hollis – The Colour of Spring]
Aus Saitenklängen
ein luftiges Bett zimmern,
ein dichtes Gespinst
[Wolfgang Muthspiel – Invocation (Album Dance of the Elders)]
Zusammengezuckt
im Halbschlaf vorm Einnicken
Ein Rad kommt von links
—
Finger linker Hand bremsen
Heute keine Siesta
Jeder macht seins an
Klavier, Bass und Percussion
Blindes Verstehen
[Gary Peacock – Vignette]
Ohne viel reden
gemeinsam Musik machen
Die Welt verschönern
[Leth/Koefoed – Music for Black Pigeons (über Jakob Bro & seine Mitspieler)]
P. S. Hier etwas mehr zum Film.