Themenvorgabe,
Stückabwahl vom Publikum
Freies Schauspielern
[Gorillas@Ratibor Theater]
Roadmovie fürs Ohr
Gitarren umgarnen sich
Stereogenuss
[Modern Nature – Pharaoh]
Harmony is when
everything is falling
into its‘ right place
[Big Thief – Incomprehensible]
Nach der anstrengenden Etappe vom Vortag schlafe ich tief und wache morgens völlig benommen um fünf auf und brauche eine Weile, um überhaupt zu realisieren, wo wir gerade sind. Langsam beim Tagebuchschreiben stellt sich die Erinnerung an gestern wieder ein.
Draußen regnet es. Nachdem der Regen gegen acht nachgelassen hat und wir schon auf dem Weg in den Ort sind, wo wir frühstücken möchten, stelle ich mithilfe von Google zufällig fest, dass auf der anderen Seite des Hotelgebäudes ein Backshop ist, der auch das Frühstück für die Motelgäste anbietet. Das bedeutet, dass wir nicht zurück ins Zentrum gehen müssen, sondern nach dem Frühstück – der Regen hat inzwischen aufgehört – einen Shortcut über die Wiesen und Felder kurz vor Fürstenhagen machen können, um wieder auf den Grimmsteig zu treffen. Heute müssen wir spätestens gegen halb drei am Ziel in Wattenbach sein, wo der Wagen steht, damit C. ihren Zug von Kassel nach Frankfurt kriegt.
Wir hören wieder den sprudelnden Gesang der Feldlerchen und sehen gelegentlich einen der unscheinbaren hellbraunen Vögel aus den Feldern aufsteigen. Nun kommen wir zu einem kurzen, unwegsamen Waldstück, hinter dem ein Weg verläuft, der zum Grimmsteig führt. Wenige Meter vor uns steht ein Reh, das ob unseres Aufeinandertreffens genauso perplex ist wie wir, aber dann schnell ins Unterholz wegspringt. Ich bin mal wieder überrascht, wie klein Rehe doch sind.
Wir erreichen den Grimmsteig und der Weg verläuft im Wald. Am Pistenrand stehen einige Autos mit leicht geöffneten Kofferräumen mit Käfigen, wo zum Teil noch Hunde drin sind. Wir sehen eine Gruppe mit Hunden in der Wiese. Es handelt sich sicher um Jäger und Jägerinnen, die ihre Jagdhunde trainieren.
Der nächste Ort ist Quentel, wird aber eigentlich vom Grimmsteig nur am Rand berührt. Wir entscheiden uns kurzfristig über einen Feldweg dorthin zu gehen, weil es dort laut Internet ein offenes Café gibt. Es stellt sich nach einer Weile heraus, dass der Feldweg zugewachsen ist, unsere Schuhe und Füße werden im hohen Gras nass, wir müssen am Ackerrand laufen und kommen nur schwer vorwärts.
Das Café im Garten ist in einem alten Fachwerkhaus im Innenhof untergebracht. Wir nehmen unseren Cappuccino mit selbst gebackenem Käsekuchen in der Scheune ein. Das Café ist liebevoll eingerichtet und sehr gut besucht. Die Leute frühstücken. Wir kommen mit einer Frau ins Gespräch, die den Grimmsteig schon mehrmals in einem Rutsch bewältigt hat, ihr Rekord für die 85 km ist etwas über 18 Stunden. Ich bin baff.

Der Abstecher nach Quentel war eine weitere Abkürzung, so dass wir gut in der Zeit sind. Allerdings zieht es sich jetzt beim Aufstieg in den Laubwald zu und es fängt an, zu regnen. Mein Regenschirm leistet gute Dienste, C.s Schuhe werden allerdings völlig nass. Plötzlich schlägt kurz vor uns – wir sind am Waldrand – ein Blitz ein, etwas später noch einer. Der Donner kommt wenig später.
Der Regen lässt nun nach und wir gehen hinunter nach Wattenbach, wo wir vor vier Tagen losgegangen sind. Das ausgebrannte Haus haben wir beim Start am ersten Tag, wo wir hier schon einmal vorbeikamen, noch nicht gesehen. Die Brandstiftung fand bereits vor knapp 6 Jahren statt.

Der Wagen steht an unserer ersten Unterkunft, dem Waldschlößchen, oben neben den Wohnmobil. Wir essen ein paar Pfefferbeisser mit einem Brötchen und trinken Ayran dazu, C. wechselt die nassen Klamotten und wir fahren nach Kassel-Wilhelmshöhe, wo sich unsere Wege vorübergehend trennen. C. nimmt einen ICE nach Kassel, ich die Autobahn nach Berlin.
Eine rundum geglückte Rundwanderung findet ihr Ende. Vier Tage haben gereicht, um aus dem Alltagstrott für eine kurze Weile völlig auszubrechen.

Hier ist die Übersicht unserer Wanderung auf dem Grimmsteig Ende Mai/Anfang Juni 2025.
Auf dem Weg Menschen
Die Frau im Backshop lächelt
Vom Frühstück bleibt nichts
Querfeldein zu Fuß
Durch das hohe, feuchte Gras
Guck! Da steht ein Reh!
Regen klatscht auf uns
Direkt vor uns zuckt ein Blitz
Der Donner, später
Die Nacht ist mit rund 5 Stunden recht kurz, das Melatonin wirkt nicht mehr. Nach halb 4 döse ich nur noch, ab 5 mache ich mich ans Tagebuchtippen.
Beim reichhaltigen Frühstück sind wir die Ersten, eine zehnköpfige, zum Teil schon recht betagte Wandergruppe, die in Velmeden Quartier macht und von hier mit Autos und Öffis – z. B. der Tram von Kassel nach Hessisch Lichtenau – die Start- und Zielpunkte der Etappen anfährt, kommt kurz nach uns.
Es ist heute überwiegend sonnig-sommerlich, uns steht die Königsetappe über den Hohen Meißner bevor. Ich komme nur langsam in meinen Rhythmus. Eine Gruppe friedlicher Lamas lässt sich von uns Wanderen nicht beirren.

Es geht nun erst einmal im langgezogenen Zickzack über Wiesen und Felder hinauf nach Hausen; über uns tirilieren die Feldlerchen. Der Weg am Feldrand ist bereits hier zum Teil nur schwer auszumachen, es gibt später noch andere Abschnitte, wo er ziemlich zugewachsen ist, man merkt, dass er nur relativ wenig begangen wird. Generell ist auch zu den Markierungen zu sagen, dass sie oft doppeldeutig angebracht sind, gut, dass ich zusätzlich meine Wander-App konsultieren kann.
Oberhalb von Hausen ist dichter, feuchter Laubwald und wir gehen auf teilweise glitschigem Pfad erst einmal hoch zur Kitzkammer, einer Basaltspalte, die Eingang in die Märchenwelt gefunden hat. Hier soll Frau Holle die zeternden Mädchen, die von ihren Verlobten verlassen worden waren, in Katzen verwandelt haben, die dann den verirrten Wanderern den Weg weisen mussten, wobei die Bösen in die Irre geführt wurden.

Wir kommen nun zum NaturFreunde Meißnerhaus auf der großen Wiese unterhalb des Hohen Meißners, wo wir uns mit einem Salat stärken. Hier fallen die ersten Tropfen, so dass wir uns nach innen verziehen.

Am Hohen Meißner fand im Oktober 1913 der erste freideutsche Jugendtag statt, wo sich verschiedene Jungendbünde wie z. B. der Wandervogel trafen, um dem wilhelminischen Mief und Hurrapatriotismus etwas entgegen zu setzen. Diese Jugendbewegung war leider nur von kurzer Dauer, da ja schon im nächsten Jahr der erste Weltkrieg begann.

Von hier aus gibt es auch einen 17 km langen Wanderweg nach Norden zur Burg Ludwigstein oberhalb der Werra, wo heute das Archiv der deutschen Jugendbewegung aufbewahrt wird.
Wir erreichen jetzt den höchsten Punkt des Grimmsteigs gut 40 Meter unterhalb des Hohen Meißners.

Beim Abstieg kommen uns die bisher ersten Grimmsteigwanderer entgegen, zwei junge Männer, die etwas ausgepumpt wirken, was angesichts des langen Anstiegs von der Südseite her wenig verwundert.
Hier liegen Basaltsteine in bizarren Formationen, die sogenannten Seesteine. Die 150 m dicke Basaltdecke des Hohen Meißners, unter der die Braunkohle zu energiereichem Koks komprimiert wurde, ist vulkanischen Ursprungs.

Wir gehen nun im großen Bogen hinunter in Richtung unseres Etappenziels. Plötzlich kommt ein Schauer herunter, den wir in einer Schutzhütte recht trocken überstehen.
Hinter Hasselbach treffen wir unsere Wandergruppe vom Frühstück, die heute von Quentel nach Hasselbach gehen und einige interessante Tipps für Wanderungen für uns haben.
Nun steigen wir auf einer Wiese und dann auf einem verwunschenen, zum Teil zugewachsenen Weg hinauf zum aus Muschelkalk bestehenden Kindelberg.

Hier grast hinter einem Elektrozaun eine Schafherde, deren Treiben – z. B. die Lämmer, die ihren Müttern an die Zitzen wollen – wir von einer Wohlfühlbank, die gerade recht kommt für unsere geschundenen Glieder, beobachten. Vor uns erstreckt sich der lange Bergrücken des Hohen Meißners.

Wir kommen nun zur Burgruine Reichenbach, deren Turm mit dem Geld eines betuchten einheimischen Bürgers saniert wurde. Vor gut 15 Monaten war ich schon einmal hier gewesen, wie mir beim Lesen der Plakette mit dieser Info klar wird.
Es riecht in der Umgebung sehr würzig. Der Bärlauch hat sich hier schon fast unkrautmäßig großräumig ausgebreitet.


Jetzt sind es nur noch wenige km nach Hessisch Lichtenau, das wir komplett durchqueren müssen, da ich nur ein Motel im Gewerbegebiet als Unterkunft gefunden habe. Wir stärken uns noch mit einer vegetarischen Lahmacun, die wir mit viel Ayran herunterspülen und kommen über die Schlüsselkarte im -safe in unser Zimmer, wo wir erschöpft ins Bett sinken.

Hier ist die Übersicht unserer Wanderung auf dem Grimmsteig Ende Mai/Anfang Juni 2025.
Nach einer erholsamen Nacht in unserem Airbnb-Studio nehmen wir unser Frühstück im nahegelegenen Café ein, die beiden Rhabarberkuchen stellen sich als sehr gut sättigend heraus.

Wir haben heute wunderschönes Sommerwetter und bekommen beide etwas Farbe. Ich verkürze unterwegs meine Hose, da es mir zu warm wird. Wie am ersten Tag, so kommen uns auch heute keine den Grimmsteig „richtig“ gegen den Uhrzeigersinn Wandernde entgegen. Insgesamt sind die Wege heute eher breiter, häufig sind es Pisten. Gleich am Anfang stoßen wir auf eine schöne Schutzhütte des Naturparks Meißner – Kaufinger Wald. Insgesamt finden sich jedoch recht wenig Ruhebänke, insbesondere, wenn man sie braucht, kommt kilometerweise nichts.

Wir bewegen uns im Tal der Nieste, auch Gläsnertal genannt, weil hier früher viel Glas hergestellt wurde, was in diversen Schautafeln dokumentiert wird. Interessant z. B., dass die grüne Färbung des Glases daher kam, dass man mit Asche die hohe Schmelztemperatur des Sandes, die 1700 Grad beträgt, gesenkt hat. Es gab zudem eine Art Glasordnung, die regelte, wie viel Glas die einzelnen Glasereien herstellen durften, um den Preis hoch zu halten. Heute würde man von einem Kartell sprechen.

Auch heute begleitet uns wieder ausgiebiges Vogelgezwitscher auf dem Weg, als würde nur für uns eine Natursymphonie aufgeführt. Der romantische Pfad an der Nieste ist zum Teil mit vielen Wurzeln bewachsen, man muss aufpassen, wo man hintritt.

Wir sehen auch heute wieder viele blühende Pflanzen am Wegesrand. Hervorstechend sind die gelb leuchtenden Ginsterbüsche. Das matte Blau des Wald-Vergissmeinnicht – bei der Bestimmung hilft mir C. bzw. eine App, die allerdings meint, dass es sich um Gamander-Ehrenpreis handelt – hat es uns angetan.


Wir kommen auch heute durch Mischwald, der allerdings von Laubbäumen dominiert wird. Die Fichten sind häufig vom Borkenkäfer kahlgefressen und sterben ab. Vereinzelt wird auch wieder aufgeforstet. Im Vergleich zum Harz scheint der Wald allerdings relativ intakt zu sein.
In der Nähe vom Kreuzstein (534 m), auf dem oben Windräder stehen, erreichen wir den höchsten Punkt der heutigen Etappe. Es geht nun hinab nach Wickenrode, wo uns die historische Obermühle ins Auge fällt.

In Wickenrode rasten wir an der Kirche und steigen dann wieder den Grimmsteig hoch Richtung Rommerode. Von oben bietet sich ein großartiger Blick zum langgezogenen Bergrücken des Hohen Meißners, der morgen Vormittag auf dem Programm steht.

Wir gehen großräumig um Rommerode herum und erreichen bald Friedrichsbrück, von wo es an zwei Windrädern vorbei – das eine ist abgeregelt – wieder zurück nach Rommerode geht.


Wir treffen nun auf die Gleise einer alten Eisenbahnstrecke und schließlich bei Rommerode auf die alte Eisenbahnbrücke dieser stillgelegten Strecke nach Hirschhagen.

Es ist jetzt nicht mehr weit zu unserem Etappenziel Velmeden am Fuße des Hohen Meißners. Die Füße werden zwar schwer gegen Ende, aber insgesamt sind wir heute gut durchgekommen. Der Gärtner, der den Rasen um die Kirche mit seinem Aufsitzmäher vorbildlich kurz geschnitten hat, kann uns bzgl. Kirchenschlüssel leider keine befriedigende Auskunft geben. Die meisten Kirchen in der Gegend scheinen abgeschlossen zu sein.

Unser Hotel ist gut belegt und sowohl Restaurant innen als auch Biergarten gut besucht. Hier sehen wir auch „endlich“ so einige Wanderer, die sich so bewegen, als hätten sie heute schon einige Kilometer intus.
Hier ist die Übersicht unserer Wanderung auf dem Grimmsteig Ende Mai/Anfang Juni 2025.
den Vögeln lauschend,
dem Wanderstockgeklapper,
dem Wind, der auffrischt
vor uns ein Basset
mit seinen langen Ohren
die Straße kehrend
Nach einer geruhsamen Nacht nehmen wir morgens um acht ein üppiges Frühstück mit Ei und sehr leckeren, frischen Erdbeeren ein. Vorher hatte ich noch den Wagen umgeparkt neben das Wohnmobil oben, da er ja jetzt vier Tage hier bleibt. Zur Info: Der Grimmsteig ist ein gut 80 km langer Rundwanderweg.

Am Weg und in den Orten treffen wir heute auf viele blühende Blumen, am Auffälligsten sind die zum Teil riesigen Rhododendronbüsche, die ihre volle Pracht ausbreiten.

Wattenbach liegt nicht direkt auf dem Grimmsteig, wir gehen einen asphaltierten Zubringer hoch, bevor wir auf die erste stilisierte G-Markierung mit dem Scherenschnitt der beiden Brüder treffen, die ihre Märchen ja größtenteils in der Nähe von Kassel gesammelt haben.


Der Weg ist von nun an extrem naturnah, zunächst geht es auf schmalen Pfaden durch den Laubwald, wo wir uns prompt beim Telefonieren leicht verlaufen und über einen matschigen Weg zurückfinden. Die Wiesenwege werden gesäumt von den gelb leuchtenden Butterblumen.

Insgesamt gut 2000 Höhenmeter sind angesagt in den nächsten vier Tagen – wir gehen die Runde in vier statt normalerweise fünf Tagen. Bei den Grimmsteig-Tagen kann man am 20.6. die ganze Strecke in 24 Stunden bewältigen, wenn es einen nach einer besonderen körperlichen Herausforderung gelüstet.
An einem Teich blühen gelbe Sumpfschwertlilien. Später kommen wir an den Fahrenbachteichen vorbei. Etwas abseits des Weges vor einer Schutzhütte hinter einer Lichtung links der gut befestigten Franzosenstraße finden wir nach etwas Herumsuchen eine alte Autobahnbrücke, die mitten im Wald steht und nie genutzt wurde. Sie wurde 1939 gebaut für die Autobahn Eisenach – Kassel, die dann aus naheliegenden Gründen nicht vollendet wurde.

Es geht aufwärts zum höchsten Punkt heute, dem rund 500 m hohen Großen Beigerkopf. Wir treffen hier auf eine Männergruppe mit Bierdosen in den Händen, der Vadderdach wird begangen. Unser Blick schweift nach Westen, wo wir eine größere Stadt, es handelt sich um Kassel, das knapp 15 km entfernt liegt, ausmachen können.

Wir befinden uns hier im Stiftswald Kaufungen, wo man seine Asche im Ruheforst beisetzen lassen kann. Dies scheint recht populär zu sein, auf einer Karte sind hunderte Punkte eingezeichnet, wo organische menschliche Überreste liegen. Der Besucherparkplatz ist voll.

Am Ortseingang von Oberkaufungen, in das wir hinabsteigen, hat sich jemand ein luftiges Baumhaus aufs Grundstück gebaut.

Man hat einen schönen Blick auf den Ort, die evangelische Stiftskirche ist allerdings leider geschlossen.


Wir machen hier unsere Mittagsrast inmitten angeheiterter Menschen. Gut, dass neben den Getränken aus der Kneipe im Grillwagen auch Bratwürste etc. für hungrige Wanderer wie uns bereitstehen.
Im Ort ist eine Familienskulptur auffällig. Während der Junge auf einem Skateboard steht, hat das Mädchen einen Walkman umgeschnallt und befindet sich in einer Art Meditationspose. Kopfhörer bzw. In-Ear-Ohrhörer wie sie heute in Berlin gang und gäbe sind, sucht man jedoch vergeblich.

Es sind jetzt noch knapp 5 km zu unserem Ziel. Wir kommen an einem Bergbaumuseum vorbei, hier wurde früher das schwefelhaltige zum Färben benutzte Alaun abgebaut. Dann geht es am Mittelalthof mit Ponys und mietbaren, bunten Holzhäuschen vorbei. Schließlich hören wir laute Blasmusik in der Ferne. Auf der schön oberhalb von Nieste gelegenen Königsalm – hier beginnt der 24h-Gewaltmarsch – wird zünftig gefeiert. Sie spielen gerade „Hey Jude“ und dann den Tusch „Ein Prosit der Gemütlichkeit“. Gut, dass die Musikanten, als wir vorbeiziehen, gerade eine Pause machen.

In Nieste, wo es anfängt, zu nieseln, finden wir unsere Unterkunft nicht auf Anhieb, weil ich 8 und 9 verwechsele. Es ist ein Airbnb, der Schlüsselcode funktioniert und wir sind in der Einliegerwohnung. Von den Besitzern, die selber unterwegs sind, sehen wir nichts.
Nach der Dusche und dem Eincremen der Füße, die genauso wie die Gelenke schon gut beansprucht wurden am ersten Tag, gehen wir hinunter zur Dorfmitte, wo es doch tatsächlich nur meist geistige Getränke gibt und alle schon ziemlich angeschickert sind und sich über mich in Wandersocken in Flipflops amüsieren. Wir essen dann im einzigen offenen Lokal, der von einem Südasiaten bewirtschafteten Pizzeria, unser Abendmahl.
Zurück in der Unterkunft erholen sich unsere müden Knochen in der Horizontalen und ich höre noch um 9 die Klanghorizonte auf dem DLF von Michael Engelbrecht. Insbesondere die neuen Eno-Alben hören sich recht vielversprechend an. Aufgrund der Wandermüdigkeit döse ich allerdings leicht weg.
Hier ist die Übersicht unserer Wanderung auf dem Grimmsteig Ende Mai/Anfang Juni 2025.
Der Schmerz transformiert
Kraft durch schlichte Melodie
Im Banjohimmel
[Alan Sparhawk with Trampled by Turtles – Not Broken]
Wir verbringen einen regnerischen Tag im Home Office in Niederhöchstadt, die Natur atmet auf, es hat in den letzten Wochen definitiv zu wenig Niederschlag gegeben. Gegen halb fünf packen wir unsere Rucksäcke in den Wagen und fahren los gen Kassel. Die A5 nach Norden ist von Anfang an sehr dicht befahren, den Feiertag haben offensichtlich viele für ein verlängertes Wochenende genutzt und den Freitag als Brückentag genommen. Kurz vor Homburg/Ohm fahren wir runter von der A5 in Richtung der erst vor zwei Monaten fertiggestellten A49, wo es sich besser fährt, kurz vor uns passiert ein Unfall, ein Wagen ist vorne zerdeppert und steht um 180 Grad gedreht auf der Überholspur, die Polizei ist schon da.
Bei Edermünde fahren wir ab und kommen nach knapp 20 Km Landstraße an unserem Startpunkt, dem zu Söhrewald gehörenden Dorf Wattenbach an. Dort beziehen wir unser komfortables Zimmer im Waldschlösschen im 2. Stock und nehmen unten im gut besuchten Gastraum unser Abendessen ein, das Bärlauchschnitzel schmeckt hervorragend. Nach dem Essen machen wir noch einen kleinen Spaziergang durch den am Hang liegenden Ort, der idyllisch inmitten von Wiesen und Wald liegt. Nach den Nachrichten, in denen sich unser neuer Bundeskanzler leider mal wieder wenig überzeugend präsentiert, gehen wir kurz nach halb elf ins Bett.
Die Wettervorhersage ist wechselhaft. Es soll eventuell Schauer geben die nächsten Tage, aber auch hochsommerlich warm werden.

Hier ist die Übersicht unserer Wanderung auf dem Grimmsteig Ende Mai/Anfang Juni 2025.
als Chan den Song schrieb,
muss sie sie erblickt haben,
die nackte Wahrheit
[Cat Power – Nude as the News, 1996]
immer weniger
ändern wollen
alt werden
Spaziergang ins Dorf
Gehweg etwa schulterbreit
Rechts Hauswand, links Bus
Neuen Hund noch nie
von der Leine gelassen
Angst, er nimmt Reißaus
Unbefangener
schwarzer Labradorwelpe
beschnüffelt Kimba
Vor uns Dunkelheit
Die Tiefe zieht uns hinab
Hinterm Tunnel Licht
[Julian Knoth – Unsichtbares Meer]
Bachstelze fliegt auf
Krumme Flugbahn mit Sprüngen
Über hohem Gras
Funky Gitarren
Blaue Delfine singen
Luftige Nummer
[The B-52’s – Topaz, 1989]
Kimba erfrischt sich
am Westerbach, im Gebüsch
die Teichrohrsänger
when cutting branches
slowly creeping up the limbs
my friend Hangover
Auf dem Bürgersteig
fährt vollbepacktes E-Bike
Der Nachbar, ein Geist
Stacheln der Rose
Rinde des Ceylon-Zimtbaums
Dornen des Kaktus
Kurz nach zwei im Bett
Riesenbluetoothboxbässe
lassen Dorf beben
Klingeln in Ohren
Gitarren kreischen besser
als Beatlesmädels
[The Jesus & Mary Chain – You Trip Me Up, 1985]
Auffrischender Wind
Ein Taubenpaar aufgescheucht
Gartenrotschwanz „singt“
Über dem Astloch
von Westerbacherle steht
in weiß Vagina
Auf dem Mittelweg
Jäger mit Bart, Hut, Pfeife
Donnernde Schüsse
Jagdhund apportiert
ins Gerstenfeld geworfne
Fasanattrappe
Ganz allein im Haus
Die Wonnen der Einsamkeit
Sich selbst genug sein
Sümpfe statt Gärten
Querfeldein statt auf Straßen
Raus in die Wildnis!
Rote Farbtupfer
zwischen den Weizenähren
Der wilde Mohn blüht!
In Wanderschuhe
schlüpfen und sie zubinden
Heimkehr der Füße
There was a moment
when this song ruled my small world
Frankly it still does
[Catchers – Cotton Dress von Mute, 1994]
Auf dem Jakobsweg
mit dem Rauchen aufgehört
Der nächste Zug dort
Den Aufzug finden
zum fünfunddreißigsten Stock
Um Frankfurt Berge
Der Ruf des Kuckucks
Das Tennisballgeprassel
Das Hecheln Kimbas
Luxembourg-Belair
Frühzeit unserer Liebe
Tarama-Blini
[Cocteau Twins – Fifty-fifty Clown von Heaven or Las Vegas, 1990]
Passing Great Britain
with a horse pulling a cart
towards the Hebrides
[Vashti Bunyan – Wayward: Just Another Life to Live]
Der Reigen des Joints
Alle Zeit der Welt haben
Sing mich in den Schlaf
[Cowboy Junkies – Sweet Jane (Lou Reed) von The Trinity Session, 1988]
Gießener Bahnhof
„Mir sind hier zu viel Leute“
Ich steh Bus im Weg
Ist das nicht der Reiz,
keine Ahnung zu haben,
was wir hier machen?
[Low – Especially Me von C’mon, 2011]
Zeitrafferliebe:
Teeblätterkugel blüht auf
in der Glaskanne
[Dau Johan Haugerud – Oslo Stories: Träume, 7/10]
ohne die Stimme
strahlt die Musik noch schöner
gleichzeitig fehlt was
[Love Unlimited Orchestra – Rhapsody in White, 1974]
noch nie nen Menschen
verloren haben, der mir
wirklich nahe stand
Tonkaleidoskop
Sterben müssen ist traurig
Trommelfellstreicheln
[Talk Talk – John Cope, 1988]
raus aufs Rad müssen
in die Pedale treten
Sonne, Wind spüren
sich fallen lassen
mit dem Kosmos verschmelzen
in den Schoß kriechen
[Brian Eno & Beatie Wolfe – What We Are]
Wispernder Gesang
Das verebbende Schlagzeug
Versprengte Töne
[Talk Talk – New Grass]
Wir gehen im Kreis
Der Horizont öffnet sich
Die Schönheit der Welt
[Talk Talk – New Grass]
Da auf der Lichtung
Zwei Rehe äsen friedlich
Sie blicken sich um
[Talk Talk – New Grass]
Unterm Horizont
Ein orangeroter Zipfel
Die Sonne geht auf
[Talk Talk – New Grass]
Die Wiese so grün
Schmetterlinge haschen sich
auf Sonnenstrahlen
[Talk Talk – New Grass]
Heilige Musik
Wenn ich noch zehn Minuten
zu leben hätte
[Talk Talk – New Grass von Laughing Stock, 1991]
Demokratie durch
Verschwörungstheorien
in großer Gefahr
Zwei Ohren suchen,
das was sich aufgestaut hat,
zu übermitteln
Die Klappe halten
Oft die beste Strategie
Einfach zuhören
[Diabologum – Mieux vaut se taire von Le gôut du jour, 1994 (more)]
Sich in Norwegen
ohne fast food ernähren
Herausforderung!
Der Strom der Worte,
die aus deinem Mund sprudeln,
will nicht versiegen
Nach 5 Stunden Fahrt
Blick hinter Sonnenbrille,
unter Baseball Cap
Just a blade of grass
Just another bale of hay
And the horses pass.
[Vashti Bunyan – Diamond Day, 1968]
He said something that
would change my life forever.
‚Do not hide your light.‘
[Vashti Bunyan – Just Another Life to Live]
Im alten Zimmer
Wir saßen auf dem Teppich
vor vierzig Jahren
Schrilles Tonkonzert
Anschlagende Rauchmelder
Die Mikrowelle!
Half a billion streams
Sound of my early twenties
Indestructible
[Tears for Fears – Everybody Wants to Rule the World, 1985 (song exploder)]
Reifen aufpumpen
Felgenbremse einstellen
Kette einölen
Crisp, cool percussion
Kid’s choir, variophone
Organic music
[Talk Talk – Happiness Is Easy von The Colour of Spring, 1986]
Am Limit kratzen
Bis zum Ende durchziehen
Totalentspannung
Flüssiges Lakritz
Liebe auf den ersten Schluck
Süffiger Körper

Autokorrektur,
welche aus „Peter Handke“
„Peter Hände“ macht
Sie hat es getan
Lang hat sie funktioniert
Erinnerungen
[Peter Handke – Wunschloses Unglück]
Wortkarg, verschüchtert
Neuer, junger Kollege
Labbriger Handschlag
Nach zwei Gläsern Wein
öffnet sich bei diesem Lied
das steinerne Herz
[Jason Lytle – Tomorrow’s Started (Talk Talk)]
Auf Synth-Linien
verdammter Welt entschweben
Zum Schlosshund werden
[Talk Talk – Renee von It’s My Life, 1984]
In einem Keller
Mystische Keys, Hypno-Beats
Sirenenstimme
[Jenny Hval – The Artist Is Absent (89 seconds rewrite)]
Frühmorgens geweckt
während Intervallfastens
von grummelndem Bauch