In Cold Blood ist Truman Capote’s Hauptwerk, es ist eine Fleißarbeit der Recherche, basierend auf vielen Interviews mit den Betroffenen, die zum großen Teil mit ihren realen Namen genannt werden. An einem Sonntagmorgen, dem 15. November 1959 werden in Holcomb, einem Kaff in West-Kansas vier Mitglieder einer angesehenen Familie in ihrem Farmhaus tot aufgefunden. Geld bzw. Wertgegenstände fehlen so gut wie keine. Was ist da passiert? Gleich von Anfang an weiß der Leser, wer es gewesen ist, zwei vor kurzem entlassene Sträflinge, Dick und Perry. Ihre durch ungedeckte Schecks finanzierten Road Trips werden in kurzen Passagen wie in einem Film gegen geschnitten zu der Entdeckung des Massakers und der Geschichte der Familie und ihrer Bekannten sowie den Nachforschungen. Das Kansas Bureau of Investigation übernimmt mit einem Stab von 18 Mann die Ermittlungen. Die eng bedrucken rund 300 Seiten sind in etwa vier gleichlange Teile gegliedert: I Die sie als letzte sahen, II Täter unbekannt, III Antwort und IV Die Ecke.
Bis zum Schluss bleibt es spannend, obwohl der Leser ahnen kann, wie es ausgehen wird. Die ersten vier Zeilen aus François Villon’s Ballade der Gehängten stehen dem Buch vor. Und trotzdem bleibt am Ende mindestens ein großes Mysterium. Mich hat das Buch von Seite eins an gefesselt, weil ich gespürt habe, dass das nicht ein herkömmlicher Krimi ist, sondern beunruhigend authentische und tiefe Einblicke in die Seele von Kriminellen und wie sie dazu geworden sind, erlaubt. Beide Täter wurden von Capote ausgiebig befragt.
Die in den Plot eingewobene Werbung für Pfandbriefe und Kommunalobligationen, die Anfang der Achtziger Usus war bei rororo, hat mich zurück gebeamt in meine Jugend.
Bankenwerbung 1983
Ganz am Schluss des sogenannten „wahrheitsgemäßen Berichts“ trifft der Hauptermittler auf dem Friedhof von Garden City, wo die vier ermordeten Familienitglieder beigesetzt sind, auf die Schulfreundin der getöteten Teenager-Tochter und unterhält sich mit ihr. Dass das ein schönes, aber erfundenes Ende ist, hat mir beim Lesen sofort geschwant. Nicht alles, was hier geschildert wird, hat sich wirklich so zugetragen, Capote hat durchaus seine künstlerische Freiheit genutzt, was der Qualität des Buches m. E. jedoch keinen Abbruch tut.
5 Sterne
P. S. Es spricht nicht für den Menschen Capote, dass obwohl er sich mit dem Mörder Perry Smith während der vielen Gespräche im Gefängnis angefreundet hat und nach eigener Aussage Mitleid gegenüber ihm empfunden hat, er keinerlei Gnadengesuch für ihn gestellt hat. Wenn die Täter nicht gehängt worden wären, wäre das Buch wahrscheinlich weniger erfolgreich gewesen. Auch der Autor war kaltblütig.
Und urplötzlich ist man mittendrin. Ohne Worte. Wie immer, wenn es wichtig wird im Leben, sind Worte überflüssig, nichts als Urlauber, die sich im falschen Moment einmischen, sich wichtig machen und durchs Bild laufen.
In deinem Bauch war es wohlig warm. Doch nach neun Monaten war es dort zu eng für mich. Ich musste raus an die frische Luft. Jedoch bin ich dir lange nicht von der Seite gewichen.
Wir sagen „Mutter“ zu dir. Die vielen Pakete, die du gepackt hast. Die Liebe zu Fremdsprachen, die Freude, zu kommunizieren. Lange warst du für mich die beste Köchin der Welt.
Heute bewundere ich, wie du versuchst, anderen zu helfen, auch wenn eher du Hilfe benötigst. Wie ihr beide euch durch den Tag kämpft.
Nach der anstrengenden Etappe vom Vortag schlafe ich tief und wache morgens völlig benommen um fünf auf und brauche eine Weile, um überhaupt zu realisieren, wo wir gerade sind. Langsam beim Tagebuchschreiben stellt sich die Erinnerung an gestern wieder ein.
Draußen regnet es. Nachdem der Regen gegen acht nachgelassen hat und wir schon auf dem Weg in den Ort sind, wo wir frühstücken möchten, stelle ich mithilfe von Google zufällig fest, dass auf der anderen Seite des Hotelgebäudes ein Backshop ist, der auch das Frühstück für die Motelgäste anbietet. Das bedeutet, dass wir nicht zurück ins Zentrum gehen müssen, sondern nach dem Frühstück – der Regen hat inzwischen aufgehört – einen Shortcut über die Wiesen und Felder kurz vor Fürstenhagen machen können, um wieder auf den Grimmsteig zu treffen. Heute müssen wir spätestens gegen halb drei am Ziel in Wattenbach sein, wo der Wagen steht, damit C. ihren Zug von Kassel nach Frankfurt kriegt.
Wir hören wieder den sprudelnden Gesang der Feldlerchen und sehen gelegentlich einen der unscheinbaren hellbraunen Vögel aus den Feldern aufsteigen. Nun kommen wir zu einem kurzen, unwegsamen Waldstück, hinter dem ein Weg verläuft, der zum Grimmsteig führt. Wenige Meter vor uns steht ein Reh, das ob unseres Aufeinandertreffens genauso perplex ist wie wir, aber dann schnell ins Unterholz wegspringt. Ich bin mal wieder überrascht, wie klein Rehe doch sind.
Wir erreichen den Grimmsteig und der Weg verläuft im Wald. Am Pistenrand stehen einige Autos mit leicht geöffneten Kofferräumen mit Käfigen, wo zum Teil noch Hunde drin sind. Wir sehen eine Gruppe mit Hunden in der Wiese. Es handelt sich sicher um Jäger und Jägerinnen, die ihre Jagdhunde trainieren.
Der nächste Ort ist Quentel, wird aber eigentlich vom Grimmsteig nur am Rand berührt. Wir entscheiden uns kurzfristig über einen Feldweg dorthin zu gehen, weil es dort laut Internet ein offenes Café gibt. Es stellt sich nach einer Weile heraus, dass der Feldweg zugewachsen ist, unsere Schuhe und Füße werden im hohen Gras nass, wir müssen am Ackerrand laufen und kommen nur schwer vorwärts.
Das Café im Garten ist in einem alten Fachwerkhaus im Innenhof untergebracht. Wir nehmen unseren Cappuccino mit selbst gebackenem Käsekuchen in der Scheune ein. Das Café ist liebevoll eingerichtet und sehr gut besucht. Die Leute frühstücken. Wir kommen mit einer Frau ins Gespräch, die den Grimmsteig schon mehrmals in einem Rutsch bewältigt hat, ihr Rekord für die 85 km ist etwas über 18 Stunden. Ich bin baff.
Quentel, Café im Garten
Der Abstecher nach Quentel war eine weitere Abkürzung, so dass wir gut in der Zeit sind. Allerdings zieht es sich jetzt beim Aufstieg in den Laubwald zu und es fängt an, zu regnen. Mein Regenschirm leistet gute Dienste, C.s Schuhe werden allerdings völlig nass. Plötzlich schlägt kurz vor uns – wir sind am Waldrand – ein Blitz ein, etwas später noch einer. Der Donner kommt wenig später.
Der Regen lässt nun nach und wir gehen hinunter nach Wattenbach, wo wir vor vier Tagen losgegangen sind. Das ausgebrannte Haus haben wir beim Start am ersten Tag, wo wir hier schon einmal vorbeikamen, noch nicht gesehen. Die Brandstiftung fand bereits vor knapp 6 Jahren statt.
Wattenbach, ausgebranntes Haus
Der Wagen steht an unserer ersten Unterkunft, dem Waldschlößchen, oben neben den Wohnmobil. Wir essen ein paar Pfefferbeisser mit einem Brötchen und trinken Ayran dazu, C. wechselt die nassen Klamotten und wir fahren nach Kassel-Wilhelmshöhe, wo sich unsere Wege vorübergehend trennen. C. nimmt einen ICE nach Kassel, ich die Autobahn nach Berlin.
Eine rundum geglückte Rundwanderung findet ihr Ende. Vier Tage haben gereicht, um aus dem Alltagstrott für eine kurze Weile völlig auszubrechen.
Wattenbach, Waldschlößchen
Hier ist die Übersicht unserer Wanderung auf dem Grimmsteig Ende Mai/Anfang Juni 2025.
Die Nacht ist mit rund 5 Stunden recht kurz, das Melatonin wirkt nicht mehr. Nach halb 4 döse ich nur noch, ab 5 mache ich mich ans Tagebuchtippen.
Beim reichhaltigen Frühstück sind wir die Ersten, eine zehnköpfige, zum Teil schon recht betagte Wandergruppe, die in Velmeden Quartier macht und von hier mit Autos und Öffis – z. B. der Tram von Kassel nach Hessisch Lichtenau – die Start- und Zielpunkte der Etappen anfährt, kommt kurz nach uns.
Es ist heute überwiegend sonnig-sommerlich, uns steht die Königsetappe über den Hohen Meißner bevor. Ich komme nur langsam in meinen Rhythmus. Eine Gruppe friedlicher Lamas lässt sich von uns Wanderen nicht beirren.
Velmeden, Lamas
Es geht nun erst einmal im langgezogenen Zickzack über Wiesen und Felder hinauf nach Hausen; über uns tirilieren die Feldlerchen. Der Weg am Feldrand ist bereits hier zum Teil nur schwer auszumachen, es gibt später noch andere Abschnitte, wo er ziemlich zugewachsen ist, man merkt, dass er nur relativ wenig begangen wird. Generell ist auch zu den Markierungen zu sagen, dass sie oft doppeldeutig angebracht sind, gut, dass ich zusätzlich meine Wander-App konsultieren kann.
Oberhalb von Hausen ist dichter, feuchter Laubwald und wir gehen auf teilweise glitschigem Pfad erst einmal hoch zur Kitzkammer, einer Basaltspalte, die Eingang in die Märchenwelt gefunden hat. Hier soll Frau Holle die zeternden Mädchen, die von ihren Verlobten verlassen worden waren, in Katzen verwandelt haben, die dann den verirrten Wanderern den Weg weisen mussten, wobei die Bösen in die Irre geführt wurden.
Meißner, Kitzkammer
Wir kommen nun zum NaturFreunde Meißnerhaus auf der großen Wiese unterhalb des Hohen Meißners, wo wir uns mit einem Salat stärken. Hier fallen die ersten Tropfen, so dass wir uns nach innen verziehen.
Meißnerhaus
Am Hohen Meißner fand im Oktober 1913 der erste freideutsche Jugendtag statt, wo sich verschiedene Jungendbünde wie z. B. der Wandervogel trafen, um dem wilhelminischen Mief und Hurrapatriotismus etwas entgegen zu setzen. Diese Jugendbewegung war leider nur von kurzer Dauer, da ja schon im nächsten Jahr der erste Weltkrieg begann.
Erinnerung an Hohes-Meißner-Treffen 1913
Von hier aus gibt es auch einen 17 km langen Wanderweg nach Norden zur Burg Ludwigstein oberhalb der Werra, wo heute das Archiv der deutschen Jugendbewegung aufbewahrt wird.
Wir erreichen jetzt den höchsten Punkt des Grimmsteigs gut 40 Meter unterhalb des Hohen Meißners.
Hoher Meißner, nahe des „Gipfels“
Beim Abstieg kommen uns die bisher ersten Grimmsteigwanderer entgegen, zwei junge Männer, die etwas ausgepumpt wirken, was angesichts des langen Anstiegs von der Südseite her wenig verwundert.
Hier liegen Basaltsteine in bizarren Formationen, die sogenannten Seesteine. Die 150 m dicke Basaltdecke des Hohen Meißners, unter der die Braunkohle zu energiereichem Koks komprimiert wurde, ist vulkanischen Ursprungs.
Seesteine
Wir gehen nun im großen Bogen hinunter in Richtung unseres Etappenziels. Plötzlich kommt ein Schauer herunter, den wir in einer Schutzhütte recht trocken überstehen.
Hinter Hasselbach treffen wir unsere Wandergruppe vom Frühstück, die heute von Quentel nach Hasselbach gehen und einige interessante Tipps für Wanderungen für uns haben.
Nun steigen wir auf einer Wiese und dann auf einem verwunschenen, zum Teil zugewachsenen Weg hinauf zum aus Muschelkalk bestehenden Kindelberg.
Abstieg nach Reichenbach
Hier grast hinter einem Elektrozaun eine Schafherde, deren Treiben – z. B. die Lämmer, die ihren Müttern an die Zitzen wollen – wir von einer Wohlfühlbank, die gerade recht kommt für unsere geschundenen Glieder, beobachten. Vor uns erstreckt sich der lange Bergrücken des Hohen Meißners.
Chillen auf Wohlfühlbank mit Blick auf Hohen Meißner
Wir kommen nun zur Burgruine Reichenbach, deren Turm mit dem Geld eines betuchten einheimischen Bürgers saniert wurde. Vor gut 15 Monaten war ich schon einmal hier gewesen, wie mir beim Lesen der Plakette mit dieser Info klar wird.
Es riecht in der Umgebung sehr würzig. Der Bärlauch hat sich hier schon fast unkrautmäßig großräumig ausgebreitet.
BärlauchReichenbachturm
Jetzt sind es nur noch wenige km nach Hessisch Lichtenau, das wir komplett durchqueren müssen, da ich nur ein Motel im Gewerbegebiet als Unterkunft gefunden habe. Wir stärken uns noch mit einer vegetarischen Lahmacun, die wir mit viel Ayran herunterspülen und kommen über die Schlüsselkarte im -safe in unser Zimmer, wo wir erschöpft ins Bett sinken.
Hessisch Lichtenau, Frau-Holle-Museum
Hier ist die Übersicht unserer Wanderung auf dem Grimmsteig Ende Mai/Anfang Juni 2025.
Nach einer erholsamen Nacht in unserem Airbnb-Studio nehmen wir unser Frühstück im nahegelegenen Café ein, die beiden Rhabarberkuchen stellen sich als sehr gut sättigend heraus.
Nieste, Café
Wir haben heute wunderschönes Sommerwetter und bekommen beide etwas Farbe. Ich verkürze unterwegs meine Hose, da es mir zu warm wird. Wie am ersten Tag, so kommen uns auch heute keine den Grimmsteig „richtig“ gegen den Uhrzeigersinn Wandernde entgegen. Insgesamt sind die Wege heute eher breiter, häufig sind es Pisten. Gleich am Anfang stoßen wir auf eine schöne Schutzhütte des Naturparks Meißner – Kaufinger Wald. Insgesamt finden sich jedoch recht wenig Ruhebänke, insbesondere, wenn man sie braucht, kommt kilometerweise nichts.
Schutzhütte
Wir bewegen uns im Tal der Nieste, auch Gläsnertal genannt, weil hier früher viel Glas hergestellt wurde, was in diversen Schautafeln dokumentiert wird. Interessant z. B., dass die grüne Färbung des Glases daher kam, dass man mit Asche die hohe Schmelztemperatur des Sandes, die 1700 Grad beträgt, gesenkt hat. Es gab zudem eine Art Glasordnung, die regelte, wie viel Glas die einzelnen Glasereien herstellen durften, um den Preis hoch zu halten. Heute würde man von einem Kartell sprechen.
Gläsnertal
Auch heute begleitet uns wieder ausgiebiges Vogelgezwitscher auf dem Weg, als würde nur für uns eine Natursymphonie aufgeführt. Der romantische Pfad an der Nieste ist zum Teil mit vielen Wurzeln bewachsen, man muss aufpassen, wo man hintritt.
Brücke über Nieste
Wir sehen auch heute wieder viele blühende Pflanzen am Wegesrand. Hervorstechend sind die gelb leuchtenden Ginsterbüsche. Das matte Blau des Wald-Vergissmeinnicht – bei der Bestimmung hilft mir C. bzw. eine App, die allerdings meint, dass es sich um Gamander-Ehrenpreis handelt – hat es uns angetan.
GinsterWald-Vergissmeinnicht
Wir kommen auch heute durch Mischwald, der allerdings von Laubbäumen dominiert wird. Die Fichten sind häufig vom Borkenkäfer kahlgefressen und sterben ab. Vereinzelt wird auch wieder aufgeforstet. Im Vergleich zum Harz scheint der Wald allerdings relativ intakt zu sein.
In der Nähe vom Kreuzstein (534 m), auf dem oben Windräder stehen, erreichen wir den höchsten Punkt der heutigen Etappe. Es geht nun hinab nach Wickenrode, wo uns die historische Obermühle ins Auge fällt.
Wickenrode, Alte Mühle
In Wickenrode rasten wir an der Kirche und steigen dann wieder den Grimmsteig hoch Richtung Rommerode. Von oben bietet sich ein großartiger Blick zum langgezogenen Bergrücken des Hohen Meißners, der morgen Vormittag auf dem Programm steht.
Blick auf Hohen Meißner vor Rommerode
Wir gehen großräumig um Rommerode herum und erreichen bald Friedrichsbrück, von wo es an zwei Windrädern vorbei – das eine ist abgeregelt – wieder zurück nach Rommerode geht.
Bank mit drapiertem BaumHinter Friedrichsbrück
Wir treffen nun auf die Gleise einer alten Eisenbahnstrecke und schließlich bei Rommerode auf die alte Eisenbahnbrücke dieser stillgelegten Strecke nach Hirschhagen.
Rommerode, alte Eisenbahnbrücke
Es ist jetzt nicht mehr weit zu unserem Etappenziel Velmeden am Fuße des Hohen Meißners. Die Füße werden zwar schwer gegen Ende, aber insgesamt sind wir heute gut durchgekommen. Der Gärtner, der den Rasen um die Kirche mit seinem Aufsitzmäher vorbildlich kurz geschnitten hat, kann uns bzgl. Kirchenschlüssel leider keine befriedigende Auskunft geben. Die meisten Kirchen in der Gegend scheinen abgeschlossen zu sein.
Velmeden, ev. Kirche
Unser Hotel ist gut belegt und sowohl Restaurant innen als auch Biergarten gut besucht. Hier sehen wir auch „endlich“ so einige Wanderer, die sich so bewegen, als hätten sie heute schon einige Kilometer intus.
Hier ist die Übersicht unserer Wanderung auf dem Grimmsteig Ende Mai/Anfang Juni 2025.
Nach einer geruhsamen Nacht nehmen wir morgens um acht ein üppiges Frühstück mit Ei und sehr leckeren, frischen Erdbeeren ein. Vorher hatte ich noch den Wagen umgeparkt neben das Wohnmobil oben, da er ja jetzt vier Tage hier bleibt. Zur Info: Der Grimmsteig ist ein gut 80 km langer Rundwanderweg.
Wattenbach: Morgenblick aus Hotelzimmer
Am Weg und in den Orten treffen wir heute auf viele blühende Blumen, am Auffälligsten sind die zum Teil riesigen Rhododendronbüsche, die ihre volle Pracht ausbreiten.
Rhododendron
Wattenbach liegt nicht direkt auf dem Grimmsteig, wir gehen einen asphaltierten Zubringer hoch, bevor wir auf die erste stilisierte G-Markierung mit dem Scherenschnitt der beiden Brüder treffen, die ihre Märchen ja größtenteils in der Nähe von Kassel gesammelt haben.
Blick zurück gen WattenbachGrimmsteigmarkierung
Der Weg ist von nun an extrem naturnah, zunächst geht es auf schmalen Pfaden durch den Laubwald, wo wir uns prompt beim Telefonieren leicht verlaufen und über einen matschigen Weg zurückfinden. Die Wiesenwege werden gesäumt von den gelb leuchtenden Butterblumen.
Butterblumen
Insgesamt gut 2000 Höhenmeter sind angesagt in den nächsten vier Tagen – wir gehen die Runde in vier statt normalerweise fünf Tagen. Bei den Grimmsteig-Tagen kann man am 20.6. die ganze Strecke in 24 Stunden bewältigen, wenn es einen nach einer besonderen körperlichen Herausforderung gelüstet.
An einem Teich blühen gelbe Sumpfschwertlilien. Später kommen wir an den Fahrenbachteichen vorbei. Etwas abseits des Weges vor einer Schutzhütte hinter einer Lichtung links der gut befestigten Franzosenstraße finden wir nach etwas Herumsuchen eine alte Autobahnbrücke, die mitten im Wald steht und nie genutzt wurde. Sie wurde 1939 gebaut für die Autobahn Eisenach – Kassel, die dann aus naheliegenden Gründen nicht vollendet wurde.
Alte Autobahnbrücke
Es geht aufwärts zum höchsten Punkt heute, dem rund 500 m hohen Großen Beigerkopf. Wir treffen hier auf eine Männergruppe mit Bierdosen in den Händen, der Vadderdach wird begangen. Unser Blick schweift nach Westen, wo wir eine größere Stadt, es handelt sich um Kassel, das knapp 15 km entfernt liegt, ausmachen können.
Blick nach Westen von unweit Großem Beigerkopf
Wir befinden uns hier im Stiftswald Kaufungen, wo man seine Asche im Ruheforst beisetzen lassen kann. Dies scheint recht populär zu sein, auf einer Karte sind hunderte Punkte eingezeichnet, wo organische menschliche Überreste liegen. Der Besucherparkplatz ist voll.
Ruheforst Stiftswald Kaufungen
Am Ortseingang von Oberkaufungen, in das wir hinabsteigen, hat sich jemand ein luftiges Baumhaus aufs Grundstück gebaut.
Oberkaufungen, Baumhaus
Man hat einen schönen Blick auf den Ort, die evangelische Stiftskirche ist allerdings leider geschlossen.
OberkaufungenStiftskirche Oberkaufungen
Wir machen hier unsere Mittagsrast inmitten angeheiterter Menschen. Gut, dass neben den Getränken aus der Kneipe im Grillwagen auch Bratwürste etc. für hungrige Wanderer wie uns bereitstehen.
Im Ort ist eine Familienskulptur auffällig. Während der Junge auf einem Skateboard steht, hat das Mädchen einen Walkman umgeschnallt und befindet sich in einer Art Meditationspose. Kopfhörer bzw. In-Ear-Ohrhörer wie sie heute in Berlin gang und gäbe sind, sucht man jedoch vergeblich.
Oberkaufungen, Skulptur
Es sind jetzt noch knapp 5 km zu unserem Ziel. Wir kommen an einem Bergbaumuseum vorbei, hier wurde früher das schwefelhaltige zum Färben benutzte Alaun abgebaut. Dann geht es am Mittelalthof mit Ponys und mietbaren, bunten Holzhäuschen vorbei. Schließlich hören wir laute Blasmusik in der Ferne. Auf der schön oberhalb von Nieste gelegenen Königsalm – hier beginnt der 24h-Gewaltmarsch – wird zünftig gefeiert. Sie spielen gerade „Hey Jude“ und dann den Tusch „Ein Prosit der Gemütlichkeit“. Gut, dass die Musikanten, als wir vorbeiziehen, gerade eine Pause machen.
Vor Nieste, Königsalm
In Nieste, wo es anfängt, zu nieseln, finden wir unsere Unterkunft nicht auf Anhieb, weil ich 8 und 9 verwechsele. Es ist ein Airbnb, der Schlüsselcode funktioniert und wir sind in der Einliegerwohnung. Von den Besitzern, die selber unterwegs sind, sehen wir nichts.
Nach der Dusche und dem Eincremen der Füße, die genauso wie die Gelenke schon gut beansprucht wurden am ersten Tag, gehen wir hinunter zur Dorfmitte, wo es doch tatsächlich nur meist geistige Getränke gibt und alle schon ziemlich angeschickert sind und sich über mich in Wandersocken in Flipflops amüsieren. Wir essen dann im einzigen offenen Lokal, der von einem Südasiaten bewirtschafteten Pizzeria, unser Abendmahl.
Zurück in der Unterkunft erholen sich unsere müden Knochen in der Horizontalen und ich höre noch um 9 die Klanghorizonte auf dem DLF von Michael Engelbrecht. Insbesondere die neuen Eno-Alben hören sich recht vielversprechend an. Aufgrund der Wandermüdigkeit döse ich allerdings leicht weg.
Hier ist die Übersicht unserer Wanderung auf dem Grimmsteig Ende Mai/Anfang Juni 2025.
Wir verbringen einen regnerischen Tag im Home Office in Niederhöchstadt, die Natur atmet auf, es hat in den letzten Wochen definitiv zu wenig Niederschlag gegeben. Gegen halb fünf packen wir unsere Rucksäcke in den Wagen und fahren los gen Kassel. Die A5 nach Norden ist von Anfang an sehr dicht befahren, den Feiertag haben offensichtlich viele für ein verlängertes Wochenende genutzt und den Freitag als Brückentag genommen. Kurz vor Homburg/Ohm fahren wir runter von der A5 in Richtung der erst vor zwei Monaten fertiggestellten A49, wo es sich besser fährt, kurz vor uns passiert ein Unfall, ein Wagen ist vorne zerdeppert und steht um 180 Grad gedreht auf der Überholspur, die Polizei ist schon da.
Bei Edermünde fahren wir ab und kommen nach knapp 20 Km Landstraße an unserem Startpunkt, dem zu Söhrewald gehörenden Dorf Wattenbach an. Dort beziehen wir unser komfortables Zimmer im Waldschlösschen im 2. Stock und nehmen unten im gut besuchten Gastraum unser Abendessen ein, das Bärlauchschnitzel schmeckt hervorragend. Nach dem Essen machen wir noch einen kleinen Spaziergang durch den am Hang liegenden Ort, der idyllisch inmitten von Wiesen und Wald liegt. Nach den Nachrichten, in denen sich unser neuer Bundeskanzler leider mal wieder wenig überzeugend präsentiert, gehen wir kurz nach halb elf ins Bett.
Die Wettervorhersage ist wechselhaft. Es soll eventuell Schauer geben die nächsten Tage, aber auch hochsommerlich warm werden.
Wattenbach, Abendblick vom Zimmer
Hier ist die Übersicht unserer Wanderung auf dem Grimmsteig Ende Mai/Anfang Juni 2025.