Ohne Erwartung
Sich dem Leben aussetzen
Reich beschenkt werden
Einfach einschlafen
und dann am nächsten Morgen
nicht mehr aufwachen
Es kommt hart auf hart
Zwischen Bruder oder Freund
und Frau entscheiden
Im Zentrum der Bass
Sonnenstrahlenreflexe
Wie das dahinfließt
[Michael Naura Quartett – Soledad de Murcia]
Schiffchen im Hafen
Wie glitzernde Smaragde
Kleinod, klitzeklein

Und ja: Es ist Krieg.
Und nein: Worte reichen nicht.
Und ja: Wach jetzt auf!
[Die Nerven – Und Ja]
Zwei Menschen am Meer
Acrylfarben, zerlaufend
Segelboot vorm Wald
[Kronberger Malerkolonie: Transzendenz (Rüngeler, Hackemann, Reuter, Lioba Lang)]
Kurz vor der Abfahrt
Ein Reiher kommt angeschwebt,
landet auf dem Dach
—
Ich nehme ihn ins Visier,
zoome ran und weg ist er
Zehn Treppen hinauf
Blick über die Baumwipfel
Frankfurt bis Feldberg
[Niederhöchstadt – Viergötterstein – Stadion Neuenhain – Mammolshain – Hardtbergturm – Opel-Zoo – Mammolshain – Kronthal – Schafhof – Klärwerk Schwalbach – Niederhöchstadt, 12 km]

gimme triphop vibes
let’s dive into the club night
not a second lost
Erster Lauf im Jahr
Mehr geschleppt als gelaufen
Knie hat gehalten
Drei Häuser weiter,
wo mal ne Garage stand,
wohnen Liebetanz
[Can – Halleluwah]
Sie grooven sich ein
Ein Morgen, sonnig und kalt
Das Feuer lodert
[Lee Fields & the Expressions – Just Can’t Win]
Die Benommenheit
vier Stunden nach Einnahme
des Melatonins
Berner Sennenhund
gekreuzt mit Neufundländer
A puppy to watch
Eine sanfte Kraft,
die wahrscheinlich einen Krieg
beenden könnte
[10cc – I’m not in Love]
Vor vielen Jahren
habe ich in diesem Lied
Tag und Nacht gelebt
[Traffic – John Barleycorn Must Die]
Auf stillen Wassern
Wabernde Nebelschwaden
Ein Lichtstrahl bricht durch
[John Abercrombie – Timeless]
Der Blick der Hündin
rüber zum Haus von Scotty,
der schon lange tot.
In Gummistiefeln
und langsam auf vier Pfoten
den Bach überquert
Es blüht der Weißdorn
Tau auf den Weidekätzchen
Der Boden ein Schwamm
In der Rotphase
Mit Zylindern jonglieren
Den Hut aufhalten
Das Kohlmeisenpaar
Moostransport vom Apfelbaum
ins Vogelhäuschen
—
Zuhause ist man dann, wenn
man sich eingerichtet hat
Liegen. Augen zu.
Die Atemzüge zählen.
Mit mir verschmelzen.
Ein schwankendes Schiff
bei völliger Windstille
It’s the age, stupid!
Wenn gegen Ende
die Geige beschleunigt und
gen Himmel abdreht
[Roxy Music – Out of the Blue]
Die ersten Schritte
nach dem Aufstehn ein Humpeln
seit drei Monaten
Welches Glück, ein Bad zu haben
Welches Glück, dass das Bad gut temperiert ist
Welches Glück, eine Dusche zu haben
Welches Glück, dass aus dem Brausekopf Wasser fließt
Welches Glück, dass das Wasser klar ist
Welches Glück, dass es nicht riecht
Welches Glück, dass es warm ist
Welches Glück, dass es nicht siedet
Welches Glück, dass der Wasserstrahl weich ist
Welches Glück, dass die Chromarmatur glänzt
Welches Glück, das Wasser auf der Haut zu spüren
Ich hätte jetzt gern
eine Bundeskanzler:in
mit Kriegserfahrung
we are approaching
an ultimate level of
sophistication
[The Smile – Bending Hectic]
Unter den Sohlen
Aus dem Nichts in der Hornhaut
Kleine Orgasmen
Ein leichtes Tröpfeln
Die Natur für uns allein
dank Regenradar
Am frühen Morgen
musikalisch richtig fest
umarmt zu werden
[Khruangbin – May Ninth]
Aus Legosteinen
gemeinsam ein Haus bauen
und dann drin wohnen
[Kurt Rosenwinkel – Use of Light]
So leicht wie heute
wirst du lange nicht mehr sein
Steig so viel du kannst!
Heute die letzte Etappe. Frühmorgens bin ich etwas kurzatmig, wahrscheinlich wegen der Fettverbrennung. Ein Frühstück nach Maß. Eine Thermoskanne mit 0,75 l grünem Tee und Orangensaft, mehr kann man von einem Frühstück nicht erwarten (als Saftfastender).
Komme ins Gespräch mit der Hotelierin. Sie und ihr Mann kommen aus Friesland an der dänischen Grenze. Sie redet über ihre Tochter, die sich auf eigenen Wunsch mit 14 hat taufen lassen, ich rede übers Wandern. Es gibt eigentlich nur wenig direkten Bezug, aber es ist ein absolut befriedigendes Gespräch, wir hören uns gegenseitig zu. Immer wieder dieses schöne Gefühl, wenn man sich selbst öffnet, öffnet sich der andere auch.
Draußen ist es etwas ungemütlich, 5 Grad, diesig und feucht. Egal, da muss ich jetzt durch. Zumindest geht es erst einmal ein langes Stück bergab. Diese mystische Stimmung aufgrund des wabernden Nebels. Ich liebe sie.
Der Weg ist sehr angenehm zu gehen, erst asphaltiert, dann ein Schotterweg, der ein reiner Wiesenweg wird.

Im Hintergrund hört man ganz leise Verkehr. Langsam hebt sich der Schleier des Nebels. Die äußeren Umrisse der Bäume werden sichtbar.
Die Kirche in Kleinseelheim ist leider verschlossen, Gottesdienste – heute ist immerhin Sonntag – scheinen in der Gegend Mangelware zu sein.
Ich komme zum Elauer Wäldchen, wo früher Leinfasern produziert wurden. Dies benötigte viel Wasser und endete mit dem Wüstfallen von Elau.
Direkt dahinter der Klenseelemer Scheferboen. Bis 1976 gab es hier einen Gemeindeschäfer, dessen Vater 1900 zwei Robinien pflanzte und zehn Jahre später einen 4,50 m tiefen Brunnen aushob, um die Schafe zu tränken. Dieser Brunnen war vergessen und voller Unrat und wurde 2010 durch eine Privatinitative wieder hergerichtet.

Ich laufe hier auf einem Wiesenweg zwischen den Äckern, hoch über mir das Zwitschern der Feldlerchen, ein sehr angenehmes Hintergrundgeräusch.
Am Elisabethbrunnen eine Frau, die von der gut sprudelnden Quelle trinkt. Es hängt dort zwar ein „Kein Trinkwasser“-Schild, aber sie sagt mir, das Wasser würde nur nicht regelmäßig kontrolliert, wäre aber einwandfrei. Ich tue es ihr gleich und muss mich ziemlich tief hinunterbücken. Das Wasser ist eisig und nur in kleinen Schlücken zu genießen. Eine schöne Erfrischung.

Ich komme nach Schröck. in der katholischen Barockkirche eine ausführliche Infomappe für Pilger sowie Konserven und Essbares.

Es geht nun an einer stark und schnell befahrenen Straße und durch eine etwas unübersichtliche Wegführung über eine Schnellstraße hinweg an der alten Schwerthinrichtungsstätte Rabenstein vorbei zur Fußgängerzone von Weidenhausen mit vielen Fachwerkhäusern. Über die Lahn und ich bin im Zentrum an der Universitätskirche, gehe durch den alten botanischen Garten. Dort schaue ich zwei Teichrallen beim Hahnenkampf zu.

Ich bin jetzt am Ziel meiner Pilgerwanderung, der Elisabethkirche in Marburg, angelangt. Sie ist die früheste rein gotische Kirche Deutschlands. Der Grundstein wurde 1235, nur 4 Jahre nach Elisabeths Tod gelegt. Leider wird der Chorraum saniert und weder das Grab Elisabeths noch die Jesusfigur von Barlach sind zugänglich. Dafür kann man den Goldenen Schrein mit vier Szenen aus ihrem Leben sehen.


Anschließend trinke ich in einem netten Studentencafe noch zwei frische Minztees und mache eine Altstadtführung rauf und runter durch das Gassengewirr bis hoch hinauf zum Schloss auf den Spuren der Gebrüder Grimm. Eine sehr amüsante Schnitzeljagd, wo man genau hingucken musste, um die Motive aus den Märchen zu finden. Der langsam zunehmende Nieselregen tat meiner Entdeckungslust keinen Abbruch.





Am Ende eine Karte mit Inspirationen für kommende Wanderungen:

Und ganz zum Schluss: Auf rund 200 Kilometern habe ich in zehn Tagen 7,5 Kilo abgenommen, also anderthalb Pfund pro Tag. Jetzt geht es ans Fastenbrechen. Der Apfel liegt bereit.
Hier der Etappenüberblick über meine Fastenwanderung auf dem Elisabethpfad von Eisenach nach Marburg im Februar 2024.
Es gibt Lieder, die
mich einfach nur plattmachen,
wie ne Dampfwalze
[Mary Timony – Valley of One Thousand Perfumes]
Straßenmusiker
und Bettler mit zwei Hunden
teilen brüderlich
Der Morgenländer
Augen weit aufgerissen
nach meinem Anblick
[Stadtallendorf]
Auf dem Wiesenweg
Oben zwitschern Feldlerchen
Links und rechts Acker
Ein Frühstückspläuschchen
Genug Flüssigkeit getankt
Es kann losgehen
Bitte Tür schließen
steht an der Kirchenpforte
Doch die Tür ist zu
Der Morgennebel
Die Konturen der Bäume
Eine Welt entsteht
Nach Glockenschlägen
morgens um 6 Entspannung
In Halbschlaf gleiten
Menschen stehen an
Es gibt Bratwurst mit Pommes
Ein Duft, der betört
Heute der vorletzte Tag mit der kürzesten Etappe. Trotzdem kein Zuckerschlecken. Eine gewisse Fasten- und Wandermüdigkeit macht sich im Laufe der Etappe bei mir breit. Die Waden ziehen, die Kniee sind eingerostet, Anfechtungen machen sich bemerkbar.
Das Frühstück sehr übersichtlich, leider kein Tee – das ist ein Problem für den Flüssigkeitshaushalt, wer trinkt schon einen Liter Wasser frühmorgens, ich nicht – aber etwas exotisch. Kombucha mit Ingwer. 2,4% Zucker, mit Kohlensäure, brennt etwas.

Geschichtsexkurs: Vor dem 2. Weltkrieg war Stadtallendorf noch ein Dorf mit 1.500 Einwohnern. Während des Krieges wurde es dann laut dem Dokumentationszentrum der größte Rüstungsindustriestandort Europas. Zwangsarbeiter aus vielen Nationen produzierten Sprengstoff für die Wehrmacht. Nach dem Krieg ließen sich viele Vertriebene in der Region nieder. Es siedelten sich diverse Industrieunternehmen an, was zu einem Wirtschaftsboom führte. Von den heute über 21.000 Einwohnern sind etwa ein Viertel Muslime.
Es geht halb zehn los, ich lasse mir viel Zeit, bin nicht motiviert. Draußen bin ich erst einmal desorientiert, laufe in die falsche Richtung, aus der ich gestern gekommen bin. Muss erst wieder den Weg finden, da ich etwas abseits bin. Das Wetter bedeckt, es muss geregnet haben, ein Gefühl der Klammheit. Temperaturcheck 8 Grad. Bingo!
Der Weg nach Westen ist leicht kurvig und abschüssig und läuft zwischen den Feldern lang. Man hat eine weite Sicht über die Felder und Wiesen. Aus einer Asphaltstraße wird ein Feldweg, der sehr angenehm zu gehen ist. Meine Anwesenheit scheucht die unauffälligen hellbraunen Feldlerchen auf, die tirillierend durch die Lüfte schweben.
Nach knapp einer Stunde komme ich in Langenstein an, benannt nach dem 10 t schweren, über 5 m hohen Menhir aus der Jungsteinzeit, wohl einer der Größten Deutschlands.

Die schnucklige Jakobuskirche weist eine Besonderheit auf. Ein freischwebendes zweischichtiges und zweifarbiges Netzgewölbe im Chorraum. So etwas gibt es in Deutschland nur noch in Frankfurt (St. Leonhard) und in Meisenheim.

Als ich aus dem Ort heraustrete, fällt in der Ferne ein die Landschaft dominierender Hügel mit einer Kirche drauf auf. Es ist mein Etappenziel, Amöneburg. Einerseits ist es schön, sein Ziel so direkt vor Augen zu haben, man kann einschätzen, wie weit es weg ist. Andererseits zollt es einem natürlich auch Respekt ab, insbesondere die erhöhte Lage, da ist noch etwas physikalische Arbeit angesagt heute.

Mein Tempo ist heute gemächlich, ich bin um 14 Uhr im Hotel angemeldet, acht km in drei Stunden, die Zeit läuft nicht weg.
Ich gehe nun weiter zwischen Feldern und Wiesen, komme bald zum nächsten Ort, Kirchhain, den ich mehr oder weniger komplett durchqueren muss. Das Autokennzeichen ist hier jetzt MR für Marburg. In der nach 1945 wiederaufgebauten katholischen Elisabethkirche stempele ich in der Taufkapelle meinen Pilgerausweis, in dem noch Platz ist, pro Tag kriege ich meist mehrere Stempel zusammen.
Neben dem Standesamt steht eine längere Schlange an einem Imbiss, wo es Bratwurst mit Pommes gibt an. Mir läuft das Wasser im Mund zusammen. So langsam beginne ich mich sehr auf das Ende meines Fastenintermezzos zu freuen.

Aus Kirchhain raus geht es über die recht stattliche Ohm im Zickzack über Felder und Wiesen. Eine Gruppe von Landschaftspflegern macht ein Feuer. Es geht nun spürbar aufwärts, ich komme ins Schwitzen, ziehe die Jacke aus und binde sie mir um.

Nach gut der Hälfte des Anstiegs lächelt mich eine Liegebank an und ich kann nicht widerstehen. Vor meinen Augen ein grüner, rundlicher Hügel mit Steinen und Gebüsch drauf. Es hat etwas Künstliches, Steingartenartiges. Auf jeden Fall entspannend.

Oben angekommen, habe ich noch eine halbe Stunde Zeit und entscheide mich für den Mauerrundweg.

Man muss wissen, Amöneburg liegt komplett oben auf dem Hügel und wird zu großen Teilen auch heute noch von einer Stadtmauer umgeben. Der Weg bietet Ausblicke nach Kirchhain, wo ich gerade herkomme und nach Stadtallendorf, wo ich übernachtet habe. Es gibt einige Tore zu sehen sowie die alles überragende katholische Stiftskirche von 1871.

Der Blick nach Westen gibt einen Ausblick auf den Charakter der morgigen, letzten Etappe. Viel Grün, viel Natur, kaum Orte. Marburg ist von hier noch nicht zu sehen.

In der geräumigen Stiftskirche fällt mir auf, dass ich, wenn ich mich recht erinnere, in keiner Kirche, die ich auf dieser Wanderung bisher besucht habe, auch nur eine Menschenseele getroffen habe. Das scheint mir doch schon sehr bezeichnend.
Den Elisabeth-Altar hinter dem Hochaltar finde ich genauso wenig wie den Pilgerstempel. Dafür eine Elisabethfigur, ich glaube, die erste, die ich im Blog präsentiere.

Ich schrieb es bereits, dies ist eine geschichtsreiche Region. 721 soll der angelsächsische Benediktinermönch Bonifatius sein Missionswerk mit einer Klostergründung hier begonnen haben. Wenn man der Statue Glauben schenken darf barfuß, knapp 50 Jahre alt und 1,80 m groß.

Nach dem Rundgang begebe ich mich ins Hotel, meine letzte Nacht auf dem Elisabethpfad möchte ich genießen.

Hier der Etappenüberblick über meine Fastenwanderung auf dem Elisabethpfad von Eisenach nach Marburg im Februar 2024.
Menschen stehen an
Es gibt Bratwurst mit Pommes
Ein Duft, der betört
Frau entschuldigt sich
Ihr Setter am Grundstückszaun
hat mich angebellt
Ich muss sagen, ich verstehe die Russen nicht. Und will sie auch nicht verstehen. Als Alexej Nawalny in Berlin in der Charité nach dem Giftgasanschlag aufgepeppelt wurde, dachte ich, er würde mit Frau und Kindern in Deutschland bleiben, auf jeden Fall nicht wieder – zumindest zu Putins Zeiten – in die Diktatur zurück, die sich von ihm entledigen will. Ein Selbstmord auf Raten. Wofür? Es muss seine russische Seele gewesen sein, dass er wieder zurück musste. Was muss er Russland geliebt haben. Was konnte er in der strengen Haft ausrichten? Mehr oder weniger nichts. Man wurde Zeuge, wie einem bei lebendigem Leibe ganz langsam die Haut abgezogen wurde. Er wusste, was ihn erwartete und muss das in Kauf genommen haben. Hoffentlich war sein Tod nicht umsonst und die Russen wachen so langsam mal auf und entledigen sich ihres mordenden Despoten. Julija Nawalnajas erste kämpferische Reaktion gibt auf jeden Fall Anlass zur Hoffnung.
Unter den Füßen
flitzt der Weg weg. Allmählich
wechselt die Landschaft
Heute ist mein 7. Wander- und 8. Fastentag, das Letzere ist ein persönlicher Rekord.
Morgens mache ich meinen zweiten Einlauf. Die Details erspare ich lieber der Leserschaft, auf jeden Fall ist mein Darm jetzt noch sauberer als zuvor.
Heute frühstücke ich im Hotel. Na ja, ich nehme halt das zu mir, was ich in der letzten Woche zu mir genommen habe. Die kleine Karaffe Orangensaft ist schnell „gekaut“. Dazu bestelle ich grünen Tee und bekomme eine aromatisierte Plörre, ich werde nie verstehen, wie man so etwas mögen kann. Das 2. Kännchen, das übrigens noch nicht einmal den Teepott ganz füllt, ist dann ein schwarzer Assam, purer Genuss.
Ich trete kurz nach 9 raus. Und bin sofort geflasht von dem hellen Licht und habe dieses glücklichmachende Gefühl der grenzenlosen Freiheit, hingehen zu können, wohin ich will. Beim Fasten werden Glückshormone wie Serotonin ausgeschüttet, wahrscheinlich ist das die profane biochemische Erklärung. Die Wolkendecke reißt auf, die Temperatur ist frühlingshaft, ich binde meinen Anorak mit Doppelknoten um den Bauch.
Bald biege ich nach rechts auf den mit Radfahrern gemeinsam genutzten geteerten Deich links der Schwalm ab, links von mir z. T. überschwemmte Flächen, später dann ein riesiges Rückhaltebecken rechts. Es riecht hier nach stehendem Wasser, wie in einem Hafen, ich mag den Geruch. Ich träume heute morgen mehrmals vor mich hin und verpasse Abzweige, merke meine Fehler aber meist recht früh. GeoApp-Checken ist angesagt. Hier auf dem Deich treffe ich mehrmals auf Gassigeher und es fällt mir auf, dass Herrchen – egal welchen Alters – häufig versuchen, ihre Hunde vor mir zu dressieren wie mit „Sitz“ o. ä., Frauchen hingegen völlig entspannt sind und ihre Hunde nicht belästigen. Dafür gibt es bestimmt tiefenpsychologische Gründe.

Hinter der Rückhaltemauer geht es unter der Bahn durch und ich komme hoch nach Treysa. Am Anfang der Altstadt rechts gleich die Kirche St. Martin, bekannter unter dem Namen Totenkirche. Eine dreischiffige Basilika vom Ende des 12. Jahrhunderts. Man kann den Übergang von der Romanik zur Gotik hier sehr gut studieren. Im unteren Bereich noch Rundbögen, oben und im Chor dann gotische Spitzbögen. Mir fällt beim Kirchturm zum ersten Mal auf, wie die Fenster nach oben immer größer und länger werden. Er wurde auch in mehreren Bauphasen gebaut, was mich an Einfamilienhäuser in Südeuropa erinnert, wo ja auch stockwerkweise gebaut wird, bis wieder neues Geld da ist. Nach der Reformation wurde diese Kirche nur noch für Beerdigungen genutzt, daher der Name. 1830 schlug der Blitz ein und das Dach stürzte ein. Die Kirche ist bis heute eine Ruine, wird aber immer wieder saniert.

Unweit der Kirche entdecke ich eine ungewöhnliche und originelle Skulpur mit einer großen Liebe zum Detail, die verschiedene Märchen- und Fantasiewesen abbildet. Da sind z. B. der gestiefelte Kater, Laurin, das geflügelte Waldwesen, der Mann mit der Wolfsmaske und die dreigesichtige Frau (jung, mittelalt und alt). Die linke freie Brust steht für die Lebensspende. Die Spindel, die sie in der Hand hält, steht für die ewige Wiederkehr und das Mysterium des Lebens.


Wie in den meisten Städten auf dem Weg auch hier viele Fachwerkhäuser, die Mehrzahl sehr gut in Schuss.

Ich gehe nun die Steingasse hinab und treffe auf das Hospital Zum Heiligen Geist, das früher auch Pilgern freistand. In der Ecke steht eine Figur von Elisabeth der Vogelsängerin, der Wohltäterin des Hospitals. Als ich gerade davor stehe und das Foto (s. u.) mache, gibt mir ein Sattelzugfahrer, der von unten von einer Baustelle kommt, ein Zeichen. Ich stehe offensichtlich im Weg und gehe zur Seite. Nun fährt er mit seinem Ungetüm weit ausladend um die Ecke und schrappt mit seiner Plane an dem Kapitell der Elisabeth vorbei und es rieselt herunter. Das löst bei mir einen seelischen Schmerz aus. Ich rufe ihm erbost hinterher, er hört natürlich nichts. Für sein Fahrzeug ist diese Passage einfach zu eng, wobei der alternative Weg wohl noch knapper bemessen wäre, wie mir ein Ortsansässiger sagt. Um etwas Neues zu bauen, muss das Alte zerstört werden, könnte man zynisch denken.


Aus Treysa raus geht es nach einem Anstieg über die Hephata, ein Diakoniezentrum für Behinderte. Ich sehe in Treysa mehrere Gruppen von Gärtnern, meist junge Leute, die die Grünanlagen in Schuss halten, das ist schön anzusehen.
Weiter geht es an der Wiera, und der B454 in die Wieraauen, hier scheinen die Wegbetreiber etwas durcheinander gekommen zu sein, erst weist ein Holzschild nach Süden, ich gehe geradeaus nach Westen nach meiner App und etwas später sind wieder Markierungen auf meinem Weg. Der Weg wird hier zunehmend matschig und ist von Baufahrzeugen kaputt gefahren. Über mir eine fertiggestellte Brücke der A49 (2. Verbindung Kassel – A5 neben der A7) , die Ende des Jahres für den Verkehr freigegeben werden soll.

Ich befinde mich heute im Flow, der Weg flutscht nur so unter mir weg. Temperaturcheck, 14 Grad, Bingo! Ich genieße den Wechsel von der Stadt in die Natur und umgekehrt. Nach einer längeren Strecke auf dem eher reizarmen Land sind meine Sinne scharf auf Stadteindrücke wie Menschen, aber auch Architektur. Neue Perspektiven insbes. auf dem Land eröffnet gelegentliches Anhalten und Umdrehen, der Rückblick darauf, wo man herkommt, ist oft überraschend.
Nach einer Passage durch einen Wald komme ich nach Klauseborn, eine rege sprudelnde Quelle, die regelmäßig untersucht wird. Drumherum verschiedene Texte neben dem Einweihungsgebet, das mich als Rastenden direkt anspricht, ein kurzer Extrakt aus dem Werther, der gleich so eine romantische-schwärmerische Stimmung erzeugt. Es ist schön, dass es solche Orte gibt und Menschen, die sich darum kümmern.



In Momberg hole ich mir in der katholischen Johanneskirche – hier war die Gegenreformation erfolgreich – meinen Pilgerstempel ab. Diese geräumige neugotische Kirche wurde von 1867 bis 1870 unter der Leitung eines Maurermeisters mithilfe der Bevölkerung errichtet. Heutzutage völlig unvorstellbar.

Auf dem Weg in den nächsten Ort Speckswinkel ist auffällig, dass die Strecke durch Treckerspuren matschig, zerfurcht und mit vielen Pfützen nur schwer begehbar ist. In Speckswinkel kommt mir auf der anderen Straßenseite ein kleiner Junge einsam und allein entgegen, fängt plötzlich an zu rennen und ruft mir trotzdem noch verschämt „Hallo“ entgegen, was ich natürlich erwidere.
Durch Stadtallendorf muss ich einmal komplett durch, mein Hotel ist auf der anderen Stadtseite. Die katholische Stadtkirche St. Katharina ist hier ungewöhnlicherweise im Innern barock ausgestattet, eine Abwechslung nach den doch oft eher nüchternen Kirchen der Gegend.

Je weiter ich komme, desto stärker zieht mir ein etwas unangenehmer Geruch nach Verbranntem in die Nüstern. Darauf angesprochen, sagt mir die Dame an der Hotelrezeption, das könnte entweder die Schokoladenfabrik oder die Eisengießerei sein. Es war Letztere.
Mein geräumiges, ruhig gelegenes Zimmer mit TV, Tisch, Stuhl, Bank, Schrank, Garderobe, großem Spiegel, Kühlschrank, Bad ist sehr gut eingerichtet und für 55 Euro ein Schnapper.
Hier der Etappenüberblick über meine Fastenwanderung auf dem Elisabethpfad von Eisenach nach Marburg im Februar 2024.
„Hallo Einsamkeit,
Du bist die Einzige, die
mich nie allein ließ“
[Mary Timony – The Guest, verkürzt übersetzt]
Der Wind übertönt
das Brummen/Rauschen/Brausen
der Windradflügel
Ein goldgelber Strahl
Nicht besonders ergiebig
Du musst mehr trinken!
Der kleine Junge
auf der anderen Seite
rennt und ruft: „Hallo“
Schneeglöckchen sprießen
Die ersten Gänseblümchen
Die Gänse turteln

Windräder in Schwung
Im Wind wehende Blätter
Den Wind im Ohr
Knisternde Blätter
Im Wald klingelt ein Handy
Zwitschernde Vögel
Die Verdauung still
Das Geräusch der Fußschrite
Der Geist auf Touren
Der Einlauf reinigt
Die Riemen festgezogen
Die Sonne blinzelt
Unter den Füßen
flitzt der Weg weg. Allmählich
wechselt die Landschaft.
Nieselregen, mild
Gespräche am Wegesrand
Pausen genießen
Der aufmerksame Leser wird sofort merken, dass in der Überschrift etwas nicht stimmt. Die beiden Etappen, die ich hier zusammengelegt habe, sind auf dem Elisabethpfad 32 km lang. Ich bin allerdings den kürzeren Jakobsweg gegangen, aber dazu später mehr. Nun von Anfang an.
Nach der Brechstangenetappe gestern mache ich heute eher piano, piano. Frühstückshighlight ist der milchige Mangosaft, den ich gestern beim Südasiaten am Markt gekauft habe. Ich kaue ihn mit Inbrunst. Im wahrsten Sinne, denn es sind Fruchtstücke drin, eigentlich ein No-Go beim Saftfasten, aber wer wird schon so streng sein? Dafür muss ich übrigens bezahlen, da ich später fürchterlichen Hunger kriege.
Ich verlasse „meine“ Einliegerwohnung, ziehe die Tür zu und nach ca. 10 Schritten bekomme ich Phantomschmerzen, ich habe meinen Wanderstock vergessen! Ich freunde mich schon mit dem Gedanken an, dann halt „ohne“ weiterzustapfen (das Morgen-High), als ich es nach 5 Minuten Gehen doch wage, meine Gastgeberin telefonisch bei der Arbeit zu stören. Sie sagt kein Problem und ist sogar eher da und kommt mir mit dem Teil entgegen. Ich bin platt!
Mir fällt ein neues Spiel ein. Ich rate die Außentemperatur. 10 Grad. Check mit der Wetter-App: Bingo! Kann man auch gut zu mehreren spielen. Heute nieselt es übrigens fast den ganzen Tag, aber es macht nichts mit Kapuze kann man das gut aushalten. Ich muss nicht mal den Schirm aufspannen. Nehme mir vor, auf der Regenradar-App nur noch die dunkelblauen Flächen ernst zu nehmen.
Ich gehe zum Marktplatz um drei Dinge zu erledigen. Als erstes mache ich ein Foto von der Brunnenskulptur Brüderchen und Schwesterchen nach dem Grimmschen Märchen. Da ist es ja vor allem interessant, dass es der Junge und nicht das Mädchen ist, der seinen Durst nicht zügeln kann, von dem verhexten Wasser trinkt und dann in ein Reh verwandelt wird. Ganz anders als anfangs in der Bibel, als Eva…

Punkt 2 auf meiner Liste ist die Stadtkirche, die ja gestern schon geschlossen war als ich ankam. Es steht ein Aufsteller dort mit „Geöffnet von 10-16h“, es ist kurz nach 9. Aber ich habe Glück, die Kirchenpforte ist schon auf! Ich trete ein in die gotische Hallenkirche und bin überwältigt von der Höhe der Säulen, die buchstäblich zum Himmel streben und der Helligkeit. Das Kreuzrippengewölbe ist unübersehbar. Ein bisschen fühle ich mich erinnert an die Kathedrale von Astorga auf dem Jakobsweg in Nordspanien, wobei die Säulen dort noch höher waren und die Helligkeit fast in den Augen weh tat.

Im Chorraum ist das sogenannte Reformationsfenster mit Luther und Melanchthon oben links und Zwingli und Calvin rechts daneben. Man hat es erst 1893 eingesetzt.

Auf der Westseite ist ein Kreuzweg in Sandsteinreliefs von um 1500 in 7 Stationen dargestellt, vor denen die Gläubigen früher niederknieten.

Nach der Besichtigung der Kirche gehe ich für Punkt 3 zum Rathaus in der Nähe, weil es nur dort um diese Zeit einen Pilgerstempel gibt. Ich klopfe an die Tür, öffne und „erwische“ die Dame beim Telefonieren. Sie legt bald darauf auf und stempelt mir eine Heilige Elisabeth – die Erste, meist sind das die Silhouetten der Kirchen – in den Ausweis. Sehr schön.
Ich wandere nun aus der Stadt hinaus auf der Ziegenhainer Straße. Lustige Zeitgenossen, die hier in Homberg wohnen

Es geht jetzt die vielbefahrene Ausfallstraße mit wenig oder keinem Seitenstreifen durchs Industriegebiet und an einer Kompostieranlage Richtung Sondheim. Der Jakobsweg ist zwar kürzer als der Elisabethpfad, aber schön ist anders.

Der Weg zieht sich endlos in die Ferne. Nicht nach vorne gucken, einfach nur gehen und genießen. Immerhin ist da ein Baum am Rand, für Abwechslung ist also gesorgt. Außerdem werden die Gerüche jetzt intensiver. Man merkt, dass die Viehwirtschaft hier eine größere Rolle spielt.

Vor Frielendorf der Silbersee – wisst ihr noch Karl May – ein ehemaliger Braunkohletagebau. Der Regen hat kurz aufgehört, die Sonne blinzelt durch die Wolken.

Die Orte verkümmern hier zusehends. Supermärkte schließen, Cafes gibt es kaum noch, ein Kino habe ich auf dem ganzen Weg noch nicht gesehen. Gasthöfe schließen wegen Unrentabilität. Essen kann man, wenn überhaupt, nur noch Döner, Pizza oder asiatisch. Tankstellen, oft die letzten Treffpunkte, machen zu. Ohne Führerschein und Auto ist man hier völlig aufgeschmissen. Die glorreiche Vergangenheit ist hier definitiv vorüber. Der Letzte macht das Licht aus.


In Frielendorf mache ich im Niesel auf einer Bank meine Mittagspause. Ein Mann auf einem Rad mit Dackel kommt auf mich zu. Er ist 5 Jahre älter als ich. Wir reden übers Wetter (besser zuviel als zu wenig Regen) und den weiteren Weg zu meinem Etappenziel, der vor allem aus geteerten Radwegen bestehen soll. Er ist etwas verwundert, dass ich so eine lange Strecke zu Fuß gehe.
Im nächsten Ort in Spieskappel sehe ich ein ca. 300 qm großes Grundstück, das zum großen Teil umgegraben ist. Die Erde schwarz und fruchtbar. Ich frage den Mann, ob er das alles heute gemacht hat. Nicht ganz, lautet die Antwort. Er möchte Blumen pflanzen, um die Bienen anzulocken für den Honig. Er hat einen östlichen Akzent. Viel Glück!
Im Wald kurz vor dem Spiesturm ein 35 m langer wohl von einem Unwetter entwurzelter Baum. Auch wieder symptomatisch.

Am Spiesturm, wo eine innerhessische Grenze verlief, gibt es eine phantastische Sicht auf die umliegenden Berge. Man sieht z. B. die mit 675 m höchste Erhebung des Kellerwaldes, den Wüstegarten direkt rechts vom Turm. Ich pausiere und genieße jeden Wasserschluck einzeln. Hier fühle ich mich wirklich wohl und mit mir eins und möchte gar nicht weitergehen.

Auf den letzten Kilometern geht es nochmal direkt neben der Bundesstraße weiter. Wie man es vom Camino, aber auch nicht anders erwarten kann.
Ich latsche durch den Ort, erreiche mein Hotel, rufe die angegebene Nummer an und ein junger, breit grinsender, korpulenter Mann öffnet und reicht mir die magische Zimmerkarte.
Hier der Etappenüberblick über meine Fastenwanderung auf dem Elisabethpfad von Eisenach nach Marburg im Februar 2024.
Nieselregen, mild
Gespräche am Wegesrand
Pausen genießen
Karamellfarben
Der köstliche Mangosaft
mit den Fruchtstücken
Wieso grüßen mich
manche Leute nicht zurück?
Nächstes Mal frag ich
Aus der Hecke tönt
ein vielstimmiges Konzert
Die Sänger versteckt
Langsam ansteigend
Der kalte Wind ins Gesicht
Der Weg schnurgrade
Wache nach unruhiger Nacht um 5 auf. Die kalte Dusche ist so richtig kalt, wie ich es liebe. So geht Aufwachen. Ich trinke zwar Mineralwasser und Rhabarbersaft zum Frühstück, vergesse jedoch in die Küche zu gehen und mir einen Tee zu kochen. Das Ergebnis: Ich bin schon durstig, bevor ich überhaupt losgehe. Um zehn vor acht bin ich unterwegs. Es scheint über Nacht geregnet zu haben, jetzt ist es nur noch bedeckt. Die Sonne wird sich den ganzen Tag verstecken, aber es wird trocken bleiben.
Aus Spangenberg raus gehe ich an der munter vor sich hinströmenden Pfieffe und komme an einem längeren Komplex vorbei, einer Sägenfabrik. Der geteerte Radweg anschließend, der in etwa parallel zur Bundesstraße verläuft, ist wie Kanonenfutter für meine Füße, heute drehe ich auf. Das ist auch gut so, denn ich gehe heute zwei Etappen, weil ich nur eine Woche Zeit habe. Heute ist übrigens Halbzeit.
Über uns drei Wildgänse, die ihren Schwarm verloren haben. Ich treffe mehrere Hundebesitzer und muss feststellen, dass die Kackbeutel hier gerne an den Wegrand gestellt werden. Ich sehe 5 solcher Beutel. Ich hoffe mal, die Müllabfuhr kümmert sich drum.
In Mörshausen besuche ich die etwas muffig riechende romanische Kirche aus dem 12. Jahrhundert, stempele den Pilgerausweis und schaffe es, die größte Attraktion, den Schmerzensmann, eine gotische Säule im dunklen Kircheninneren nicht zu sehen. Kann es sein, dass romanische Kirchen generell innen dunkler sind als gotische Kirchen? Angesichts der Fenstergrößen scheint mir das plausibel.


Auch hinter Mörshausen geht es auf einem asphaltierten Weg weiter. Es ist nur leicht wellig. In Adelshausen passiere ich erst einen Trupp Männer mit Warnwesten. Dann stoße ich auf eine Hinweistafel an einer Brücke. Es stellt sich raus, dass hier früher die Kanonenbahn von Berlin nach Metz passierte. Es ist die Bahn, die nach dem 1870/71er Krieg mit Frankreich gebaut wurde, um die Hauptstadt besser mit dem Westen des Deutschen Reichs zu verbinden. Einen anderen weiter westlich gelegenen Streckenabschnitt dieser Bahn, der z.T. in den Berg hineingebaut gewesen war, hatte ich vor einigen Jahren auf einer Radtour mit meinem Vater an der Mosel gesehen.
Wie mich eine zweite Hinweistafel lehrt, bin ich hier auf der historischen Straße Die Langen Hessen, die insbes. für den Güterverkehr zwischen Eisenach und Frankfurt genutzt wurden. Die Kurzen Hessen verlaufen über Alsfeld (Vogelsberg) und sind zwar eine Abkürzung, aber dafür der beschwerlichere Weg.

Hinter Adelshausen erstreckt sich das ausgedehnte Fabrikgelände einer Pharmafirma, das noch erweitert wird. Vor mir in großer Höhe kreist ein Greifvogel, wahrscheinlich ein schwarzer Milan. Es geht nun über die B83 an einem Kreisverkehr zur Domäne Fahre. Hier steht ein Eier- und Getränkeautomat, den ich mir ansehe. Es gesellt sich nun eine Appenzeller Sennenhündin zu mir, die mich ausgiebig beschnüffelt, etwas scheu ist, mir aber folgen möchte, wobei ich ihr klarmachen kann, dass das keine gute Idee ist. Love at first sight.

Hinter der Domäne komme ich zu den Fuldaauen, die Fulda ist hier ein schnell fließendes Flüsschen. An einem der vielen Klärwerke vorbei und über die Fuldabrücke geht es nach Malsfeld rein und die erste kurze Flachetappe von 12 km ist beendet, ich gönne mir eine Rast. Heißgetränke gibt es nur in der Supermarktkette. Allerdings ist der Tee aus. Wir lösen die Sache dann so, dass ich einen Pott heißes Wasser bekomme, den ich eigentlich nicht bezahlen darf, dann aber doch in Form eines Trinkgelds bezahle. In den Pott senke ich dann meinen eigenen Teebeutel.
Die Malsfelder Kirche gehört zu den Offenen Kirchen, eine Initiative, die ich immer mehr zu schätzen weiß, weil ich inzwischen in fast jede Kirche am Weg versuche, hineinzugehen und oft überrascht bin, was es dort alles gibt. Vom Gästebuch zu Teelichtern bzw. Kerzen, die man gegen eine Spende anzünden kann über Pilgerstempel, Papier für Bitten/Wünsche/Kritiken etc., die man einwerfen kann, Mineralwasser, 2nd hand Bücher, Luftpumpen und Flickzeug, Spielzeug für Kinder, Wetterstationen, Steckdosen (wichtig fürs Handy) etc. Es ist jedes Mal wie eine Wundertüte. Heute bekam ich sogar eine Hundepostkarte (mit Bibelvers) für 20 Cent.

Von Mörshausen ging es auf einem Schotterweg hoch nach Dagobertshausen, ein langsamer, schnurgerader Anstieg mit einer kühlen Brise von vorne. Links und rechts Felder. A propos, die Gegend ist eines der ältesten Siedlungsgebiete in Deutschland. Ein wichtiger Grund ist die Fruchtbarkeit der Böden. Dagobertshausen begrüßt mich schelmenhaft.

Der rote Kübel ist für mich ein bisschen wie ein Madeleine für Proust. Ich fuhr so eine Karre, natürlich in Tarngrün 1983/84 bei der Bundeswehr. Was für ein Schrottauto. Auf der Autobahn konnte man nicht mehr als 90 fahren, weil alles wackelte und einen Heidenlärm machte. Die Lenkung hatte weit über 90 Grad Spiel, Servolenkung gab es damals noch nicht. Ganz schlimm waren die abgedeckten Notlichter. Im Wald bei Übungen gaben die weniger Licht als ein Streichholz. Dass ich nie gegen einen Baum gefahren bin, ein Wunder. Das Verdeck habe ich nur selten zum Cabriofahren im Kofferraum versenkt. Ölwechsel und Inspektion inkl. Ölfilter wechseln, musste man natürlich selber machen. Festgefahren habe ich mich auch einmal, wurde vom Koffer (Unimog) aber wieder aus der Matsche gezogen. Ich bin dann bei der Marke geblieben, habe jedoch modernere, zivile Modelle bevorzugt.

Es sind jetzt keine 100 km mehr zum Ziel. Also auch auf der Entfernungsskala Halbzeit.

Es geht nun hinauf bis zum Waldrand. Am Scheitelpunkt öffnet sich ein phantastisches weites Panorama mit dem langen Gebirgszug des Hohen Meißner im Hintergrund. Die Landschaft hat etwas Magisch-Märchenhaftes.

Gut vernehmlich ist auch schon ein Rauschen aus dem Tal, dass anschwillt, je weiter ich vorangehe. Es ist die A7, meine erste Autobahnüberquerung auf dieser Wanderung. A propos Autos, das hiesige Kfz-Kennzeichen ist seit geraumer Zeit nicht mehr ESW für Eschwege sondern HR für Homberg oder MEG für Melsungen. Beide Kennzeichen gehören zum Schwalm-Eder-Kreis.

Es geht weiter mit den geraden, ansteigenden Wegen, hier ein Blick zurück.


Vom Segelflugplatz am Mosenberg (402 m) geht es hinunter nach Homberg, allerdings verpasse ich einen Abzweig und bewege mich in Richtung des Nachbarortes Mardorf. Ich muss jetzt mühsam auf den geraden Feldwegen Zickzack laufen, z. T. sogar wieder bergauf, um schließlich nach Homberg zu kommen.
Eine wichtige Person für Hessen ist Philipp der Gutmütige, der 1526 die Homberger Synode einberuft, wonach mehr oder weniger ganz Hessen evangelisch wurde.

In Nordhessen sind Fachwerkhäuser sehr verbreitet, insbesondere in Homberg, wo der Markt von der Stadtkirche und diversen herausgeputzen Fachwerkhäusern eingerahmt wird. Hier befindet sich mit dem Gasthaus Krone von 1480 eines der ältesten Gasthäuser Deutschlands.

In Homberg komme ich leider etwas zu spät für die Kirche, die um 16h schließt. Ich kaufe ein paar exotische Säfte (Banane/Mango) im asiatisch ausgerichteten Tante Emma Laden direkt am Markt. Die Fachwerkhäuser sind zum Teil von Migranten bewohnt. Anschließend gehe ich zur Supermarktkette, um die Wartezeit rumzukriegen bis meine Landlady nach Hause kommt und trinke grünen Tee.
Hier der Etappenüberblick über meine Fastenwanderung auf dem Elisabethpfad von Eisenach nach Marburg im Februar 2024.
Langsam ansteigend
Der kalte Wind ins Gesicht
Der Weg schnurgrade
Fasten. Autark sein.
Leben von den Reserven
Sich selbst auffressen
Aufrechter gehen!
In Augenhöhe gucken!
Dann verpasst man nichts.
Wach und federleicht
Ich fliege über den Weg
Mit leerem Magen
Schnurgeradeaus
Der einsame Wanderer
Bergauf. Der Wind kühlt.
Gefallne Blätter
Vom Wanderstock aufgespießt
Meine Copilger
Diese Nacht fünfeinhalb Stunden bis 4h30 durchgeschlafen, es wird langsam besser. Die Dusche mit alten Drehhähnen, mit denen man perfekt kaltes und heißes Wasser mischen kann. Ich lasse mir heute morgen Zeit, die Etappe ist ja nicht so lang. In der Barecke kann ich mir Wasser für grünen Tee kochen. Vorher gibt es Rhabarbersaft. Sozusagen English Breakfast für mich heute.
Ich ziehe kurz vor 9 los. Es ist knackig kalt, jetzt um den Gefrierpunkt, in der Nacht bis – 2, die Autoscheiben sind mit dickem Eis überzogen. Mir ins Gesicht scheint die Sonne, ideales Wanderwetter! Ein Mann mit einem lebhaften Deutsch Kurzhaar sagt mir, dass mich schöne Ausblicke vom Kamm, auf dem ich gehen werde, erwarten.
Kaum habe ich die letzten Häuser hinter mir gelassen, sehe ich auf dem Anstieg in den Wald vor mir zwei junge Rehe. Ich versuche mich anzupirschen, aber in ca. 100 m Entfernung nehmen sie Reißaus nach links ins Gebüsch. Es folgen noch zwei weitere Jungrehe.

Es geht weiter bergauf in Richtung Taufstein (461 m). Andere Wanderer treffe ich heute auf den 9 km bis Reichenbach nicht. Ich mache immer wieder Fotos, checke die Wander-App, lasse mir Zeit, genieße den Weg und die Aussicht.

Am Wegesrand wie auch schon gestern „Kunstwerke“ unter dem Rubrum Ars Natura, teilweise mehr, teilweise weniger gelungen. In einigen Fällen erkennt man das Kunstwerk nicht, weil es Natur ist, z. B. Baumstümpfe, drapierte Zweige etc. Recht originell und treffend fand ich die Baumsprüche.

Kurz vor Wollstein höre ich Vogelschreie über mir. Es ist eine kleine Schar von Wildgänsen, die nach Osten zieht. Die Rastbänke am Rande des Weges sind manchmal mehr und manchmal weniger einladend.

In unmittelbarer Nähe des Klosters Marienheide in Wollstein, das die „Schwestern von Bethlehem…“ beherbergt, überfliegt mich ein Militärhubschrauber in etwa 30 bis 40 m Höhe. In der Nähe des Aussichtspunkts mit Blick auf das einsam gelegene Kloster steht ein überdimensionales Metallkreuz auf der Wiese.

Als ich aus dem Wald herauskomme, blicke ich mich um und kann mir ein Schmunzeln nicht verkneifen. Draußen in der Natur ist auch das beste Navi immer noch häufig völlig verloren.

Ich komme nun zum Grenzstein von Hessisch-Lichtenau, wo mir plötzlich bewusst wird, dass es mir insbesondere an den Händen friert. Die Sonne ist unter den Wolken verschwunden und der Wind ist eisig und weht heftig. Ich habe doch tatsächlich meine Handschuhe vergessen. Ich versuche es mit den Zweitsocken, aber das macht die Hände zu unbeweglich. Schließlich nehme ich den Stock unter die Achsel und tue die Hände in die Hosentaschen.

Auf dem Boden liegen plötzlich tausende von Hülsen auf dem Weg rum. Nach genauerem Hinschauen dämmert es mir. Es sind die Fruchtbecher von Bucheckern, die ich bestimmt seit 45 Jahren nicht mehr bewusst wahrgenommen habe.

Richtig ziehen tut es bei den großen Steinen, einem bizarr geformten Steinblock aus Dolomit.

Noch eines der für meine Begriffe interessanteren Werke aus der Reihe Ars Natura:

Ich komme nun in den Ort Reichenbach, der fast auf der Hälfte meiner heutigen Etappe liegt. Menschen treffe ich hier keine. In der ursprünglichen Klosterkirche, die 1207 von den örtlichen Grafen an den deutschen Orden verschenkt wurde und damit dessen erste bedeutende Niederlassung auf deutschem Gebiet war, zünde ich ein Teelicht an und stemple den Pilgerausweis. Hinter dem Altar sind Wandzeichnungen mit Bibelszenen.

Ich entdecke eine Seite mit Hinweisen und Ratschlägen zu einem guten und abgeklärten Leben. Ich glaube, das kann man fast alles auch als Nichtchrist bzw. sogar Nichtgläubiger unterschreiben. Den Text durchzieht eine große Demut, aber auch eine Würde und ein Pragmatismus.

Im Zentrum von Reichenbach stehen diese Milchkannen, ich hatte das Bild auch schon in meinem Führer gesehen.

Hinter Reichenbach geht es in den Wald auf zum Teil matschigen Wegen hinauf auf den mit 522 m höchsten Punkt der Etappe, den Schlossberg mit der Burgruine Reichenbach, deren Turm durch die Spende eines Reichenbachers überdacht werden konnte. Der Blick geht bis zum Hohen Meißner, bei dem mich mal wieder stutzig macht, dass er mit 753 m noch nicht mal so hoch ist wie „unser Hausberg“, der Altkönig.

Der Hohe Meißner gilt als die Heimat von Frau Holle aus dem Märchen der Gebrüder Grimm. So erklärt sich auch der Name der folgenden Skulptur. Man fragt sich, was die Dame da auf dem Kopf trägt, übliche Kopfhörer scheinen es nicht zu sein, evtl. Fernkopfhörer? Eventuell ist es andersherum und sie sendet nach außen. Vielleicht ist es auch einfach nur ein Geweih. Oder ein gewölbter, am Hinterkopf befestigter Knochen. Fragen über Fragen.


Und vergesst mir bitte die Tiere im Wald nicht. Die wollen auch mal schlafen und äsen…

Bei der folgenden Holzskulptur hatte ich geraten, dass sie eventuell Zungenkuss heißen könnte, aber dem war nicht so.

Am Ende der Wanderung sehe ich etwas Haariges auf dem Boden liegen. Es scheint kontraintuitiv zu sein, Haarkleid ausgerechnet im Winter abzuwerfen. Aber was verstehe ich schon von der Welt.

In Spangenberg komme ich schnell zu meiner Privatunterkunft mit sonnigem Zimmer im 2. Stock. Hier wird mir neben einer dem immer durstigen Wanderer natürlich sehr willkommenen Flasche Mineralwasser auch eine Flasche Flens offeriert.
Es hat sich übrigens bei mir nach dem Trinken von zwei Gläsern des Sprudels die Verdauung zurückgemeldet. Man glaubt nicht, was sich nach 5 Tagen Fasten noch so alles im Darm befindet. Auf jeden Fall werde ich morgen noch einmal um gut ein Pfund leichter auf die über 30 km lange Etappe nach Homberg/Efze gehen. 😉
Hier der Etappenüberblick über meine Fastenwanderung auf dem Elisabethpfad von Eisenach nach Marburg im Februar 2024.
Na, klare Pfütze
Was willst DU mir wohl sagen?
Alles sinkt hinab

Na, trübe Pfütze
Was willst Du mir nur sagen?
Du bist so schön rund

Mit klammen Fingern
DEN Reißverschluss aufziehen
und dann zumachen
Nur kleine Schlücke
aus der Pulle mit Wasser
Grade mal vier Grad
Bohrende Frage
tief in den Eingeweiden
Habe ich Hunger?