Brosamen können
Vogelscharen ernähren
doch keine Menschen.
Wenn der Wecker mich
aus dem tiefsten Schlummer reißt,
hab‘ ich gut gepennt.
Langweilereien
wechseln sich ab mit vielen
packenden Partien.
[Andreas Maier – Die Städte]
Vormittag über
Weste falsch rum getragen
daheim im Büro.
Wie das Blut pulsiert
im linken Zeigefinger
in der Jeanstasche.
Erst an die Vögel,
dann an die Pflanzen, zuletzt
an mich selbst gedacht.
O Melatonin!
Wie du mich sachte mitnimmst
auf Morpheus Armen.
Richtgeschwindigkeit.
Meist auf mittlerer Fahrbahn.
Nach Berlin gleitend.
Über Buchenwald
dunkle Wolken, dahinter
strahlt der Himmel blau.
Butter, Kartoffeln,
Vinaigrette, Parmaschinken,
Spargel. Ein Gedicht.
Gravitation
so einsetzen, dass Bälle
in Hände fallen.
Lockerer Aufstieg.
Baumbestand stark dezimiert.
Großer Feldbergblick.
[Von zuhause über Kronberg zur Weißen Mauer, 634 m. Zurück über Oberhöchstadt]
Direkt, lakonisch
verspielt, verträumt, verletzlich,
herzzerreißend-schön.
In die Dunkelheit
hinabsteigen ist nicht gleich
dem Hinaufsteigen.
Das Insektennetz
vor dem Schlafzimmerfenster
ist nun installiert.
Gähnende Leere
zwischen zahllosen Sternen.
Das ist der Weltraum.
Sprechend, nicht schreibend
verrät sie so einige
Tricks des Zauberers.
[Katia Mann – Meine ungeschriebenen Memoiren]
Mit Flügelschlägen
vertreibt Amsel Blaumeise
aus Untertopfbad.
Nimm die drei Bälle.
Guck unfokussiert nach vorn.
Es kann losgehen.
Vom Bass gekitzelt,
von der Sitar gestreichelt,
vom Cello umarmt.
[David Darling – Cycle Song vom 82er Album Cycles]
Wer zwitschert denn da?
Kann im Baum nichts entdecken.
Doch! Ein Rotkehlchen!
Einhundert Liter
harte Komposterde mit
Fingern zerrieben.
Bis zehn: Erfrischung.
Elf bis zwanzig: Eisregen.
Schluss: Torso on rocks.
Zwanzigerkindheit.
Forsthaus mit Seen, Havelland.
Kein fließend Wasser.
[Ilse Gräfin von Bredow – Kartoffeln mit Stippe aus dem Bücherschrank]
Söhne und Mutter.
Frühherbst in Schwedisch-Lappland.
Birken und Samen.
[Sigrid Damm – Wandern – ein stiller Rausch]
Frühe Achtziger.
Liebe auf den ersten Blick.
Verwirrt in Berlin.
[Ulrich Peltzer – Das bist du]
Garten über Nacht.
Rosa Farbexplosion.
Die Zierpflaume blüht.
Der Jonglierbogen.
Die Bälle kreisen lassen.
Ewiges Schöpfen.
Vier Krähen sitzen
weit oben auf dem Laubbaum.
Inbrünstig krächzend.
Ich glaube, es war Esther Kinsky, die einmal gesagt hat, wenn man übersetze, müsse man sich bis zur Erschöpfung in den Text vertiefen, bis man in eine Trance gerate und dann in dem anderen sei und nicht mehr in sich selbst.
[Gabriele von Arnim – Das Leben ist ein vorübergehender Zustand]
Der größte Unterschied zwischen Schreiben und Übersetzen ist für mich: Schreiben hat mit einem selbst zu tun, mit dem eigenen Horizont, dem eigenen Fühlen, der eigenen Sprache – beim Übersetzen geht es hinterm Horizont weiter, ich treffe auf Dinge, von denen ich nicht einmal wusste und mit denen ich mich schreibend nie beschäftigt hätte.
[Claudia Hamm – Kanaky zuhause aus dem Februarheft vom Merkur]
Wer nicht wissen will
wie es im Paradies klingt
bitte weghören.
Blätter und Blüten.
Orange Schmetterlinge.
Tiffany-Lampe.
Der Geisteszustand,
wenn abends dem Alkohol
das Wasser nachfolgt.
Derjenige, der
mit geschlossenen Augen
jongliert, ist Artist.
Auf der Bucket List:
Mit vier Bällen jonglieren.
Nicht quatschen, machen!
Skyr plus Orange
plus Ananas plus Liebe
gleich Gaumenwonne.
Wolken vor Milchmond.
Elo beriecht Bernerin.
Bankturm erleuchtet.
Späte Dämmerung.
Zwei Kröten kreuzen den Weg.
Knapp ausgewichen.
Karambolage.
Auf Boden nieder prasselt
Jonglierballreigen.
Streifen auf Wiese.
Menschen, die dort wandelten.
Vor meinem Auge.
Auf dem Hünerberg
auf neuer Holzbank sitzen.
In Sonne blinzeln.
Sattgrüne Weiden,
von Sonnenlicht beschienen.
Dem Regen sei Dank.
Radfahrerinnen,
die sich nicht bedanken, wenn
man den Weg frei macht.
Das Entknäulen von
Ohrhörerkabelsalat.
Nervig, aber cool.
Himmel sieht rosa
hinter Hardtberg, Falkenstein
und dem Altkönig.
Meister Lampe rennt
die Ackerfurche entlang,
den Igel suchend.
Schottischer Bär brummt
zu schaurig-schönen Klängen
Wörter zu Körpern.
[Arab Strap – The Turning of Our Bones vom neuen Album As Days Go Dark]
Waschbetonplatten
von inkrustiniertem Moos
durch Schaben befreit.
Steh‘ vor Kloschüssel.
Beine rutschen nach außen.
„Flatsch“! Dann gellt ein Schrei.
Stechapfelblüten
öffnen sich in Zeitlupe
im Vollmondenschein.
[Loma – Half Silences vom Album Don’t Shy Away via Fingertips.]
Gelb-rote Blüten.
Duft von tropischen Früchten.
Goldlack am Wegrand.
Rotkäppchen erblickt
über Koppel sprintenden
großen Feldhasen.
Am Himmel zappelt
schwarz-weiß-pinker Wurmdrache
über Dorfanger.
Insektenhotel
von roten Mauerbienen
fleißig frequentiert.
Sich die Zeit nehmen.
Der sanften Weise lauschen.
Wehmütig werden.
[Bill Frisell – Winter Always Turns to Spring vom letztjährigen Album Valentine.]
Haus- und Feldsperling
bespritzen ihr Federkleid
im Untertopfbad.
Power. Slider auf.
CD rein. Play. Hinsetzen.
Musik auskosten.
Bequem etabliert
im Corona Home Office.
Rückkehr schwer denkbar.
Der Sennenhund tapst.
Die Karawane zieht sich.
Der Labrador jagt.
Die Morgensonne
blendet schläfrige Augen.
Draußen sind’s null Grad.
Berner Sennenhund
auf Mammolshainer Runde
mit Lunge verwöhnt.
Die Playlist von 69 Liedern, über die ich bisher Haiku geschrieben habe bis auf wenige Ausnahmen, die nicht bei dem Dienst gelistet sind. Insgesamt rund 6 Stunden Spielzeit.
Vor Stress an Kasse
beim Discounter nebenan
Geheimzahl verkehrt.
Mit den Klappläden
morgens Tag hineinlassen,
abends Nacht aussperr’n.
Voll aufgedreht nach
morgendlichem Sport-Exploit
für Rest des Tages.
Dichtes Schneetreiben.
Fette Flocken vorm Fenster
tanzen Rock ’n‘ Roll.
Man nehme Siouxsie,
Nina Hagen, Ideal
und mische gut durch.
[Sofia Portanet – Menschen und Mächte vom letztjährigen Album Freier Geist]
Erst kalt und sonnig.
Dann zieht es sich zu und schneit.
Der Himmel hängt tief.
Bücherschrankregel:
Nie mehr Bücher mitnehmen
als offerieren.
Bewusst spüren, dass
jeder Schritt die Fußsohlen
wie ein Teig knetet.
I want you so bad
stop sending me your photos!
Vehicle Buy Back
[subjects of recent spam e-mails]
Heißer Ingwertee,
dessen Schärfe die Kehle
langsam hinabsinkt.
Abendspaziergang
Rutschpartie auf Feldwegen
und Streuobstwiesen.
aber wo nur wo
ist man woanders und
wo ist man anders?
[Masha Qrella – Woanders vom gleichnamigen Album nach Texten von Thomas Brasch]
Sonne Fehlanzeige.
Für die Jahreszeit zu kalt.
Wenigstens trocken.
Die messerscharfe,
schräg stehende Mondsichel
am Abendhimmel.