Schonungsloser Blick
auf Vergreisung und Demenz.
Rollentausch. Heimkehr.
[Claudia Wolff – Letzte Szenen mit den Eltern]
Schonungsloser Blick
auf Vergreisung und Demenz.
Rollentausch. Heimkehr.
[Claudia Wolff – Letzte Szenen mit den Eltern]
Nach dem Aufmachen
der Müslibox flattern mir
Motten entgegen.
ebener asphalt.
kollidiere mit bordstein.
fall ohne folgen.
am frühen morgen.
ich hole einen sandstrand
aus meinen augen.
fünfzehn minuten
zwischen den kirchturmschlägen.
zeit zum wegdämmern.
pure erfrischung.
kühles, süßes, rotes fleisch.
wassermelone!
ein schrei aus dem nichts.
catherine rettet schmetterling
just aus spinnennetz.
gute laune rat.
tv und internet aus.
einfach losgehen!
wassermelone
nach zwanzig sonnen-km.
himmel auf erden.
abstecher machen,
um den weg zu genießen.
etappen kürzen!
mit dem wanderweg
stimmt was nicht, wenn wegen uns
die autos halten.
[Erste Stunde auf dem EB raus aus Oelsnitz]
wasser in oelsnitz
schmeckte wie korkiger wein
ohne alkohol.
so locker flockig
gewandert heute und doch
blase bekommen.
Gitarrenloops, die
von den Grillen da draußen
sanft umzirpt werden.
[Rachika Nayar – august 31st via aquarium drunkard auf Ohrhörer in Markneukirchen im Zimmer bei offenem Fenster]
Kurzer Stopp auf Weg.
Bruchwald an Weißer Elster.
Mückenschwarmangriff.
Zur Hirschraufe hoch.
Wiesenwaldweg bedeckt mit
zig Pfauenaugen.
Im lichten Wald. Stopp!
Am Wegesrand Himbeeren.
Überreif. Ein Traum.
Kreise, konzentrisch.
Auf den Pfützen am Rennsteig.
Der Regen ebbt ab.
Der Himmel bedeckt.
Ein Haufen Haufenwolken.
Die Sonne blendet.
Geflissentliche
Missachtung von Furzlauten
älterer Leute.
Mir Tatoos bedeckt,
Sonnenbrille, Muscle Shirt.
Der Möbelpacker.
Starkregen. Null Sicht.
Strohgelbe Stoppelfelder.
Wohin rasen die?
Rastplatz Rodablick.
Zwischen parkenden Autos
Sicherheitsabstand.
Sommerabend, lau.
Morgens ans Bett genagelt.
Eibe geschnitten.
Amsel pickt Krümel
unter Eichhörnchennussbar.
Berührungspunkte.
Amsel pickt Würmer.
Eichhörnchen vergräbt Nüsse.
Parallelwelten.
Ein Zusammenspiel
von Händen, Augen, Gehirn,
Bällen und Schwerkraft.
Morgenwiesentau
kriecht in Sandalen hinein,
kühlt nackte Füße.
Ausblick verschiebt sich.
Burg Falkenstein, Ort, Schornstein,
Kronberg, Altkönig.
Schach, eine Mischung
aus Gefühl, Berechnung und
Gedächtnisstärke.
[Ellis Schatztruhe: Dynamische Intuition und visuelle Vorstellungskraft]
Raubvogelschreie.
Lärm heumähender Trecker.
Wiesenzirpkonzert.
Auf der Haselnuss
sitzt’s Rotkehlchen und zwitschert
seine Nachtmusik.
Hündin galoppiert
mit wehenden Schlappohren
über Fettwiese.
Auf Bahnübergang
stoppt Hündin und hält Ausschau
nach links und nach rechts.
Auf Ergometer
klatschnass geschwitztes Handtuch
völlig auswringen.
Hundebellen schreckt
Eichhörnchen auf Wiese hoch.
Kopf gereckt und ab!
Drei Sonnenstrahlen
durchstoßen Wolkendecke.
Der Himmel reißt auf.
Die Sennenhündin
weicht vor dem Kapuzenmann
im Regen zurück.
In rot, grün, gelb, blau
umtänzeln sich in der Luft
drei Lederbälle.
Auf die Netzhaut plumpst
und verteilt sich gleichmäßig:
ein Augentropfen.
Schokolade mit
neunundneunzig Prozent ist
mehr bitter als süß.
Terpentingeschmack.
Eiskalt. Geharzt. Retsina.
Kein Wein haut so rein.
Klingeln und rufen
werden vom tiefen Schnarchen
völlig übertönt.
Drei Polizisten
mit Masken vorm Nachbarhaus
um acht Uhr morgens.
Feuchte Obstwiesen.
In Sandalen unterwegs.
Schmatzende Sohlen.
Blitz, Donner, Regen.
Draußen geht die Welt unter.
Im Haus geborgen.
Sie legt sich ins Gras
und guckt zu wie das Frauchen
ihr Geschäft einpackt.
Reichlich tummeln sich
in der Brennnesseljauche
Albino-Würmchen.
Am Kellereingang
Nest mit totem Rotkehlchen,
Frosch, mumifiziert.
Unter dem Kirschbaum
futtern Adam und Eva
halbreife Früchte.
Odenwald im Dunst.
Falke und Mäusebussard.
Herrscher der Lüfte.
Junge beschleunigt
Fahrrad auf volles Tempo
und fährt Treppe hoch.
Der alte Wein schmeckt
in einem anderen Schlauch
bittersüß wie je.
Hoher Ruhepuls.
Warm. Anfangs langsamer Tritt.
Durchgebissen. Yeah!
In Streuobstwiese
erste Süßkirsche probiert.
Kann man schon essen.
Endlich blüht der Mohn.
Felder mit roten Sprengseln
und solche ohne.
Keller ist wärmer
als andere Etagen.
Sommer macht Pause.
Nach der Wiesenmahd:
Inmitten der Saatkrähen
stolziert ein Reiher.
Im Hängesessel knapp über der Grasnarbe liegend.
Auf den lang ausgestreckten Füßen, leicht unterstützt von der Gesäßmuskulatur, um die eigene Achse rotierend.
Die perfekte Fusion von Bewegung und Stillstand, absolut süchtig machend.
Der Amselfrau bei ihrem ausgiebigen Bad in der Vogeltränke zuguckend wie sie das Wasser aus ihren Federn schüttelt und danach ganz zerzaust am Kopf ausschaut.
Die roten Rosen und die hohen, übereinander hängenden rosa-violetten Blüten des Fingerhuts, beide sowohl bei uns als auch beim Nachbarn, bestaunend.
Der Ringeltaube mit dem grün schillernden Halsfleck zuschauend, die ein paar Meter entfernt auf dem Rasen herumspaziert, sich aber nicht in meine unmittelbare Nähe wagt.
Dazu ein im Oktober 2020 abgelaufenes alkoholfreies Weißbier ohne Kohlensäure süffelnd.
Die Seele baumeln lassend, nichts tuend, nur Passagier seiend.
Das alles bei 29 Grad.
Ausguck: „Land in Sicht!“
Wir fangen von vorne an.
In der neuen Welt.
Das alte Schachbrett aufgeräumt und unter dem alten Holztisch verstaut. Nicht ein Mal wirklich gespielt sondern die Figuren willkürlich aufgestellt, weil man da noch Kind war. Der Turm in der ersten Reihe und die Bauern alle beim Namen genannt. Das Holzbrett schon ganz verbogen wie eine hügelige Landschaft. Und rollt und rollt, so wie das Mädchen die Wiese hinunter.
Sperlinge zwitschern,
S-Bahn hupt und rauscht vorbei,
Waldtauben gurren.
Vom Teich des Nachbarn
tönt Froschgequake rüber.
Sommerabend, lau.
Mit achtzehn Euro
befreit aus kafkaeskem
Impfzentrumsstillstand.
Lange Schürfwunde
am Schienbein nach missglücktem
Mini-Trimm dich-Sprung.
Auf Weg verirrtes
Maulwurfjunges gemeinsam
ins Feld geleitet.
Vor uns ein Hänger.
Heuballen bis zum Himmel.
Der Falke im Feld.
Kopfkinogeschwätz.
Selbst Gretel Adorno kann
den Text nicht retten.
[Andreas Maier – Die Universität]
In Streuobstwiesen
den kühlen Sommermorgen
am Schopfe gepackt.
Wir hören Musik,
der Resonanz wegen, um
nicht allein zu sein.
[frei nach Rick Rubin in diesem phantastischen Gespräch mit Brian Eno im Rahmen seines Podcasts Broken Record]
Wieso sind’s so oft
die traurigen Musiken,
die mich anziehen?
Erst über den Rhein,
danach Weser und Elbe
überquert gen Spree.
Wie die Sicht sich trübt
nach dem Öffnen des Auges
mit Gerstenkorn drin.
Letzte zwei Stunden
Autobahnfahrt nach Berlin:
Tiefenentspannung.
Schmerzmittel nehmen.
Und dann andere gegen
Nebenwirkungen.
West-, Ostdurchquerung.
Gerstenkorn schiebt sich direkt
vor die Pupille.
Auf der Autobahn
DHL- und Primelaster
statt der Flixbusse.
Fast unverändert.
Duze sie, jedoch nicht ihn.
Sie umarmt gestisch.
Eine der Nächte,
in denen man scheinbar nie
eingeschlafen ist.
Die Starrsinnige
und der Stolze machen sich
unnütz das Leben schwer.