Nach einer erholsamen Nacht gehen wir gegen 8 runter zum Frühstück, wo niemand zu sehen ist, wir uns aber komplett selbst bedienen können. Es kommt dann später noch ein anderer Gast und der wortkarge Hotelbedienstete, das Hotel scheint sehr leer zu sein.
Nach dem Frühstück gehen wir hinunter in den Ort, der sich durch ein großes, intaktes Ensemble von Fachwerkhäusern auszeichnet, den Alten Flecken. Zwischen den Häusern immer ein Abstand, um Feuer – es hatte im 16. und 17. Jahrhundert zwei große Brände gegeben – zu vermeiden.
Freudenberg, ÜbersichtstafelFreudenberg, Alter Flecken
Ein Plakat deutet darauf hin, dass hier auch schon die Jüngsten ans Wandern herangeführt werden.
Freudenberg, Plakat
Der Ort ist ein Leckerbissen für Touristen, wir treffen allerdings keine.
Freudenberg, Skulptur
Oben auf dem modernen Turm der katholischen Kirche, der fast wie ein Bahaï-Tempel aussieht, ein Engel mit Trompete.
Freudenberg, Kirchturm
Die Frontseiten der Häuser sind hier meist mit Schiefer verkleidet, manche Häuser sind auch vollständig von Schiefer eingefasst. Siegerland und Bergisches Land gehören ja bekanntlich zum Rheinischen Schiefergebirge, auf den Wegen kommen wir auch immer wieder über steinige Passagen aus Schiefer.
Freudenberg, Schieferhaus
Der Pilz des Tages ist heute der Fliegenpilz, von dem wir auch ganze Gruppen antreffen. Zum Teil kleben Schnecken auf ihnen, die sie sich schmecken lassen.
Fliegenpilz
Wir überschreiten nun die Landesgrenze nach Rheinland-Pfalz. In dieser Gegend hat die Gegenreformation im 17. Jahrhundert voll zugeschlagen. Wir passieren erst die Kapelle zur Schmerzhaften Mutter mit einem Herz, das von 7 Schwertern durchbohrt ist. Anschließend kommen wir auf eine Anhöhe mit der Roten Kapelle im Andenken an hunderte von hingerichteten „Hexen“. Glück hatten diejenigen, die erst erdrosselt oder erhängt wurden, bevor sie auf dem Scheiterhaufen landeten.
Friesenhagen, Rote Kapelle
In Friesenhagen ist die katholische Barockkirche, die etwas unterhalb des Jakobsweges liegt, geöffnet. Eindrucksvoll ist das geschmiedete Eisengitter der Seitenkapelle links, der Grafenkammer.
Friesenhagen, Barockkirche
Nun geht es durch den Wald zum Wasserschloss Crottorf, das im Privatbesitz des adoptierten Grafen ist. Hinter dem Drahtzaun im Wald begrüßen uns zwei kleine, bellende Hunde. Die Gaststätte ist heute wegen Ruhetag geschlossen.
Crottorf, Wasserschloss
Es geht nun wieder zurück nach NRW, wo wir unsere Mittagsrast an einer Bank mit schönem Blick über eine Wiese machen.
Bei Wendershagen
Etwas später werden wir von einem älteren E-Biker angesprochen, der uns in Friesenhagen bereits gesehen hat. Er ist gut in Form und saust nach dem Smalltalk über den Jakobsweg wieder die Straße hoch.
Heute sind die Wege recht matschig und die von der Landwirtschaft genutzen Straßen glitschig. Es riecht überall ein bisschen nach Gülle, selbst mitten im Wald. Die Felder sind offensichtlich kürzlich gedüngt worden.
In Denklingen, wo wir gegen 5 zum Einbruch der Dämmerung ankommen, werden wir von unserem Gastwirt, der kein Blatt vor den Mund nimmt, zum Gästehaus geführt. Wir gehen noch schnell etwas einkaufen und essen dann im Gasthaus Schnitzel bzw. Bauernomelette und trinken Kölsch dazu.
Hans stellt später fest, dass das Blasenpflaster unterm Fuß nicht geholfen hat; im Gegenteil darunter klafft eine offene Wunde, die er bandagiert. Er muss morgen zum Arzt, weiter zu wandern ist für ihn völlig ausgeschlossen.
Hier ist der Etappenüberblick der gesamten Wanderung.
Wir verbringen eine erholsame Nacht, die ausgelaugten Körper holen sich den Schlaf, den sie fürs Weiterkommen benötigen. Das Frühstück im Gasthof ist recht minimalistisch. Drei Standardbrötchen, Käse, Wurst, Marmelade, Butter, Ei, Heißgetränk. Zumindest werden wir satt. Das Gebäude unseres Gasthofs ist das einzige historische Gebäude weit und breit.
Siegen, Gasthof Meier
Siegen hat eine Städtefreundschaft mit Spandau, für die Aufnahme von Spandauer Jugendlichen bei Schulfreizeiten vor der Wende hat Spandau Siegen einen Bären geschenkt.
Siegen, Spandauer Bär
Wir haben heute eine mit 16 km recht kurze Etappe und gucken uns noch etwas die um 9 Uhr leergefegte Stadt an. Auf der evangelischen Nikolaikirche – geöffnet nur samstags von 10-12 – throhnt das Krönchen, das Wahrzeichen der Stadt, ein Geschenk des Fürsten zu Nassau-Siegen. Die geistliche wird quasi von der weltlichen Macht beherrscht.
Siegen, Nikolaikirche mit Krönchen
Wir gehen hinauf bis zum oberen Schloss, wo das um 10 Uhr öffnende Siegerlandmuseum einige Bilder von Peter Paul Rubens, der hier geboren wurde, beherbergt. Sein Vater Jan hatte übrigens eine Affäre mit Anna von Sachsen, der Frau Wilhelm von Oraniens und kam dafür 2 Jahre ins Dillenburger Gefängnis. Sie erwartete ein tragischeres Schicksal.
Eine größere Gruppe von Mitbürgern mit Migrationshintergrund, die eher französisch als deutsch verstehen, steht mit der Führerin am Eingang.
Siegen, Oberes Schloss
Ich erblicke in einem Buch das hier nicht ausgestellte Bild Caritas Romana von P. P. Rubens, das einen älteren Mann im Hungerkerker zeigt, der seiner Tochter, die ihn besucht und nichts zu essen mitbringen durfte, an der Brust saugt.
Peter Paul Rubens: Caritas Romana
Wir verlassen nun Siegen über den Bahnhof nach Westen, es geht bergauf. Wir lassen eine Hochhaussiedlung ganz oben auf dem Hügel links liegen, der Weg ist nun etwas matschig, wir treffen eine Frau mit leichtem (russischen?) Akzent, die für eine ganze Weile in dieselbe Richtung geht, aber vom Jakobsweg noch nichts gehört hat.
Westlich von Siegen, Jakobsweg
Nach einer kurzen Rast ist unser nächstes Ziel die Autobahnraststätte Siegen-Ost. Vorher geht es noch hoch auf den Buberg (439 m). Wir gehen ein Stück an der Sauerlandlinie A45 lang, trotz der Unterbrechung wegen der in Lüdenscheid gesprengten, maroden Brücke, rollt hier noch so einiger Verkehr. Allerdings sagt uns die Bedienung in der Raststätte, wo wir einen Cappuccino und das migebrachte belegte Fladenbrot auf der sonnigen Terrasse verzehren, dass die Geschäfte momentan eher mau laufen.
Herbstastern
Die Temperaturen sind auch heute wieder sehr mild, aber das Vorwärtskommen ist schwierig, die Beine schwer, das linke Knie zwickt, die Füße tun weh, Hans hat sich sogar Blasen gelaufen.
In Heisberg hat ein Rentner für die Kinder hinter einem Sprossenfenster ein Figurenensemble von Steiff-Bären etc. aufgebaut, das sich bewegt, wenn man eine Lichtschranke durchschreitet. Es gefällt mir sehr, wie der eine Bär rechts den Ball auf der Nase jongliert.
Heisberg, Spielfiguren
Das nächste Highlight ist die Kirche von Oberfischbach, die die gerade vorm Haus fegende Nachbarin nur für Pilger öffnet. In der Kirche ein Pilgerstempel und eine Orgel direkt über der Kanzel, die sich direkt über dem Altar befindet. Eine Art Dreifaltigkeit. Die Frau weist uns auch auf den Pilgerkühlschrank hin, der am Wegesrand etwas weiter oben steht, immer wieder unglaublich, auf was für tolle Ideen die Anwohner kommen, um den Pilgern das Leben zu versüßen.
Oberfischbach, Pilgerkühlschrank
Auch heute wieder jede Menge Pilze mitten auf dem Weg, ich muss aufpassen, dass ich sie nicht zertrete.
Pilze
In Freudenberg gehen wir erst einmal Sauerkirschsaft einkaufen, der gut gegen Muskelkater und Kniebeschwerden sein soll. Hier gibt es den „Alten Flecken“ mit einem großen Ensemble von Fachwerkhäusern, den wir heute verfehlen, da wir auf schnellstem Wege hoch zu unserem Hotel im Wald marschieren, es ist nach fünf und es dämmert schon wieder.
Freudenberg, Fachwerkhaus
Im Hotel treffen wir beim Essen einen weiteren Gast, einen Mann, der beim Essen ein Skypegespräch mit seiner Frau in einer östlichen Fremdsprache führt. Das Hotel hat schon bessere Zeiten gesehen, die Sauna ist nicht funktionsfähig, am Heizkörper im Zimmer fehlt der Wärmeregler, es bleibt kalt. Gut, dass es draußen noch so warm ist und wir beide kühle Schlafräume bevorzugen.
Hier ist der Etappenüberblick der gesamten Wanderung.
In der Nacht habe ich einen Alptraum und meine, schreiend aufzuwachen, Hans merkt davon nichts. Dennoch schlafen wir beide schlecht und wälzen uns viel.
Unsere Gastgeberin begrüßt uns mit einem fulminanten Frühstück, ich erwähne exemplarisch die köstliche mit Zimt selbstgemachte Holundermarmelade. Wir sind jetzt in NRW, man merkt es an ihrem Dialekt, sie sagt z. B. „watt“. Früher wurde hier viel aus Hessen geschmuggelt, z. B. Butter. Hessen war landwirtschaftlich geprägt und arm, im reicheren Siegerland wurde Bergbau und Verhüttung betrieben. Sie hatte vor einer Weile den Deutschland-Wanderer Günter Kromer zu Gast, der hier im Winter durch tiefen Schnee stapfte und dessen auf einer Kommode stehendes Buch ich mir vorgemerkt habe.
Die Wolken hängen auch heute wieder tief, aber es regnet nicht und es ist heute nicht neblig, die Sonne sehen wir allerdings auch nicht.
Hinter Irmgarteichen, wo die Grundschulkinder gerade auf dem Schulhof spielend ihre Pause nutzen, kommen wir erst auf einen Kreuzweg, der sich in den Wald hoch zieht. Hinter dem Friedhof stoßen wir bald auf den Rothaarsteig, den bekannten Fernwanderweg zwischen Brilon und Dillenburg, der auf meiner To Hike Liste steht.
Rothaarsteig-Markierung
Meine Füße sind heute am dritten Tag leichter, die Beine und Gelenke schmerzen weniger und wir kommen schneller voran als gestern. Die Landschaft ist meist unspektakulär, es geht viel über Wiesen und Feldwege und durch aufgelockerte Wald- und Buschgebiete.
Siegerland
An die Traumata der Feuerwehrhelfer erinnert ein Gedenkstein. Eine Frage, die man sich kaum stellt: Wer hilft den Helfern?
Anzhausen?, Feuerwehr-Gedenkstein
Ich bewundere eine akkurat und ästhetisch geschnittene Hecke, Kunst an der freien Luft inmitten der Natur.
Gartenkunst
In Niederdielfen kommen wir an der Wassermühle am aufgestauten Teich an. Wir lesen dort von den gefährlichen Mehlexplosionen, die es beim Mahlen geben kann.
Niederdielfen, Wassermühle
Auf einem Baugerüst neben der Bäckerei an der Hauptstraße machen wir unsere Mittagspause mit den beim Frühstück geschmierten Stullen und einem Kaffee aus dem Pappbecher.
Blumengruß am Wegesrand
Es geht nun aufwärts zur Wallfahrtskapelle Eremitage, die wir links liegen lassen. Anschließend umrunden wir die äußerlich saubere und nicht stinkende riesige Mülldeponie halb. Über uns kreisen die Krähen. Wir lauschen dem Geräusch der heruntergefallenen gelbroten Blätter, die wir mit den Füßen aufwirbeln.
Krähen
Kurz vor drei erreichen wir unser Etappenziel, die Großstadt und das Oberzentrum Siegen. Es geht zum Teil steil abwärts. Gut, dass ich meine Wanderstöcke dabei habe. Die katholische Kirche St. Marien ist geöffnet, aber sehr duster innen. Sie stammt aus dem 17. Jahrhundert und wurde von Jesuiten erbaut.
Der Ort döst um diese Zeit im Mittagsschlaf dahin, fast alle Geschäfte sind zu. Über eine stark frequentierte Kreuzung kommen wir zu unserem Gasthof, einem historischen Gebäude, wo wir in einem Nebengebäude unterkommen. Die Altstadt Siegens wurde Ende 1944 bei einem Luftangriff der Engländer fast völlig zerstört.
Nachdem wir uns etwas ausgeruht haben, machen wir kurz nach fünf einen kurzen Stadtrundgang, es beginnt bereits zu dämmern. Es geht hinauf zur der ältesten Kirche der Stadt, der evangelischen Martinikirche, dann zum Schloss, gegenüber ein modernes Unigebäude. Das Museum für Gegenwartskunst ist schön bunt beleuchtet.
Siegen, Museum für Gegenwartskunst
Wir flanieren die recht übersichtliche Fußgängerzone rauf und runter, überqueren die Siegbrücke mit den Statuen für die beiden Industriezweige, denen die Stadt ihren Wohlstand verdankt, dem Bergbau und dem Hüttenwesen. Im Apollo-Theater stehen am Eingang als Nonnen verkleidete junge Frauen, es wird das Musical Sister Act gegeben, nicht gerade unser cup of tea.
Siegen, Bergmann (Henner) auf SiegbrückeSiegen, Frieder (Hüttenmann) auf Siegbrücke
Abends essen wir in der gut besuchten Gaststube unseres Gasthofes Bratkartoffeln und trinken frisch gezapftes Pils dazu.
Hier ist der Etappenüberblick der gesamten Wanderung.
Nach einer erholsamen Nacht – die Zusatzstunde durch die Zeitumstellung haben unsere Körper gebraucht – beginnt der Tag mit einem sehr reichhaltigen auf einem Brett servierten Frühstück, das wir im Zimmer einnehmen. Es gibt sogar weiche Eier.
Draußen ist es feucht, es hat über Nacht geregnet. Kurz nach 9 verlassen wir die Unterkunft, Im Ort besichtigen wir die schmucke, restaurierte Fachwerkkirche, der Schlüssel ist in einem Körbchen am Eingang eines Nachbarhauses. In der Kirche ist es aufgrund der geweißelten Wände sehr hell, die holzgeschnitzte Kanzel ist von 1730. Über eine Seitentür gelangt man zur Empore.
Im Ort kommen wir an einer eindrucksvollen Fachwerkhausfassade vorbei, hier wurde die Technik des hessischen Kratzputzes angewendet, die seit 2016 zum immateriellen Kulturerbe zählt und im Marburger Umland verbreitet ist.
Niedereisenhausen, Fachwerkhaus
Wir erhaschen einen Blick auf die Perf, das Bächlein, das auch unserer Unterkunft Perf-Au-Blick ihren Namen gegeben hat.
Niedereisenhausen, Perf
Es bleibt heute den ganzen Tag mehr oder weniger trocken, wir kommen durch Niederhörlen, das seine Fachwerkkirche dem Hessenpark Neu-Anspach gespendet hat. Ansonsten gibt es hier fast nur moderne Häuser. Über Oberhörlen kommen wir zum Galgenberg. Am Wegrand gelegentlich Hagebutten, bei dem trüben Wetter wäre ein Tee gar nicht schlecht. Auf einer Wohlfühlbank entspannen wir ein halbes Stündchen, das tut den geschundenen Füßen sehr gut.
Hagebutten
In Steinbrücken sieht man im Hintergrund eine Wacholderpflanzung. Bald erreichen wir den Standort der ehemaligen Phillippsbuche, die zu Ehren der Rückkehr des für die Reformation in Hessen wichtigen Landgrafen Philipp des Gutmütigen aus niederländisch-spanischer Gefangenschaft 1552 gepflanzt worden war. 1963 musste sie gefällt worden und es wurde ein Ableger an der gleichen Stelle gepflanzt.
Vor Steinbrücken machen wir unweit der stillgelegten Bahnstrecke auf einer Bank unsere Mittagsrast. Es fängt leicht an zu tröpfeln, hört aber gleich wieder auf.
In einer Schutzhütte liegt auf dem Tisch ein Prachtexemplar eines Steinpilzes. An der Wand hängt ein spöttisches Gedicht über das Bergwaldschwein. Wir fühlen uns nicht wirklich angesprochen.
SteinpilzGedicht übers Bergwaldschwein
Die Fachwerkkirche in Steinbrücken ist leider geschlossen. Zwei adoleszente Mädchen gönnen sich hinter der Kirche bei Rapmusik eine Zigarette.
Steinbrücken, KircheCollage mit Blumentopf
Nun geht es durch die nichtendenwollende Ortschaft Ewersbach, wo Rittal Schaltschränke in großem Stil produziert. Nahebei steht das Automuseum des betuchten Inhabers Friedhelm Loh mit vielen Oldtimern und Sportwagen.
Wir gehen weiter nach Rittershausen, wo wir bei einem heißen Kakao Kräfte schöpfen. Mir fällt das Gehen heute sehr schwer, die Füße fühlen sich an wie Blei, ich schleppe mich so dahin.
Es ist jetzt schon nach drei und wir sehen ein Schild, dass es noch 9,7 km bis zu unserem Ziel sind. Wir haben also erst die Hälfte der Tagesetappe geschafft. Wir geben nun Gas, um vor der Dunkelheit in Hainchen anzukommen. Der schöne Wanderweg parallel unterhalb der Straße verläuft leider im Waldnirvana. Wir müssen quer durch den Wald und scheuchen Hirsche auf. An der Landstraße geht es weiter, der Verkehr hält sich in Grenzen, aber die Autos fahren schnell, es ist neblig und fängt an zu dämmern. Nach einer Abkürzung über einen befestigten Waldweg landen wir kurz vor sechs nach Einbruch der Dunkelheit in Hainchen, das letzte Haus am Ortsausgang gehört unserer Gastgeberin.
Außer uns residieren zwei Monteure hier, die gerade kochen. Wir bekommen von unserer Wirtin ein paar kleine Flaschen Bier und lassen den Abend gemütlich ausklingen. Mein Abendbrot besteht aus vier Cookies, im Ort gibt es leider kein Restaurant.
Hier ist der Etappenüberblick der gesamten Wanderung.
Ich wache gegen 5 in unserem Zimmer in der Gartenlaube unterm Dach auf, tippe etwas Tagebuch ins Handy und döse danach noch entspannt vor mich hin, ich fühle wie mein Körper das beruhigende Melatonin ausschüttet. Ein reichhaltiges Frühstück um halb acht, es ist noch dunkel, wir sind die ersten.
Wir gehen zur nahegelegenen Elisabethkirche und machen dort ein Selfie. Hier enden die 3 Elisabethpfade von Eisenach, Frankfurt und Köln, letzteren gehen wir nun in anderer Richtung – s. stilisierte Muschel mit den Sonnenstrahlen – als Jakobsweg.
Marburg, Elisabethkirche
Draußen ist es recht diesig, der Nebel wird sich erst sehr langsam lichten im Laufe des Tages. Wir kommen an den spärlichen Überresten des Elisabethhospitals vorbei. Die heilige Elisabeth hat sich ja bekanntermaßen viel um die Armen und Kranken gekümmert.
Marburg, Elisabethhospital
Wir kommen nun an dem Denkmal zu Ehren des Medizinnobelpreisträgers Emil von Behring vorbei, dem die Stadt die Behringwerke zu verdanken hat, die sie zu einem wichtigen Pharmaziestandort gemacht hat. Biontech produziert z. B heute in Marburg Impfstoffe.
Am Ortsausgang ein Naturdenkmal, ein Baum mit fünf Stämmen, die wie überlange Finger einer Riesenhand in den Himmel ragen.
Fünfstämmiger Baum
Wir kommen bald in den Wald und sehen jede Menge Pilze am Wegesrand, die vielen Niederschläge in diesem Jahr machen es sicherlich zu einem guten Pilzjahr.
Parasol
Der erste Ort, den wir erreichen, ist Wehrshausen, die Menschen grüßen nett, wir befinden uns unmittelbar im Marburger Vorland, die Welt scheint hier in Ordnung zu sein.
In Elnhausen treffen wir ein junges Wanderpaar aus der Gegend mit Rucksäcken, das die Nacht in einer Hängematte in einem Turm verbracht hat. Hier gibt es auch einen Dorfladen, wo wir uns einen Kaffee im Pappbecher leisten, den wir an der überdachten Bushaltestelle zu uns nehmen.
Durch den Wald geht es hinauf zum Stackelberg, der Abzweig nach links ist leider nicht markiert, was wir aber relativ bald merken, so dass wir nur ein kleines Stück zurückgehen müssen. Im dörflichen Dilschhausen, das immer noch zu Marburg gehört, obwohl es gut 13 km vom Zentrum entfernt ist, besichtigen wir die kleine, offene Wehrkirche, tragen uns ins Gästebuch ein und holen uns den Pilgerstempel. Um den Altar herum steht die U-förmige Sitzbank, sie erinnert an das Chorgestühl in größeren Kirchen.
Dilschhausen, WehrkircheDilschhausen, Wehrkirche
Über Wiesen und Felder geht es nach Diedenshausen, das nicht mehr zu Marburg, sondern zu Gladenbach gehört. Wir haben jetzt mit ca. 17 km mehr als die Hälfte unserer heutigen Etappe geschafft und gönnen uns die Mittagsrast. Eine neue Bank unweit der leider geschlossenen Fachwerkkirche lädt uns ein, unsere beim Frühstück geschmierten Stullen bzw. Brötchen zu verzehren. Die Temperatur ist mit etwas über 15 Grad angenehm, wir ziehen die Wanderschuhe aus und schöpfen Kraft für die restlichen 12 km.
Diedenshausen, Fachwerkkirche
Nun geht es unter einer größeren Straße durch Richtung Herzhausen. Hier treffen wir einen kleinen, aufgeweckten Jungen mit einem E-Roller, der damit die langen Auf- und Abstiege rauf- und runterpest. Seine Mutter und Großmutter spazieren seelenruhug hinterher und lassen ihm alle Freiheit dieser Welt.
Wir haben inzwischen fast vier Uhr, der Nebel lichtet sich endgültig und die Sonne kommt heraus. Sonnenblumenfelder sind ungeernet verdorrt, wir gehen der tiefstehenden Sonne entgegen, die uns fast blendet.
Hinter Holzhausen
Das letzte Stück nach Niedereisenhausen zieht sich ewig, neben Kühen auf den Weiden treffen wir heute auf einige Reiterinnen. Auf einer Pferdekoppel rechts des Weges zwei Schimmel, die uns interessiert aus der Ferne beäugen. Sie bekommen von uns neben Gras, Mohrrüben auch Kohlrabi, so dass sie uns hoffentlich in guter Erinnerung behalten.
Schimmel
Wir kommen kurz vor 18 Uhr in Obereisenhausen an, von wo es nicht mehr weit zu unserem Ziel Niedereisenhausen ist. Die beiden Ortsteile von Steffenberg gehen ineinander über. Wir beziehen unser Doppelzimmer bei netten Gastgebern, die uns schon von weitem begrüßen, duschen uns den Staub und Schweiß von der Haut und entspannen uns. In der Dunkelheit gehen wir noch kurz einkaufen und essen in einer von einem Türken geführten Pizzeria zu Abend. Ich falle um halb elf innerhalb von wenigen Sekunden in tiefen Schlaf, wache erst gegen vier Uhr Winterzeit auf und döse relaxed.
Hier ist der Etappenüberblick der gesamten Wanderung.
Nach der Arbeit mache ich mich auf zum Berliner Hauptbahnhof. Mein ICE nach Kassel entfällt. Stattdessen quetsche ich mich in einen ICE Richtung Düsseldorf, wo ich Glück habe und im ersten Familienwagen gegenüber einem Großvater mit seinem auf einem Smartphone herumspielenden Enkel und einer Ostasiatin mit ihrem Säugling, der auf dem Tisch mit ihrem Smartphone in der Hand herumkrabbelt, einen Sitzplatz am Fenster finde. Der Zug ist rappelvoll, wenn meine Nachbarin mit ihrem Kind für eine Minute aufsteht, kommt sofort jemand vorbei und fragt, ob der Platz frei ist.
In Hannover habe ich eine halbe Stunde Aufenthalt. Im Bahnhof herrscht ein reges Treiben. Ich höre weiter den Reflektor-Podcast von Jan Müller von Tocotronic, und zwar den 2. Teil seines Gesprächs mit Wolf Biermann, dem man alles vorwerfen kann, aber sicher keinen Minderwertigkeitskomplex. Besonders schön die Szene auf dem Friedhof von Montmartre, wo sein „Kollege“ Heine von seinem Denkmal steigt, mit ihm spricht und darüber staunt, wie er es geschafft hat, von Deutschland nach Deutschland zu emigrieren. Der Zug nach Frankfurt ist nicht mehr ganz so voll, ich finde wieder Platz an einem Tisch neben zwei sich rege unterhaltenden Männern, evtl. Vater und Sohn. Der Podcast neigt sich dem Ende zu. Biermann echauffiert sich aufgrund leise vorgetragener Vorbehalte – es geht u. a. um Sascha Anderson – und wechselt vom Du ins Sie und am Ende wieder zurück ins Du.
20h15 komme ich im Dunkeln in Marburg an. Hans, mein Nachbar, mit dem ich die nächste Woche auf dsm Jakobsweg nach Köln wandern möchte, holt mich ab. Wir gehen zur Gartenlaube, unserer Unterkunft in der Nähe der Elisabethkirche und anschließend in ein indisches Restaurant nahebei, wo wir uns stärken. Die Gespräche drehen sich um Gott und die Welt, wir werden uns in den nächsten Tagen, was die Konversation angeht, sicher nicht langweilen. Kurz nach elf gehen wir ins Bett. Die Nacht ist mittelprächtig, ich scheine nicht einzuschlafen und wache gegen halb fünf auf und liege wach.
Hier ist der Etappenüberblick der gesamten Wanderung.