Archive for Oktober 2024

Jakobsweg MR-K: 5. Freudenberg – Denklingen

Oktober 31, 2024

Nach einer erholsamen Nacht gehen wir gegen 8 runter zum Frühstück, wo niemand zu sehen ist, wir uns aber komplett selbst bedienen können. Es kommt dann später noch ein anderer Gast und der wortkarge Hotelbedienstete, das Hotel scheint sehr leer zu sein.

Nach dem Frühstück gehen wir hinunter in den Ort, der sich durch ein großes, intaktes Ensemble von Fachwerkhäusern auszeichnet, den Alten Flecken. Zwischen den Häusern immer ein Abstand, um Feuer – es hatte im 16. und 17. Jahrhundert zwei große Brände gegeben – zu vermeiden.

Freudenberg, Übersichtstafel
Freudenberg, Alter Flecken

Ein Plakat deutet darauf hin, dass hier auch schon die Jüngsten ans Wandern herangeführt werden.

Freudenberg, Plakat

Der Ort ist ein Leckerbissen für Touristen, wir treffen allerdings keine.

Freudenberg, Skulptur

Oben auf dem modernen Turm der katholischen Kirche, der fast wie ein Bahaï-Tempel aussieht, ein Engel mit Trompete.

Freudenberg, Kirchturm

Die Frontseiten der Häuser sind hier meist mit Schiefer verkleidet, manche Häuser sind auch vollständig von Schiefer eingefasst. Siegerland und Bergisches Land gehören ja bekanntlich zum Rheinischen Schiefergebirge, auf den Wegen kommen wir auch immer wieder über steinige Passagen aus Schiefer.

Freudenberg, Schieferhaus

Der Pilz des Tages ist heute der Fliegenpilz, von dem wir auch ganze Gruppen antreffen. Zum Teil kleben Schnecken auf ihnen, die sie sich schmecken lassen.

Fliegenpilz

Wir überschreiten nun die Landesgrenze nach Rheinland-Pfalz. In dieser Gegend hat die Gegenreformation im 17. Jahrhundert voll zugeschlagen. Wir passieren erst die Kapelle zur Schmerzhaften Mutter mit einem Herz, das von 7 Schwertern durchbohrt ist. Anschließend kommen wir auf eine Anhöhe mit der Roten Kapelle im Andenken an hunderte von hingerichteten „Hexen“. Glück hatten diejenigen, die erst erdrosselt oder erhängt wurden, bevor sie auf dem Scheiterhaufen landeten.

Friesenhagen, Rote Kapelle

In Friesenhagen ist die katholische Barockkirche, die etwas unterhalb des Jakobsweges liegt, geöffnet. Eindrucksvoll ist das geschmiedete Eisengitter der Seitenkapelle links, der Grafenkammer.

Friesenhagen, Barockkirche

Nun geht es durch den Wald zum Wasserschloss Crottorf, das im Privatbesitz des adoptierten Grafen ist. Hinter dem Drahtzaun im Wald begrüßen uns zwei kleine, bellende Hunde. Die Gaststätte ist heute wegen Ruhetag geschlossen.

Crottorf, Wasserschloss

Es geht nun wieder zurück nach NRW, wo wir unsere Mittagsrast an einer Bank mit schönem Blick über eine Wiese machen.

Bei Wendershagen

Etwas später werden wir von einem älteren E-Biker angesprochen, der uns in Friesenhagen bereits gesehen hat. Er ist gut in Form und saust nach dem Smalltalk über den Jakobsweg wieder die Straße hoch.

Heute sind die Wege recht matschig und die von der Landwirtschaft genutzen Straßen glitschig. Es riecht überall ein bisschen nach Gülle, selbst mitten im Wald. Die Felder sind offensichtlich kürzlich gedüngt worden.

In Denklingen, wo wir gegen 5 zum Einbruch der Dämmerung ankommen, werden wir von unserem Gastwirt, der kein Blatt vor den Mund nimmt, zum Gästehaus geführt. Wir gehen noch schnell etwas einkaufen und essen dann im Gasthaus Schnitzel bzw. Bauernomelette und trinken Kölsch dazu.

Hans stellt später fest, dass das Blasenpflaster unterm Fuß nicht geholfen hat; im Gegenteil darunter klafft eine offene Wunde, die er bandagiert. Er muss morgen zum Arzt, weiter zu wandern ist für ihn völlig ausgeschlossen.

Hier ist der Etappenüberblick der gesamten Wanderung.

Jakobsweg MR-K: 4. Siegen – Freudenberg

Oktober 30, 2024

Wir verbringen eine erholsame Nacht, die ausgelaugten Körper holen sich den Schlaf, den sie fürs Weiterkommen benötigen. Das Frühstück im Gasthof ist recht minimalistisch. Drei Standardbrötchen, Käse, Wurst, Marmelade, Butter, Ei, Heißgetränk. Zumindest werden wir satt. Das Gebäude unseres Gasthofs ist das einzige historische Gebäude weit und breit.

Siegen, Gasthof Meier

Siegen hat eine Städtefreundschaft mit Spandau, für die Aufnahme von Spandauer Jugendlichen bei Schulfreizeiten vor der Wende hat Spandau Siegen einen Bären geschenkt.

Siegen, Spandauer Bär

Wir haben heute eine mit 16 km recht kurze Etappe und gucken uns noch etwas die um 9 Uhr leergefegte Stadt an. Auf der evangelischen Nikolaikirche – geöffnet nur samstags von 10-12 – throhnt das Krönchen, das Wahrzeichen der Stadt, ein Geschenk des Fürsten zu Nassau-Siegen. Die geistliche wird quasi von der weltlichen Macht beherrscht.

Siegen, Nikolaikirche mit Krönchen

Wir gehen hinauf bis zum oberen Schloss, wo das um 10 Uhr öffnende Siegerlandmuseum einige Bilder von Peter Paul Rubens, der hier geboren wurde, beherbergt. Sein Vater Jan hatte übrigens eine Affäre mit Anna von Sachsen, der Frau Wilhelm von Oraniens und kam dafür 2 Jahre ins Dillenburger Gefängnis. Sie erwartete ein tragischeres Schicksal.

Eine größere Gruppe von Mitbürgern mit Migrationshintergrund, die eher französisch als deutsch verstehen, steht mit der Führerin am Eingang.

Siegen, Oberes Schloss

Ich erblicke in einem Buch das hier nicht ausgestellte Bild Caritas Romana von P. P. Rubens, das einen älteren Mann im Hungerkerker zeigt, der seiner Tochter, die ihn besucht und nichts zu essen mitbringen durfte, an der Brust saugt.

Peter Paul Rubens: Caritas Romana

Wir verlassen nun Siegen über den Bahnhof nach Westen, es geht bergauf. Wir lassen eine Hochhaussiedlung ganz oben auf dem Hügel links liegen, der Weg ist nun etwas matschig, wir treffen eine Frau mit leichtem (russischen?) Akzent, die für eine ganze Weile in dieselbe Richtung geht, aber vom Jakobsweg noch nichts gehört hat.

Westlich von Siegen, Jakobsweg

Nach einer kurzen Rast ist unser nächstes Ziel die Autobahnraststätte Siegen-Ost. Vorher geht es noch hoch auf den Buberg (439 m). Wir gehen ein Stück an der Sauerlandlinie A45 lang, trotz der Unterbrechung wegen der in Lüdenscheid gesprengten, maroden Brücke, rollt hier noch so einiger Verkehr. Allerdings sagt uns die Bedienung in der Raststätte, wo wir einen Cappuccino und das migebrachte belegte Fladenbrot auf der sonnigen Terrasse verzehren, dass die Geschäfte momentan eher mau laufen.

Herbstastern

Die Temperaturen sind auch heute wieder sehr mild, aber das Vorwärtskommen ist schwierig, die Beine schwer, das linke Knie zwickt, die Füße tun weh, Hans hat sich sogar Blasen gelaufen.

In Heisberg hat ein Rentner für die Kinder hinter einem Sprossenfenster ein Figurenensemble von Steiff-Bären etc. aufgebaut, das sich bewegt, wenn man eine Lichtschranke durchschreitet. Es gefällt mir sehr, wie der eine Bär rechts den Ball auf der Nase jongliert.

Heisberg, Spielfiguren

Das nächste Highlight ist die Kirche von Oberfischbach, die die gerade vorm Haus fegende Nachbarin nur für Pilger öffnet. In der Kirche ein Pilgerstempel und eine Orgel direkt über der Kanzel, die sich direkt über dem Altar befindet. Eine Art Dreifaltigkeit. Die Frau weist uns auch auf den Pilgerkühlschrank hin, der am Wegesrand etwas weiter oben steht, immer wieder unglaublich, auf was für tolle Ideen die Anwohner kommen, um den Pilgern das Leben zu versüßen.

Oberfischbach, Pilgerkühlschrank

Auch heute wieder jede Menge Pilze mitten auf dem Weg, ich muss aufpassen, dass ich sie nicht zertrete.

Pilze

In Freudenberg gehen wir erst einmal Sauerkirschsaft einkaufen, der gut gegen Muskelkater und Kniebeschwerden sein soll. Hier gibt es den „Alten Flecken“ mit einem großen Ensemble von Fachwerkhäusern, den wir heute verfehlen, da wir auf schnellstem Wege hoch zu unserem Hotel im Wald marschieren, es ist nach fünf und es dämmert schon wieder.

Freudenberg, Fachwerkhaus

Im Hotel treffen wir beim Essen  einen weiteren Gast, einen Mann, der beim Essen ein Skypegespräch mit seiner Frau in einer östlichen Fremdsprache führt. Das Hotel hat schon bessere Zeiten gesehen, die Sauna ist nicht funktionsfähig, am Heizkörper im Zimmer fehlt der Wärmeregler, es bleibt kalt. Gut, dass es draußen noch so warm ist und wir beide kühle Schlafräume bevorzugen.

Hier ist der Etappenüberblick der gesamten Wanderung.

4209

Oktober 29, 2024

Sie können es noch

Suhlen im tiefen Weltschmerz

Elf Minuten lang

[The Cure – Endsong]

Jakobsweg MR-K: 3. Hainchen – Siegen

Oktober 29, 2024

In der Nacht habe ich einen Alptraum und meine, schreiend aufzuwachen, Hans merkt davon nichts. Dennoch schlafen wir beide schlecht und wälzen uns viel.

Unsere Gastgeberin begrüßt uns mit einem fulminanten Frühstück, ich erwähne exemplarisch die köstliche mit Zimt selbstgemachte Holundermarmelade. Wir sind jetzt in NRW, man merkt es an ihrem Dialekt, sie sagt z. B. „watt“. Früher wurde hier viel aus Hessen geschmuggelt, z. B. Butter. Hessen war landwirtschaftlich geprägt und arm, im reicheren Siegerland wurde Bergbau und Verhüttung betrieben. Sie hatte vor einer Weile den Deutschland-Wanderer Günter Kromer zu Gast, der hier im Winter durch tiefen Schnee stapfte und dessen auf einer Kommode stehendes Buch ich mir vorgemerkt habe.

Die Wolken hängen auch heute wieder tief, aber es regnet nicht und es ist heute nicht neblig, die Sonne sehen wir allerdings auch nicht.

Hinter Irmgarteichen, wo die Grundschulkinder gerade auf dem Schulhof spielend ihre Pause nutzen, kommen wir erst auf einen Kreuzweg, der sich in den Wald hoch zieht. Hinter dem Friedhof stoßen wir bald auf den Rothaarsteig, den bekannten Fernwanderweg zwischen Brilon und Dillenburg, der auf meiner To Hike Liste steht.

Rothaarsteig-Markierung

Meine Füße sind heute am dritten Tag leichter, die Beine und Gelenke schmerzen weniger und wir kommen schneller voran als gestern. Die Landschaft ist meist unspektakulär, es geht viel über Wiesen und Feldwege und durch aufgelockerte Wald- und Buschgebiete.

Siegerland

An die Traumata der Feuerwehrhelfer erinnert ein Gedenkstein. Eine Frage, die man sich kaum stellt: Wer hilft den Helfern?

Anzhausen?, Feuerwehr-Gedenkstein

Ich bewundere eine akkurat und ästhetisch geschnittene Hecke, Kunst an der freien Luft inmitten der Natur.

Gartenkunst

In Niederdielfen kommen wir an der Wassermühle am aufgestauten Teich an. Wir lesen dort von den gefährlichen Mehlexplosionen, die es beim Mahlen geben kann.

Niederdielfen, Wassermühle

Auf einem Baugerüst neben der Bäckerei an der Hauptstraße machen wir unsere Mittagspause mit den beim Frühstück geschmierten Stullen und einem Kaffee aus dem Pappbecher.

Blumengruß am Wegesrand

Es geht nun aufwärts zur Wallfahrtskapelle Eremitage, die wir links liegen lassen. Anschließend umrunden wir die äußerlich saubere und nicht stinkende riesige Mülldeponie halb. Über uns kreisen die Krähen. Wir lauschen dem Geräusch der heruntergefallenen gelbroten Blätter, die wir mit den Füßen aufwirbeln.

Krähen

Kurz vor drei erreichen wir unser Etappenziel, die Großstadt und das Oberzentrum Siegen. Es geht zum Teil steil abwärts. Gut, dass ich meine Wanderstöcke dabei habe. Die katholische Kirche St. Marien ist geöffnet, aber sehr duster innen. Sie stammt aus dem 17. Jahrhundert und wurde von Jesuiten erbaut.

Der Ort döst um diese Zeit im Mittagsschlaf dahin, fast alle Geschäfte sind zu. Über eine stark frequentierte Kreuzung kommen wir zu unserem Gasthof, einem historischen Gebäude, wo wir in einem Nebengebäude unterkommen. Die Altstadt Siegens wurde Ende 1944 bei einem Luftangriff der Engländer fast völlig zerstört.

Nachdem wir uns etwas ausgeruht haben, machen wir kurz nach fünf einen kurzen Stadtrundgang, es beginnt bereits zu dämmern. Es geht hinauf zur der ältesten Kirche der Stadt, der evangelischen Martinikirche, dann zum Schloss, gegenüber ein modernes Unigebäude. Das Museum für Gegenwartskunst ist schön bunt beleuchtet. 

Siegen, Museum für Gegenwartskunst

Wir flanieren die recht übersichtliche Fußgängerzone rauf und runter, überqueren die Siegbrücke mit den Statuen für die beiden Industriezweige, denen die Stadt ihren Wohlstand verdankt, dem Bergbau und dem Hüttenwesen. Im Apollo-Theater stehen am Eingang als Nonnen verkleidete junge Frauen, es wird das Musical Sister Act gegeben, nicht gerade unser cup of tea.

Siegen, Bergmann (Henner) auf Siegbrücke
Siegen, Frieder (Hüttenmann) auf Siegbrücke

Abends essen wir in der gut besuchten Gaststube unseres Gasthofes Bratkartoffeln und trinken frisch gezapftes Pils dazu.

Hier ist der Etappenüberblick der gesamten Wanderung.

4208

Oktober 28, 2024

not folk music, not jazz,

not pop music, not funk, it’s

just balladeering

[Lee Konitz on Lee Konitz, Bill Frisell, Jakob Bro, Thomas Morgan, Craig Taborn – Vinterhymne]

4207

Oktober 28, 2024

Herbstwaldwanderung

Füße pflügen durch das Laub

Blättermeerrauschen

Jakobsweg MR-K: 2. Niedereisenhausen – Hainchen

Oktober 28, 2024

Nach einer erholsamen Nacht – die Zusatzstunde durch die Zeitumstellung haben unsere Körper gebraucht – beginnt der Tag mit einem sehr reichhaltigen auf einem Brett servierten Frühstück, das wir im Zimmer einnehmen. Es gibt sogar weiche Eier.

Draußen ist es feucht, es hat über Nacht geregnet. Kurz nach 9 verlassen wir die Unterkunft, Im Ort besichtigen wir die schmucke, restaurierte Fachwerkkirche, der Schlüssel ist in einem Körbchen am Eingang eines  Nachbarhauses. In der Kirche ist es aufgrund der geweißelten Wände sehr hell, die holzgeschnitzte Kanzel ist von 1730. Über eine Seitentür gelangt man zur Empore.

Niedereisenhausen, Fachwerkkirche
Niedereisenhausen, Kircheninnenraum

Im Ort kommen wir an einer eindrucksvollen Fachwerkhausfassade vorbei, hier wurde die Technik des hessischen Kratzputzes angewendet, die seit 2016 zum immateriellen Kulturerbe zählt und im Marburger Umland verbreitet ist.

Niedereisenhausen, Fachwerkhaus

Wir erhaschen einen Blick auf die Perf, das Bächlein, das auch unserer Unterkunft Perf-Au-Blick ihren Namen gegeben hat.

Niedereisenhausen, Perf

Es bleibt heute den ganzen Tag mehr oder weniger trocken, wir kommen durch Niederhörlen, das seine Fachwerkkirche dem Hessenpark Neu-Anspach gespendet hat. Ansonsten gibt es hier fast nur moderne Häuser. Über Oberhörlen kommen wir zum Galgenberg. Am Wegrand gelegentlich Hagebutten, bei dem trüben Wetter wäre ein Tee gar nicht schlecht. Auf einer Wohlfühlbank entspannen wir ein halbes Stündchen, das tut den geschundenen Füßen sehr gut.

Hagebutten

In Steinbrücken sieht man im Hintergrund eine Wacholderpflanzung. Bald erreichen wir den Standort der ehemaligen Phillippsbuche, die zu Ehren der Rückkehr des für die Reformation in Hessen wichtigen Landgrafen Philipp des Gutmütigen aus niederländisch-spanischer Gefangenschaft 1552 gepflanzt worden war. 1963 musste sie gefällt worden und es wurde ein Ableger an der gleichen Stelle gepflanzt.

Simmersbach, Wacholderfläche
Simmersbach, Philippsbuche

Vor Steinbrücken machen wir unweit der stillgelegten Bahnstrecke auf einer Bank unsere Mittagsrast. Es fängt leicht an zu tröpfeln, hört aber gleich wieder auf.

In einer Schutzhütte liegt auf dem Tisch ein Prachtexemplar eines Steinpilzes. An der Wand hängt ein spöttisches Gedicht über das Bergwaldschwein. Wir fühlen uns nicht wirklich angesprochen.

Steinpilz
Gedicht übers Bergwaldschwein

Die Fachwerkkirche in Steinbrücken ist leider geschlossen. Zwei adoleszente Mädchen gönnen sich hinter der Kirche bei Rapmusik eine Zigarette.

Steinbrücken, Kirche
Collage mit Blumentopf

Nun geht es durch die nichtendenwollende Ortschaft Ewersbach, wo Rittal Schaltschränke in großem Stil produziert. Nahebei steht das Automuseum des betuchten Inhabers Friedhelm Loh mit vielen Oldtimern und Sportwagen.

Wir gehen weiter nach Rittershausen, wo wir bei einem heißen Kakao Kräfte schöpfen. Mir fällt das Gehen heute sehr schwer, die Füße fühlen sich an wie Blei, ich schleppe mich so dahin.

Es ist jetzt schon nach drei und wir sehen ein Schild, dass es noch 9,7 km bis zu unserem Ziel sind. Wir haben also erst die Hälfte der Tagesetappe geschafft. Wir geben nun Gas, um vor der Dunkelheit in Hainchen anzukommen. Der schöne Wanderweg parallel unterhalb der Straße verläuft leider im Waldnirvana. Wir müssen quer durch den Wald und scheuchen Hirsche auf. An der Landstraße geht es weiter, der Verkehr hält sich in Grenzen, aber die Autos fahren schnell, es ist neblig und fängt an zu dämmern. Nach einer Abkürzung über einen befestigten Waldweg landen wir kurz vor sechs nach Einbruch der Dunkelheit in Hainchen, das letzte Haus am Ortsausgang gehört unserer Gastgeberin.

Außer uns residieren zwei Monteure hier, die gerade kochen. Wir bekommen von unserer Wirtin ein paar kleine Flaschen Bier und lassen den Abend gemütlich ausklingen. Mein Abendbrot besteht aus vier Cookies, im Ort gibt es leider kein Restaurant.

Hier ist der Etappenüberblick der gesamten Wanderung.

Jakobsweg MR-K: 1. Marburg – Niedereisenhausen

Oktober 27, 2024

Ich wache gegen 5 in unserem Zimmer in der Gartenlaube unterm Dach auf, tippe etwas Tagebuch ins Handy und döse danach noch entspannt vor mich hin, ich fühle wie mein Körper das beruhigende Melatonin ausschüttet. Ein reichhaltiges Frühstück um halb acht, es ist noch dunkel, wir sind die ersten.

Wir gehen zur nahegelegenen Elisabethkirche und machen dort ein Selfie. Hier enden die 3 Elisabethpfade von Eisenach, Frankfurt und Köln, letzteren gehen wir nun in anderer Richtung – s. stilisierte Muschel mit den Sonnenstrahlen – als Jakobsweg.

Marburg, Elisabethkirche

Draußen ist es recht diesig, der Nebel wird sich erst sehr langsam lichten im Laufe des Tages. Wir kommen an den spärlichen Überresten des Elisabethhospitals vorbei. Die heilige Elisabeth hat sich ja bekanntermaßen viel um die Armen und Kranken gekümmert.

Marburg, Elisabethhospital

Wir kommen nun an dem Denkmal zu Ehren des Medizinnobelpreisträgers Emil von Behring vorbei, dem die Stadt die Behringwerke zu verdanken hat, die sie zu einem wichtigen Pharmaziestandort gemacht hat. Biontech produziert z. B heute in Marburg Impfstoffe.

Am Ortsausgang ein Naturdenkmal, ein Baum mit fünf Stämmen, die wie überlange Finger einer Riesenhand in den Himmel ragen.

Fünfstämmiger Baum

Wir kommen bald in den Wald und sehen jede Menge Pilze am Wegesrand, die vielen Niederschläge in diesem Jahr machen es sicherlich zu einem guten Pilzjahr.

Parasol

Der erste Ort, den wir erreichen, ist Wehrshausen, die Menschen grüßen nett, wir befinden uns unmittelbar im Marburger Vorland, die Welt scheint hier in Ordnung zu sein.

In Elnhausen treffen wir ein junges Wanderpaar aus der Gegend mit Rucksäcken, das die Nacht in einer Hängematte in einem Turm verbracht hat. Hier gibt es auch einen Dorfladen, wo wir uns einen Kaffee im Pappbecher leisten, den wir an der überdachten Bushaltestelle zu uns nehmen.

Durch den Wald geht es hinauf zum Stackelberg, der Abzweig nach links ist leider nicht markiert, was wir aber relativ bald merken, so dass wir nur ein kleines Stück zurückgehen müssen. Im dörflichen Dilschhausen, das immer noch zu Marburg gehört, obwohl es gut 13 km vom Zentrum entfernt ist, besichtigen wir die kleine, offene Wehrkirche, tragen uns ins Gästebuch ein und holen uns den Pilgerstempel. Um den Altar herum steht die U-förmige Sitzbank, sie erinnert an das Chorgestühl in größeren Kirchen.

Dilschhausen, Wehrkirche
Dilschhausen, Wehrkirche

Über Wiesen und Felder geht es nach Diedenshausen, das nicht mehr zu Marburg, sondern zu Gladenbach gehört. Wir haben jetzt mit ca. 17 km mehr als die Hälfte unserer heutigen Etappe geschafft und gönnen uns die Mittagsrast. Eine neue Bank unweit der leider geschlossenen Fachwerkkirche lädt uns ein, unsere beim Frühstück geschmierten Stullen bzw. Brötchen zu verzehren. Die Temperatur ist mit etwas über 15 Grad angenehm, wir ziehen die Wanderschuhe aus und schöpfen Kraft für die restlichen 12 km.

Diedenshausen, Fachwerkkirche

Nun geht es unter einer größeren Straße durch Richtung Herzhausen. Hier treffen wir einen kleinen, aufgeweckten Jungen mit einem E-Roller, der damit die langen Auf- und Abstiege rauf- und runterpest. Seine Mutter und Großmutter spazieren seelenruhug hinterher und lassen ihm alle Freiheit dieser Welt.

Wir haben inzwischen fast vier Uhr, der Nebel lichtet sich endgültig und die Sonne kommt heraus. Sonnenblumenfelder sind ungeernet verdorrt, wir gehen der tiefstehenden Sonne entgegen, die uns fast blendet.

Hinter Holzhausen

Das letzte Stück nach Niedereisenhausen zieht sich ewig, neben Kühen auf den Weiden treffen wir heute auf einige Reiterinnen. Auf einer Pferdekoppel rechts des Weges zwei Schimmel, die uns interessiert aus der Ferne beäugen. Sie bekommen von uns neben Gras, Mohrrüben auch Kohlrabi, so dass sie uns hoffentlich in guter Erinnerung behalten.

Schimmel

Wir kommen kurz vor 18 Uhr in Obereisenhausen an, von wo es nicht mehr weit zu unserem Ziel Niedereisenhausen ist. Die beiden Ortsteile von Steffenberg gehen ineinander über. Wir beziehen unser Doppelzimmer bei netten Gastgebern, die uns schon von weitem begrüßen, duschen uns den Staub und Schweiß von der Haut und entspannen uns. In der Dunkelheit gehen wir noch kurz einkaufen und essen in einer von einem Türken geführten Pizzeria zu Abend. Ich falle um halb elf innerhalb von wenigen Sekunden in tiefen Schlaf, wache erst gegen vier Uhr Winterzeit auf und döse relaxed.

Hier ist der Etappenüberblick der gesamten Wanderung.

Jakobsweg Marburg – Köln: Prolog

Oktober 26, 2024

Nach der Arbeit mache ich mich auf zum Berliner Hauptbahnhof. Mein ICE nach Kassel entfällt. Stattdessen quetsche ich mich in einen ICE Richtung Düsseldorf, wo ich Glück habe und im ersten Familienwagen gegenüber einem Großvater mit seinem auf einem Smartphone herumspielenden Enkel und einer Ostasiatin mit ihrem Säugling, der auf dem Tisch mit ihrem Smartphone in der Hand herumkrabbelt, einen Sitzplatz am Fenster finde. Der Zug ist rappelvoll, wenn meine Nachbarin mit ihrem Kind für eine Minute aufsteht, kommt sofort jemand vorbei und fragt, ob der Platz frei ist.

In Hannover habe ich eine halbe Stunde Aufenthalt. Im Bahnhof herrscht ein reges Treiben. Ich höre weiter den Reflektor-Podcast von Jan Müller von Tocotronic, und zwar den 2. Teil seines Gesprächs mit Wolf  Biermann, dem man alles vorwerfen kann, aber sicher keinen Minderwertigkeitskomplex. Besonders schön die Szene auf dem Friedhof von Montmartre, wo sein „Kollege“ Heine von seinem Denkmal steigt, mit ihm spricht und darüber staunt, wie er es geschafft hat, von Deutschland nach Deutschland zu emigrieren. Der Zug nach Frankfurt ist nicht mehr ganz so voll, ich finde wieder Platz an einem Tisch neben zwei sich rege unterhaltenden Männern, evtl. Vater und Sohn. Der Podcast neigt sich dem Ende zu. Biermann echauffiert sich aufgrund leise vorgetragener Vorbehalte – es geht u. a. um Sascha Anderson – und wechselt vom Du ins Sie und am Ende wieder zurück ins Du.

20h15 komme ich im Dunkeln in Marburg an. Hans, mein Nachbar, mit dem ich die nächste Woche auf dsm Jakobsweg nach Köln wandern möchte, holt mich ab. Wir gehen zur Gartenlaube, unserer Unterkunft in der Nähe der Elisabethkirche und anschließend in ein indisches Restaurant nahebei, wo wir uns stärken. Die Gespräche drehen sich um Gott und die Welt, wir werden uns in den nächsten Tagen, was die Konversation angeht, sicher nicht langweilen. Kurz nach elf gehen wir ins Bett. Die Nacht ist mittelprächtig, ich scheine nicht einzuschlafen und wache gegen halb fünf auf und liege wach.

Hier ist der Etappenüberblick der gesamten Wanderung.

4206

Oktober 25, 2024

Die letzte Musik

vor dem Exitus oder

die erste danach

[Arvo Pärt – Da Pacem Domine]

4205

Oktober 25, 2024

Junge Frau zu mir:

Wollen Sie Blumen haben?

Ich fahre weiter.

4204

Oktober 23, 2024

Die schwarzen Oliven

Alle wieder ausgekotzt

Der Wackerstein blieb

4203

Oktober 23, 2024

In der Sonnenglut

brutzelnde Menschenkörper,

dicht aneinander

[Matala, August 1982 (via)]

4202

Oktober 23, 2024

The lyrics naïve,

the build-up legendary,

what a killer song!

[Neil Young – Cortez the Killer (Live Rust) (via)]

4201

Oktober 23, 2024

Wouldn’t it be great

to leave the machines on stage

and go to the bar?

[New Order – 5 8 6]

4200

Oktober 22, 2024

Vom Album, zu dem

wir so oft Sex hatten wie

zu keinem andern

[Idaho – Skyscrape]

4199

Oktober 22, 2024

Sirenengesang

Trancetanz zu Maschinenbeats

durch Nebelschwaden

[Kelly Lee Owens – Dreamstate]

4198

Oktober 21, 2024

Fernöstliches Paar

– sie in weißem Hochzeitskleid –

dreht sich im Kreise

[Brandenburger Tor, heute morgen]

4197

Oktober 21, 2024

Sie zieht mich gleich rein,

fragt, ob ich da draußen bin.

Der Beat schön schleppend.

[Poe – Hello]

4196

Oktober 20, 2024

Der Ofen bollert

Das beige Mischgetränk dampft

Der Herbst hält Einzug

[BMX Bandits – Serious Drugs]

4195

Oktober 20, 2024

Ins Umland greifend

Tentakel der Stadtkrake

Nicht-Orte, edgelands

[Paul Scraton – Am Rand um ganz Berlin]

4194

Oktober 19, 2024

erfrischend, hefig,

hopfig, schaumig, bananig,

ein bayrisches Bier

4193

Oktober 19, 2024

Rückblick aufs Leben

Als spräche der liebe Gott

nach seinem Exit

[Leonard Cohen – Happens to the Heart]

4192

Oktober 18, 2024

Stiche, tief ins Herz

Den Rücken zum Publikum

Augen geschlossen

[Miles Davis – Mystery (mehr)]

4191

Oktober 18, 2024

Junger Radfahrer

In Dunkelheit mit Helm

aber ohne Licht

4190

Oktober 17, 2024

Aus der Fruchtblase

Ein Schrei. Der erste Atemzug

Die Lunge füllen

[Gerry Rafferty – Baker Street (via)]

4189

Oktober 17, 2024

Wie neugeboren

Knapp eine halbe Stunde

Ergometerfahrt

4188

Oktober 16, 2024

Vom Balkon Töne

Aus Südosten ein Lüftchen

Windspielsymphonie

4187

Oktober 16, 2024

Diffuser Wohlklang

Winzige Störgeräusche

Salz in der Suppe

[floating shrine – Kintsugi (via)]

4186

Oktober 15, 2024

Sprinter knackevoll

Rotkäppchen im Bordbistro

Zu früh in Berlin

4185

Oktober 13, 2024

Bukolisch, unplugged

Ins Herz treffende Pfeile

niemals rausziehen

[Jennifer Castle – Earthsong]

4184

Oktober 12, 2024

Telefonanruf

Flashback-Katalysator

Liebe rostet nicht

[Joan Baez – Diamonds and Rust (bbc soul music)]

4183

Oktober 12, 2024

Zukunft wandelt sich

in Gegenwart, die im Nu

Vergangenheit wird

4182

Oktober 11, 2024

Der wichtigste Mensch

aus dem eigenen Leben

Plötzlich verschwunden

[Alan Sparhawk – Get Still]

4181

Oktober 10, 2024

Ohne Hund gehen

Sich selber Gassi führen

I am multitudes

4180

Oktober 9, 2024

Braunes Eichhörnchen

Haselnussbar aufgesucht

Köpfchen eingesetzt

4179

Oktober 9, 2024

Auf dem Speierling

sitzt ein schwarzer Greifvogel,

schwebt majestätisch

4178

Oktober 9, 2024

Nicht aufzuhalten

Eine Frau, die auf Cape Cod

in die Brandung läuft

[Paul Auster – Baumgartner]

4177

Oktober 8, 2024

Wir fahren hundert

Frau auf dem Seitenstreifen

hält das Schild „ULM“ hoch

4176

Oktober 8, 2024

nur noch frühmorgens

konzentriert lesen können

abends wegpennen

4175

Oktober 8, 2024

Streuobstwiesenweg

Dämmerung. Hinterm Maisfeld

lugt ein Reh hervor.

4174

Oktober 8, 2024

Feuchtkühles Wetter

Sechs Regenjackentaschen

voller Walnüsse

4173

Oktober 8, 2024

Embryo, Säugling

Heranwachsender, Mann, Greis

Seelenwanderung

4172

Oktober 7, 2024

Eine Decke aus

Stimme, Geige, Gitarre

Winter kann kommen

[Joan Shelley – Singing to You]

4171

Oktober 6, 2024

Wie hypnotisiert

Sich dem Grasbüschel nähern,

wo sie gemacht hat

4170

Oktober 6, 2024

Britzelnde Boxen

Die Treppe hinabsteigen

Singende Sterne

[Alva Noto – HYbr:ID Para Contamination]

4169

Oktober 6, 2024

Der Endspurt reicht nicht,

die Nachbarin, die grade

losläuft, einzuholn

4168

Oktober 5, 2024

Flasche dickwandig

Korken mit Wachs versiegelt

Des fruits rouges, dépot

Hospices de Beaujeu (!), Bourgogne 2018

4167

Oktober 5, 2024

take me on your trip

you will not be so alone

flutes will follow us

[The Weather Station – Neon Signs]

4166

Oktober 5, 2024

Ein junges Pärchen

– er Brasilianer, sie Thai –

schlummert hinter mir

4165

Oktober 5, 2024

Oben verschwinden

Windradflügel im Nebel

Nur kurz im Limbo

4164

Oktober 4, 2024

Für den Frieden

hier zu protestieren, ist

wohlfeil und zynisch

4163

Oktober 4, 2024

Im Straßenverkehr

nur auf die Autos achten,

nie auf die Fahrer

4162

Oktober 3, 2024

Topfpflanzen gießen

Wasser sickert in Erde

Hörst du das Glucksen?

4161

Oktober 3, 2024

Johnson hats gewusst

Die vollendete Einheit

Die Freiheit feiern

[SWR Kultur-Gespräch mit Ilko-Sascha Kowalczuk zum 3.10.]

4160

Oktober 3, 2024

Das Cello klagt weh

Synthiesounds wirbeln im Kreis

Beats flattern davon

[CS + Kreme – Master of Disguise]

4159 Hase und Igel

Oktober 1, 2024

Früher rannte ich

die Felder rauf und runter

Nun sitz ich am Ziel

4158

Oktober 1, 2024

Gehen und Schreiben

Fuß- und Handbewegungen

Langsame Rhythmen

[Von Wegen und Umwegen (Anthologie)]

4157

Oktober 1, 2024

The Scottish accent

The seamless fingerpicking

The cat everywhere

[Donovan – Summer Day Reflection Song]