3699

Februar 13, 2024

Nur kleine Schlücke

aus der Pulle mit Wasser

Grade mal vier Grad

3698

Februar 13, 2024

Bohrende Frage

tief in den Eingeweiden

Habe ich Hunger?

3697

Februar 13, 2024

Gefallne Blätter

Vom Wanderstock aufgespießt

Meine Copilger

Elisabethpfad 3. Etappe: Röhrda – Waldkappel 24 (+2)

Februar 12, 2024

Das war die bisher anspruchsvollste Etappe, 3 Berge, 600 Höhenmeter und bestimmt 2 km länger, weil ich jeweils zum anderen Ende des Ortes musste.

Geschlafen von 11 bis 4, danach gewälzt. Trotz des Fastens habe ich morgens Reflux, der mich aufweckt. In der nächsten Apotheke werde ich mir Heilerde und Melatonin kaufen. Längeres Gesprach mit der Gastgeberin, die mir grünen Tee kocht. Sie kommt aus Thüringen und ich bin mir recht sicher, welche Partei sie wählt. Aber sie scheint mir zumindest zuzuhören.  Sie hat nach der 4. Impfung „schlimm“ Corona gekriegt, dann Long Covid. Impfen ist für sie gestorben. Findet die grünen Minister gar nicht gut. Und Krieg auch nicht, wieso hören die nicht endlich auf? Außerdem bewegt sie die Inflation. Kroatien ist seit der Euro-Einführung so teuer geworden… Und die nicht klappende Integration der Asylanten. Ein etwas schwieriges Gespräch.

Ich komme erst um 9 los, es gibt gleich einen kleinen Schauer. Der Weg verläuft außenrum auf  der Straße, während man über einen steinigen Weg eine Abkürzung gehen kann. Man fragt sich, was die Wegmacher geraucht haben. Es geht nun unter kahlen Laubbäumen auf einem weichen Blätterteppich durch den Wald, immer bergauf bis zur Ruine Boyneburg, dem Dach der heutigen Etappe mit 508 m. Hier spielt die Sage Das Fräulein von Boyneburg der Gebrüder Grimm mit drei Schwestern, von denen sich die Jüngste nach der Weissagung vom Blitz erschlagen lässt, um ein fürchterliches Gewitter zu beenden. Ihr zu Ehren wird heute noch eine Brotspende zu Himmelfahrt verteilt. Man kann sich sehr gut vorstellen, dass der Blitz besonders gerne in diese völlig exponierte Burg einschlägt.

Boyneburg

Auf dem Abstieg fällt auf, dass zum einen die Markierung des Elisabethpfades lausig ist, was mir eigentlich egal ist, da ich die Wander-App E-Walk nutze. Aber man hat halt auch ganz gerne die Bestätigung aus der real world, dass man on track ist. Andererseits ist der Pfad an einigen Stellen von Baumstämmen und Ästen blockiert. Kurz vorher wies eine Tafel darauf hin, dass der Wald hier sich selbst überlassen wird, das Ergebnis ist undurchdringliche Wildnis.  Ich gehe weiträumig herum. Zudem ist der Waldboden sehr weich und rutschig.

Abstieg von Boyneburg
Die Landschaft nur für mich

Beim weiteren Abstieg nach Wichmannshausen komme ich mit einem Hundebesitzer ins Gespräch, der mir vom neuerlichen Drama der seit Jahrzehnten im Bau befindlichen A44 erzählt. Der Tunnel unter der Boyneburg ist fertig, wird aber noch nicht befahren, da ein anderer Tunnel neu ausgeschrieben werden muss. Er glaubt nicht daran, dass er bei Lebzeiten noch auf der Autobahn bis Eisenach fahren wird können, er ist 63.

Wichmannshausen, das in einem Talkessel liegt, wird außerdem von drei Bundesstraßen und der Bahnstrecke Göttingen-Bebra durchzogen. Zur Ruhe kommt man hier nicht.

Ich bin begeistert von dem Innenraum der Wichmannshäuser Kirche St. Martin. Ein blauer Himmel, zwei weiß-rot bemalte Holzemporen, eine schmucke Kanzel, ein Altarraum, der durch eine durchbrochene Wand  getrennt ist vom Besucherraum.

Kirche von Wichmannshausen

Im hinteren Bereich der Kirche eine Kopie – das Original ist in der Gedächtniskirche in Berlin – der Madonna von Stalingrad von Kurt Reuber, der hier bevor er an die Ostfront als Truppenarzt eingezogen wurde, Pfarrer war.

Wichmannshausen, Kirche. Madonna von Stalingrad

Von Wichmannshausen geht es nun auf einem geteerten Radweg nach Hoheneiche, wo ich vor der Kirche mit der Elisabethpforte mein Saftmahl einnehme. Die Sonne ist jetzt rausgekommen, die Temperatur fast 10 Grad.

Eine Bank ganz nach meinem Geschmack

Der Weg zieht sich nun durch den Wald. Ich komme gut voran. Vom Alpstein (398m), der 2. Erhebung des Tages gibt es eine wunderbare Sicht nach Norden zum nächsten Zwischenziel, Kirchhosbach. In der nahegelegenen Hütte hängen gestrickte Köstlichkeiten.

Blick vom Alpstein nach Kirchhosbach
Alles da für meine heutige Mahlzeit

In der Kirche von Kirchhosbach hole ich mir den schönen Pilgerstempel. Im Gästebuch ist der letzte Eintrag vom Oktober, ich bedanke mich kurz. Interessant, was die Kirchhosbacher so gelesen bzw. gesehen haben. Der geräumige Bücherschrank enthält u. a. zwei Kundera, Queneau, Ulla Hahn und eine Wander-DVD.

Bücherschrank in Kirchhosbach

Im Wald liegen bzw. stehen diverse Kunstwerke, bei denen man sich zuweilen fragt, ob die Natur das nicht viel besser kann (s. o.).

Das soll Kunst sein? Das hatten wir doch schon!

Vom Wald ist an vielen Stellen nicht mehr viel zu sehen, Bäume sind aufgrund von Unwettern umgestürzt bzw. in großem Stil gefällt worden. Das sind zum Teil fast schon apokalyptische Bilder. Das Holz wird zum großen Teil als Brennholz genutzt oder über Kassel nach China verschifft, wie mir gesagt wird.

Kahlschlag
Ganz schön viel Holz

Die letzte Anhöhe ist der Mäuseberg mit 415 m, neben der Centbuche, wo sich sieben Wege kreuzen. Von hier geht es nur noch bergab nach Waldkappel, wo ich mir im Getränkemarkt noch neue Säfte besorge. Die Wolken werden dunkler, es fängt an zu regnen, aber ich komme fast trocken in meiner Unterkunft am Ortsende an. Meine 87 jährige Gastgeberin begrüßt mich als ersten Pilger des Jahres. WLAN gibt es hier nicht und LTE und Handy funktionieren nur draußen auf der Terrasse. Die Temperatur sinkt auf drei Grad.

Hier der Etappenüberblick über meine Fastenwanderung auf dem Elisabethpfad von Eisenach nach Marburg im Februar 2024.

3696

Februar 12, 2024

B7, Züge

Wichmannshausen. Talkessel.

A4-4 Tunnel

3695

Februar 12, 2024

Dieses Gejammer

Was will sie, die Ilsebill?

Es geht uns zu gut

3694

Februar 12, 2024

Der Waldweg ein Bett

Rotbraune, feuchte Blätter

Die Füße juchzen

3693

Februar 12, 2024

Niemand unterwegs

Die ganze Welt gehört mir

Und den Piepmätzen

3692

Februar 12, 2024

Die Schlücke kauen

Sauerkirschsaft, süß-sauer

Dann grüner Tee. Los!

Elisabethpfad 2. Etappe: Creuzburg – Röhrda 19 (+3)

Februar 11, 2024

Stimmen hinter mir
Quietschende Regenjacke
Als wärs ein Seufzen

Ein völlig vernieselter Tag, an dem ich mich daran erfreue, dass das Teilstück zum überwiegenden Teil geteert ist, weil ich so dem Matsch entgehe. Außerdem überquere ich die ehemalige Grenze fünfmal. Aber im Einzelnen:

Ich wache schon wieder um 4 Uhr morgens auf, das scheint zur Gewohnheit zu werden. Anschließend fliegen mir Haiku zu und ich schaffe es später noch in den Halbschlaf. Der aktuelle Blick auf den Regenradar – gestern Abend sah es noch ganz anders aus – verheißt nichts Gutes. Am frühen Morgen soll es noch recht trocken bleiben, später alerdings sollen die Niederschläge zunehmen. Als ich das begreife, spute ich mich, verabschiede mich von der Servicekraft, bekomme von ihr noch einen Stempel mit der Burg in all ihrer Pracht in meinen Pilgerausweis und bin um 8h15 auf der Rolle.

Von Creuzburg nach Westen folgen der Jakobsweg und der Elisabethpfad, die oft identisch sind, zwei verschiedenen geteerten Routen. Ich gehe einen dritten Wiesenweg anfangs an der Werra entlang, die mich verblüfft, weil sie von West nach Ost fließt. Flüsse haben eben immer die Tendenz, zu mäandern und nicht direkt auf ihr Ziel zuzufließen. Manchmal geht es dann auch in eigentlich „kontraproduktive“ Richtungen. An der Brücke über die Ifta, die unweit in die Werra mündet, vereinigt sich mein Weg wieder mit dem Elisabethpfad. Es nieselt nun leicht und es geht bergauf bis zur alten innerdeutschen Grenze (1. Überschreitung) im Wald. An der Stelle ist eine Rastbank sowie eine metallene Deutschlandkarte. Quer verläuft der Kolonnenweg, mitten im damaligen Todesstreifen, heute das Grüne Band, dessen 1393 km man komplett abwandern kann.

Ehemalige innerdeutsche Grenze: Kolonnenweg kurz vor Willershausen, heute das Grüne Band

Hinter dem Wald geht es links auf der Straße hinunter nach Willershausen im ehemaligen Westen. Ich besuche die dreischiffige, schlichte Kirche, hole mir einen Stempel und gebe einen kleinen Obolus für die Restaurierung der von Pilzen befallenen Orgel.

In Willershausen ist auch im Februar noch Weihnachten

Die Autokennzeichen sind jetzt natürlich nicht mehr WAK (Wartburgkreis) oder EA (Eisenach), sondern meist ESW (Eschwege). Aus dem Ort heraus gehe ich auf einer Straße nach Norden, die auch wieder ansteigt. Auf der Bergkuppe im Wald ist erneut die alte Grenze (2. Übertritt). Ich bin also jetzt wieder in Thüringen. Es geht auf einem Betonplattenweg bergab, damit die DDR-Panzer schnell an die Grenze fahren konnten. In der DDR ging sehr viel Material wie z. B. Zement an den Grenzschutz und fehlte dann in der Privatwirtschaft. Ich komme in Ifta an und gehe in den Ort rein und damit ca. 300 m über den Wegabzweig hinaus. Das Gasthaus macht zwar eigentlich erst um 15h auf – jetzt ist es 11h – aber die Wirtin, die gerade noch fleißig saubermacht, kocht mir Teewasser und wir kommen ins Gespräch. Sie erzählt mir auf Nachfrage bzgl. der Stimmung von der Verunsicherung der Leute, die nicht genug mitgenommen werden von der Politik, möchte sich selber damit aber nicht auseinandersetzen, hat schon genug zu tun in ihrem Alltag. Das hört sich alles sehr nachvollziehbar an und doch… Nach 45 Minuten breche ich auf. Die Kirche mit dem Himmelszelt an der Decke und dem blutenden Pelikan auf der Kanzel ist geschlossen, heute ist kein Gottesdienst. Jede Kirche, die wertvolle Kunst enthält, ist normalerweise geschlossen.

Ich überschreite auf dem Weg nach Lüderbach ein drittes Mal die Ex-Grenze und bin wieder in Hessen im Werra-Meißner-Kreis. Ich habe heute hier die gesamte, herrliche Landschaft für mich.

Zwischen Ifta und Lüderbach

Ein paar Meter abseits des Wegs gehe ich ein paar glitschige Steinstufen hinunter zum Leprakreuz und stürze fast. Hier war wohl eine Station für aus den Kreuzzügen an Lepra erkrankte Rückkehrer.

Leprakreuz unweit Lüderbach

Kurz vor der Grabespyramide, mache ich einen 1,5 km Abstecher zum Baumkreuz. In der Ferne sehe ich einen Schimmel und zwei Braune mit Reitern, die weiter Richtung Lüderbach reiten. Ich schreibe das, weil ich heute quasi niemand auf dem Weg treffe. Das Baumkreuz ist eine Anpflanzung von Eschen und Linden in Kreuzform, da wo die B7 auf die alte innerdeutsche Grenze trifft. Es ist noch ein langer Abschnitt des damaligen Grenzzauns erhalten. Hier überquere ich die nicht mehr existierende Grenze ein viertes Mal, um gleich wieder zurückzukommen.

Teil des Baumkreuzes – hier Eschen – an der B7 mit altem Grenzzaun

Von hier mache ich noch einen Abstecher hoch zur Grabpyramide, wo der letzte Schlossherr von Lüderbach, Herr von Castellan, der keine Nachkommen hatte, mit seiner Schwester begraben ist.

Lüderbach, Grabpyramide

In Lüderbach ist die Kirche mit dem Schnitzaltar natürlich geschlossen. Ich mache meine Mittagsrast mit Gemüse-,  Kirschsaft und Ingwerwasser in einem schmucken überdachten Bushaltestellenhäuschen aus Fachwerk.

Lüderbach, Bushaltestellenhäuschen

Auf gerader Strecke geht es weiter nach Netra, wo die Kirche mit dem Wehrturm leider auch wieder zu ist. Am Ortsausgang steht ein langsan verfallendes Wasserschloss, um das sich niemand zu kümmern scheint.

Netra, Wasserschloss der Familie von Boyneburg

Noch knapp 3 km und ich bin in Röhrda, meinem Tagesziel angekommen. Die Regenjacke und der Rucksackschutz sind zwar nass geworden, aber ansonsten habe ich den Regentag recht trocken überstanden.

Weg vor Röhrda, man sieht die Kirche im Hintergrund

Die Inneneinrichtung der Kirche ist sehr einfach, das Buntglasfenster mit dem auferstehenden Jesus ist ein Blickfang.

Röhrda, ev. Kirche, Buntglasfenster

Ich kehre ein in die Pension Iris, bekomme einen Kräutertee kredenzt und lasse meine müden Knochen etwas zur Ruhe kommen.

Hier der Etappenüberblick über meine Fastenwanderung auf dem Elisabethpfad von Eisenach nach Marburg im Februar 2024.

3691

Februar 11, 2024

Eine Kohlmeise

zwitschert hoch oben im Baum

Wo genau sitzt sie?

3690

Februar 11, 2024

Wandern und Fasten

Täglich ein paar Gramm leichter

Gleich hebe ich ab!

3689

Februar 11, 2024

Wie ich auf Wandrer

neidisch war als Radfahrer,

wenn es steil hoch ging

3688

Februar 11, 2024

Stimmen hinter mir

Quietschende Regenjacke

Als wärs ein Seufzen

3687

Februar 11, 2024

Egal, ob du schläfst

Schön warm unter der Decke

Das Glück des Dösens

3686

Februar 11, 2024

Gefahr beim Fasten

Nicht wieder mit dem Essen

starten zu wollen

3685

Februar 11, 2024

Morgens um halb sechs

Verschiebt da jemand den Tisch?

Die Heizung läuft an.

3684

Februar 11, 2024

Sich verabschieden,

ohne dass es jemand merkt.

Das gibt zu denken.

3683

Februar 11, 2024

Fastend andauernd

gemahnt werden ans Essen

von den Mitmenschen

3682

Februar 11, 2024

In der Nacht um vier

Im Kopf summt ein Bienenschwarm

Im Hals ein Feuer

Elisabethpfad, 1. Etappe: Stedtfeld – Creuzburg 13

Februar 10, 2024

Die Sonne kommt raus
Der Bibelversautomat
Die Kemenate

Ich wache auf und denke es ist 6 Uhr, aber als ich genauer auf die Uhr sehe, stellt es sich raus, dass es 4 Uhr ist. Darauf eine Melatonintablette, mit der ich nach längerer Zeit wieder einschlafe, und dann nicht aus dem Bett komme. Zum Frühstück Orangensaft. Ich muss feststellen, dass ich doch wieder – wie schon auf der letzten Fernwanderung auf dem Heidschnuckenweg – das falsche Paar Wanderstöcke mitgenommen habe. Bei dem einen Wanderstock fehlt entweder ein Segment oder ich bin zu blöd, ihn auseinander zu ziehen. Die junge Frau an der Rezeption bucht versehentlich 50 Euro Depot für den Bademantel ab. Ob sie wohl meinte, ich hätte ihn in meinem 30 l Rucksack mitgenommen?

Um halb zehn bin ich endlich on the road. Draußen scheint die Sonne und es herrschen zweistellige Temperaturen. Obwohl ich das dünnere Hemd und das nicht ganz so warme Damart-Unterhemd anhabe, ist mir etwas warm. Ich gehe über einen Wiesenweg nach Stedtfeld rein.

Stedtfeld, Steinstock

Hier geht es über die u. a. von Flixtrain befahrenen Bahnschienen der Strecke Eisenach – Bebra und ich stoße auf den Elisabethpfad, der enttäuschenderweise an einer Straße langläuft, neben der sich dann auch noch das langgestreckte Gelände des Klärwerks befindet. Warum um Himmels willen haben die Schöpfer des Elisabethpfades hier nicht den Rennsteig genutzt, der etwas weiter auf dem Bergkamm verläuft? Ich werde heute bestimmt 80% auf Asphalt – man sagt hier Bitumen – gehen, was unnötig ist und mich fuchsteufelswild macht.

Neben dem Elisabethpfad tanze ich heute auf verschiedenen Wegen…
Als Pilger kann man sich den Weg (nicht) aussuchen

In Hörschel mündet die aus Eisenach kommende Hörsel in die Werra und es beginnt an der Werra der Rennsteig. Den ich für den meistüberschätzten deutschen Wanderweg halte. Der Weg verläuft meist im Wald oben auf dem Kamm und es gibt kaum Ausblicke. Es ist eine Art Wanderautobahn, breit und befestigt. Die Wanderer, die sich dort tummeln, sind meist bierernst und rennen ohne nach links und rechts zu gucken.

An einem Spielplatz raste ich und spreche länger mit einem einheimischen Großvater, der mit seinen Enkeln bei dem schönen Wetter mal draußen ist. Er erklärt mir die Wegführung und weist mich darauf hin, dass es auf dem Radweg weitergeht und fast nur noch Bitumen bis Creuzburg zu erwarten ist. Er wird recht behalten. Neben mir fließt nun die recht hochstehende Werra, über mir ist die Talbrücke der A4, die ich schon unzählige Male überfahren habe. Ein junges Paar und ihr Söhnchen sind auf dem Rad kaum schneller als ich zu Fuß, es geht rauf und runter. Ich plage mich den ganzen Tag ein bisschen mit diversen Hungerästen ab, die Umstellung des Körpers auf Fettverbrennung dauert ihre Zeit.

Nicht weit von der alten, innerdeutschen Grenze: Deutschland am Boden

Ich erreiche nun Spichra, wo ich mir in der schnuckligen evangelischen Kirche in der Sakristei einen Pilgerstempel für den Pilgerausweis selbst erstelle.

Spichra, evangelische Kirche von 1753

Aus Spichra heraus geht es auf besagtem Radweg schnurgerade. Wie ich auf der App sehe, hätte es vorher eine Möglichkeit gegeben, über einen niedrigen Höhenrücken durch den Wald auf einem Wanderweg abzukürzen, was ich natürlich verpasst habe. Ich verfluche völlig sinnbefreit die Wegmacher. Sie hatten sicher ihre Gründe, es ist mein Fehler, ich hätte mich vorher informieren müssen. Links vor mir grasen Wasserbüffel und Gallowayrinder in den überschwemmten Auen. Es handelt sich um das Stiftsgut Wilhelmsglücksbrunnen, wo heute eine Käsemanufaktur betrieben wird. Hier geht es runter vom Asphalt auf einen eingeweichten Weg zwischen den Wiesen. In der Ferne sieht man linker Hand schon mein Etappenziel, die Creuzburg.

Da es noch nicht einmal ein Uhr ist, mache ich eine Trinkpause auf einer Bank mit Tisch. Es sind doch einige Leute zu Fuß und auf dem Rad unterwegs, es ist ja Samstag. Ich komme nun zur Liboriuskapelle (an der Ostseite der alten Werrabrücke), in der sich Wandmalereien von Elisabeth von Thüringen befinden. Die Kapelle ist (natürlich) geschlossen. Ich sehe später Kopien von ihnen mit guten Erklärungen in der Nicolaikirche im Ort.

Werrabrücke, erbaut 1223 unter dem Landgrafen Ludwig IV., Elisabeths Ehemann

Über 700 Jahre hält die Brücke, dann kommen die Nazis und sprengen am 1.4.1945 sinnlos zwei Bögen der Brücke (Verbrannte Erde), um den Vormarsch der Amerikaner noch zu stoppen. Sie wurde dann 1952 wieder eröffnet. Die Werra ist heute unter der Brücke ein reißender Strom, der Strudel an den Pfeilern bildet.

In der eindrucksvollen, großräumigen Nicolaikirche lese ich, wie gesagt, über Elisabeths in Wandmalereien festgehaltenes Leben. Ich zünde ein Teelicht an und ziehe mir einen Bibelvers aus dem Automaten, der sinnigerweise mein größtes aktuelles Problem anspricht, den Durst. Es ist Johannes 4,14.

Creuzburg, Nicolaikirche

Ich gehe nun hoch zur Burg, wo mir beim Eintritt ins Hotel-Restaurant Bratengerüche entgegenschlagen. Mein Einzelzimmer ist schon – es ist halb zwei – bezugsfertig. Ich versuche nach dem Genuss meiner Säfte erfolglos eine Siesta zu halten und gehe dann runter und trinke zwei Kännchen grünen Tee.

Creuzburg, Gastraum des Burghotels/-restaurants

Nun sind meine Lebensgeister wieder geweckt. Zuerst gehe ich rüber zum Museum, das leider schon in 20 Minuten schließt. Ich gucke mir die Elisabethkemenate im Keller an, Elisabeth von Thüringen hat mehrere Jahre auf der Creuzburg gelebt und gewirkt, indem sie sich um die Armen gekümmert hat. Zwei ihrer drei Kinder sind hier geboren worden.

Elisabethkemenate
Kopie einer gotischen Elisabethfigur, Lindenholz
Elisabeth verabschiedet sich 1227 von ihrem Mann, Ludwig IV. in Schmalkalden. Er wird auf dem Kreuzzug sterben.

Über den Wehrgang geht es im 1. Stock hinüber zur aktuellen, sehenswerten Ausstellung mit vielen historischen und neuen Fotos des Ortes mit Erläuterungen.

Creuzburg, Wehrgang

Ich mache noch eine Tour durch den Ort und folge dem Märchen-Naturpfad mit Bäumen, die z. T. in Märchen eine Rolle gespielt haben.

Creuzburg

Hier der Etappenüberblick über meine Fastenwanderung auf dem Elisabethpfad von Eisenach nach Marburg im Februar 2024.

Elisabethpfad, Prolog: Eisenach Hbf – Stedtfeld 5

Februar 10, 2024

Gluckerndes Wasser
Wärme strömt in den Körper
Die Explosion!

Nach der Arbeit nehme ich den Zug von Berlin Hbf nach Eisenach um 15h26. Ich nehme Platz an einem Tisch, es stellt sich heraus, dass der Platz obwohl nichts angezeigt wird auf dem Display, von einem Mädchen reserviert ist, die netterweise darauf verzichtet und sich gegenüber hinsetzt, ich rutsche jetzt zum Fenster, so dass wir Beinfreiheit haben. Die Fahrt ist ereignislos, draußen ist es bedeckt und dämmert so langsam. In Erfurt steigen noch einige Leute zu, der Zug ist recht voll, drei von vier Plätzen an unserem Tisch besetzt.

In Eisenach ist es bereits dunkel um 18 Uhr. Ich gehe unter den Gleisen durch nach Norden. Es geht ein gutes Stück parallel zur Bahn, ich passiere einige Bahnunterführungen. Ich orientiere mich nun etwas nach Norden, es geht bergauf in eine Eigenheimsiedlung. Auf einer Sackgasse nach Westen, wo bei jedem zweiten Haus die Bewegungsmelder anschlagen und mir den Weg beleuchten, komme ich aufgrund der Steigung etwas ins Schwitzen.

Die Straße endet nun und ich komme auf den Weg am Waldrand, den ich mir auf der E-Walk App ausgeguckt hatte. Hier ist es nun stockduster, ich schalte meine Stirnlampe an. Der Boden ist durchgeweicht, es hat anscheinend viel geregnet in letzter Zeit. Momentan ist es allerdings trocken. Der Weg geht schon bald wieder bergab, offensichtlich standen die letzten Häuser, an denen ich vorher vorbeiging, oben auf einer Anhöhe. Der Weg geht leicht auf und ab weiter am Waldrand entlang. Ich sehe vor mir zu meiner Linken das Opelwerk mit einem riesigen, beleuchteten Logo. Hinter dem Werk ist links eine Baustelle mit neuen, noch unbezogenen Häusern. Ich gehe hinab und bin nun in dem Gewerbegebiet von Stedtfeld, wo sich auch meine Unterkunft befindet.

Im Hotelzimmer trinke ich den Rote Bete Saft als Hauptgang und den Orangensaft als Nachtisch. Danach gehe ich in die Sauna, das Thermometer zeigt ca. 20 Minuten nach dem Einstellen über 80 Grad, ich mache einige Aufgüsse und schwitze. Ich bleibe alleine. Die Dusche ist nicht sehr kalt. Nachdem ich mir noch verspätet die Nachrichten auf dem Handy angeguckt habe und bei zwei Talkshows zwischendurch eingenickt bin, lösche ich kurz nach 10 das Licht.

Hier der Etappenüberblick über meine Fastenwanderung auf dem Elisabethpfad von Eisenach nach Marburg im Februar 2024.

3681 In U-Bahn

Februar 10, 2024

Der Nachbar grummelt

Ich verstehe ihn fast nicht

Er will Geld von mir

3680

Februar 10, 2024

Anker geworfen

doch nur vorübergehend

Offene Weite

XIV

Februar 9, 2024

Knackender Ofen

Auf das Holz tröpfelnder Schweiß

Zischender Aufguss

Der nickende Chinese

unter der kalten Dusche

3679

Februar 9, 2024

Gluckerndes Wasser

Wärme strömt in den Körper

Die Explosion!

3678

Februar 9, 2024

Unter der Nase

Über der Oberlippe

Spüre das Streichen

[Tim Parks – Die Kunst stillzusitzen]

3677

Februar 8, 2024

Keiner sagt einem,

dass man eine Geschichte

schon mal erzählt hat.

Sprachmassaker

Februar 7, 2024

Einer der Köch*innen ist Pedro, ein junger Mann aus Mexiko der mehr vom Leben erwartet, als der Job ihm bietet. [q]

3676

Februar 7, 2024

Sie wirft, der Hund läuft

Die blaue Frisbeescheibe

Der Fänger im Flug

3675

Februar 7, 2024

Auf dem Weg zum Park

Die Sillage des Müllwagens

Meine Begleitung

3674

Februar 7, 2024

In Regenpfützen

Auf kahlen Ästen Sprossen?

Der Himmel bedeckt

Anleitung

Februar 7, 2024

1 Den Apfel vierteln

2 Den Grieps des Viertels rausschneiden

3 Das Viertel längs halbieren

4 Die zwei Achtel viermal quer schneiden

5 2-4 dreimal wiederholen

Ergebnis: Achtzig Apfelstücke

3673

Februar 6, 2024

Die kalte Dusche

Stadtwohnung versus Landhaus

Lau versus eisig

3672

Februar 6, 2024

Nach dem Aufstehen

Der durchdringende Geruch

des ersten Urins

3671

Februar 6, 2024

Die Schwerkraft nutzen

beim herabschauenden Hund:

die Fersen senken

3670

Februar 6, 2024

Der alte Mann, der

nach dem Selbstmord seiner Frau

das Haus nicht verlässt

3669

Februar 6, 2024

zwischen nacht und tag

traumversunken, schlaftrunken

die welt erschaffen

[Danielle Boutet – En attendant l’aube]

3668

Februar 5, 2024

Fuß vor Fuß setzen

Assembler programmieren

Schritt für Schritt zum Ziel

3667

Februar 5, 2024

Faraday-Käfig

Fünf Stunden Autobahnfahrt

Gesprächsoffenheit

3666

Februar 5, 2024

Im Hof ein Zwitschern

Gegen die Scheibe prasseln

die Regentropfen

3665

Februar 4, 2024

Alternde Männer

eigene Anziehungskraft

maßlos verkennend

3664

Februar 4, 2024

Die Streuobstwiesen.

Autobahn und ICE.

Durch den Tiergarten.

3663

Februar 3, 2024

Äste absägen

mit den eigenen Händen

Nachhaltigkeit pur

3662

Februar 3, 2024

Wer entfernt den Müll

der Kunden von McDonald’s?

Sein Name: niemand

3661

Februar 2, 2024

Zähflüssiger Strom,

quer durch den Midwest fließend,

made from guitar chords

[Ratboys – Black Earth, WI]

3660

Februar 2, 2024

Zwei Spechte trommeln

links und rechts der Auwiese

Mit Verzögerung

3659

Februar 1, 2024

Die Nacht umfängt uns

In der Ferne ein Röhren

Sie fliegen zurück

3658

Februar 1, 2024

Just a perfect day,

drink Sangria in the park

…when… dark, we go home

[Lou Reed – Perfect Day]

3657

Februar 1, 2024

Die Worttube leer

Das langsame Verstummen

Talk Talk lässt grüßen

3656

Februar 1, 2024

Kimbas Blick, wenn ich

die zwei Hirschlungenstücke

aus der Tüte hol

3655

Februar 1, 2024

Entschuldigungen

Gesprächsfaden gerissen

Das Feedback bleibt aus

3654

Januar 31, 2024

Wo Musik, Stimme

und Clip eine perfekte

Ehe eingehen

[Men I Trust – Ring of Past]

3653

Januar 31, 2024

Immer, wenn ein Ball

beim Jonglieren runterfällt,

bricht die Welt entzwei

3652

Januar 29, 2024

Dreißig Minuten

in falsche Richtung fahren

und es dann merken

3651

Januar 29, 2024

Krähe und Elster

auf harter Ackerkrume

Zwei Falken thronen

3650

Januar 27, 2024

Samtene Stimme

Weicher badischer Singsang

Mit Jesus liiert

3649

Januar 26, 2024

Warme wall of sound

Hundertvierzehn Dezibel

Wenn man sich alt fühlt

[Slowdive@Columbiahalle]

3648

Januar 25, 2024

Typ in Bermuda:

Eingeschissen, oder was?

Zu lang angestarrt?

3647

Januar 25, 2024

Vorn geht die Post ab

Ein neuer Sound aus Sheffield

Krachig, hypnotisch

[Pale Blue Eyes@Columbiahalle]

3646

Januar 25, 2024

Abteilungsklausur

Agenda abgefrühstückt

Bitte mehr davon

3645

Januar 25, 2024

Essen vergessen

Das Sprechen eine Droge

Red Bull unnötig

3644

Januar 24, 2024

Hab ich vergessen,

die Heizung auszudrehen?

Der Boden rutscht weg.

3643

Januar 24, 2024

Zu viert im Wagen

Fünfeinhalb Stunden vergehn

ruckzuck im Gespräch

3642

Januar 23, 2024

Die Wege tauen

Räder werden geschoben

Es ist spiegelglatt

3641

Januar 21, 2024

Hochsommer am See

Gegen Ende noch einmal

vom Leben kosten

[Bodo Kirchhoff – Seit er sein Leben mit einem Tier teilt]

3640

Januar 21, 2024

Wege Eisbahnen

Schneeweiß schimmernde Nächte

Mollige Abende

3639

Januar 21, 2024

Bäume, umgestürzt

Der Knoblauchweg ein Dschungel

Die Schneelast zu hoch

3638

Januar 21, 2024

Ein Dalmatiner

jagt auf der weißen Wiese

um Kimba herum

3637

Januar 20, 2024

In Zeichenfolgen

– drei Zeilen, siebzehn Silben –

die Zeit festhalten

3636 Die Begrüßung

Januar 20, 2024

Rollkoffergeräusch

Kimba flieht die Treppe hoch

Die Augen weit auf

3635

Januar 18, 2024

Vom Schlaf benommen

In den Ohren ein Sausen

Das linke Knie zwickt

3634

Januar 17, 2024

Augen zumachen

Töne mit Ohren trinken

Ein anderer sein

[Boxhead Ensemble – The Other Shore]

3633

Januar 16, 2024

Wilde Tänzerin

Hat die Neurose im Griff

Barfußkämpferin

[Joan Baez – I Am a Noise]

3632

Januar 16, 2024

Ans Bett genagelt

die Körperwärme spürend

ganz in sich ruhend

3631

Januar 15, 2024

Einfach und direkt

Ohrwurm im Garagensound

Mitten rein ins Herz

[Lewsberg – An Ear to the Chest]

3629

Januar 14, 2024

Sie bückt sich hinten,

pullert, wartet, dreht sich um,

schnuppert am Output

3628

Januar 12, 2024

Sachte vortasten

Jeder Schritt ein Wagestück

Wenns glatt wird, schlittern

3627

Januar 12, 2024

Hier kommt alles rein,

welches bei siebzehn noch nicht

auf den Bäumen ist

3626

Januar 11, 2024

Wehmut, die berührt

Ruhige Gelassenheit

Der Kairos war da!

[Dominic Miller – Mi Viejo]

3625

Januar 11, 2024

Die Leute gehen

in der Mitte der Straße

Blitzeis in Mitte

3624

Januar 11, 2024

Das Fenster öffnen

Einatmen, hinausgucken

Die Welt reinlassen

[Rolling Blackouts Coastal Fever – Open up Your Window]

3623

Januar 6, 2024

In Südfrankreich Wind

Zwölf Stunden Autobahnfahrt

In Deutschland Regen

3622

Januar 6, 2024

Mehr Geduld haben

Den Menschen mehr Zeit lassen

Mehr in mir ruhen

3621

Januar 4, 2024

zu wenig geküsst

gibt es einen, der das nicht

von sich sagen kann

[Slowdive – kisses]

3619

Januar 4, 2024

Es hat gedauert,

bis ich merkte, mein Vater

ist auch nur ein Mensch

[Apsilon – Baba]

3618

Januar 1, 2024

Kormoran steht mit

ausgebreiteten Flügeln

vor den Blässhühnern

Lac de Villeneuve de la Raho

3617

Dezember 31, 2023

Entre vous et moi

elle fait des aller-retours

Mademoiselle Zigzague

3616

Dezember 30, 2023

Töne. Hingetupft.

Vom Klavier schwindlig gespielt.

Leichtfüßiger Ernst.

[Nitai Hershkovits – Of Trust and Remorse (ECM, kein Video)]

3615

Dezember 30, 2023

Hot vibes from Oslo

Just in time for tomorrow’s

silvester party

[Fieh – Grendehus Funkadelic live@Palace Grill]

3614

Dezember 29, 2023

Zwischen Weinstöcken

zwei Kaltblüter mit Schweifen

den Boden touchend

3613

Dezember 29, 2023

hitting the soft spot

between the left and the right

side of the matter

[bar italia – bibs]

3612

Dezember 28, 2023

Die Kamera läuft

Reißaus mit jungen Frauen

Petzolds erster Film

3611

Dezember 28, 2023

Im Dunkeln leben

Sich nicht zu sich bekennen

Ohne Gesicht sein

[Arthur H – L’anonyme]

3610

Dezember 28, 2023

Weiß nicht, wer er ist

karamellbonbonlutschend

Der Rest ist Stille

[DLF-Gespräch mit Lars Eidinger]

3609

Dezember 27, 2023

Klavier und Stimme

im fruchtbaren Zwiegespräch

Is love always blind?

[Sunny Kim – Love (Unconfined)]

3608

Dezember 27, 2023

Comment marier

le jazz avec l’électro

sans aucune couture

[Joanna Duda Trio – Grasshopper]

3607

Dezember 27, 2023

warten auf DEN Sturz

sich nicht dagegen wappnen

obwohl es ginge

3606

Dezember 26, 2023

der Küste folgend

offene Menschen treffend

auf- und absteigend

[Sentier littoral: Racou – Collioure – Racou]

Plage de Racou sous la lune

3605

Dezember 26, 2023

bright, chiming guitars

glimmering in the sunshine

vibes from down under

[RVG – It’s Not Easy]