Es entfaltet sich
eine friedliche Landschaft
vor meinen Augen
[Harold Budd & Brian Eno – An Arc of Doves von The Plateaux of Mirror, 1980]
Es entfaltet sich
eine friedliche Landschaft
vor meinen Augen
[Harold Budd & Brian Eno – An Arc of Doves von The Plateaux of Mirror, 1980]
Cockpit, Luxembourg
Strawberry Daiquiri flash
Sommerterrasse
[Green Cosmos – Opus X von Abendmusiken, 1983]
Vorhin auf dem Ergometer habe ich zur Abwechslung mal Jazz gehört. Es ging recht leise los, also habe ich den Bluetooth-Lautsprecher übers Handy lauter gestellt. Irgendwann – mein Ergometer-Programm steigert die Leistung um 25 Watt alle 2 Minuten bis zum Maximalwert, heute 270 Watt, der dann 15 Minuten gehalten werden muss, bevor es dann 6 Minuten wieder sukzessive runter geht mit der Leistung – habe ich das Handy auf den Teppich geworfen, weil der Tretwiderstand so stark geworden ist, dass er mir alles abverlangt hat, dass ich in meine konstante Trittfrequenz kommen musste, weil ich das 27 Minutenprogramm ansonsten nicht durchstehe. Na ja auf jeden Fall fiel mir dann, nachdem das Handy unerreichbar auf dem Boden lag, plötzlich auf, dass die Musik evtl. etwas zu laut war für die Nachbarn. Vor allem das Saxophon hörte sich so an, als würde es mir jemand in 1 Meter Abstand ins Ohr blasen. Am Ende hat sich niemand beschwert und ich habe mein Programm erfolgreich durchgezogen, es war also alles paletti.
Achso, was ich vergessen habe, das erste Stück auf dem Album, das den Titel Über dem Berg trägt, fängt mit einem repetitiven Kalimbapart an, ein bisschen wie bei Steve Reich’s Drumming, meinem Lieblingsalbum von 1974. Wo sich die Drumpatterns ganz langsam verschieben, so dass man es kaum merkt. Minimal Music, die Erste. Zurück zu Green Cosmos, einer deutschen Band, deren einziges Album Abendmusiken aus dem Jahr 1983 geblieben ist. Ich frage mich gerade, ob man die Platte unter Spiritual Jazz subsumieren könnte. Ich glaube ja, auch oder gerade weil sie in vielen Stücken diese lässige Late Night Atmosphäre ausstrahlt. Ja, es stimmt, der Pianist spielt so locker wie Bill Evans, die Töne perlen z. B. bei Concentration nur so aus dem Klavier. Der Saxofonist hat seinen John Coltrane und seinen Pharoah Sanders inhaliert, wobei er seine eigene Intonation hat, nicht so wild und expressiv wie Pharoah spielt, aber mindestens genauso spirituell. In Vollmondscheinsonate hat er diesen zärtlichen Nebelton, einfach umwerfend. Der Bassist thront über dem Ganzen wie Kronos in der griechischen Mythologie, der Bass – besonders schön blubbernd auf Kalimba Suite, Part 1 – hält den Laden zusammen. Meine Lieblingsstücke sind Lovely Suite und der Closer Opus X. Beide sehr lyrisch und wundervoll melodisch. Aber auch sonst ist dies ein von Grund auf entspanntes Album, das gleichzeitig vor Spielfreude sprüht, an dem man seine Freude haben muss. Jazz at the top of its game. Mit einer großen Bandbreite, ohne Berührungsängste mit verschiedensten Stilen. Mehr kann man von Jazz nicht verlangen.
Ein Dankeschön an Michael Engelbrecht, ohne den ich dieses Album niemals entdeckt hätte.
Vor vierzig Jahren
Sonne. Boot. Marmara-Meer.
Mein erster Ayran!
Mütze auf dem Kopf
Kalte Hände auf dem Rad
Wo bleibt der Frühling?
Kehlige Stimme
Als hätte er gesoffen
Trost von down under
[Ed Kuepper – Sea-Air, 1986]
Ein komplettes Buch
über das Lied River Man
von Nick Drake schreiben
[Ich lese gerade die neue, gut recherchierte „Annäherung“ von Jürgen Goldstein an meinen „traurigen Helden“]
Beschauliches Meer
Viele emsige Menschen
Friede sei mit euch!
[Bernie Maupin – Ensenada von The Jewel in the Lotus, 1974]
hartem Widerstand
gleichmäßige Trittfrequenz
entgegensetzen
Benommenheit nach
halbstündiger Siesta
Rausch ohne Kater
Ich höre das Lied,
und es scheint mir, das muss doch
über Nick Drake sein
[John Martyn – Solid Air, 1973]
Vor vierzig Jahren
mein bester Freund. Erkennt mich
im Traum nicht wieder
Wortkarge Jugend
Redseliger Lebensherbst
Ein Männerleben
Was hast du gesagt?
Wie bitte? Ich verstehe
mein eignes Wort nicht
[Jamie xx feat. Romy – Loud Places, 2015]
Konfuse Zeiten
Wo es langgeht, entscheidet
heute der Wauwau
Sonore Stimme
Warum geht er an Straßen?
Plötzlich war er weg
[Wolfgang Büscher liest aus Der Weg bei Ferlemann & Schatzer]
Schlummernde Schönheit
Die Welt ist tiefer gedacht
Gefühl schlägt Verstand
[Anja Lechner & Vassilis Tsabropoulos –
3 morceaux après des hymns byzantins: II]
Um fünf Gang zum Klo
Vater besänftigt Mutter
Das Schluchzen hört auf
Vom Gurren geweckt
Elsternpaar im Nest vereint
Ganz oben im Baum
Blick in Rückspiegel
Blendende Abendsonne
Spurwechsel riskant
Leichtigkeit des Seins
Hasch mich, ich bin der Frühling!
Frauen an die Macht!
[Throwing Muses – Not too Soon, 1991]
Dröhnen der Heizung
Es juckt am ganzen Körper
Sand in den Augen
Tiefstehender Rhein
Laarer Promenade voll
Reger Schiffsverkehr
Sie tuschelt zu mir:
„Was macht der fremde Mann hier?“
Krankheit schreitet fort
Familienkreis
Ein reichhaltiges Frühstück
Saft und Tee für mich
Schlucke Heilerde
Draußen schnurrt miaut ne Katze
Halb vier Uhr morgens
Astral Weeks, jemand?
Entwaffnende Offenheit
Samtene Stimme
[Rosali – Rewind]
Niemand möchte es
Viele werden es trotzdem
Ganz allein sterben
[Antony & the Johnsons – Hope There’s Someone, 2005]
Als ein anderer
aus dem Film rausgekommen
als reingegangen
[Petra Volpe – Heldin]
Bei einem Gläschen
Flirt mit zarter Melodie
Hinaus ins Freie
[Sylvie Courvoisier & Mary Halvorson – Bone Bells]
Wohlige Wärme
In Matratze versunken
Unter Bettdecke
Magische Stimmung
Trompete im Bambuswald
Nach Hause denken
[David Sylvian – Brilliant Trees, 1984]
Lebensbegleiter
Nicht mehr unter uns weilend
Wunden der Seele
Auf Gassirunde
Mehrmals Pferdeapfelduft
Pferde nicht in Sicht
Weißes Blütenmeer
Auf dem Weg nach Mammolshain
Schneeglöckchenwiese
Hinter Klappläden
Breites Grinsen der Sonne
Der Frühling ist da!
[Shelleyan Orphan – Burst aus Humroot, 1991]
Spätabends knülle
Musik von früher hören
Freien Lauf lassen
Zugucken wie der
Häcksler die dicken Äste
des Apfelbaums frisst
Gitarrenkrachen
Tief ins Herz der Finsternis
Fade out mit Feedback
[Giant Sand – Seeded (‚tween Bone and Bark) aus Center of the Universe, 1992]
Treffe ich dich, gibst
du mir’s Gefühl, dein Lächeln
ist allein für mich
Midwest. Achtziger.
Sechzehn. Endloser Sommer.
Liebe und Abschied.
[Benedict Wells – Hard Land]
Motorischer Beat
Gitarrentrip ohne Ziel
Neu! lassen grüßen
[Yo La Tengo – End Credits von der Soundtrack-EP Old Joy]
Intervallfasten
Vierzehn Stunden Vorfreude
aufs nächste Essen
Nachteskapaden
Fingerspitzengefühle
Aus Handgelenken
[Yo La Tengo – Today Is the Day, live on McEnroe, 2004]
Abendsonne scheint
Satte, braune Farbtöne
Die Erde leuchtet
Bis hundert zählen
In Melatoninstarre
Entspannt im Hier-Jetzt
Es ziehen vorbei
Heerscharen Verkleideter
Ich säge im Baum
Sperrige Nummern
Wilde Grooves unterm Glaskreuz
Titel wird gesucht
[Johanna Summer, Tobias Fröhlich & Jan-Einar Groh @Stadtkirche Darmstadt]

Auf Eibenhecke
spaziert das Eichhörnchen gen
Apfelbaumnussbar
Sich freuen, wenn’s juckt,
weil dann die Körperbutter
gut einziehen kann
Das letzte Mal, als
jemand gegen mein Fenster
Kieselsteinchen warf
[war in München in der 2. Hälfte der Achtziger; es war Klaus aus Berlin, der eigentlich aus Köln kam und den ich beim Interrail im Zug vor Sevilla kennengelernt hatte. Er fuhr schwarz und ließ sich immer rausschmeißen, wenn er erwischt wurde. Ein paar Jahre später sah ich ihn zufällig im Fernsehen im blauen Bademantel bei Tutti Frutti, was mich in dem Moment einerseits überraschte, von ihm andererseits aber auch nicht. Komme gerade drauf, weil ich Hard Land von Dominic Wells zu lesen angefangen habe, wo Kirstie das mit den Steinchen bei Sam macht.]
Gassi mit Kimba
Regen durchweicht die Hose
Vorfreude aufs Haus
Der Tag, an dem ich
aufhörte, mit dem Kaufen
von Jarrett-Platten
[muss so Ende der Achtziger gewesen sein]
Das meistverkaufte
Solo-Jazz Album hat mit
Jazz wenig am Hut
[Keith Jarrett – Köln Concert, part I]
sich nachmittags auf den Wein freuen
sich nach dem Wein aufs Bett freuen
sich frühmorgens im Bett aufs Frühstück freuen
sich morgens nach dem Tee auf den Computer freuen
sich am Computer aufs Mittagessen freuen
sich danach auf die Siesta freuen
sich nach der Siesta auf den Computer freuen
nach der Arbeit rüber zum Nachbarn gehen,
wo mich die Hündin freudig begrüßt
Nur ein paar Töne
Klavier trifft auf Saxophon
Sag, was ist Sehnsucht?
[Johanna Summer & Jakob Manz – The Opposite]
Hat Charme behalten
Tausend Mal abgenudelt
Machs gut, Roberta!
[Roberta Flack – Killing Me Softly with His Song, 1973]
Mai Achtundsechzig
Vier Generationen
Mitten in Paris
[Lionel Baier – La cache]
Musikfilm ohne
eine einzige Note
des Originals
[Ido Fluk , Köln 75]
Eine Säuferin
Mann nimmt sie huckepack mit
nach Zusammenbruch
[Kang Mi-Ja – Bombam (Spring Night)]
Inuitmädchen
Ihr die Nase zuhaltend
A good day to die
Kinderloses Paar
Reproduktionsklinik
Nagende Zweifel
[Johanna Moder – Mother’s Baby]
Möchtegernpoet
stellt sich der Familie
seiner Freundin vor
[Hong Sangsoo – What Does That Nature Say to You?]
Schlaganfall kittet
kaputte Familie
wieder zusammen
[Jeanette Nordahl – Begyndelser (Beginnings)]
Auf Autobahnbrücken
Leute mit Deutschlandfahnen
und gelben Leuchten
Wüstentanz in Trance
Musik kennt keine Grenzen
Schlangenbeschwörung
[Dissidenten – Telephone Arab, 1986]
Du fünfundzwanzig,
ich dreißig, da haben wir
uns kennengelernt
Wintersonne pur
Durch die Außenbezirke
Westerbachplätschern
Heute erwartet mich die letzte Etappe durch Frankfurt nach Hause, wobei ich die nördlichen Stadtteile durchquere. Draußen herrscht herrlichster Sonnenschein bei klirrender Kälte, ohne Handschuhe geht es heute nicht.
Da es keine Jakobswegroute gibt, benutze ich Maps, dessen Zickzack ich blind wie ein Roboter folge. Um Akku zu sparen, merke ich mir die nächste Abzweigung und gucke erst wieder aufs Handy bei der nächsten Seitenstraße danach. Das funktioniert ganz gut.
Zuerst geht es durch das Gewerbe-/Industriegebiet in Enkheim an einer Grünanlage entlang leicht ansteigend nach Alt-Seckbach, wo es noch einzelne Fachwerkhäuser gibt und ich aus einem Bücherschrank das schmale Büchlein Meine wunderbaren Jahre von Reiner Kunze ziehe, das 1976 in kurzen Texten von Diktaturerfahrungen in der DDR berichtet. Sicherlich eine lohnenswerte Lektüre für die Schar der Ewiggestrigen, die gerade immer größer wird.

Es geht nun weiter hoch durch ein Wäldchen hinter dem der Huthpark – ein kurz vor dem 1. Weltkrieg angelegter Stadtpark – liegt.

Zwei lange Fußgängerbrücken führen über die Friedberger Landstraße und die A671 (Oberursel – Egelsbach 40 km). Von der zweiten Brücke habe ich eine gute Sicht auf die Bankenskyline zwischen EZB-Gebäude ganz links – leider nicht auf dem Foto – und Fernsehturm ganz rechts in Verlängerung der Brücke – leider auch nicht auf dem Foto – neben dem die Zentrale der Bundesbank liegt. Das private Finanzgeschäft wird eingerahmt von den beiden Zentralbanken, die für den Treibstoff des Systems, die nötige Geldversorgung sorgen.

Ich gehe nun auf dem Marbachweg in Richtung des Fernsehturms an einem Friedhof vorbei gen Dornbusch. An einer Bushaltestelle mache ich eine Trinkpause, die ersten 6 km sind geschafft. Mehrere Rettungswagen mit Blaulicht und durchdringendem Martinshorn rasen vorbei.

Ich passiere nun eine weitere Grünanlage, in der mir zwei junge Pärchen auffallen, die auf Bänken in der Sonne sitzen: sie jeweils auf seinem Schoß. Űber die Hügelstraße geht es am alten Friedhof vorbei nach Ginnheim. Von hier unter der Bahn und der Rosa-Luxemburg-Straße durch erreiche ich die Nidda, der ich eine Weile durch den Niddapark folge.
Da wo die Nidda nach Süden abbiegt, überquere ich sie nach Praunheim, wo Sitzbänke Fehlanzeige sind, es sind Steine in einem Kreisverkehr aufgeschichtet, es steht auch eine Tafel da, aber keine Bank weit und breit. Rastende Vagabunden wie ich sind offensichtlich unerwünscht. Ich komme an einer größeren Krankenhausanlage vorbei.
Nun geht es gen A5. Ich werfe einen Blick zurück zur Skyline, die ich nördlich des TV-Turms umrundet habe. In einem Sandhaufen stochern zwei Kanadagänse. Jetzt geht es unter der A5 durch. Drei Elstern flüchten vor mir ins Gebüsch.
Ein Blick nach Westen macht mir klar, dass der Berg links neben dem Großen Feldberg, den ich gestern morgen gesehen hatte, wie insgeheim gehofft doch tatsächlich der Altkönig war, der Kronberger – und damit fast unser – Hausberg.
Nun geht es einen bis zum Horizont schnurgeraden Wirtschaftsweg nach Süden, 200 m vor mir über eine längere Strecke eine junge Frau mit Kinderwagen. Plötzlich eine Bank! Ich trinke meine Säfte auf. Der Wind ist eisig kalt. Über Eschborn komme ich zum Westerbach, folge ihm am Komplex der Heinrich-Kleist-Schule vorbei, lausche dem Rauschen des Baches und bin kurz vor halb drei zuhause.


Dort lege ich mich erst einmal für eine halbe Stunde zur Siesta aufs Sofa bevor ich heißes Wasser in die Badewanne einlasse und mich die nächsten zwei Stunden der Lektüre des gestern in Enkheim gefundenen Spiegel widme.
P. S. Die Waage am nächsten Morgen nach elf Tagen Fasten zeigt 88 kg an, ein Gewichtsverlust von rund 9 kg. Davon ist allerdings einiges Flüssigkeit und den momentan nicht vorhandenen Darminhalt sollte man auch einrechnen. Aber es waren dann doch gut 600 g netto, die ich pro Tag bei der Fastenwanderung verloren habe. Ich bin zufrieden mit dem Ergebnis. Der erste Apfel kann geviertelt werden.
Hier ist der Überblick über meine Wanderung auf dem Jakobsweg von Vacha nach Niederhöchstadt im Februar 2025.
Tee auf Reiterhof
Zwischen Spessart und Taunus
Skyline vor Sonne
Ich schlafe diese Nacht phantastisch, genieße das Doppelbett mit der großen Decke. Morgens reibe ich mir den Sand aus den Augen, liege tiefenentspannt auf dem Rücken, mit körpereigenem Melatonin vollgepumpt. Erst um 6h20 mache ich das Licht an zum Schreiben, ein Rekord.
Da ich viel Zeit habe heute morgen – ich treffe meine Kusine im Nachbarort erst kurz vor elf – leiste ich mir eine Darmreinigung in Form eines Einlaufs. Danach fühle ich mich entspannter und bin de facto nochmal leichter.
Im Bad kommt mir eine einfache, aber gute Idee. Die Flaschen fülle ich ab sofort mit heißem Wasser. Was den Vorteil hat, dass es draußen in der Kälte nicht so schnell eisig wird, also gut trinkbar bleibt. Meine Güte, auf die einfachsten Dinge kommt man oft so spät.
Im Hotel kocht mir die Fachkraft zwei grüne Tee und ich versuche, die verschiedenen Obstsorten aus dem Multivitaminsaft rauszuschmecken. Ananas ist ganz weit vorne, Pfirsich auch klar, Passionsfrucht eher im Hintergrund etc.
Draußen ist es mit – 4 Grad knackig kalt und der Weg führt mich zwischen den Feldern entlang. Nach kurzer Zeit sehe ich das Ziel der Wanderung – zumindest von der Richtung her – den großen Feldberg mit dem Funkturm. Ich mag es, zu wissen, wo es hingeht und konkret zu sehen, wie weit es etwa ist bzw. scheint. Das Ziel vor Augen zu haben. Ein ganzes Stück links südwestlich vom Großen Feldberg ist ein anderer Berg, der fast genauso hoch erscheint. Er scheint mir optisch zu weit vom Großen weg zu sein, als dass es der Kleine sein könnte, der ja nicht einmal 1 km vom Großen weg ist, aber welcher Berg soll das sonst sein?

Auf einem flachen, schnurgeraden, neu asphaltierten Weg treffe ich einge Sonntagsmorgenspaziergänger, die alle nett grüßen.
Ich laufe nun in Oberissigheim bei meiner Kusine A. ein, die gerade noch Reitunterricht gibt. Selbst bei dieser Kälte sind Ferienkinder da. Es ist Springerwochenende, im Sinne von Reitspringen. Der Laden läuft. M., die gute Seele des Hauses, nimmt mich in Empfang und setzt mir einen grünen Tee auf. A. kommt wenig später und wir tauschen uns ein gutes Stündchen über meine Wanderung, den Hof und die Familie aus. Der Hof hat sich wirklich äußerlich seit den frühen Siebzigern, wo ich einmal als Ferienkind im Sommer für mehrere Wochen hier war, kaum verändert. C., Urgestein und früher die Reitlehrerin, stößt auch noch zu uns. Wir freuen uns alle schon auf das demnächst bevorstehende Familienfest.
Nach dieser willkommenen Abwechslung geht es weiter zwischen Äckern entlang, in der Ferne sehe ich erst das neue, etwas separat stehende, auffällige EZB-Hauptgebäude und danach die Bankenskyline rechts davon. Ich erreiche nun Bruchköbel, das wie viele Ort hier im Kern von Fachwerkhäusern dominiert wird. Die Jakobuskirche soll zwar eine offene Kirche sein, ist aber leider zu und das Schokolädchen gegenüber, wo der Schlüssel liegt, heute am Sonntag auch geschlossen.

Aus Bruchköbel raus geht es mal wieder unter der A66 durch, aber das ist eigentlich das einzige kurze Stück der heutigen Etappe, das nicht naturnah bzw. unwirtlich ist. Das war auf den zwei vorangehenden Etappen anders gewesen.
In dem nächsten Ort Mittelbuchen gibt es einen mittelalterlichen Rundturm und ein historisches Stadttor mit einem Fachwerkhäuschen obendrauf.

Weiter gehe ich auf einem Fuß-/Radweg nach Wachenbuchen, wo ich auf einer Bank meine Mittagspause mit Rote Bete Saft, der mir jetzt nach Pellkartoffeln zu schmecken scheint und KiBa, wie A. sagt, mache.
in Wachenbuchen ist der Kirchraum zwar zu, aber zumindest der Vorraum geöffnet, sodass man sich bei Regen unterstellen könnte. Ich mag die Zwischenstationen in den Kirchen, die mich als unsteten Wanderer zur Ruhe kommen lassen und meiner Seele gut tun. Es gibt auch oft etwas zu Entdecken.

Zwischen Äckern geht es nun hinauf zum Hühnerberg mit Sicht zum Spessart und dem Kraftwerk Großkrotzenburg. Oben ist eine rote Bank – die Leseecke – wo ich mich niederlasse. Ich bin nun auf der Hohen Straße, dem Handelsweg zwischen Leipzig und Frankfurt. Dies ist insbes. am Sonntag eine beliebte Radstrecke. Die Rennradler flitzen an mir im Minutenabstand vorbei.

Die Hohe Straße ist hier eine Art Kammweg, man kann gleichzeitig links den Spessart und rechts den Taunus erblicken. Es kommt nun die Sonne raus, das Wetter ist ähnlich gut wie am ersten Wandertag auf der Etappe von Vacha nach Geisa.
Ich erreiche die Hohe Lohe, wo recht sinnbefreit und mit Amtsdeutsch verbrämt zwei Stelenreihen aus Beton hingepflanzt worden sind.

Der Weg zieht sich nun ein wenig und ich komme in Bergen an, wo ich ein Stück auf einem höhergelegenen Pfad hinter Buschwerk, das die Sicht nach Frankfurt verschleiert, gehe. Hier mache ich einen winzigen Abstecher zum unspektakulären Stadtschreiberhaus, wo die Rollos runter sind. Der bzw. die aktuell hier residierende Literat(in) scheint gerade nicht da zu sein.


Auch in Bergen ist die ev. Kirche verrammelt, aber zumindest liegt sie schön in der Abendsonne hinter der Stadtmauer.

Von Bergen, das sich von Enkheim, dem zweiten Ortsteil von Bergen-Enkheim dadurch auszeichnet, dass es ein gutes Stück höher liegt, hat man eine schöne Aussicht – so heißt auch ein Lokal – auf die City.

Mein Hotel ist im Gewerbegebiet von Enkheim, zu dem ich auf schmalen Pfaden hinabsteige. Die vorletzte Etappe ist geschafft. Ich lasse mich auf die Couch in meinem komfortablen Einzelzimmer fallen.
Hier ist der Überblick über meine Wanderung auf dem Jakobsweg von Vacha nach Niederhöchstadt im Februar 2025.
Salziges Wasser
Zickzack um die Autobahn
Demo auf Marktplatz
Heute steht die mit knapp 30 km längste Etappe auf dem Programm. Was ich noch nicht weiß, es wird auch die bis jetzt Ödeste insbesondere in der 2. Hälfte, wo es lange Strecken an der A66 langgeht, um sie herummäandert, also auch noch länger ist als die Autobahn.
Ich komme morgens nur langsam in die Pötte, schreibe lange am Tagebuch, spüre aufgrund der Fettverbrennung in der Dusche eine gewisse Kurzatmigkeit. Es gibt vor der Zimmertür neben dem Kühlschrank mit freien Getränken, zu denen man einen Obolus leisten kann, einen Wasserkocher. Ich gieße mir zwei Pötte grünen Tee auf, der peu à peu meine Lebensgeister weckt.
Gegen 8h20 verabschiede ich mich von meiner Gastgeberin und trete hinaus. Jeden Tag verliere ich ca. 1 Pfund, entsprechend leichter fühle ich mich.

Ich mache mir Gedanken über die Zeit nach dem Fasten, es ist ja bekannt, dass jeder fasten kann, aber nur wenige fasten brechen können. Ich visiere nach dem Ausgleichstag langfristig ein 14:10 Intervallfasten an, d. h. 14 Stunden am Tag fasten und 10 Stunden, in denen ich essen darf. Dabei wird sich das Fasten vom späten Nachmittag bzw. Abend bis zum Vormittag hinziehen. Es werden wohl zwei leicht verschiedene Regimes, je nachdem, ob ich im Home Office oder in Berlin bin.
Aus dem Ort heraus gehend, komme ich schnell zur Kinzig, der ich flussabwärts folge. Ich komme auf den Radweg nach Bad Soden. Er geht schnurgeradeaus und ist asphaltiert, ist also nicht sehr schön zu gehen, aber ich komme flott vorwärts. Hier fängt es an, ein bisschen zu hageln. Rechts neben mir sehe ich seltsam verlaufende und versickernde Wasserläufe, es handelt sich um den Anfang der Kinzigtalsperre. Nach einer Weile sehe ich eine lustige Holzkapsel vor mir, in die man hineinsteigen kann. Drinnen gibt es ein Fernglas, mit dem man die verschiedenen Entenarten beobachten kann. Leider ist diese Station fehlkonstruiert. Die Bank ist zu weit vom Fernglas entfernt, so dass man nicht gleichzeitig sitzen und gucken kann. Ich muss mich fast hinhocken, um das schwere Fernglas in eine Position zu bekommen, so dass ich die Enten sehe. Da wurden mal wieder öffentliche Gelder nicht optimal eingesetzt.


Auf dem Radweg tippele ich über eine Stunde lang und treffe zwei Spaziergänger bevor ich die Kinzig überschreite und die Kinzigbahnstrecke sowie die A66 das 1. Mal unterquere. Ich bin jetzt in Bad Soden und komme direkt am Pavillon der Pacificus-Quelle raus. Diese Quelle ist mit über 8 g H2CO3 auf den Liter angeblich die kohlensäurehaltigste Quelle Deutschlands. Was mich allerdings noch mehr verblüfft, das Wasser enthält 44 g Salz auf den Liter, also 4,4%. Zum Vergleich in der Nordsee beträgt der Salzgehalt 3,5%. Mit anderen Worten dieses „Heilwasser“ ist in seiner Ursprungsform untrinkbar. Aber zum Baden sicher wunderbar.

Von hier geht es den Heilquellenweg den Stolzenberg hoch über einen Kreuzweg – ein ehemaliger Friedhof – zur geschlossenen Laurentiuskirche. Unten gehe ich in eine Bäckerei mit angeschlossenem Cafe und trinke einen grünen Tee sowie eine Cola ohne Zucker. Beim Lesen der Nachrichten verschlägt es mir die Sprache. Die USA agieren wie Cowboys im Wilden Westen und lassen Europa fallen wie eine heiße Kartoffel, das Regime macht Ernst und versucht nebenbei noch die eigene schwer angeschlagene Demokratie zu exportieren. Als hohle Worte von Wichtigtuern kann man das jetzt kaum noch abtun. Ich denke jetzt hilft nur eins und zwar ein einiges, starkes, kühl und besonnen agierendes Europa, das ich aber leider momentan nicht sehe. Ungewisse Zeiten stehen uns bevor.
Now for something else. Ich gehe an der Salz (!) entlang raus aus Bad Soden, verpasse in Gedanken einen Abzweig nach Salmünster und gehe dann einen Forstweg hoch zu einem sich drehenden (!) Windrad hin. Nun geht es hinunter und was sehe ich links von mir? Ein Schaf, das für mich auf den 1. Blick aussieht wie ein Rhönschaf. Auf den 2. dann doch nicht, es hat schwarze Beine.

Ich erreiche nun Wächtersbach, dass ich einmal komplett durchquere. In der 2. Hälfte liegt die Altstadt mit Schloss und Fachwerkhäusern. Die evangelische Kirche ist zu.


Hinaus geht es über Ausfallstraßen und ein Gewerbegebiet, das Muster wiederholt sich. Ich bin trotzdem bester Dinge, quietschfidel, die Füße fliegen nur so dahin. Ich laufe nun rechts der Autobahn, deren Rauschen mich nicht stört, ich höre ein hochinteressantes Interview mit der Schriftstellerin Rachel Cusk und ihrem Mann. Rechts von mir ist eine überschwemmte Wiese, auf der ich plötzlich zwei dahinstaksende Störche entdecke. Dem Vorderen bin ich schon zu nah und er entschwebt bald nach weiter hinten.

Ein lohnenswerter Abstecher von der A66-Parallelstrecke ist Wichtheim. Die von Katholiken und Protestanten gemeinsam genutzte Simultankirche ist auf und ich erfreue mich an den lichtdurchlässigen Kirchenfenstern mit roten Einsprengseln. Außerdem hat Wichtheim noch ein Schlösschen zu bieten, das ähnlich aussieht wie das in Wächtersbach, nur viel kleiner ist.

Nachdem es noch ein Stück eingezwängt zwischen Kinzigbahn und Autobahn weitergeht, komme ich nach Haitz und dann zu meinem Etappenziel dem schmucken Fachwerkort Gelnhausen. Am Markt wird mit Musik für Demokratie und Klimaschutz demonstriert, viele sind bei den frostigen Temperaturen allerdings nicht gekommen.

Mein Hotel, in dem es sehr nach griechischer Küche duftet, liegt direkt neben dem Geburtshaus von Philipp Reis, dem zentralen Wegbereiter des Telefons, ohne den ich diesen Eintrag nicht hätte ins Handy tippen können. Danke nachträglich.

Hier ist der Überblick über meine Wanderung auf dem Jakobsweg von Vacha nach Niederhöchstadt im Februar 2025.
Dicke Schneeflocken
Rehe springen wie Flummis
Märchenkinderzeit
Die Nacht ist wie meistens nur mittelprächtig, ich wache früh gegen 4 auf, liege ein Stündchen wach und schreibe dann mein Tagebuch ins Smartphone. Beim „Frühstück“ zwinge ich mich, ein Liter Wasser vorweg zu trinken. Trotzdem habe ich später auf der Strecke bald eine trockene Kehle und lasse kaum Wasser. Erst nach der Ankunft, nachdem ich mich ins Bett gelegt habe, muss ich dann ca. alle 20 Minuten. Während der Wanderung wird das Wasser anscheinend im System zur Spülung gebraucht, danach kann es ausgeschieden werden. Ich schwitze so gut wie nicht.
Draußen erwarten mich die ersten Schneeflocken, die Temperaturen um null Grad, der Weg glatt. Es geht über einen Höhenzug, um Windräder herum, die stehen. Ich genieße die Morgenstimmung, bin erstmals schon um 8 los, fühle mich leicht. Die erste Stunde am Morgen ist immer die Beste, ich gehe wie in Trance, durch den Kopf läuft das Gedankenkarussell. Ich freue mich darüber, dass erstmal kaum Orte am Weg sind, ich ganz allein in der Natur sein darf. Ich komme durch ein verschlafenes Dorf, wo ich einige Gedanken notiere.

Heute mittag ist Wanderhalbzeit, ich bin freudig überrascht, dass noch so viel vor mir liegt. Eine kleine Unachtsamkeit und ich bin vom Weg ab, auf den ich aber schnell wieder zurückkomme dank Wanderapp E-Walk. Ich stoße auf einen Rhön-Rundweg, hier scheint also doch noch ein Ausläufer der Rhön zu sein.
Ich höre in der Ferne das Rauschen der Autobahn, hoch über mir ein Flugzeug, Vogelgezwitscher. Als ich so den Berg hinaufstiefele, sehe ich vor mir auf der Wiese zwei Rehe, die mich erst nicht wahrnehmen. Plötzlich springt das eine in hohem Bogen bestimmt zwei Meter nach oben und dann auch nach vorne. Das andere tut es ihm gleich und folgt ihm. Welche Eleganz der Bewegung! Ich bin sprachlos.
Die Schneeflocken werden nun dicker und dichter und verfangen sich in meinem Schal, auf der Mütze tauen sie sofort. Ich habe den leicht zynischen Gedanken, dass ich gerade genau das Richtige tue, indem ich versuche, die letzten Winter zu genießen, bevor der Klimawandel so richtig zuschlägt.
Der Gedankenstarkregen setzt sich fort, die Ideen sprudeln nur so aus meinem Kopf. Was das Fasten angeht, so ist der menschliche Körper dafür gebaut. Als Jäger und Sammler haben wir ja auch über längere Zeiträume nichts gegessen, wurden von der Evolution dahin entwickelt, Energiereserven in uns anzulegen für die schlechten Zeiten. Mit anderen Worten, was ich da gerade mache, ist völlig normal und natürlich. Das permanente Essen ist nicht normal und die Ursache für viele Krankheiten. A propos, Buchinger, der das Heilfasten mit Säften und Brühen wiederentdeckt hat, hatte eine Entzündung des Knies, die er damit geheilt hat. Mein immer beim Aufstehen schmerzendes Knie tut nicht mehr ganz so weh, scheint mir.
Der Nebel oben am Waldrand wird immer dichter, löst sich unten dann wieder etwas auf. Ich unterquere die Bahnstrecke, wo zwei Güterzüge in kurzem Abstand passieren. Die Stimmung ist seltsam, kein Mensch weit und breit.

Ich erreiche Schlüchtern, das an der deutschen Märchenstraße von Bremen nach Hanau liegt, über das Gewerbegebiet. Ein Lkw-Fahrer, der seinen Sattelschlepper am Straßenrand abgestellt hat, scheint mich zu mustern. Ein auffälliges Gebäude im Ort stellt sich als ehemalige Synagoge heraus, die später als Kulturzentrum genutzt wurde und nun als Stadtarchiv dienen soll.

Im Ort trinke ich in einer Cafe/Bar einen marokkanischen Minztee und eine Cola zero. Ich komme mit dem Barmann ins Gespräch, da ich ihn nach der Sprache frage, die er mit zwei älteren Gästen spricht. Es ist albanisch, er ist aus dem Kosovo, die beiden anderen direkt aus Albanien. Er erzählt mir von der Vetternwirtschaft und Korruption dort. Angeblich sind die fünf besten Ärzte Albaniens alle im Krankenhaus in Schlüchtern, weil sie in Albanien nicht die richtige Connection hatten.
Ich gehe durch ein Wohngebiet, wo mir verführerischer Brathähnchengeruch in die Nase steigt. Ich kann den Geruch genießen, ohne das Hähnchen zu essen, ich würde sogar sagen nur durch die Nase genieße ich es wie die Blume beim Wein sogar intensiver. Wobei ich mich auch noch an der Aussicht erfreue, demnächst in Wilmersdorf bei Witwe Bolte mal wieder ein Knusperhähnchen zu essen. Gleichzeitig denke ich, dass das Fasten wie ein Reboot des Körpers ist.
Auf einem Schotterweg, der bald geteert werden wird – mir kommt auch schon ein Raupenfahrzeug entgegen – gehe ich an der Kinzig entlang und überquere sie bei Niederzell. Das Wasser steht ziemlich hoch für die erste Februarhälfte. Wenn die Schneeschmelze einsetzt, wird es sicher Hochwasser geben.

Bei der Pause auf einer Bank hinter Niederzell nehme ich wegen der Kälte nur kleine Schlücke Wasser. Ich stelle fest, dass mein Körper nicht viel Bock auf Salziges, also Gemüsesäfte oder Brühen hat, aber viel Lust auf süße Säfte und (zuckerfreie) Bonbons.
Ich komme nun an meinem Zielort, dem gut erhaltenen Steinau an der Straße (!) an, wo die Leute mich nett grüßen. Das großzügige Schloss aus der Frührenaissance ist sehr gut erhalten und stellt eine Kombination aus Wehranlage mit Bergfried und repräsentativem Schlossbau dar.

Ich gehe in die Ausstellung Arzt+Tod in der Katharinenkirche. Es wird ein großer Bogen gespannt vom 16. Jahrhundert und davor bis heute. Wie der Arzt dem Tod immer mehr auf die Schliche kommt im Laufe der Zeit – z. B. Röntgen – am Ende aber schlussendlich keine Chance hat. Im von mir ausgewählten Bild von 1968 schiebt der Tod sein Opfer auf der Bahre am nur zuguckenden Ärzteteam am Rande im Affentempo vorbei: „Der ist meiner!“

Während die Wärterin des Brüder-Grimm- Museums noch etwas erledigen muss, bewundere ich schon einmal den Originalstraßenbelag der Via Regia. Das stelle ich mir dann doch als eine holprige Angelegenheit vor für die Herrschaften in der Kutsche im 18./19. Jahrhundert.

Im Museum verbringe ich einige Zeit. Hier verlebten die sechs Geschwister Grimm eine schöne Kindheit, ihr Vater war Amtmann, was einem heutigen Landrat etwa entsprach. Jacob und Wilhelm, die Ältesten waren in Hanau geboren. Nach dem relativ frühen Tod des Vaters ging es erst einmal ins Armenhaus, das Huttensche Hospital in der Nachbarschaft und später nach Kassel.
Die Räume im Erdgeschoss inkl. Küche widmen sich der Familiengeschichte, im 1. Stock kann man in die Märchenwelt eintauchen und die Märchen aufgrund von dargestellten Szenen erraten. Rotkäppchen hat einen eigenen Saal. In der alten französischen Fassung Le chaperon rouge von Perrault war Rotkäppchen am Ende noch vom Wolf verschlungen worden. Die Brüder Grimm, hier war wohl Wilhelm die treibende Kraft, haben dann ein Happy End ersonnen. Wie man überhaupt sagen muss, dass die Urversionen der Märchen oft sehr grausam waren, in einem Märchen wird sogar ein Kind geschlachtet. Die Brüder Grimm haben die oft sehr kruden und kurzen Märchen etwas aufgehübscht und besser lesbar gemacht. Man kann Stunden in der Ausstellung verbringen.

Ich schlafe heute im Burgmannenhaus, einem alten Fachwerkhaus von 1589 mit niedrigen Türen.

Als Schlaftrunk gönne ich mir in meiner urigen Kemenate noch ein Pils.

Hier ist der Überblick über meine Wanderung auf dem Jakobsweg von Vacha nach Niederhöchstadt im Februar 2025.
Auf Vézelay-Weg
Vier parallele Strecken
Am Schabbat tabu
Frühmorgens nach vier Uhr habe ich einen sehr lebhaften Traum, in dem ich erstmals etwas rieche und zwar das Parfüm einer Frau aus meiner Vergangenheit.
Das Wetter ist heute trüb. Nachdem ich die Postkarte eingesteckt und einen Fehlkauf getätigt habe – das einzige Fußblasenpflaster, das ich finde, stellt sich als Herpesbläschenpatch raus – geht es los.
Ich bleibe dabei, die metallische Kronenhaube, die die Fuldaer dem Schlossturm letztes Jahr aufgesetzt haben, steht ihm ganz gut.

Auf der linken Seite des Doms sieht man Bonifatius mit dem erdolchten Buch, das er angeblich vor sich gehalten haben soll, als er von Räubern in den Niederlanden 754 ermordet wurde.

Im Dom fällt mir eine Petrusfigur mit erhobenem Zeige- und Mittelfinger auf, diese Handgeste hatte ich so ähnlich gerade erst in Point Alpha gesehen, so ganz habe ich sie noch nicht dechiffriert. Soll es „Hab acht“ bedeuten? Im Dom ist noch ein anderer Besucher, das nimmt etwas von dem überwätigenden Eindruck des barocken Baus.

Außen oben an der Domfassade in einer unzugänglichen Ecke hat sich der Baumeister Dientzenhofer verewigt, sehr zur Missbilligung seines Auftraggebers, des Fürstabts.

Nachdem ich den Ort durchschritten habe, erreiche ich die hochstehende Fulda. Es wird unmittelbar klar, warum die Stadt rund 1 km entfernt vom Fluss liegt. Ich überquere ihn auf einer Holzbrücke.

Es geht weiter durch einen Park, an einem Teich entlang. Der Weg ist allerdings gepflastert und nicht angenehm zu gehen für meine Füße. Heute ist fast die gesamte Strecke asphaltiert, ich entkomme der Zivilisation nicht. Auf Ausfallstraßen verlasse ich Fulda.
Vor Johannesberg – die Kirche wird heute zur Fortbildung in Denkmalpflege und Altbauerneuerung genutzt – steht eine Tafel mit einer Karte der beiden Jakobswege, die sich hier trennen. Der Installateur hatte aber offensichtlich eine Links-Rechts-Schwäche. Der Vézelay-Weg in rot, den ich nehme, geht nämlich nach rechts und der Le Puy-Weg (grün), den ich mit C. von Le Puy bis nach Santiago gewandert bin, geht ab nach links. Glück gehabt, dass ich mich nicht auf die Pfeile der Karte verlassen habe.


Bald hinter Johannesberg liegt rechter Hand eine in drei Jahren Arbeit von Freiwilligen erbaute Lourdesgrotte, wo ich ein Teelichtlein anzünde und kurz auf einer der vielen Bänke verschnaufe.

Ich erreiche nun einen Wald, wo sich der befestigte Forstweg schnurgerade hinzieht und ich in einen Flow komme. Ich hätte nichts dagegen, wenn das jetzt bis zum Ziel so weiterginge.
Am Ende des Waldes steht ein abgezäuntes Häuschen mit rauchendem Schornstein. Es ist niemand zu sehen. Was geht hier vor?
Oben auf der Kuppe mache ich mein Mittagspäuschen mit Gemüsesaft und Bananennektar, durch den leichten Niesel lasse ich mich nicht stören. Die Wiesen ligen im Dunst. Auf dem Acker rechts dampft ein Misthaufen, es joggt eine junge Frau mit einem Schäferhund vorbei, den sie an ihrem Gürtel angeleint hat.
Es geht nun weiter auf der mit Birken bestandenen Straße nach Neuhof, das ich auf der alten Heerstraße betrete. Natürlich wurde die Via Regia auch vom Militär genutzt, u. a. von Napoleon.
Aus der Rhön bin ich nun raus und bewege mich durch wellige Landschaft zwischen Spessart im Süden und Vogelsberg im Norden.
Diese Gegend, die früher Zonenrandgebiet war, liegt nun in der Mitte von Deutschland, entsprechend spielt der Verkehr eine immer größere Rolle. Ich gehe ein Stück, an dem vier Verkehrswege parallel verlaufen. Ganz links die A66 (Wiesbaden-Fulda) , die ich aufgrund des aufgeschütteten, bepflanzten Lärmschutzwalls kaum höre. Dann die vielbefahrene Bahnlinie Fulda – Frankfurt. Außerdem direkt links neben mir eine regionale Straße. Schlussendlich der Radweg, den ich nutze.
Nach einer Weile biege ich ab nach rechts in Richtung der Äcker und verlasse die Hauptverkehrstrasse. Schon von weitem sehe ich links von mir in ca. 100 m Entfernung einen gelben Davidsstern zwischen den Bäumen. Es handelt sich um den umzäunten, abgeschlossenen Jüdischen Friedhof Flieden, wo auch die Juden aus Neuhof beigesetzt werden. An Feiertagen wie dem Schabbat darf er nicht betreten werden. Der Schlüssel liegt bei der Gemeindeverwaltung. Es fällt mir auf, dass jüdische Friedhöfe in Deutschland häufig weit abseits der Städte angelegt sind, in Kronberg im Taunus liegt der jüdische Friedhof auch verborgen im Wald bei Falkenstein.


Auf Feldwegen geht es anschließend rauf und runter nach Flieden. Am Ende gehe ich unter der Bahn und der A66 durch in den Stadtteil Rückers.
Im Gasthof trinke ich ein alkohfreies Weißbier und quatsche mit dem Wirt, der erstaunlich gut durch die Coronazeit gekommen ist, u. a. weil er für verschiedene Institutionen gekocht hat. Ich begebe mich auf mein anfangs arschkaltes Zimmer. Die Blase hat sich deutlich zurückgebildet. Das Blasenpflaster klebt zwar etwas an der Socke, hat aber einigermaßen gehalten. Allerdings hat sich eine neue, noch kleine blutunterlaufene Blase am kleinen Zeh links gebildet. Ich habe das Pflasterhütchen, das abgegangen ist, jetzt mal durchstochen, so dass das Röhrchen jetzt etwas besser sitzt. To be watched.
Hier ist der Überblick über meine Wanderung auf dem Jakobsweg von Vacha nach Niederhöchstadt im Februar 2025.
Sieben Minuten
abtauchen in fluffige
Cumuluswolken
[Boards of Canada – Everything You Do Is a Balloon, von High Scores EP, 1996]
Beine überkreuz
Oben in Sauna liegend
Ein Fuß im Feuer
In Tasten hauend
Drei Touristen, ein Führer
Fürstensaalkonzert
Heute mache ich eine Wanderpause im Home Office im Hotel. Ich schaffe das Pensum, was ich mir vorgenommen habe, verarbeite die Daten, schicke den Bericht raus.
Die Blase ist derweil noch größer geworden, das Blasenpflaster ist verschwunden, hat wohl die 85 Grad in der Sauna nicht so gut vertragen, ich mache ein Neues drauf.
Mittags gehe ich einkaufen, Kombucha, Brühwürfel, Gemüsesaft, Bananennektar. Letzteren kaue und schlürfe ich anschließend genussvoll. Später in der Konzertpause am Abend gibt es noch leckere Ingwer-Orange Bionade und kurz vorm Zubettgehen leere ich die 0,33 l Pilsflasche aus der Minibar, ein Geschenk des Hauses. Ich verspüre seltsamerweise keine Wirkung, aber schlafe gut ein gegen halb 12. Die Esssachen wie die Gummibärchentütchen, die Minibrezeln und den Schokoriegel gebe ich einem Bettler, der sich darüber sehr freut.
Von 15h bis 16h30 nehme ich an einer Stadtführung mit einem Paar aus dem süddeutschen Raum teil. Der Führer ist aus Fulda und hat viel zu erzählen. Wir beginnen an dem zum Teil schon abgegriffenen Stadtmodell aus Bronze vor der Stadtinformation auf dem Bonifatiusplatz. Der christliche Missionar Bonifatius, der eigentlich Wynfreth hieß, kam in der 1. Hälfte des 8. Jahrhundert aus Südengland und war der Auftraggeber des Fuldaer Doms, einer Basilika mit angeschlossenem Kloster, deren Errichtumg er nicht mehr erlebte. Heute steht an derselben Stelle eine 1712 fertiggestellte Barockkirche, in der er begraben ist.
In Fulda kamen weltliche und kirchliche Macht in Form der von Friedrich II. 1202 erhobenen Fürstabtei zusammen.
Es geht weiter zum Schloss, dem letztes Jahr eine metallene Krone für 600.000 Euro aufgesetzt wurde, was dem Führer nicht gefallen hat. Ich, der das Schloss nie anders gesehen hat, fand es überraschend progressiv und eher positiv. Das Schloss wurde in etwa gleichzeitig zum Dom ebenfalls von Dientzenhofer bis 1714 gebaut. Ein Detail, das mir vorher nicht klar war, die Prellsteine an den Ausfahrten waren dazu da, dass die Kutschen, wenn sie raumgreifend um die Ecke fuhren, nicht die Fassade beschädigten.

Wir gehen hinüber durch den Schlossgarten zur Orangerie, die man im 18. Jahrhundert, als der französische Hof den Ton angab, natürlich unbedingt brauchte. Die Temperaturen waren nördlich der Alpen für Zitrusfrüchte viel zu niedrig, daher wurden sie in den Vorläufern der Gewächshäuser gehalten, der Ertrag war eher dürftig. Heute bei der Kälte ist hier niemand, aber im Hochsommer kühlt sich angeblich halb Fulda neben der dann zehn Meter hohen Springbrunnenfontäne ab.

Die Stadtführung geht nun weiter zum Dom, wo sich Dientzenhofer weit oben mit seinem Konterfei verewigt hat, der Führer spricht fast nur von der alten Basilika, deren Türme übrigens angeblich aus Aberglauben nicht abgerissen wurden und sich in den Türmen der Barockkirche befinden.
Wir gehen weiter an einem schönen Fachwerkhaus vorbei, wo Ferdinand Braun geboren wurde, der Erfinder der Braunschen Röhre, ohne die wir heute nicht fernsehen würden. Anschließend passieren wir das Geburtshaus des Vaters unseres Führers. Er stellt sich eine Zeitmaschine vor, wie sein Vater vor dem Krieg hier rumgetollt ist.
An dem Bäckerhaus steht eine Jahreszahl 15×8. Statt dem x steht dort ein Zeichen, das wie ein auf dem Kopf stehender Fisch aussieht. Es ist eine halbe Acht, also eine Vier, die wohl als unglücksbringend galt. Wir gehen bis zur Stadtpfarrkirche, wo die unterhaltsame und interessante Führung endet.
Abends gehe ich ins Konzert im Fürstensaal des Schlosses. Es spielt die Freitagsakademie Bern auf Epocheninstrumenten Auszüge aus der Entführung des Serail und nach der Pause die sich etwas hinziehende Serenade Nr. 10 B-Dur, ebenfalls von Mozart. Es werden Oboe, Klarinette, Horn und Fagott vorgestellt, die schwieriger zu spielen sind, da sie meist keine Ventile oder Klappen haben. Die Horntöne werden nur mit dem Mund und der Hand, die man in den Schallbecher stopft, erzeugt. Die Leiterin erklärt jede Opernszene vorher, da der Gesangsteil ja fehlt. Die Musik ist eine schöne Abwechslung von der Wanderei, ist aber nicht so wirklich meine. Wiedererkennen tue ich natürlich die Arie des Osmin, Ha, wie will ich triumphieren. Den Altersdurchschnitt im fast vollbesetzten Saal senke ich, bin allerdings mit meinen Multifunktionsklamotten völlig underdressed. Aufgrund der vereinzelten standing ovations wird noch eine Zugabe gespielt, das Happy End der dann doch geglückten Entführung.

Hier ist der Überblick über meine Wanderung auf dem Jakobsweg von Vacha nach Niederhöchstadt im Februar 2025.
Auf leichten Füßen
durch zerschnittene Landschaft
an Haune entlang
So langsam wird das Wandern zur Routine, ich mache kaum noch Bilder, es geht scheinbar schnell voran, die Füße fliegen zumindest am Vormittag. Von der immer größer werdenden Blase merke ich nichts.
Aber zuerst müssen heute morgen um zehn Uhr drei mal zwei Berlinaletickets für den Publikumssonntag, den 23.2., ergattert werden. Und zwar für Köln 75, Monk in Pieces und La cache. Ich klicke schnell genug, es klappt.
Um 10h15 schließe ich die Gasthoftür zweimal zu, werfe den Schlüsselbund in den Briefkasten und werde von der Tageshelle sofort geflasht, ich fühle mich leicht wie ein Vogel, was aber leider nicht bis zum Ende des Wandertages anhält.
Aus dem Ort raus überquere ich auf einer Steinbrücke die Haune, die mich einen großen Teil des Tages begleiten wird. Ein Bildstock stimmt mich ein auf meinen Zielort, das erzkatholische Fulda. Die Weintrauben unten auf der Säule lassen vermuten, dass man den schönen, überflüssigen Dingen des Lebens aber auch nicht abgeneigt ist.

Es geht nun ein gutes Stück an der vielbefahrenen, mit Lärmschutzwänden versehenen B27, entlang. Ich komme in Rückers an, wo ich vor der offenen, schlichten Dorfkirche für „300 Seelen“ ein Päuschen auf einer Bank einlege. Auch hier ist der Fasching kurz davor, seinen Höhepunkt zu erreichen.

Im Ort überquere ich die B27 und unterquere eine weitere Verkehrsverbindung, die Bahntrasse Bebra – Fulda. Es herrscht reger Betrieb. Neben den ICEs, die gebremst unterwegs sind, fahren hier auch jede Menge Güterzüge. Nun geht es leicht bergan in einen Fichtenwald, den ersten auf der Wanderung. Der dunkle Wald hat etwas Beruhigendes, ich treffe niemand. Unter mir liegt ein See, der mir erst wie ein Bumerang geformt erscheint, aber sich dann doch länger erstreckt, es ist die Haunetalsperre, an der ich auf einer Bank mein Mittagsmahl bestehend aus Gemüse-, Kirschsaft und Wasser einnehme. Der See ist in der Mitte zugefroren, am Rand jedoch nicht, er taut gerade auf bei 3 Grad Außentemperatur. Es kommen zwei „Mütterchen“ vorbei, die eine slawische Sprache sprechen. Mir scheint, dass die in Deutschland lebenden Russen und Ukrainer die aktuelle Kälte genießen, weil sie sie an die Winter in ihrer Heimat erinnert. Es fällt jedenfalls auf, dass ich vielen slawisch sprechenden Spaziergängern begegne.
Im nächsten Ort, Steinau, treffe ich auf die ersten Schafe, es sind aber noch keine Rhönschafe, die ja einen schwarzen Kopf haben.

Am Wegesrand fasziniert mich ein im Wind wogendes Schilffeld, das wie ein Fremdkörper allein in der Landschaft dasteht.

Die nächste Rast mache ich kurz vor der Unterquerung der A7 (mit knapp 1000 km die längste Autobahn Deutschlands, geht von der dänischen Grenze bis Füssen). Es ist heute schon auffällig, wie die Landschaft von Verkehrswegen zerschnitten ist, ich befinde mich ja selbst auf einem, der Handelsstraße Via Regia. Mein Camino verläuft heute übrigens wieder viel über asphaltierte Wirtschaftswege, damit bin ich der Natur schon ein stückweit enthoben.
Die angebliche 16 km Etappenstrecke – ich glaube es sind mehr – ziehen sich nun. Ich komme nach Petersberg, gut 2 km vor meinem Zielort. Hier geht es plötzlich links einen Kreuzweg mit dunklen Steinplatten, die die Stationen darstellen, steil den Berg rauf. Eine jüngere, durchtrainierte Sächsin überholt mich. Die Kirche St. Peter, die eine Landmarke darstellt, ist montags leider geschlossen. Die Benediktinerkirche ist von ca. 836, die heilige Lioba ist hier bestattet.
Die Sicht zur Hochrhön, die Wasserkuppe liegt 18 km Luftlinie südöstlich, ist heute getrübt. Man kann die einzelnen Bergkuppen höchstens erahnen.

Ich entdecke hier den 780 geborenen Gelehrten Rabanus Maurus, der am Hof Karls des Großen ausgebildet wurde, dem Kloster Fulda vorstand und später Erzbischof von Mainz war. Er hat viele Texte verfasst, u. a. Kreuzgedichte.


Auf dem Pfaffenpfad geht es nun hinab nach Fulda, wo ich unweit des Schlossgartens mein Quartier – in der Rabanusstraße! – für die nächsten 2 Nächte finde. Ich werde hier einen Ruhetag in Form von Home Office einlegen. Nach zwei Saunagängen im Stadtbad bin ich rechtschaffen erschöpft und schlummere bald ein.
Hier ist der Überblick über meine Wanderung auf dem Jakobsweg von Vacha nach Niederhöchstadt im Februar 2025.