Latifundien
Zum Kaffee und Kuchen bei
einem Bücherwurm
Latifundien
Zum Kaffee und Kuchen bei
einem Bücherwurm
Immer wieder schön,
zufällig Nick Drake-Musik
hören zu dürfen
[Nick Drake – Brittle Days III/Work in progress No. 4 (piano)]
Im Mondlicht am Meer
Wellen treffen auf den Strand
Laufen langsam aus
[Robert Schumann – Kinderszenen No. 12, Kind im Einschlummern (Horowitz)]
Niesel auf der Haut
Abgestandenes Wasser
Raubvogelschreie
Um zehn unterm Dach
Auf Julivollmond warten
Und es ist bewölkt

Hundert Sekunden
Das Ende einer Liebe
Wenn die Zeit stillsteht
[Neil Young – Mexico von Homegrown 2020, eigentlich 1975]
Der Julivollmond
Heute noch unvollkommen,
der Vollmundige

Zerschellt am Ufer
der unwirtlichen Insel,
Sirene aus Wales
[Gwenno – Utopia]
Im abgebrannten
Festsaal Kreuzberg sah ich ihn
mal live. A class act!
[Jonathan Richman – Night Fever (Bee Gees)]
Am Wegrand leuchten
unbenutzte Kackbeutel
im Regen orange
Es regnet sich ein
Hinter uns nasse Hündin,
das Örtchen suchend
Die Urlaubsberichte sind also so etwas wie eingekochte Konserven für schlechte Zeiten.
[Das Wieseltier hat Flandern und die Normandie unsicher gemacht]
Fünfzig mal atmen
Alle vier von sich gestreckt
Der Körper wird schwer
Da tickt eine Uhr
Da ist jemand tieftraurig
Da zieht es mich hin
[Ludovico Einaudi – Punta Bianca]
In dem Spiegelbild
der eigenen Seele tun
sich Abgründe auf
[Bruce Springsteen – Blind Spot]
Sofort mittendrin
Schatten der Vergangenheit
Die Rollen vertauscht
[Tara Meister – Wakaschu oder, Bachmannwettlesen 2025]
Ein Strom aus Tönen
fließt langsam durchs Trommelfell
bis er versickert
[Louis Sclavis – Extases von Characters on a Wall, 2019]
Baby auf Schultern
Strahlende junge Mutter
Knipsender Vater
[Brandenburger Tor]
Ihre Stimme kühl
Kristallklar wie ein Bergsee
Texte rein wie Schnee
[Dota Kehr – Das wogende Meer]
Fünfzehn Minuten
Morgenprogramm begonnen
Muskeln wachsen spürn
Erster Durchlauf: nix
Beim zweiten Mal aufgehorcht
Nun bin ich gespannt
Einmal durch Deutschland
Zu viert bei offnen Fenstern
Fünfunddreißig Grad
[22.6.]
Anrührender nie
Die ältesten Instrumente
Menschliche Stimmen
[Johann Sebastian Bach – Kunst der Fuge, Contrapunctus 1 (Netherlands Bach Society)]
Mit Kopf durch die Wand
Eine Stunde von New York
Wölfin zeigt den Bauch
[Hélène Grimaud – Wolfssonate]
Schwirrende Schwärme
Hufeisen-Azurjungfern
Rosa Teichrosen
Gurrende Taube
Trällernde Mönchsgrasmücke
Zilpzalp, einsilbig
Den Rhein hinauf schnauft
ein Erz- und Kohlenfrachtschiff
in Ufernähe
Sie bedankt sich, dass
ich es mit Fassung nehme
Lichte Momente
angekommen sein
nicht mehr weitergehen wollen
und auch nicht müssen
[Sandro Perri – Floriana von Soft Landing, 2019]
Drei, sechs, neun oder
zwölf Monate wandern, das
ist hier die Frage
Nachtgeruch draußen
bei hoher Luftfeuchtigkeit
nach Chlor(ophyll), Moos
Nach vier Minuten
fängt Musik an, zu flirren
Bitte halt an, Zeit!
Genesis – The Battle of Epping Forest von Selling England by the Pound, 1973]
Katze sieht Kimba,
rast in Sprüngen übers Feld
Hase verfolgt sie
Wege voller Heu
Sonnenlicht zeichnet Welt weich
Sommerabend, lau
Ein wildes Geschrei
weckt mich morgens vor 5 auf
Vogel-Crescendo
Vorsicht Rehkitze!
Erst Alarm, dann Durchsage:
Es wird bald gemäht
Auf die Knie gehen
Haarsträhnen herumwirbeln
Kellerdisco dampft
[Golden Earring – Radar Love, 1973]
Kühler Morgenwind
In den Wiesen ein Summen
Das Gras taubenetzt
Tanzfeld beackern
Innehalten. Nachdenken.
Tempo rausnehmen
[Nathan Salsburg – Ruby’s Freilach / Low Spirits von Third, 2018]
Vielleicht das erste
Lied, welches mich vollkommen
umgehauen hat
[Supertramp – School von Crime of the Century, 1974]
Eine Rundreise
ums Mittelmeer aus über
zwanzig Blickwinkeln
[Das weiße Meer. Erkundungen des Mittelmeers (Anthologie)]
Limpertsberg, Sommer
Chillen in meiner Küche
Im Bauch der Mutter
[Weezer – My Name Is Jonas, 1994]
Jemand verlässt uns,
der niemals wirklich da war
und doch fehlen wird
[The Beach Boys – Til I Die (A Cappella) von The Sunflower & Surf’s Up Sessions 1969-1971]
Krähe fliegt heran,
erreicht Balkongeländer,
pickt Walnussstückchen
Ein langer Anstieg
einfacher als drei Kurze
mit Verschnaufpausen
[Ergometerweisheit]

In Cold Blood ist Truman Capote’s Hauptwerk, es ist eine Fleißarbeit der Recherche, basierend auf vielen Interviews mit den Betroffenen, die zum großen Teil mit ihren realen Namen genannt werden. An einem Sonntagmorgen, dem 15. November 1959 werden in Holcomb, einem Kaff in West-Kansas vier Mitglieder einer angesehenen Familie in ihrem Farmhaus tot aufgefunden. Geld bzw. Wertgegenstände fehlen so gut wie keine. Was ist da passiert? Gleich von Anfang an weiß der Leser, wer es gewesen ist, zwei vor kurzem entlassene Sträflinge, Dick und Perry. Ihre durch ungedeckte Schecks finanzierten Road Trips werden in kurzen Passagen wie in einem Film gegen geschnitten zu der Entdeckung des Massakers und der Geschichte der Familie und ihrer Bekannten sowie den Nachforschungen. Das Kansas Bureau of Investigation übernimmt mit einem Stab von 18 Mann die Ermittlungen. Die eng bedrucken rund 300 Seiten sind in etwa vier gleichlange Teile gegliedert: I Die sie als letzte sahen, II Täter unbekannt, III Antwort und IV Die Ecke.
Bis zum Schluss bleibt es spannend, obwohl der Leser ahnen kann, wie es ausgehen wird. Die ersten vier Zeilen aus François Villon’s Ballade der Gehängten stehen dem Buch vor. Und trotzdem bleibt am Ende mindestens ein großes Mysterium. Mich hat das Buch von Seite eins an gefesselt, weil ich gespürt habe, dass das nicht ein herkömmlicher Krimi ist, sondern beunruhigend authentische und tiefe Einblicke in die Seele von Kriminellen und wie sie dazu geworden sind, erlaubt. Beide Täter wurden von Capote ausgiebig befragt.
Die in den Plot eingewobene Werbung für Pfandbriefe und Kommunalobligationen, die Anfang der Achtziger Usus war bei rororo, hat mich zurück gebeamt in meine Jugend.

Ganz am Schluss des sogenannten „wahrheitsgemäßen Berichts“ trifft der Hauptermittler auf dem Friedhof von Garden City, wo die vier ermordeten Familienitglieder beigesetzt sind, auf die Schulfreundin der getöteten Teenager-Tochter und unterhält sich mit ihr. Dass das ein schönes, aber erfundenes Ende ist, hat mir beim Lesen sofort geschwant. Nicht alles, was hier geschildert wird, hat sich wirklich so zugetragen, Capote hat durchaus seine künstlerische Freiheit genutzt, was der Qualität des Buches m. E. jedoch keinen Abbruch tut.
5 Sterne
P. S. Es spricht nicht für den Menschen Capote, dass obwohl er sich mit dem Mörder Perry Smith während der vielen Gespräche im Gefängnis angefreundet hat und nach eigener Aussage Mitleid gegenüber ihm empfunden hat, er keinerlei Gnadengesuch für ihn gestellt hat. Wenn die Täter nicht gehängt worden wären, wäre das Buch wahrscheinlich weniger erfolgreich gewesen. Auch der Autor war kaltblütig.
Der Blick der Greisin
Diffus, durchdringend, entfernt
Aus dem Zwischenreich
Am schlimmsten fand ich allerdings, dass ich als Rechtshänder mit links masturbieren musste. Monatelang.
Nebelgestocher
Glasklarer Frauensprechgesang
Klingende Worte
Ein trauriges Lied
wunderschön beruhigend
Der Hund versteht ihn
[Lambchop – My Blue Wave von Is a Woman, 2002]
Ohne Corona
wär ich DJ gewesen
Danke, Costanza
Und urplötzlich ist man mittendrin. Ohne Worte. Wie immer, wenn es wichtig wird im Leben, sind Worte überflüssig, nichts als Urlauber, die sich im falschen Moment einmischen, sich wichtig machen und durchs Bild laufen.
„Ich fühle mich eindeutig wohler unter Menschen, die trinken, als unter Menschen, die essen.“
Die Natur erwacht
Sonnenstrahlen streicheln dich
Liebe in der Luft
[Max Richter – Spring 1, Vivaldi’s Four Seasons recomposed]
In deinem Bauch war es wohlig warm.
Doch nach neun Monaten war es dort zu eng für mich.
Ich musste raus an die frische Luft.
Jedoch bin ich dir lange nicht von der Seite gewichen.
Wir sagen „Mutter“ zu dir.
Die vielen Pakete, die du gepackt hast.
Die Liebe zu Fremdsprachen, die Freude, zu kommunizieren.
Lange warst du für mich die beste Köchin der Welt.
Heute bewundere ich, wie du versuchst, anderen zu helfen, auch wenn eher du Hilfe benötigst.
Wie ihr beide euch durch den Tag kämpft.
[Die dritte von 112 Stufen der Holsteiner Treppe in Wuppertal, tolle Idee vom Kollegen Grinsekatz]
Roadmovie fürs Ohr
Gitarren umgarnen sich
Stereogenuss
[Modern Nature – Pharaoh]
Auf dem Weg Menschen
Die Frau im Backshop lächelt
Vom Frühstück bleibt nichts
Querfeldein zu Fuß
Durch das hohe, feuchte Gras
Guck! Da steht ein Reh!
Regen klatscht auf uns
Direkt vor uns zuckt ein Blitz
Der Donner, später
den Vögeln lauschend,
dem Wanderstockgeklapper,
dem Wind, der auffrischt
vor uns ein Basset
mit seinen langen Ohren
die Straße kehrend
Der Schmerz transformiert
Kraft durch schlichte Melodie
Im Banjohimmel
[Alan Sparhawk with Trampled by Turtles – Not Broken]
als Chan den Song schrieb,
muss sie sie erblickt haben,
die nackte Wahrheit
[Cat Power – Nude as the News, 1996]
immer weniger
ändern wollen
alt werden
Spaziergang ins Dorf
Gehweg etwa schulterbreit
Rechts Hauswand, links Bus
Neuen Hund noch nie
von der Leine gelassen
Angst, er nimmt Reißaus
Unbefangener
schwarzer Labradorwelpe
beschnüffelt Kimba
Vor uns Dunkelheit
Die Tiefe zieht uns hinab
Hinterm Tunnel Licht
[Julian Knoth – Unsichtbares Meer]
Bachstelze fliegt auf
Krumme Flugbahn mit Sprüngen
Über hohem Gras
Funky Gitarren
Blaue Delfine singen
Luftige Nummer
[The B-52’s – Topaz, 1989]
Kimba erfrischt sich
am Westerbach, im Gebüsch
die Teichrohrsänger
Auf dem Bürgersteig
fährt vollbepacktes E-Bike
Der Nachbar, ein Geist
Stacheln der Rose
Rinde des Ceylon-Zimtbaums
Dornen des Kaktus
Kurz nach zwei im Bett
Riesenbluetoothboxbässe
lassen Dorf beben
Klingeln in Ohren
Gitarren kreischen besser
als Beatlesmädels
[The Jesus & Mary Chain – You Trip Me Up, 1985]
Auffrischender Wind
Ein Taubenpaar aufgescheucht
Gartenrotschwanz „singt“
Über dem Astloch
von Westerbacherle steht
in weiß Vagina