Plan aufgegangen
Jetzt hab ich dich von hinten
überrascht, oder?
Langsam gestartet
Feld aufgerollt, viel gequatscht
Knie hat gehalten!
[Berliner Firmenlauf]
Noch günstig getankt
Frontscheibe völlig verklebt
vom Saft der Linde
Auch Wohlfühlschuhe
haben eine Einlaufzeit
Dann sind sie ein Traum
Heftiges Rütteln
an den Pforten des Schlafreichs
führt nicht zum Schlummer
Ich bin übrigens seit neuestem auch mit von der Partie bei meinem musikalisch-, kulturellem Lieblingsblog der letzten Jahre, Manafonistas (nach einem Album von David Sylvian). Dank an Michael für die Großzügigkeit. Geschrieben habe ich noch nicht so viel. Eine Kurzkritik zu Christian Petzolds Roter Sommer, einen kurzen Post zu Haiku und eine weitere Kurzkritik zu Ilker Çataks Das Lehrerzimmer. Da kommt sicher noch mehr. Es macht jedenfalls diebischen Spaß mal aus dem Haikugefängnis auszubrechen und unter Leute zu kommen.
Die Maschine stutzt
das Büschel Haare vorne
Die Mitte nun blank
Eins mit dem Kosmos
Auch auf den Antipoden
Pharoah’s Geist lebt!
[The Circling Sun – Kohan]
Honig auf Joghurt
Verschnörkeltes Schriftzeichen,
die Welt in nuce

In Barfußschuhen
pilgern sie ökumenisch
in Gegenrichtung
[Angela Pfotenhauer und Elmar Lixenfeld – Meine Via Regia und meine auch]
Da dreht einer ab
Ein Gitter aus Pappmaché
Mein Kopf explodiert
[David Byrne – Wheezing]
Ein Hund blickt dich an.
Er hebt die Augenbrauen
mit einem Muskel.
Die Ampel auf rot.
Der Hund blickt hoch zum Frauchen.
Da, ein Leckerli!
Im Schlaraffenland
Ladungen von Eiweißen
fliegen in den Mund
Ein Bett aus Saiten
Plötzlich ist alles so klar
Wir tanzen im Kreis
[Saif Al-Khayyat – Hakimi]
Was ist eigentlich
aus dem Frühling geworden?
Nach Winter Sommer.
Gleich schnell laufen
für ne halbe, ne ganze,
anderthalb Stunden
Faustdick überrascht
Erst hinterrücks von ner Frau
dann von einem Mann
Mit gesenktem Kopf
Zwei Flüchtlinge auf dem Weg
Sie grüßen zurück
Das Meeresleuchten
hat der Idiot am Schluss
ganz für sich allein
[Christian Petzold – Roter Himmel]
Frankfurt, Hauptwache
Samstagabend. Sprachgewirr.
La jeunesse dorée
Nach der Siesta
Die Ohren noch jungfräulich
Musik wirkt direkt
Ménage à quatre
Haus im Wald nahe Ostsee
Der letzte Sommer?
[Christian Petzold – Roter Himmel]
Ein schwarzer Umriss
ganz weit oben am Himmel
Der Schwarzmilan kreist
Zwei Amseln fliegen
zwischen Apfelbaumzweigen
gerade hindurch
On-Ear Kopfhörer
Wahrnehmungsverweigerung
von jungen Leuten
An die Synapsen
andockende Gitarren
Cover me, Babe!
[William Tyler & The Impossible Truth – Highway Anxiety / Radioactivity (Live)]
Die warme Dusche
vor der Kalten nicht nötig
Gasbrenner defekt
Eine Injektion
mitten rein in die Seele
Warmer Liebesstrom
[Ben Watt – That’s the Way Love Is]
Auf dem halben Weg
geht Kimba ins hohe Gras
und lässt sich fallen

Sechsundvierzig Mal
Jonglieren auf einem Bein
Noch ganz am Anfang
Über die Straße
in die leere Baustelle
huscht das Eichhörnchen
Durch das hohe Gras
Zwei Hunde ebnen den Weg
Blütenstaubwolken
Auf Schwellen liegend
S-Bahnstrecke nach Kronberg
Ein Fuchs, mausetot
Das Gras hoch, benetzt
vom Morgentau, die Hunde
darin versunken
Blick und tiefer Fall
in deine Nasenlöcher.
Drei Uhr. Aufgewacht.
Zum Verständnis der vergangenen Faunenwechsel, wie der massive Austausch von ganzen Artengemeinschaften innerhalb eines relativ kurzen Zeitraums auch genannt wird, ist es wichtig zu wissen, dass wir heute erdgeschichtlich gesehen in einem Eiszeitalter leben, wenn auch in einer Warmphase. Mehrere solcher meist zehn- bis fünfzehntausend Jahre währenden warmen Klimaperioden liegen hinter uns, auf die jeweils etwa zehnmal so lange Kälteperioden folgten.
Jan Haft – Wildnis, S. 47
Ganz tief im Wald drin
Die Wunderwelt der Töne
Manchmal verstörend
Amsel und Traube
Moony rast durchs hohe Gras
Professor schämt sich
Wir wollen feiern,
dass du endlich dreißig bist
Wir wollen feiern
[Katharina Schwerk – Reden umgetextet von Amelle]
Neben dem Hochhaus
hinter den kahlen Bäumen
glitzert Plöner See
Sonne konzentriert
Dreiundsechzig Pro Zucker
Süße Versuchung
Schärfung der Sinne
nachdem man körperlich bis
an die Grenze ging
Der Trost der Worte
Der Trost der Stimme/Stille
Der Trost der Musik
Auf dem Drahtesel
vor zweiundvierzig Jahren
zu zweit durch Deutschland
Mitten auf dem Weg
sitzt Meister Lampe und nimmt
reißaus nach links ins Feld
Zartbitterschoko
Orangenmarmelade
Wacholderschnäpschen
[Everything but the Girl – Caution to the Wind]
Duett mit sich selbst
Beats, auf der Stelle tretend
Schwebendes Ende
Kimba im Schwalbach
säuft kaum, spaziert rauf und runter
Sennenhündin kneippt
Ich steh hinter dir
Ein starker Geruch nach Schweiß
Schalottenschalen
Das Herz erwärmen
mit Tracey’s Stimme im nicht
endenden Winter
[Everything but the Girl – Run a Red Light]
Morgens und abends
Erst auf einem Bein, dann auf dem anderen
die Zehen abwechselnd zusammenkrallen und strecken
beim Zähneputzen mit der elektrischen Zahnbürste
Schalk an den Tasten
Sie sprudeln vor Spielfreude
The Groove must go on
[Ahmad Jamal – Poinciana (Olympia, Paris 2012)]
Über ’nem Wäldchen
im gräulichen Ostfrankreich
fliegt ein Storchenschwarm
Wind, Sonne, Regen
Nach elf Stunden Autofahrt
Totale Leere
Die volle Sonne
Seidenweicher Honigsaft
Die volle Rebe
[Château La Roca, Muscat de Rivesaltes 2021,15,5%]

Klein, süß, sehr saftig
Orangen aus dem Garten
Hundert Pro Bio
Schwarzrote Tinte
Bukett wenig ausgeprägt
Fülliger Körper
[Kar Magna, Côtes du Roussillon Villages Rouge 2020]

Wird man gewaltsam
zurückgeholt, geht einen
nichts mehr etwas an.
[Peter Nadas – Der eigene Tod (e-book)]
Auf Beifahrersitz
Berner Sennenhundrüde
Kopf lehnt aus Fenster
Zusammenjammen
bis dass der Tod uns scheidet
Die Wüste in uns
[Giant Sand feat. Rainer Ptacek – The Inner Flame]
An der frischen Luft
Drei Büsche zurückschneiden
Den Dschungel lichten
Wachs in den Ohren
Über das rauschende Meer
durch die Nacht gleitend
Die blutjunge Frau
Auf den Schultern den Jungen
Illusionslos
Kreise, konzentrisch
auf Wasseroberfläche
Fische tauchen auf
Hohlweg, ansteigend
Bambushain, im Wind zitternd
Blick auf Meer, Corbières
Die Putzfrau, die nicht
zum Saubermachen herkommt,
sondern zum Reden.
Zwischen den Schafen
auf der Weide stolzieren
weiße Kuhreiher
Hurra es regnet!
Schwarzkehlchen und Kuhreiher
Artischockenherz
Der Morgen dämmert
Ich lausche deinem Atem
Ein und aus und ein
In sich eingerollt
Die Augen fest verschlossen
Die Yorkshire-Hündin
Auf Windschutzscheibe
handgeschriebener Zettel
mit Handynummer
Entspannter Halbschlaf
Das Beste aus zwei Welten
Ohrstöpselrauschen
Viele Ameisen,
auf die ich getreten bin,
haben überlebt.