Archive for the ‘hike’ Category

Eifelsteig, 1. Etappe: Aachen – Roetgen

Juli 14, 2024

Gang durch Geschichte
Ohne Brücke übern Bach
Magere Pferde

Die Nacht in unserem Hotel am Lousberg schlafe ich gut durch, der Retsina beim Griechen um die Ecke am Vorabend hat seine einschläfernde Wirkung nicht verfehlt. Das Frühstück fürstlich mit frisch gepresstem Orangensaft, Rührei und Joghurt mit frischem Obst.

Bei idealem Wanderwetter unter 20 Grad gehen wir hoch auf die wallähnliche Parkanlage oberhalb der Saarstraße nach Westen. Da wo die äußere Stadtmauer war, steht eines von zwei erhaltenen mittelalterlichen Toren, das eindrucksvolle Ponttor, eines der wenigen noch existierenden Doppeltore.

Aachen, Ponttor: Blick auf Vortor

Nun wenden wir uns hinunter nach Süden, kommen an den Gebäuden der Hochschule – insbesondere dem Institut für Bergbau – vorbei und landen am Rathaus, vor dem ein riesiger Sandkasten aufgebaut ist, in dem die Kinder spielen, während ihre Eltern in Liegestühlen auf ihren Smartphones rumwischen. Im Krönungssaal mit dem Kreuzrippengewölbe fanden bis 1531 die Festessen anlässlich der Königskrönungen statt. Wir haben leider keine Zeit, ihn uns anzusehen.

Aachen, Rathaus

Ähnlich ergeht es uns mit dem Dom, vor dem ein Markt stattfindet. Es ist gerade eine Messe angesagt, die meist älteren Besucher werden vom Küster persönlich begrüßt. Wir besorgen uns in der Nähe eine Kräuterprintenplatte, für die wir später eine gute Verwendung finden, als uns die Kräfte vorübergehend verlassen.

Aachen, Dom

Das Törchen zum „Domgarten“ ist nicht verschlossen, im Schatten der Bäume steht eine Skulptur eines etwas gequält dreinblickenden Karls des Großen mit einem güldenen Mantel.

Aachen, Karl der Große vor dem Dom

Vom Dom gehen wir weiter zum Elisenbrunnen, wo in der Wandelhalle ein dünner Wasserstrahl aus der Wand tropft. Weiter geht es zum Theaterplatz mit dem Pferdedenkmal. Wir gehen nun in die Theaterstraße, die später zur Oppenhoffallee wird, in der ich die ersten 5 Jahre meines Lebens zugebracht habe. Alle Erinnerungen daran stammen von Fotos, die ich später gesehen habe.

Aachen, Oppenhoffallee
Aachen, Oppenhoffallee

Wir biegen jetzt ein in die Viktoriaallee, wo es noch alte neoklassizistische Gebäudezüge gibt.

Aachen, Ecke Viktoriaallee

Wir gehen weiter durch Beverau und kommen bald auf einen schmalen Wiesenpfad und anschließend in den Wald. Wir passieren heute diverse Pferdehöfe, uns fällt auf, dass man fast durchweg die Knochen der weidenden Tiere sieht. Weiter geht es – wir bekommen den Tipp von einem entgegenkommenden Wanderer, der auf der matschigen Eifelsteigpassage vor uns fast hingefallen ist – auf einem viel von Skatern genutzten Radweg an einer stillgelegten Bahnlinie.

Nach rund 10 Km kommen wir in Kornelimünster an, wo wir die Mittagspause mit einem belegten Brötchen einlegen. In der Reichsabtei ist eine kostenlose Kunstausstellung, die sich insbes. Fehlstellen widmet, es werden die Rückseiten der Bilder gezeigt, unbekannte Künstler verbergen sich hinter Vorhängen, die man aufziehen kann. Ein Bild des Expressionisten Campendonk erinnert mich sehr stark an Chagall.

Kornelimünster, Campendonk: Radfahrer E. u. kleine gelbe Kuh

Hier in Kornelimünster ist der offizielle Startpunkt des 313 km langen Eifelsteigs. Wir folgen der Inde und schon kurz hinter dem Ort ist der Weg unterbrochen. Eine Brücke – es wird nicht die Einzige auf dem Weg bleiben – ist vom Hochwasser vor drei Jahren weggeschwemmt worden. Es gibt keinerlei Indikation, wo es weitergehen soll, ein junger Mann deutet in Richtung der Wiese, hinter der wir den Weg dann wiederfinden.

Eifelsteigplakette

Der Weg ist ansonsten meist angenehm zu gehen, der Asphaltanteil ist überschaubar. Bei Walheim wurde bis Mitte der Sechziger Kalk für Zement gebrannt. Als Brennstoff wurde Kohle genutzt, der Kalk kühlte beim Hinunterfallen ab und konnte dann unten im Zugloch handwarm entnommen werden.

Walheim, Kalkbrennofen

Der Weg zieht sich am ersten Tag etwas in die Länge. Die relativ häufigen Schutzplätze sind hochwillkommen.

Rastpilz

Wir überqueren den Vichtbach und wählen eine Abkürzung am Bach entlang, anstatt den Berg hochzulaufen. Es geht an einem Zeltlager mehrerer Familien mit Kindern vorbei, die gerade an einem Lagerfeuer ihr Essen vorbereiten. Die Piste hört irgendwann auf, wir schlagen uns etwas durch den Matsch, finden dann aber eine Sandbank im Bach, auf und von der wir ans andere Ufer springen können, wo unweit ein Weg verläuft. Es geht an einer Wasseraufbereitungsanlage vorbei und noch etwas durch den Wald.

Wir kommen nun ins Grenzgebiet, auf der anderen Seite des Weges ist Belgien. Unser Hotelier in Roetgen ist eher kurz angebunden und unwirsch. Wir essen auf der belgischen Seite Fritten mit einem Erbsenburger und einem leckeren, feuchten Schokoküchlein als Dessert. Den Rest des Abends chillen wir im Bett und lesen.

Petergensfeld, Frittenbude

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Harzreise 22.6.24, 8. Tag Ilsenburg – Königshütte

Juni 23, 2024

Laubwaldlichtspiele
Ringelpiez beim Rathausfest
Wilder Wiesenweg

Die forsche Hotelwirtin scheint vergessen zu haben, dass ich bereits vor über einem Monat Vorkasse geleistet habe, aber ich nicht! So toll war das Hotel auch nicht, dass ich freiwillig doppelt zahle. Bis jetzt habe ich auf dieser Wanderung noch nichts vergessen, heute merke ich relativ schnell, dass die Wandermütze fehlt und verliere nur 10 Minuten Zeit.

Über den lichten Laubwald des Schlossparks geht es raus aus Ilsenburg. Ich kann heute im Laufe des Tages die Schatten- und Lichtspiele der Laubbäume ausgiebig studieren. Da ich in Rübeland, dem Zielort der Harzreise – bekannt durch die Höhlen – keine Herberge gefunden habe, muss ich mich heute auf einem improvisierten Weg insbesondere auf den rund 15 km von Wernigerode bis Königshütte rumschlagen.

Im Wald verläuft die Wasserscheide zwischen Elbe und Weser, so weit östlich bin ich jetzt schon.

Zwischen Ilsenburg und Wernigerode

Heute bin ich etwas in Gedanken versunken, aber im Vollbesitz meiner Kräfte. An einer Stelle im Wald verpasse ich einen Abzweig und gehe doch tatsächlich gedankenverloren ca. 500 m bergauf in die falsche Richtung, bevor es mir schwant, dass es doch eigentlich gar nicht bergauf gehen kann.

Ich treffe heute auf einige Mountainbiker, es ist Samstag. Die erste Ortschaft ist nach rund 10 km Natur Hasserode, wo auch das Bier gebraut wird. Hier muss ich ca. 2 km in der Sonne an der Straße langgehen, bevor ich durch das Westerntor in die Altstadt von Wernigerode eintrete.

Wernigerode, Westerntor

In Wernigerode ist dieses Wochenende Rathausfest. Es herrscht großer Trubel, Menschenmassen bevölkern die langgezogene Fußgängerzone. Ich brauche jetzt unbedingt einen Eiskaffee, den ich am Rathaus bekomme. Dort spielt eine Hamburger Band deutschen Schlager mit Volksmusikeinschlag, ich frage mich, ob die Rentner, die vor der Bühne auf Klappstühlen sitzen, dafür und fürs Klatschen bezahlt werden. Die Musik ist unerträglich kitschig. Die drei Musiker – alle in Jeans und weißem Hemd – laufen mit Mikro singend und sich an den Schultern anfassend über den Markt. Sie versuchen, das Publikum zu animieren, indem sie vom Hamburger Nachtleben schwärmen und fragen, was denn so in Wernigerode nachts abgeht. Nach dem Motto Witz komm raus, du bist umzingelt. Ich flüchte so schnell wie möglich und besorge mir beim Griechen ein sehr knuspriges, getoastetes Fladenbrot mit warmem Feta, Tsatsiki und Krautsalat.

Wernigerode, Rathaus

Die Breite Straße hinauf steht das barocke Haus des Getreidehändlers Krumme aus dem Jahr 1674 – Wernigerode ist wie Goslar ein Fachwerkparadies – mit vorgesetzter Fassade aus Holzvertäfelungen.

Wernigerode, Krummelsches Haus

Kurz vor Verlassen der Altstadt sehe ich noch einen Liedermacher mit Klampfe, der allein auf einer großen Bühne sitzt, sich die Seele aus dem Körper singt, während zwei bis drei Leute sich das anhören; er hätte mehr Publikum verdient gehabt.

Ich nehme jetzt nicht wieder die schnurgerade Straße zurück nach Hasserode,  sondern gehe auf dem Fußweg der B 244, die nach Elbingerode führt, aus der Stadt heraus. Oben im Gegenlicht das Schloss, ein Leitbau des norddeutschen Historismus auf Basis einer mittelaterlichen Anlage 1882-1885 von Otto zu Stolberg-Wernigerode, dem Stellvertreter Bismarcks, umgebaut.

Wernigerode, Schloss

Ich finde nun einen lauschigen Weg im Laubwald, der den Zillierbach entlang verläuft. Am Wegesrand Waldhimbeeren, die ich mir nicht entgehen lasse. Ihren intensiven Geschmack im Mund denke ich, dass genau diese Momente es sind, die dem Wandern noch einmal einen besonderen Kick geben. Man isst die Früchte der Natur, man vereint seinen Körper, seinen Geschmack, seine Verdauung mit der Welt. Es hat etwas Pantheistisches. Alles ist eins. Etwas pathetisch vielleicht, aber egal.

Am Wegrand ein Belüftungsschacht einer Grube, heute ein Fledermausreservat. Aus dem Schacht strömt angenehm kühle Luft, die meinen heiß gelaufenen Körper kühlt.

Belüftungsschacht

Plötzlich stehe ich vor dem Staudamm der Zillierbachtalsperre, hier kommen nur noch die Fassadenkletterer weiter, ich muss außen rum.

Zillierbachtalsperre, Staudamm

Auf einer Bank mache ich eine Trinkpause und gönne meinen Füßen eine kleine Auszeit. Die Schuhe und Socken auszuziehen, die Füße etwas zu massieren, welche Wohltat. Ein älteres holländisches Paar gesellt sich zu mir. Sie haben den Stausee halb umrundet, er entfernt noch rechtzeitig ein Steinchen aus seinem Schuh.

Zillierbachtalsperre

Den weiteren Weg nach Königshütte muss ich mir zusammenschustern. Die Generalrichtung ist Süden. Ich treffe auf einen bunten Schmetterling und bewege mich zum Teil auf Wiesenwegen, die insbesondere gegen Ende fast zugewachsen sind. Viele Wege sind in keinem guten Zustand, Markierungen fehlen weil Bäume umgestürzt bzw. abgestorben sind. Der Grund ist der fehlende Nachwuchs in den Wandervereinen.

Schönbär

Es geht großräumig um ein Kalkwerk herum. Ich kann in meiner kurzen Hose zum Teil hüfthohen Disteln und Brennnesseln einigermaßen ausweichen. Auf einer unverhofften Bank – ich muss mal ein Loblied auf Bänke am Wegesrand singen – brauche ich meine letzten Trinkwasservorräte auf. Ich komme nun zu dem Wasserfall von Königshütte, den ich aber nicht sehe. Der eigentliche Ort liegt noch etwas weiter südlich und ich erreiche rund neun Stunden nach Aufbruch mein Ziel, die sehr familiär geführte Pension Am Felsen, wo ich sofort herzlich mit Namen begrüßt werde und zu Abend eine vom Hausherren zubereitete, exzellente Rinderroulade mit Kartoffelstampf und Rotkohl zu mir nehmen darf.

Vorher sehr erfrischend nach dem langen Wandertag übrigens die kälteste kalte Dusche auf der ganzen, rundum gelungenen Wanderung. Ein perfekter Abschluss.

Harzreise 21.6.24, 7. Tag Schierke – Ilsenburg

Juni 22, 2024

Brocken im Regen
Wilde Ilse rauscht ins Tal
Übers Ziel hinaus

Morgens komme ich wegen meiner steifen Beine kaum aus dem Bett, auch das Knie zwickt, die Bandage ein absolutes Muss. Es wird Zeit, dass die Wanderung zum Ziel kommt.

Beim Frühstück gibt es in Öl eingelegten Harzer Roller, dem außer mir ein junger, mundfauler Typ mit Bundeswehrpullover und eine Hessin zuspricht, die meint, „bei uns heißt das Handkäs mit Musik“.

Heute geht es erst einmal wieder hoch zur zweiten Gipfelbesteigung des Brocken, da ich ja im Brockenhotel kein Logis mehr gefunden hatte. Ich komme somit schon am frühen Morgen auf den großen Steinen, die sich wie die Hotelfachkraft bereits anmerkte, zum Aufstieg besser eignen, gut ins Schwitzen.

Nach einem erfrischenden alkoholfreien Weißbier auf dem Brocken, dieses Mal bin ich fast alleine, zieht sich der Himmel langsam zu, die Fernsicht ist sehr diesig. Goethe hat sich hier für die Walpurgisnacht im Faust inspirieren lassen.

Brockenhotel, Hexe
Brocken, Goethe was here

Das überteuerte Brockenhotel hat mich nicht als Gast gewonnen, wofür ich am Ende ganz froh bin.

Brockenhotel

Auf dem Plateau weht eine steife Brise. Am Gipfelstein machen die Leute von weit entfernt Gipfelfotos.

Ich gehe wieder den Brockenrundweg, dieses Mal in die andere Richtung und beginne, den Kolonnenweg abzusteigen. Nach wenigen Minuten fängt es an zu schütten. Trotz Regenjacke und -schirm wird zumindest die Hose unten klatschnass, aber ich habe Glück, dass genau hier eine Schutzhütte steht. Später kommt ein Einheimischer in kurzer Hose ohne Schirm vorbei, der jedoch sofort weiter absteigt nach Ilsenburg, weil er meint, dass das Wetter sowieso nicht besser wird. Ein Fehler, weil der Regen nach ca. 20 Minuten nachlässt und ich mich aus der übrigens nicht vollständig dichten Hütte herauswage.

Unterm Kleinen Brocken, Schutzhütte

Kurz vor der Hermannstraße, wo es nach rechts im Streichen abgeht, kommen mir zwei junge Frauen in Regenponchos auf dem steilen Plattenweg entgegen, die mich anlächeln. Angesichts des miesen Wetters und der Anstrengung beim Aufstieg, überraschen sie mich positiv. Wie Heine (s. Foto von Tafel gestern) habe ich hier jetzt ein Hochgefühl, höre die Vögel zwitschern, der Regen hört auf und der ebene Weg ist angenehm zu gehen.

Es geht nun ins Ilsetal, das Heine in starken Worten besungen hat, im Grunde war dies seine Lieblingsetappe auf seiner Harzwanderung, daher ist der Weg jetzt auch nach ihm benannt.

Schon damals waren hier die  Baumwurzeln auffällig, die an die Oberfläche treten, weil sie im harten Boden keinen Halt finden und für mich wie Finger einer Hand eines Riesen aussehen.

Rote Brücke, Auszug aus Harzreise
Rote Brücke, die Wurzeln der Tannen

Die Ilse rauscht links, es kommen mir trotz des Regenwetters bereits einige Wanderer entgegen. Bei Sonnenschein ist hier sicher die Hölle los, das bleibt mir erspart.

Ilsefälle, Auszug aus Harzreise
Bachschnellen der Ilse

Hier bei den Ilsefällen steht das Heine-Denkmal. Seine Phantasie ist hier etwas mit ihm durchgegangen, wobei er als Romantiker, der er zu diesem, frühen Zeitpunkt seines Lebens war, sich des örtlichen Märchen- und Sagenguts bediente. Mich erinnert die Harzreise in den Passagen über das Ilsetal sehr an den Taugenichts von Eichendorff, der übrigens ebenfalls 1826 erschienen ist.

Ilsetal, Heine-Denkmal

Kurz danach soll der Heineweg auf der linken Ilseseite weitergehen, doch die Brücke ist mit einer zaunartigen Holzkonstruktion versperrt. Angeblich aus Sicherheitsgründen. Hier mache ich meine Mittagspause mit Wasser und Datteln. Etwas später komme ich über eine andere Brücke dann doch auf den Heineweg zurück. Hier ist jemand fleißig gewesen und hat einen Steinmännchenpark angelegt.

Ilsetal, Steinmännchen

Kurz vor Ende der heutigen Etappe, auf der mir über große Strecken die Beine so schwer sind wie selten zuvor, müssen noch einige Höhenmeter bewältigt werden auf dem Weg zum Ilsestein. Ich kämpfe mich hier über einen eigentlich verschwundenen schmalen Weg über viele umgestürzte bzw. gefällte Baumstämme den Waldhang hinauf. Als ich den Berg in einem Halbrund am Waldrand hochgehe, links und rechts die so langsam verblühenden lila Kelche des Fingerhuts, definitiv die Blume meiner Harzwanderung.

Fingerhut

Der Blick, der sich vom Ilsestein nach Osten nach Ilsenburg hinunter eröffnet, ist atemberaubend. Der Ilsestein ist ein Granitfelsen, auf dem im 11. Jahrhundert eine kleine Reichsburg von Heinrich IV. stand, die bereits 1105 auf Geheiß des Papstes zerstört wurde. Heute steht hier ein eisernes Kreuz, das am ersten Tag der Völkerschlacht von Leipzig 1814 von Graf Anton zu Stolberg-Wernigerode für seine in den Befreungskriegen gegen Napoleon gefallenen Freunde und Bekannte errichtet wurde.

Ilsestein, Blick auf Ilsenburg
Ilsestein
Ilsestein, eisernes Kreuz

Die trotz der langen Abstiege – es geht jetzt noch einmal auf halsbrecherischem schmalen Schotterpfad bergab – anstrengende Etappe findet ein unverhofft gutes Ende. Aus irgendeinem Grunde (evtl. weil mich gestern Abend in Schierke zwei Wanderinnen gefragt hatten, wo die  Bushaltestelle ist, sie hätten keine Lust mehr und müssten noch nach Wernigerode zu ihrem Auto), war ich davon ausgegangen, dass ich noch bis Wernigerode, also noch 8,6 km zusätzlich gehen musste und hatte mich aufgrund der fortgeschrittenen Zeit und zunehmender Wanderunlust damit angefreundet, den stündlich fahrenden Bus zu nehmen. Laut Internet fuhr der Nächste um 16h31. Ich spute mich also und bin kurz nach vier an der Straße nach Wernigerode und wer fährt direkt vor meiner Nase weg?  Der 270er Bus nach Wernigerode. Die Wartezeit verbringe ich also im Wartehäuschen und löffle einen Eiskaffee vom Bäcker. Bis mir einfällt, doch mal zu gucken, wo genau mein Hotel ist. Und was soll ich sagen, es stellt sich raus, dass es sich hier in Ilsenburg befindet und zwar 1,8 km weiter oben, ich bin also bereits vorbeigelaufen! Welch Glück, dass ich das noch gemerkt habe, bevor ich in den Bus gestiegen bin!

In jedem Fall gehe ich nun leichten Fußes – immer wieder überraschend wie Pausen mit Flüssigkeitszufuhr die vorher noch zentnerschweren Beine und Füße wieder beflügeln können – zu meinem Hotel im Park.

Harzreise 20.6.24, 6. Tag Bad Harzburg – Brocken – Schierke

Juni 21, 2024

Grenzstein auf Staudamm
Kolonnenweg hochgeschwitzt
Felsbrocken hinab

Ein gutes, von der netten Pensionsbetreiberin vorbereitetes Frühstück mit Ei, grünem Tee, Holzbrettchen mit Aufschnitt und Käse sowie Sahnejoghurt mit Müsli erwartet mich nach einer erholsamen Nacht.

Draußen scheint die Sonne und ich gehe stracks durch den Kurpark zur Talstation der Burgbergseilbahn, wo die heutige Etappe beginnt.

Bad Harzburg, Burgbergseilbahnbasis

Hier geht es in den Wald, an einem Baumwipfelpfad vorbei, bei dem man sich schon fragt, ob er seine Umgebung verschönert. Er steht auf der Wiese im Kalten Tal, wo die Nazis mit 4000 SA-Leuten und dem Verband Stahlhelm 1931 einen Feldgottesdienst organisierten, um den Segen der Kirche für die geplante Abschaffung der Demokratie zu bekommen.

Bad Harzburg, Baumwipfelpfad

Ich komme auf dem ansteigenden Weg im schattigen Laubwald gut voran. Tafeln am Wegrand erklären die Baumwurzelarten als da sind Herzwurzler (die meisten Laubbäume, z. B. Buchen), Flachwurzler (z. B. Fichten) und Pfahlwurzler (z. B Kiefern, Lärchen und Eichen). An der Bushaltestelle des Molkenhauses – die erdgasbetriebenen Busse, genannt grüner Harzer, kommen hier fast überall hin – mache ich eine kurze Trinkpause. Ich komme nun zu einer großen Wiese mitten im Wald, die überquert werden muss.

Wiese oberhalb vom Molkenhaus

Nach dem vorherigen Anstieg geht es nun überraschenderweise erst einmal hinunter in das schmale Eckertal, das man wohl passender als Schlucht bezeichnen könnte. Am Talende geht es hinauf zur Eckertalsperre, die vor 1990 hälftig auf die beiden deutschen Staaten aufgeteilt war, was bis zu den bilateralen Verträgen Ende der 70er Jahre zu vielen Problemen bei der Nutzung führte. Ursprünglich wurde die Eckertalsperre 1943 fertiggestellt, um den zunehmenden Trinkwasserbedarf von Wolfsburg und Braunschweig zu stillen. Die Grenze verlief in der Mitte des Stausees und auf der Staudammmauer steht heute zur Erinnerung noch der alte Grenzstein.

Eckertalsperrenstaumauer, ehemalige Grenze

Von hier hat man einen schönen Blick auf das heutige Wanderziel der Begierde, den Brocken mit dem Sendeturm. Aber bis dahin werden noch einige Tropfen Schweiß die Stirn hinunterrinnen.

Eckertalsperre mit Brocken im Hintergrund

Es geht nun auf dem Harzer Grenzweg, einem Teil des grünen Bandes, das der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze folgt, auf einem Kolonnenweg hinauf zum Brocken. Ich treffe hier auf sehr wenige Mountainbiker, die diesen steilen Aufstieg wagen. Die im Verlauf zunehmende Steigung beträgt im Schnitt 12 bis 15 Prozent, an einzelnen Stellen sogar bis zu 20 Grad, definitiv der anstrengendste Weg hinauf zum Brocken. Ein junger Mountainbiker überholt mich so gerade eben, Geschwindigkeit ca. 5 km/h und er muss zum Teil diagonal im Zickzack fahren, um hochzukommen. Ich überhole ihn dann wieder kurz vorm Kleinen Brocken, wo er auf einer Bank die weite Sicht aufs Umland genießt und sehe ihn nicht wieder.

Kolonnenweg zum Brocken

Auch Heine ist diesen Weg – damals natürlich noch ohne Platten – wohl rauf gegangen. Ich stoße nun auf den nach ihm benannten Weg, und zwar an der Stelle, wo sich für mich Auf- und Abstieg trennen werden. Er ging auf dem Rückweg vom Brocken über die Schneelöcher, heute Nationalpark, hinunter ins Ilsetal, wohin ich ihm morgen folgen werde.

Hermannchaussee, Heinrich Heine Weg

File under small pleasures of hiking: Je näher man dem Gipfel kommt, desto häufiger frischt der Wind auf und trocknet die nassgeschwitzten Klamotten und kühlt so den Körper. Was für eine Wohltat!

Kurz vor dem Kleinen Brocken überschreite ich die 1000 Metermarke, der Brocken ist jetzt in Griffweite, aber es sind noch 140 Höhenmeter.

Oben treffe ich auf Menschenmassen, die von ihrer Physis her zu urteilen, wahrscheinlich überwiegend mit der Brockenbahn hochgekommen sind. Ich nehme bis zum Bahnhof den Rundweg auf dem Brockenplateau, der heute weite Blicke in die Umgebung freigibt; ich hatte gelesen, dass es an über 300 Tagen im Jahr hier neblig ist. Oben am Bahnhof stehe ich bestimmt 15 Minuten an für eine Thüringer Rostbratwurst und ein Weißbier, das hier auch endlich wieder richtig heißt und nicht Hefeweizen wie in Westdeutschland außerhalb Bayerns.

Brocken, Blick nach Wernigerode

Da ich im Brockenhotel keinen Platz mehr gefunden habe, muss ich nun noch die 5,5 km nach Schierke absteigen. Das gestaltet sich als gar nicht so einfach, da der Wanderweg über große, rundliche Felsbrocken verläuft, wo man genau aufpassen muss, wo man hintritt, zum Teil muss man sogar die Hände zu Hilfe nehmen, um die Steine zu überwinden. Beim Einstieg kommt mir eine Gruppe von Jugendlichen mit geistigem Handicap mit ihren jungen Lehrerinnen entgegen. Sie zu einem Nachzügler: „Komm Gazelle, da vorne ist die Straße, Du hast es geschafft!“ Jetzt im Nachhinein, wo ich die über 3 km recht anspruchsvollen Felsenweg kenne, bin ich noch mehr voller Bewunderung, ob ihrer Leistung. Die Größe der Steine nimmt übrigens während des Abstiegs ab, das ist für mich angenehm.

Abstieg vom Brocken nach Schierke

Immer wieder hört man hier den langgezogenen Ton des Signalhorns bzw. das Schnaufen der Dampflok der Brockenbahn, deren Schmalspurgleise mehrfach überschritten werden. Passenderweise treffe ich gerade auf sie, als sie durch ein ausgedehntes Gebiet mit abgestorbenen Fichten fährt.

Brockenbahn im Fichtenfriedhof

Schließlich komme ich in Schierke an, wo das erste Hotel auf der linken Seite meins ist. Es ist etwas in die Jahre gekommen, strahlt aber auch einen gewissen Charme aus. Das Einbauduschbad erinnert mich etwas an ähnliche „Weltraumbäder“ in der Studentenstadt München-Freimann aus den Siebzigern. Schierke ist ein Wintersportort, der aber sicher auch schon bessere Zeiten gesehen hat.

Schierke, Hotel Brockenscheideck

P. S. Ich habe heute rund 100 Kilo ca. 1000 m hochgeschleppt. Wenn 1 Kilo einen Meter hochhieven 10 Joule entspricht, dann hätte ich eine physikalische Arbeit von 1000 Kilojoule geleistet. Wofür ich bestimmt 1000 Kilokalorien, also über 4.000 Kilojoule Nahrung aufnehmen musste. Der menschliche Körper ist gar nicht so ineffizient, aber der menschliche Geist kann Maschinen ersinnen mit noch vielfach höherem Wirkungsgrad. Zum Beispiel den Elektromotor.

Harzreise 19.6.24, 5. Tag Goslar – Bad Harzburg

Juni 20, 2024

Hose olivgrün
Das Regencape leuchtet gelb
unterm schwarzen Schirm

Wache recht erholt in meiner JH-Kemenate auf, obwohl sowohl spätabends als auch frühmorgens schon einige Leute auf den Gängen unterwegs sind. Das Frühstück um halb acht ist besser als erwartet, der O-Saft eine Plörre, aber es gibt Körnerbrötchen sowie Naturjoghurt, etwas Obst und Müsli. Außer mir einige noch ältere Gäste sowie auch schon die ersten Kinder am Buffet.

Draußen ist es feucht, was sich auch den ganzen Wandertag nicht ändern wird. Es nieselt mit gelegentlichen Schauern.

Ich gehe die Abkürzung runter in den Ort und komme dieses Mal am Siemenshaus (1692/93) in der Schreiberstraße vorbei. Der Leitspruch der Familie – ein Zweig gründete später das Weltunternehmen – ist ora et labora.

Goslar, Siemenshaus

Am Marktplatz komme ich gerade noch rechtzeitig an für das Ende des 9 Uhr Glockenspiels, das die Geschichte des örtlichen Bergbaus ab der Entdeckung durch Ritter Ramm erzählt. Es ertönt das Steigerlied.

Goslar, Glockenspiel

Die erste Kneipe auf dem Weg, wo das kleine Pils noch 1,60 kostet, hat leider noch zu…

Goslar, Pub

Ebenfalls an der Hauptstraße liegt die St Stephanikirche, die das Konzept der offenen Kirche nur eingeschränkt realisiert. Sie ist heute von 15 bis 16h30 geöffnet. Das ist mit meiner Tagesplanung leider nicht synchronisierbar.

Hinaus aus der Kreisstadt geht es durch das Breite Tor von 1443, das die Stadt damals sicher sehr gut gegen unerwünschte Eindringlinge geschützt hat. Ich gehe nun durch die Wallanlagen am ausgedehnten Schützenplatz vorbei, wo sich eine Kirmes mit Riesenrad und Achterbahn im Dornröschenschlaf befindet. Hier kommt just ein Regenschauer runter und ich verziehe mich in ein Bushaltestellenhäuschen. Die gute Businfrastruktur rettet mich heute mehrmals davor, noch nasser zu werden als ich schon bin.

Goslar, Breites Tor

Am Ortsausgang treffe ich einen Hundebesitzer, der seine zwei stattlichen Picards – französische Hütehunde – in seinem Kofferraum verstaut. Er wünscht mir eine schöne Wanderung. Auf jeden Fall kann ich mich über Trockenheit und Hitze nicht beschweren.

Ein altes Fabrikgebäude am Straßenrand wird vom Fraunhofer-Institut für ein Reallabor zum Recycling von Lithium-Batterie-Speichersystemen genutzt. Vor der Tür stehen zwei Arbeitnehmer und rauchen.

Es geht nun durch den Wald nach Oker. Netto gewinne ich heute gerade mal 27 Meter von Goslar nach Bad Harzburg, aber es geht viel rauf und runter. Am Ortsrand von Oker sehe ich die Türme der Bleihütte im leichten Nebel, die wie überflüssig gewordene Restposten eines vergangenen Industiezeitalters in den Himmel ragen. 

Oker, Bleihütte

Kurz nach Überquerung der Oker nutze ich eine weitere Bushaltestelle, um den Durchnässungsgrad meiner Klamotten so gut es gut zu minimieren. Bis auf die Schuhe gelingt mir das auch relativ gut, die Körperwärme und der Gehwind sorgen dafür, dass die Hose nur unten richtig nass bleibt.

Ich nähere mich nun meinem Ziel und mache einen Abstecher ins Künstlercafé Winuwuk, das mit Worpswede im Zusammenhang steht. Das Haus ist originell gebaut (fast) ohne rechte Winkel, es passt irgendwie in den Harz, windzerzaust wie es aussieht. Leider macht die Galerie erst 14 Uhr auf, so lange kann ich aber nicht warten. Ich esse dort ein Tässchen mittelmäßige Gulaschsuppe für 8 Euro, was mir den Atem verschlägt, das hat mit Inflation nix mehr zu tun, das ist Nepp.

Auf den wenigen Metern, die mich jetzt noch von Bad Harzburg trennen, schaffe ich es noch, mich zu verlaufen. Es hat mit der Darstellung des Tracks als fette rote Linie auf meiner Wander-App E-walk zu tun. Das führt dazu, dass man denkt, der Hauptweg ist identisch mit dem eigenen Track, was aber nicht immer der Fall ist. Es geht ein schmaler, durch Büsche verdeckter Weg links ab, der in den Ort führt, den ich völlig übersehe, weil ich mich ja auf dem breiten Wirtschaftsweg befinde, der übrigens in der App nur gestrichelt dargestellt ist, während mein eigentlicher Trampelpfad fett rot erscheint. Na ja, alles nicht so tragisch, nachdem ich etwa 500 m leicht angestiegen bin, fällt es mir auf und ich finde dann auch Sherlock Holmesmäßig den Abzweig. Heine hat sich auf dieser Etappe übrigens auch verlaufen, er hat ebenfalls den Ort unterhalb der Harzburg, der damals noch deutlich kleiner war und noch Neustadt hieß, nicht auf Anhieb gefunden. Ich bin also in guter literarischer Gesellschaft.

Im Ort bewundere ich das vorbildliche Mülltrennungskonzept, da wird schön unterschieden zwischen Verbundstoffen, Restmüll, Glas/Dosen und Papier. Hoffen wir mal, dass die Fehlwurfquote nicht so hoch ist.

Bad Harzburg, Bunte Mülleimer

In Bad Harzburg hole ich mir mit einem per E-Mail übermittelten Code meinen Schlüssel aus dem Schlüsselkasten und lege mich in meinem Pensionszimmer erstmal hin. Der Regen hört jetzt langsam auf und ich spaziere an der wilden Radau entlang in den Kurpark. Das alte Kurhaus, das 1931 von der Nationalen Front, einem Bündnis aus NSDAP, DNVP, Stahlhelm und anderen nationalistischen Verbänden als Versammlungsort genutzt wurde, wurde  1964 durch ein modernes Gebäude ersetzt.

Bad Harzburg, Radau

Im Haus der Natur lasse ich mich im Schnelldurchlauf – mehr als eine knappe Stunde habe ich nicht – von einem Mädchen, einer Försterin und einen Nationalparkranger in Videos durch die Waldausstellung führen. Dass die Luchse gute Augen haben, wusste ich ja schon, aber, dass sie mit ihren großen Tatzen vor allem Rehe reißen, die viel größer sind als sie, war mir nicht klar. Inzwischen leben wieder rund 100 Luchse im Harz und angrenzenden Gebieten.

Bad Harzburg, Haus der Natur, Luchs mit Rehbeute

Bad Harzburg war um 1900 eines der führenden Heilbäder Deutschlands. Die Basis war eine Solequelle. Im Kurpark kann man weiterhin kneippen. Es stehen aus der damaligen Zeit noch viele Villen, die den Charme einer verlorenen Zeit verströmen.

Bad Harzburg, Villa

Harzreise, 18.6.24, 4. Tag Clausthal-Zellerfeld – Goslar

Juni 19, 2024

Nichts übereilen
Zu zweit den Blick genießen
Fachwerkoverkill

Auch in meinem luxuriösen Zweizimmerappartement wache ich morgens früh gegen halb fünf auf. Fünf Stunden Schlaf müssen reichen. Nach dem ausreichenden Frühstück packe ich meine Siebensachen, vergesse nichts und tippele durch Zellerfeld, das mir etwas gediegener vorkommt als Clausthal, die Bürgerhäuser an der Hauptstraße sind besser gepflegt. Aus dem Ort raus geht es bei Sonnenschein auf einem zweispurigen Weg, mit einem asphaltierten Teil für Fahrräder und einem schmalen Teil für Fußgänger. Die Temperaturen werden heute die zwanzig Grad leicht überschreiten, ideales Wanderwetter.

Weg aus Zellerfeld heraus

Heute am vierten Tag haben sich meine Füße eingegroovt, großartige Wehwehchen habe ich keine. Die Etappe ist mit 17,4 km überschaubar und ich gehe sie beschaulich an, warum in der Ferne schweifen, wenn das Schöne so nah ist? Ich komme wieder an diversen Teichen vorbei, die zum Verschnaufen einladen.

Kiefhölzer Teich

Im Wald dann plötzlich eine Bank, die Besorgnisse ausdrückt, die nicht völlig von der Hand zu weisen sind, aber auch von Parteien gekapert werden, die mir hinwiederum Angst machen. Die Welt ist komplizierter geworden, einfache Lösungen scheinen zwar attraktiv, werden die Probleme aber sicher nicht lösen. Ende der Klugscheißerei…

Bank mit politischer Agenda

Auf dem Wirtschaftsweg kommt ein schweres Forstfahrzeug mit diversen Baumstämmen heruntergefahren. Dort wo es herkommt, muss ich hin, den Berg hinauf. Auf dem Weg treffe ich mehrere Mountainbiker, die an den Kreuzungen die kleinen Wegschilder intensiv studieren. Ich erreiche den mit 762 Meter bisher höchsten Punkt der Wanderung, die Schalke. Auf dieser baumlosen Höhe gibt es einen Aussichtsturm, von dem man sehr schön im Osten bei bester Sicht den Brocken mit dem Sendemast ausmachen kann. Außerdem sieht man in der Ferne rechts Clausthal-Zellerfeld. Am Rastplatz um die Ecke sitzen drei Wanderfreunde, die ins nahegelegene Schulenberg gehen wollen, um dort einzukehren. Plötzlich klingelt mein Handy, ich Stoffel habe mal wieder vergessen, die Rufumleitung vom Büro rauszunehmen.

Schalke, Blick auf Brocken

Es geht nun langsam wieder hinab auf einer Piste, ein weiterer Wanderer ist gerade dabei, mich zu überholen, als er mich fragt, ob der Ort da vorne unterhalb des Brocken Altenau ist, ich kann das nach Studium der Karte im Führer bestätigen. Wir gehen nun gemeinsam den Weg nach Goslar und quatschen die ca. zwei Stunden über den Harz, das Wandern und Gott und die Welt. Er kommt aus Holzminden und ist mit dem Deutschlandticket erst mit der Bahn und dann mit dem Bus die Harzhochstraße nach Auerhahn gefahren, von wo er seine Tageswandertour nach Goslar, wo er wieder in den Zug nach Hause steigen wird, begonnen hat. Wir laufen auf dem Kamm bei schönster Aussicht erst nach Osten, dann nach Norden. Der Weg ist zwar nicht identisch mit dem in meinem Führer, der tiefer verläuft, aber das ist egal, Hauptsache wir landen in Goslar. In der Ferne sieht man schon das Bergwerk Rammelsberg, dem Goslar seinen Reichtum zu verdanken hat. Hier wurden Silbererze abgebaut, das Bergwerk war das erste Erzbergwerk auf deutschem Boden und insgesamt über tausend Jahre in Betrieb und schloss erst 1988. Man kann es heute besuchen und es gehört zum Weltkulturerbe.

Museumsbergwerk Rammelsberg

Hier trennen sich nun unsere Wege, mein Wandergenosse geht zum Goslarer Bahnhof, während ich mich in der Jugendherberge einchecke, wo ich erstmal ein Eis schlecke. Kurz nach 14h ist hier die Ruhe vor dem Sturm und ich lege mich nach der Dusche in meinem Zimmerchen für eine halbe Stunde aufs Ohr.

Goslar, Jugendherberge

Es fängt nun an zu regnen, so dass ich erst kurz vor fünf in den Ort runter gehen kann. Die frühere Hansestadt ist ein riesiges Fachwerkensemble, es wird mir fast zuviel, die herausragenden Bauten wie das Siemenshaus oder das Gildehaus Kaiserworth am Markt – heute ein Hotel – habe ich gar nicht photographiert.

Goslar, Neue Straße

In Goslar steht seit ca. 1000 die gegen Ende des 19. Jahrhunderts renovierte Kaiserpfalz, wo die deutschen Kaiser seit Heinrich dem II. dem Heiligen, gerne Hof hielten. Gegen 1250 war es mit der Kaiserzeit vorbei, nun blühte Goslar mit dem von den Welfen an die Stadt gepfändeten Bergwerk aber erst richtig auf.

Goslar, Kaiserpfalz, rechts Barbarossa, links Wilhelm I.

Neben der Kaiserpfalz steht die 6 m hohe Skulptur „Griff in die Freiheit“ von 1955, die an die Heimkehrer, Kriegsgefangenen und Vermisstenangehörigen aus dem 2. Weltkrieg erinnern soll. Außerdem steht dort eine Tafel für die über 12 Mio. Vertriebenen.

Goslar, Denkmal für Kriegsgefangene

Cut. Wer in Goslar mit dem Bus fährt, kann es sich beim Warten auf einem Thron bequem machen und sich auch einmal kurz wie ein Kaiser fühlen.

Goslar, Bushaltestelle

Harzreise, 17.6.24, 3. Tag Osterode – Clausthal-Zellerfeld

Juni 18, 2024

6 km/h, echt?
Der Natur am Teich lauschen
Wasser hoch halten

Ich wache so gegen halb fünf auf, aber ich war ja auch früh ins Bett gegangen, und ich tippe mein Tagebuch. Die Waden schmerzen etwas. Das Frühstück gegen halb acht üppig, die Pensionsgäste sind Frühaufsteher. Der Gastgeber, der in meinem  Alter ist, erzählt mir davon, dass er die Strecke nach Clausthal in 3,5 Stunden geht, das wäre ein 6 Km/h-Schnitt, im Führer schreiben sie von 5,5 Stunden. Ich ärgere mich, dass er es schafft, mir schlechte Laune zu machen. Ich brauche an reiner Gehzeit um die 5 Stunden, es geht allerdings auch noch zu den Teichen und ist damit nicht ganz der direkte Weg.

Startpunkt ist der große Parkplatz Bleichestelle, wo auch der Harzer-Hexen-Stieg beginnt, der über knapp 100 km über den Brocken nach Thale geht und dessen erster Etappe ich zu einem großen Teil heute folgen werde.

Ich wende mich allerdings erst einmal nach links zum Friedhof hinauf. Dort stehen die traurigen Überreste der alten Burg, man ahnt noch den Bergfried. Sie wurde wohl im 12. Jahrhundert von den Grafen von Katlenburg gebaut. Später gehörte sie Heinrich dem Löwen.

Osterode, Burgruine

Oberhalb des Friedhofs wende ich mich auf einem Weg direkt nach Osten, ein mir entgegenkommender Autofahrer bestätigt, dass es hier nach Clausthal-Zellerfeld geht, er spricht von „Zahle“. Damit vermeide ich, wieder runter zum Parkplatz gehen zu müssen. Ich komme durch Wiesenwege auf den breiten geschotterten Hexen-Stieg, der auf der Strecke bis Clausthal – und dann weiter bis Bad Harzburg – auch Hundscher Weg heißt und früher insbesondere für den Transport von Materialien und Nahrungsmitteln für die Bergleute in Clausthal sehr wichtig war. Am Wegrand die Holzskulptur einer Frau mit einer Kiepe auf dem Rücken, die bis zu 40 kg wiegen  konnte.

Hundscher Weg, Frau mit Kiepe

Der sukzessive ansteigende Weg ist breit und erinnert mich anfangs etwas an die von mir ungeliebte Wanderautobahn Rennsteig. Allerdings gibt es später dann doch einige, schöne Ausblicke. Wanderer treffe ich auch kaum. Der erste Rastplatz ist der Eselsplatz mit Stempelstelle für die Wanderer, die ihre Aktivität gerne dokumentieren.

Hundscher Weg, Eselsplatz

Es eröffnet sich nun ein Ausblick zurück nach Osterode, wo man sehr schön die kurz hinter dem Ort abbrechende Gipskante sieht. Außerdem weiter vorne, einige Häuser des heute zu Osterode eingemeindeten Straßendorfs Lerbach, das sich viele Kilometer lang an der Straße im Tal hinzieht.

Hundscher Weg, Blick auf Osterode, vorne Lerbach

Der nächste Stopp ist der Marienblick, wo man die letzten Häuser von Lerbach sehen kann. Der Mischwald besteht zu jeweils rund einem Viertel aus Fichten und Buchen, dann kommen Eichen und Kiefern. Von den Fichten hat der Borkenkäfer nur noch die kahlen Stämme übrig gelassen.

Hundscher Weg, Marienblick: Die Fichte ist tot, lang lebe der Laubwald!

Auf einer Tafel am Wegrand steht, dass ein Hektar (intakter) Wald ca. 10 t CO2 im Jahr bindet. Wenn man das hochrechnet, dann kann der deutsche Wald den überwiegenden Teil der deutschen CO2-Emissionen durch den Straßenverkehr kompensieren.

Hundscher Weg, Liebespaar

Das Waldsterben, das in meiner Studienzeit in den Achtzigern medial in aller Munde war (Stichwort saurer Regen mit der Verbindung von Stick- und Schwefeloxiden und Wasser, übrigens schon früh im Harzbergbau entdeckt), hat in den letzten trockenen Sommern in großem Maße real eingesetzt. Es ist inzwischen eine Waldfläche von der Größe des Saarlands betroffen. So steht es in dem Buch vom Waldwanderer Gerald Klamer (einem ehemaligen Förster), das ich in Clausthal erstanden habe. Die langfristige Lösung kann ja nur sein, hitzebeständigere Baumarten zu pflanzen. Das werden dann jedenfalls keine Fichten mehr sein.

Hundscher Weg, Der Wald steht still und schweiget

Das letzte Stück der heutigen Etappe ist ein Wasserwanderweg auf den Spuren der Wasserwirtschaft in Clausthal. Für das Betreiben der Silbererzbergwerke war Energie nötig, die man aus den umliegenden Teichen durch geschickte Leitung des Wassers gewann. Sie setzte dann bis zu 10 m große Schaufelräder in Bewegung, die dann Pumpen, Gebläse und Pochwerke antrieb, indem die drehende Bewegung des Rades z. B. in Auf- und Abbewegungen von Stangen umgesetzt wurden.

Ich gönne mir am Hirschler Teich eine Pause, trinke einen Liter Wasser, beobachte das Treiben der Vögel und Insekten und lausche ihren Lautäußerungen. Ich bilde mir ein, Teil der Natur zu sein und versuche für ein paar Momente einzutauchen in sie.

Vor Clausthal, Hirschler Teich

Über die Harzhochstraße, die B242, gehe ich hinunter nach Zellerfeld, wo ich mich einquartiert habe. Kurz vor dem Ziel kann ich einem Regenschauer ausweichen, indem ich im Discounter Proviant besorge. Mein Zimmer hat ein Upgrade bekommen, ich darf in einem 2 Zimmer-Appartement nächtigen, hoffentlich vergesse ich hier bei den vielen Ablageorten nichts.

Clausthal, Marktkirche

Nach der Dusche und einem weiteren Regenguss gehe ich raus. Vorher habe ich mir die Schuhe vorne noch fest zugebunden, um beim Abwärtsgehen nicht immer vorne am Schuh anzustoßen. Es macht einen großen Unterschied. Zuerst gehe ich hinunter zur B242, dann wieder hinauf die Hauptstraße, den Zellbach, in den anderen Ortsteil Clausthal. Hier stehen viele, oft ziemlich heruntergekommene Holzhäuser. Man sieht auch viele junge Leute aus allen möglichen Ländern, es gibt rund 4.000 Studenten an der TU, bei rund 15.000 Einwohnern insgesamt. Ich gehe bis zur blauen Marktkirche aus Holz, mit über 2.000 Plätzen die größte Holzkirche Deutschlands. Gegenüber ist das Landesamt für Bergbau, Energie und Geologie.

Interessant und im zweiten Fall erschreckend die Ergebnisse der letzten Europawahl im Harz. Im Landkreis Goslar, der die westlichen Teile vereint, war die CDU vor der SPD und der AfD stärkste Kraft, soweit so gut. Im Landkreis Harz mit dem Ostharz hingegen war die AfD vor der CDU und dem BSW an der Spitze, die SPD war nur noch einstellig. Die Ergebnisse in ganz Ostdeutschland waren ähnlich. Da gibt es nichts schönzureden, der eiserne Vorhang hat sich in den Köpfen wieder gesenkt.

Zum Nachdenken noch ein

P. S. Bevor ich einschwenkte auf den Wasserwanderweg gab es eine Hinweistafel zu den Todesmärschen der Nazis im April 1945. Vom KZ Gandersheim marschierten am Samstag, dem 4.4. 450 Häftlinge Richtung Wernigerode über den Harz. Die Nazis sperrten sie in die Zellerfelder Kirche. Viele litten an Durchfall weil sie völlig ausgezehrt Hundefutter gegessen hatten. Sie konnten nicht anders, als ihre Notdurft in der Kirche zu verrichten. Das nahmen die Nazis als Vorwand für zwei Massaker an 21 Häftlingen (Franzosen und Italiener). Auch viele andere KZ-Insassen bezahlten den Todesmarsch mit dem Leben. Ende April kamen noch 150 lebende Häftlinge nach  einem Güterwaggontransport in Dachau an.

Hinweistafel zu KZ-Todesmärschen im Westharz

Harzreise, 16.6.24, 2. Tag Northeim – Katlenburg – Osterode

Juni 17, 2024

Füße schwer wie Blei
Abstecher in die Kindheit
Gips unter dem Fuß

Morgens suche ich als erstes meine Brille. Sie taucht später unter den Sachen wieder auf. Das Frühstück nehme ich mit einem dänischen Paar ein, das auf dem Rückweg ist. In der Fußgängerzone bin ich alleine und sehe verschiedene Skulpuren u. a. von Momo aus dem Buch von Michael Ende, das ich als Jugendlicher von Tante H. geschenkt bekommen hatte, aber aus Arroganz nie gelesen habe. Das sollte ich eventuell mal korrigieren.

Northeim, Momo und Kassiopeia auf dem Weg zu Meister Hora (Michael Ende)

Ich verlasse nun Northeim, komme am Friedhof vorbei, wo im östlichen Teil mit den frischen Gräbern eine größere Anzahl von Muslimen an einem Grab steht, keine einzige Frau dabei. Der Imam in seiner weißen Tracht kommt auch gerade. Heute ist das Opferfest.

Mir sind heute am zweiten Tag die Beine klumpenschwer, ich habe das Gefühl, nicht voranzukommen. Auf dem Leine-Ruhme-Radweg geht es unweit letzterer meist auf Asphalt gen Osten. Vereinzelt treffe ich auf Sonntagsradfahrer, an einer Stelle geht es auf einem Schotterweg etwas bergauf und dann wieder bergab, ansonsten ist die heutige Etappe mehr oder weniger flach. Hinter Elvershausen wende ich mich nach rechts auf die Straße nach Katlenburg, dessen oberen, auf einer Anhöhe liegenden Teil man in der Ferne sieht. Ich komme an der Fruchtweinkellerei vorbei, wo es nach vergorenem Obstsaft riecht. Das Stammhaus wurde von einem Dr. Demuth 1853 erbaut.

Nun komme ich zum ehemaligen Stillehof, wo wir in meiner Kindheit häufig bei meiner Großmutter, von uns Omi Katlenburg genannt zu Gast waren. Die andere Omi, die Mutter meines Vaters, hieß Omi Einbeck, das nicht weit entfernt ist. Omi K. wohnte in einem, inzwischen abgerissenen Gebäudeteil zwischen der heute mit PV zugepflasterten Scheune und dem Wohngebäude von Bauer Stille. Da wo der weiße Kleinbus auf dem Bild steht. Ich klingele, leider ist niemand zuhause. Marlene Herwig, die Enkelin(?) von August Stille, den ich noch kannte, betreibt nun mit ihrem Mann eine Walnussveredelung hier.

Katlenburg, Klosterhof (früher Stille-Hof)

Ich gehe nun die Treppenstufe hoch zur „Burg“, was mir mit meinen schweren Beinen schwer fällt. Ich erinnere mich nicht, hier jemals zu Fuß hochgegangen zu sein, oft war ich nicht hier oben, wahrscheinlich immer mit dem Auto. Oben ist die St. Johanneskirche, wo meine Eltern im kalten Dezember 1962 sich haben trauen lassen.

Katlenburg, St Johanneskirche auf der „Burg“

Im Gebäude neben der Kirche ist die Bücherburg, wo nicht mehr gebrauchte Bücher ihre hoffentlich nur vorübergehende Heimat finden. Ich finde dort in dem recht gut geordneten Second Hand Bücherreich doch tatsächlich einen Bildband über den Harz, obwohl mir Martin Weskott, wie ich gerade übers Internet erfahre, seit 1979 Pfarrer der Gemeinde, sagte, dass Bücher über die Gegend immer sofort weggingen. Eine tolle Bücheraktion, die ihm sogar das Bundesverdienstkreuz eingebracht hat.

Katlenburg, Bücherburg

Ich verlasse Katlenburg auf der Bundesstraße 241 nach Osterode über die Brücke über die Rhume, die hier ganz flott dahinfließt, aber natürlich viel schmaler ist, als ich sie in meiner kindlichen Erinnerung habe.

Katlenburg, Rhume

Ich sehe bald im Osten in der Ferne einen mit Nadelbäumen bestandenen Berg, der Brocken war es wohl noch nicht, in jedem Fall ist der Harz nicht mehr weit. Die Bundesstraße verlasse ich in Berka und komme bald wieder auf den Radweg.

Baumsterben

Hier zieht es sich nun, ich lutsche Lakritzbonbons und komme durch das scheinbar endlose Straßendorf Droste. Im heimeligen, kopfsteingepflasterten Uehrde, das in der Gipskarstlandschaft liegt, hat jemand das Dorf zu einem Drink zu sich eingeladen. Die Gaststätte ist dementsprechend zu. Die letzten paar km schaffe ich jetzt auch noch. Am Straßenrand eine Bank und dahinter eine Rehherde. Plötzlich setzt sich der „Leitbock“ in Bewegung und die ganze Herde folgt ihm. Am Ende steht noch ein einsames Reh an der Stelle, das entweder den Anschluss verloren hat oder ganz froh ist, allein auf dem Magerrasen zu äsen.

Bei Uehrde, Rehherde

Das letzte Stück gehe ich durch ein Wäldchen die Gipskante steil hinab nach Osterode. Dort begebe ich mich auf dem schnellsten Weg in mein Dreisternehotel und erhole mich mit 0,2l Cola aus der Minibar, einer Dusche und der 2. Halbzeit Niederlande Polen, das so ausgeht, wie von mir getippt. Später gehe ich noch einmal durch den am Sonntagabend doch recht verlassenen Ort, esse beim Griechen – er heißt wirklich so – und bestaune in der Fußgängerzone noch eine Skulptur, die einen Eseltreiber zeigt, der Korn (das Getränk!) für die Bergleute in den Harz transportiert.

Osterode, Markt mit Aegidienkirche
Osterode, Eseltreiber

Harzreise, 15.6.24, 1. Tag Göttingen – Northeim

Juni 16, 2024

Holzstamm im Schatten
Literflasche H2O
Mehr brauchts nicht zum Glück

Nachdem ich am Vorabend mit dem Zug aus Frankfurt angereist bin, vom Bahnhof in mein Hotel in der Nordstadt an der Weender Straße getippelt bin, dort in der Sauna schön geschwitzt habe, zum Abendbrot einen Flammkuchen gegessen habe und die drei Tore der ersten Halbzeit Deutschland gegen Schottland genossen habe und dann eingepennt bin, geht es heute an einem am Morgen vom Wetter her wenig verheißungsvollen Samstag los auf die Wanderschaft auf den Spuren Heinrich Heines.

Das Frühstück nehme ich in einer Fast Food Kette ein, wo ich um 8 der erste Kunde bin. Es wird bis zum Abend meine einzige Mahlzeit bleiben, Orangensaft, ein kleiner Bun mit Ei und gepresstem Würstchenfleisch, ein Croissant und ein Capuccino. Der Regen lässt langsam nach. Ich habe jede Menge WandergenossInnen, auf die ich aufpassen muss, um ihnen kein Leid zuzufügen.

Weinbergschnecke on the road

Es eröffnen sich Ausblicke auf Weende, ich komme an einem Gatter mit Rehen vorbei, bin von dem Rot des langen Mohnstreifens am Feldrand hypnotisiert. Außer mir sind einige Radfahrer, Jogger und Gassigeher unterwegs. Hier entscheide ich mich, nicht Heines Route im Tal über Bovenden zu nehmen, sondern die beiden Burgen unweit des Weges mitzunehmen. Was natürlich heißt, dass es Auf und Ab geht, ich würde denken, der reizvollere Weg, ich habe ja auch mehr Zeit als Heine, der am ersten Tag angeblich 47 km von Göttingen nach Osterode ging, ich habe diese Strecke in zwei Etappen aufgeteilt.

Mohnstreifen neben Gerstenfeld

Oberhalb von Eddigehausen steht die sehr gut erhaltene Burg Plesse. Ich komme von Süden durch den Wald über den steilen Eselstieg, den ich fast übersehe. Oben angekommen habe ich das ausgedehnte Burggelände mit Eingangstor, mehreren Türmen, Burghof, Kapelle, ehemaligem Herrenbau, heute Gaststätte, ganz allein für mich. Es ist windig hier oben, das Restaurant macht erst mittags auf. Die Sicht nach Nordwesten ist gut, es ist noch bedeckt, aber der Himmel wird sich im Laufe des Tages aufklaren.

Burg Plesse von Süden
Burg Plesse, Wehrturm
Blick von Burg Plesse

Auf der Karte sieht es nicht weit aus, aber laut Maps sind es 7 km zu meinem nächsten Zwischenziel, der Burgruine Hardenberg, passenderweise waren wir ja vor kurzem auf der Burg Neuhardenberg 60 km nordöstlich von Berlin, wo ein anderer Teil der Familie Hardenberg später residierte. Ich komme etwas vom Weg ab, der durch Laubwald verläuft, ich muss durch den zugewachsenen Wald recht steil absteigen, mache eine Trinkpause im Restaurant Rodetal und komme schließlich nach Nörten-Hardenberg, wo ein größeres Reitertreffen stattfindet. Oben am Tor der Burgruine steht ein Schild, dass das Betreten verboten ist aufgrund von Einsturzgefahr, offensichtlich ein Witz. Hier ist auch eine Nebenstelle des Standesamtes, es hat sich eine Hochzeitsgesellschaft eingefunden, die gerade ihren Aperitiv nimmt. Oben steht ein älterer unscheinbarer Herr, der mich darauf hinweist, dass wir (!) hier nicht mehr lange bleiben können, weil die Hochzeitsfeiernden demnächst das Tor schließen werden, um ihre Ruhe zu haben. Ich bin mir ziemlich sicher, dass dies der Burgherr war, bin aber zu verdutzt, zu fragen. Bei Hardenberg wird es den Germanisten in den Ohren klingeln. Der früh gestorbene Romantiker Novalis gehört auch zur Familie, wurde aber auf einem anderen Gut der Familie in der Grafschaft Mansfeld geboren.

Burgruine Hardenberg
Blick von Burgruine auf Nörten-Hardenberg

Von Nörten-Hardenberg sind es etwa noch 10 km zu meinem Etappenziel. Ich finde einen Wiesenweg, der teilweise am Waldrand nach Norden verläuft und mich bis kurz vor Sudheim bringt. Anschließend stoße ich auf die vielbefahrene B3, kann aber meist auf dem Grünstreifen zwischen Radweg und Straße unter blühenden, gut duftenden Linden laufen. Ich treffe dort außer Autos bis kurz vor Northeim niemanden.

Am Stadtrand ein weiterer Outpost der o.n.g. Fast Food Kette, wo ich unbedingt einen Milk Shake zu mir nehmen muss. Das Eis ist so kalt, dass ich beim Trinken mit dem Strohhalm hinter der Nase einen Kälteschock mit leichtem Kopfschmerz erleide, Anfängerfehler. Ich beobachte das Treiben im Restaurant, bin überrascht, dass die meisten ihre Bestellungen über die Displays aufgeben und nicht mündlich. Etwas spooky, aber evtl. sogar schneller, weil die Bestellungen oft ziemlich komplex sind. Außerdem fällt mir auf, dass insbesondere Frauen, die hier essen gehen, fast durchwegs vollschlank sind. Keine so wirklich überraschende Beobachtung.

In Northeim gehe ich in mein Hotel, dusche mich, leiste mir mehrere Weißbiere, gucke den Spaniern zu, wie sie die Kroaten vernichten und futtere nach einem Gang durch die schmucke Fußgängerzone voller Fachwerkhäuser am Münsterplatz Schnitzel mit Spiegelei und herrlich krossen Bratkartoffeln.

Die Füße spüre ich überraschend stark nach der Wanderung, habe leichten Muskelkater und einen ganz kleinen Wolf. Also eigentlich alles ganz normal nach dem ersten Wandertag.

Northeim, Fußgängerzone
Northeim, Münsterplatz

3986

Juni 15, 2024

Baumstamm im Schatten

Literflasche H2O

Mehr brauchts nicht zum Glück

Wanderideen

April 29, 2024
  • Achensee, Umrundung, ca. 20 km
  • Wannseeweg, rund um den Wannsee, 25 km
  • Moersbach, Krefeld-Traar – Rheinberg-Ossenberg, knapp 30 km
  • Rennstieg (Hainichkammweg), Eigenrieden – Hörselberg (Behringen), 31,6 km
  • Schinderhannespfad, Kastellaun – Gemünden, 37 km, 2 Etappen
  • Kyffhäuserweg, Rundweg ab Bad Frankenhausen, 37 km, 3 Etappen
  • Holsteinische Schweiz Weg, Plön – Eutin, 53 km, 3 Etappen
  • Spessartweg 1, Aschaffenburg – Gemünden am Main, 60 km, 3 Etappen
  • Oderlandweg, Rundweg ab Falkenberg, 63 km, 65% naturnah, 3 Etappen
  • Diemelsteig, Rundweg, startet in Heringhausen am Diemelsee, 63 km, 1250 Höhenmeter, 3-4 Etappen
  • Ederhöhenpfad, Bad Berleburg-Bedelhausen – Vöhl-Schmittlotheim, 63 km, 1812 Höhenmeter, 4 Etappen
  • Urwaldsteig um den Edersee, 66 km, 1900 Höhenmeter, 4-6 Etappen
  • Medebacher Bergweg, 66 km, Rundweg, 1300 Höhenmeter, 4 Etappen
  • Eggeweg, Externsteine – Marsberg, 73 km, 3 Etappen
  • Rund um den Chiemsee, 74 km, evtl. Basis in Prien, 3-4 Etappen
  • Klingenpfad um Solingen, 75 km, 3-4 Etappen
  • Rheinterrassenweg, Worms – Mainz, 75 km, 6 Etappen
  • Milseburgweg, Fulda – Meiningen, 80 km, 4 Etappen, April 2025
  • Grimmsteig, 82 km, Start/Ziel Söhrewald – Wellenrode, 4 Etappen, Mai/Juni 2025
  • Soonwaldsteig, Kirn – Bingen, 85 km, 6 Etappen
  • Niederhöchstadt – Assmannshausen, Taunus + Rheinsteig, 95 km, 4 Etappen
  • Harzer Hexenstieg, Osterode – Thale, 97 km, 5 Tage
  • Naturpark Leine-Werra, Heiligenstadt – Creuzburg, 98 km, 5 Etappen
  • Sylt, Rundwanderung, 100 km, 4 Etappen?
  • Kammweg Böhmische Schweiz, Tisá – Jedlová, 100 km, 6 Etappen
  • Dutch Mountain Trail, Eygelshoven – Maastricht, 101 km, 4-5 Etappen
  • Forststeig, Schöna – Bad Schandau, 105 km, 2911 Höhenmeter, 7 Etappen
  • AhrSteig, Blankenheim – Sinzig, 106 km, 7 Etappen
  • Meditationsweg Ammergauer Alpen im Blauen Land, 107 km, 6 Etappen
  • Murgleiter, Gaggenau – Schliffkopf, 110 km, 5000 Höhenmeter, 5 Etappen
  • Madeira-Inselüberquerung, 110 km, 6000 Höhenmeter, 7 Etappen
  • Eselsweg, Schlüchtern – Großheubach, 111 km, 6 Etappen
  • Südöstliche Fränkische Schweiz, Rundwanderweg ab Pegnitz, 103 km, 1600 Höhenmeter, 80% naturnah, 5 Etappen
  • Mullerthal Trail, rund um Echternach, 112 km, 6 Etappen
  • Pfälzer Höhenweg, Winnweiler – Wolfsteig, 112 km, 7 Etappen
  • SaaleHorizontale, Jena-Lobeda – Jena, 113 km, 2.600 Höhenmeter, 7 Etappen
  • Nord-Ostsee-Wanderweg, Meldorf – Rendsburg – Kiel, 113 km, 5 Etappen
  • Vulkanring, Vogelsberg, Rundwanderweg, 118 km, 6 Etappen
  • Schluchtensteig: Stühlingen – Wehr, 119 km, 3.180 Höhenmeter, 6 Etappen
  • Ausoniusweg, Bingen – Trier, 120 km, 6 Etappen
  • Küstenwanderweg Bornholm, 120 km, 7 Etappen
  • Burgensteig Bergstraße, Darmstadt-Eberstadt – Heidelberg, 120 km, 3650 Höhenmeter, 9 Etappen
  • Cumbria Way (Lake District), Ulverston – Carlisle, 122 km, 6 Etappen
  • Malerweg, Liebethaler Grund – Pirna (fast ein Rundweg), 126 km, 4.645 Höhenmeter, 8 Etappen, Juli 2025
  • Pilgerweg Berlin – Bad Wilsnack, 130 km, 7 Etappen
  • Nibelungensteig, Zwingenberg – Freudenberg, 131 km, 5450 Höhenmeter, 7 Etappen
  • Werra-Burgen-Steig X5H, Hannoversch Münden – Nentershausen, 134 km, 11 Etappen
  • (EB Teil 2, Olbernhau – Schmilka, 135 km, 6 Etappen)
  • Hadrian’s Wall Path, Wallsend – Bowness-on-Solway, 135 km, 6 Etappen
  • Rund um die Schorfheide, Ab Eberswalde, 135 km, 7 Etappen
  • Hochrhöner, Bad Kissingen – Bad Salzungen, 138 km (Westroute), 8 Etappen
  • Bonifatiuspfad, Wrexen – Burg Herzberg, 139 km, 8 Etappen
  • Pfälzer Waldpfad, Kaiserslautern – Schweigen-Rechtenbach, 142 km, 9 Etappen
  • Alemannenweg, Erbach – Michelstadt, 144 km, 4300 Höhenmeter, 7 Etappen
  • Burgenwanderweg, Rundweg ab Bad Belzig, 149 km, 485 Höhenmeter, 8 Etappen
  • Causeway Coast, Nordirland, Belfast – Derry, 152 km, 6 Etappen
  • Rothaarsteig, Brilon – Dillenburg, 154 km, 8 Etappen
  • West Highland Way, Milngavie (bei Glasgow) – Fort William, 154 km, 7-9 Etappen
  • Uckermärker Landrunde, Prenzlau – Seehausen, 155 km, 8 Etappen
  • Hermannsweg, Rheine – Horn-Bad Meinberg, 156 km, 8 Etappen
  • Harzreise, Göttingen – Ilsenburg, 157 km, 7 Etappen, Juni 2024
  • Kellerwaldsteig, Start/Ziel Frankenau, 158 km, 12 Etappen
  • Kassel-Steig, 159,7 km, Start/Ziel Herkules, 12 Etappen
  • Berliner Mauerweg, 160 km, wohl eher Radtour
  • Jakobsweg Marburg – Köln, 166 km, 8 Etappen, Okt. /Nov. 2024
  • GR Tour des Monts d’Aubrac, 167 km, 4.057 Höhenmeter, 8 Etappen
  • Müritz Nationalpark Weg, Rundweg ab Waren, 175 km, 9 Etappen
  • Luxemburgischer Jakobusweg, Südlich Ouren – Schengen, 179 km, eigentlich 6 Etappen
  • GR20 Korsika, Calenzana – Conca, 180 km, 12.500 Höhenmeter, 16 Etappen
  • Umgekehrter Jakobusweg Nürnberg – Hof, 183 km, 8 Etappen
  • Heidschnuckenweg, Hamburg-Fischbek – Celle, 186 km, 51% naturnah, 10 Etappen, August 2023
  • Pfälzer Weinsteig, Bockenheim an der Weinstraße – Schweigen-Rechtenbach, 61% naturnah, 172 bzw. 185 km, 11 Etappen
  • Schinderhannespfad, Taunusrundweg, 189 km, 3960 Höhenmeter, 7 Etappen
  • Elisabethpfad, Eisenach – Marburg, 196 km, 9 Etappen, Februar 2024
  • RheinBurgenWeg, 196 km, Remagen – Bingen, 13 Etappen
  • Natursteig Sieg, Siegburg – Mudersbach, 197 km plus Zuwege in Orte, 14 Etappen
  • Rheinsteig Teil 2, Kamp-Bornhofen – Bonn, 199 km, 14 Etappen
  • Jakobsweg Berlin – Bad Wilsnack – Tangermünde, 200 km, 11 Etappen
  • Jakobsweg Nijmwegen – Köln, 202 km, 10 Etappen
  • Kerry Way, Killarney-Rundweg, 214 km, 9 Etappen
  • Märkischer Landweg, Feldberg bzw. Fürstenberg – Mescherin, 217 km, 62% naturnah, 10 Etappen
  • Jakobsweg, Vacha – Fulda – Niederhöchstadt, 220 km, 9 Etappen, Februar 2025
  • Weserberglandweg, Hannoversch Münden – Porta Westfalica, 225 km, 13 Etappen
  • Fuldahöhenweg, Hannoversch Münden –  Fuldaquelle, 227 km, 10 Etappen
  • Rheinhöhenweg, linksrheinisch, Bonn – Alsheim (südlich Mainz), 240 km, 10 Etappen
  • X13-Studentenpfad, Gießen – Marburg – Kassel – Göttingen, 247 km, ca. 12 Etappen
  • Jakobsweg, Niederhöchstadt – Luxemburg, ca. 250 km, ca. 12 Etappen
  • E4 Peloponnes, Diakopto – Gythion, 260 km, 15 Etappen
  • Kammweg Erzgebirge – Vogtland, Geising – Blankenstein, 287 km, 4350 Höhenmeter, 17 Etappen
  • Eifelsteig, Trier – Aachen, 313 km, 7.746 Höhenmeter, 15 Etappen, Juli 2024
  • Werra-Burgen-Steig, Hannoversch Münden – Werraquelle, 350 km, 17 Etappen
  • Lutherweg 1521: Worms – Eisenach, 356 km, 18 Etappen
  • Albsteig, Donauwörth – Tuttlingen, 365 km, 8346 Höhenmeter, 27 Etappen
  • Voie d’Arles Teil 2, Montpellier – Toulouse, 380 km, 17 Etappen
  • Ostseeweg E9, Travemünde – Ahlbeck, 387 km, 14 Etappen
  • Saar-Hunsrück-Steig, Perl – Trier, 415 km, 27 Etappen
  • 66-Seen-Weg, rund um Berlin, 416 km, 79% naturnah, 17 Etappen
  • Märchenlandweg, Rundwanderweg ab Bad Karlshafen, 440 km, 31 Etappen
  • Romantische Straße, Würzburg – Füssen, 491 km, 25 Etappen
  • Trans-Kreta, Kissamos – Kato Zakros, 500 km, ca. 21 Etappen
  • GR5, Du Lac Léman à la Méditerranée, Saint-Gingolph – Nice, 508 km, dénivelé 29.200 m, 36 étapes
  • Frankenweg, 517 km, Untereichenstein – Harburg, 8.300 Höhenmeter, 23 Etappen
  • GR10, La Grande Traversée des Pyrenées, Hendaye – Banyuls-sur-Mer, 922 km, dénivelé 55.000 m, 50-60 étapes
  • Grande Traversata delle Alpi, Alpe di Cruina (Tessin) – Ventimiglia, 1.000 km, 65.000 Höhenmeter, 65 Etappen
  • South West Coast Path, Minehead, Somerset – Poole Harbour, Dorset, 1.014 km, 52 Etappen
  • Via Romea Germanica, Stade – Mittenwald, 1093 km, 8121 Höhenmeter, 54 Etappen
  • Shikoku-Pilgerweg 88 Tempel, 1250 km, 50 Etappen
  • Wales Coast Path, 1.400 km, 8 Wochen
  • GR34, sentier des douaniers, Mont-Saint-Michel – Saint Brieuc, >2.000 km, 103 étapes

3872

April 28, 2024

Der Blick von außen

„Fichte spricht, bevor sie bricht.“

Überm Nebelmeer

[Paul Scraton – Harzwanderungen. Auf Heines Spuren durch den deutschen Wald.]

3858

April 20, 2024

Neun Tage spaziert

Sonnenaufgang am Brocken

Die Ilse hinab

[Heinrich Heine – Die Harzreise]

April 15, 2024

Travelling at the speed of the soul (Nick Hunt)

Elisabethpfad F-MR, Epilog 15

April 8, 2024

Der Sommer ist da
Blick zurück nach vorgestern
Nadelnde Lärchen

Am letzten Tag des Urlaubs machen wir noch eine Exkursion in die Lahnberge auf der linken Lahnseite. Über Nacht ist es sommerlich geworden und die Natur ist erblüht. Die Temperaturen erreichen um die 25 Grad, die Sonne, die sich die ganze Woche so rar gemacht hatte, hat sich nun eines anderen besonnen und scheint heute als gäbe es kein Morgen.

Im TEKA-Kaufhaus – sehr sympathisch, dass es sowas noch gibt hier – kaufen wir noch schnell eine Mütze und das Marbuch.

Hinter der Elisabethkirche findet vor dem wegen unzureichendem Brandschutz geschlossenen Mineralogischen Museum, das ursprünglich vom Deutschen Orden als Kornspeicher genutzt wurde, ein Wochenmarkt statt. Wir schlendern über den Markt und spazieren an einem Lahnnebenarm entlang, der zurück in die Lahn fließt, gehen dann über eine Lahnbrücke und überqueren anschließend die Fußgängerbrücke über die vierspurige B3, die sofort auf der anderen Lahnseite in Nord-Südrichtung verläuft. Wir sind überrascht, dass sich in unmittelbarer Altstadtnähe eine viel befahrene, autobahnähnliche Straße erstreckt.

Wochenmarkt vor Mineralogischem Museum
B3

Es geht anschließend einen asphaltierten Weg steil bergauf in den Wald. Dort gehen wir auf dem unter dem Laub immer noch rutschigen Waldweg in Serpentinen hinauf zum Spiegelslusstturm, der auch Kaiser-Wilhelm-Turm genannt wird, weil er wie so viele Aussichtstürme kurz nach der Gründung des Deutschen Reiches gebaut wurde. Man hat von dem mit 400 m höchsten Punkt der Stadt ein schönes Panorama über die Altstadt und das Schloss, von dem Catherine gestern den Turm gesehen hatte und als Ausflugsziel auserkoren hatte. Den Turm ziert das Elisabethherz, das man nachts durch Anruf einer Nummer zum Leuchten bringen kann.

Spiegelslustturm
Blick auf Marburg vom Spiegelslustturm

In Süden in der Ferne erkennen wir den knapp 500 m hohen Dünsberg mit dem Fernmeldeturm, an dessen Fuß wir zwei Tage zuvor übernachtet hatten.

Wir steigen die Stufen hinauf zum Turm, die Aussicht nach Osten ist durch die hochgewachsenen Bäume versperrt. Oben im Inneren des Turms hängen einige Zeichnungen von Marburger Ansichten.

Im Wald gibt es Markierungen des MX9, einer Alternative zum Elisabethpfad von Eisenach nach Marburg.

Blick auf den Dünsberg vom Spiegelslustturm

Wir gehen nun weiter auf einem asphaltierten Weg durch den Wald nach Osten bis zum Klinikum, von wo wir einen Bus zum Botanischen Garten an den Gebäuden des neuen Unicampus vorbei nehmen.

Im Botanischen Garten sind überraschend viele junge Leute unterwegs. Wir sehen viele verschiedene Bäume, z. B. chinesische Mammutbäume, aber auch Gingkos, Obstbäume, viele Nadelbäume etc. Man kann die verschiedenen Rinden der Bäume betasten, die Buche sehr glatt, die Eiche sehr zerfurcht etc. Vor dem Bienenhaus herrscht ein reges Summen. Im Waschbärengehege ist niemand zu sehen. Die Tiere ruhen sich von ihren nächtlichen Aktivitäten aus. Im Café stärken wir uns mit einer herzhaften Schinkenwaffel mit Kräuterquark.

Wir gehen nun wieder zurück durch den Wald hinunter nach Marburg, wo wir nach  einer knappen Stunde unser Hotel erreichen und unsere dort deponierten Rucksäcke abholen sowie zum Bahnhof gehen. Der Regionalzug hat eine Viertelstunde Verspätung und ist wegen eines fehlenden Wagens knackevoll. Wir finden oben, wo die Temperaturen fast saunahaft sind – Klimaanlage Fehlanzeige, man kann nur wenige Fenster öffnen – noch 2 Sitzplätze. Gegen 20 Uhr sind wir wieder zuhause, wo uns der Nachbar mit Kimba, der Sennenhündin begrüßt.

Blick auf Elisabethkirche von St. Michaelskapelle

Zum Schluss noch etwas zum Namen Elisabeth. „Eli“ bedeutet Gott und „Sabeth“ (Sabbat) Sieben. Also „Gott ist Sieben“ oder „Gott ist Fülle“. Oben auf dem Nordturm der Elisabethkirche ist ein siebenzackiger Stern angebracht, der Elisabethstern. Eine kleine Variante mit den drei Elisabethpfaden drauf, habe ich bei der Wanderung um den Hals getragen.

Als nächste Tour bietet sich übrigens der dritte mir noch fehlende ca. 160 km lange Weg von Köln nach Marburg an. Den man auch in der anderen Richtung als Jakobsweg gehen kann. Der gerade neu erschienene Pilgerführer beschreibt den Weg in beiden Richtungen.

Elisabethstern

Hier der Etappenüberblick über unsere Wanderung auf dem Elisabethpfad von zu Hause in Niederhöchstadt nach Marburg zu Ostern 2024.

Elisabethpfad F-MR, 7. Etappe Oberweimar – Marburg 11

April 6, 2024

Das Wetter schwingt um
Der Weg gleitet unter mir

Ein letzter Anstieg

Noch eine erholsame Nacht in einer Einliegerwohnung. Man fühlt sich in einer eingerichteten Wohnung einfach mehr zuhause als in einem anonymen Pensions- oder Hotelzimmer. Wir kochen uns vier kleine Kannen Tee, futtern Muffins zum Frühstück.

Nach einem Plausch mit unseren Gastgebern an der Haustür, die glaube ich ursprünglich aus Tschechien stammen, geht es auf die letzte, kurze Etappe nach Marburg. Es tröpfelt immer noch etwas, aber der Regen lässt langsam nach und die Sonne kommt im Laufe des Tages raus. Wir können die Regenjacke bald um den Bauch binden, was auch deswegen Sinn macht, weil wir noch einige Steigungen vor uns haben und insbesondere gegen Ende ins Schwitzen kommen.

Der Weg geht auf matschigem Grund bald in den noch lichten Laubwald hinein. Ich komme schnell in meinen Rhythmus, die Beine sind leicht, das walker’s high stellt sich ein. Mitten im Wald mehrere Häuser, ein Freizeitgelände. Wir sehen Jugendliche kommen und gehen.

Es geht nun um den Stadtwald genannten Stadtteil herum. Dort sehen wir ein Eichhörnchen, das einem anderen hinterherjagt. Sie klettern spiralförmig in einem Affentempo den Baum hoch, nehmen keine Notiz von uns. Für ein Foto mit den beiden bin ich natürlich mal wieder zu langsam. La saison des amours est ouverte.

Stadtwald, Eichhörnchen

Hinter Stadtwald haben wir einen phantastischen Blick auf das Marburger Landgrafenschloss im Norden.

Blick vom Hasenkopf zum Landgrafenschloss

Es geht nun auf einem schmalen, romantischen Pfad hinab durch eine Wiesenlandschaft mit vielen Bäumen.

Blick zurück vom Heiligengrund

Unten liegt Ockershausen, ein Vorort von Marburg mit dörflichem Charakter. Dort im Bücherschrank steht ein Französisch-Deutsch-Französisch Wörterbuch mit 260.000 Wörtern, das ich unbedingt mitnehmen muss. Höchstens fünf Pfund schwer. Von hier geht es steil bergauf an einer vielbefahrenen, kleinen und kurvigen Straße zum großzügig angelegten Marburger Zentralfriedhof, wo u. a. die Theologen Rudolf Bultmann und Rudolf Otto bestattet sind. Wir gehen um den Friedhof herum und laufen nun im Streichen auf einem schmalen Fußweg Richtung Schloss. Es kommen uns hier einzelne Radfahrer in z. T. recht hohem Tempo entgegen, die sich nicht mal dafür bedanken, dass wir ihnen netterweise den Weg frei machen.

Im Schlosspark ruhen wir unsere müden Glieder auf einer Liegebank aus und trinken etwas Wasser, es gibt in dem Moment nichts Entspannenderes als sich in die Horizontale zu begeben und den Vögeln zu lauschen. Eine Kindergruppe, die zum Schloss hochgestiegen ist, hat die Liegebänke auch für sich entdeckt.

Marburg, Schlosspark

Wir gehen einmal ums Schloss, man hat einen Blick auf die Neustadt, gegenüber ist der bewaldete Hügel mit dem Spiegelslustturm. Im Innenhof des Schlosses eine Steinmetzarbeit, wo u. a. Elisabeth dargestellt wird, wo sie den Bedürftigen zu essen und zu trinken gibt.

Marburg, Innenhof vom Kurfürstenschloss
Marburg, Kurfürstenschloss. Detail.

In der Elisabethkirche, deren Südteil mit Elisabeths Grab und der Jesusskulptur von Barlach wegen Renovierung immer noch geschlossen ist, lassen wir uns den finalen, dunkelblauen Pilgerstempel geben. Aufgrund der meist geschlossenen Kirchen ist der Pilgerausweis recht leer geblieben.

Pilgerausweis
Marburg, Elisabethkirche. Elisabethaltar.

Wir schlendern durch die Altstadt, machen ein bisschen Shopping und kommen zur Universitätskirche, wo es eine Kunstausstellung mit Zeichnungen von Iris Kramer gibt. Dazu gibt es Texte der Künstlerin in Gedichtform. Ein interessantes Konzept, das ich gut gelungen finde, einige Zeichnungen werden für mich erst richtig durch die Texte erschlossen.

Marburg, Universitätskirche. Männerfreundschaft von Iris Kramer
Marburg, Universitätskirche. Die Alte von Iris Kramer
Marburg, Universitätskirche

Abends gehen wir Galettes essen und Cidre trinken in einem urigen kleinen Restaurant nahe der Lahn. Danach lassen wir den Abend ausklingen in einem Lokal im nahegelegenen Weidenhausen.

Marburg, dubiose Hausinschrift

Der ewig lange Korridor, der zu unserem Hotelzimmer im Anbau führt, erinnert mich stark an die berühmte Szene in dem scheinbar menschenleeren Hotel aus Barton Fink.

Hier der Etappenüberblick über unsere Wanderung auf dem Elisabethpfad von zu Hause in Niederhöchstadt nach Marburg zu Ostern 2024.

Elisabethpfad F-MR, 6. Etappe Lohra – Oberweimar 10

April 5, 2024

Heute alles zu
Regen und Matsch genießen
ganz für uns allein

Eine weitere erholsame Nacht, der Körper hat sich an den Wanderrhythmus angepasst, die körperliche Anstrengung am Tag wird mit der nächtlichen Regeneration belohnt.

Ausgiebiges Frühstück in der Ferienwohnung mit Smoothie, Osterei, großen Kürbiskernbrötchen, Lyoner und Bergkäse, dazu schwarzer bzw. grüner Tee. Zum Schluss Orange mit Joghurt.

Die Wettersituation hat sich nicht geändert. Draußen nieselt es. Gut, dass heute nur eine sehr übersichtliche Etappe auf dem Programm steht.

Da wir auch die nächste Nacht in einer Ferienwohnung verbringen werden und es auf dem Weg keine Geschäfte mehr gibt, gehen wir wieder zum Supermarkt im Ort, wo ich mich im glatten, gefliesten Eingangsbereich fast hinlege. Wir besorgen uns Tortellini, Tomatensauce und geraspelten Käse, die Backwarenverkäuferin „beglückwunscht“ uns noch zu unserer Wetterwahl diese Woche, nächste Woche soll es ja besser werden.

Wir verlassen den Ort auf einer Nebenstraße in Richtung Damm. Dort geht es dann wieder Richtung Waldrand, der Regen wird stärker.

Als wir aus dem Wald heraustreten, ist der Weg völlig vermatscht, wir gehen auf dem schmalen Grünstreifen daneben. Die Bauern sind mit  dem Wetter auch nicht zufrieden, da sie nicht raus auf die Felder fahren können, ohne sich festzufahren.

Zwischen Damm und Niederwalgern

Über uns das glucksende, sprudelnde Gezwitscher der für uns unsichtbaren  Feldlerchen, die sich vom Wetter nicht beindrucken lassen.

Im nächsten Ort Niederwalgern gibt es ein Café, das laut der Suchmaschine auf hat, in der verregneten Wirklichkeit jedoch in der Woche nach Ostern geschlosssen ist. Selbiges gilt für die Kirche, die allerdings mit einem „Ostergarten“ aufwarten kann.

Niederwalgern, Ostergarten im Kirchenvorraum

Wir beobachten diverses Federvieh, ein Huhn sieht sehr zerzaust aus, die Laufenten rennen aufrecht durch den Regen.

Ebenfalls zu, die Schulkantine, es sind ja Osterferien. Wir stellen uns unter – die Sitzunterlagen sind mal wieder Gold wert – und stärken uns mit einem Apfel.

Niederwalgern, sich aufplusterndes Huhn
Niederwalgern, Entengehege

Der weitere, meist schnurgerade Weg verläuft über den ausnahmsweise mal sehr willkommenen Asphalt. Eine Joggerin überholt uns.

Straße nach Oberweimar

In Niederwalgern reden wir mit einem jungen Bauern. Der Hofladen ist geschlossen, das Restaurant wegen Krankheit ebenso. Die Treppenstufen zur Kirche hoch hätten wir uns auch sparen können. Die Kirche war übrigens vor dem Bau der Elisabethkirche im 13. Jahrhundert die Stadtkirche von Marburg.

Oberweimar, Kirche

Wir kommen heute schon kurz vor eins in unserer Unterkunft an, einer geräumigen Airbnb Einliegerwohnung im Parterre, der Schlüssel liegt im Kasten und wir erholen uns den Rest des Tages im trockenen Warmen.

Lied des Tages: La Gadoue (Serge Gainsbourg)

Hier der Etappenüberblick über unsere Wanderung auf dem Elisabethpfad von zu Hause in Niederhöchstadt nach Marburg zu Ostern 2024.

Elisabethpfad F-MR, 5. Etappe, Fellingshausen – Lohra 20

April 4, 2024

Umweg durch den Wald
Treckerspuren, Pfützen, Matsch
Eine Rutschpartie

Ich wache morgens um halb sechs nach 7 1/2 Stunden Schlaf auf. Ein schon lange nicht mehr dagewesenes Gefühl der Ausgeschlafenheit macht sich breit. Irgendwann holt sich der Körper, was er braucht.

Wir frühstücken unten in der Gaststube und quatschen dabei mit dem Gastwirt. Er ist zwischen den beiden deutschen Staaten aufgewachsen. Beim Opa im Osten verbrachte er viel Zeit. Im Gegensatz zu seinen Eltern wurde er bei den Grenzübertritten nie kontrolliert. Vitamin B. Es hört sich so an, als hätte die innerdeutsche Grenze für ihn nie existiert. Später machte er eine Fleischerlehre und war bei der Bundeswehr in der Garnisonsstadt Wetzlar Feldwebel der Küche. Eine Zeit, die er nicht missen möchte. Er scheint das Bedürfnis zu haben, uns das zu erzählen, wir haben nicht danach gefragt.

In Fellingshausen kaufen wir im Bäckerladen Brötchen und Leberwurst für unterwegs. Vor der Kirche und oben im Wald fallen die liebevollen Arrangements mit Osterhasen, Ostereiern und Grün auf. Ein heruntergefallenes Ei im Wald hängen wir wieder auf. Die Namen der Familien stehen daneben.

Fellingshausen, Osterarrangement vor Kirche
Fellingshausen, weiße Magnolie
Fellingshausen, Osterarrangement im Wald

Der Weg führt uns im Streichen durch den Wald, den Abstecher zum 500 m hohen Dünsberg mit der TV-Antenne sparen wir uns wegen des miesen Wetters, heute regnet es noch etwas mehr als gestern, sonnige Abschnitte sucht man vergebens. Außerdem macht der Biergarten, der uns in Wetzlar im Hotel empfohlen worden war, erst nachmittags auf.

Von einem Waldparkplatz begrüßen uns Einheimische und wünschen uns aus der Ferne einen guten Weg. Es geht nun auf sehr matschigem Pfad umständich durch den Wald, wir verlieren kurzzeitig den Weg und kommen in Krumbach an, wo die Kirche geschlossen ist. Neben der Trauerhalle auf dem Friedhof stehen überdachte Bänke, wo wir unsere Apfelpause machen.

Zwischen Krumbach und Kirchvers

Hinter Krumbach geht es wieder in den Wald, eine Schutzhütte mit einer schönen Sicht auf Wald, Wiesen und Felder lädt uns ein. Allerdings sind die Bänke so eng an die Tische gebaut, dass man sich kaum an sie setzen kann. Man merkt förmlich wie unmotiviert die Handwerker beim Bau gewesen sein müssen.

Kirchvers, romanische Kirche

Auch in Kirchvers ist die Kirche geschlossen. Versperrte Türen werden uns den ganzen Tag begleiten. Hier schmieren wir uns auf einer Bank im Wohngebiet unsere Leberwurstbrötchen. Die ganze Zeit über bellen zwei Hunde auf einem von uns nicht einsehbaren Nachbargrundstück vor uns. Auch von dem Hundegebell kriegen wir heute noch mehr als genug.  Ich versuche immer, auf die Tiere einzureden und sie zu beschwichtigen, das führt aber eher selten zum Erfolg.

In Weipoltshausen rufe ich beim Heimatmuseum an, wo Dokumente und ein Film zu Elisabeths Leben zu sehen sind. Es meldet sich die Tochter, die Mutter arbeitet noch, das Museum wird erst 18 Ubr geöffnet. Schade, dabei hätten wir heute Zeit gehabt.

Es ist noch Heu da!

In Altenvers gibt es die einzige Hufeisenkirche – Apsis in Hufeisenform – Deutschlands. Ich rufe drei Nummern aus dem Pilgerführer bzw. Internet an. Es geht niemand ran bzw. ich höre „Kein Anschluss unter dieser Nummer.“ Auch die  beiden Nachbarn, die einen Schlüssel haben sollen, öffnen nicht bzw. sind in Urlaub.

Die kleinen Orte voller Fachwerkhäuser sind zwar schön und schnucklig, aber auch ziemlich verlassen, man möchte hier nicht tot überm Gartenzaun hängen.

Altenvers, Hufeisenkirche

Im Wald hören wir knackende Äste. Ein dunkelbraunes Eichhörnchen rast einen Baum hoch, zwei Rehe ergreifen die Flucht.

Der Weg heute eher eine Zumutung, wir haben Glück und fallen nicht in den Modder, in wenigen Fällen haben wir aber auch bessere Alternativen gefunden.

Von Fahrspuren zerfurchter Weg im Wald

Heute Nacht schlafen wir in einer Ferienwohnung in Lohra  2 km abseits des Elisabethpfads westlich von Damm. Der Hausherr ist sehr nett und erklärt uns alles, bittet um eventuelles Feedback, da er betriebsblind sei. Als Gruß des Hauses gibt es neben Mineralwasser und dem Gummibärchen-Betthupferl Rotkäppchen-Sekt. Der Preis für die Unterkunft ist sehr moderat.

Wir essen im einzigen Restaurant im Ort. Meine Dorade ist riesig. Ein eher misslungener Wandertag findet ein versöhnliches Ende.

Hinterländer Platt

Hier der Etappenüberblick über unsere Wanderung auf dem Elisabethpfad von zu Hause in Niederhöchstadt nach Marburg zu Ostern 2024.

Elisabethpfad F-MR, 4. Etappe Wetzlar – Fellingshausen 28

April 3, 2024

Fachwerkkleinode
Der April macht, was er will

Pause gibt Power

Der Tag beginnt mit einem fürstlichen Frühstück im Hotel, dem bis dato Besten auf der Wanderung. Die Hintergrundmusik wird von einem mir unbekannten Radiosender bestritten und sie spielen It’s My Life von Talk Talk, es gibt wenige Lieder, die morgens bessere Laune machen. Auf Englisch würde man sagen uplifting.

Wir gehen auf demselben Weg hinunter in die Altstadt, dort dann den Avignonpark runter, wo ein toter Steinkrieger zum Gedenken ruht.

Wetzlar, Kriegsdenkmal

Im Jerusalemhaus hatte sich das Vorbild für den Werther am 30.10.1772 im 2. Stock mit einer Pistole erschossen, das Bild fehlte uns noch in der Sammlung.

Wetzlar, Jerusalemhaus

Wir gehen durch die Fußgängerzone, kaufen Proviant ein, holen uns den Pilgerstempel im Dom und bewundern die schöne Altstadt von Wetzlar. Auch wenn es sicher weniger Fachwerkhäuser als in Celle (s. Heidschnuckenweg) sind, so sind sie mindestens genauso beeindruckend.

Wetzlar, Jugendstilfenster
Wetzlar, Fachwerkhäuser

Über die Lahnbrücke geht es hinaus aus der Stadt, bald überqueren wir noch die  Dill, die in Wetzlar in die bedächtig dahinfließende Lahn fließt, an der wir dann später, nachdem wir eine unübersichtliche Straßenkreuzung durch eine Unterführung unterquert haben, noch ein Stückchen lang nach Westen gehen.

Wetzlar, Lahnbrücke
Wetzlar, Malerei in Unterführung

Der Weg steigt nun an zum Kloster Altenberg. Meine Beine sind schwer. Das Wetter ist heute wechselhaft, der Jahreszeit entsprechend. Wolken türmen sich auf, es regnet immer wieder in kleinen Schüben, dann kommt die Sonne raus. Der April macht, was er will. Auch die Temperaturen sind normal, auf jeden Fall nicht zu warm, meine Hände sprechen da eine eindeutige Sprache.

Auf dem Weg zum Kloster Altenberg

Am Kloster Altenberg machen wir eine Obstpause. Hier haben sie den Freistaat ausgerufen. Das Mutterhaus der Diakonissen war in Königsberg, nach dem Krieg gab es einen Neuanfang in Berlin und schließlich den Neuaufbau des Klosters hier. Das Kloster ist geschlossen, dafür haben wir eine gute Sicht. In der Ferne zeichnet sich im Südwesten der Limburger Dom in 35 Km Luftlinie Entfernung ab.

Im Kloster Altenberg machte Elisabeth mit der zweijährigen Gertrud – von Marburg kommend – 1229 Station. Gertrud wurde dort von den Prämonstratensern erzogen, wurde später Chorfrau, trat in die Fußstapfen ihrer Mutter, indem sie Siechenhäuser gründete und ist hier begraben.

Blick vom Kloster Altenberg

Nach diesem Abstecher geht es jetzt wieder nach Osten über zum Teil matschige Wege. Um uns ein weißes Blütenmeer, der Weißdorn blüht. Wir gehen kurzzeitig auf einer Bergwerksroute, hier wurde früher Eisenerz abgebaut. Vor uns ein großes Fabrikgelände, es ist von Buderus Edelstahl. Ein am Straßenrand parkender litauischer Lkw-Fahrer entgegnet unseren Gruß nicht. Der Weg an der Straße wegen des Schwerlastverkehrs weder schön noch ungefährlich.

Weißdorn

In Hermannstein halten wir in einem Café draußen unsere Mittagsrast. Es ist Halbzeit sowohl was den Tag auch, was die Wanderung insgesamt angeht. Wir passieren die 1377 vom Landgrafen von Hessen erbaute Wehrburg gegen die Grafen von Solms. Nach der Pause sind die Lebensgeister wieder da, die schweren Beine plötzlich federleicht.

Wir haben etwas Schwierigkeiten hier wieder auf den Weg zurück zu kommen, der nicht direkt an ihr vorbeiführt.

Burg Hermannstein

Nun verschlechtert sich das Wetter wieder, es fängt an, zu regnen. Vor uns geht eine junge Frau, die wir langsam überholen, links von uns ist ein riesiger Steinbruch. Der Weg geht abwechselnd durch Felder, Wiesen und Wald. Auf einer Wiese vor einem Hochstand laufen zwei Rehe flink rechts hoch in den Wald, als ahnten sie, dass das eine für sie gefährliche Stelle ist.

Wir machen eine Trinkpause bei einer Schutzhütte, von denen es hier so einige gibt. Der Weg ist immer wieder sehr matschig, selbst unter den Blättern kann es sehr rutschig sein.

Genug Pilze fürs Omelette!?

Was die Markierungen angeht, habe ich zunehmend das Gefühl, dass so und so viele  Plaketten vorliegen und die so schnell wie möglich angebracht werden müssen, völlig egal wo.

Wir kommen nun zu einer Kreuzung von sechs Wegen. Ein älterer Jogger kommt uns in gemächlichem, gleichmäßigen Tempo von der anderen Seite die Steigung hoch entgegen. Hier stand bis 2002 die riesige, um die tausend Jahre alte Dicke Eiche, die am Ende an Altersschwäche zusammenbrach.

Hier findet seit 1878 bei schönem Wetter – zuletzt zu Christi Himmelfahrt – ein Waldgottesdienst statt. Es ranken sich diverse Legenden um den Baum, die meist um einen in der Nähe lebenden Einsiedler kreisen.

Dicke Eiche in Verwesung
Gedicht zum Tod der Dicken Eiche von Klaus Jung

Von hier geht es abwärts zu den paar Häusern von Haina (Rosenwunder) und dann durch Bieber. Es ist nun nicht mehr weit zu unserem Zielort Fellingshausen, wo uns unsere Gastwirtin kurz vor sechs schon erwartet. Sie hat exakte Vorstellungen, was das Essen angeht (Hackbraten mit Bratkartoffeln und Salat) als auch, was das Timing betrifft. Wir haben gerade eine halbe Stunde Zeit, uns frisch zu machen, bevor das Mahl beginnt. Die beiden Gläser erfrischend kühle Urweisse sorgen für die nötige Entspannung nach der doch recht anstrengenden Etappe.

Hier der Etappenüberblick über unsere Wanderung auf dem Elisabethpfad von zu Hause in Niederhöchstadt nach Marburg zu Ostern 2024.

Elisabethpfad F-MR, 3. Etappe, Cleeberg – Wetzlar 18

April 2, 2024

Freund, so du etwas bist, so bleib doch ja nicht stehn: Man muß aus einem Licht fort in das andre gehn.

Angelus Silesius

Gut ausgeruht starten wir mit grünem Tee und dem „Osterlammkuchen“ mit Zitronengeschmack in den Tag. Draußen regnet es. Der Wetterbericht verheißt keine Besserung. Allerdings werden wir Glück haben, ein wirklicher Schauer wird uns erspart bleiben, die paar Regentropfen können uns nicht aus der Bahn werfen.

Cleeberg, Hof Jagdhaus

Auf dem Hof gibt es momentan rund 50 Pferde, die dort zur Pension sind. Offenbar ein gutes Geschäft für beide Seiten. Auch bei Wind und Wetter sind die Pferde draußen. Aber Ställe gibt es natürlich auch.

Cleeberg, Hausinschrift

Wir gehen an der Straße hinab nach Cleeberg, einen schönen Fachwerkort mit Burg und Dorfkirche. Lokale oder Geschäfte sucht man vergeblich bzw. haben inzwischen zugemacht, Die Leute, die hier wohnen, sind entweder Rentner oder arbeiten in Wetzlar, Gießen oder Butzbach und schlafen hier.

Cleeberg, Kirche

Wir kommen bald in den Wald oberhalb von Cleeberg. Die Wege sind weich, aber noch ganz gut begehbar. Bald erreichen wir den Napoleonstock, wo Teile des französischen Heeres beim Rückzug vorbeigekommen sein sollen.

Es geht ein Stück an der Straße entlang, dann nach rechts über eine Wiese in Richtung der Felder. Über uns zwitschern mal wieder die Feldlerchen ihr charakteristisches Lied, man sieht sie nicht, sie sind oberhalb der tief hängenden Wolken. Wir schrecken die kleinen Goldammern mit dem gelben Kopf auf, die auf den Feldern sitzen und vor uns wegfliegen.

Auf dem Weg nach Volpertshausen

Wir verpassen einen Abzweig und gehen versehentlich Richtung Vollnkirchen, das plötzlich vor uns liegt, bemerken den Fehler aber schnell.

In Volpertshausen kommen wir am Heimatmuseum vorbei, wo Goethe am 9.6.1772 bei einer Ballnacht die Bekanntschaft der bereits verlobten Charlotte Buff machte, was ihn nicht davon abhielt, doch sein Glück bei ihr zu versuchen. Das Ergebnis kennen wir, die Leiden des jungen Werthers.

Volpertshausen ist heutzutage in der Gegend bekannt für seine italienische Eisdiele, wo wir uns bei einem Cappuccino und Apfelstrudel mit Vanilleeeis aufwärmen.

Volpertshausen, Heimatmuseum Hüttenberg
Volpertshausen, Osterglockenmeer

Hinter Volpertshausen fängt es nochmal etwas zu regnen an, aber wir kommen relativ trocken bis zum Klinikkomplex am Ortseingang von Wetzlar, wo zum Regen auch noch Wind kommt.

Eine kleine Odyssee durchs Gewerbegebiet nebst Baustelle führt uns gegen 14h30  zu unserer Unterkunft, einem großen Hotel in moderner, kubischer Architektur. Wir bekommen zwei Eintrittskarten für das Leitz-Museum nebenan, die wir nicht nutzen. In Wetzlar werden weiterhin Kameras von Leica in einer Manufaktur nahebei gefertigt.

Ich begebe mich bald in die geräumige Sauna mit Blick auf die umliegende Landschaft im 4. Stock, da der Regen sich jetzt wieder intensiviert hat. In der Sauna, die rund 85 Grad heiß ist, verbrenne ich mir die Füße, da der Boden doch tatsächlich gefliest ist.

Gegen halb fünf gehen wir die knapp drei Km bergab ins Zentrum. Die Sonne kommt nun vor uns im Westen raus und verschönt uns den Abend.

Wetzlar, Säuturm

Durch den einzigen von der Stadtmauer erhaltenen Turm geht es in die sehenswerte Altstadt.

Wetzlar, „Escherkunst“ mit Angelus Silesius Weisheit

Goethe hat hier am Reichskammergericht, dem damals höchsten Gericht, ein Praktikum absolviert, sich aber wenig für die Jurisprudenz erwärmt und stattdessen lieber gefeiert. Das Vorbild für den Werther war Karl Wilhelm Jerusalem, ein Bekannter Goethes, der sich am 30.10.1772 wegen einer unglücklichen Liebe in Wetzlar erschoss. Das Jerusalemhaus, wo dies geschah, kann man besichtigen.

Wetzlar, Kornmarkt, Goethes Wohnhaus
Wetzlar, Lottehaus

Direkt am Marktplatz liegt der Wetzlarer Dom, eine in verschiedenen Stilen erbaute Kirche. Ein Grund hierfür war der Bankrott der Stadt 1370. Der Dom wird bis heute von Katholiken und Protestanten gleichzeitig genutzt.

Wetzlar, Dom

Wir begeben uns zur urigen Rathausschänke, wo wir oben an einem Zweiertischchen den Blick raus auf den Markt und runter zum Tresen haben. Wir stärken uns mit Schnitzel und Weißbier, das Lokal ist gut besucht und die Bedienung fix.

Wetzlar, Ratsschänke

Zurück geht es wieder die knapp drei Km hoch zum Hotel, wo wir bald in den wohlverdienten Schlummer fallen.

Hier der Etappenüberblick über unsere Wanderung auf dem Elisabethpfad von zu Hause in Niederhöchstadt nach Marburg zu Ostern 2024.

Elisabethpfad F-MR, 2. Etappe Neu-Anspach – Cleeberg 28

April 1, 2024

Die Vorhut: Reiter
Die Magnolie blüht auf
Smalltalk mit Schäfer

Die erste Nacht recht kurz, die Matratzen zu weich, gegen halb drei mitten in der Nacht kommen Gäste, Türen werden geschlagen. Das Frühstück ausgiebig, u. a. mit viel Paprika, die Pensionsmutter Ungarin; sie sorgt sich ausgiebig um unser Wohl.

In Neu-Anspach habe ich keinen Erfolg, was den Pilgerstempel angeht. Im evangelischen Gemeindezentrum wird gerade die Musikeinlage für den Ostergottesdienst geprobt, ich werde an die katholische Kirche verwiesen, die geschlossen ist. Der Elisabethpfad ist übrigens ein ökumenisches Projekt, das scheint vielen nicht klar zu sein.

Schon gestern fiel es mir auf, heute aber noch deutlicher. Die meisten Leute, die man auf dem Weg trifft, egal ob alt oder jung, egal ob Männlein oder Weiblein, egal ob zu Fuß oder mit dem Rad sind nett und grüßen bzw. bedanken sich, wenn man Platz macht. Das ist schon recht auffällig.

Hinter Neu-Anspach, Blick zurück zum Taunus

Das Wetter heute phantastisch, die Sonne kommt im Laufe des Tages immer mehr raus, es sind bestimmt 15 Grad. Der Weg ist allerdings häufig matschig, es hat über Nacht geregnet. Regenwürmer scheinen aus dem Asphalt zu wachsen. Es geht über einen noch nicht fertiggestellten, noch zu asphaltierenden Weg, wir haben nach einer Weile schwere Lehmklumpen an den Füßen. Außerdem treffen wir häufiger auf Reiter, der Elisabethpfad wird hier auch als Reitweg genutzt, entsprechend tief ist das Geläuf.

Hinter Neu-Anspach, tiefes Geläuf

Immer am Waldrand entlang geht es nach Usingen, der Weg zieht sich etwas, wir kommen scheinbar kaum voran. Im Wald ein Bauwagen  mit Rastbank. Hier haben sich Kindergartenkinder ausgetobt.

Vor Usingen im Wald, Ostereier
Vor Usingen im Wald, Rastplatz

In Usingen blühen die Magnolien. Der Besitzer sagt uns freudig, dass sein Baum pünktlich zu Ostern angefangen hat, seine Blütenpracht zu entfalten.

Usingen, Magnolie

In der evangelischen Kirche bekommen wir endlich den ersten Stempel bzw. so etwas Ähnliches. Ich frage die Küsterin und sie gibt uns zwei Aufkleber, die wir in den Pilgerausweis kleben können. Anscheinend werden die Stempel gelegentlich mitgenommen. Es ist eine schöne, schlichte Kirche mit den Konterfeis der 12 Apostel, die an der Empore angebracht sind.

Usingen, ev. Kirche, 12 Apostel
Usingen, ev. Kirche, Taufbecken

Als wir aus der Kirche heraustreten, läuft uns der Pfarrer hinterher. Er fragt nach unserem heutigen Ziel und meint, das wäre ja noch ein gutes Stück.

Eschbacher Klippen

Von Usingen geht es weiter ins nahegelegene Eschbach und dann hinauf zum Bergkamm zu den ca. 12 m hohen Eschbacher Klippen aus Quarzgestein. Hier sind einige jüngere Kletterer dabei, sich angeseilt den Felsen langsam hochzuarbeiten.

Wir machen hier eine Pause auf einer Rastbank, wo wir Catherines leckeren Zitronenkuchen futtern, eine Gastwirtschaft gibt es hier nirgends. Neben uns Holz, das wie für ein Osterfeuer aufgeschichtet ist, die Einheimischen nennen es „Hexenhäuschen“.

Eschbacher Klippen, „Hexenhäuschen“

Nun geht es ein längeres Stück mitten durch den Wald. Der Weg wird später etwas unwegsam, ist von umgekippten Bäumen versperrt, die man umgehen kann. Am Wegrand blüht es weiß. Erst eine, dann drei, dann ganz viele Blüten. Das Auge ist erfreut.

Buschwindröschen

Wir kommen nun bei Hasselborn zur Bahnlinie, wo eine lokale Kleinbahn des RMV fährt. Parallel zu den Gleisen kommen wir zu dem Anglerparadies Kuhschwanzweiher. Hinter der Bahnunterführung sehen wir, wer die Ursache für die lauten Tiergeräusche ist, die wir unten von der anderen Bahnseite vernommen haben. Es ist eine riesige Schafherde – ca. 500 Tiere – mit vielen putzigen Lämmern. Wir sprechen mit dem jetzt schon dunkelbraunen, wettergegerbten, älteren Schäfer. Sie sind zu zweit. Der Jüngere sieht ziemlich verwegen aus mit seinem breitkrempigen, dunklen Hut, assoziiert den schweigsamen Cowboy. Einen der drei Hütehunde streicheln wir ausgiebig.

Beim Kuhschwanzweiher hinter Brandoberndorf, Schafherde

Es geht nun erstmal weiter an der Bahnlinie lang, dann unterhalb einer Kuhweide zum Wald. Die Markierungen übrigens immer auf offener Strecke gut, wenn man sie nicht braucht, aber wehe es gibt einen Richtungswechsel, den kann man als kompetenter Wanderer ja locker antizipieren. Gut, dass ich die Wander-App habe.

Im Wald erwartet uns ein längerer Anstieg, der nicht enden will. Wir fiebern dem Ende der Etappe entgegen. Kurz nach halb sechs kommen wir völlig erschöpft an unserem Ziel an. Es begrüßt uns ein gutmütiger Leonberger, der uns ausgiebig beschnüffelt. Wir nächtigen heute auf dem Hof Jagdhaus im Wald 1 km von Cleeberg. Ein Viergenerationenhof, unter uns wohnen die Großeltern. Es ist ein Reiterhof, Hühner gibt es natürlich auch.

Da auch in Cleeberg alle Esslokale für immer geschlossen haben, versorgen wir uns im Hofladen mit Eiern, Nudeln und Chili con carne mit Huhn und bereiten dies in unserer offenen Küche dann zu einem Festmahl zu.

Cleeberg, Hof Jagdhaus, Hofhund

Hier der Etappenüberblick über unsere Wanderung auf dem Elisabethpfad von zu Hause in Niederhöchstadt nach Marburg zu Ostern 2024.

Eilsabethpfad F-MR, 1. Etappe Niederhöchstadt – Neu-Anspach 23

März 31, 2024

Leute mit Hunden
Auf schmalem Pfad hoch hinaus

Eine Rehherde

Ciao casa!

Gegen 9h20 sind Catherine und ich soweit und es kann losgehen mit dem Elisabethpfad Teil 2, dieses Mal direkt von zuhause, also Niederhöchstadt, nach Marburg. Wir haben eine Woche Zeit. Das Wetter ist bedeckt, die Temperatur bei elf Grad. Im Laufe des Tages werden sogar 15 Grad erreicht, vom angekündigten Saharastaub kriegen wir allerdings nichts mit, auch wenn es etwas diesig ist. Im Südosten sieht man die Frankfurter Skyline in ca. 10 km Luftlinie Entfernung. Regnen wird es nicht. Anfangs treffen wir am heutigen Karsamstag nur Leute mit Hunden, das ändert sich später.

Oberhöchstadt, Blick auf Frankfurt

Wir stoßen nach ca. 40 Minuten auf den Elisabethpfad im Wald unweit der Tennisplätze an der Straße von Steinbach nach Oberhöchstadt. Es geht am Waldrand entlang, links von uns eine große Pferdekoppel, der Weg steigt leicht an. An einer Fußgängerampel überqueren wir die B455, die Bundesstraße, die den Taunus von Westen nach Osten durchzieht. Auf der extra für uns angelegten Rampe an der Nordseite, die uns wieder in den Wald führt, treffen wir auf zwei Schnecken, deren stetiges Dahingleiten wir uns zum Vorbild nehmen wollen.

Eile mit Weile!

Nach etwa 2 Stunden kommen wir zum Informationszentrum Hohe Mark, wo schon so einiges los ist, insbesondere die Mountainbiker machen hier eine Rastpause. Wir trinken draußen einen Cappuccino und essen eine Kleinigkeit, Catherine einen Salat, ich Bratkartoffeln. Über eine Fußgängerbrücke geht es erneut über die L3004, hier haben um die Zeitenwende die Kelten gelebt, es wurden Überreste ihrer Siedlungen und ein Grab gefunden. Tacitus hat den Taunus in seinem Büchlein Germania erwähnt, auch wenn unklar ist, ob er damit exakt dasselbe Mittelgebirge wie wir heute meinte. Der Taunus hieß bis vor nicht so langer Zeit die Höhe, daher der Zusatz zu vielen Ortsnamen wie z. B. Bad Homburg vor der Höhe. Wir kommen an hohen, immergrünen Bäumen mit einer sehr charakteristischen, zerfurchten Rinde vorbei, es sind Lebensbäume (Thuja).

Elisabethenstein

Wir gehen hier ein Stück auf der Elisabethschneise, die 5 km vom Jagdschloss der Landgräfin Elisabeth (19. Jahrhundert) vor den Toren Bad Homburgs bis zum Sandplacken am Limes verläuft. An der Seite der nach ihr benannte Elisabethenstein, eine Felsformation, die direkt auf dem Weg liegt und teilweise gesprengt wurde. Man beachte, diese Elisabeth hat nur den Namen gemeinsam mit der mittelalterlichen, heiligen Elisabeth, die in Marburg begraben ist.

The Borkenkäfer was here…

Im Wald immer wieder große Kahlschlagsflächen und entwurzelte Bäume. Für den Borkenkäfer ein gefundenes Fressen.

Schnurgeradeaus, der Weg ist nicht zu verfehlen

Die Wege gehen oft geradeaus bis zum Horizont. Man meint, es sind vor und hinter einem in unmittelbarer Nähe andere Wanderer, die in Wirklichkeit hunderte Meter entfernt sind. Diese Wegführung demotiviert etwas, da man meint, nicht vorwärts zu kommen.

Fingerhut

Catherine macht mich darauf aufmerksam, dass große Flächen mit Fingerhut bewachsen sind. Das wird später im Jahr dann ein blaues Blütenmeer im Wald ergeben.

Marmorstein

Links vom Hauptweg geht es nun fast querfeldein hinauf zum Marmorstein mit diversen auffälligen Steingruppen. Wir erreichen mit 580 Meter das Dach dieses Elisabethpfades.

Verblichene Markierung

Der Weg ist bis jetzt relativ gut markiert, auch wenn die rote Farbe teilweise verwittert ist. Er verläuft meist auf diversen lokalen Wanderwegen.

Viele Bäume hat es erwischt

Auf den Kahlschlagsflächen wird teilweise wieder aufgeforstet. Mischwald lautet die Zauberformel, die den Wald dem Klimawandel gegenüber resilienter machen soll.

Plötzlich führt uns die Markierung rechts ab vom Hauptweg steil bergab, gut, dass wir die Wanderstöcke dabei haben. Catherine ist bald weit vor mir. Wir kommen im Hessenpark an, einer Ansammlung historischer Gebäude, die man hergerichtet hat zu Besuchszwecken.

Hessenpark, Marktplatz

Hier leisten besorgen wir uns in der Bäckerei Kaffee und Käsekuchen und setzen uns zu einer Drei-Generationen-Familie mit Hund. Catherine kauft sich außerdem ein Brillenetui aus Nussholz, das in den Oberurseler Werkstätten hergestellt wurde.

2. Weltkrieg, Birkenkreuze für gefallene Wehrmachtsoldaten in Russland

In einem anderen Haus ist eine Ausstellung zu russischen Kriegsgefangenenlagern. Es sind Alltagsgegenstände ausgestellt, häufig Zigarettenutensilien und Schachspiele. Auch die Madonna von Stalingrad von Kurt Reuber azs Wuxhmannshausen (s. Bericht von ersten Elisabethpfad) ist hier ausgestellt, zudem ein Bild von Weihnachten in Workuta, wo eingefallene Gesichter im Kerzenschein am Tisch sitzen.

Viel Zeit zum Schachspielen in Workuta

Auch der Heimkehr der Zehntausend 1955 wird gedacht, die auf der Strecke von Herleshausen nach Friedland von Menschenmassen am Straßenrand willkommen geheißen wurden.

Heimkehr aus russischer Kriegsgefangenschaft 1955

Wir haben jetzt noch knapp 4 km nach Neu-Anspach, wo wir in einer recht gut ausgelasteten Pension übernachten werden. Auf dem Weg durch die Felder zwitschern über uns die Feldlerchen. Die ersten gelben Rapsblüten strecken ihre Köpfchen hervor. Rechts von uns erstreckt sich der Segelflugplatz. Auf der Wiese äst eine Gruppe von sechs Rehen.

Abends essen wir gut und preiswert in einem asiatischen Imbiss. Nach der deliziösen süß-sauren Pekingsuppe nehme ich Bami Goreng, ein Lieblinsgericht aus meiner Jugend, Catherine gebratene Garnelen mit Gemüse und Reis.

Hier der Etappenüberblick über unsere Wanderung auf dem Elisabethpfad von zu Hause in Niederhöchstadt nach Marburg zu Ostern 2024.

3833

März 29, 2024

Zu Fuß auf dem Weg

Paralleluniversum

Zurück zur Natur

3825

März 27, 2024

Junge Schweizerin

wandert vier Monate lang

auf dem Alpenkamm

[Christina Ragettli – Von Wegen]

3750

Februar 26, 2024

Wo der Weg langgeht,

ist eigentlich völlig schnurz

Man muss ihn nur gehn

Elisabethpfad 9. Etappe: Amöneburg – Marburg 16

Februar 19, 2024

So leicht wie heute
wirst du lange nicht mehr sein
Steig so viel du kannst!

Heute die letzte Etappe. Frühmorgens bin ich etwas kurzatmig, wahrscheinlich wegen der Fettverbrennung. Ein Frühstück nach Maß. Eine Thermoskanne mit 0,75 l grünem Tee und Orangensaft, mehr kann man von einem Frühstück nicht erwarten (als Saftfastender).

Komme ins Gespräch mit der Hotelierin. Sie und ihr Mann kommen aus Friesland an der dänischen Grenze. Sie redet über ihre Tochter, die sich auf eigenen Wunsch mit 14 hat taufen lassen, ich rede übers Wandern. Es gibt eigentlich nur wenig direkten Bezug, aber es ist ein absolut befriedigendes Gespräch, wir hören uns gegenseitig zu. Immer wieder dieses schöne Gefühl, wenn man sich selbst öffnet, öffnet sich der andere auch.

Draußen ist es etwas ungemütlich, 5 Grad, diesig und feucht. Egal, da muss ich jetzt durch. Zumindest geht es erst einmal ein langes Stück bergab. Diese mystische Stimmung aufgrund des wabernden Nebels. Ich liebe sie.

Der Weg ist sehr angenehm zu gehen, erst asphaltiert, dann ein Schotterweg, der ein reiner Wiesenweg wird.

Zwischen Amöneburg und Kleinseelheim

Im Hintergrund hört man ganz leise Verkehr. Langsam hebt sich der Schleier des Nebels. Die äußeren Umrisse der Bäume werden sichtbar.

Die Kirche in Kleinseelheim ist leider verschlossen, Gottesdienste – heute ist immerhin Sonntag – scheinen in der Gegend Mangelware zu sein.

Ich komme zum Elauer Wäldchen, wo früher Leinfasern produziert wurden. Dies benötigte viel Wasser und endete mit dem Wüstfallen von Elau.

Direkt dahinter der Klenseelemer Scheferboen. Bis 1976 gab es hier einen Gemeindeschäfer, dessen Vater 1900 zwei Robinien pflanzte und zehn Jahre später einen 4,50 m tiefen Brunnen aushob, um die Schafe zu tränken. Dieser Brunnen war vergessen und voller Unrat und wurde 2010 durch eine Privatinitative wieder hergerichtet.

Hinter Kleinseelheim: Der Schäferbrunnen

Ich laufe hier auf einem Wiesenweg zwischen den Äckern, hoch über mir das Zwitschern der Feldlerchen, ein sehr angenehmes Hintergrundgeräusch.

Am Elisabethbrunnen eine Frau, die von der gut sprudelnden Quelle trinkt. Es hängt dort zwar ein „Kein Trinkwasser“-Schild, aber sie sagt mir, das Wasser würde nur nicht regelmäßig kontrolliert, wäre aber einwandfrei. Ich tue es ihr gleich und muss mich ziemlich tief hinunterbücken. Das Wasser ist eisig und nur in kleinen Schlücken zu genießen. Eine schöne Erfrischung.

Elisabethbrunnen

Ich komme nach Schröck. in der katholischen  Barockkirche eine ausführliche Infomappe für Pilger sowie Konserven und Essbares.

Schröck, katholische Kirche: In der Tradition von Elisabeth

Es geht nun an einer stark und schnell befahrenen Straße und durch eine etwas unübersichtliche Wegführung über eine Schnellstraße hinweg an der alten Schwerthinrichtungsstätte Rabenstein vorbei zur Fußgängerzone von Weidenhausen mit vielen Fachwerkhäusern. Über die Lahn und ich bin im Zentrum an der Universitätskirche, gehe durch den alten botanischen Garten. Dort schaue ich zwei Teichrallen beim Hahnenkampf zu.

Marburg, alter botanischer Garten: erste Krokusse

Ich bin jetzt am Ziel meiner Pilgerwanderung, der Elisabethkirche in Marburg, angelangt. Sie ist die früheste rein gotische Kirche Deutschlands. Der Grundstein wurde 1235, nur 4 Jahre nach Elisabeths Tod gelegt. Leider wird der Chorraum saniert und weder das Grab Elisabeths noch die Jesusfigur von Barlach sind zugänglich. Dafür kann man den Goldenen Schrein mit vier Szenen aus ihrem Leben sehen.

Marburg, Elisabethkirche: Goldener Schrein
Marburg, Elisabethkirche

Anschließend trinke ich in einem netten Studentencafe noch zwei frische Minztees  und mache eine Altstadtführung rauf und runter durch das Gassengewirr bis hoch hinauf zum Schloss auf den Spuren der Gebrüder Grimm. Eine sehr amüsante Schnitzeljagd, wo man genau hingucken musste, um die Motive aus den Märchen zu finden. Der langsam zunehmende Nieselregen tat meiner Entdeckungslust keinen Abbruch.

Marburg, Rathaus, hier war ich schon einmal vor über 40 Jahren auf einer Deutschlandradtour mit einem Vetter von mir gewesen
Marburg, Grimmpfad: Das tapfere Schneiderlein
Marburg, Grimmpfad: Schneewittchen
Marburg, Landgrafenschloss
Marburg, Grimmpfad: Hänsel und Gretel, schwer zu finden, an einem Spielplatz

Am Ende eine Karte mit Inspirationen für kommende Wanderungen:

Marburg, Karte mit drei Elisabethpfaden

Und ganz zum Schluss: Auf rund 200 Kilometern habe ich in zehn Tagen 7,5 Kilo abgenommen, also anderthalb Pfund pro Tag. Jetzt geht es ans Fastenbrechen. Der Apfel liegt bereit.

Hier der Etappenüberblick über meine Fastenwanderung auf dem Elisabethpfad von Eisenach nach Marburg im Februar 2024.

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Februar 18, 2024

Straßenmusiker

und Bettler mit zwei Hunden

teilen brüderlich

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Februar 18, 2024

So leicht wie heute

wirst du lange nicht mehr sein

Steig so viel du kannst!

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Februar 18, 2024

Der Morgenländer

Augen weit aufgerissen

nach meinem Anblick

[Stadtallendorf]

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Februar 18, 2024

Auf dem Wiesenweg

Oben zwitschern Feldlerchen

Links und rechts Acker

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Februar 18, 2024

Ein Frühstückspläuschchen

Genug Flüssigkeit getankt

Es kann losgehen

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Februar 18, 2024

Bitte Tür schließen

steht an der Kirchenpforte

Doch die Tür ist zu

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Februar 18, 2024

Der Morgennebel

Die Konturen der Bäume

Eine Welt entsteht

3723

Februar 17, 2024

Frau entschuldigt sich

Ihr Setter am Grundstückszaun

hat mich angebellt

Elisabethpfad 7. Etappe: Ziegenhain – Stadtallendorf 25

Februar 17, 2024

Unter den Füßen
flitzt der Weg weg. Allmählich
wechselt die Landschaft

Heute ist mein 7. Wander- und 8. Fastentag, das Letzere ist ein persönlicher Rekord.

Morgens mache ich meinen zweiten Einlauf. Die Details erspare ich lieber der Leserschaft, auf jeden Fall ist mein Darm jetzt noch sauberer als zuvor.

Heute frühstücke ich im Hotel. Na ja, ich nehme halt das zu mir, was ich in der letzten Woche zu mir genommen habe. Die kleine Karaffe Orangensaft ist schnell „gekaut“. Dazu bestelle ich grünen Tee und bekomme eine aromatisierte Plörre, ich werde nie verstehen, wie man so etwas mögen kann. Das 2. Kännchen, das übrigens noch nicht einmal den Teepott ganz füllt, ist dann ein schwarzer Assam, purer Genuss.

Ich trete kurz nach 9 raus. Und bin sofort geflasht von dem hellen Licht und habe dieses glücklichmachende Gefühl der grenzenlosen Freiheit, hingehen zu können, wohin ich will. Beim Fasten werden Glückshormone wie Serotonin ausgeschüttet, wahrscheinlich ist das die profane biochemische Erklärung. Die Wolkendecke reißt auf, die Temperatur ist frühlingshaft, ich binde meinen Anorak mit Doppelknoten um den Bauch.

Bald biege ich nach rechts auf den mit Radfahrern gemeinsam genutzten geteerten Deich links der Schwalm ab, links von mir z. T. überschwemmte Flächen, später dann ein riesiges Rückhaltebecken rechts. Es riecht hier nach stehendem Wasser, wie in einem Hafen, ich mag den Geruch. Ich träume heute morgen mehrmals vor mich hin und verpasse Abzweige, merke meine Fehler aber meist recht früh. GeoApp-Checken ist angesagt. Hier auf dem Deich treffe ich mehrmals auf Gassigeher und es fällt mir auf, dass Herrchen – egal welchen Alters – häufig versuchen, ihre Hunde vor mir zu dressieren wie mit „Sitz“ o. ä., Frauchen hingegen völlig entspannt sind und ihre Hunde nicht belästigen. Dafür gibt es bestimmt tiefenpsychologische Gründe.

Ziegenhain, Damm der Schwalm

Hinter der Rückhaltemauer geht es unter der Bahn durch und ich komme hoch nach Treysa. Am Anfang der Altstadt rechts gleich die Kirche St. Martin, bekannter unter dem Namen Totenkirche. Eine dreischiffige Basilika vom Ende des 12. Jahrhunderts. Man kann den Übergang von der Romanik zur Gotik hier sehr gut studieren. Im unteren Bereich noch Rundbögen, oben und im Chor dann gotische Spitzbögen. Mir fällt beim Kirchturm zum ersten Mal auf, wie die Fenster nach oben immer größer und länger werden. Er wurde auch in mehreren Bauphasen gebaut, was mich an Einfamilienhäuser in Südeuropa erinnert, wo ja auch stockwerkweise gebaut wird, bis wieder neues Geld da ist. Nach der Reformation wurde diese Kirche nur noch für Beerdigungen genutzt, daher der Name. 1830 schlug der Blitz ein und das Dach stürzte ein. Die Kirche ist bis heute eine Ruine, wird aber immer wieder saniert.

Treysa, Totenkirche

Unweit der Kirche entdecke ich eine ungewöhnliche und originelle Skulpur mit einer großen Liebe zum Detail, die verschiedene Märchen- und Fantasiewesen abbildet. Da sind z. B. der gestiefelte Kater, Laurin, das geflügelte Waldwesen, der Mann mit der Wolfsmaske und die dreigesichtige Frau (jung, mittelalt und alt). Die linke freie Brust steht für die Lebensspende. Die Spindel, die sie in der Hand hält, steht für die ewige Wiederkehr und das Mysterium des Lebens.

Treysa, Skulptur „Märchenbuch“ von Elisabeth Wade, 1992
Dreigesichtige Frau aus „Märchenbuch“

Wie in den meisten Städten auf dem Weg auch hier viele Fachwerkhäuser, die Mehrzahl sehr gut in Schuss.

Treysa, Fachwerkhaus

Ich gehe nun die Steingasse hinab und treffe auf das Hospital Zum Heiligen Geist, das früher auch Pilgern freistand. In der Ecke steht eine Figur von Elisabeth der Vogelsängerin, der Wohltäterin des Hospitals. Als ich gerade davor stehe und das Foto (s. u.) mache, gibt mir ein Sattelzugfahrer, der von unten von einer Baustelle kommt, ein Zeichen. Ich stehe offensichtlich im Weg und gehe zur Seite. Nun fährt er mit seinem Ungetüm weit ausladend um die Ecke und schrappt mit seiner Plane an dem Kapitell der Elisabeth vorbei und es rieselt herunter. Das löst bei mir einen seelischen Schmerz aus. Ich rufe ihm erbost hinterher, er hört natürlich nichts. Für sein Fahrzeug ist diese Passage einfach zu eng, wobei der alternative Weg wohl noch knapper bemessen wäre, wie mir ein Ortsansässiger sagt. Um etwas Neues zu bauen, muss das Alte zerstört werden, könnte man zynisch denken.

Treysa, Hospital
Treysa, Elisabeth die Vogelsängerin an Hospital,  das Kapitell  lädiert

Aus Treysa raus geht es nach einem Anstieg über die Hephata, ein Diakoniezentrum für Behinderte. Ich sehe in Treysa mehrere Gruppen von Gärtnern, meist junge Leute, die die Grünanlagen in Schuss halten, das ist schön anzusehen.

Weiter geht es an der Wiera, und der B454 in die Wieraauen, hier scheinen die Wegbetreiber etwas durcheinander gekommen zu sein, erst weist ein Holzschild nach Süden, ich gehe geradeaus nach Westen nach meiner App und etwas später sind wieder Markierungen auf meinem Weg. Der Weg wird hier zunehmend matschig und ist von Baufahrzeugen kaputt gefahren. Über mir eine fertiggestellte Brücke der A49 (2. Verbindung Kassel – A5 neben der A7) , die Ende des Jahres für den Verkehr freigegeben werden soll.

Hinter Treysa, Brücke der A49 (noch nicht eröffnet)

Ich befinde mich heute im Flow, der Weg flutscht nur so unter mir weg. Temperaturcheck, 14 Grad, Bingo! Ich genieße den Wechsel von der Stadt in die Natur und umgekehrt. Nach einer längeren Strecke auf dem eher reizarmen Land sind meine Sinne scharf auf Stadteindrücke wie Menschen, aber auch Architektur. Neue Perspektiven insbes. auf dem Land eröffnet gelegentliches Anhalten und Umdrehen, der Rückblick darauf, wo man herkommt, ist oft überraschend.

Nach einer Passage durch einen Wald komme ich nach Klauseborn, eine rege sprudelnde Quelle, die regelmäßig untersucht wird. Drumherum verschiedene Texte neben dem Einweihungsgebet, das mich als Rastenden direkt anspricht, ein kurzer Extrakt aus dem Werther, der gleich so eine romantische-schwärmerische Stimmung erzeugt. Es ist schön, dass es solche Orte gibt und Menschen, die sich darum kümmern.

Momberg, Klauseborn: Gebet
Momberg, Klauseborn: Quelle
Momberg, Klauseborn: Wertherexzerpt

In Momberg hole ich mir in der katholischen Johanneskirche – hier war die Gegenreformation erfolgreich – meinen Pilgerstempel ab. Diese geräumige neugotische Kirche wurde von 1867 bis 1870 unter der Leitung eines Maurermeisters mithilfe der Bevölkerung errichtet. Heutzutage völlig unvorstellbar.

Momberg, katholische Johanneskirche

Auf dem Weg in den nächsten Ort Speckswinkel ist auffällig, dass die Strecke durch Treckerspuren matschig, zerfurcht und mit vielen Pfützen nur schwer begehbar ist. In Speckswinkel kommt mir auf der anderen Straßenseite ein kleiner Junge einsam und allein entgegen, fängt plötzlich an zu rennen und ruft mir trotzdem noch verschämt „Hallo“ entgegen, was ich natürlich erwidere.

Durch Stadtallendorf muss ich einmal komplett durch, mein Hotel ist auf der anderen Stadtseite. Die katholische Stadtkirche St. Katharina ist hier ungewöhnlicherweise im Innern barock ausgestattet, eine Abwechslung nach den doch oft eher nüchternen Kirchen der Gegend.

Stadtallendorf, Katholische Stadtkirche

Je weiter ich komme, desto stärker zieht mir ein etwas unangenehmer Geruch nach Verbranntem in die Nüstern. Darauf angesprochen, sagt mir die Dame an der Hotelrezeption, das könnte entweder die Schokoladenfabrik oder die Eisengießerei sein. Es war Letztere.

Mein geräumiges, ruhig gelegenes Zimmer mit TV, Tisch, Stuhl, Bank, Schrank, Garderobe, großem Spiegel, Kühlschrank, Bad ist sehr gut eingerichtet und für 55 Euro ein Schnapper.

Hier der Etappenüberblick über meine Fastenwanderung auf dem Elisabethpfad von Eisenach nach Marburg im Februar 2024.

3721

Februar 16, 2024

Der Wind übertönt

das Brummen/Rauschen/Brausen

der Windradflügel

3719

Februar 16, 2024

Der kleine Junge

auf der anderen Seite

rennt und ruft: „Hallo“

3718

Februar 16, 2024

Schneeglöckchen sprießen

Die ersten Gänseblümchen

Die Gänse turteln

Speckswinkel

3717

Februar 16, 2024

Windräder in Schwung

Im Wind wehende Blätter

Den Wind im Ohr

3716

Februar 16, 2024

Knisternde Blätter

Im Wald klingelt ein Handy

Zwitschernde Vögel

3715

Februar 16, 2024

Die Verdauung still

Das Geräusch der Fußschrite

Der Geist auf Touren

3714

Februar 16, 2024

Der Einlauf reinigt

Die Riemen festgezogen

Die Sonne blinzelt

3713

Februar 16, 2024

Unter den Füßen

flitzt der Weg weg. Allmählich

wechselt die Landschaft.

Elisabethpfad 6. Etappe: Homberg/Efze – Ziegenhain 24

Februar 15, 2024

Nieselregen, mild
Gespräche am Wegesrand
Pausen genießen

Der aufmerksame Leser wird sofort merken, dass in der Überschrift etwas nicht stimmt. Die beiden Etappen, die ich hier zusammengelegt habe, sind auf dem Elisabethpfad 32 km lang. Ich bin allerdings den kürzeren Jakobsweg gegangen, aber dazu später mehr. Nun von Anfang an.

Nach der Brechstangenetappe gestern mache ich heute eher piano, piano. Frühstückshighlight ist der milchige Mangosaft, den ich gestern beim Südasiaten am Markt gekauft habe. Ich kaue ihn mit Inbrunst. Im wahrsten Sinne, denn es sind Fruchtstücke drin, eigentlich ein No-Go beim Saftfasten, aber wer wird schon so streng sein? Dafür muss ich übrigens bezahlen, da ich später fürchterlichen Hunger kriege.

Ich verlasse „meine“ Einliegerwohnung, ziehe die Tür zu und nach ca. 10 Schritten bekomme ich Phantomschmerzen, ich habe meinen Wanderstock vergessen! Ich freunde mich schon mit dem Gedanken an, dann halt „ohne“ weiterzustapfen (das Morgen-High), als ich es nach 5 Minuten Gehen doch wage, meine Gastgeberin telefonisch bei der Arbeit zu stören. Sie sagt kein Problem und ist sogar eher da und kommt mir mit dem Teil entgegen. Ich bin platt!

Mir fällt ein neues Spiel ein. Ich rate die Außentemperatur. 10 Grad. Check mit der Wetter-App: Bingo! Kann man auch gut zu mehreren spielen. Heute nieselt es übrigens fast den ganzen Tag, aber es macht nichts mit Kapuze kann man das gut aushalten. Ich muss nicht mal den Schirm aufspannen. Nehme mir vor, auf der Regenradar-App nur noch die dunkelblauen Flächen ernst zu nehmen.

Ich gehe zum Marktplatz um drei Dinge zu erledigen. Als erstes mache ich ein Foto von der Brunnenskulptur Brüderchen und Schwesterchen nach dem Grimmschen Märchen. Da ist es ja vor allem interessant, dass es der Junge und nicht das Mädchen ist, der seinen Durst nicht zügeln kann, von dem verhexten Wasser trinkt und dann in ein Reh verwandelt wird. Ganz anders als anfangs in der Bibel, als Eva…

Homberg/Efze: Brüderchen und Schwesterchen

Punkt 2 auf meiner Liste ist die Stadtkirche, die ja gestern schon geschlossen war als ich ankam. Es steht ein Aufsteller dort mit „Geöffnet von 10-16h“, es ist kurz nach 9. Aber ich habe Glück, die Kirchenpforte ist schon auf! Ich trete ein in die gotische Hallenkirche und bin überwältigt von der Höhe der Säulen, die buchstäblich zum Himmel streben und der Helligkeit. Das Kreuzrippengewölbe ist unübersehbar. Ein bisschen fühle ich mich erinnert an die Kathedrale von Astorga auf dem Jakobsweg in Nordspanien, wobei die Säulen dort noch höher waren und die Helligkeit fast in den Augen weh tat.

Homberg/Efze: Marienkirche

Im Chorraum ist das sogenannte Reformationsfenster mit Luther und Melanchthon oben links und Zwingli und Calvin rechts daneben. Man hat es erst 1893 eingesetzt.

Homberg/Efze: Marienkirche, Reformationsfenster

Auf der Westseite ist ein Kreuzweg in Sandsteinreliefs von um 1500 in 7 Stationen dargestellt, vor denen die Gläubigen früher niederknieten.

Homberg/Efze: Marienkirche, Kreuzwegrelief

Nach der Besichtigung der Kirche gehe ich für Punkt 3 zum Rathaus in der Nähe, weil es nur dort um diese Zeit einen Pilgerstempel gibt. Ich klopfe an die Tür, öffne und „erwische“ die Dame beim Telefonieren. Sie legt bald darauf auf und stempelt mir eine Heilige Elisabeth – die Erste, meist sind das die Silhouetten der Kirchen – in den Ausweis. Sehr schön.

Ich wandere nun aus der Stadt hinaus auf der Ziegenhainer Straße. Lustige Zeitgenossen, die hier in Homberg wohnen

Homberg/Efze, Gruselkabinett auf dem Dach

Es geht jetzt die vielbefahrene Ausfallstraße mit wenig oder keinem Seitenstreifen durchs Industriegebiet und an einer Kompostieranlage Richtung Sondheim. Der Jakobsweg ist zwar kürzer als der Elisabethpfad, aber schön ist anders.

Auf dem Jakobsweg

Der Weg zieht sich endlos in die Ferne. Nicht nach vorne gucken, einfach nur gehen und genießen. Immerhin ist da ein Baum am Rand, für Abwechslung ist also gesorgt. Außerdem werden die Gerüche jetzt intensiver. Man merkt, dass die Viehwirtschaft hier eine größere Rolle spielt.

Hinter Wernswig: Der Weg ist nicht zu verfehlen

Vor Frielendorf der Silbersee – wisst ihr noch Karl May – ein ehemaliger Braunkohletagebau. Der Regen hat kurz aufgehört, die Sonne blinzelt durch die Wolken.

Frielendorf: Silbersee

Die Orte verkümmern hier zusehends. Supermärkte schließen, Cafes gibt es kaum noch, ein Kino habe ich auf dem ganzen Weg noch nicht gesehen. Gasthöfe schließen wegen Unrentabilität. Essen kann man, wenn überhaupt, nur noch Döner, Pizza oder asiatisch. Tankstellen, oft die letzten Treffpunkte, machen zu. Ohne Führerschein und Auto ist man hier völlig aufgeschmissen. Die glorreiche Vergangenheit ist hier definitiv vorüber. Der Letzte macht das Licht aus.

Frielendorf, hier war mal ein Supermarkt
Frielendorf, Lore

In Frielendorf mache ich im Niesel auf einer Bank meine Mittagspause. Ein Mann auf einem Rad mit Dackel kommt auf mich zu. Er ist 5 Jahre älter als ich. Wir reden übers Wetter (besser zuviel als zu wenig Regen) und den weiteren Weg zu meinem Etappenziel, der vor allem aus geteerten Radwegen bestehen soll. Er ist etwas verwundert, dass ich so eine lange Strecke zu Fuß gehe.

Im nächsten Ort in Spieskappel sehe ich ein ca. 300 qm großes Grundstück, das zum großen Teil umgegraben ist. Die Erde schwarz und fruchtbar. Ich frage den Mann, ob er das alles heute gemacht hat. Nicht ganz, lautet die Antwort. Er möchte Blumen pflanzen, um die Bienen anzulocken für den Honig. Er hat einen östlichen Akzent. Viel Glück!

Im Wald kurz vor dem Spiesturm ein 35 m langer wohl von einem Unwetter entwurzelter Baum. Auch wieder symptomatisch.

Kurz vor dem Spiesturm: Hier stand mal ein Baum

Am Spiesturm, wo eine innerhessische Grenze verlief, gibt es eine phantastische Sicht auf die umliegenden Berge. Man sieht z. B. die mit 675 m höchste Erhebung des Kellerwaldes, den Wüstegarten direkt rechts vom Turm. Ich pausiere und genieße jeden Wasserschluck einzeln. Hier fühle ich mich wirklich wohl und mit mir eins und möchte gar nicht weitergehen.

Spiesturm, Rastplatz mit Aussicht

Auf den letzten Kilometern geht es nochmal direkt neben der Bundesstraße weiter. Wie man es vom Camino, aber auch nicht anders erwarten kann.

Ich latsche durch den Ort, erreiche mein Hotel, rufe die angegebene Nummer an und ein junger, breit grinsender, korpulenter Mann öffnet und reicht mir die magische Zimmerkarte.

Hier der Etappenüberblick über meine Fastenwanderung auf dem Elisabethpfad von Eisenach nach Marburg im Februar 2024.

3712

Februar 15, 2024

Nieselregen, mild

Gespräche am Wegesrand

Pausen genießen

3708

Februar 15, 2024

Ein Tag, ein Leben

Morgens kerzengerade

Abends krummbucklig

Elisabethpfad 5. Etappe: Spangenberg – Homberg/Efze 31 (+1)

Februar 15, 2024

Langsam ansteigend
Der kalte Wind ins Gesicht
Der Weg schnurgrade

Wache nach unruhiger Nacht um 5 auf. Die kalte Dusche ist so richtig kalt, wie ich es liebe. So geht Aufwachen. Ich trinke zwar Mineralwasser und Rhabarbersaft zum Frühstück, vergesse jedoch in die Küche zu gehen und mir einen Tee zu kochen. Das Ergebnis: Ich bin schon durstig, bevor ich überhaupt losgehe. Um zehn vor acht bin ich unterwegs. Es scheint über Nacht geregnet zu haben, jetzt ist es nur noch bedeckt. Die Sonne wird sich den ganzen Tag verstecken, aber es wird trocken bleiben.

Aus Spangenberg raus gehe ich an der munter vor sich hinströmenden Pfieffe und komme an einem längeren Komplex vorbei, einer Sägenfabrik. Der geteerte Radweg anschließend, der in etwa parallel zur Bundesstraße verläuft, ist wie Kanonenfutter für meine Füße, heute drehe ich auf. Das ist auch gut so, denn ich gehe heute zwei Etappen, weil ich nur eine Woche Zeit habe. Heute ist übrigens Halbzeit.

Über uns drei Wildgänse, die ihren Schwarm verloren haben. Ich treffe mehrere Hundebesitzer und muss feststellen, dass die Kackbeutel hier gerne an den Wegrand gestellt werden. Ich sehe 5 solcher Beutel. Ich hoffe mal, die Müllabfuhr kümmert sich drum.

In Mörshausen besuche ich die etwas muffig riechende romanische Kirche aus dem 12. Jahrhundert, stempele den Pilgerausweis und schaffe es, die größte Attraktion, den Schmerzensmann, eine gotische Säule im dunklen Kircheninneren nicht zu sehen. Kann es sein, dass romanische Kirchen generell innen dunkler sind als gotische Kirchen? Angesichts der Fenstergrößen scheint mir das plausibel.

Mörshausen: Romanische Kirche aus dem 12. Jahrhundert
Hinter Mörshausen: Hundekotbeutel

Auch hinter Mörshausen geht es auf einem asphaltierten Weg weiter. Es ist nur leicht wellig. In Adelshausen passiere ich erst einen Trupp Männer mit Warnwesten. Dann stoße ich auf eine Hinweistafel an einer Brücke. Es stellt sich raus, dass hier früher die Kanonenbahn von Berlin nach Metz passierte. Es ist die Bahn, die nach dem 1870/71er Krieg mit Frankreich gebaut wurde, um die Hauptstadt besser mit dem Westen des Deutschen Reichs zu verbinden. Einen anderen weiter westlich gelegenen Streckenabschnitt dieser Bahn, der z.T. in den Berg hineingebaut gewesen war, hatte ich vor einigen Jahren auf einer Radtour mit meinem Vater an der Mosel gesehen.

Wie mich eine zweite Hinweistafel lehrt, bin ich hier auf der historischen Straße Die Langen Hessen, die insbes. für den Güterverkehr zwischen Eisenach und Frankfurt genutzt wurden. Die Kurzen Hessen verlaufen über Alsfeld (Vogelsberg) und sind zwar eine Abkürzung, aber dafür der beschwerlichere Weg.

Adelshausen: Hier fuhr früher die Kanonenbahn nach oder von Metz

Hinter Adelshausen erstreckt sich das ausgedehnte Fabrikgelände einer Pharmafirma, das noch erweitert wird. Vor mir in großer Höhe kreist ein Greifvogel, wahrscheinlich ein schwarzer Milan. Es geht nun über die B83 an einem Kreisverkehr zur Domäne Fahre. Hier steht ein Eier- und Getränkeautomat, den ich mir ansehe. Es gesellt sich nun eine Appenzeller Sennenhündin zu mir, die mich ausgiebig beschnüffelt, etwas scheu ist, mir aber folgen möchte, wobei ich ihr klarmachen kann, dass das keine gute Idee ist. Love at first sight.

Appenzeller Sennenhündin auf der Domäne Fahre

Hinter der Domäne komme ich zu den Fuldaauen, die Fulda ist hier ein schnell fließendes Flüsschen. An einem der vielen Klärwerke vorbei und über die Fuldabrücke geht es nach Malsfeld rein und die erste kurze Flachetappe von 12 km ist beendet, ich gönne mir eine Rast. Heißgetränke gibt es nur in der Supermarktkette. Allerdings ist der Tee aus. Wir lösen die Sache dann so, dass ich einen Pott heißes Wasser bekomme, den ich eigentlich nicht bezahlen darf, dann aber doch in Form eines Trinkgelds bezahle. In den Pott senke ich dann meinen eigenen Teebeutel.

Die Malsfelder Kirche gehört zu den Offenen Kirchen, eine Initiative, die ich immer mehr zu schätzen weiß, weil ich inzwischen in fast jede Kirche am Weg versuche, hineinzugehen und oft überrascht bin, was es dort alles gibt. Vom Gästebuch zu Teelichtern bzw. Kerzen, die man gegen eine Spende anzünden kann über Pilgerstempel, Papier für Bitten/Wünsche/Kritiken etc., die man einwerfen kann, Mineralwasser, 2nd hand Bücher, Luftpumpen und Flickzeug, Spielzeug für Kinder, Wetterstationen, Steckdosen (wichtig fürs Handy) etc. Es ist jedes Mal wie eine Wundertüte. Heute bekam ich sogar eine Hundepostkarte (mit Bibelvers) für 20 Cent.

Signet der Offenen Kirchen

Von Mörshausen ging es auf einem Schotterweg hoch nach Dagobertshausen, ein langsamer, schnurgerader Anstieg mit einer kühlen Brise von vorne. Links und rechts Felder. A propos, die Gegend ist eines der ältesten Siedlungsgebiete in Deutschland. Ein wichtiger Grund ist die Fruchtbarkeit der Böden. Dagobertshausen begrüßt mich schelmenhaft.

Dagobertshausen steht Kopf

Der rote Kübel ist für mich ein bisschen wie ein Madeleine für Proust. Ich fuhr so eine Karre, natürlich in Tarngrün 1983/84 bei der Bundeswehr. Was für ein Schrottauto. Auf der Autobahn konnte man nicht mehr als 90 fahren, weil alles wackelte und einen Heidenlärm machte. Die Lenkung hatte weit über 90 Grad Spiel, Servolenkung gab es damals noch nicht. Ganz schlimm waren die abgedeckten Notlichter. Im Wald bei Übungen gaben die weniger Licht als ein Streichholz. Dass ich nie gegen einen Baum gefahren bin, ein Wunder. Das Verdeck habe ich nur selten zum Cabriofahren im Kofferraum versenkt. Ölwechsel und Inspektion inkl. Ölfilter wechseln, musste man natürlich selber machen. Festgefahren habe ich mich auch einmal, wurde vom Koffer (Unimog) aber wieder aus der Matsche gezogen. Ich bin dann bei der Marke geblieben, habe jedoch modernere, zivile Modelle bevorzugt.

Dagobertshausen, roter Kübel

Es sind jetzt keine 100 km mehr zum Ziel. Also auch auf der Entfernungsskala Halbzeit.

Dagobertshausen, Wegweiser

Es geht nun hinauf bis zum Waldrand. Am Scheitelpunkt öffnet sich ein phantastisches weites Panorama mit dem langen Gebirgszug des Hohen Meißner im Hintergrund. Die Landschaft hat etwas Magisch-Märchenhaftes.

Hinter Dagobertshausen, Blick auf Hohen Meißner

Gut vernehmlich ist auch schon ein Rauschen aus dem Tal, dass anschwillt, je weiter ich vorangehe. Es ist die A7, meine erste Autobahnüberquerung auf dieser Wanderung. A propos Autos, das hiesige  Kfz-Kennzeichen ist seit geraumer Zeit nicht mehr ESW für Eschwege sondern HR für Homberg oder MEG für Melsungen. Beide Kennzeichen gehören zum Schwalm-Eder-Kreis.

Zwischen Dagobertshausen und Ostheim, A7

Es geht weiter mit den geraden, ansteigenden Wegen, hier ein Blick zurück.

Blick zurück nach Ostheim
Hinter Ostheim: Blick zum Hohen Meißner

Vom Segelflugplatz am Mosenberg (402 m) geht es hinunter nach Homberg, allerdings verpasse ich einen Abzweig und bewege mich in Richtung des Nachbarortes Mardorf. Ich muss jetzt mühsam auf den geraden Feldwegen Zickzack laufen, z. T. sogar wieder bergauf, um schließlich nach Homberg zu kommen.

Eine wichtige Person für Hessen ist Philipp der Gutmütige, der 1526 die Homberger Synode einberuft, wonach mehr oder weniger ganz Hessen evangelisch wurde.

Homberg/Efze, Markt: Philipp der Großmütige

In Nordhessen sind Fachwerkhäuser sehr verbreitet, insbesondere in Homberg, wo der Markt von der Stadtkirche und diversen herausgeputzen Fachwerkhäusern eingerahmt wird. Hier befindet sich mit dem Gasthaus Krone von 1480 eines der ältesten Gasthäuser Deutschlands.

Homberg/Efze, Gasthaus Krone (geschlossen)

In Homberg komme ich leider etwas zu spät für die Kirche, die um 16h schließt. Ich kaufe ein paar exotische Säfte (Banane/Mango) im asiatisch ausgerichteten Tante Emma Laden direkt am Markt. Die Fachwerkhäuser sind zum Teil von Migranten bewohnt. Anschließend gehe ich zur Supermarktkette, um die Wartezeit rumzukriegen bis meine Landlady nach Hause kommt und trinke grünen Tee.

Hier der Etappenüberblick über meine Fastenwanderung auf dem Elisabethpfad von Eisenach nach Marburg im Februar 2024.

3707

Februar 14, 2024

Langsam ansteigend

Der kalte Wind ins Gesicht

Der Weg schnurgrade

3705

Februar 14, 2024

Aufrechter gehen!

In Augenhöhe gucken!

Dann verpasst man nichts.

3704

Februar 14, 2024

Wach und federleicht

Ich fliege über den Weg

Mit leerem Magen

3703

Februar 14, 2024

Schnurgeradeaus

Der einsame Wanderer

Bergauf. Der Wind kühlt.

Elisabethpfad 4. Etappe: Waldkappel – Spangenberg 21

Februar 13, 2024

Gefallne Blätter
Vom Wanderstock aufgespießt
Meine Copilger

Diese Nacht fünfeinhalb Stunden bis 4h30 durchgeschlafen, es wird langsam besser. Die Dusche mit alten Drehhähnen, mit denen man perfekt kaltes und heißes Wasser mischen kann. Ich lasse mir heute morgen Zeit, die Etappe ist ja nicht so lang. In der Barecke kann ich mir Wasser für grünen Tee kochen. Vorher gibt es Rhabarbersaft. Sozusagen English Breakfast für mich heute.

Ich ziehe kurz vor 9 los. Es ist knackig kalt, jetzt um den Gefrierpunkt, in der Nacht bis – 2, die Autoscheiben sind mit dickem Eis überzogen. Mir ins Gesicht scheint die Sonne, ideales Wanderwetter! Ein Mann mit einem lebhaften Deutsch Kurzhaar sagt mir, dass mich schöne Ausblicke vom Kamm, auf dem ich gehen werde, erwarten.

Kaum habe ich die letzten Häuser hinter mir gelassen, sehe ich auf dem Anstieg in den Wald vor mir zwei junge Rehe. Ich versuche mich anzupirschen, aber in ca. 100 m Entfernung nehmen sie Reißaus nach links ins Gebüsch. Es folgen noch zwei weitere Jungrehe.

Ein Weg voller Hindernisse

Es geht weiter bergauf in Richtung Taufstein (461 m). Andere Wanderer treffe ich heute auf den 9 km bis Reichenbach nicht. Ich mache immer wieder Fotos, checke die Wander-App, lasse mir Zeit, genieße den Weg und die Aussicht.

Zwischen Taufstein und Wollstein

Am Wegesrand wie auch schon gestern „Kunstwerke“ unter dem Rubrum Ars Natura, teilweise mehr, teilweise weniger gelungen. In einigen Fällen erkennt man das Kunstwerk nicht, weil es Natur ist, z. B. Baumstümpfe, drapierte Zweige etc. Recht originell und treffend fand ich die Baumsprüche.

Ars Natura: Christian Roosen mit Baumspruch

Kurz vor Wollstein höre ich Vogelschreie über mir. Es ist eine kleine Schar von Wildgänsen, die nach Osten zieht. Die Rastbänke am Rande des Weges sind manchmal mehr und manchmal weniger einladend.

Bank, gut in die Natur integriert

In unmittelbarer Nähe des Klosters Marienheide in Wollstein, das die „Schwestern von Bethlehem…“ beherbergt, überfliegt mich ein Militärhubschrauber in etwa 30 bis 40 m Höhe. In der Nähe des Aussichtspunkts mit Blick auf das einsam gelegene Kloster steht ein überdimensionales Metallkreuz auf der Wiese.

Wollstein: Kloster Marienheide

Als ich aus dem Wald herauskomme, blicke ich mich um und kann mir ein Schmunzeln nicht verkneifen. Draußen in der Natur ist auch das beste Navi immer noch häufig völlig verloren.

Auch KI kann irren

Ich komme nun zum Grenzstein von Hessisch-Lichtenau, wo mir plötzlich bewusst wird, dass es mir insbesondere an den Händen friert. Die Sonne ist unter den Wolken verschwunden und der Wind ist eisig und weht heftig. Ich habe doch tatsächlich meine Handschuhe vergessen. Ich versuche es mit den Zweitsocken, aber das macht die Hände zu unbeweglich. Schließlich nehme ich den Stock unter die Achsel und tue die Hände in die Hosentaschen.

Schachbrett als Schmetterling (Aufnahme)

Auf dem Boden liegen plötzlich tausende von Hülsen auf dem Weg rum. Nach genauerem Hinschauen dämmert es mir. Es sind die Fruchtbecher von Bucheckern, die ich bestimmt seit 45 Jahren nicht mehr bewusst wahrgenommen habe.

Myriaden von Bucheckern

Richtig ziehen tut es bei den großen Steinen, einem bizarr geformten Steinblock aus Dolomit.

Große Steine

Noch eines der für meine Begriffe interessanteren Werke aus der Reihe Ars Natura:

Ars Natura: Said Tabib – Sieben Wolken

Ich komme nun in den Ort Reichenbach, der fast auf der Hälfte meiner heutigen Etappe liegt. Menschen treffe ich hier keine. In der ursprünglichen Klosterkirche, die 1207 von den örtlichen Grafen an den deutschen Orden verschenkt wurde und damit dessen erste bedeutende Niederlassung auf deutschem Gebiet war, zünde ich ein Teelicht an und stemple den Pilgerausweis. Hinter dem Altar sind Wandzeichnungen mit Bibelszenen.

Reichenbach, Kirche

Ich entdecke eine Seite mit Hinweisen und Ratschlägen zu einem guten und abgeklärten Leben. Ich glaube, das kann man fast alles auch als Nichtchrist bzw. sogar Nichtgläubiger unterschreiben. Den Text durchzieht eine große Demut, aber auch eine Würde und ein Pragmatismus.

Desiderata in Reichenbacher Kirche

Im Zentrum von Reichenbach stehen diese Milchkannen, ich hatte das Bild auch schon in meinem Führer gesehen.

Reichenbach, Milchkannen

Hinter Reichenbach geht es in den Wald auf zum Teil matschigen Wegen hinauf auf den mit 522 m höchsten Punkt der Etappe, den Schlossberg mit der Burgruine Reichenbach, deren Turm durch die Spende eines Reichenbachers überdacht werden konnte. Der Blick geht bis zum Hohen Meißner, bei dem mich mal wieder stutzig macht, dass er mit 753 m noch nicht mal so hoch ist wie „unser Hausberg“, der Altkönig.

Burgruine Reichenbach: Blick auf den Ort, rechts der Hohe Meißner

Der Hohe Meißner gilt als die Heimat von Frau Holle aus dem Märchen der Gebrüder Grimm. So erklärt sich auch der Name der folgenden Skulptur. Man fragt sich, was die Dame da auf dem Kopf trägt, übliche Kopfhörer scheinen es nicht zu sein, evtl. Fernkopfhörer? Eventuell ist es andersherum und sie sendet nach außen. Vielleicht ist es auch einfach nur ein Geweih. Oder ein gewölbter, am Hinterkopf befestigter Knochen. Fragen über Fragen.

Ars Natura: Christian Huba – Holda
Hier war mal Wald

Und vergesst mir bitte die Tiere im Wald nicht. Die wollen auch mal schlafen und äsen…

Die Natur kommt zu Wort

Bei der folgenden Holzskulptur hatte ich geraten, dass sie eventuell Zungenkuss heißen könnte, aber dem war nicht so.

Ars Natura: Halvor Machmor – Baumbuch

Am Ende der Wanderung sehe ich etwas Haariges auf dem Boden liegen. Es scheint kontraintuitiv zu sein, Haarkleid ausgerechnet im Winter abzuwerfen. Aber was verstehe ich schon von der Welt.

Da hat jemand Federn gelassen

In Spangenberg komme ich schnell zu meiner Privatunterkunft mit sonnigem Zimmer im 2. Stock. Hier wird mir neben einer dem immer durstigen Wanderer natürlich sehr willkommenen Flasche Mineralwasser auch eine Flasche Flens offeriert.

Es hat sich übrigens bei mir nach dem Trinken von zwei Gläsern des Sprudels die Verdauung zurückgemeldet. Man glaubt nicht, was sich nach 5 Tagen Fasten noch so alles im Darm befindet. Auf jeden Fall werde ich morgen noch einmal um gut ein Pfund leichter auf die über 30 km lange Etappe nach Homberg/Efze gehen. 😉

Hier der Etappenüberblick über meine Fastenwanderung auf dem Elisabethpfad von Eisenach nach Marburg im Februar 2024.

3697

Februar 13, 2024

Gefallne Blätter

Vom Wanderstock aufgespießt

Meine Copilger

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Februar 12, 2024

Der Waldweg ein Bett

Rotbraune, feuchte Blätter

Die Füße juchzen

3693

Februar 12, 2024

Niemand unterwegs

Die ganze Welt gehört mir

Und den Piepmätzen

3692

Februar 12, 2024

Die Schlücke kauen

Sauerkirschsaft, süß-sauer

Dann grüner Tee. Los!

Elisabethpfad 2. Etappe: Creuzburg – Röhrda 19 (+3)

Februar 11, 2024

Stimmen hinter mir
Quietschende Regenjacke
Als wärs ein Seufzen

Ein völlig vernieselter Tag, an dem ich mich daran erfreue, dass das Teilstück zum überwiegenden Teil geteert ist, weil ich so dem Matsch entgehe. Außerdem überquere ich die ehemalige Grenze fünfmal. Aber im Einzelnen:

Ich wache schon wieder um 4 Uhr morgens auf, das scheint zur Gewohnheit zu werden. Anschließend fliegen mir Haiku zu und ich schaffe es später noch in den Halbschlaf. Der aktuelle Blick auf den Regenradar – gestern Abend sah es noch ganz anders aus – verheißt nichts Gutes. Am frühen Morgen soll es noch recht trocken bleiben, später alerdings sollen die Niederschläge zunehmen. Als ich das begreife, spute ich mich, verabschiede mich von der Servicekraft, bekomme von ihr noch einen Stempel mit der Burg in all ihrer Pracht in meinen Pilgerausweis und bin um 8h15 auf der Rolle.

Von Creuzburg nach Westen folgen der Jakobsweg und der Elisabethpfad, die oft identisch sind, zwei verschiedenen geteerten Routen. Ich gehe einen dritten Wiesenweg anfangs an der Werra entlang, die mich verblüfft, weil sie von West nach Ost fließt. Flüsse haben eben immer die Tendenz, zu mäandern und nicht direkt auf ihr Ziel zuzufließen. Manchmal geht es dann auch in eigentlich „kontraproduktive“ Richtungen. An der Brücke über die Ifta, die unweit in die Werra mündet, vereinigt sich mein Weg wieder mit dem Elisabethpfad. Es nieselt nun leicht und es geht bergauf bis zur alten innerdeutschen Grenze (1. Überschreitung) im Wald. An der Stelle ist eine Rastbank sowie eine metallene Deutschlandkarte. Quer verläuft der Kolonnenweg, mitten im damaligen Todesstreifen, heute das Grüne Band, dessen 1393 km man komplett abwandern kann.

Ehemalige innerdeutsche Grenze: Kolonnenweg kurz vor Willershausen, heute das Grüne Band

Hinter dem Wald geht es links auf der Straße hinunter nach Willershausen im ehemaligen Westen. Ich besuche die dreischiffige, schlichte Kirche, hole mir einen Stempel und gebe einen kleinen Obolus für die Restaurierung der von Pilzen befallenen Orgel.

In Willershausen ist auch im Februar noch Weihnachten

Die Autokennzeichen sind jetzt natürlich nicht mehr WAK (Wartburgkreis) oder EA (Eisenach), sondern meist ESW (Eschwege). Aus dem Ort heraus gehe ich auf einer Straße nach Norden, die auch wieder ansteigt. Auf der Bergkuppe im Wald ist erneut die alte Grenze (2. Übertritt). Ich bin also jetzt wieder in Thüringen. Es geht auf einem Betonplattenweg bergab, damit die DDR-Panzer schnell an die Grenze fahren konnten. In der DDR ging sehr viel Material wie z. B. Zement an den Grenzschutz und fehlte dann in der Privatwirtschaft. Ich komme in Ifta an und gehe in den Ort rein und damit ca. 300 m über den Wegabzweig hinaus. Das Gasthaus macht zwar eigentlich erst um 15h auf – jetzt ist es 11h – aber die Wirtin, die gerade noch fleißig saubermacht, kocht mir Teewasser und wir kommen ins Gespräch. Sie erzählt mir auf Nachfrage bzgl. der Stimmung von der Verunsicherung der Leute, die nicht genug mitgenommen werden von der Politik, möchte sich selber damit aber nicht auseinandersetzen, hat schon genug zu tun in ihrem Alltag. Das hört sich alles sehr nachvollziehbar an und doch… Nach 45 Minuten breche ich auf. Die Kirche mit dem Himmelszelt an der Decke und dem blutenden Pelikan auf der Kanzel ist geschlossen, heute ist kein Gottesdienst. Jede Kirche, die wertvolle Kunst enthält, ist normalerweise geschlossen.

Ich überschreite auf dem Weg nach Lüderbach ein drittes Mal die Ex-Grenze und bin wieder in Hessen im Werra-Meißner-Kreis. Ich habe heute hier die gesamte, herrliche Landschaft für mich.

Zwischen Ifta und Lüderbach

Ein paar Meter abseits des Wegs gehe ich ein paar glitschige Steinstufen hinunter zum Leprakreuz und stürze fast. Hier war wohl eine Station für aus den Kreuzzügen an Lepra erkrankte Rückkehrer.

Leprakreuz unweit Lüderbach

Kurz vor der Grabespyramide, mache ich einen 1,5 km Abstecher zum Baumkreuz. In der Ferne sehe ich einen Schimmel und zwei Braune mit Reitern, die weiter Richtung Lüderbach reiten. Ich schreibe das, weil ich heute quasi niemand auf dem Weg treffe. Das Baumkreuz ist eine Anpflanzung von Eschen und Linden in Kreuzform, da wo die B7 auf die alte innerdeutsche Grenze trifft. Es ist noch ein langer Abschnitt des damaligen Grenzzauns erhalten. Hier überquere ich die nicht mehr existierende Grenze ein viertes Mal, um gleich wieder zurückzukommen.

Teil des Baumkreuzes – hier Eschen – an der B7 mit altem Grenzzaun

Von hier mache ich noch einen Abstecher hoch zur Grabpyramide, wo der letzte Schlossherr von Lüderbach, Herr von Castellan, der keine Nachkommen hatte, mit seiner Schwester begraben ist.

Lüderbach, Grabpyramide

In Lüderbach ist die Kirche mit dem Schnitzaltar natürlich geschlossen. Ich mache meine Mittagsrast mit Gemüse-,  Kirschsaft und Ingwerwasser in einem schmucken überdachten Bushaltestellenhäuschen aus Fachwerk.

Lüderbach, Bushaltestellenhäuschen

Auf gerader Strecke geht es weiter nach Netra, wo die Kirche mit dem Wehrturm leider auch wieder zu ist. Am Ortsausgang steht ein langsan verfallendes Wasserschloss, um das sich niemand zu kümmern scheint.

Netra, Wasserschloss der Familie von Boyneburg

Noch knapp 3 km und ich bin in Röhrda, meinem Tagesziel angekommen. Die Regenjacke und der Rucksackschutz sind zwar nass geworden, aber ansonsten habe ich den Regentag recht trocken überstanden.

Weg vor Röhrda, man sieht die Kirche im Hintergrund

Die Inneneinrichtung der Kirche ist sehr einfach, das Buntglasfenster mit dem auferstehenden Jesus ist ein Blickfang.

Röhrda, ev. Kirche, Buntglasfenster

Ich kehre ein in die Pension Iris, bekomme einen Kräutertee kredenzt und lasse meine müden Knochen etwas zur Ruhe kommen.

Hier der Etappenüberblick über meine Fastenwanderung auf dem Elisabethpfad von Eisenach nach Marburg im Februar 2024.

3690

Februar 11, 2024

Wandern und Fasten

Täglich ein paar Gramm leichter

Gleich hebe ich ab!

3689

Februar 11, 2024

Wie ich auf Wandrer

neidisch war als Radfahrer,

wenn es steil hoch ging

Elisabethpfad, 1. Etappe: Stedtfeld – Creuzburg 13

Februar 10, 2024

Die Sonne kommt raus
Der Bibelversautomat
Die Kemenate

Ich wache auf und denke es ist 6 Uhr, aber als ich genauer auf die Uhr sehe, stellt es sich raus, dass es 4 Uhr ist. Darauf eine Melatonintablette, mit der ich nach längerer Zeit wieder einschlafe, und dann nicht aus dem Bett komme. Zum Frühstück Orangensaft. Ich muss feststellen, dass ich doch wieder – wie schon auf der letzten Fernwanderung auf dem Heidschnuckenweg – das falsche Paar Wanderstöcke mitgenommen habe. Bei dem einen Wanderstock fehlt entweder ein Segment oder ich bin zu blöd, ihn auseinander zu ziehen. Die junge Frau an der Rezeption bucht versehentlich 50 Euro Depot für den Bademantel ab. Ob sie wohl meinte, ich hätte ihn in meinem 30 l Rucksack mitgenommen?

Um halb zehn bin ich endlich on the road. Draußen scheint die Sonne und es herrschen zweistellige Temperaturen. Obwohl ich das dünnere Hemd und das nicht ganz so warme Damart-Unterhemd anhabe, ist mir etwas warm. Ich gehe über einen Wiesenweg nach Stedtfeld rein.

Stedtfeld, Steinstock

Hier geht es über die u. a. von Flixtrain befahrenen Bahnschienen der Strecke Eisenach – Bebra und ich stoße auf den Elisabethpfad, der enttäuschenderweise an einer Straße langläuft, neben der sich dann auch noch das langgestreckte Gelände des Klärwerks befindet. Warum um Himmels willen haben die Schöpfer des Elisabethpfades hier nicht den Rennsteig genutzt, der etwas weiter auf dem Bergkamm verläuft? Ich werde heute bestimmt 80% auf Asphalt – man sagt hier Bitumen – gehen, was unnötig ist und mich fuchsteufelswild macht.

Neben dem Elisabethpfad tanze ich heute auf verschiedenen Wegen…
Als Pilger kann man sich den Weg (nicht) aussuchen

In Hörschel mündet die aus Eisenach kommende Hörsel in die Werra und es beginnt an der Werra der Rennsteig. Den ich für den meistüberschätzten deutschen Wanderweg halte. Der Weg verläuft meist im Wald oben auf dem Kamm und es gibt kaum Ausblicke. Es ist eine Art Wanderautobahn, breit und befestigt. Die Wanderer, die sich dort tummeln, sind meist bierernst und rennen ohne nach links und rechts zu gucken.

An einem Spielplatz raste ich und spreche länger mit einem einheimischen Großvater, der mit seinen Enkeln bei dem schönen Wetter mal draußen ist. Er erklärt mir die Wegführung und weist mich darauf hin, dass es auf dem Radweg weitergeht und fast nur noch Bitumen bis Creuzburg zu erwarten ist. Er wird recht behalten. Neben mir fließt nun die recht hochstehende Werra, über mir ist die Talbrücke der A4, die ich schon unzählige Male überfahren habe. Ein junges Paar und ihr Söhnchen sind auf dem Rad kaum schneller als ich zu Fuß, es geht rauf und runter. Ich plage mich den ganzen Tag ein bisschen mit diversen Hungerästen ab, die Umstellung des Körpers auf Fettverbrennung dauert ihre Zeit.

Nicht weit von der alten, innerdeutschen Grenze: Deutschland am Boden

Ich erreiche nun Spichra, wo ich mir in der schnuckligen evangelischen Kirche in der Sakristei einen Pilgerstempel für den Pilgerausweis selbst erstelle.

Spichra, evangelische Kirche von 1753

Aus Spichra heraus geht es auf besagtem Radweg schnurgerade. Wie ich auf der App sehe, hätte es vorher eine Möglichkeit gegeben, über einen niedrigen Höhenrücken durch den Wald auf einem Wanderweg abzukürzen, was ich natürlich verpasst habe. Ich verfluche völlig sinnbefreit die Wegmacher. Sie hatten sicher ihre Gründe, es ist mein Fehler, ich hätte mich vorher informieren müssen. Links vor mir grasen Wasserbüffel und Gallowayrinder in den überschwemmten Auen. Es handelt sich um das Stiftsgut Wilhelmsglücksbrunnen, wo heute eine Käsemanufaktur betrieben wird. Hier geht es runter vom Asphalt auf einen eingeweichten Weg zwischen den Wiesen. In der Ferne sieht man linker Hand schon mein Etappenziel, die Creuzburg.

Da es noch nicht einmal ein Uhr ist, mache ich eine Trinkpause auf einer Bank mit Tisch. Es sind doch einige Leute zu Fuß und auf dem Rad unterwegs, es ist ja Samstag. Ich komme nun zur Liboriuskapelle (an der Ostseite der alten Werrabrücke), in der sich Wandmalereien von Elisabeth von Thüringen befinden. Die Kapelle ist (natürlich) geschlossen. Ich sehe später Kopien von ihnen mit guten Erklärungen in der Nicolaikirche im Ort.

Werrabrücke, erbaut 1223 unter dem Landgrafen Ludwig IV., Elisabeths Ehemann

Über 700 Jahre hält die Brücke, dann kommen die Nazis und sprengen am 1.4.1945 sinnlos zwei Bögen der Brücke (Verbrannte Erde), um den Vormarsch der Amerikaner noch zu stoppen. Sie wurde dann 1952 wieder eröffnet. Die Werra ist heute unter der Brücke ein reißender Strom, der Strudel an den Pfeilern bildet.

In der eindrucksvollen, großräumigen Nicolaikirche lese ich, wie gesagt, über Elisabeths in Wandmalereien festgehaltenes Leben. Ich zünde ein Teelicht an und ziehe mir einen Bibelvers aus dem Automaten, der sinnigerweise mein größtes aktuelles Problem anspricht, den Durst. Es ist Johannes 4,14.

Creuzburg, Nicolaikirche

Ich gehe nun hoch zur Burg, wo mir beim Eintritt ins Hotel-Restaurant Bratengerüche entgegenschlagen. Mein Einzelzimmer ist schon – es ist halb zwei – bezugsfertig. Ich versuche nach dem Genuss meiner Säfte erfolglos eine Siesta zu halten und gehe dann runter und trinke zwei Kännchen grünen Tee.

Creuzburg, Gastraum des Burghotels/-restaurants

Nun sind meine Lebensgeister wieder geweckt. Zuerst gehe ich rüber zum Museum, das leider schon in 20 Minuten schließt. Ich gucke mir die Elisabethkemenate im Keller an, Elisabeth von Thüringen hat mehrere Jahre auf der Creuzburg gelebt und gewirkt, indem sie sich um die Armen gekümmert hat. Zwei ihrer drei Kinder sind hier geboren worden.

Elisabethkemenate
Kopie einer gotischen Elisabethfigur, Lindenholz
Elisabeth verabschiedet sich 1227 von ihrem Mann, Ludwig IV. in Schmalkalden. Er wird auf dem Kreuzzug sterben.

Über den Wehrgang geht es im 1. Stock hinüber zur aktuellen, sehenswerten Ausstellung mit vielen historischen und neuen Fotos des Ortes mit Erläuterungen.

Creuzburg, Wehrgang

Ich mache noch eine Tour durch den Ort und folge dem Märchen-Naturpfad mit Bäumen, die z. T. in Märchen eine Rolle gespielt haben.

Creuzburg

Hier der Etappenüberblick über meine Fastenwanderung auf dem Elisabethpfad von Eisenach nach Marburg im Februar 2024.

Elisabethpfad, Prolog: Eisenach Hbf – Stedtfeld 5

Februar 10, 2024

Gluckerndes Wasser
Wärme strömt in den Körper
Die Explosion!

Nach der Arbeit nehme ich den Zug von Berlin Hbf nach Eisenach um 15h26. Ich nehme Platz an einem Tisch, es stellt sich heraus, dass der Platz obwohl nichts angezeigt wird auf dem Display, von einem Mädchen reserviert ist, die netterweise darauf verzichtet und sich gegenüber hinsetzt, ich rutsche jetzt zum Fenster, so dass wir Beinfreiheit haben. Die Fahrt ist ereignislos, draußen ist es bedeckt und dämmert so langsam. In Erfurt steigen noch einige Leute zu, der Zug ist recht voll, drei von vier Plätzen an unserem Tisch besetzt.

In Eisenach ist es bereits dunkel um 18 Uhr. Ich gehe unter den Gleisen durch nach Norden. Es geht ein gutes Stück parallel zur Bahn, ich passiere einige Bahnunterführungen. Ich orientiere mich nun etwas nach Norden, es geht bergauf in eine Eigenheimsiedlung. Auf einer Sackgasse nach Westen, wo bei jedem zweiten Haus die Bewegungsmelder anschlagen und mir den Weg beleuchten, komme ich aufgrund der Steigung etwas ins Schwitzen.

Die Straße endet nun und ich komme auf den Weg am Waldrand, den ich mir auf der E-Walk App ausgeguckt hatte. Hier ist es nun stockduster, ich schalte meine Stirnlampe an. Der Boden ist durchgeweicht, es hat anscheinend viel geregnet in letzter Zeit. Momentan ist es allerdings trocken. Der Weg geht schon bald wieder bergab, offensichtlich standen die letzten Häuser, an denen ich vorher vorbeiging, oben auf einer Anhöhe. Der Weg geht leicht auf und ab weiter am Waldrand entlang. Ich sehe vor mir zu meiner Linken das Opelwerk mit einem riesigen, beleuchteten Logo. Hinter dem Werk ist links eine Baustelle mit neuen, noch unbezogenen Häusern. Ich gehe hinab und bin nun in dem Gewerbegebiet von Stedtfeld, wo sich auch meine Unterkunft befindet.

Im Hotelzimmer trinke ich den Rote Bete Saft als Hauptgang und den Orangensaft als Nachtisch. Danach gehe ich in die Sauna, das Thermometer zeigt ca. 20 Minuten nach dem Einstellen über 80 Grad, ich mache einige Aufgüsse und schwitze. Ich bleibe alleine. Die Dusche ist nicht sehr kalt. Nachdem ich mir noch verspätet die Nachrichten auf dem Handy angeguckt habe und bei zwei Talkshows zwischendurch eingenickt bin, lösche ich kurz nach 10 das Licht.

Hier der Etappenüberblick über meine Fastenwanderung auf dem Elisabethpfad von Eisenach nach Marburg im Februar 2024.

3675

Februar 7, 2024

Auf dem Weg zum Park

Die Sillage des Müllwagens

Meine Begleitung

3668

Februar 5, 2024

Fuß vor Fuß setzen

Assembler programmieren

Schritt für Schritt zum Ziel

Ans Ziel kommen

August 28, 2023

Wenn die Füße nicht mehr wollen,

noch einen Schritt machen.

Wenn es jetzt nicht besser geht,

noch einen etc.

3402

August 28, 2023

Aus dem langen Fluss

der Wanderung gestiegen

in das Hier und Jetzt

Der Weg spricht, #1

August 25, 2023

Das zu Fuß durch die Welt ziehen

dem die Welt auf der Mattscheibe

vorbeiziehen zu lassen,

vorziehen

Heidschnuckenweg

August 21, 2023

Es geht jetzt doch wieder hier mit den Notizen weiter. Die 6. Etappe ging von Soltau nach Wietzendorf.

Heidschnuckenweg 5. Etappe: Behringen – Soltau. 30 km bei 30 Grad.

August 20, 2023

Morgens ein eher übersichtliches Frühstück in der Pension. Wir dürfen uns Butterbrote für den Tag schmieren, es ist jedoch alles genau abgezählt. Gastfreundschaft geht anders.

Die ersten 8 km nach Bispingen sind sehr abwechslungsreich. Zuerst geht es am mit Erlen bestandenen Ufer des Brunauer Sees entlang. In der Ferne hört man das Rauschen der Autobahn. Wir kommen raus an der Raststätte Lüneburger Heide West an der A7 und unterqueren die Autobahn das erste Mal. Nun kommen wir in die Behringer Heide, die Wasserscheide zwischen Weser und Elbe. Hinter Borstel in der Kuhle geht es bergauf in eine hügelige Heidelandschaft mit schönen Ausblicken.

Wir treffen kurz vor Bispingen auf die Luhe, die hier noch ein kleines Bächlein ist. In Bispingen machen wir eine kurze Cappuccinopause beim Bäcker, wo uns unsere das Geld gut zusammenhaltende Gastgeberin nochmals zufällig über den Weg läuft. Nach dem Kauf von weiterem Proviant im örtlichen wegen des Wochenendes sehr gut frequentierten Supermarkt gucken wir uns kurz die schlichte auf Feldsteinen errichtete Ole Kerk von 1353 an. Leider haben wir nicht viel Zeit zum Verweilen, es liegen noch 23 km vor uns und es ist schon Mittag.

Nun geht es parallel zur Bahnlinie nach Soltau durch den Wald an vielen bereits mit dem Kamm abgeernteten Blaubeersträuchern entlang. Im Hintergrund immer wieder der eintönige Ruf des Gartenrotschwanzes. Wir kommen jetzt ins Quellgebiet der Luhe, drei etwas höher gelegene Teiche, die ein Hund zur Erfrischung nutzt. Wir unterqueren die zwei separaten Fahrbahnen der A7 erneut in zwei bestimmt 100 Meter auseinander liegenden dunklen und feuchten Tunneln.

Der Wald weicht nun einer offeneren Landschaft. Der Mais steht kurz vor der Ernte und ist über drei Meter hoch. Die neuesten Errungenschaften von Düngung und Genetik haben wahre Wunder vollbracht. Auf den Wiesen sieht man diverse Schmetterlingsarten, ich kann Zitronenfalter, Kohlweißling und Admiral unterscheiden.

Am Kreuzberg, den man als Erhebung kaum erkennt, machen wir gegen 14 Uhr unsere Pause. Der Himmel ist jetzt bewölkt, das Thermometer hat die 30 Grad durchbrochen. Eine Gruppe von vier jungen Wanderinnen mit Rucksäcken kommt uns entgegen, die über ein Buch sprechen. Im Hintergrund ein paar Windräder – die ersten, die mir seit Hamburg auffallen – sie drehen sich damit die Südländer auch schön günstigen Ökostrom beziehen können. Weiter geht es vorbei an einem Roggenfeld, über das eine Schwalbe so tief fliegt, dass sie mit ihrem Bäuchlein fast die Halmenden touchiert. Regen kündigt sich an, es bleibt aber im weiteren Verlauf nur bei einigen Tropfen.

Wir kommen jetzt wieder in den Wald – über 60% der Lüneburger Heide besteht aus Wald, nur 1/6 aus Heide – und hören schon bald lautes Kindergeschrei von hinter den Bäumen. Es handelt sich um die Fahrgeschäfte des Heide Park Resorts Soltau, insbes. der passenderweise Scream genannte 100 Meter hohe Turm, den die Passagiere mit bis zu knapp 100 km/h in ihren Kabinen hinunterstürzen. Wir überqueren den endlosen Parkplatz, der bei weitem nicht vollständig gefüllt ist, aber doch ganz gut belegt. Hinter dem Erlebnispark tauchen wir wieder in den Wald ein und machen eine Trinkpause auf einem Campingplatz, wo sie gerade Bingo spielen. Der Weg zurück gestaltet sich schwierig, geradeaus kommt man nicht weiter, die Campingplatzwege sind labyrinthisch angelegt und es geht nur auf demselben verschlungenen Pfad zurück, den wir auch gekommen waren.

Die letzten Kilometer durch den Wald – wiederum mit Stimmen bzw. Musik im Hintergrund – sind für die Füße keine Freude mehr. Wir gehen an der Böhme durch den Böhmewald zu der Therme – wir können zwei Radlerinnen sogar den Weg dahin weisen – und weiter in den Ort. Die 18 Uhr Kirchenglocken begrüßen uns. Unsere Unterkunft liegt an der stark befahrenen Straße nach Lüneburg direkt neben der Glockenkirche, das Hotel Heideparadies.

Brunausee am Morgen
Borstel in der Kuhle, Fliegenpilz
Bispingen, Ole Kerk
Bispingen, Kirchenfenster Ole Kerk
Quellteich der Luhe
Feuerstein-Talisman, auf dem Weg gefunden

Hier der Etappenüberblick über unseren Heidschnuckenweg im August 2023.

Heidschnuckenweg 4. Etappe: Undeloh – Behringen. Im Tunnel.

August 19, 2023

Wir hatten Glück. Der große Regen kam an dem  Tag, wo wir die Radenbachschleife um Undeloh vorgesehen hatten, also eine entbehrliche Wanderung im Kreise. Wir verbrachten den Vormittag im Heideerlebniszentrum, wo man so einiges über die Geschichte sowie die Fauna und Flora der Heide erfahren konnte. Z. B., dass abplaggen – hiervon kommt das Wort Plackerei – bedeutet, die Heide mitsamt der oberen Humusschicht mit den Händen abzutragen, eine Sauarbeit. Man tat dies, damit die Heide sich regeneriert und nutzte die Plagge zusammen mit dem Kot der Heidschnucken als Dünger für die nährstoffarmen, sandigen Böden.

Nachmittags machten wir noch eine Minirunde um Undeloh im nachlassenden Regen. Man hätte nun denken können, dass die nächste Etappe nach diesem Quasiruhetag besonders leicht werden würde, dem war aber leider nicht so. Trotz der nährreichen Milch mit fast 4% Fett vom Bauernhof waren unsere Füße von Anfang an schwer, und das besserte sich auch nicht im Laufe des Tages. Die Bewölkung löste sich auf, die Sonne kam raus, die Temperaturen wurden sommerlich.

In der Undeloher Heide hörten wir mehrmals dumpfe Geräusche. Geschützdonner vom Truppenübungsplatz Munster bzw. Bergen, bestimmt 25 km Luftlinie entfernt. Die anderen Tage waren schon mehrmals Düsenjäger für uns unsichtbar oberhalb der Wolken geflogen, das Militär ist in dieser Gegend weiterhin sehr präsent. Plötzlich tauchen vor uns Tiere auf, direkt am und auf dem Weg grast eine Heidschnuckenherde mit einigen Ziegen, die sich auch an eine Eiche stellen und die unteren Blätter abfressen. Der Schäfer ist etwas weiter hinten ins Gespräch mit dem Förster vertieft, der seinen Geländewagen an einem Heideweg abgestellt hat.

Wir nähern uns Wilsede, dem Heidedorf schlechthin und treffen zunehmend auf meist betagte E-Bikefahrer, Tageswanderer, sowie Pferdekutschen. Im Ort nehmen wir den gut 1 km langen Wanderweg Lila Krönung zum Totengrund. Dieser ist die Keimzelle des Naturschutzgebietes Lüneburger Heide, er wurde 1906 von privat erworben. Die Aussicht hinunter in den Heidegrund ist lohnend, neben der Heide wachsen hier vor allem Wacholderbüsche in verschiedensten Formen wie oval, eher flach ausgestreckt oder als Säule.

Weiter geht es auf einem anderen Weg zurück zum Dorf, wo wir weiterwandern gen Wilseder Berg, der mit 169 m höchsten Erhebung der norddeutschen Tiefebene. Trotz der vielen Touristen finden wir eine Holzbank für die Mittagspause. Man sieht im Norden in der Ferne Windräder auf Hamburger Gebiet. Beim Abstieg kommen uns zwei Arten von E-Bikern entgegen, diejenigen, die ihr Gefährt mühsam den Weg hochschieben und diejenigen, die die Fahrt im Sattel mit Motorhilfe wagen.

Durch Heidelandschaft geht es nach Niederhaverbeck. Hier erfrischen wir uns im Schatten von Bäumen, der Rhabarbersaft weckt meine Lebensgeister. Wir haben von hier noch rund acht km bis zum Ziel, die sich allerdings ewig hinziehen. Die Sonne brennt runter, Schatten ist kaum vorhanden und unsere Wasservorräte erschöpfen sich langsam. Ich bin im Tunnel unterwegs, Blick starr vor mich auf den Boden gerichtet. Es bleibt nicht aus, dass wir einen Abzweig verpassen und ein gutes Stück in die falsche Richtung laufen. Kurz vor der Bundesstraße treffen wir noch auf eine zweite, kleinere Heidschnuckenherde. Die junge Schäferin ist mit drei angeleinten Hütehunden unterwegs. Auf dem Parkplatz neben der Straße wehen uns verführerische Essensdüfte in die Nüstern, in einem Wohnmobil werden Bratkartoffeln (s. u.) bei offenem Fenster in der Pfanne gewendet. In Behringen kommen wir völlig dehydriert an und inhalieren in unserer Unterkunft in Nullkommanix eine Flasche Mineralwasser. Zum Abendbrot leiste ich mir eine Quittenkaltschale mit Matjes und knusprigen, schön dunklen Bratkartoffeln mit Speck, so mit die besten, die ich je gegessen habe.

Undeloher Heide, Heidschnuckenherde
Undeloher Heide, Wacholderbusch
Undeloher Heide, Heidschnuckenweg
Wilsede, Totengrund

Hier der Etappenüberblick über unseren Heidschnuckenweg im August 2023.

Heidschnuckenweg, 3. Etappe: Handeloh – Undeloh

August 17, 2023

Was bisher geschah.

Handeloh, weiße Hortensien
Handeloh, Nur-Dach-Haus
Seeve
Südlich von Wesel, blühende Heide
Südlich von Wesel, überwachsene Bank
Handeloh, Dat ole Bahnhus

Ich werde morgens geweckt vom Wiehern eines Pferdes auf der Koppel neben unserem Airbnb-Einliegerstudio in Handeloh-Böckel. Wir frühstücken auf der kleinen Terrasse davor. Das Eiweißbrot ohne Mehl auf Basis von Haferflocken mundet gut, evtl. statt des Knäckebrots eine gute Wahl abends im Kampf gegen den Reflux.

Wir gehen auf einer Allee mit Kopfsteinpflaster zurück zum Hauptweg. An der Bahnlinie lang geht es durch Handeloh, große Grundstücke, es scheint kein richtiges Zentrum zu geben, die Gegend erinnert mich generell mit dem vielen Rasen an den Parkcharakter von Neuengland, es gibt zwar Zäune, aber der Charakter ist offen und großzügig.

Wir nähern uns der Seeve, einem mäandernden Heideflüsschen, das in die Elbe mündet. Im Führer schreiben sie, das Wasser wäre ganzjährig 6-8 Grad kalt. An der Stelle, wo ich die Hand ins Wasser getaucht habe, waren es deutlich über 10, evtl. sogar 15 Grad. Der Klimawandel macht auch nicht vor der Heide halt. Die Vegetation ist dicht, eine Art Urwald, man hört viele Vögel.

Wir gehen die Variante über den Weiler Wehlen, hier ist die Quelle der Seeve. An einem alten, imposanten Laubbaum steht eine Wanne mit durch Wasser gekühlten Getränken. Der Rhabarbersaft (45%) stellt eine köstliche Erfrischung dar. Wir kommen mit einem älteren Ehepaar auf E-Bikes ins Gespräch, die den Eindruck machen, als wären sie bei Fridays for Future dabei. Von hier gibt es einen sandigen Reitweg durch die Heide. Die Sonne scheint, es summt überall. Zur kindlichen  Ferienstimmung fehlt nur noch das Meer.

In Wesel machen wir neben dem Hexenhaus Mittagspause und trinken anschließend noch im von Wanderern und Radfahrern recht vollbesetzten Café einen Capuccino. Wir verlassen den Weg und müssen feststellen, dass der historische Schafstall in der Nur-Dach-Form leider im Coronasommer 2020 abgebrannt ist. Wir kommen nun in eine wunderschöne, blühende Heidelandschaft, die stark von Wanderern und Radfahrern frequentiert wird.

In Undeloh gehen wir in die schlicht eingerichtete, schnuckelige Feldsteinkirche. Als wir heraustreten, kommt uns ein relativ junger Mann mit sorgenvoller Miene entgegen, der mich mit Blick auf die Bandage an meinem linken Knie fragt, ob ich einen Muskelfaserriss habe. Ich kann seine Sorge zerstreuen. Es war wohl der Pfarrer. In Undeloh sind wir in einem Zentrum des Heidetourismus angekommen. Busladungen von betagten Zeitgenossen werden hier ausgespuckt.

In unserem Hotel, der Heiderose, bekommen wir das großzügige, jedoch recht dunkle Zimmer mit der Nummer 1. Die Infomappe verspricht eine Sauna im Keller. Aufgrund der wohl immer noch gültigen, strikten Coronaregeln (Abstände etc.) ist sie allerdings genauso wie das Schwimmbad geschlossen. Deutschland reguliert sich zu Tode, man sieht es auch gerade an der geplanten Cannabisfreigabe, dem nächsten Regulierungsmonster in der Pipeline.

Hier der Etappenüberblick über unseren Heidschnuckenweg im August 2023.

Haikupause

August 16, 2023

Nach über drei Jahren fast täglichen Schreibens von Siebzehnsilbern, versuche ich gerade aus dem Haikugefängnis auszubrechen. Mal wieder auf einer Wanderung. Wir sind für zwei Wochen unterwegs auf dem Heidschnuckenweg von Hamburg-Fischbek nach Celle, einmal längs durch die Lüneburger Heide. Hier habe ich angefangen, darüber zu berichten.

3385

August 8, 2023

Dass sein Verhältnis

zu den Menschen und Dingen

bleibe, muss er gehn

[Haikufiziert aus Béla Balázs – Wandern gefunden in Wanderlust: Geschichten und Gedichte für den Rucksack]

3111

Mai 13, 2023

In Barfußschuhen

pilgern sie ökumenisch

in Gegenrichtung

[Angela Pfotenhauer und Elmar Lixenfeld – Meine Via Regia und meine auch]

3030

April 13, 2023

Hohlweg, ansteigend

Bambushain, im Wind zitternd

Blick auf Meer, Corbières

[Randonnée de la faune et flore, Laroque-des-Albères]

3016

April 9, 2023

Si tu rencontres

quelqu’un sur un petit chemin

il mène quelque part

3007

April 8, 2023

Steiler Weg hinab

Halt dich an den Bäumen fest!

Unten tost der Bach

[Casot d’en Lic]

2861

Februar 26, 2023

Die Volksparkrunde

im Uhrzeigersinn gemacht

Wie „Geistergehen“

2845

Februar 22, 2023

Aus heitrem Himmel

Kribbeln in den Fußsohlen

Der Weg spricht zu mir

2842

Februar 22, 2023

Siebzig Minuten

sich auf die Welt einlassen.

Der Weg zur Arbeit.

2838

Februar 21, 2023

Beim Zufußgehen

sich dessen unbewusst sein,

dass man zu Fuß geht

2771

Januar 30, 2023

Zu Fuß ins Büro

Berlin heute verdammt leer

Winterferien

2717

Januar 10, 2023

Weitergehen, mehr

braucht es nicht, dass am Ende

meist alles gut wird.

[Wolfgang Büscher – in Porträts, Filmprojekt von Thomas Henke via kraulquappe]

2713

Januar 9, 2023

Wenn man den Namen

gehört hat, muss man ihn gehn,

den Heidschnuckenweg.

2691

Januar 2, 2023

Leichtigkeit des Seins

Bei jedem Schritt 5 Kilo

weniger tragen

2679

Dezember 27, 2022

Trotz Reservierung

vom Gastgeber vergessen.

Idealer Start.

2674

Dezember 25, 2022

Nettoergebnis

5 Kilo in 6 Tagen

Fastenwandern wirkt!

2669

Dezember 23, 2022

Wispertal hinauf

Unter den Füßen gleitet

der Weg nach hinten

[Wispertaunussteig 2. Etappe: Espenschied – Kemel]

2668

Dezember 23, 2022

Wiesenweg im Wald

Massage für Fußsohlen

Schon wieder vorbei

2667

Dezember 23, 2022

Das Morgengrauen

lüftet das Mysterium

der pechschwarzen Nacht

2666

Dezember 22, 2022

Schöne Aussichten

Nur Niesel aus Regenfront

Abstieg zur Wisper

[Wispertalsteig: Rund um Espenschied]

2665

Dezember 22, 2022

5 Tage Fasten

und ich fliege schon beinah

die Berge hinauf!

2664

Dezember 22, 2022

In jedem Zielort

auf einer Fernwanderung

zwei Nächte bleiben!

2654

Dezember 22, 2022

Felsenweg geschafft

Waldabhang runtergerutscht

Im Zickzack ins Kaff

[Wispertaunussteig: Lorch-Espenschied]

2641 Die Kunst des Fallens

Dezember 20, 2022

Nach 16 km

kurz vorm Ziel, der Weg fast flach

legt es mich längs hin

[Hohemark – Fuchstanz – Altkönig – Hohemark]

2640

Dezember 20, 2022

Weg völlig vereist

Hinter mir Fahrgeräusche

Ein Mountainbiker!

[Heute um elf am Fuchstanz]

2636

Dezember 19, 2022

Wege spiegelglatt

Sichere Fortbewegung

nur noch querfeldein

2635

Dezember 18, 2022

Weinberge im Schnee

Die Wacht am Rhein schlummert noch

Nebel lichtet sich

2323

August 18, 2022

Voll in jedem Schritt

aufgehen, ganz ich selbst sein

und dann umknicken

2280

August 5, 2022

Korrelation

zwischen Ausgeschlafenheit

und leichten Beinen

2262

Juli 30, 2022

Schuhsohle löst sich

nach Regenguss ab und wird

mit Strick befestigt.