Archive for the ‘hike’ Category

5151

Januar 4, 2026

Beim Wandern im Flow

Sobald du nicht mehr wahrnimmst,

dass du dich bewegst

5116

Dezember 22, 2025

Wenn sie vor mir „rennt“,

ich kaum hinterherkomme,

dann ist sie im Flow.

5093

Dezember 15, 2025

Der Muskelkater

In beiden Oberschenkeln

Vom Sitzenbleiben

Durch den Taunus, Dez. 2025: 4. Johannisberg – Assmannshausen 20

Dezember 14, 2025

Spiegel überall
Mühlrad, Kaskade, Tränke
Nebelverhangen

Morgens bekomme ich gegen Ende meiner Yogaübung, dem Herabschauenden Hund, zum wiederholten Mal Nasenbluten, evtl. hängt es mit dem Blutdruck zusammen.

Zum Frühstück kann ich heute zwischen Rührei sowie ein- oder zweiseitig gebratenem Spiegelei wählen. Ich nehme sunny side up, was sich aufs Wetter bezogen als recht optimistisch herausstellen wird.

Draußen wird es nur langsam hell und die zum Hotel-Restaurant umgebaute Burg Schwarzenstein verfließt im Nebel.

Johannisberg, Burg Schwarzenstein

Über einen Zubringerweg, der zum Teil in die falsche Richtung geht, erreiche ich den Rheinsteig, der durch die Weinberge verläuft. Ich höre Stimmen in einer osteuropäischen Sprache. Es wird schon früh im Weinberg gearbeitet, die hohe Luftfeuchtigkeit macht das Holz elastisch.

Hinter einem Gatter geht es den Mischwald hinauf. Plötzlich ein lautes Geräusch. Ein Reh rennt hinter mir im Affentempo über den Weg, ein Zweites folgt kurz danach. Ich sehe ihre makellos weißen Hinterteile, vom Waidmann Spiegel genannt, eilig davonspringen.

Bei dem trist-trüben Wetter macht sich bei mir eine gewisse Lustlosigkeit breit, die Schritte werden schwerer.

Plötzlich geht es rechts fast weglos steil den Waldabhang hinab. Ich komme im Kloster Marienthal an, wo draußen Sitzbänke stehen für eventuelle Feldgottesdienste. In der Kirche fällt eine sehr liebevoll arrangierte Krippenlandschaft auf, die unter dem Thema Wasser steht. Es bewegt sich ein bei jeder Umdrehung schnarrendes Mühlrad, das Wasser fließt über eine Leitung zur Viehtränke und ergießt sich über mehrere flache Steine.

Kloster Marienthal, Krippenlandschaft
Kloster Marienthal, Garten

Ich steige nun wieder auf steilen Pfaden hinaus aus dem Tal und komme auf matschigen Wegen im Wald zum abseits gelegenen Kloster Nothgott. Von dort geht es weiter durch den Wald zurück in die Weinberge. Oberhalb thront die immer noch von Benediktinerinnen bewirtschaftete Abtei St. Hildegard (von Bingen). Im gut frequentierten Klostercafé nehme ich meine Mittagsmahlzeit ein. 

Rüdesheim, St. Hildegard
Rüdesheim, St. Hildegard
Rüdesheim, St. Hildegard

Auf dem nächsten Wegstück eröffnet sich ein schöner Blick runter nach Rüdesheim und zum Rhein mit der Rüdesheimer Aue, einer langgezogenen mit Bäumen bestandenen Insel. Auf der anderen Seite oben die St. Rochuskapelle in Bingen.

Rüdesheim

Ich gehe nun hinauf in Richtung des Niederwalddenkmals mit der passenderweise im Nebel verschwimmenden Germania. Die Inschrift von Wilhelm I., insbes. der letzte Teil, in dem künftige Geschlechter indirekt zur Nacheiferung der „Heldentaten“ des Krieges von 1870/71 aufgerufen werden, erscheint auch wenn er das natürlich 1877 nicht ahnen konnte, angesichts von zwei Weltkriegen mit vielen Millionen von Toten, die Deutschland später (mit) vom Zaun gebrochen hat, als nachgerade zynisch-prophetisch und man fragt sich schon, ob das hier noch so hingehört. Während der Denkmalseröffnung 1883 wurde übrigens auf Wilhelm I. ein Attentat von Anarchisten verübt, das fehlschlug.

Beim Niederwalddenkmal
Niederwalddenkmal
Niederwalddenkmal, Inschrift

Der Himmel zieht sich nun ganz zu, vom Mäuseturm von Bingen auf der anderen Rheinseite ist nichts zu sehen. Aber man kann die von unten herauftönenden Fahrgeräusche der Schiffe hören. Auf dem weiteren Weg komme ich an der Rossel vorbei, durch die man durchgehen kann. Es handelt sich um eine pseudomittelalterliche Turmruine von 1787.

Rossel

Im Wald erwartet mich noch ein Wildgehege und dann versuche ich, den Abstieg links der Weinberge abzukürzen. Keine gute Idee, weil der Hang zum einen extrem steil ist und ich zum Zweiten keinen Weg am Waldrand finde, der zum Bahnhof runterführt. Ich muss also nochmal ein gutes Stück parallel zum Rhein in die falsche Richtung zum Assmannshäuser Höllenberg gehen, bevor ich den Stufenweg bergab antreten kann. Natürlich verpasse ich dadurch so gerade meine Bahn nach Frankfurt, auf jeden Fall ist meine wie immer sehr abwechslungsreiche Wanderung hier am Bahnhof von Assmannshausen zu Ende.

Assmannshausen
Assmannshausen

Hier ist die Übersicht meiner Taunusdurchquerung im Dezember 2025.

Durch den Taunus, Dez. 2025: 3. Schlangenbad – Johannisberg, 25

Dezember 13, 2025

Abstieg zum Rheingau
Dachinspektion mit Kran
Riesling: Klimaschock

Nach einer erholsamen Nacht im Einzelzimmer auf schmaler Matratze, auf der ich mir wie ein Mönch vorkomme, frühstücke ich ausgiebig mit ein paar anderen Gästen im großen Frühstücksraum.

Ich verlasse Schlangenbad im Morgengrauen, mir fällt ein Gebäude auf, das den verlorenen Charme guter, alter Zeiten ausstrahlt. In der Auslage uralter Tünnef, der schon Patina angesetzt hat.

Schlangenbad

Obwohl der Rheinsteig wirklich vorbildlich markiert ist, schaffe ich es, mich schon beim Verlassen des Ortes minimal zu verlaufen. Der mit Heu gefüllte Metallesel ist einfach zu verführerisch. Die Kurgäste ritten früher, wenn es ihnen langweilig wurde auf dem Eselspfad nach Rauenthal, wo es Wein gab. Auch später passiert mir das nochmal, besonders herausfordernd sind vor allem leicht abschüssige Strecken, auf denen ich ins Träumen komme. Heute geht mich der Weg, ich bin endlich im Flow.

Schlangenbad, am Eselspfad

Während der Coronazeit haben wir einige Premiumwanderungen gemacht, u.a. auch die Rauenthaler Spange, der der Rheinsteig teilweise folgt. Ich sehe eine Schafherde und dann eine kleine Gruppe mit einem Schafbock, von dem ich nicht auf die Hörner genommen werden möchte.

Bei Rauenthal, Schafbock

So eine Solofernwanderung ist auch immer eine Begegung mit sich selbst, sinniere ich so vor mich hin, als ich den Kiedricher Turmberg erreiche. Hier wird fleißig in den Spalieren gearbeitet, es ist die Zeit des Rebschnitts. Der Turm selber ist leider geschlossen, warum bleibt offen. Ich treffe hier auch auf das erste Waldsofa auf der Wanderung, von denen heute noch viele folgen werden, denen ich aber noch widerstehen kann.

Kiedrich

So ein urtümlicher, beschnittener Weinstock übt auf mich immer noch eine große Faszination aus.

Kiedrich, Weinstock

Von hier oben hat man eine recht gute Aussicht. Ganz im Osten schemenhaft im Dunst die Frankfurter Skyline.

Kiedrich, Blick nach Osten

Es geht nun auf einem matschigen Pfad, der gegen Ende von umgefallenen Bäumen blockiert ist, zum Kloster Eberbach, wohin wir vor längerer Zeit mal einen Betriebsausflug gemacht haben. Es ist bekannt geworden durch die Verfilmung von Umberto Eco’s Der Name der Rose, ein Schinken, durch den ich mich damals etwas durchgequält habe. Im Klostershop, in dem mehr Verkäufer sind als Kunden, verkaufen sie Weine für über 100 Euro, das macht keine Lust zum Probieren, außerdem ist es noch zu früh, finde ich.

Draußen setze ich mich auf eine Bank an der Klostermauer und genieße mein deliziöses Frikadellenbrötchen vom Metzger in Kiedrich. Dabei beobachte ich einen Handwerker, der ganz alleine den Kran seines Kranwagens steuert und in der kleinen, quadratischen Stehkabine das Dach des Eingangsgebäudes gewissenhaft von oben von allen Seiten inspiziert. Ich frage mich, ob man das nicht einfacher mit einer Drohne machen könnte. Denn er scheint z.B. nicht die Regenrinnen zu säubern.

Kloster Eberbach
Kloster Eberbach, Eingangstor

Als ich den großen Klosterkomplex verlasse, sehe ich ein Schild, das 14 km angibt zu meinem Ziel Johannisberg. Ich gucke auf die Uhr, es ist halb 2. Ich würde also einen Viererschnitt benötigen, um bei Einbruch der Dunkelheit anzukommen. Da ich körperlich heute gut aufgelegt bin, gebe ich Gas und schaffe in den nächsten 95 Minuten mit einer kleinen Pause einen Schnitt von 4,4 km. Es stellt sich dann außerdem raus, dass mein Weg deutlich kürzer ist. Ich komme an einer lustigen Eremitenhütte von 1900 vorbei, die es mir angetan hat.

Bei Hallgarten, Hütte

Schon auf Oestricher Gemarkung gibt es einen Hochzeitswald mit knapp 100 Obstbäumen, für jedes Paar einen. Es senkt sich nun langsam der Nebel herab. Wegen der afrikanischen Schweinepest sind nun einige Gatter auf dem Weg, die ich öffne und brav wieder schließe. Ich befinde mich jetzt inmitten von Weinbergen, in einer Laube sitzt eine Gruppe, die vergorenen Rebensaft schlürft und den Geschichten des Weinführers lauscht.

Direkt vor mir Schloss Vollrads, wo Touristengruppen rumlaufen und ich in der Probierstube vier Rieslinge von der Hausherrin kredenzt bekomme. Bei den teureren Flaschen, deren Inhalt ca. ein halbes Jahr im großen Weinfass – kein neues Holz – verbracht hat, spüre ich ganz klar eine Petroleumnote, die wohl mit dem Klimawandel zu tun hat. Die stärkere Sonneneinstrahlung sorgt für weniger Säure und diesen etwas gewöhnungsbedürftigen Weingeschmack. Die fruchtig-frische Eleganz weicht zunehmend einem strengeren Aroma. Ich kaufe die zweitgünstigste Flasche, die nicht ganz so frisch wie die erste rüberkommt, aber dafür intensivere Aromen hat.

Oestrich, Schloss Vollrads

Es ist nun nicht mehr weit zu meiner Bleibe in Johannisberg. Der Hausherr „erwartet“ mich schon an der Ecke und ich beziehe mein großzügiges Zimmer mit Doppelbett und einer Flasche Sprudel. Das Speiselokal ist proppevoll, ich weiß nicht, wie die zwei Bedienungen nebst Hausherr, der die Getränke vorbereitet, es schaffen, alle zu ihrer Zufriedenheit zu bedienen. Ich sitze etwas abseits an einem Hochtisch hinter dem Stammtisch mit der alteingessenen Männerrunde, die fröhlich vor sich hin babbelt. Die Forelle ist ganz hervorragend, sehr knusprig gebraten und entgrätet, bis auf den Kopf esse ich sie komplett. Der Riesling dazu ist spritzig und hat genug Säure, wie es sich für ein Winzerhaus gehört.

Hier ist die Übersicht meiner Taunusdurchquerung im Dezember 2025.

Durch den Taunus, Dez. 25: 2. Naurod – Schlangenbad 24

Dezember 12, 2025

Die Sonne kommt raus
Hier war der Borkenkäfer
Heimliche Küsse

Im riesigen Frühstücksraum, der Platz für an die 100 Leute bietet, nehmen wir zu sechst an verschiedenen Tischen verstreut unsere Morgenmahlzeit ein.

Draußen ist es knapp über null Grad und trocken, die Sonne blinzelt sogar hinter der Baumstämmen. Ich nehme den im Streichen verlaufenden Chaisenweg, der mich am Ende hinauf zum Kellerskopf (474 m) führt. Hier wird ein aus Holland stammendes Wegmarkierungssystem verwandt. Jeder Wegpunkt hat eine Nummer, man läuft quasi eine Nummernfolge ab, die man sich vorher von der Karte – meine Theorie, gesehen habe ich die nicht – abgeschrieben hat. So ähnlich wie die Speisenfolge im Restaurant.

Nummernwegenetzpfahl

Der Kellerskopf mit dem Aussichtsturm ist leider nicht zugänglich, da hier ein Restaurant residiert, dessen Pforten meistens geschlossen sind.

Kellerskopf

Das außerordentlich schöne Wetter heute gibt mir einen Kick. Ich sinniere über die verschiedenen Umstände, die Euphoriezustände beim Wandern auslösen können. Neben dem Tageslicht, dem man mindestens 8 Stunden ausgesetzt ist – hier gilt buchstäblich carpe diem – ist die frische, sauerstoffreiche Waldesluft sowie die körperliche Anstrengung zu nennen, die zur Ausschüttung körpereigener Drogen führen kann. Bei Fastenwanderungen kommt dann noch die Wirkung des Fastens hinzu, das Leichterwerden sowie die Schärfung der Sinne.

Morgenstimmung

Die Wege sind heute fest und gehen oft schnurgeradeaus. Gerade, wenn es mal ein Stück leicht abwärts geht, besteht die Gefahr, sich in Sicherheit zu wiegen und einen Abzweig zu verpassen. Genau dieses Wohlgefühl, längere Zeit anstrengungslos vor mich hinzutrotten, ist bei mir inzwischen schon fast ein Indikator dafür, dass ich falsch bin, auf jeden Fall kontrolliere ich dann die Karten-App und muss dann ggf. meinen Weg nachkorrigieren.

In der Achteckhütte, in der es etwas streng riecht, ohne dass ich den Grund finde und die wegen der acht Wege so heißt, die sich hier kreuzen, mache ich eine Apfelpause.

Am Jagdhaus Platte, dem ein modernes Glasdach aufgesetzt wurde und das man für Feiern mieten kann, befindet sich ein großer Wanderparkplatz. Das Lokal daneben ist dann auch gerade wegen einer geschlossenen Gesellschaft geschlossen. Hier stoße ich auf den Rheinhöhenweg, den älteren Bruder des Rheinsteigs, der auch auf der rechten Rheinseite, aber weiter im Landesinnern verläuft.

Jagdschloss Platte
Rheinhöhenweg

Ich höre in der Ferne Motorsägengeräusche und es stellt sich raus, dass vor mir ein Trupp Waldarbeiter in orangen Warnwesten dicke Laubbäume fällt. Als ich rufe, meine ich erst zu hören, der Weg wäre gesperrt. Beim Nachfragen wird mir dann gesagt, ich könnte über die Stämme steigen, wenn es mir nichts ausmachen würde. Glück gehabt.

Als Nächstes komme ich kurz vor zwölf zur Eisernen Hand, der idealen und einzigen Einkehrmöglichkeit. Hier herrscht ganz schöner Trubel. Eine bestimmt dreißigköpfige Rentnerwandertruppe fällt ein. Seltsam, auf meinem Weg habe ich so gut wie keine Wanderseele getroffen. Ich genehmige mir Backfisch mit Pommes, höre mir das Gequatsche des Typen am Nebentisch mit seiner Freundin an und ziehe wieder von dannen.

Das Dach der heutigen Etappe ist die Hohe Wurzel auf 618 m. Hier sieht es schlimm aus. Vom Fichtenbestand ist nichts geblieben, die Trockenheit in den Jahren 2018-2022 hat zu einer explosionsartigen Vermehrung des Borkenkäfers geführt, der von den Bäumen nicht viel übrig gelassen hat.

Hohe Wurzel

Von hier geht es nur noch bergab und zwar zuerst nach Georgenbronn und dann nach Schlangenbad, wo ich auf den Rheinsteig stoße, dem ich in den nächsten beiden Tagen folgen werde.

Schlangenbad, Rheinsteig

In Schlangenbad checke ich kurz vor drei ins Hotel ein, dusche und lege mich eine halbe Stunde aufs Ohr. Anschließend mache ich einen Rundgang durch den recht toten Ort, der schon mal bessere Zeiten gesehen zu haben scheint. Es geht an der historischen Caféhalle vorbei und dann durch den Kurpark, ich passiere zwei Kliniken sowie das Schwimmbad Äskulaptherme. In Schlangenbad gibt es aufgrund des milden Klimas eine Population von ungefährlichen Äskulapnattern, die dem Ort den  Namen gegeben haben. Am Schluss wandele ich noch über die Kussallee, wo angeblich früher die Männer ihren Angebeteten im Schutz der Hainbuchen einen oder mehrere Küsse versucht haben, zu entlocken

Schlangenbad, Caféhalle
Schlangenbad, Kussallee

Hier ist die Übersicht meiner Taunusdurchquerung im Dezember 2025.

Durch den Taunus, Dez. 25: 1. Niederhöchstadt – Naurod 27

Dezember 11, 2025

Ewiges Tröpfeln
Durch den Matsch in den Nebel
Männer, was wollt ihr?

Und auf geht es zur nächsten Wandertour, los von zuhause, einmal quer durch den Taunus bis nach Assmannshausen am Rhein, knappe 100 km in vier Tagen. Ich verlasse das Haus kurz nach halb neun, draußen tröpfelt es bereits leicht, das wird sich den ganzen Tag nicht ändern. Und trotzdem werde ich dank Regenjacke, die ich sogar offen lasse und Regenschirm, den ich am Nachmittag aufspanne, kaum nass.

Das erste Stück bis zur Tennishalle am Ortsrand von Neuenhain kenne ich, hier gehen wir öfter mit Kimba, der Berner Sennenhündin des Nachbarn spazieren, wenn wir die Mammolshainer Runde machen. Danach geht es den Berg rauf nach Neuenhain und dann weiter nach Altenhain. Von hier möchte ich schnellstmöglich nach Fischbach, was mir nicht gelingt, da ich mich an der Roten Mühle, einem Ausflugslokal, etwas verzettele. Ich treffe auf Unmengen von Hundebesitzern, die mit ihren Vierbeinern bei diesem trüben Wetter mit zweistelligen Temperaturen unterwegs sind. U.a. treffe ich auch auf eine Frau im mittleren Alter mit fünf Hunden, diesen Frauentypus scheint es überall zu geben.

Hinter Altenhain, Gedenkstein für eine erfolgreiche Bürgerinitiative

Schließlich erreiche ich Fischbach, wo wir uns vor über 25 Jahren mal ein Haus angeguckt haben, glücklicherweise haben wir es nicht gekauft, hier gibt es nicht mal eine S-Bahnstation. Allerdings liegt Fischbach am Taunushöhenweg und am Europäischen Fernwanderweg E3, denen ich nun für anderthalb Tage bis Schlangenbad folgen werde.

Da es 11 Uhr ist und der örtliche Dönerladen gerade aufgemacht hat, leiste ich mir eine vegetarische Lahmacun mit einem Ayran und beobachte von einem Barhocker das Straßentreiben. Kurz nach mir kommen zwei Jungen im Grundschulalter rein, die vom Dönermann sofort als „Männer“ begrüßt werden. Ich muss in mich hineinschmunzeln. Der junge Dönermann erzählt noch davon, dass er unglaublich müde ist, was er darauf schiebt, dass er letzte Nacht elf Stunden bis halb elf – also kurz vor der Öffnung des Ladens – geschlafen hat.

Fischbach, Wegmarkierungen

Es geht nun aufwärts in den Wald zum 451 m hohen Staufen, die Stimmung, wenn man wohlwollend ist, zum Teil etwas mystisch wegen des Nebels, aber im Grunde ist es wirklich ein Mistwetter. Hier muss Mendelssohn einige seiner Musikstücke komponiert haben, zumindest insinuieren das zwei Gedenktafeln, die Ältere ist ziemlich verblichen.

Mendelssohn-Gedenktafel oberhalb Eppstein

Es eröffnet sich bald eine Aussicht auf Eppstein, die wegen des Wetters unspektakulär ausfällt. Hier steht der Ende des 19. Jahrhunderts vom Verschönerungsverein initiierte Kaisertempel, wo Wilhelm I., Friedrich III.,  Bismarck und Moltke hängen bzw. stehen, Wilhelm II. wird geflissentlich ignoriert.

In dem ehemaligen Ausflugslokal neben dem Tempel werden jetzt Portfolios gemanagt. Vor der Tür stehen Luxuswagen deutscher Premiumhersteller.

Kaisertempel
Kaisertempel

In Eppstein erhasche ich einen schönen Blick auf die Burg, nachdem sich mir vorher ein Junge im Grundschulalter in den Weg gestellt hat. Die Mütze seines Kumpels ist auf einem Baum eines Gartens hinter einer Mauer gelandet. Ich fische sie mit einem meiner Wanderstöcke herunter. Außerdem gönne ich mir in der Bäckerei einen großen Cappuccino mit einem leckeren Stück Gewürzkuchen. Der Bäcker verkauft u.a. auch Börek, auch er ist türkischer Herkunft, ohne Migranten liefe in Deutschland schon lange überhaupt nichts mehr.

Burg Eppstein
Eppsteiner Weinpresse

Nun geht es wieder durch den Wald nach Wildsachsen, wo die evangelische Kirche eine Stelle für die Aufarbeitung sexualisierter Gewalt ausschreibt. Ich bin etwas baff. Die Dorfkirche ist natürlich geschlossen.

Hinter Eppstein

Eine einsame Kuh im Nebel beäugt mich. Wir wissen wohl beide nicht so 100%ig, was wir hier gerade so treiben.

Kuh auf Weide

Kurz hinter dem Ort höre ich die Autobahn A3, die u.a. nach Köln führt, die ich bei Medenbach, das ich noch von der Raststätte kenne, wo ich früher öfter beim Trampen stand, unterquere. Ich zähle 51 Schritte.

Der Dauerregen und die milden Temperaturen haben dazu geführt, dass der Weg extrem weich und matschig ist, ich kämpfe mich parallel zur Autobahn durch den Morast, in den ich tief einsinke.

Tiefes Geläuf bei Medenbach

Gegen Einbruch der Dunkelheit erreiche ich mein Tagesziel Naurod, wo ich noch einen Einheimischen erschrecke, als ich plötzlich aus dem Wald auftauche. Die Pizzeria im Ort hat gerade um 17 Uhr aufgemacht und ich nehme dort meine Abendmahlzeit ein. Der Weg zu meiner Unterkunft, dem Wilhelm-Kempf-Haus auf der anderen Seite des Ortes im Wald, gestaltet sich abenteuerlich. Es ist stockdunkel und das Licht meiner Stirnlampe wird an den Regentropfen in der Luft reflektiert. Ich sehe ca. 1 Meter weit. Als ich den ausgedehnten Gebäudekomplex erreiche, muss ich erstmal den Eingang suchen, der natürlich wieder auf der anderen Seite ist. Hier habe ich eine kleine, schmucklose Kemenate. Das Haus wird vor allem für Tagungen genutzt und gehört dem Bistum Limburg. Ich bin rechtschaffen müde und lege mich nach der Dusche bald ins Bett.

Hier ist die Übersicht meiner Taunusdurchquerung im Dezember 2025.

Pläne

November 10, 2025

Die nächsten beiden Wanderungen stehen. Zumindest in meinem Kopf. Im Dezember vier Tage Taunusdurchquerung von zu Hause in Niederhöchstadt bis nach Assmannshausen am Rhein (ca. 85 km). Dort hatten mein Vater und ich vor 14 Jahren unsere knapp einwöchige Rheinsteigwanderung begonnen. Im Februar dann eine Woche auf dem Schinderhannespfad rund um den Taunus (ca. 190 km).

P.S. Sehe gerade, dass in der zweiten Februarhälfte ja die Berlinale ist, wie jedes Jahr. Ich glaube, das mit dem Schinderhannespfad wird schwierig. Vielleicht nehme ich ja den Jakobsweg von Berlin nach Bad Wilsnack (ca. 130 km), den kann man in 6 Tagen gut schaffen. Mal sehen.

4983

Oktober 27, 2025

Den Rücken hinab

übers Steißbein rinnt der Schweiß

in die Poritze

4947

Oktober 7, 2025

Fernwanderungen

12 Stunden im Bett, 4 on

8 auf 2 Beinen

4943

Oktober 7, 2025

Beim langen Gehen

Gedanken gehen im Kopf,

überholen mich

Fränkische Schweiz: 3. Obertrubachrunde 25

Oktober 6, 2025

Oktober? April!
Schild größer als mein Handy
Riesenwalnüsse

Kurz nach acht im Frühstücksraum die Hölle, eine Busgruppe liegt in den letzten Zügen, das Büffet ist zum Teil abgefrühstückt. Ruhe kann man ja in der Natur suchen.

Wir kaufen Datteln im Dorfladen, wettermäßig sieht es trüb aus. Wir werden den ganzen Tag von längeren Regenpassagen heimgesucht, die Schirme tun ihren Dienst.

Heute haben wir Halbzeit und es steht eine Rundwanderung um Obertrubach auf dem Programm, quasi eine Eintagsrunde innerhalb der Fünftagsrunde um Pegnitz. Wir brauchen also keine Rucksäcke. Ich nehme allerdings einen Daypack aus leichtem Textil mit, der mittags auseinanderreißen wird, weil die zwei 1,1 Literflaschen mit Wasser zu schwer für ihn sind.

Der Weg geht mal wieder durch Wiesen und Wald. Unser erstes Zwischenziel hinter dem Dorf Hundsdorf ist der Signalstein bei Sorg, von dem man früher Signale zu anderen Punkten aussandte, wenn sich z.B. Feinde näherten. Wir gehen die steile Aluleiter hoch, was mich etwas an Überwindung kostet. Die Sicht ist mittelprächtig.

Signalstein

Kurz vor 12 Uhr setzt ein Regenschauer ein, wir kommen leicht durchnässt im belebten Café in Egloffstein an, wo wir uns einen Cappucino mit einem Stück Blechkuchen gönnen.

Der Ort wird überragt von der noch im Besitz der Familie befindlichen Burg Egloffstein, deren einer Turm gerade restauriert wird.

Burg Egloffstein

Wir gehen den insgesamt gut 1 km langen Umweg durch den Wald zum Wilhelmsfelsen, von wo aus man einen lohnenswerten Blick auf die Burg und aufs Tal hat. Auf dem Weg finden wir riesige Walnüsse so groß wie kleine Kartoffeln (s. Erntedankfestbild), um die sich niemand zu kümmern scheint, die jedoch bereits sehr gut schmecken.

Blick vom Wilhelmsfelsen aufs Trubachtal

Beim Gang aus dem Ort heraus weist mich der von der Website des deutschen Wanderverbands runtergeladene Track in Richtung einer Schäferei an einem Stallgebäude entlang. Der Schäfer ist not amused und ruft uns aus der Ferne zu, dass es beim Eintritt aufs Grundstück – ich hatte gedacht, es gäbe ein Wegerecht – ein Verbotsschild größer als mein Handy gegeben hätte. Er hat natürlich recht, wir gehen einen Umweg.

Egloffstein, Schäferei, Laufenten

Wir kommen nun zur ehemaligen Kirche von Egloffstein, die recht weit außerhalb liegt und von mehreren Gemeinden genutzt wurde. Es handelt sich um die Ruine der Dietersberger Kirche, wo die Familie von Egloffstein lange ihre Toten ablegte.

Dietersberger Kirche

Es geht weiter über Wiesen hinauf  ins idyllische Thuisbrunn durch eine Art Park. In der Kirche liegen vor dem Altar noch die Früchte der diesjährigen, reichhaltigen Ernte. Heute fand der Erntedankfestgottesdienst statt.

Thuisbrunn, Kirche

Wir gehen einen kleinen Umweg aus dem Dorf raus, der uns an Birnbäumen vorbei führt. Die reifen, auf dem Boden liegenden Birnen munden ganz vortrefflich.

Über einen auch von Autos befahrenen Blocksteinweg gehen wir weiter, es regnet mal wieder, wir stellen uns unter Bäume am Straßenrand. Heute bewähren sich übrigens die schmalen, leichten Isokissen, die uns die Nässe auf den Bänken vom Leib halten.

Plötzlich – wie durch ein Wunder – hört der Regen auf und die Sonne scheint als gäbe es kein Morgen. Ein magischer Moment, der den ganzen restlichen trüben Tag vergessen macht.

Die Sonne kommt raus!

Wir kommen nun an einem völlig einsam gelegenen Haus vorbei, dem Dörnhof, den C. am liebsten gleich beziehen möchte. Der Name kommt von der Trockenheit, die hier früher herrschte. Man hat den weiter unten fließenden Bach aber dann kanalisiert und dadurch die Ernte verdoppelt.

Dörnhof

Es geht jetzt noch durch den Weiler Großenohe und dann bei strömenden Regen auf einer Abkürzung durch den Wald nach Untertrubach, das allerdings immer noch fast 5 km von Obertrubach entfernt ist. Dazwischen befindet sich Wolfsberg, wo wir versehentlich nach rechts abdriften und einen unfreiwilligen Abstecher nach Schossaritz machen. Dort sehen wir eine Gruppe von drei jungen Wanderern im Bundeswehroutfit, die Äpfel futtern. Wir machen es ihnen gleich, die Äpfel sind herzhaft und erfrischend.

Nach einem weiteren Stück auf einer Blocksteinstraße kommen wir bei dem Kletterfelsen an der Schlössermühle raus. Der Regen hat jetzt aufgehört und wir erreichen bald unser Hotel.

Felsen bei Schlössermühle

Hier ist die Übersicht über unsere 5-Tage- Rundwanderung in der Fränkischen Schweiz Anfang Oktober 2025.

Fränkische Schweiz: 2. Behringersmühle  – Obertrubach 20

Oktober 5, 2025

Morgens kommen wir nur schwer aus dem Bett. Der Körper hat nach der gestrigen anstrengenden Etappe den Schlaf dringend benötigt. Draußen ist das Wetter umgeschwungen, es ist trüb und hat am frühen Morgen bereits geregnet. Gegen halb neun sind wir somit mit die letzten, die frühstücken.

Es geht nun erstmal an der Püttlach im Tal entlang, wo wir eine Kläranlage passieren, die die Enten entdeckt haben. Anschließend steigen wir hinauf nach Gößweinstein. Hier gibt es noch einige Eiben, deren Holz früher z.B. für Bögen sehr begehrt war. Auf dem Aufstieg treffen wir mehrere Wandergruppen mit lauten, jungen Männern, die offensichtlich gut gelaunt sind.

Aufstieg nach Gößweinstein
Aufstieg nach Gößweinstein

Das Wetter hält bis zum Nachmittag. In Gößweinstein statten wir der Burg einen Besuch ab, von der man einen schönen Blick auf den Ort nebst Basilika hat. In der von Balthasar Neumann in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts entworfenen Basilika ist heute ein Firmungsgottesdienst, hierzu ist extra der Erzbischof aus Bamberg gekommen, die Kirche ist knackevoll. Wir kommen deswegen nicht rein, ich muss allerdings gestehen, dass der spätbarocke Stil, insbes. der für meine Begriffe völlig überladene Altar überhaupt nicht mein cup of tea ist.

Gößweinstein, Blick von Burg

In der Burg kann man einzelne Zimmer besichtigen, es steht dort u.a. ein Lutherstuhl, der ein Vorläufer des Klappstuhls ist.

Burg Gößweinstein, Kemenate

Angeblich hat sich Richard Wagner – Bayreuth ist ja nicht weit – von der Burg für die Gralsburg im Parsifal inspirieren lassen.

Burg Gößweinstein
Burg Gößweinstein, Blick zurück

Nach einem kurzen Abstecher in den Klosterladen und einem Cappucino mit Kuchen beim Bäcker geht es weiter. Zunächst über Wiesen mit schönen Ausblicken. Ich koste von den Schlehen, die nicht so sauer sind wie befürchtet.

C. macht mich auf ein Reh aufmerksam, das sich flink mit eleganten Sprüngen durch das hohe Gras von uns weg bewegt. Es kommen nun längere Waldpassagen, der Weg ist eine Wohltat für die Füße. Wir machen eine kurze Trinkpause auf einem Hochstand. Die jungen Rotbuchen am Wegrand werden von einem Trupp Forstarbeiter mit der Motorsäge abgesäbelt.

Gegen Mittag kommen wir in dem Dorf Wichsenstein an, das auch wieder einen für die Gegend charakteristischen Kalksteinfelsen aufweist.

Wichsenstein

Mitten im Ort steht eine beeindruckend große Linde, in der an Festtagen auch heute noch getanzt wird.

Wichsenstein, Tanzlinde

Es zieht sich hier nun gegen 14 Uhr zu und beginnt zu regnen. Wir können uns in der hölzernen Bushaltestelle unterstellen nachdem wir uns vorher noch mit kühlen Getränken aus dem Wandererkühlschrank eingedeckt haben. Dazu gibt es Müsliriegel, das Gasthaus hat geschlossen.

Die nächsten drei Stunden stapfen wir mit unseren kleinen Regenschirmen bewaffnet durch feuchte Wiesen und Wälder. In Bärnfels stellen wir uns erst in der Autowerkstatt und dann an einer Bushaltestelle im Souterrain unter, als es richtig zu plästern anfängt und der Wind die Regenmassen über die Straße peitscht.

Bärnfels

Die letzten 2,5 km zu unserem Ziel Obertrubach schaffen wir jetzt auch noch. Die Regentristesse wird aufgehellt durch das Kornblumenblau der Wegwarten am Wegesrand. Hosen und Schuhe sind nun gut durchfeuchtet. Gut, dass uns unser Gastwirt Zeitungspapier für die Schuhe besorgen kann. Nach der Dusche gehen wir in unserem Hotel um 18 Uhr essen, einige ältere Herrschaften sind um diese Zeit schon fertig mit ihrem Abendmahl. Als Schlummertrunk leisten wir uns einen hochprozentigen Schlehengeist, der nach Mandel und Alkohol schmeckt. Viertel vor zehn schlafen wir tief.

Hier ist die Übersicht über unsere 5-Tage- Rundwanderung in der Fränkischen Schweiz Anfang Oktober 2025.

Fränkische Schweiz: 1. Pegnitz – Behringersmühle 22

Oktober 4, 2025

Die nächste Wanderung steht auf dem Programm. C. und ich machen uns am Vorabend des Tages der deutschen Einheit von Niederhöchstadt auf nach Pegnitz, dem Tor zur Fränkischen Schweiz. Die A3 ist viel befahren und voller Baustellen, aber wir kommen in ca. dreieinhalb Stunden gut durch.

Vor Ort gehen wir noch in eine urige Kneipe, das Schnerpfl  – die eine Bedeutung ist Wurstzipfel, die andere ist Glied – wo uns der gesprächige Wirt am Ende lokalen, fruchtigen Wassermelonenlikör offeriert.

Am nächsten Morgen bewegt sich die Außentemperatur um den Gefrierpunkt während die Sonne lacht. Wir parken den Wagen um auf den nahegelegenen P+R-Parkplatz und gehen durch den schmucken Ort.

Die evangelische Kirche – hier war die Reformation schon 1529 erfolgreich – ist geöffnet, es sitzt sogar jemand drin, so dass ich mich nicht traue, ein Foto von innen zu machen. Es gibt zwei Emporen und viele Fenster, so dass die Kirche sehr hell erscheint, sie mutet italienisch renaissancehaft an, wenngleich der Altar aus der Barockzeit stammt.

Pegnitz, ev. Bartholomäuskirche

Der Einstieg zum 5-Tage-Weg ist schnell gefunden, unsere erste Etappe verläuft größtenteils auf dem Jakobsweg von Hof nach Nürnberg.

Pegnitz, Einstieg in den 5-Tage-Weg

Wir gehen hinauf zum Burgberg und kommen an einer Kriegsgedenkstätte vorbei. Der Weg durch lichten Buchenwald geht über viele Baumwurzeln und ist sehr angenehm für die Füße. Wir kommen allerdings nicht sehr schnell vorwärts, es geht viel auf und ab, zudem verlieren wir gelegentlich die Markierungen, machen aber keine nennenswerten Umwege. Die heutige Etappe wird als schwer eingestuft.

Unterwegs treffen wir immer wieder auf höfliche Mountainbiker, die sich mit einem „klingeling“ diskret ankündigen. Wie man überhaupt sagen muss, dass der Menschenschlag hier nett und zuvorkommend ist, so gut wie alle Spaziergänger, die uns über den Weg laufen, grüßen mit einem Lächeln auf den Lippen und lassen einen auch gerne vorbei, wenn es eng ist.

Wir kommen zur etwas abseits den Hang hoch gelegenen Zwergenhöhle, die sowohl von der Höhe als auch von der Breite nicht für Erwachsene geschaffen ist.

Zwergenhöhle

Es geht weiter hoch zur Burgruine Hollenburg, die von Karl IV. gebaut wurde, von der aber außer einer Mauer und einem Turmeck nicht viel geblieben ist. Dafür ist die Aussicht über die grünen Wipfel der Fränkischen Schweiz grandios. Wir rasten und bleiben nicht lange allein. Eine ältere Dame verstrickt uns in ein Gespräch übers Wandern.

Hollenberg, Ruine

Unten im Ort gibt es eine Bergstation, die aus einem kleinen Holzhäuschen besteht, wo wir eine schmackhafte Schwammerlsuppe aus Steinpilzen sowie selbstgebackenes Roggenbrot mit sehr knuspriger Kruste bekommen. Auch die alkoholfreie Maisel’s Weisse aus Bayreuth mundet hervorragend.

Nach der Stärkung passieren wir im Wald die wiederhergestellten Reste einer Kapelle. Daneben hat der Förster einen Aushang gemacht, wo er darum bittet, wegen der Waldbrandgefahr doch bitte keine Kerzen anzuzünden. Wörter sind von anderen, die das nicht einsehen wollen, gestrichen und er lächerlich gemacht worden. Ein Dummejungenstreich?

Pirkenreuther Kapelle, Ruine
Nahe Pirkenreuther Kapelle

Nach einer längeren Passage durch den Wald kommen wir nun in dem schönen Fachwerkort Pottenstein an, der heute am Feiertag von vielen Tagesausflüglern besucht wird. Wir ergattern noch einen Platz neben einem älteren Herrn in der Sonne, wo wir Cappuccino und ein leckeres Stück Zwetschgenkuchen zu uns nehmen.

Pottenstein, Markt

Über uns thront im Gegenlicht die Burg. Außerdem gibt es in dem Ort ein Scharfrichtermuseum.

Pottenstein, Burg

Das letzte Stück der heutigen Etappe verläuft meist nahe der Straße im Tal der Püttlach. Aber erst einmal geht es auf einem alpinen Steig den Berg hoch. Die Felsen, die wir passieren, werden gerne zum Klettern genutzt.

Kletterfelsen

Wir kommen jetzt zu einem vielfotografierten Wahrzeichen der Fränkischen Schweiz, einem sich an die Felsen schmiegenden Fachwerkhaus.

Tüchersfeld

Wie so oft ziehen sich die letzten Kilometer zu unserem Tagungs- und Freizeithotel in Behringersmühle. Nach dem Essen in dem sehr belebten Restaurant, wo Reservierung sinnvoll ist und man etwas Geduld mitbringen muss, gehe ich noch in die Sauna, wo ich ganz allein bin und bei 75 Grad fast einschlafe. Noch vor zehn liegen wir in der Koje.

Hier ist die Übersicht über unsere 5-Tage- Rundwanderung in der Fränkischen Schweiz Anfang Oktober 2025.

4931

September 26, 2025

Möglich, doch sinnlos

Ein Leben ohne Gehen

Daher raus. Sofort!

[Robert Walser – Spazieren muss ich unbedingt. Vom Gehen über Stadt und Land]

Oderlandweg: Wölsickendorf – Wriezen 23

September 22, 2025

Morgens machen wir uns das Frühstück in der Ferienwohnung selbst. Neben weichen Eiern gibt es aufgebackene Brötchen mit Aufschnitt, Käse und von der Gastgeberin selbstgemachter Marmelade.

Meinen Kompass kann ich nicht mehr auffinden. Wahrscheinlich habe ich ihn gestern beim Baden verloren, wo er wohl aus der Hemdtasche gerutscht ist, als ich das Hemd auf einen Baumzweig zum Trocknen gelegt habe.

Gegen 9 gehen wir los. Die Kirche im Ort ist geschlossen. Generell ist es am heutigen Sonntag sehr ruhig.

Wölsickendorf, Feldsteinkirche

Am Dorfteich mit Fontäne haben sich zwei Angler positioniert. Wir gehen die Straße nach Wollenberg, wo uns der bis auf den Fahrer leere Bus, der dann die B158 nach Werneuchen fährt, zweimal passiert. Auch in Wölsickendorf ist niemand zugestiegen.

Mitten auf dem Teich im nächsten Ort angelt eine Attrappe seelenruhig vor sich hin.

Wollenberg, Dorfteich

Wanderer treffen wir heute keine. Aus dem Wald kommt uns eine alte Frau entgegen, die uns ihre Tasche voller Steinpilze und Pfifferlinge vorzeigt. Aufgrund des feuchten Sommers ist heuer ein gutes Pilzjahr.

Es geht nun über einige Kilometer durch Mischwald, wir machen eine kurze Pause an einer Picknickbank mit Tisch an der Stelle, wo es kurz vor Rädikow scharf links zurück in den Wald geht. Auf dem sich hinziehenden, monotonen Waldweg quäle ich mich etwas, die Wegweiser nach Wriezen zeigen eine größere Entfernung an als von uns ausgerechnet. Das liegt daran, dass der Oderlandweg gar nicht nach Wriezen reingehen würde.

Wir kommen nun zum sagenumwobenen Baasee, der in den letzten Jahren aufgrund der Trockenheit einiges Wasser verloren hat. Wir treffen verschiedene Ausflügler, hier ist ein touristischer Hotspot. Hier befindet sich auch der höchste Baum Brandenburgs, eine ca. 135 Jahre alte 48 m hohe Douglasie, die mit ihrer Spitze durch das Walddach hindurchstößt.

Wir kommen zur sehr gut besuchten, über eine Straße erreichbaren Waldschänke. Wir halten hier Mittagsrast und verputzen einen Großteil unserer Vorräte zu Kaffee bzw. Rhabarberschorle.

Nun geht es etwas hinauf und dann hinab zum sonnendurchfluteten Gut Sonnenburg. Wir leisten uns einen die Lebensgeister weckenden Eiskaffee auf der Sonnenterrasse mit Blick auf den Garten. Es gibt eine gut sortierte Bibliothek, u.a. mit dem Mann ohne Eigenschaften von Musil. Einmal im Monat wird hier Tango getanzt und die Wirtin versucht vergeblich, uns schmackhaft zu machen mitzutanzen, denn es gibt Männermangel.

Gut Sonnenburg

Wir kommen nun zu den Trockenrasenwiesen der Biesdorfer Kehlen, alten Oderarmen, die für eine abwechslungsreiche offene und hügelige Landschaft sorgen.

Holzhaufen
Biesdorfer Kehlen

Eigentlich ist für 16 Uhr Regen angesagt, aber wir kriegen nur ein paar Tropfen ab. Überall liegen hier Haufen mit großen Steinen rum, die aus den Feldern gesammelt wurden und Pflanzen und Tieren Unterschlupf bieten sollen.

Lesesteinhaufen

Die Etappe beenden wir im kostenlosen Waldbad Wriezen. Da es sich zugezogen hat sind wir die einzigen Gäste. Das Wasser ist angenehm erfrischend. Erst sehr kalt, da unsere Körper von der Wanderung und den sommerlichen Temperaturen um die 27 Grad aufgeheizt sind. Ist man aber erstmal drin, so möchte man gar nicht mehr raus. Die Wassertemperatur ist m E. mit wohl knapp 20 Grad etwas niedriger als gestern im Gamener See.

Wriezen, Waldbad

Das letzte Stück geht es an der Straße lang nach Wriezen zu unserem einfachen Hotel. Die Rezeption ist unbesetzt, wir kommen mit dem Schlüssel aus dem Safe rein.

Abends essen wir beim Italiener, wo wir neben einem jungen Paar die einzigen Gäste sind. Der Ort macht einen verlassenen, ungepflegten Eindruck und strahlt wenig Hoffnung aus. Viele Gebäude gammeln vor sich hin, man sieht z.T. noch verblichene VEB-Schriftzüge an den Eingängen. Die AfD rechnet sich gute Chancen bei der bevorstehenden Bürgermeisterwahl aus.

Hier ist die Übersicht über die Wanderung auf dem Oderlandweg vom 20.-22.9.2025.

Oderlandweg: Falkenberg – Wölsickendorf 15

September 21, 2025

Und es geht einmal wieder auf Wanderschaft, dieses Mal auf eine dreitägige Rundtour mit meinem Berliner Nachbarn H.

Wir nehmen bei schönstem Spätsommerwetter 2 U-Bahnen und 2 Regionalzüge über Gesundbrunnen und Eberswalde in das beschauliche Falkenberg im Oderbruch, wo doch einige Wandergenossen/innen aussteigen. Unseren Weg scheint niemand zu gehen, eine größere Gruppe läuft nach Bad Freienwalde, ein junges Paar macht den über 20 km langen „Gipfelsturm“.

Es geht ein Weilchen an der Hauptstraße durch den Ort bevor wir rechts den Einstieg in unseren Weg finden.

Falkenberg

Einen Fontanewanderweg gibt es hier natürlich auch, aber wir entscheiden uns für den Oderlandweg, mit dessen offiziell zweiter Etappe wir starten. Da es ein Rundweg ist, ist es egal, wo man losgeht.

Falkenberg, Einstieg zum Oderlandweg

Es geht an einem Bächlein mit einer Mühle lang hinauf in den Laubwald, wir kommen bald zu einem offenen Fußballplatz mit ein paar Sitzbänken. Daneben ein Pferdehof.

Falkenberg, Alte Mühle, Einstieg zum Oderlandweg

Es geht nun wieder zurück Richtung Ort bevor wir scharf links abbiegen hinauf zum Restaurant Carlsburg auf dem Paschenberg. Wir treffen dort ein älteres Ausflüglerpaar aus Berlin.

Unser Weg führt uns durch lichten Laub- und Mischwald. Die Temperatur ist aufgrund des leichten Windes und des Schattens sehr angenehm, das wird am Nachmittag anders werden, wo es schwül und stickig wird und der Wind völlig nachlässt. Es fliegen einige unliebsame, kleine Störenfriede durch die Luft, die wir uns mit Spray vom Leib halten.

Wir kommen in dem kleinen Ort Cöthen an, wo wir in dem großzügigen Café Das Gut einkehren, einer ehemaligen Brennerei für Industriealkohol. Neben der Dampfmaschine von 1878, die knapp 100 Jahre in Betrieb war und restauriert wurde, gibt es im 1. Stock eine größere Halle, die für Konzerte und Kunstausstellungen genutzt wird. Die junge Frau, die das Café führt, ist barfuß und erzählt uns ausgiebig von der Geschichte des Gebäudes, das erst 2020 fertig mit Bundesmitteln als Industriedenkmal saniert wurde. Der Cappuccino aus der großen, alten Kaffeemaschine schmeckt hervorragend.

Cöthen, Das Gut

Am Ortsrand steht die Schinkelkirche, die nur selten und natürlich nicht jetzt geöffnet ist, gegenüber eine Wandtafel, die an die 3 Cöthener Gefallenen des 1. Weltkriegs erinnert.

Cöthen, Schinkelkirche
Cöthen, Kriegsgefallenendenkmal

Es geht nun wieder in den Wald auf einem breiten, schnurgeraden Weg. Die Erde am Wegrand ist an mehreren Stellen aufgewühlt, hier haben sich Wildschweine in der schwarzen Erde gesuhlt. Von den Tieren ist natürlich mal wieder nichts zu sehen. Nach einer Weile zweigen wir links ab und kommen auf schmaleren Wegen an einem Gewässer entlang zum Gamensee. Vor uns Mutter und Tochter, die sich die erste Badestelle sichern. An der zweiten Stelle mit schönem Sandstrand treffen wir zwei Frauen, die immer wieder Etappen auf dem 66 Seenwanderweg um Berlin gehen. Dort stürzen wir uns in die Fluten. Das Wasser ist sehr erfrischend mit um die 20 Grad bzw. etwas mehr. Ich bin überrascht, dass ich immer noch auf dem Rücken bewegungslos an der Wasseroberfläche liegen kann, ohne unterzugehen, obwohl ich ja 7 Kilo abgenommen habe nach der letzten Fastenwanderung im Winter. Hier am See machen wir unsere Mittagsrast.

Gamener See

Über uns fliegt ein riesiger, pechschwarzer Rabe und stößt seine beeindruckenden Krächzlaute aus. Wir kommen nun auf einen Wegabschnitt, der völlig zugewachsen ist mit Brennnesseln und Dornengestrüpp, so dass wir ein Stück parallel auf einem etwas besseren auch von Geländewagen genutzten Weg laufen. 

Wieder zurück auf dem Oderlandweg geht es durch einen u a. von Obstbäumen beschatteten Hohlweg in Richtung unseres Zielortes. Auf der Wiesenfläche ist die Aufstellung einer großen PV-Anlage geplant, im Moment rotten dort Holzbänke vor sich hin. Hier hocken wir uns auf eine morsche Bank und halten inne, um den genus loci zu genießen. Die einsame, weite Landschaft hat etwas Paradiesisches.

Kurz vor Wölsickendorf

In Wölsickendorf beziehen wir unsere mit viel Liebe restaurierte Ferienwohnung, der Hausherr taucht später mit Brombeeren auf und erzählt uns einiges über den kleinen Ort. Die Restaurierung des riesigen Ritterguts verzögert sich, es soll als Zweit-Kita auf dem Lande für Berliner Kinder genutzt werden.

Wir schieben unsere zwei von der Hausherrin besorgten Tiefkühlpizzen in den Ofen und lassen den Abend bei einem Weißbier aus dem nahegelegenen Frankfurt/Oder ausklingen.

Hier ist die Übersicht über die Wanderung auf dem Oderlandweg vom 20.-22.9.2025.

4907

September 14, 2025

Künstler entdecken

einzigartige Landschaft

in Frühromantik

[Frank Richter – Der historische Malerweg]

.

August 27, 2025

Reizend ist es, still und gemächlich übers Land zu gehen und von ernsten, starken Bäuerinnen freundlich gegrüßt zu werden. Ein solcher Gruß tut wohl wie der Gedanke an die Unvergänglichkeit. Es öffnet sich ein Himmel, wenn Menschen freundlich miteinander sind.

[Robert Walser – Herbstnachmittag]

4800

August 1, 2025

Eintausend Meilen

längs durch Großbritannien

Parkinson fuck off!

[Raynor Winn – Über Land]

4794

Juli 27, 2025

Melodrama-Kitsch

Wohl zu schön, um wahr zu sein

Aber der Weg reizt

[Marianne Elliott – Der Salzpfad nach dem Buch von Raynor Winn]

Malerweg, 21.7.25 Schmilka – Gohrisch 16

Juli 22, 2025

Von innen geduscht
Sperberpaar überfliegt uns
Kletterparadies

Morgens wieder ein Frühstück zu acht in der engen Küche in unserer Unterkunftin Schmilka. Neben einem französischen Paar aus der Picardie nördlich von Reims, das wir gestern schon an der Mühle getroffen hatten, zwei junge deutsche Wanderinnen und zwei Engländer, die Tagestouren machen. Der Hausherr erklärt die um über 100 auf 65 Personen gesunkene Einwohnerzahl in Schmilka. Zum einen ist die Bevölkerung stark überaltert, zum anderen sind die Mieten aufgrund des hohen Anteils von Fremdenverkehrszimmern, die zu rund 100 Euro pro Nacht vermietet werden können, mit um die 3000 Euro pro Wohnung unbezahlbar. Da geht es Schmilka ähnlich wie bekannteren touristischen Hotspots wie Barcelona oder Mallorca.

Wir nehmen mal wieder die Fähre über die Elbe, wo wir unsere Gästekarten einsetzen können.

Blick von Schmilka nach Hirschmühle

Auf der anderen Elbseite sieht man die völlig verlassene, vor sich hin verrottende Grenzstation.

Grenzstation Schmilka – Hřensko

Mit den Franzosen gehen wir die Steinstufen hinauf zum Gebirgsplateau. Oben angekommen sind die Hemden bereits komplett durchnässt, die zweite Dusche des Tages, dieses Mal aus körpereigenem Schweiß. Wir quatschen über Gott und die Welt und kommen dabei an einigen blühenden Blumen vorbei.

Stockrosen

In Schöna begleiten die alten DDR-Straßenlaternen uns auf dem Weg.

Schöna, alte DDR-Straßenlaterne

Die heutige Malerwegetappe und die Eintageswanderung Caspar David Friedrich-Weg sind über weite Teile identisch, der Blick zum Zirkelstein hat anscheinend den Wanderer über dem Nebelmeer mit inspiriert.

Vorne Zirkelstein

Im nächsten Ort stoßen wir erstmals auf offene Bekundungen gegen den Staat, die nur noch knapp von der Meinungsfreiheit gedeckt sein dürften. Auf der Heckscheibe des in der Nähe stehenden Autos steht: „Wir sterben wie Männer. Wir brauchen keine Airbags.“ Mein erster etwas zynischer Gedanke: Viel Erfolg dabei!

Extremistische Populistenparole

Hinter Krippen, wo wir die zackige Wegführung etwas abkürzen, hören wir langgezogene, schrille Schreie im Wald. Man sieht von unten die Silhouette von zwei kleinen Greifvögeln, es handelt sich laut App um ein Sperberpaar.

In Kleinhennersdorf machen wir unsere Mittagsrast auf einer Bank in einem Wohngebiet. Es geht nun an einem wahrscheinlich für die Jagd gehaltenen privaten Damwildgehege vorbei den Berg hinauf zum Kleinhennersdorfer Stein, von wo man eine schöne Aussicht auf die umliegenden Wiesen, Felder und Tafelberge hat.

Blick nach Kleinhennersdorf

Nun geht es wieder über Leitern mitten rein ins Herz des Elbsandsteingebirges auf den Papststein, wo ein Ausflugslokal seit 1860 Wind und Wetter trotzt. Bei einem Eiskaffee beobachten wir in der Ferne zwei wagemutige Kletterer, die sich daran machen, den Felsen Große Hunskirche auf der uns abgewandten Seite zu erklimmen. Später sehen wir noch eine Familie mit Kind, die oben auf einem ca. 10 Meter hohen Felsen den Großeltern zuwinken, die das fotografieren. Das wäre nichts für mich. Der Großmutter ist dabei auch etwas mulmig zumute, wie sie uns beichtet.

Große Hunskirche
Blick vom Papststein

Jetzt geht es erst runter zur Straße und dann wieder hoch zum letzten Gipfel, dem Gohrischstein, von wo wir zurück auf den Papststein mit der Antenne blicken können. Hier wurde beim Abstieg der Rohstoffeinsatz minimiert, wir sind trotzdem heil runtergekommen.

Treppenstufen

Es zieht sich nun so langsam der Himmel zu, unsere französischen Wanderfreunde wollen noch zelten, ich wünsche ihnen viel Glück. Kurz nachdem wir in unserer Unterkunft angekommen sind, fängt es um viertel vor vier an, stark zu regnen. Selbst um sieben als wir zum vorreservierten Essen – zwei riesigen Portionen von Großvaters Frühstück – gehen, plästert es noch kräftig, erst gegen acht auf dem Rückweg hört es auf.

Hier ist die Übersicht unserer Malerwegwanderung im Juli 2025.

Malerweg, 19.7.25 Neumannmühle – Schmilka 15+1

Juli 20, 2025

Melonensalat
Kipphorn: Bilderbuchaussicht
Runter zur Elbe

Nach dem vom Wetter her durchwachsenen gestrigen Tag erwarten uns heute Sonne und sommerliche Temperaturen an die 25 Grad. Wir füllen die drei Literflaschen mit Wasser, die wir im Laufe des Tages auch fast ganz austrinken werden.

Beim Frühstück sind wir an einem Vierertisch mit einem holländischen Paar platziert; er erzählt uns vom Dutch Mountain Trail in Südholland. Die beiden hängen an den Malerweg dann noch den 100 km langen Kammweg durch die Böhmische Schweiz dran.

Neumannmühle

Nach einem kurzen Stück an der Straße im Kirnitzschtal geht es steil bergauf nach links, wo die Straße unten durch Drahtnetze gegen Steinschlag geschützt ist, wir aber nicht.

An der Kirnitzsch

Die Räumichtmühle im nächsten Ort ist zwar inzwischen geschlossen, wir können uns aber trotzdem dort erfrischen, bezahlt wird nach Gusto in die Kasse des Vertrauens, auf dem spanischen Jakobsweg sagt man hierzu auch donativo.

Räumichtmühle, Kühlschrank

Die vielen umgestürzten Bäume haben inzwischen auch ihren Niederschlag in den Schilderwald gefunden.

Räumichtmühle, Vorsicht Baumbruch!

Es geht nun weiter bergauf zum Pohlshorn und wir werden auf dem Kamm mit schönen Aussichten belohnt.

Kurz vor 12 kommen wir am Zeughaus an, wo wie so oft hier in der Grenzregion ein tschechischer Wirt das Szepter übernommen hat. Wir setzen uns zu unseren holländischen Frühstücksnachbarn, die gerade im Aufbruch begriffen sind. Hier gibt es einen köstlich-leichten, geschmacksintensiven Melonen-Blaubeersalat mit Wassermelone, Heidelbeeren, Rukola, Minze, Feta und Pinienkernen. Dazu etwas frisches, dunkles Brot sowie eine eiskalte Flasche Oppacher Mineralwasser und unser Mittagsrastglück ist komplett.

Haus im Wald unweit Zeughaus

Nachdem wir neue Kräfte gesammelt haben, geht es nun recht steil hinauf in Richtung Winterberg. Es sind am Ende über dreihundert Meter Anstieg durch den Wald, so dass wir zumindest meist im Schatten gehen, kräftig ins Schwitzen kommen wir trotzdem. Links geht es ab zur wenig spektakulären Goldsteinaussicht. Die Sandsteinfelsen gegenüber sind rechts im Gegenlicht und nicht auf dem Foto.

Goldsteinaussicht

Im folgenden Wegverlauf suchen wir vergeblich den Abzweig zum kleinen Kuhstall, einer weiteren Felsenhöhle, wo wir aber nach Auskunft eines Einheimischen nichts verpasst haben. Am Katzenstein machen wir eine kurze Trinkpause und beobachten aus diesem Versteck die anderen, vorbeikommenden  Wanderer.

Katzenstein

Es geht weiter auf Holzplanken über morastigen Boden hinauf zum Winterberg, wo wiederum eine Baude steht. Wir nehmen einen deliziösen Eiskaffee zu uns. Der nette Wirt fragt mich, woher wir kommen und gibt mir den Tipp mit dem Kipphorn. Diese relativ wenig frequentierte Aussicht, die etwa 400 Meter abseits des Weges liegt, kann man nicht anders als spektakulär bezeichnen. Links die Wälder und Berge der Böhmischen Schweiz, direkt vor uns die Elbe, die sich ihren Weg durchs Elbsandsteingebirge bahnt, am rechten Elbufer in der Ferne Bad Schandau, dann die Schrammsteine. Wir haben den Ausblick vorne an der Aussichtsbank ganz für uns allein und sind begeistert.

Kipphornaussicht

Nachdem wir wieder zurück zum Malerweg gegangen sind, steigen wir nun 400 Meter über viele Treppen hinab nach Schmilka. Es kommt uns eine junge, tschechische Familie entgegen, der Vater mit seiner Tochter im frühen Vorschulalter an der Hand, die sich sehr wacker hält. Es kommt noch eine Passage, die wegen angeblichem Baumbruch abgesperrt ist, woran sich jedoch niemand hält. Der Weg ist frei und ungefährlich.

Wir kommen oben in Schmilka an der Ilmenauquelle an. Der Ort ist voller Tagesgäste, die hier größtenteils durchwandern, in dem Café in der Ortsmitte an der alten Mühle herrscht reges Treiben.

Schmilka, Mühle

Der Inhaber unserer Pension erwartet uns schon auf seiner Terrasse. Hier werden wir zwei Nächte verbringen, um uns von den Wanderstrapazen der letzten Tage etwas auszuruhen.

Abends essen wir noch bei dem Bistro an der Mühle und treffen erneut auf das Paar ungleichen Alters, das wir bereits auf dem Aufstieg nach Waitzdorf vor zwei Tagen getroffen hatten. Es stellt sich raus, dass es Vater und Tochter aus dem Rheinland sind. Er  ist emeritiert und schon fast 80, ihre Tagesetappe heute noch ein gutes Stück länger und die beiden entsprechend erschöpft, da sie heute schon bei den Lichtenhainer Wasserfällen starteten.

Hier ist die Übersicht unserer Malerwegwanderung im Juli 2025.

Malerweg, 18.7.25 Altendorf – Neumannmühle 19

Juli 19, 2025

Off the beaten track
Rückwärts die Leitern runter
Unter Bergsteigern

Heute steht uns die Königsetappe des Malerwegs bevor, 730 Höhenmeter und über 7 Stunden reine Gehzeit. Daher frühstücken wir schon früh um halb acht. Allerdings entkommen wir dem Regen heute nicht. Bis 14 Uhr schüttet es immer wieder. Trotzdem treffen wir auf sehr viele Tagestourer, da wir touristische Hotspots abgrasen.

Anfangs regnet es nur leicht, allerdings kommen wir schon bald zu einem Abschnitt, der aufgrund von Böschungsarbeiten, von denen man allerdings nichts sieht, gesperrt sein soll. Der Hauptweg über die Kirnitzsch, die uns meist unten im Tal den ganzen Tag begleiten wird, ist in der Tat unbegehbar. Ich finde auf der Appkarte jedoch einen Weg hinunter auf etwas verschlissenen Holzstufen, auf dem wir uns den Hang hinunterstürzen. Unten kommen wir zur Ostrauer Mühle, hier liegt ein viel genutzter Campingplatz. Der Regen hört jetzt erst einmal für eine Weile auf. Ein junger Mann mit großem Rucksack, den wir heute immer wieder kreuzen, geht nun von hier los.

Meine Beine sind heute am Vormittag sehr schwer, ich bewege mich schwerfällig vorwärts, die Wandermüdigkeit setzt ein und die sich im Kopf stellende Sinnfrage zusammen mit der zunehmenden Durchnässung machen es nicht leichter.

Nach dem Aufstieg sehen wir bald in der Ferne die markante Formation der Schrammsteine, die auf unserem Weg liegen.

Schrammsteine

Wir treffen am Schrammsteintor, wo es einen Durchlass durch die imposanten Sandsteinfelsen gibt, auf Familien mit Kindern.

Schrammsteintor

Kurz vor dem Aufstieg über Eisenleitern zum Grat, der rund 50 Meter höher liegt, legen wir eine kurze Pause auf einem Baumstamm ein. Es beginnt, wieder zu regnen. Oben auf dem Grat geht es dann richtig los. Erst stehen wir mit meinem Schirmchen etwas geschützt unter einem Baum, dann als der Regen zum Schauer wird und nicht so schnell aufhören will, lehnen wir uns gegen die leicht überstehende Felswand. Nass werden wir trotzdem.

Als der Regen in Niesel übergeht, gehen wir weiter zur Breiten Kluft. Hier hat sich der Himmel bereits aufgeklart und C. vor mir erinnert mich etwas an ein bekanntes Bild von Caspar David Friedrich, das ja bekanntlich auch von der Sächsischen Schweiz inspiriert war.

Breite Kluft Wand: Wanderin über dem Nebelmeer

Unsere Mittagsrast mit Brötchen, die mit Fleisch- und Eiersalat belegt sind, machen wir auf der steinernen Domkanzel. Mitten beim Essen fängt es wieder an, zu pladdern, es kommen hier einige Wanderer vorbei. Nun geht es hinunter zum Sandloch- und dann Zeughausweg.

Felsformation Domwächter

Die Beine gehen sich jetzt wieder besser, wir bewegen uns meist im Streichen oder sogar abwärts, was nicht schadet. Wir kommen nun zur Kirnitzsch, erst am Beuthenfall vorbei, dann zu den Lichtenhainer Wasserfällen, wo die Endstation der gelben Straßenbahn von Bad Schandau ist und wir im Biergarten mit Eiskaffee unsere müden Lebensgeister wecken können.

Lichtenhainer Wasserfall

Von hier geht es über eine schöne Steinbrücke hinauf durch den Wald zu einer der Hauptattraktionen, dem von Caspar David Friedrich im Bild verewigten Kuhstall, der ca. 30 Minuten entfernt ist. Es kommen uns so einige Besucher entgegen.

Steinerne Brücke

Den Kuhstall, eine offene Höhle unter einem Sandsteinfelsen, nehme ich klassisch von vorne gegen das Licht und von hinten auf. Von hinten hat er mehr Höhlencharakter.

Kuhstall von vorne
Kuhstall von hinten

Hinterm Kuhstall führen superschmale, metallene Stufen durch den Fels hindurch nach oben, sozusagen auf das Dach des Kuhstalls. Wir kommen da so gerade eben mit unseren 30 Liter-Rucksäcken durch. Es handelt sich um die sogenannte Himmelsleiter. Von oben hat man eine gute Aussicht über diesen Teil der Sächsischen Schweiz. Hier ist auch viel weniger los als unten.

Himmelsleiter, Blick zurück

Vom Kuhstall gehen wir u.a. auf einer Eisenleiter zurück – ich gehe steile Leitern gerne rückwärts runter – ins Kirnitzschtal. Kurz bevor wir das munter dahinfließende Bächlein erreichen, trennen sich kurz unsere Wege. Während ich noch einmal hoch auf einen naturnahen, etwas zu gewachsenen Pfad, den offiziellen Malerweg abbiege, überquert C. die Kirnitzsch und geht an der wenig befahrenen Straße lang. Ich sehe sie bald vor mir, bin allerdings noch rechts der Kirnitzsch auf einem herrlichen Naturpfad, dem Flößersteig. Hier wurde früher Holz die 25 km hinunter bis zur Elbe transportiert. Wir treffen uns an der Brücke neben der Neumannmühle, in der wir in einem eigenen Zimmer übernachten.

Im kühlen Wasser des Bergbaches baden viele nackte Männer und einige wenige nackte Frauen. Wahrscheinlich sind das Bergsteiger. Jedenfalls sitzen abends draußen in der Neumannmühle an den Tischen neben uns sehr drahtige Typen, die völlig unter sich sind und uns keines Blickes würdigen. Ich lausche später auf dem Klo dem Gespräch zweier Typen in der Dusche daneben, die im 2. Stock im Matratzenlager pennen. Es geht um den Watzmann.

Ich entdecke beim Abendessen das sehr süffige Eibauer Schwarzbier, das ich auch viel besser vertrage als das Weißbier, das ich sonst immer trinke. Auch nach zwei Litern fühle ich mich noch pudelwohl.

Hier ist die Übersicht unserer Malerwegwanderung im Juli 2025.

Malerweg, 16.7.25 Stadt Wehlen – Hohnstein 11+1

Juli 17, 2025

Bad in der Menge
Von Feldjägern eingeholt
Hinab in Wolfsschlucht

Nach einer erholsamen Nacht in unserem Zimmerchen nehmen wir unser gestern zusammengekauftes Frühstück im Wintergarten eine Etage tiefer ein.

Wir sind heute schon vor neun unterwegs, müssen allerdings noch einmal die Fähre auf die rechte Elbseite nehmen. Bei Sonnenschein und angenehmen Temperaturen geht es den Uferweg nach Osten entlang und dann steil auf mit Geländern gesicherten Steintreppen hinauf, so dass wir früh ins Schwitzen kommen. Im Wald in der Nähe eines Steinplateaus mit Elbaussicht hören wir einen krächzenden Kolkraben.

Im Wald überholt uns eine ältere Frau mit Tagesrucksack. Es stellt sich heraus, dass sie ebenfalls passionierte Fernwanderin ist und auch gerne pilgert, z.B. ist sie wie wir den ökumenischen Jakobsweg von Görlitz nach Vacha gegangen und hat dort ebenfalls in Kirchen übernachtet. Ursprünglich kommt sie aus Mecklenburg, wohnt aber jetzt in der Gegend und fühlt sich dort viel wohler. Sie geht auch den Malerweg, kehrt jedoch abends immer nach Hause zurück. An der Bastei trennen sich unsere Wege.

Blick von Bastei-Aussichtsplattform

Hier wimmelt es auch am Vormittag schon von Touristen, auf der erst im Februar 2023 eröffneten, betonierten Aussichtsplattform drängen sich die Menschen mit ihren Smartphones. Wir nehmen einen die Lebensgeister weckenden Cappuccino im Pappbecher zu uns.

Bastei-Brücke

Wir genießen die Blicke auf die bizarr geformten, in die Höhe strebenden, hinkelsteinförmigen Sandsteinfelsen und gehen weiter über die Basteibrücke hinunter nach Rathen.

Bastei-Aussichtsplattform

Unten gehen wir den breiten Steinweg hinauf zur Rathener Felsenbühne, wo gerade Rotkäppchen gegeben wurde und die Kinder mit ihren Aufsichtspersonen kurz nachdem wir oben angekommen sind, herausströmen.

Felsenbühne Rathen

Nun geht es wieder zurück und am Amselsee entlang, an dem man sich Ruder- und Tretboote ausleihen kann, durch den Amselgrund hinauf zu den Amselfällen, die wir nicht sehen könnten, da es kürzlich einen Felssturz gegeben hat und der Weg eingerüstet ist und die Baude geschlossen.

Amselsee

Die Bänke am Wegrand sind alle besetzt, erst ganz oben kurz vor Rathewalde finden wir eine leere Bank. Nach einer Minute Sitzen sind wir plötzlich umringt von einer Feldjägerkompanie, die hier ebenfalls ein Päuschen einlegt. Seit meiner Bundeswehrzeit vor über 40 Jahren hatte ich nicht mehr so viele Soldaten auf einem Haufen gesehen. Es sind auch einige junge Frauen dabei, eine läuft vorneweg und trägt eine weißrote Fahne.

Es setzt nun Nieselregen ein und uns kommt die Jägerklause kurz vor Rathewalde gerade recht, wo wir eine Soljanka und eine Linsensuppe zu uns nehmen.

Rathewalde, Jägerklause

Die moderne, schlichte evangelische Kirche in Rathewalde ist geöffnet. Die Kanzel ist mit einem bunten Kreuz mit lokalen  Motiven geschmückt.

Rathewalde, ev. Kirche

Es geht nun weiter durch das Waldhufendorf, an einer Ausfallstraße entlang und dann zu der Schutzhütte am Hockstein. Hier steigen wir auf steilen, gut gesicherten Metalltreppen zwischen Felsritzen hinab in die Wolfsschlucht, von der wir buchstäblich verschlungen werden. Sie ist ein wichtiger Schauplatz in Carl Maria von Webers Freischütz.

Abstieg in die Wolfsschlucht

Unten im Polenztal gibt es einen schönen Biergarten, der allerdings erst um 16 Uhr öffnet, zu spät für uns. Hier unten im sog. Bärengarten wurden bis 1756 Bären für die Jagd gehalten. Bären gibt es keine mehr, stattdessen pflücken wir am Wegesrand schmackhafte, kleine Wildhimbeeren. Wir steigen mühsam den Schindergraben hinauf – zum Teil über umgestürzte Bäume, die gefällten Bäume liegen säuberlich neben dem Weg – und kommen an unserem Etappenziel Hohnstein an. Auf einem Felsen gegenüber liegt die Burg.

Hohnstein, Burg

Unser Hotel mit Wellnessbereich, zu dem wir von der Ortsmitte hinaufsteigen müssen, ist gut besucht. C. schwimmt im Pool, ich schwitze in den beiden Saunen.

Hier ist die Übersicht unserer Malerwegwanderung im Juli 2025.

Malerweg, 15.7.25 Schloss Pillnitz – Stadt Wehlen 20

Juli 16, 2025

Weinberg steil hinauf
Gekläffe statt Lohengrin
Dem Regen getrotzt

Morgens beim Frühstück steht das Servicepersonal in der Ecke und beäugt uns, als wir uns beim Buffet bedienen. Anscheinend sind wir mit unserer Wanderkluft in diesem Etablissement underdressed.

Gegen neun sind wir on the road, die schöne, leider geschlossene Weinbergkirche, liegt wie der Name schon sagt, inmitten von Weinbergen im kleinen, östlichsten Weinanbaugebiet Deutschlands. Vom Leitenweg oben, dem wir eine Weile folgen, haben wir eine wunderbare Aussicht auf die Elbebene und -hänge.

Pillnitz, Weinbergkirche

Wir passieren die kegelförmige Rysselkuppe, von der die Sicht etwas zugewachsen ist. Es geht nun in den feuchten Wald, wo wir von Mücken belästigt werden, die wir uns mit biologischen Mitteln vom Körper halten. Heute Nachmittag erwartet uns eine Gewitterfront, die uns dazu anstachelt, etwas zügiger zu gehen und nicht jeden Umweg mitzumachen. Wir marschieren durch den Wald und lassen Graupa rechts liegen und sparen uns auch die Schleife vor Bonnewitz. Dort machen wir Halt im überdachten Bonnewitzer Rundling, einem offenen Holzpavillion, der auch als Bücherkiste genutzt wird. Eine Gruppe gehandicappter Kinder in Rollstühlen kommt uns mit ihren Begleitern entgegen. Ich muss an unselige Zeiten denken; in Pirna, zu dem Bonnewitz gehört, ermordeten die Nazis auf der anderen Elbseite in Sonnenstein über 13.000 psychisch kranke und geistig behinderte Kinder in einer Gaskammer.

Wir bewegen uns nun Richtung Liebethal, wo der erst 2006 inaugurierte Malerweg offiziell beginnt. Pate stehen ihm Künstler wie Caspar David Friedrich, Ludwig Richter und Adrian Zingg, die sich von der Sächsischen Schweiz im 19. Jahrhundert zu Landschaftsbildern haben inspirieren lassen.

Liebethal

Entlang der wilden Wesenitz, die sich hier mit Stromschnellen durch die Schlucht zwängt, treffen wir nun auf viele Tageswanderer, es ist der erste Hotspot auf unserer Wanderung.

Liebethal, Wesenitz

Plötzlich hören wir lautes Hundegebell direkt vor uns. Links oben über uns steht überlebensgroß Richard Wagner, der in der nahe gelegenen Lochmühle 1846 Teile des Lohengrin komponiert hat. Eigentlich hatten wir erwartet bzw. befürchtet, dass hier das Vorspiel erklingt, das ich eigentlich mag, aber bitte nicht in der Natur, jedoch der Lautsprecher steht still und schweiget.

Liebethal, Wagnerdenkmal

Am Wegesrand immer wieder Blumen, die das Auge des Wanderers erfreuen.

König-Lilie

Ein von hinten kommender Radfahrer, der uns erschreckt, so dass wir etwas zur Seite springen, wirft uns stark sächselnd vor, dass wir zu verbissen seien.

Wir sind noch am Anfang unseres Weges, schön zu wissen, dass wir hierher zurückkehren können, wenn unsere Schuhe ausgelatscht sind.

Mühlsdorf

In Lohmen stärken wir uns kurz beim Bäcker mit einer Minipizza und Eiskaffee, bevor eine größere Rentnertruppe einfällt.

Es wird nun knapp, um 14h25 soll der Schauer laut Regenradar einsetzen, wir geben Gas und gehen hinein in den Uttewalder Grund. Die ersten Tropfen fallen und wir hasten die Treppenstufen hinauf nach Uttewalde, wo wir eigentlich einkehren wollten, aber natürlich hat das Gasthaus erst ab Mittwoch geöffnet. Ein überdachter Hauseingang mit Sitzbank rettet uns. Hier bleiben wir trocken.

Uttewalde

Nach dem Guss treffen wir auf ein dänisches Paar, die ebenfalls den Malerweg begehen. Sie sind aufgrund des Umleitungsschildes die Treppenstufen gegangen und denken wie wir, dass der Weg unten im Grund gesperrt ist. Es handelte sich jedoch nur um die Umleitung nach Uttewalde, die „Umleitung“ nach Wehlen ist der normale Weg, wie wir von einem Einheimischen erfahren.

Uttewalder Grund, Felsentor

Schließlich erreichen wir die Stadt Wehlen, wo wir am Marktplatz kurz rasten und dann die Fähre rüber nach Pötzscha nehmen, wo sich unser Zimmerchen befindet.

Da auf dieser Elbseite alles geschlossen ist, müssen wir die Fähre noch zweimal nehmen. Gut, dass C. das Deutschland-Ticket hat. Mit Fish & Chips, einer Rhabarberschorle und zwei riesigen Eiskugeln beende ich die Nahrungsaufnahme. Auf dem Markt gibt es eine akustische Installation, die den Touristen erklärt, dass der Name Sächsische Schweiz anscheinend von zwei Schweizern vergeben wurde, die sich an ihre Heimat erinnert fühlten. Wir gucken noch die Tagesschau, lesen etwas und sind um zehn in der Pofe. Die direkt neben uns vorbeifahrenden Regionalzüge hören wir aufgrund der Schallschutzfenster nicht.

Hier ist die Übersicht unserer Malerwegwanderung im Juli 2025.

Malerweg, 14.7.25 Dresden-Bühlau – Schloss Pillnitz 15

Juli 15, 2025

Beine schwer wie Blei
Mädchen schüttet ihr Herz aus
Elbschlossromantik

Und auf geht es zur nächsten Fernwanderung. Dieses Mal haben C. und ich uns den Malerweg in der Sächsischen Schweiz vorgenommen, den für ihn schönsten Wanderweg überhaupt, wie uns ein erfahrener Wanderer sagte, den wir letztes Jahr auf dem Eifelsteig getroffen hatten.

Wir starten in Dresden-Bühlau bei schönem Sommerwetter recht spät gegen halb zehn. Es geht die Neugersdorfer Straße steil hinunter, weiter unten wird vor Rotfüchsen, Mardern und Habichten gewarnt, die das hinter einem Elektrozaun herumlaufende Federvieh bedrohen. Wir kommen auf die Grundstraße, die sich am Leonhardi-Museum vorbei bis zur Elbe hinunterschlängelt.

Dresden-Loschwitz, Leonhardi-Museum

Wir werfen einen Blick auf die auch Blaues Wunder genannte Loschwitzer Brücke, die östlichste der Dresdner Elbbrücken. Die nicht sehr hochstehende Elbe fließt träge dahin.

Dresden-Loschwitz, Blaues Wunder
Dresden-Loschwitz

Am Körnerplatz, wo wir uns in einem gut frequentierten Café bei einem Cappuccino stärken, geht der Dichter-, Musiker-, Malerweg los, dem wir die ersten anderthalb Tage folgen werden, bevor wir in Liebethal auf den Malerweg stoßen werden.

Loschwitz, Körnerplatz

Wir passieren die Talstationen der Standseilbahn zum Weißen Hirsch und der Schwebebahn nach Oberloschwitz, bevor es den Veilchenweg steil bergauf geht, der Schweiß beginnt bereits, den Körper hinabzurinnen. Hier hat man die Wahl, das Kopfsteinpflaster oder bei Nässe die Stufen hinaufzugehen. Wir gehen in Richtung Fernsehturm im Stadtteil Wachwitz, um dessen Zustand sich eine Bürgerinitiative Sorgen macht.

Dresden, Fernsehturm

Die Grundstücke und Häuser, an denen wir hier vorbeikommen, kann man als großzügig und gediegen bezeichnen. Bereits nach weniger als einem Kilometer hatten wir die erste Stempelstation erreicht. Andere Wanderer treffen wir nicht. Ich quäle mich die ersten Kilometer etwas den Weg hinauf, das Eingrooven braucht seine Zeit.

Japanischer Ahorn

Unseren Weg zieren lustige Warnungen vor dem Hund, gerade Yorkshire Terrier und Berner Sennenhunde sind ja besonders gefährlich, wie wir aus eigenen Erfahrungen wissen ;-).

Gefährliche Tiere am Wegesrand

Unsere Mittagspause machen wir in Pappritz an einem Bassin, das gelegentlich von einem steinernen Frosch gefüllt wird.

Pappritz, Froschbrunnen

Hier ziehe ich unsere Wanderstöcke aus, die ein Lieferwagenfahrer, der eine Zigarettenpause macht, bestaunt.

Helfenberger Park

Hinter Pappritz geht es durch den großzügigen Helfenberger Park mit vielen mächtigen Trauerweiden nach Helfenberg und dann nach Rockau, wo wir uns an der etwas abseits des Weges gelegenen Rockauer Aussicht an Plattpfirsichen laben. Plötzlich kommt ein kleines Mädchen mit einem in einem Joghurtbecher gefangenen Insekt vorbei, das es uns stolz präsentiert. Es erzählt uns von mehreren Papas, einer alleinstehenden, berufstätigen Mutter, seinen zwei Geschwistern und, dass es nach den Sommerferien, von denen es nur weiß, dass sie bis zum Ende des Sommers, also ewig, dauern, in die 3. Klasse kommt. Zudem steht ein Umzug an. Es möchte natürlich wissen, was wir so treiben und vor allem wo wir hin wollen. Ich bin, ob dieser kindlichen Offenheit ziemlich gerührt.

Wir kommen nun wieder in den Wald zur einsam da liegenden Keppmühle, wo sich Carl Maria von Weber wohl für seinen Freischütz hat inspirieren lassen. Auch Richard Wagner ist im Keppgrund spazieren gewesen.

Keppmühle

Weiter geht es zwischen Wiese und Wald zum sogenannten Zuckerhut, der einen weiteren Ausblick auf die Elbe, zurück nach Dresden und auf die umliegenden Berge bietet. Zu Füßen liegt die Kirche Maria am Wasser, die ich mit meinem neuen, zum heutigen Geburtstag bekommenen Smartphone, recht nah heranzoomen kann.

Maria am Wasser vom Zuckerhut aus gesehen

Wir kommen jetzt auf den letzten heutigen Streckenabschnitt hinunter nach Hosterwitz, wo wir am momentan geschlossenen Carl Maria von Weber Museum, das mich mit der Fassade in ocker und den grünen Klappläden etwas an unser eigenes Häuschen erinnert, vorbeikommen. Weiter geht es in den Schlosspark Pillnitz, wo wir nach einem wohlverdienten Eiskaffee unser Hotelzimmer beziehen.

Schloss Pillnitz

Am heutigen Montag ist auf dieser Elbseite keinerlei Einkehrmöglichkeit vorhanden. Daher nehmen wir die Fähre nach Kleinzschachwitz, wo es einen gut besuchten Biergarten gibt und wir einen trockenen, überschirmten Platz neben einem einheimischen Paar finden. Es hat inzwischen angefangen, leicht zu regnen. Hier gibt es großzügig eingeschenkte erfrischende Erdinger Urweisse vom Fass. Auch der Cheeseburger und die breiten Pommes übertreffen alle Erwartungen.

Fähre Pillnitz – Kleinzschachwitz

Auf dem Rückweg erhaschen wir eine besinnliche, romantische Abendstimmung, es scheint unvorstellbar, dass anderswo Krieg herrscht.

Schloss Pillnitz

Hier ist die Übersicht unserer Malerwegwanderung im Juli 2025.

4786

Juli 14, 2025

Klamotten vom Leib

Braune Brühe im Abfluss

Wie neugeboren

4772

Juli 6, 2025

Mittelgebirge!

Die Seele wandern lassen

Das Glück liegt so nah!

[Sebastian Schoepp – Seelenpfade]

4745

Juni 18, 2025

Drei, sechs, neun oder

zwölf Monate wandern, das

ist hier die Frage

4708

Juni 1, 2025

Auf dem Weg Menschen

Die Frau im Backshop lächelt

Vom Frühstück bleibt nichts

4707

Juni 1, 2025

Im Gartencafé

Unter dem Tisch ein Yorkie

Frauchen wandert gern

4706

Juni 1, 2025

Querfeldein zu Fuß

Durch das hohe, feuchte Gras

Guck! Da steht ein Reh!

4705

Juni 1, 2025

Regen klatscht auf uns

Direkt vor uns zuckt ein Blitz

Der Donner, später

4704

Mai 30, 2025

den Vögeln lauschend,

dem Wanderstockgeklapper,

dem Wind, der auffrischt

4679

Mai 21, 2025

Sümpfe statt Gärten

Querfeldein statt auf Straßen

Raus in die Wildnis!

[Henry David Thoreau – Vom Wandern]

4622

Mai 3, 2025

Rundwanderungen

Vor uns: Ende Mai Grimmsteig

Juli Malerweg

4614

April 30, 2025

Aussie-Dickschädel

humpelt nach Santiago

und weiß nicht warum

[Bill Bennett – The Way, My Way]

4612

April 29, 2025

In der Buchhandlung

haut mich heute ein Typ an:

Wozu Landkarten?

4611

April 29, 2025

Wie Torschlusspanik

Viel Zeit liegt nicht mehr vor mir

Muss noch viel Wandern

4597

April 22, 2025

Unter Fußsohlen

Nadelstiche, Madeleines

letzter Wandertour

4595

April 22, 2025

Falsche Galgenfrist

Mit Rucksack durch Nacht streifen

Zurück ins Leben

[Rudolf von WaldenfelsIn die Nacht]

4590

April 20, 2025

Mit dem Rollator

von der Mitte des Waldwegs

dauernd abrutschen

Milseburgweg: 4. Kaltensundheim – Meiningen 24

April 16, 2025

Sonnenbrand geholt
Kalkmagerrasenaussicht
Blindschleichen kreuzen

Ich nehme das Frühstück, bei dem die Sonne bereits auf meinen Teller scheint, heute schon um 7h15 ein: Es liegt die letzte, die längste und nach der Beschreibung die schwerste Etappe vor mir und ich muss um 19h in Meiningen sein, um meinen Zug gen Berlin zu kriegen. Nach meiner Einschätzung ist es auch das einsamste und schönste Teilstück. Es wird vor allem über Wiesen in einer offenen Landschaft mit vielen Aussichten auf die Kuppen der Rhön gehen.

Schon kurz nach 8 bin ich auf der Rolle. Rekord! Es geht gleich bergauf Richtung Leichelberg (656 m), ich spüre meine Arme beim Stockeinsatz, ein mühsamer Start. Oben auf der leicht geneigten Wiese passiere ich einen Modellflugplatz.

Kurz vor Aschenhausen geht es steil bergauf zum jüdischen Friedhof, einige Grabsteine sind schief bzw. umgefallen, die Schrift ist häufig verwittert und unlesbar.

Aschenhausen, jüdischer Friedhof

Ostern spielt hier in vielen Orten eine wichtige Rolle. Die Bäume im eigenen Garten werden häufig mit bemalten Eiern behangen. Als ich in Aschenhausen um die Ecke biege, muss ich zweimal hingucken, um zu realisieren, dass es sich nur um Puppen handelt.

Aschenhausen, Ostern kann kommen!

Aus Aschenhausen raus gibt es einen langgezogenen Anstieg Richtung Diesburg (710 m), die rechts liegen gelassen wird. Feine, hochgeworfene Erdschwaden hüllen einen Trecker ein, der den Acker links oben pflügt. Ich erreiche nun die Hohe Löhr (638 m) mit der größten zusammenhängenden Kalkmagerrasenfläche Deutschlands. Dazwischen vereinzelte Wacholderbüsche, vom Schäfer und seiner Schafherde, die dafür sorgt, dass die Wiesenlandschaft nicht verbuscht, keine Spur. Das Terrain erinnert doch sehr an die Lüneburger Heide, die wir im August 2023 auf dem Heidschnuckenweg durchwandert sind. Von der Panoramaschaukel bietet sich ein bukolisches Bild:

Hohe Löhr

Einige hundert Meter weiter – neben der nächsten Aussichtsbank – hängt ein Eichendorff-Gedicht, das die romantische Stimmung perfekt einfängt:

Aussicht Rhönfrieden, Eichendorff-Gedicht

In Geba ist die schmucke, achteckige evangelische Dorfkirche, die von außen aussieht wie ein großer Pavillon, offen.

Geba, evangelische Kirche

Die Tribüne mit ansteigenden Sitzreihen im Innern ist halbkreisförmig angeordnet.

Geba, Innenraum ev. Kirche

Von hier geht es weiter leicht hinauf zur Hohen Geba (751 m), die von dieser Seite sehr abgeflacht ist. Auf dem Weg wird über mir im Himmel eine Symphonie aufgeführt, die Feldlerchen glucksen als gäbe es kein Morgen.

Sauerkirsche

Auf dem Hang nach Südwesten war früher ein Skilift, von dem nur noch die alte Umlenkscheibe steht; der neue Skilift geht Richtung Südosten nach Träbes.

Hohe Geba, Umlenkscheibe des alten Skilifts

Es geht nun den Wiesenabhang steil hinunter nach Träbes, die Aussicht ist atemberaubend. In Träbes kann ich mich in der Gastwirtschaft kurz erfrischen.

Abstieg Hohe Geba, Blick nach Südosten

Weiter abwärts komme ich an zwei Blindschleichen vorbei, die sich in der Sonne räkeln. Zu meiner Rechten ist das sagenumwobene 27 Meter tiefe Träbeser Loch. Durch Auslaugung in Salz und Gips bildeten sich Hohlräume, die zur Erdoberfläche durchgebrochen sind.

Blindschleiche

In Herpf gibt es zu meinem Glück einen geöffneten Bäcker, wo ich bei Käsebrötchen, Kuchen und Cappuccino Kräfte tanke.

Es geht anschließend zum Buchigkopf (462 m) hinauf, die Sonne brennt runter, ich komme gut ins Schwitzen. An den Oberarmen kriege ich einen Sonnenbrand. Erst gehe ich auf sehr angenehmem, mit Nadeln übersätem, weichen Waldboden voller flacher Fichtenwurzeln. Dann wird der Weg ausgewaschen und steinig, ich bin nun in einem Buchenwald.

Am Wegrand immer wieder bunt blühende Wildblumen. Zudem begleiten mich Schmetterlinge, neben dem Zitronenfalter sind es Pfauenauge und kleiner Kohlweißling.

Gedenkemein

Gegen Ende komme ich am Bielstein zum Diezhäuschen, von dem man eine schöne Sicht auf die Kreisstadt Meiningen mit ihren vielen klassizistischen Bauten und ihren Parks sowie die Werra hat.

Blick vom Diezhäuschen auf Meiningen
Meiningen, Staatstheater
Meiningen, Henneberger Haus

Ich nehme noch einen Eiskaffee und eine Eisschokolade gegenüber vom Theatermuseum ein und spaziere, als es sich zuzuziehen droht, über Schlosspark und Englischen Garten zum Bahnhof, wo ich später den Regionalzug nach Erfurt nehme.

Meiningen, Großer Teich im Englischen Garten

In Erfurt ist aufgrund einer Störung im Stellwerk des Güterbahnhofs erstmal Schluss. Ich übernachte – ohne viel Schlaf zu bekommen – im Intercityhotel und nehme am nächsten Morgen um 6h28 den ICE nach Berlin, in dem ich das jetzt hier schreibe. Es sieht so aus, als könnte ich es bis um neun ins Büro schaffen.

Hier ist der Überblick über meine Wanderung auf dem Milseburgweg von Fulda nach Meiningen im April 2025.

Milseburgweg: 3. Findlos – Kaltensundheim 18

April 15, 2025

Auf saftiger Wiese
Hangabwärts bei Sonnenschein
Eins mit dem Kosmos

Nach einem einfachen, ausreichenden Frühstück verlasse ich gegen 9 die Pension. Draußen ist es bewölkt und noch etwas frisch, spätestens beim Aufstieg zum Battenstein wird mir jedoch warm. Heute am 3. Tag geht es mich. Anstrengung verspüre ich so gut wie keine, ich bin auf dem Fernwanderweg angekommen. Meine Bildausbeute ist relativ schmal, viele der Aussichten nicht verwendbar, da die Handykamera zu schlecht ist, aber auch das deutet darauf hin, dass das Hadern vorbei ist und ich mit mir und meiner Umwelt eins bin.

Mir fallen heute gleich am Anfang die vielen Vogelstimmen auf, die fast den ganzen Tag mit ihrem Gesang eine schöne Hintergrundkulisse darstellen. Ich höre u.a. Kohlmeise, Buchfink, Feldlerche, Sommergoldhähnchen und Mönchsgrasmücke. Es geht auf einem steilen Kreuzweg auf Steinstufen den Berg hoch zu der Wallfahrtskapelle St. Maria auf dem Battenstein. Im Hintergrund hämmert ein Specht. Hinter der Kapelle im Arme-Seelen-Häuschen ist eine barock-bunte, naive Darstellung des Fegefeuers zu bewundern, die mich eher zum Lächeln bringt, als dass sie mir Angst einflößt.

Battenstein (652 m), Arme-Seelen-Häuschen

Im Süden ist der langgezogene Höhenzug der Wasserkuppe auszumachen, prägnanter ist allerdings der Blick zurück auf die Milseburg rechts im Westen.

Blick auf Milseburg

Die Sonne kommt nun raus und es geht weiter inmitten saftig-grüner Wiesen hinauf zum Buchschirmberg (746 m). Auf Mikes Weitblickbank genieße ich nochmal das Panorama mit den beiden bekanntesten Rhönbergen. Der Weg verläuft nun auf dem Kamm an dem Funkturm vorbei. Hier ist es etwas windig, aber die schöne Aussicht nach rechts entschädigt dafür mehr als genug.

Schlehe

Weiter geht es in den Fichtenwald auf einem breiten Forstweg. Plötzlich taucht wie aus dem Nichts eine geöffnete Schranke vor mir auf. Ich überquere die alte innerdeutsche Grenze von Hessen nach Thüringen, die sich quasi in Luft aufgelöst hat.

MSG Rhönwald: Alte Grenze

Ich muss leider feststellen, dass beide Gasthäuser auf dem Weg, die unweit des baumlosen, langgezogenen Ellenbogen liegen, geschlossen sind. Das Thüringer Rhönhäuschen hat Montag/Dienstag Ruhetag, das langgestreckte Berghotel Eisenacher Haus sucht einen Pächter.

Kurz vor dem Parkplatz am Ellenbogen sind mehrere Infotafeln, u.a. eine Karte des Hochrhöners, eines 138 km langen Fernwanderwegs von Bad Salzungen nach Bad Kissingen, der die Rhön von Nord nach Süd durchquert und auf den ich schon an der Milseburg getroffen war. Das könnte ein Zukunftsprojekt sein, gut in einer Woche zu schaffen.

Hochrhöner

Auf dem Ellenbogen gibt es eine Aussichtsplattform mit einer Rutsche, die die kleinen Mädchen, die mich beim Aufstieg überholen, mit großer Freude hinunterrutschen. Hier finde ich auch einen Essensautomaten, wo ich mich notdürftig verpflege.

Ellenbogen (814 m)

Weiter geht es auf einem parkähnlichen Gelände mit frei stehenden, weit ausladenden Tannen; der anschließende Baumwurzelpfad, der in einen leicht abschüssigen Fichtenwald führt, ist herrlich weich und ein Balsam für meine Füße.

Plötzlich öffnet sich rechts der Wald und lässt den Blick frei auf wellige Wiesen. Etwas später habe ich, als ich den Wiesenabhang hinabgehe, auf einmal ein riesiges Glücksgefühl, als wäre ich angekommen, als müsste ich nicht mehr weiter. Die Sonne scheint zwischen den Cumuluswolken durch, die saftigen, um mich herum abfallenden Wiesen sind grüner als grün, ich bin on top of the world, am Horizont die Kuppen der Rhön, unten kleine Ansiedlungen mit Häusern wie aus Legosteinen, kein Mensch weit und breit, die Welt gehört mir ganz allein.

In der Nähe des Hemschenbergs (614 m)

Auf einer breiten Piste, auf der mir ein grüßender Motorradfahrer entgegenkommt, geht es hinunter in meinen heutigen Zielort, Kaltensundheim. Mein Hotel hat montags Ruhetag, ich verköstige mich daher in der Metzgerei um die Ecke. Mein Menü besteht aus Soljanka, einem Schaschlikspieß, 2 Brötchen, Weißkrautsalat und einem großen, gemischten Softeis.

Hier ist der Überblick über meine Wanderung auf dem Milseburgweg von Fulda nach Meiningen im April 2025.

Milseburgweg: 2. Maulkuppe – Findlos 18

April 14, 2025

Wolken und Sonne
Hinauf, du müder Recke!
Der Flow ein Tunnel

Morgens schmerzen die eingerosteten Glieder, der erste Wandertag hat seine Spuren hinterlassen. Beim Frühstück bin ich wieder umringt von Gruppen, die zu früher Stunde schon ausgiebig untereinander kommunizieren. Eine Frau erzählt von einem sechswöchigen Segeltörn vom IJssel- zum Mittelmeer.

Draußen weht hier oben auf dem Kamm eine steife Brise, über der Wasserkuppe (950 m) türmen sich die Wolken. Mit meinem kurzen Hemd könnte ich als Optimist gelten.

Fuldaer Haus, Blick zur Wasserkuppe

Vor mir liegt die Milseburg (835 m), die ich fast vollständig umrunden werde, bevor ich sie besteige. Erst geht es ein Stück bergab, dann einen schönen Forstweg entlang.

Milseburg

Am Wegesrand liegt eine kleine Schutzhütte, von der ich mir vorstellen kann, dass sie dem Wanderer bei Regen und Unwetter wilkommenen Unterschlupf bieten kann. Hiervon kommen später noch mehr.

Schutzhütte

Zwischen noch kahlen Laubbäumen (Buchen?) schraube ich mich den Weg hinauf. Die Bäume ächzen im Wind. Mir wird so langsam wärmer.

Hinauf!

Ich überquere nun den bis zu zwölf Meter mächtigen Ringwall. Hier wurden in der Urnenfelderzeit vor 3000 Jahren Terrassen errichtet.

Ringwall der Milseburg

Ich komme an einer von fünf Quellen vorbei, die heute nur noch versickert. Vor mir erhebt sich die Milseburg, ein imposanter Basaltfelsen, auch Perle der Rhön genannt.

Milseburg

Nachdem ich mich in der Milseburgstube noch vor 12 mit einem Salat gestärkt habe – es gibt heute sonst keine andere Einkehrmöglichkeit auf dem Weg – geht es nun das letzte steile, steinige Teilstück hinauf. Plötzlich bin ich nicht mehr alleine, die Leute kommen von allen Seiten.

Kurz vor dem Gipfel der Milseburg

Man erzählt sich die Geschichte vom Riesen Mils, der nicht wollte, dass sich die Menschen taufen ließen. Sankt Gangolf und seine Ritter versuchten, ihn zu bezwingen, ein geiziger Bauer wollte für die Nutzung seiner Quelle von ihnen jedoch Unsummen. Daraufhin nahm Gangolf mit seinem Helm Wasser aus der Quelle und schüttete es an einer anderen Stelle auf den Boden, wo eine neue Quelle sprudelte, der Gangolfsbrunnen. Die Ritter labten sich am Wasser und besiegten den Riesen.

Sankt Gangolf

Ich kraxele auf großen Basaltsteinen auf den Gipfel mit Gipfelkreuz und runder Richtungs- und Entfernungstafel. Hier ist es sehr windig und unwirtlich. Im Südosten sieht man in der Ferne den langgestreckten Höhenzug der Wasserkuppe (950 m) mit der Wetterstationskugel. Segelflieger sind nicht auszumachen.

Blick von unterhalb der Milseburg zur Wasserkuppe

Kaum bin ich wieder unten im Wald auf meinem Weg, sind alle Menschen, die gerade noch herumschwirrten, spurlos verschwunden. Nach einer kurzen Trinkpause komme ich bald in einen Flow, der etwaige Fußschmerzen übertünchen hilft. An einer Stelle sollte es plötzlich nach links weglos in den Wald gehen. Natürlich verpasse ich im Tran diesen Abzweig und darf eine Extrahin- und – rückrunde drehen. Etwas später am Ausgang eines Weilers revanchiere ich mich und nehme einen Shortcut über eine ansteigende Wiese und ein Wäldchen.

Die Monotonie des langsamen Dahinwanderns wird immer wieder unterbrochen durch winzige Highlights wie das Gezwitscher einer Blaumeise, den säuselnden bzw. crescendomäßig anschwellenden Wind, das Dröhnen von Flugzeugen, Hubschrauberrotoren, Autos in der Ferne, Radfahrer, die mich überholen etc.

Blaumeise

An einer Viehtränke mache ich noch ein Päuschen und trinke fast in einem Schluck 1 Liter Wasser. Danach sind die Füße nicht mehr ganz so schwer. Trotzdem bin ich bald wieder durstig. Der Wasserbedarf ist immens beim Wandern, allerdings dehydiere ich schnell, da der Durst sich immer erst sehr spät bemerkbar macht.

Wasserkuppe

Die heutige Etappe – ich sage mir, dass der 2. Wandertag immer der Schlimmste ist – endet endlich in Findlos, wo ich kurz davor bin, den Schlüsselsafe zu öffnen, als die Pensionsbesitzerin auftaucht und mich reinlässt. Heute ist Ruhetag, ich bestell mir mein indisches Hühnchengericht nebst Salat und Mango-Lassi bei einem Lieferdienst im 3 km entfernten Nachbarort und esse in meinem Blaumeisenzimmer vor 18 Uhr, ein Rekord auf der Wanderung.

Hier ist der Überblick über meine Wanderung auf dem Milseburgweg von Fulda nach Meiningen im April 2025.

4578

April 13, 2025

Erinnerungen

an schlimm schmerzende Füße

auf dem Weg lassen

4577

April 13, 2025

Das Wandern genau

wie das Leben, man weiß nicht,

wieso man es tut

4576

April 13, 2025

Auf der Bank notiert

Die Gedanken bekommen

beim Gehen Flügel

Milseburgweg, Anfahrt: Niederhöchstadt – Fulda

April 12, 2025

Schwimmen statt Sauna
so nett sein, wie man aussieht
Fast-Vollmond mit Hof

Nach einem recht vollgepackten Arbeitstag im Home Office im Arbeitszimmer im Vordertaunus gehe ich gegen halb fünf los zur S-Bahnstation in Niederhöchstadt. Die Sonne scheint, die Temperaturen sind frühlingshaft, es blüht überall.

Am Bahnsteig futtere ich zwei Käsebrote, es ist eigentlich etwas früh fürs Abendbrot, aber nach der letzten Fastenwanderung vor 2 Monaten ziehe ich mein Intervallfasten durch. Die S-Bahn verspätet sich ein paar Minuten, was aber überhaupt nichts ausmacht, weil der ICE nach Sachsen, den ich in Frankfurt besteige, synchron dazu mit Verspätung eintrifft. Der Zug ist rammelvoll wie das freitagsnachmittags so ist. Ich ergattere einen Platz außen an einem Vierertisch gegen die Fahrtrichtung. Die meisten Reisenden wischen auf ihren Schmartfons herum bzw. gucken darauf Videos, die ältere Dame neben mir am Fenster sitzt etwas gekrümmt da, indem sie den Kopf auf ihre linke Hand stützt und mich mustert. Ein Gespräch kommt nicht zustande. Der Zug verspätet sich noch weiter und kommt eine gute Viertelstunde gegen halb sieben in Fulda an.

In Fulda gehe ich vom Bahnhof in die historische Altstadt, direkt am Ausgang spricht mich ein junger Mann an:

Hallo, Sie sind sicher genauso nett, wie Sie aussehen!

Er ist engagiert in einer Friedensinitiative, was ich dem unweit gelegenen Stand entnehme. Lustiger Bursche, der mich später, als ich erneut passiere, wieder anspricht, ob ich mich vorbeischummeln möchte. Aber ja doch!

Mein Hotel liegt unweit des Schlosses in einer Gasse mit Kopfsteinpflaster; das Zimmerchen ist klein, hat aber einen Blick auf die Domtürme. Ich mache mich auf zum Stadtbad hinter dem Bahnhof, wo sich herausstellt, dass die Sauna heute den Gästen des nahegelegenen Luxushotels – nicht meins – vorbehalten ist. Ich disponiere spontan um und kaufe mir eine Eintrittskarte für das Schwimmbad. Hier ist ganz gut Betrieb. Etwa die Hälfte der Bahnen ist für Sportschwimmer reserviert, die dort meist kraulend ihre Bahnen ziehen. Im öffentlichen Bereich tummeln sich ältere Herrschaften. Ich schwimme nun rund 42 Bahnen à 25 Meter und komme nahezu in einen Flow, werde allerdings mehrfach vertrieben, da zum einen neue Bahnen für junge Amateure aufgemacht werden und zum anderen eine Wassergymnastikgruppe einen großen Teil des Beckens beansprucht. Das Wasser ist übrigens überall nur 1,20 m tief, beim Köpper sollte man also nicht zu tief eintauchen. Auf diese Art muss auch wesentlich weniger Wassermasse erwärmt werden, was den Energieverbrauch verringert.

Nach der Dusche ziehe ich mich um und dackele wieder zurück in die Innenstadt, es ist nun dunkel geworden, der Mond, dem links noch ein itzebisschen zur vollständigen Rundheit fehlt, hat einen Vorhof, auch Halo genannt. Der taucht ihn in ein milchiges Licht, welches ihm eine mystische Aura gibt. Ich mag das. Die Magnolie hinterm Bahnhof fängt langsam an, ihre Blütenpracht abzuwerfen.

An der Hauptwache gegenüber vom Schloss ist eine kubanische Cocktailbar, wo man draußen auf der Terrasse sitzen kann. Es ist frühlings-, fast schon sommerhaft, ich schlürfe zwei Weißbier vom Fass und genieße die Stimmung. Das Lokal ist sehr gut besucht, die Jugend des Ortes trifft sich hier. Das Foto habe ich von meinem Terrassenplatz aus aufgenommen.

Kurz vor zehn verziehe ich mich in mein Zimmerchen, langweile mich zu Tode bei den Tagesthemen, wo es um Rückweisungen von Migranten geht. Wie dieses Thema juristisch bis in alle Details durchdekliniert wird, geht mir in seiner Verlogenheit zunehmend auf die Nerven.

A propos Migranten. Im ICE saß einer zwischen den Waggons vor der Ausgangstür, hatte aber keine gültige Fahrkarte – das Deutschlandticket, das er vergünstigt bekommt, reicht hier nicht – was jedoch geduldet wurde. Allerdings sagte ihm die Kontrolleurin, dass das doch ziemlich unverschämt sei. Ich wage zu bezweifeln, dass das ein Einzelfall war. Und trotzdem sind das arme Schlucker. Aber etwas weniger Schmarotzertum und etwas mehr Unrechtsbewusstsein kann man schon von ihm verlangen. Es sind auch solche Typen, denen wir zu „verdanken“ haben, dass die AfD inzwischen mit die stärkste Partei in Deutschland ist.

Fulda, barocke Altstadt

Hier ist der Überblick über meine Wanderung auf dem Milseburgweg von Fulda nach Meiningen im April 2025.

4565

April 6, 2025

Blicke auf Freiturm

Eschborn*, Schwalbach, Neuenhain

Mammolshain, Kronthal

[*E-Niederhöchstadt]

Blick von Mammolshain
Blick von Kronthal

4564

April 6, 2025

Weißes Blütenmeer

Kirsche, Apfel und Weißdorn

9 Km-Runde

[Mammolshain]

4514

März 21, 2025

Sonore Stimme

Warum geht er an Straßen?

Plötzlich war er weg

[Wolfgang Büscher liest aus Der Weg bei Ferlemann & Schatzer]

Jakobsweg, 17.2. Enkheim – Niederhöchstadt 20

Februar 18, 2025

Wintersonne pur
Durch die Außenbezirke
Westerbachplätschern

Heute erwartet mich die letzte Etappe durch Frankfurt nach Hause, wobei ich die nördlichen Stadtteile durchquere. Draußen herrscht herrlichster Sonnenschein bei klirrender Kälte, ohne Handschuhe geht es heute nicht.

Da es keine Jakobswegroute gibt, benutze ich Maps, dessen Zickzack ich blind wie ein Roboter folge. Um Akku zu sparen, merke ich mir die nächste Abzweigung und gucke erst wieder aufs Handy bei der nächsten Seitenstraße danach. Das funktioniert ganz gut.

Zuerst geht es durch das Gewerbe-/Industriegebiet in Enkheim an einer Grünanlage entlang leicht ansteigend nach Alt-Seckbach, wo es noch einzelne Fachwerkhäuser gibt und ich aus einem Bücherschrank das schmale Büchlein Meine wunderbaren Jahre von Reiner Kunze ziehe, das 1976 in kurzen Texten von Diktaturerfahrungen in der DDR berichtet. Sicherlich eine lohnenswerte Lektüre für die Schar der Ewiggestrigen, die gerade immer größer wird.

Frankfurt-Seckbach

Es geht nun weiter hoch durch ein Wäldchen hinter dem der Huthpark – ein kurz vor dem 1. Weltkrieg angelegter Stadtpark – liegt.

Frankfurt-Seckbach, Huthpark

Zwei lange Fußgängerbrücken führen über die Friedberger Landstraße und die A671 (Oberursel – Egelsbach 40 km). Von der zweiten Brücke habe ich eine gute Sicht auf die Bankenskyline zwischen EZB-Gebäude ganz links – leider nicht auf dem Foto – und Fernsehturm ganz rechts in Verlängerung der Brücke – leider auch nicht auf dem Foto – neben dem die Zentrale der Bundesbank liegt. Das private Finanzgeschäft wird eingerahmt von den beiden Zentralbanken, die für den Treibstoff des Systems, die nötige Geldversorgung sorgen.

Frankfurt-Seckbach, Skyline

Ich gehe nun auf dem Marbachweg in Richtung des Fernsehturms an einem Friedhof vorbei gen Dornbusch. An einer Bushaltestelle mache ich eine Trinkpause, die ersten 6 km sind geschafft. Mehrere Rettungswagen mit Blaulicht und durchdringendem Martinshorn rasen vorbei.

Frankfurt-Eckenheim

Ich passiere nun eine weitere Grünanlage, in der mir zwei junge Pärchen auffallen, die auf Bänken in der Sonne sitzen: sie jeweils auf seinem Schoß. Űber die Hügelstraße geht es am alten Friedhof vorbei nach Ginnheim. Von hier unter der Bahn und der Rosa-Luxemburg-Straße durch erreiche ich die Nidda, der ich eine Weile durch den Niddapark folge.

Da wo die Nidda nach Süden abbiegt, überquere ich sie nach Praunheim, wo Sitzbänke Fehlanzeige sind, es sind Steine in einem Kreisverkehr aufgeschichtet, es steht auch eine Tafel da, aber keine Bank weit und breit. Rastende Vagabunden wie ich sind offensichtlich unerwünscht. Ich komme an einer größeren Krankenhausanlage vorbei.

Nun geht es gen A5. Ich werfe einen Blick zurück zur Skyline, die ich nördlich des TV-Turms umrundet habe. In einem Sandhaufen stochern zwei Kanadagänse. Jetzt geht es unter der A5 durch. Drei Elstern flüchten vor mir ins Gebüsch.

Ein Blick nach Westen macht mir klar, dass der Berg links neben dem Großen Feldberg, den ich gestern morgen gesehen hatte, wie insgeheim gehofft doch tatsächlich der Altkönig war, der Kronberger – und damit fast unser – Hausberg.

Nun geht es einen bis zum Horizont schnurgeraden Wirtschaftsweg nach Süden, 200 m vor mir über eine längere Strecke eine junge Frau mit Kinderwagen. Plötzlich eine Bank! Ich trinke meine Säfte auf. Der Wind ist eisig kalt. Über Eschborn komme ich zum Westerbach, folge ihm am Komplex der Heinrich-Kleist-Schule vorbei, lausche dem Rauschen des Baches und bin kurz vor halb drei zuhause.

Niederhöchstadt, zuhause
Niederhöchstadt, Schneeglöckchen

Dort lege ich mich erst einmal für eine halbe Stunde zur Siesta aufs Sofa bevor ich heißes Wasser in die Badewanne einlasse und mich die nächsten zwei Stunden der Lektüre des gestern in Enkheim gefundenen Spiegel widme.

P. S. Die Waage am nächsten Morgen nach elf Tagen Fasten zeigt 88 kg an, ein Gewichtsverlust von rund 9 kg. Davon ist allerdings einiges Flüssigkeit und den momentan nicht vorhandenen Darminhalt sollte man auch einrechnen. Aber es waren dann doch gut 600 g netto, die ich pro Tag bei der Fastenwanderung verloren habe. Ich bin zufrieden mit dem Ergebnis. Der erste Apfel kann geviertelt werden.

Hier ist der Überblick über meine Wanderung auf dem Jakobsweg von Vacha nach Niederhöchstadt im Februar 2025.

Jakobsweg 16.2. Ravolzhausen – Enkheim 22

Februar 17, 2025

Tee auf Reiterhof
Zwischen Spessart und Taunus
Skyline vor Sonne

Ich schlafe diese Nacht phantastisch, genieße das Doppelbett mit der großen Decke. Morgens reibe ich mir den Sand aus den Augen, liege tiefenentspannt auf dem Rücken, mit körpereigenem Melatonin vollgepumpt. Erst um 6h20 mache ich das Licht an zum Schreiben, ein Rekord.

Da ich viel Zeit habe heute morgen – ich treffe meine Kusine im Nachbarort erst kurz vor elf – leiste ich mir eine Darmreinigung in Form eines Einlaufs. Danach fühle ich mich entspannter und bin de facto nochmal leichter.

Im Bad kommt mir eine einfache, aber gute Idee. Die Flaschen fülle ich ab sofort mit heißem Wasser. Was den Vorteil hat, dass es draußen in der Kälte nicht so schnell eisig wird, also gut trinkbar bleibt. Meine Güte, auf die einfachsten Dinge kommt man oft so spät.

Im Hotel kocht mir die Fachkraft zwei grüne Tee und ich versuche, die verschiedenen Obstsorten aus dem Multivitaminsaft rauszuschmecken. Ananas ist ganz weit vorne, Pfirsich auch klar, Passionsfrucht eher im Hintergrund etc.

Draußen ist es mit – 4 Grad knackig kalt und der Weg führt mich zwischen den Feldern entlang. Nach kurzer Zeit sehe ich das Ziel der Wanderung – zumindest von der Richtung her – den großen Feldberg mit dem Funkturm. Ich mag es, zu wissen, wo es hingeht und konkret zu sehen, wie weit es etwa ist bzw. scheint. Das Ziel vor Augen zu haben. Ein ganzes Stück links südwestlich vom Großen Feldberg ist ein anderer Berg, der fast genauso hoch erscheint. Er scheint mir optisch zu weit vom Großen weg zu sein, als dass es der Kleine sein könnte, der ja nicht einmal 1 km vom Großen weg ist, aber welcher Berg soll das sonst sein?

Hinter Ravolzhausen, Taunusblick

Auf einem flachen, schnurgeraden, neu asphaltierten Weg treffe ich einge Sonntagsmorgenspaziergänger, die alle nett grüßen.

Ich laufe nun in Oberissigheim bei meiner Kusine A. ein, die gerade noch Reitunterricht gibt. Selbst bei dieser Kälte sind Ferienkinder da. Es ist Springerwochenende, im Sinne von Reitspringen. Der Laden läuft. M., die gute Seele des Hauses, nimmt mich in Empfang und setzt mir einen grünen Tee auf. A. kommt wenig später und wir tauschen uns ein gutes Stündchen über meine Wanderung, den Hof und die Familie aus. Der Hof hat sich wirklich äußerlich seit den frühen Siebzigern, wo ich einmal als Ferienkind im Sommer für mehrere Wochen hier war, kaum verändert. C., Urgestein und früher die Reitlehrerin, stößt auch noch zu uns. Wir freuen uns alle schon auf das demnächst bevorstehende Familienfest.

Nach dieser willkommenen Abwechslung geht es weiter zwischen Äckern entlang, in der Ferne sehe ich erst das neue, etwas separat stehende, auffällige EZB-Hauptgebäude und danach die Bankenskyline rechts davon. Ich erreiche nun Bruchköbel, das wie viele Ort hier im Kern von Fachwerkhäusern dominiert wird. Die Jakobuskirche soll zwar eine offene Kirche sein, ist aber leider zu und das Schokolädchen gegenüber, wo der Schlüssel liegt, heute am Sonntag auch geschlossen.

Bruchköbel, altes Rathaus und Jakobuskirche

Aus Bruchköbel raus geht es mal wieder unter der A66 durch, aber das ist eigentlich das einzige kurze Stück der heutigen Etappe, das nicht naturnah bzw. unwirtlich ist. Das war auf den zwei vorangehenden Etappen anders gewesen.

In dem nächsten Ort Mittelbuchen gibt es einen mittelalterlichen Rundturm und ein historisches Stadttor mit einem Fachwerkhäuschen obendrauf.

Mittelbuchen, Turm und Stadttor

Weiter gehe ich auf einem Fuß-/Radweg nach Wachenbuchen, wo ich auf einer Bank meine Mittagspause mit Rote Bete Saft, der mir jetzt nach Pellkartoffeln zu schmecken scheint und KiBa, wie A. sagt, mache.

in Wachenbuchen ist der Kirchraum zwar zu, aber zumindest der Vorraum geöffnet, sodass man sich bei Regen unterstellen könnte. Ich mag die Zwischenstationen in den Kirchen, die mich als unsteten Wanderer zur Ruhe kommen lassen und meiner Seele gut tun. Es gibt auch oft etwas zu Entdecken.

Wachenbuchen, Fachwerk

Zwischen Äckern geht es nun hinauf zum Hühnerberg mit Sicht zum Spessart und dem Kraftwerk Großkrotzenburg. Oben ist eine rote Bank –  die Leseecke – wo ich mich niederlasse. Ich bin nun auf der Hohen Straße, dem Handelsweg zwischen Leipzig und Frankfurt. Dies ist insbes. am Sonntag eine beliebte Radstrecke. Die Rennradler flitzen an mir im Minutenabstand vorbei.

Hohe Straße, Leseecke

Die Hohe Straße ist hier eine Art Kammweg, man kann gleichzeitig links den Spessart und rechts den Taunus erblicken. Es kommt nun die Sonne raus, das Wetter ist ähnlich gut wie am ersten Wandertag auf der Etappe von Vacha nach Geisa.

Ich erreiche die Hohe Lohe, wo recht sinnbefreit und mit Amtsdeutsch verbrämt zwei Stelenreihen aus Beton hingepflanzt worden sind.

Hohe Lohe, „Verknüpfung mit Regionalparkrouten im Vordertaunus und Mainuferweg“

Der Weg zieht sich nun ein wenig und ich komme in Bergen an, wo ich ein Stück auf einem höhergelegenen Pfad hinter Buschwerk, das die Sicht nach Frankfurt verschleiert, gehe. Hier mache ich einen winzigen Abstecher zum unspektakulären Stadtschreiberhaus, wo die Rollos runter sind. Der bzw. die aktuell hier residierende Literat(in) scheint gerade nicht da zu sein.

Bergen, Stadtschreiberhaus
Bergen, Liste der Stadtschreiber

Auch in Bergen ist die ev. Kirche verrammelt, aber zumindest liegt sie schön in der Abendsonne hinter der Stadtmauer.

Bergen, ev. Kirche

Von Bergen, das sich von Enkheim, dem zweiten Ortsteil von Bergen-Enkheim dadurch auszeichnet, dass es ein gutes Stück höher liegt, hat man eine schöne Aussicht – so heißt auch ein Lokal – auf die City.

Bergen, Frankfurter Skyline

Mein Hotel ist im Gewerbegebiet von Enkheim, zu dem ich auf schmalen Pfaden hinabsteige. Die vorletzte Etappe ist geschafft. Ich lasse mich auf die Couch in meinem komfortablen Einzelzimmer fallen.

Hier ist der Überblick über meine Wanderung auf dem Jakobsweg von Vacha nach Niederhöchstadt im Februar 2025.

Jakobsweg 14.2. Steinau – Gelnhausen 29

Februar 15, 2025

Salziges Wasser
Zickzack um die Autobahn
Demo auf Marktplatz

Heute steht die mit knapp 30 km längste Etappe auf dem Programm. Was ich noch nicht weiß, es wird auch die bis jetzt Ödeste insbesondere in der 2. Hälfte, wo es lange Strecken an der A66 langgeht, um sie herummäandert, also auch noch länger ist als die Autobahn.

Ich komme morgens nur langsam in die Pötte, schreibe lange am Tagebuch, spüre aufgrund der Fettverbrennung in der Dusche eine gewisse Kurzatmigkeit. Es gibt  vor der Zimmertür neben dem Kühlschrank mit freien Getränken, zu denen man einen Obolus leisten kann, einen Wasserkocher. Ich gieße mir zwei Pötte grünen Tee auf, der peu à peu meine Lebensgeister weckt.

Gegen 8h20 verabschiede ich mich von meiner Gastgeberin und trete hinaus. Jeden Tag verliere ich ca. 1 Pfund, entsprechend leichter fühle ich mich.

Steinau an der Straße

Ich mache mir Gedanken über die Zeit nach dem Fasten, es ist ja bekannt, dass jeder fasten kann, aber nur wenige fasten brechen können. Ich visiere nach dem Ausgleichstag langfristig ein 14:10 Intervallfasten an, d. h. 14 Stunden am Tag fasten und 10 Stunden, in denen ich essen darf. Dabei wird sich das Fasten vom späten Nachmittag bzw. Abend bis zum Vormittag hinziehen. Es werden wohl zwei leicht verschiedene Regimes, je nachdem, ob ich im Home Office oder in Berlin bin.

Aus dem Ort heraus gehend, komme ich schnell zur Kinzig, der ich flussabwärts folge. Ich komme auf den Radweg nach Bad Soden. Er geht schnurgeradeaus und ist asphaltiert, ist also nicht sehr schön zu gehen, aber ich komme flott vorwärts. Hier fängt es an, ein bisschen zu hageln. Rechts neben mir sehe ich seltsam verlaufende und versickernde Wasserläufe, es handelt sich um den Anfang der Kinzigtalsperre. Nach einer Weile sehe ich eine lustige Holzkapsel vor mir, in die man hineinsteigen kann. Drinnen gibt es ein Fernglas, mit dem man die verschiedenen Entenarten beobachten kann. Leider ist diese Station fehlkonstruiert. Die Bank ist zu weit vom Fernglas entfernt, so dass man nicht gleichzeitig sitzen und gucken kann. Ich muss mich fast hinhocken, um das schwere Fernglas in eine Position zu bekommen, so dass ich die Enten sehe. Da wurden mal wieder öffentliche Gelder nicht optimal eingesetzt.

Kinzigtalsperre, Vogelbeobachtungskapsel
Kinzigtalsperre, Vogelbeobachtungskapsel innen

Auf dem Radweg tippele ich über eine Stunde lang und treffe zwei Spaziergänger bevor ich die Kinzig überschreite und die Kinzigbahnstrecke sowie die A66 das 1. Mal unterquere. Ich bin jetzt in Bad Soden und komme direkt am Pavillon der Pacificus-Quelle raus. Diese Quelle ist mit über 8 g H2CO3 auf den Liter angeblich die kohlensäurehaltigste Quelle Deutschlands. Was mich allerdings noch mehr verblüfft, das Wasser enthält 44 g Salz auf den Liter, also 4,4%. Zum Vergleich in der Nordsee beträgt der Salzgehalt 3,5%. Mit anderen Worten dieses „Heilwasser“ ist in seiner Ursprungsform untrinkbar. Aber zum Baden sicher wunderbar.

Bad Soden-Salmünster, Pacificus-Pavillon

Von hier geht es den Heilquellenweg den Stolzenberg hoch über einen Kreuzweg – ein ehemaliger Friedhof – zur geschlossenen Laurentiuskirche. Unten gehe ich in eine Bäckerei mit angeschlossenem Cafe und trinke einen grünen Tee sowie eine Cola ohne Zucker. Beim Lesen der Nachrichten verschlägt es mir die Sprache. Die USA agieren wie Cowboys im Wilden Westen und lassen Europa fallen wie eine heiße Kartoffel, das Regime macht Ernst und versucht nebenbei noch die eigene schwer angeschlagene Demokratie zu exportieren. Als hohle Worte von Wichtigtuern kann man das jetzt kaum noch abtun. Ich denke jetzt hilft nur eins und zwar ein einiges, starkes, kühl und besonnen agierendes Europa, das ich aber leider momentan nicht sehe. Ungewisse Zeiten stehen uns bevor.

Now for something else. Ich gehe an der Salz (!) entlang raus aus Bad Soden, verpasse in Gedanken einen Abzweig nach Salmünster und gehe dann einen Forstweg hoch zu einem sich drehenden (!) Windrad hin. Nun geht es hinunter und was sehe ich links von mir? Ein Schaf, das für mich auf den 1. Blick aussieht wie ein Rhönschaf. Auf den 2. dann doch nicht, es hat schwarze Beine.

Neudorf, doch kein Rhönschaf

Ich erreiche nun Wächtersbach, dass ich einmal komplett durchquere. In der 2. Hälfte liegt die Altstadt mit Schloss und Fachwerkhäusern. Die evangelische Kirche ist zu.

Wächtersbach, Schloss
Wächtersbach

Hinaus geht es über Ausfallstraßen und ein Gewerbegebiet, das Muster wiederholt sich. Ich bin trotzdem bester Dinge, quietschfidel, die Füße fliegen nur so dahin. Ich laufe nun rechts der Autobahn, deren Rauschen mich nicht stört, ich höre ein hochinteressantes Interview mit der Schriftstellerin Rachel Cusk und ihrem Mann. Rechts von mir ist eine überschwemmte Wiese, auf der ich plötzlich zwei dahinstaksende Störche entdecke. Dem Vorderen bin ich schon zu nah und er entschwebt bald nach weiter hinten.

Westlich von Wächtersbach, Störche

Ein lohnenswerter Abstecher von der A66-Parallelstrecke ist Wichtheim. Die von Katholiken und Protestanten gemeinsam genutzte Simultankirche ist auf und ich erfreue mich an den lichtdurchlässigen Kirchenfenstern mit roten Einsprengseln. Außerdem hat Wichtheim noch ein Schlösschen zu bieten, das ähnlich aussieht wie das in Wächtersbach, nur viel kleiner ist.

Wichtheim, Kirchenfenster

Nachdem es noch ein Stück eingezwängt zwischen Kinzigbahn und Autobahn weitergeht, komme ich nach Haitz und dann zu meinem Etappenziel dem schmucken Fachwerkort Gelnhausen. Am Markt wird mit Musik für Demokratie und Klimaschutz demonstriert, viele sind bei den frostigen Temperaturen allerdings nicht gekommen.

Gelnhausen, Markt

Mein Hotel, in dem es sehr nach griechischer Küche duftet, liegt direkt neben dem Geburtshaus von Philipp Reis, dem zentralen Wegbereiter des Telefons, ohne den ich diesen Eintrag nicht hätte ins Handy tippen können. Danke nachträglich.

Gelnhausen, Geburtshaus von Philipp Reis

Hier ist der Überblick über meine Wanderung auf dem Jakobsweg von Vacha nach Niederhöchstadt im Februar 2025.

Jakobsweg 13.2.25 Flieden-Rückers – Steinau an der Straße 18

Februar 14, 2025

Dicke Schneeflocken
Rehe springen wie Flummis
Märchenkinderzeit

Die Nacht ist wie meistens nur mittelprächtig, ich wache früh gegen 4 auf, liege ein Stündchen wach und schreibe dann mein Tagebuch ins Smartphone. Beim „Frühstück“ zwinge ich mich, ein Liter Wasser vorweg zu trinken. Trotzdem habe ich später auf der Strecke bald eine trockene Kehle und lasse kaum Wasser. Erst nach der Ankunft, nachdem ich mich ins Bett gelegt habe, muss ich dann ca. alle 20 Minuten. Während der Wanderung wird das Wasser anscheinend im System zur Spülung gebraucht, danach kann es ausgeschieden werden. Ich schwitze so gut wie nicht.

Draußen erwarten mich die ersten Schneeflocken, die Temperaturen um null Grad, der Weg glatt. Es geht über einen Höhenzug, um Windräder herum, die stehen. Ich genieße die Morgenstimmung, bin erstmals schon um 8 los, fühle mich leicht. Die erste Stunde am Morgen ist immer die Beste, ich gehe wie in Trance, durch den Kopf läuft das Gedankenkarussell. Ich freue mich darüber, dass erstmal kaum Orte am Weg sind, ich ganz allein in der Natur sein darf. Ich komme durch ein verschlafenes Dorf, wo ich einige Gedanken notiere.

Keutzelbuch, Blick

Heute mittag ist Wanderhalbzeit, ich bin freudig überrascht, dass noch so viel vor mir liegt. Eine kleine Unachtsamkeit und ich bin vom Weg ab, auf den ich aber schnell wieder zurückkomme dank Wanderapp E-Walk. Ich stoße auf einen Rhön-Rundweg, hier scheint also doch noch ein Ausläufer der Rhön zu sein.

Ich höre in der Ferne das Rauschen der Autobahn, hoch über mir ein Flugzeug, Vogelgezwitscher. Als ich so den Berg hinaufstiefele, sehe ich vor mir auf der Wiese zwei Rehe, die mich erst nicht wahrnehmen. Plötzlich springt das eine in hohem Bogen bestimmt zwei Meter nach oben und dann auch nach vorne. Das andere tut es ihm gleich und folgt ihm. Welche Eleganz der Bewegung! Ich bin sprachlos.

Die Schneeflocken werden nun dicker und dichter und verfangen sich in meinem Schal, auf der Mütze tauen sie sofort. Ich habe den leicht zynischen Gedanken, dass ich gerade genau das Richtige tue, indem ich versuche, die letzten Winter zu genießen, bevor der Klimawandel so richtig zuschlägt.

Der Gedankenstarkregen setzt sich fort, die Ideen sprudeln nur so aus meinem Kopf. Was das Fasten angeht, so ist der menschliche Körper dafür gebaut. Als Jäger und Sammler haben wir ja auch über längere Zeiträume nichts gegessen,  wurden von der Evolution dahin entwickelt, Energiereserven in uns anzulegen für die schlechten Zeiten. Mit anderen Worten, was ich da gerade mache, ist völlig normal und natürlich. Das permanente Essen ist nicht normal und die Ursache für viele Krankheiten. A propos, Buchinger, der das Heilfasten mit Säften und Brühen wiederentdeckt hat, hatte eine Entzündung des Knies, die er damit geheilt hat. Mein immer beim Aufstehen schmerzendes Knie tut nicht mehr ganz so weh, scheint mir.

Der Nebel oben am Waldrand wird immer dichter, löst sich unten dann wieder etwas auf. Ich unterquere die Bahnstrecke, wo zwei Güterzüge in kurzem Abstand passieren. Die Stimmung ist seltsam, kein Mensch weit und breit.

Vor Schlüchtern, Shaw-Zitat

Ich erreiche Schlüchtern, das an der deutschen Märchenstraße von Bremen nach Hanau liegt, über das Gewerbegebiet. Ein Lkw-Fahrer, der seinen Sattelschlepper am Straßenrand abgestellt hat, scheint mich zu mustern. Ein auffälliges Gebäude im Ort stellt sich als ehemalige Synagoge heraus, die später als Kulturzentrum genutzt wurde und nun als Stadtarchiv dienen soll.

Schlüchtern, ehemalige Synagoge

Im Ort trinke ich in einer Cafe/Bar einen marokkanischen Minztee und eine Cola zero. Ich komme mit dem Barmann ins Gespräch, da ich ihn nach der Sprache frage, die er mit zwei älteren Gästen spricht. Es ist albanisch, er ist aus dem Kosovo, die beiden anderen direkt aus Albanien. Er erzählt mir von der Vetternwirtschaft und Korruption dort. Angeblich sind die fünf besten Ärzte Albaniens alle im Krankenhaus in Schlüchtern, weil sie in Albanien nicht die richtige Connection hatten.

Ich gehe durch ein Wohngebiet, wo mir verführerischer Brathähnchengeruch in die Nase steigt. Ich kann den Geruch genießen, ohne das Hähnchen zu essen, ich würde sogar sagen nur durch die Nase genieße ich es wie die Blume beim Wein sogar intensiver. Wobei ich mich auch noch an der Aussicht erfreue, demnächst in Wilmersdorf bei Witwe Bolte mal wieder ein Knusperhähnchen zu essen. Gleichzeitig denke ich, dass das Fasten wie ein Reboot des Körpers ist.

Auf einem Schotterweg, der bald  geteert werden wird – mir kommt auch schon ein Raupenfahrzeug entgegen – gehe ich an der Kinzig entlang und überquere sie bei Niederzell. Das Wasser steht ziemlich hoch für die erste Februarhälfte. Wenn die Schneeschmelze einsetzt, wird es sicher Hochwasser geben.

Niederzell, Kinzig

Bei der Pause auf einer Bank hinter Niederzell nehme ich wegen der Kälte nur kleine Schlücke Wasser. Ich stelle fest, dass mein Körper nicht viel Bock auf Salziges, also Gemüsesäfte oder Brühen hat, aber viel Lust auf süße Säfte und (zuckerfreie) Bonbons.

Ich komme nun an meinem Zielort, dem gut erhaltenen Steinau an der Straße (!) an, wo die Leute mich nett grüßen. Das großzügige Schloss aus der Frührenaissance ist sehr gut erhalten und stellt eine Kombination aus Wehranlage mit Bergfried und repräsentativem Schlossbau dar.

Steinau, Schloss

Ich gehe in die Ausstellung Arzt+Tod in der Katharinenkirche. Es wird ein großer Bogen gespannt vom 16. Jahrhundert und davor bis heute. Wie der Arzt dem Tod immer mehr auf die Schliche kommt im Laufe der Zeit – z. B. Röntgen – am Ende aber schlussendlich keine Chance hat. Im von mir ausgewählten Bild von 1968 schiebt der Tod sein Opfer auf der Bahre am nur zuguckenden Ärzteteam am Rande im Affentempo vorbei: „Der ist meiner!“

Steinau, Katharinenkirche, Ausstellung Arzt + Tod, Gertrude Degenhardt – Er Paul triumphierend am Ärzteteam vorbeischob

Während die Wärterin des Brüder-Grimm- Museums noch etwas erledigen muss, bewundere ich schon einmal den Originalstraßenbelag der Via Regia. Das stelle ich mir dann doch als eine holprige Angelegenheit vor für die Herrschaften in der Kutsche im 18./19. Jahrhundert.

Steinau, historische Via Regia

Im Museum verbringe ich einige Zeit. Hier verlebten die sechs Geschwister Grimm eine schöne Kindheit, ihr Vater war Amtmann, was einem heutigen Landrat etwa entsprach. Jacob und Wilhelm, die Ältesten waren in Hanau geboren. Nach dem relativ frühen Tod des Vaters ging es erst einmal ins Armenhaus, das Huttensche Hospital in der Nachbarschaft und später nach Kassel.

Die Räume im Erdgeschoss inkl. Küche widmen sich der Familiengeschichte, im 1. Stock kann man in die Märchenwelt eintauchen und die Märchen aufgrund von dargestellten Szenen erraten. Rotkäppchen hat einen eigenen Saal. In der alten französischen Fassung Le chaperon rouge von Perrault war Rotkäppchen am Ende noch vom Wolf verschlungen worden. Die Brüder Grimm, hier war wohl Wilhelm die treibende Kraft, haben dann ein Happy End ersonnen. Wie man überhaupt sagen muss, dass die Urversionen der Märchen oft sehr grausam waren, in einem Märchen wird sogar ein Kind geschlachtet. Die Brüder Grimm haben die oft sehr kruden und kurzen Märchen etwas aufgehübscht und besser lesbar gemacht. Man kann Stunden in der Ausstellung verbringen.

Ich schlafe heute im Burgmannenhaus, einem alten Fachwerkhaus von 1589 mit niedrigen Türen.

Steinau, Burgmannenhaus

Als Schlaftrunk gönne ich mir in meiner urigen Kemenate noch ein Pils.

Steinau, Burgmannenhaus, Zimmer

Hier ist der Überblick über meine Wanderung auf dem Jakobsweg von Vacha nach Niederhöchstadt im Februar 2025.

Jakobsweg 12.2.25 Fulda – Flieden-Rückers 23

Februar 13, 2025

Auf Vézelay-Weg
Vier parallele Strecken
Am Schabbat tabu

Frühmorgens nach vier Uhr habe ich einen sehr lebhaften Traum, in dem ich erstmals etwas rieche und zwar das Parfüm einer Frau aus meiner Vergangenheit.

Das Wetter ist heute trüb. Nachdem ich die Postkarte eingesteckt und einen Fehlkauf getätigt habe – das einzige Fußblasenpflaster, das ich finde, stellt sich als Herpesbläschenpatch raus – geht es los.

Ich bleibe dabei, die metallische Kronenhaube, die die Fuldaer dem Schlossturm letztes Jahr aufgesetzt haben, steht ihm ganz gut.

Fulda, Schlossturm mit Krone

Auf der linken Seite des Doms sieht man Bonifatius mit dem erdolchten Buch, das er angeblich vor sich gehalten haben soll, als er von Räubern in den Niederlanden 754 ermordet wurde.

Fulda, Dom, Bonifatius

Im Dom fällt mir eine Petrusfigur mit erhobenem  Zeige- und Mittelfinger auf, diese Handgeste hatte ich so ähnlich gerade erst in Point Alpha gesehen, so ganz habe ich sie noch nicht dechiffriert. Soll es „Hab acht“ bedeuten? Im Dom ist noch ein anderer Besucher, das nimmt etwas von dem überwätigenden Eindruck des barocken Baus.

Fulda, Dom

Außen oben an der Domfassade in einer unzugänglichen Ecke hat sich der Baumeister Dientzenhofer verewigt, sehr zur Missbilligung seines Auftraggebers, des Fürstabts.

Fulda, Dom, Detail

Nachdem ich den Ort durchschritten habe, erreiche ich die hochstehende Fulda. Es wird unmittelbar klar, warum die Stadt rund 1 km entfernt vom Fluss liegt. Ich überquere ihn auf einer Holzbrücke.

Fulda, Brücke

Es geht weiter durch einen Park, an einem Teich entlang. Der Weg ist allerdings gepflastert und nicht angenehm zu gehen für meine Füße. Heute ist fast die gesamte Strecke asphaltiert, ich entkomme der Zivilisation nicht. Auf Ausfallstraßen verlasse ich Fulda.

Vor Johannesberg – die Kirche wird heute zur Fortbildung in Denkmalpflege und Altbauerneuerung genutzt – steht eine Tafel mit einer Karte der beiden Jakobswege, die sich hier trennen. Der Installateur hatte aber offensichtlich eine Links-Rechts-Schwäche. Der Vézelay-Weg in rot, den ich nehme, geht nämlich nach rechts und der Le Puy-Weg (grün), den ich mit C. von Le Puy bis nach Santiago gewandert bin, geht ab nach links. Glück gehabt, dass ich mich nicht auf die Pfeile der Karte verlassen habe.

Johannesberg, Jakobswegkarte
Johannesberg

Bald hinter Johannesberg liegt rechter Hand eine in drei Jahren Arbeit von Freiwilligen erbaute Lourdesgrotte, wo ich ein Teelichtlein anzünde und kurz auf einer der vielen Bänke verschnaufe.

Harmerz, Lourdesgrotte

Ich erreiche nun einen Wald, wo sich der befestigte Forstweg schnurgerade hinzieht und ich in einen Flow komme. Ich hätte nichts dagegen, wenn das jetzt bis zum Ziel so weiterginge.

Am Ende des Waldes steht ein abgezäuntes Häuschen mit rauchendem Schornstein. Es ist niemand zu sehen. Was geht hier vor?

Oben auf der Kuppe mache ich mein Mittagspäuschen mit Gemüsesaft und Bananennektar, durch den leichten Niesel lasse ich mich nicht stören. Die Wiesen ligen im Dunst. Auf dem Acker rechts dampft ein Misthaufen, es joggt eine junge Frau mit einem Schäferhund vorbei, den sie an ihrem Gürtel angeleint hat.

Es geht nun weiter auf der mit Birken bestandenen Straße nach Neuhof, das ich auf der alten Heerstraße betrete. Natürlich wurde die Via Regia auch vom Militär genutzt, u. a. von Napoleon.

Aus der Rhön bin ich nun raus und bewege mich durch wellige Landschaft zwischen Spessart im Süden und Vogelsberg im Norden.

Diese Gegend, die früher Zonenrandgebiet war, liegt nun in der Mitte von Deutschland, entsprechend spielt der Verkehr eine immer größere Rolle. Ich gehe ein Stück, an dem vier Verkehrswege parallel verlaufen. Ganz links die A66 (Wiesbaden-Fulda) , die ich aufgrund des aufgeschütteten, bepflanzten Lärmschutzwalls kaum höre. Dann die vielbefahrene Bahnlinie Fulda – Frankfurt. Außerdem direkt links neben mir eine regionale Straße. Schlussendlich der Radweg, den ich nutze.

Nach einer Weile biege ich ab nach rechts in Richtung der Äcker und verlasse die Hauptverkehrstrasse. Schon von weitem sehe ich links von mir in ca. 100 m Entfernung einen gelben Davidsstern zwischen den Bäumen. Es handelt sich um den umzäunten, abgeschlossenen Jüdischen Friedhof Flieden, wo auch die Juden aus Neuhof beigesetzt werden. An Feiertagen wie dem Schabbat darf er nicht betreten werden. Der Schlüssel liegt bei der Gemeindeverwaltung. Es fällt mir auf, dass jüdische Friedhöfe in Deutschland häufig weit abseits der Städte angelegt sind, in Kronberg im Taunus liegt der jüdische Friedhof auch verborgen im Wald bei Falkenstein.

Flieden, Jüdischer Friedhof
Frieden, Jüdischer Friedhof

Auf Feldwegen geht es anschließend rauf und runter nach Flieden. Am Ende gehe ich unter der Bahn und der A66 durch in den Stadtteil Rückers.

Im Gasthof trinke ich ein alkohfreies Weißbier und quatsche mit dem Wirt, der erstaunlich gut durch die Coronazeit gekommen ist, u. a. weil er für verschiedene Institutionen gekocht hat. Ich begebe mich auf mein anfangs arschkaltes Zimmer. Die Blase hat sich deutlich zurückgebildet. Das Blasenpflaster klebt zwar etwas an der Socke, hat aber einigermaßen gehalten. Allerdings hat sich eine neue, noch kleine blutunterlaufene Blase am kleinen Zeh links gebildet. Ich habe das Pflasterhütchen, das abgegangen ist, jetzt mal durchstochen, so dass das Röhrchen jetzt etwas besser sitzt. To be watched.

Hier ist der Überblick über meine Wanderung auf dem Jakobsweg von Vacha nach Niederhöchstadt im Februar 2025.

4437

Februar 12, 2025

Mitten in der Welt

– Fastenwandern im Winter –

aus der Welt fallen

Jakobsweg 11.2.25 Fulda Ruhetag

Februar 12, 2025

In Tasten hauend
Drei Touristen, ein Führer
Fürstensaalkonzert

Heute mache ich eine Wanderpause im Home Office im Hotel. Ich schaffe das Pensum, was ich mir vorgenommen habe, verarbeite die Daten, schicke den Bericht raus.

Die Blase ist derweil noch größer geworden, das Blasenpflaster ist verschwunden, hat wohl die 85 Grad in der Sauna nicht so gut vertragen, ich mache ein Neues drauf.

Mittags gehe ich einkaufen, Kombucha, Brühwürfel, Gemüsesaft, Bananennektar. Letzteren kaue und schlürfe ich anschließend genussvoll. Später in der Konzertpause am Abend gibt es noch leckere Ingwer-Orange Bionade und kurz vorm Zubettgehen leere ich die 0,33 l Pilsflasche aus der Minibar, ein Geschenk des Hauses. Ich verspüre seltsamerweise keine Wirkung, aber schlafe gut ein gegen halb 12. Die Esssachen wie die Gummibärchentütchen, die Minibrezeln und den Schokoriegel gebe ich einem Bettler, der sich darüber sehr freut.

Von 15h bis 16h30 nehme ich an einer Stadtführung mit einem Paar aus dem süddeutschen Raum teil. Der Führer ist aus Fulda und hat viel zu erzählen. Wir beginnen an dem zum Teil schon abgegriffenen Stadtmodell aus Bronze vor der Stadtinformation auf dem Bonifatiusplatz. Der christliche Missionar Bonifatius, der eigentlich Wynfreth hieß, kam in der 1. Hälfte des 8. Jahrhundert aus Südengland und war der Auftraggeber des Fuldaer Doms, einer Basilika mit angeschlossenem Kloster, deren Errichtumg er nicht mehr erlebte. Heute steht an derselben Stelle eine 1712 fertiggestellte Barockkirche, in der er begraben ist.

In Fulda kamen weltliche und kirchliche Macht in Form der von Friedrich II. 1202 erhobenen Fürstabtei zusammen.

Es geht weiter zum Schloss, dem letztes Jahr eine metallene Krone für 600.000 Euro aufgesetzt wurde, was dem Führer nicht gefallen hat. Ich, der das Schloss nie anders gesehen hat, fand es überraschend progressiv und eher positiv.  Das Schloss wurde in etwa gleichzeitig zum Dom ebenfalls von Dientzenhofer bis 1714 gebaut. Ein Detail, das mir vorher nicht klar war, die Prellsteine an den Ausfahrten waren dazu da, dass die Kutschen, wenn sie raumgreifend um die Ecke fuhren, nicht die Fassade beschädigten.

Fulda, Dom

Wir gehen hinüber durch den Schlossgarten zur Orangerie, die man im 18. Jahrhundert, als der französische Hof den Ton angab, natürlich unbedingt brauchte. Die Temperaturen waren nördlich der Alpen für Zitrusfrüchte viel zu niedrig, daher wurden sie in den Vorläufern der Gewächshäuser gehalten, der Ertrag war eher dürftig. Heute bei der Kälte ist hier niemand, aber im Hochsommer kühlt sich  angeblich halb Fulda neben der dann zehn Meter hohen Springbrunnenfontäne ab.

Fulda, Orangerie

Die Stadtführung geht nun weiter zum Dom, wo sich Dientzenhofer weit oben mit seinem Konterfei verewigt hat, der Führer spricht fast nur von der alten Basilika, deren Türme übrigens angeblich aus Aberglauben nicht abgerissen wurden und sich in den Türmen der Barockkirche befinden.

Wir gehen weiter an einem schönen Fachwerkhaus vorbei, wo Ferdinand Braun geboren wurde, der Erfinder der Braunschen Röhre, ohne die wir heute nicht fernsehen würden. Anschließend passieren wir das Geburtshaus des Vaters unseres Führers. Er stellt sich eine Zeitmaschine vor, wie sein Vater vor dem Krieg hier rumgetollt ist.

An dem Bäckerhaus steht eine Jahreszahl 15×8. Statt dem x steht dort ein Zeichen, das wie ein auf dem Kopf stehender Fisch aussieht. Es ist eine halbe Acht, also eine Vier, die wohl als unglücksbringend galt. Wir gehen bis zur Stadtpfarrkirche, wo die unterhaltsame und interessante Führung endet.

Abends gehe ich ins Konzert im Fürstensaal des Schlosses. Es spielt die Freitagsakademie Bern auf Epocheninstrumenten Auszüge aus der Entführung des Serail und nach der Pause die sich etwas hinziehende Serenade Nr. 10 B-Dur, ebenfalls von Mozart. Es werden Oboe, Klarinette, Horn und Fagott vorgestellt, die schwieriger zu spielen sind, da sie meist keine Ventile oder Klappen haben. Die Horntöne werden nur mit dem Mund und der Hand, die man in den Schallbecher stopft, erzeugt. Die Leiterin erklärt jede Opernszene vorher, da der Gesangsteil ja fehlt. Die Musik ist eine schöne Abwechslung von der Wanderei, ist aber nicht so wirklich meine. Wiedererkennen tue ich natürlich die Arie des Osmin, Ha, wie will ich triumphieren. Den Altersdurchschnitt im fast vollbesetzten Saal senke ich, bin allerdings mit meinen Multifunktionsklamotten völlig underdressed. Aufgrund der vereinzelten standing ovations wird noch eine Zugabe gespielt, das Happy End der dann doch geglückten Entführung.

Fulda, Freitagsakademie Bern im Fürstensaal des Schlosses

Hier ist der Überblick über meine Wanderung auf dem Jakobsweg von Vacha nach Niederhöchstadt im Februar 2025.

Jakobsweg 10.2.25 Hünfeld – Fulda 16

Februar 11, 2025

Auf leichten Füßen
durch zerschnittene Landschaft
an Haune entlang

So langsam wird das Wandern zur Routine, ich mache kaum noch Bilder, es geht scheinbar schnell voran, die Füße fliegen zumindest am Vormittag. Von der immer größer werdenden Blase merke ich nichts.

Aber zuerst müssen heute morgen um zehn Uhr drei mal zwei Berlinaletickets für den Publikumssonntag, den 23.2., ergattert werden. Und zwar für Köln 75, Monk in Pieces und La cache. Ich klicke schnell genug, es klappt.

Um 10h15 schließe ich die Gasthoftür zweimal zu, werfe den Schlüsselbund in den Briefkasten und werde von der Tageshelle sofort geflasht, ich fühle mich leicht wie ein Vogel, was aber leider nicht bis zum Ende des Wandertages anhält.

Aus dem Ort raus überquere ich auf einer Steinbrücke die Haune, die mich einen großen Teil des Tages begleiten wird. Ein Bildstock stimmt mich ein auf meinen Zielort, das erzkatholische Fulda. Die Weintrauben unten auf der Säule lassen vermuten, dass man den schönen, überflüssigen Dingen des Lebens aber auch nicht abgeneigt ist.

Hinter Hünfeld, Bildstock

Es geht nun ein gutes Stück an der vielbefahrenen, mit Lärmschutzwänden versehenen B27, entlang. Ich komme in Rückers an, wo ich vor der offenen, schlichten Dorfkirche für „300 Seelen“ ein Päuschen auf einer Bank einlege. Auch hier ist der Fasching kurz davor, seinen Höhepunkt zu erreichen.

Rückers: Hier wohnt die Faschingsprinzessin

Im Ort überquere ich die B27 und unterquere eine weitere Verkehrsverbindung, die Bahntrasse Bebra – Fulda. Es herrscht reger Betrieb. Neben den  ICEs, die gebremst unterwegs sind, fahren hier auch jede Menge Güterzüge. Nun geht es leicht bergan in einen Fichtenwald, den ersten auf der Wanderung. Der dunkle Wald hat etwas Beruhigendes, ich treffe niemand. Unter mir liegt ein See, der mir erst wie ein Bumerang geformt erscheint, aber sich dann doch länger erstreckt, es ist die Haunetalsperre, an der ich auf einer Bank mein Mittagsmahl bestehend aus Gemüse-, Kirschsaft und Wasser einnehme. Der See ist in der Mitte zugefroren, am Rand jedoch nicht, er taut gerade auf bei 3 Grad Außentemperatur. Es kommen zwei „Mütterchen“ vorbei, die eine slawische Sprache sprechen. Mir scheint, dass die in Deutschland lebenden Russen und Ukrainer die aktuelle Kälte genießen, weil sie sie an die Winter in ihrer Heimat erinnert. Es fällt jedenfalls auf, dass ich vielen slawisch sprechenden Spaziergängern begegne.

Im nächsten Ort, Steinau, treffe ich auf die ersten Schafe, es sind aber noch keine Rhönschafe, die ja einen schwarzen Kopf haben.

Steinau, Keine Rhönschafe

Am Wegesrand fasziniert mich ein im Wind wogendes Schilffeld, das wie ein Fremdkörper allein in der Landschaft dasteht.

Schilf

Die nächste Rast mache ich kurz vor der Unterquerung der A7 (mit knapp 1000 km die längste Autobahn Deutschlands, geht von der dänischen Grenze bis Füssen). Es ist heute schon auffällig, wie die Landschaft von Verkehrswegen zerschnitten ist, ich befinde mich ja selbst auf einem, der Handelsstraße Via Regia. Mein Camino  verläuft heute übrigens wieder viel über asphaltierte Wirtschaftswege, damit bin ich der Natur schon ein stückweit enthoben.

Die angebliche 16 km Etappenstrecke – ich glaube es sind mehr – ziehen sich nun. Ich komme nach Petersberg, gut 2 km vor meinem Zielort. Hier geht es plötzlich links einen Kreuzweg mit dunklen Steinplatten, die die Stationen darstellen, steil den Berg rauf. Eine jüngere, durchtrainierte Sächsin überholt mich. Die Kirche St. Peter, die eine Landmarke darstellt, ist montags leider geschlossen. Die Benediktinerkirche ist von ca. 836, die heilige Lioba ist hier bestattet.

Die Sicht zur Hochrhön, die Wasserkuppe liegt 18 km Luftlinie südöstlich, ist heute getrübt. Man kann die einzelnen Bergkuppen höchstens erahnen.

Peterberg, Blick gen Hochrhön

Ich entdecke hier den 780 geborenen Gelehrten Rabanus Maurus, der am Hof Karls des Großen ausgebildet wurde, dem Kloster Fulda vorstand und später Erzbischof von Mainz war. Er hat viele Texte verfasst, u. a. Kreuzgedichte.

Weisheit von Rabanus Maurus
Petersberg, St. Peter

Auf dem Pfaffenpfad geht es nun hinab nach Fulda, wo ich unweit des Schlossgartens mein Quartier – in der Rabanusstraße! – für die nächsten 2 Nächte finde. Ich werde hier einen Ruhetag in Form von Home Office einlegen. Nach zwei Saunagängen im Stadtbad bin ich rechtschaffen erschöpft und schlummere bald ein.

Hier ist der Überblick über meine Wanderung auf dem Jakobsweg von Vacha nach Niederhöchstadt im Februar 2025.

4434

Februar 10, 2025

Ungläubiger Blick

französischer Bulldogge

auf Jakobspilger

Jakobsweg 8.2.25 Vacha – Geisa 25

Februar 9, 2025

Wartburg im Nebel
Waldbedeckte Bergkuppen
Gleißende Sonne

Nach dem Saftfrühstück bewege ich mich an der Stedtfelder Straße entlang bei Minustemperaturen Richtung Haltepunkt Opelwerk. In der Ferne im Nebel thront wie verwunschen die Wartburg über der Landschaft, eine wahre Landmarke. Außer mir ist hier niemand. Um 8h35 saust ein ICE an der Haltestelle vorbei und weht mich fast um. Die Regionalbahn hat daher 5 Minuten Verspätung. 

Eisenach: Opelwerk vor Wartburg

Am Eisenacher Bahnhof hol ich mir erst einmal einen großen grünen Tee, ich bin jetzt schon dehydriert und kämpfe dann doch mit dem leeren Bauch, wahrscheinlich die Rache für den optimistischen leichtfertigen Eintrag gestern. Den tea to go schlürfe ich genüsslich im Regionalzug nach Bad Salzungen, der hier noch gut 20 Minuten rumsteht. Meine Lebensgeister sind nun wieder geweckt. In Bad Salzungen steige ich in den gut besetzten 100er Bus nach Vacha, der mich über Merkers – im Schaubergwerk war ich schon einmal vor Jahren mit meinem Vater – an den Ausgangsort meiner Wanderung bringt. Vacha war im August 2020 der Endpunkt der Wanderung mit C. auf dem ökumenischen Jakobsweg von Görlitz gewesen. Ich gehe jetzt weiter auf der Via Regia bzw. dem Jakobsweg gen „Heimat“. In Vacha halte ich mich nicht lange auf, es ist ja jetzt schon 10h20 und es liegen noch 25 km vor mir.

Vacha: Fachwerk

Die erste Jakobswegmarkierung ist schnell gefunden. Es geht nun durch die thüringische Rhön.

Vacha: Jakobswegmarkierung

Am Ortsausgang der Friedhof mit der Kapelle, die zum im Bauernkrieg geschleiften Servittenkloster gehörte. In dieses Kloster war Hermann Künig eingetreten, der Ende des 15. Jahrhunderts nach Santiago pilgerte und darüber einen der ersten Berichte verfasste.

Vacha: Friedhofskapelle

Der Weg nach Süden ist am Morgen zum Teil noch gefroren und der harte Boden knirscht bei jedem Schritt. Das wird sich im Laufe des Tages ändern. Die Sonne wird mehr und mehr das Regiment übernehmen und der Weg wird weicher und zum Teil matschig werden. Ich gehe heute anfangs viel auf Asphalt, meist kleine Wirtschaftsstraßen, später auf einem Radweg. Die Landschaft ist offen und man sieht die waldbedeckten Kuppen, die aus vulkanischer Tätigkeit resultieren; ich befinde mich in der Kuppenrhön.

Sünna: Pfarrhaus und Bilderkirche

In Sünna komme ich leider nicht in die barocke Bilderkirche. Auch im Pfarrhaus, vor dem ein großer, weißer Herrnhuterstern hängt, macht niemand auf.

Hinter Sünna öffnet sich ein schöner Blick zum Oechsenberg, dem nördlichsten Berg der Rhön, wo zu DDR-Zeiten Basalt abgebaut wurde, der Berg hat dadurch über 10 Meter an Höhe verloren. Vor der Wende war das hier  Sperrgebiet, mit dem man aus der DDR nur mit Passierschein hineinkam.

Links: Oechsenberg

Es geht jetzt schnurgeradeaus auf einem Radweg, Radfahrer treffe ich nicht, Spaziergänger nur vereinzelt. Ein beschaulich daliegender Teich mit überdachten Bänken und Schilf am Ufer lädt zur Rast ein.

Speicher Mosa, Ulsterberg

Es wird nun Nachmittag und warm, ich binde die Regenjacke um den Bauch. Das Fortkommen wird beschwerlicher, je näher ich dem Ziel komme. Die neuen – allerdings eingelaufenen – Schuhe, die neuen Einlagen und die neuen Merinowollsocken sowie meine permanente Dehydration, die auch mit dem Fasten zusammenhängt, spielen hier sicher auch eine Rolle. Die Anstiege sind zwar nicht steil, aber ziehen sich, ich fange an, einen Podcast über Ernährung – passt gut zum Fasten 😉 – zu hören.

Im Wald, von dem es in der Rhön nicht so viel gibt, begrüßt mich eine kleine Jakobsstatue, darüber hängt die Wunschglocke, die ich natürlich anschlage, während ich mir etwas wünsche. Eine Mutter mit zwei Kindern tut es mir kurz danach gleich.

Bei Otzbach: Jakobus der Ältere
Bei Otzbach: Wunschglocke

Vom Waldrand hat man einen wunderschönen Blick, den Inselsberg kann ich allerdings, wenn überhaupt nur erahnen.

Inselsberg-Milseburg-Blick

Oberhalb von Bremen/Thür. spanne ich auf einer Wohlfühlbank aus, das Leben kann so schön sein.

In Bremen hat die barocke, dem Jakob dem Älteren geweihte Kirche geöffnet, im rechten Seitenaltar ist die Heilige Barbara abgebildet, die Schutzpatronin der Bergleute.

Bremen (Thür.): Barbara

Die letzten Kilometer schaffe ich jetzt auch noch. In Geisa ist der Fasching im Gange, es gibt eine neue Prinzessin, zu deren Ehren mit Papierschleifen  geschmückte Weihnachtsbäume am Straßenrand stehen, die am Ende zusammen auf einem Berg nahebei verbrannt werden.

Geisa: Prinzessinnenfasching

Ich komme nun zu meiner Unterkunft, wo ich die eiskalte Dusche – nach der Warmen – genieße, ein alkoholfreies Weißbier zu mir nehme und mir idiotischerweise die Bundesliga anschaue. Ich bin fix und fertig.

Geisa: Geiß mit Jeck

Hier der Überblick über meine Wanderung auf dem Jakobsweg von Vacha nach Niederhöchstadt im Februar 2025.

Jakobsweg Vacha-Niederhöchstadt Prolog 7.2.25

Februar 8, 2025

Der Bauch passt sich an
Steil die Böschung hinunter
Frieren in Sauna

Heute geht es endlich wieder los. Eine neue Wanderung wartet auf mich. Irgendjemand hat geschrieben, dass man eine wirkliche Wanderung alleine macht, jemand anderes, dass man sie im Winter macht. Das finde ich beides auch, noch intensiver wird sie für mich allerdings dadurch, dass man dabei nichts isst. Das entfernt mich aus dem Alltag, verstärkt die Sinneseindrücke, lässt mich zu mir kommen.

Nach dem Ausgleichstag am Donnerstag, an dem ich Obst, Joghurt und Suppen zu mir genommen habe, wird es nun ernst. Morgens nach dem grünen Tee erst einmal ein Einlauf, ein knapper Liter warmes Wasser rinnt langsam hinten rein, der Effekt lässt nicht lange auf sich warten: Der Darm entleert sich explosiv. Das Zeichen für den Körper, von der Verbrennung externer zugeführter kohlehydratreicher Nahrung auf die Reserven zurückzugreifen, die in ihm selbst schlummern. Immer wieder überraschend wie nahtlos das geht, Hunger verspüre ich kaum, höchstens eine gewisse Leere im Bauch, der sich der neuen Lage im wahrsten Sinne schnell anpasst: Der Magen zieht sich zusammen und schrumpft.

Ich habe heute noch einen Bürotag vor mir, den ich vor allem mit leicht stupiden, repetitiven Arbeiten an der Datenbank verbringe, um 15 Uhr geht es dann endlich hinaus, erst mit der U-Bahn zum Hauptbahnhof, dann wie vor einem Jahr, als ich meinen ersten Elisabethpfad ging, mit dem ICE nach Eisenach. Der Zug ist voll, die Reservierung zahlt sich aus. Die Mitreisenden untereinander ziemlich kommunikativ, ich höre Podcasts.

Es ist schon dunkel, als ich kurz nach 6 in Eisenach aussteige. Die gut 5 km zu meinem Hotel, demselben wie vor einem Jahr, das im Westen hinter dem Opelwerk in Stedtfeld liegt, gehe ich zu Fuß. Gegen Ende muss ich doch wieder ein Stück am Waldrand entlang, weil die Straße keinen Seitenstreifen hat. Die Stirnleuchte leistet mir hier gleich gute Dienste. Zum Schluss geht es ein kurzes Stück querfeldein über eine steile Böschung zur Straße. Es fehlt nicht viel und ich lege mich hin.

Im Hotel sitzen die Leute gemütlich im Restaurant, ich hole mir die Zimmerkarte, den Bademantel und die Wasserglasflasche, die aufs Haus geht, an der Rezeption ab und zahle gleich. Ein modernes, sauberes Doppelzimmer erwartet mich. Nachdem ich mich an dem Sprudel erfrischt habe, geht es in die kleine Sauna in der 3. Etage. Ich bin dieses Mal nicht alleine, eine Frau schwitzt schon fleißig, als ich es mir oben links bequem mache. Wir kommen erst nach einer Weile darauf, dass man bei dieser Sauna den Startknopf immer wieder drücken muss, da sie sonst ausgeht. Nach der ersten kalten Dusche friere ich doch tatsächlich leicht, als ich wieder zurück in die Sauna gehe. Nach erneutem Druck auf den Startknopf fängt der Ofen zu bollern an und das Wasser, das wir auf die Steine geschüttet haben, verdunstet endlich mit explosiven Knackgeräuschen. Wir kommen gut ins Schwitzen.

Danach begebe ich mich aufs Zimmer, nach der zeitversetzen Tagesschau, sehe ich mir in der Mediathek bereits das Literarische Quartett an, es geht auch um das neue Buch von Julia Schoch, das ich bereits gelesen habe. Jemand sagt, dass sie die ostdeutsche Knausgaard wäre, eine naheliegende Einschätzung. Ihn würde ich allerdings nie lesen, von Julia Schoch hingegen am liebsten alles. Ein Grund mag sein, dass sie im Vergleich recht wenig schreibt. Kurz nach zehn mache ich die Bettleuchte aus.

4408

Januar 28, 2025

Die ersten Schritte

für das linke Knie schmerzhaft

bis es sich rund läuft

4382

Januar 20, 2025

Kaputt gelaufen

Die liebsten Wanderschuhe

Nicht mehr im Programm

4370

Januar 12, 2025

Fastvollmond verdeckt

von Wolken, weißes Licht strömt

durch Loch in -decke

4369

Januar 12, 2025

Zu Fuß des Freiturms

die Stadt Kronberg getaucht in

letzten Sonnenstrahl

[Blick von Mammolshain]

XXII

Januar 11, 2025

Frostiger Nordwind

Eislaufen auf vier Pfoten

Mond über Kronberg

Zwei Haflinger auf Weide

Frankfurts Skyline leuchtet fern

[Mammolshainrunde]

4363

Januar 9, 2025

Allein im Niesel

Streuobstwiesenrutschpartie

Himmel hellt sich auf

4342

Dezember 30, 2024

Mit scharfen Sinnen

durch Zwielicht und Dunkelheit

Der Hund mit dabei

[John Lewis-Stempel – Wandern bei Nacht]

4326

Dezember 24, 2024

Soulane, champ d’olives,

Passerelle, boîte à livres,

Tour, vent, Florentine

[4,3 km autour de Laroque-des-Albères]

4244

November 20, 2024

Heuer gegangen

Zwei Elisabethpfade,

dann den Jakobsweg

4236

November 19, 2024

Im Wanderrucksack

Arbeitsgerät vergessen:

Radweg verdoppelt

Wanderroute

November 11, 2024

Vacha – Geisa – Hünfeld – Fulda – Flieden – Bad Soden – Gelnhausen – Langendiebach – Bergen-Enkheim – Niederhöchstadt

Jakobsweg MR-K: 8. Köln-Merheim – Köln

November 4, 2024

Die Sonne ist gerade über der A4 aufgegangen, als ich beginne, mich mit einigen anderen Gästen dem umfassenden Frühstücksbüffet zu widmen. Heute am Sonntag zum Ende meiner Wanderung scheint Helios den ganzen Tag über, der Nebel der letzten Woche ist wie verflogen.

Es dauert eine Weile bis ich nach dem Verlassen des Hotels um 8h45 meinen Tritt gefunden habe, die Bewegungen des linken Knies sind trotz der Kniebandage unrund, das Humpeln läuft nur langsam aus in einen flüssigen Gang.

Am Eingang von Höhenberg wird die Brüderstraße, die von Siegen bis Köln verläuft, zu einer Ahornallee. Linker Hand ein kleines Wäldchen, der letzte Zipfel Natur, bevor ich in die versiegelte Stadt eintauche. An der Hauswand gegenüber ein verquerer Graffitispruch.

Höhenberg, Graffiti

In Höhenberg komme ich an jeder Menge Kneipen vorbei, wo der halbe Liter Kölsch für 2,20 zu bekommen ist. Hier vor Ort wird das Kölsch u. a. Biere von der 1830 gegründeten, ältesten noch heute in Köln produzierenden Brauerei der Gebrüder Sünner gebraut.

Kalk, Brauerei Gebr. Sünner

Weiter geht es an einem Industriedenkmal vorbei, dem Turboverdichter für die Sodaproduktion der Chemischen Fabrik Kalk, das ein Mann diskret von der Seite anpinkelt. Etwas später kreuzt ein Typ mit Palästinensertuch meinen Weg, der in sein Smartphone blickend wild gestikuliert und laut auf arabisch herumschreit, niemand beachtet ihn. Ich befinde mich hier in einem sozialen Brennpunktviertel.

Kalk, Turboverdichter für Sodaproduktion

Rechter Hand führen auf dieser Seite rundherum Treppenstufen herauf zur ehemaligen Kölnarena, der mit 20.000 Plätzen größten Veranstaltungshalle Deutschlands.

Deutz, Lanxess Arena

Es ist nun nicht mehr weit zu Vater Rhein, den ich auf der linken, der domabgewandten Seite recht einsam überquere.

Deutzer Brücke
Dom von Deutzer Brücke

Nahe der Domplatte treffe ich meine Eltern. Die Besichtigung des Doms gelingt aufgrund von Gottesdiensten nicht, es ist bis 13h nur der vordere Teil zugänglich.

Dom

Vor dem Dom steht eine originalgetreue Kopie der auf den Türmen angebrachten Kreuzblumen, die immerhin fast 10 Meter hoch sind.

Dom, Kopie der Kreuzblumen

Stattdessen trinken wir Kaffee und gucken uns eine der zwölf romanischen Kirchen Kölns an, die den meisten Kölnern ja sowieso mehr am Herzen liegen als der Dom. Es ist die Dominikanerkirche St. Andreas.

St. Andreas, Pietà

Hier liegt Albertus Magnus in einem Steinsarg in der Krypta. Elf Kirchenfenster wurden von Markus Lüpertz neu gestaltet. Unter anderem das Josephfenster links am Eingang, das den Zimmermann, der in der rechten Hand sein Werkzeug, die Säge trägt, zeigt.

St. Andreas, Josephfenster

Nach einer Mittagsmahlzeit draußen am Wallrafplatz gegenüber dem WDR-Funkhaus machen wir uns auf den Weg nach Moers.

Hier ist der Etappenüberblick der gesamten Wanderung.

4213

November 2, 2024

Die Krähen krächzen

Die Autobahn rauscht dahin

Die Stöcke klackern

4212

November 2, 2024

Eine junge Frau

antwortet auf mein „Morgen“

mit einem Lächeln

Jakobsweg MR-K: 6. Denklingen – Marialinden

November 2, 2024

Wir sind um halb acht in der Gaststube, wo der Wirt uns das Frühstück vorbereitet. Er stellt uns noch schnell seine Hilfskraft vor, die mit Sack und Pack aus Luhansk flüchten musste und nach einer Odyssee über Charkiw, Kyjiw und Lviw im Bergischen Land angekommen ist. Ich bezahle und bin positiv überrascht: Es ist 30% günstiger als angekündigt.

Um 8h22 geht Hans‘ Bus nach Gummersbach, wo er umsteigt in den Zug nach Köln und dann in den ICE nach Berlin, insgesamt elf Stunden Fahrt, eine kleine Weltreise.

Ich gehe an der Wasserburg mit den vergitterten Gefängniszellen und der leider noch geschlossenen evangelischen Antoniuskirche vorbei, die als Ort der Stille und Einkehr gilt.

Denklingen, Teich mit Kirche

Es geht nun aus dem Ort heraus und ich komme auf die Brüderstraße, einen fast durchweg asphaltierten Höhenweg, der früher für den Handel genutzt wurde und dem ich den ganzen Tag 27 km lang folgen werde. In Eiershagen, das mehrmals Preise im Wettbewerb „Unser Dorf soll schöner werden“ gewonnen hat, starren mich die Rindviecher an, die angekündigten Fachwerkhausgiebel und Schieferfronten sehe ich im Vorübergehen nicht.

Eiershagen, Kühe schauen mich an

Es reiht sich hier ein Dorf an das andere, ich passiere heute über zehn Ortschaften, in Rölefeld steht eine Linde mit einer Hohlkrone, die durch Reifen flach gelegt wurde, die Kunst des geschnittenen Baumes, die „ars topiaria“ geht bis in die Antike zurück.

Rölefeld, Bergische Kaffeetrinkerlinde

Menschen, meist Jogger, treffe ich auf meinem Weg nur vereinzelt, kein Wunder, dass hier in der abgelegenen Gegend eine psychiatrische Einrichtung steht.

Haus auf der Hardt

In Oberbierenbach werde ich aus der Ferne Zeuge, wie ein Hütehund – evtl. ein Bordercollie – eine Lämmerherde mit Ziegen in ein Gatter treibt. Er legt sich flach auf die Wiese und lässt kein Tier entwischen.

Ich bin heute endlich im Flow, schaffe am Ende inklusive Pausen mit 27 km in etwas über 7 Stunden fast einen Viererschnitt. Man muss allerdings dazu sagen, dass der Weg gut befestigt ist, mehr oder weniger immer geradeaus geht, so dass Verlaufen fast unmöglich ist und es keine nennenswerten Steigungen gibt. Außerdem hat mir der Ruhetag gestern gut getan.

Blick auf Stockheim

Die ev. Kirche in Drabenderhöhe ist eine schlicht gehaltene Dorfkirche mit Empore und Kassettendecke.

Drabenderhöhe, ev. Kirche

Am Ortsausgang mache ich auf einer Bank meine Mittagspause mit einem Wurst-Käse-Brötchen und lutsche zum Nachtisch zwei schwarze Schokostückchen.

Auf einer Bank oberhalb des Weges sitzt ein Wandergenosse, der den Feiertag nutzt, um in einer Tagesetappe zu einer Bekannten zu wandern, einen Tag dort zu bleiben und dann wieder zurück zu gehen. Er erzählt mir von einer Pilgerwanderung in der Nähe mit 40 km-Etappen.

Pilze

Normalerweise hätte man von hier oben eine wunderschöne Aussicht über das Bergische Land bis zum Siebengebirge und bei klarer Sicht sogar bis zur Eifel. Leider gibt es heute vor allem Suppe zu sehen, der Nebel verdeckt die Sicht.

Großer Heckberg, Schöne Aussicht

In Heckhaus erfrische ich mich an einem Radler, das ein Arbeitskollege, der hier wohnt und den ich später treffen werde, netterweise vor der Haustier deponiert hat.

Die evangelische Kirche in Federath beherbergt ein 3,5 m hohes Holzkreuz, das sogenannte Hofkreuz. An diesem Kreuz hängt kein Jesus. Stattdessen sind die Leidenswerkzeuge Hammer, Nägel, Essigschwamm, Geißel, Würfel, sein Gewand, die 30 Silberlinge des Judas sowie ein Kelch, in den Jesu Blut fließt, ins Holz geschnitzt.

Federath, Hofkreuz

Es geht jetzt auf den Endspurt zu meinem Etappenziel, links auf der Telefonleitung sitzen Stare, die ich versuche, nicht aufzuscheuchen, Leonard Cohen lässt aus dem Off grüßen.

Vor Marialinden, „birds on a wire“

Zu Abend esse ich eine große Pizza mit Scampi und Knoblauch, die ich mit Kölsch runterspüle. Die drei Imbissbediensteten kommen aus dem kurdischen Teil Syriens, der gerade wieder von Erdogans Militär angegriffen wurde. Diese Schicksale brechen mir das Herz. Ich träume, dass alle Autokraten in einer Kapsel in den Weltraum geschossen werden und nie mehr zurückkommen.

Hier ist der Etappenüberblick der gesamten Wanderung.

Jakobsweg MR-K: 5. Freudenberg – Denklingen

Oktober 31, 2024

Nach einer erholsamen Nacht gehen wir gegen 8 runter zum Frühstück, wo niemand zu sehen ist, wir uns aber komplett selbst bedienen können. Es kommt dann später noch ein anderer Gast und der wortkarge Hotelbedienstete, das Hotel scheint sehr leer zu sein.

Nach dem Frühstück gehen wir hinunter in den Ort, der sich durch ein großes, intaktes Ensemble von Fachwerkhäusern auszeichnet, den Alten Flecken. Zwischen den Häusern immer ein Abstand, um Feuer – es hatte im 16. und 17. Jahrhundert zwei große Brände gegeben – zu vermeiden.

Freudenberg, Übersichtstafel
Freudenberg, Alter Flecken

Ein Plakat deutet darauf hin, dass hier auch schon die Jüngsten ans Wandern herangeführt werden.

Freudenberg, Plakat

Der Ort ist ein Leckerbissen für Touristen, wir treffen allerdings keine.

Freudenberg, Skulptur

Oben auf dem modernen Turm der katholischen Kirche, der fast wie ein Bahaï-Tempel aussieht, ein Engel mit Trompete.

Freudenberg, Kirchturm

Die Frontseiten der Häuser sind hier meist mit Schiefer verkleidet, manche Häuser sind auch vollständig von Schiefer eingefasst. Siegerland und Bergisches Land gehören ja bekanntlich zum Rheinischen Schiefergebirge, auf den Wegen kommen wir auch immer wieder über steinige Passagen aus Schiefer.

Freudenberg, Schieferhaus

Der Pilz des Tages ist heute der Fliegenpilz, von dem wir auch ganze Gruppen antreffen. Zum Teil kleben Schnecken auf ihnen, die sie sich schmecken lassen.

Fliegenpilz

Wir überschreiten nun die Landesgrenze nach Rheinland-Pfalz. In dieser Gegend hat die Gegenreformation im 17. Jahrhundert voll zugeschlagen. Wir passieren erst die Kapelle zur Schmerzhaften Mutter mit einem Herz, das von 7 Schwertern durchbohrt ist. Anschließend kommen wir auf eine Anhöhe mit der Roten Kapelle im Andenken an hunderte von hingerichteten „Hexen“. Glück hatten diejenigen, die erst erdrosselt oder erhängt wurden, bevor sie auf dem Scheiterhaufen landeten.

Friesenhagen, Rote Kapelle

In Friesenhagen ist die katholische Barockkirche, die etwas unterhalb des Jakobsweges liegt, geöffnet. Eindrucksvoll ist das geschmiedete Eisengitter der Seitenkapelle links, der Grafenkammer.

Friesenhagen, Barockkirche

Nun geht es durch den Wald zum Wasserschloss Crottorf, das im Privatbesitz des adoptierten Grafen ist. Hinter dem Drahtzaun im Wald begrüßen uns zwei kleine, bellende Hunde. Die Gaststätte ist heute wegen Ruhetag geschlossen.

Crottorf, Wasserschloss

Es geht nun wieder zurück nach NRW, wo wir unsere Mittagsrast an einer Bank mit schönem Blick über eine Wiese machen.

Bei Wendershagen

Etwas später werden wir von einem älteren E-Biker angesprochen, der uns in Friesenhagen bereits gesehen hat. Er ist gut in Form und saust nach dem Smalltalk über den Jakobsweg wieder die Straße hoch.

Heute sind die Wege recht matschig und die von der Landwirtschaft genutzen Straßen glitschig. Es riecht überall ein bisschen nach Gülle, selbst mitten im Wald. Die Felder sind offensichtlich kürzlich gedüngt worden.

In Denklingen, wo wir gegen 5 zum Einbruch der Dämmerung ankommen, werden wir von unserem Gastwirt, der kein Blatt vor den Mund nimmt, zum Gästehaus geführt. Wir gehen noch schnell etwas einkaufen und essen dann im Gasthaus Schnitzel bzw. Bauernomelette und trinken Kölsch dazu.

Hans stellt später fest, dass das Blasenpflaster unterm Fuß nicht geholfen hat; im Gegenteil darunter klafft eine offene Wunde, die er bandagiert. Er muss morgen zum Arzt, weiter zu wandern ist für ihn völlig ausgeschlossen.

Hier ist der Etappenüberblick der gesamten Wanderung.

Jakobsweg MR-K: 4. Siegen – Freudenberg

Oktober 30, 2024

Wir verbringen eine erholsame Nacht, die ausgelaugten Körper holen sich den Schlaf, den sie fürs Weiterkommen benötigen. Das Frühstück im Gasthof ist recht minimalistisch. Drei Standardbrötchen, Käse, Wurst, Marmelade, Butter, Ei, Heißgetränk. Zumindest werden wir satt. Das Gebäude unseres Gasthofs ist das einzige historische Gebäude weit und breit.

Siegen, Gasthof Meier

Siegen hat eine Städtefreundschaft mit Spandau, für die Aufnahme von Spandauer Jugendlichen bei Schulfreizeiten vor der Wende hat Spandau Siegen einen Bären geschenkt.

Siegen, Spandauer Bär

Wir haben heute eine mit 16 km recht kurze Etappe und gucken uns noch etwas die um 9 Uhr leergefegte Stadt an. Auf der evangelischen Nikolaikirche – geöffnet nur samstags von 10-12 – throhnt das Krönchen, das Wahrzeichen der Stadt, ein Geschenk des Fürsten zu Nassau-Siegen. Die geistliche wird quasi von der weltlichen Macht beherrscht.

Siegen, Nikolaikirche mit Krönchen

Wir gehen hinauf bis zum oberen Schloss, wo das um 10 Uhr öffnende Siegerlandmuseum einige Bilder von Peter Paul Rubens, der hier geboren wurde, beherbergt. Sein Vater Jan hatte übrigens eine Affäre mit Anna von Sachsen, der Frau Wilhelm von Oraniens und kam dafür 2 Jahre ins Dillenburger Gefängnis. Sie erwartete ein tragischeres Schicksal.

Eine größere Gruppe von Mitbürgern mit Migrationshintergrund, die eher französisch als deutsch verstehen, steht mit der Führerin am Eingang.

Siegen, Oberes Schloss

Ich erblicke in einem Buch das hier nicht ausgestellte Bild Caritas Romana von P. P. Rubens, das einen älteren Mann im Hungerkerker zeigt, der seiner Tochter, die ihn besucht und nichts zu essen mitbringen durfte, an der Brust saugt.

Peter Paul Rubens: Caritas Romana

Wir verlassen nun Siegen über den Bahnhof nach Westen, es geht bergauf. Wir lassen eine Hochhaussiedlung ganz oben auf dem Hügel links liegen, der Weg ist nun etwas matschig, wir treffen eine Frau mit leichtem (russischen?) Akzent, die für eine ganze Weile in dieselbe Richtung geht, aber vom Jakobsweg noch nichts gehört hat.

Westlich von Siegen, Jakobsweg

Nach einer kurzen Rast ist unser nächstes Ziel die Autobahnraststätte Siegen-Ost. Vorher geht es noch hoch auf den Buberg (439 m). Wir gehen ein Stück an der Sauerlandlinie A45 lang, trotz der Unterbrechung wegen der in Lüdenscheid gesprengten, maroden Brücke, rollt hier noch so einiger Verkehr. Allerdings sagt uns die Bedienung in der Raststätte, wo wir einen Cappuccino und das migebrachte belegte Fladenbrot auf der sonnigen Terrasse verzehren, dass die Geschäfte momentan eher mau laufen.

Herbstastern

Die Temperaturen sind auch heute wieder sehr mild, aber das Vorwärtskommen ist schwierig, die Beine schwer, das linke Knie zwickt, die Füße tun weh, Hans hat sich sogar Blasen gelaufen.

In Heisberg hat ein Rentner für die Kinder hinter einem Sprossenfenster ein Figurenensemble von Steiff-Bären etc. aufgebaut, das sich bewegt, wenn man eine Lichtschranke durchschreitet. Es gefällt mir sehr, wie der eine Bär rechts den Ball auf der Nase jongliert.

Heisberg, Spielfiguren

Das nächste Highlight ist die Kirche von Oberfischbach, die die gerade vorm Haus fegende Nachbarin nur für Pilger öffnet. In der Kirche ein Pilgerstempel und eine Orgel direkt über der Kanzel, die sich direkt über dem Altar befindet. Eine Art Dreifaltigkeit. Die Frau weist uns auch auf den Pilgerkühlschrank hin, der am Wegesrand etwas weiter oben steht, immer wieder unglaublich, auf was für tolle Ideen die Anwohner kommen, um den Pilgern das Leben zu versüßen.

Oberfischbach, Pilgerkühlschrank

Auch heute wieder jede Menge Pilze mitten auf dem Weg, ich muss aufpassen, dass ich sie nicht zertrete.

Pilze

In Freudenberg gehen wir erst einmal Sauerkirschsaft einkaufen, der gut gegen Muskelkater und Kniebeschwerden sein soll. Hier gibt es den „Alten Flecken“ mit einem großen Ensemble von Fachwerkhäusern, den wir heute verfehlen, da wir auf schnellstem Wege hoch zu unserem Hotel im Wald marschieren, es ist nach fünf und es dämmert schon wieder.

Freudenberg, Fachwerkhaus

Im Hotel treffen wir beim Essen  einen weiteren Gast, einen Mann, der beim Essen ein Skypegespräch mit seiner Frau in einer östlichen Fremdsprache führt. Das Hotel hat schon bessere Zeiten gesehen, die Sauna ist nicht funktionsfähig, am Heizkörper im Zimmer fehlt der Wärmeregler, es bleibt kalt. Gut, dass es draußen noch so warm ist und wir beide kühle Schlafräume bevorzugen.

Hier ist der Etappenüberblick der gesamten Wanderung.

Jakobsweg MR-K: 3. Hainchen – Siegen

Oktober 29, 2024

In der Nacht habe ich einen Alptraum und meine, schreiend aufzuwachen, Hans merkt davon nichts. Dennoch schlafen wir beide schlecht und wälzen uns viel.

Unsere Gastgeberin begrüßt uns mit einem fulminanten Frühstück, ich erwähne exemplarisch die köstliche mit Zimt selbstgemachte Holundermarmelade. Wir sind jetzt in NRW, man merkt es an ihrem Dialekt, sie sagt z. B. „watt“. Früher wurde hier viel aus Hessen geschmuggelt, z. B. Butter. Hessen war landwirtschaftlich geprägt und arm, im reicheren Siegerland wurde Bergbau und Verhüttung betrieben. Sie hatte vor einer Weile den Deutschland-Wanderer Günter Kromer zu Gast, der hier im Winter durch tiefen Schnee stapfte und dessen auf einer Kommode stehendes Buch ich mir vorgemerkt habe.

Die Wolken hängen auch heute wieder tief, aber es regnet nicht und es ist heute nicht neblig, die Sonne sehen wir allerdings auch nicht.

Hinter Irmgarteichen, wo die Grundschulkinder gerade auf dem Schulhof spielend ihre Pause nutzen, kommen wir erst auf einen Kreuzweg, der sich in den Wald hoch zieht. Hinter dem Friedhof stoßen wir bald auf den Rothaarsteig, den bekannten Fernwanderweg zwischen Brilon und Dillenburg, der auf meiner To Hike Liste steht.

Rothaarsteig-Markierung

Meine Füße sind heute am dritten Tag leichter, die Beine und Gelenke schmerzen weniger und wir kommen schneller voran als gestern. Die Landschaft ist meist unspektakulär, es geht viel über Wiesen und Feldwege und durch aufgelockerte Wald- und Buschgebiete.

Siegerland

An die Traumata der Feuerwehrhelfer erinnert ein Gedenkstein. Eine Frage, die man sich kaum stellt: Wer hilft den Helfern?

Anzhausen?, Feuerwehr-Gedenkstein

Ich bewundere eine akkurat und ästhetisch geschnittene Hecke, Kunst an der freien Luft inmitten der Natur.

Gartenkunst

In Niederdielfen kommen wir an der Wassermühle am aufgestauten Teich an. Wir lesen dort von den gefährlichen Mehlexplosionen, die es beim Mahlen geben kann.

Niederdielfen, Wassermühle

Auf einem Baugerüst neben der Bäckerei an der Hauptstraße machen wir unsere Mittagspause mit den beim Frühstück geschmierten Stullen und einem Kaffee aus dem Pappbecher.

Blumengruß am Wegesrand

Es geht nun aufwärts zur Wallfahrtskapelle Eremitage, die wir links liegen lassen. Anschließend umrunden wir die äußerlich saubere und nicht stinkende riesige Mülldeponie halb. Über uns kreisen die Krähen. Wir lauschen dem Geräusch der heruntergefallenen gelbroten Blätter, die wir mit den Füßen aufwirbeln.

Krähen

Kurz vor drei erreichen wir unser Etappenziel, die Großstadt und das Oberzentrum Siegen. Es geht zum Teil steil abwärts. Gut, dass ich meine Wanderstöcke dabei habe. Die katholische Kirche St. Marien ist geöffnet, aber sehr duster innen. Sie stammt aus dem 17. Jahrhundert und wurde von Jesuiten erbaut.

Der Ort döst um diese Zeit im Mittagsschlaf dahin, fast alle Geschäfte sind zu. Über eine stark frequentierte Kreuzung kommen wir zu unserem Gasthof, einem historischen Gebäude, wo wir in einem Nebengebäude unterkommen. Die Altstadt Siegens wurde Ende 1944 bei einem Luftangriff der Engländer fast völlig zerstört.

Nachdem wir uns etwas ausgeruht haben, machen wir kurz nach fünf einen kurzen Stadtrundgang, es beginnt bereits zu dämmern. Es geht hinauf zur der ältesten Kirche der Stadt, der evangelischen Martinikirche, dann zum Schloss, gegenüber ein modernes Unigebäude. Das Museum für Gegenwartskunst ist schön bunt beleuchtet. 

Siegen, Museum für Gegenwartskunst

Wir flanieren die recht übersichtliche Fußgängerzone rauf und runter, überqueren die Siegbrücke mit den Statuen für die beiden Industriezweige, denen die Stadt ihren Wohlstand verdankt, dem Bergbau und dem Hüttenwesen. Im Apollo-Theater stehen am Eingang als Nonnen verkleidete junge Frauen, es wird das Musical Sister Act gegeben, nicht gerade unser cup of tea.

Siegen, Bergmann (Henner) auf Siegbrücke
Siegen, Frieder (Hüttenmann) auf Siegbrücke

Abends essen wir in der gut besuchten Gaststube unseres Gasthofes Bratkartoffeln und trinken frisch gezapftes Pils dazu.

Hier ist der Etappenüberblick der gesamten Wanderung.

4207

Oktober 28, 2024

Herbstwaldwanderung

Füße pflügen durch das Laub

Blättermeerrauschen

Jakobsweg MR-K: 2. Niedereisenhausen – Hainchen

Oktober 28, 2024

Nach einer erholsamen Nacht – die Zusatzstunde durch die Zeitumstellung haben unsere Körper gebraucht – beginnt der Tag mit einem sehr reichhaltigen auf einem Brett servierten Frühstück, das wir im Zimmer einnehmen. Es gibt sogar weiche Eier.

Draußen ist es feucht, es hat über Nacht geregnet. Kurz nach 9 verlassen wir die Unterkunft, Im Ort besichtigen wir die schmucke, restaurierte Fachwerkkirche, der Schlüssel ist in einem Körbchen am Eingang eines  Nachbarhauses. In der Kirche ist es aufgrund der geweißelten Wände sehr hell, die holzgeschnitzte Kanzel ist von 1730. Über eine Seitentür gelangt man zur Empore.

Niedereisenhausen, Fachwerkkirche
Niedereisenhausen, Kircheninnenraum

Im Ort kommen wir an einer eindrucksvollen Fachwerkhausfassade vorbei, hier wurde die Technik des hessischen Kratzputzes angewendet, die seit 2016 zum immateriellen Kulturerbe zählt und im Marburger Umland verbreitet ist.

Niedereisenhausen, Fachwerkhaus

Wir erhaschen einen Blick auf die Perf, das Bächlein, das auch unserer Unterkunft Perf-Au-Blick ihren Namen gegeben hat.

Niedereisenhausen, Perf

Es bleibt heute den ganzen Tag mehr oder weniger trocken, wir kommen durch Niederhörlen, das seine Fachwerkkirche dem Hessenpark Neu-Anspach gespendet hat. Ansonsten gibt es hier fast nur moderne Häuser. Über Oberhörlen kommen wir zum Galgenberg. Am Wegrand gelegentlich Hagebutten, bei dem trüben Wetter wäre ein Tee gar nicht schlecht. Auf einer Wohlfühlbank entspannen wir ein halbes Stündchen, das tut den geschundenen Füßen sehr gut.

Hagebutten

In Steinbrücken sieht man im Hintergrund eine Wacholderpflanzung. Bald erreichen wir den Standort der ehemaligen Phillippsbuche, die zu Ehren der Rückkehr des für die Reformation in Hessen wichtigen Landgrafen Philipp des Gutmütigen aus niederländisch-spanischer Gefangenschaft 1552 gepflanzt worden war. 1963 musste sie gefällt worden und es wurde ein Ableger an der gleichen Stelle gepflanzt.

Simmersbach, Wacholderfläche
Simmersbach, Philippsbuche

Vor Steinbrücken machen wir unweit der stillgelegten Bahnstrecke auf einer Bank unsere Mittagsrast. Es fängt leicht an zu tröpfeln, hört aber gleich wieder auf.

In einer Schutzhütte liegt auf dem Tisch ein Prachtexemplar eines Steinpilzes. An der Wand hängt ein spöttisches Gedicht über das Bergwaldschwein. Wir fühlen uns nicht wirklich angesprochen.

Steinpilz
Gedicht übers Bergwaldschwein

Die Fachwerkkirche in Steinbrücken ist leider geschlossen. Zwei adoleszente Mädchen gönnen sich hinter der Kirche bei Rapmusik eine Zigarette.

Steinbrücken, Kirche
Collage mit Blumentopf

Nun geht es durch die nichtendenwollende Ortschaft Ewersbach, wo Rittal Schaltschränke in großem Stil produziert. Nahebei steht das Automuseum des betuchten Inhabers Friedhelm Loh mit vielen Oldtimern und Sportwagen.

Wir gehen weiter nach Rittershausen, wo wir bei einem heißen Kakao Kräfte schöpfen. Mir fällt das Gehen heute sehr schwer, die Füße fühlen sich an wie Blei, ich schleppe mich so dahin.

Es ist jetzt schon nach drei und wir sehen ein Schild, dass es noch 9,7 km bis zu unserem Ziel sind. Wir haben also erst die Hälfte der Tagesetappe geschafft. Wir geben nun Gas, um vor der Dunkelheit in Hainchen anzukommen. Der schöne Wanderweg parallel unterhalb der Straße verläuft leider im Waldnirvana. Wir müssen quer durch den Wald und scheuchen Hirsche auf. An der Landstraße geht es weiter, der Verkehr hält sich in Grenzen, aber die Autos fahren schnell, es ist neblig und fängt an zu dämmern. Nach einer Abkürzung über einen befestigten Waldweg landen wir kurz vor sechs nach Einbruch der Dunkelheit in Hainchen, das letzte Haus am Ortsausgang gehört unserer Gastgeberin.

Außer uns residieren zwei Monteure hier, die gerade kochen. Wir bekommen von unserer Wirtin ein paar kleine Flaschen Bier und lassen den Abend gemütlich ausklingen. Mein Abendbrot besteht aus vier Cookies, im Ort gibt es leider kein Restaurant.

Hier ist der Etappenüberblick der gesamten Wanderung.

Jakobsweg Marburg – Köln: Prolog

Oktober 26, 2024

Nach der Arbeit mache ich mich auf zum Berliner Hauptbahnhof. Mein ICE nach Kassel entfällt. Stattdessen quetsche ich mich in einen ICE Richtung Düsseldorf, wo ich Glück habe und im ersten Familienwagen gegenüber einem Großvater mit seinem auf einem Smartphone herumspielenden Enkel und einer Ostasiatin mit ihrem Säugling, der auf dem Tisch mit ihrem Smartphone in der Hand herumkrabbelt, einen Sitzplatz am Fenster finde. Der Zug ist rappelvoll, wenn meine Nachbarin mit ihrem Kind für eine Minute aufsteht, kommt sofort jemand vorbei und fragt, ob der Platz frei ist.

In Hannover habe ich eine halbe Stunde Aufenthalt. Im Bahnhof herrscht ein reges Treiben. Ich höre weiter den Reflektor-Podcast von Jan Müller von Tocotronic, und zwar den 2. Teil seines Gesprächs mit Wolf  Biermann, dem man alles vorwerfen kann, aber sicher keinen Minderwertigkeitskomplex. Besonders schön die Szene auf dem Friedhof von Montmartre, wo sein „Kollege“ Heine von seinem Denkmal steigt, mit ihm spricht und darüber staunt, wie er es geschafft hat, von Deutschland nach Deutschland zu emigrieren. Der Zug nach Frankfurt ist nicht mehr ganz so voll, ich finde wieder Platz an einem Tisch neben zwei sich rege unterhaltenden Männern, evtl. Vater und Sohn. Der Podcast neigt sich dem Ende zu. Biermann echauffiert sich aufgrund leise vorgetragener Vorbehalte – es geht u. a. um Sascha Anderson – und wechselt vom Du ins Sie und am Ende wieder zurück ins Du.

20h15 komme ich im Dunkeln in Marburg an. Hans, mein Nachbar, mit dem ich die nächste Woche auf dsm Jakobsweg nach Köln wandern möchte, holt mich ab. Wir gehen zur Gartenlaube, unserer Unterkunft in der Nähe der Elisabethkirche und anschließend in ein indisches Restaurant nahebei, wo wir uns stärken. Die Gespräche drehen sich um Gott und die Welt, wir werden uns in den nächsten Tagen, was die Konversation angeht, sicher nicht langweilen. Kurz nach elf gehen wir ins Bett. Die Nacht ist mittelprächtig, ich scheine nicht einzuschlafen und wache gegen halb fünf auf und liege wach.

Hier ist der Etappenüberblick der gesamten Wanderung.

4094

August 28, 2024

Öse gerissen

Geplante Obsoleszenz

der Wanderschuhe

4066

August 18, 2024

Sechstausend km

Acht Monate Deutschlandtour

Nächte unterm Tarp

[Gerald Klamer – Der Waldwanderer]

Eifelsteig, 15. Etappe: Burg Ramstein – Kordel (- Trier)

Juli 28, 2024

Ich werde nach einer erholsamen Nacht in dem etwas zu kurzen Bett im Hotel Burg Ramstein von prasselndem Regen geweckt. Nach dem Verfassen des Tagebucheintrags vom Vortag entscheiden wir uns noch vor dem Frühstück angesichts des Regenradars, der für den ganzen Tag Niederschlag für die Region prognostiziert, die letzte Wanderetappe – von gerade mal rund 15 km – buchstäblich ins Wasser fallen zu lassen.

Wir gehen im Regen den Fußweg hinter der Burg hinunter zum Parkplatz und dann weiter auf der Straße zurück nach Kordel, insgesamt 3 Kilometer. Dort nehmen wir die Regionalbahn nach Trier.

Am Trierer Hauptbahnhof schließt sich ein Kreis. Bereits bei unserer Ankunft in Aachen vor 15 Tagen waren wir Zeuge einer ungewöhnlichen Szene gewesen. Auf dem Weg vom Hbf zu unserem Hotel am Lousberg hatten wir in Bahnhofsnähe eine in der Straße laut herumschreiende Frau getroffen. Sie schrie einen Mann an, der ruhig blieb, es könnte ein Dealer gewesen sein. Am Trierer Hbf auf dem Gleis gegenüber war wieder eine Frau, die  herumkrakeelte. Sie war offensichtlich betrunken und lief einem Mann hinterher, der sich ihrer nicht entledigen konnte. Interessant, dass beide Frauen Männer anschrieen, wenn Männer in der Straße meist fluchend herumbrüllen, dann wenden sie sich an niemanden direkt, dann reden sie eher laut mit sich selbst. So ein Typ war uns in Aachen übrigens auch etwas später auf dem Weg zum Hotel begegnet.

In Trier deponieren wir unsere Rucksäcke im Schließfach und genießen es, ganz langsam mit dem Regenschirm zur Porta Nigra und dann durch die Fußgängerzone zum Markt zu gehen, wo wir uns draußen unter den Schirm in ein Café setzen und bei einem Cappuccino entspannen und dem Treiben auf dem Wochenmarkt zuschauen. Wir machen heute buchstäblich nichts außer etwas Shopping. Neben dem Buch Denkanstöße 2024 mit Essays diverser Fachautoren zu aktuellen Themen wie Klimawandel, Generationenkonflikt und Kampf der Supermächte kaufe ich mir in der schließenden Kaufhausfiliale, wo alles reduziert ist, eine neue, etwas weitere Wanderhose, da die Alte selbst nach dem Nähen der aufgeplatzten Nähte auf der Wanderung wieder kaputt gegangen ist. C. kauft sich das neue Buch von Charly Hübner über Uwe Johnson.

Ansonsten passiert heute nur wenig, der Regen stoppt immer nur kurz und setzt immer wieder neu ein, wir checken um 15 Uhr im Hotel in Trier-Nord ein, wohin wir noch einmal 2 km an einer Ausfallstraße im Regen laufen. Dort gehe ich in die Biosauna, keine Ahnung, was der Unterschied zur normalen Sauna ist (doch nicht etwa die farblich changierende Lichtsäule in der Mitte der recht dusteren Biosauna?), die rappelvoll ist, während ich nach mehreren Aufgüssen alleine vor mich hinschwitze. Im Ruheraum chille ich auf der Liege, während der Typ schräg gegenüber pennt und schnarcht.

Damit geht eine Wanderung zu Ende, die nicht immer ganz einfach war, aber auf jeden Fall jeden Tag Überraschungen für uns bereitgehalten hat. Jeder Tag war ein Abenteuer, jede Etappe eine Herausforderung. Wir haben drei exzeptionelle Unterkünfte gehabt (Ferienwohnung Mastiaux in Mirbach, Kurfürstliches Amtshaus in Daun und Burg Ramstein), die meisten Logis waren gut bzw. zufriedenstellend. Wir haben interessante Menschen kennengelernt, sowohl Wanderer als auch Gastgeber. Bei vielen von ihnen hatte ich das Gefühl, dass ich sie schon vorher kannte, obwohl ich sie in diesem Leben sicher noch nie getroffen hatte. Insgesamt mal wieder eine sehr runde Sache. Mal sehen, wie es weitergeht.

Trier, Porta Nigra

Zur Etappenübersicht

Eifelsteig, 14. Etappe: Burg Bruch – Burg Ramstein

Juli 27, 2024

Vormittags Regen
Wir kämpfen uns durch den Wald
Zur Ruine rauf

Nach einer nur halbwegs erholsamen Nacht im zu warmen Zimmer im 2. Stock unter dem Dach frühstücken wir gemeinsam kurz nach 8 Uhr mit Ineke und Jap, dem holländischen Paar, in einem antik eingerichteten Gutshauszimmer im Erdgeschoss. Außer uns in dem anderen Zimmer fünf weitere Wandergäste.

Heute ist Regen angesagt und wir haben für die lange Etappe gleichzeitig einen festen Zeitplan, um rechtzeitig auf Burg Ramstein um 18 Uhr zum Abendessen anzukommen. Mit Regenjacke und -schirm ausgerüstet wagen wir uns hinaus. Es wird bis gegen Mittag regnen, wobei der Regen langsam nachlässt, wir werden also nicht klatschnass, wenn man von den Schuhen absieht.

Nach Gladbach geht es hinauf durch den Wald. Und wieder runter, rauf, runter. Plötzlich hinter dem Ort rechts auf einer freien Fläche im Wald eine große PV-Anlage, die erste, die wir auf dem Weg bewusst sehen.

Gladbach, Sonnenkollektoren

Durch Felder geht es auf dem Hochplateau nach Greverath.

Vor Greverath

Die Blumen des Tages die Hortensien, die heute ganz in ihrem feuchten Element sind.

Greverath, Hortensien

Auf dem Weg viele Nacktschnecken, aber auch Weinbergschnecken. Auf einer großen Lichtung im Wald in über 200 Meter Entfernung steht ein Reh, das Reißaus in den Wald nimmt, als es uns wenig später wahrnimmt.

Im Wald sehen wir bald vor uns in der Ferne eine Person. Es ist Gesche, die junge Wanderin, die wir zuerst auf dem schmalen Lieserpfad getroffen hatten. Sie hatte in Gladbach übernachtet, wir haben also etwa 90 Minuten reingeholt, die Etappe läuft nach Plan.

Das Rothaus, das wir passieren, hat wegen Personalmangel geschlossen. Deutschland hat ein riesiges Personalproblem, das sich sicher weiter verschlimmern wird, wenn nicht bald mehr dagegen getan wird. Gerade auf dem Lande sieht es sehr düster aus, das hat uns diese Eifeldurchquerung gezeigt. Oft wird auf ältere Arbeitskräfte, die im Rentenalter sind, zurückgegriffen, wie heute morgen beim Frühstück, man fragt sich allerdings, warum es hier z. B. nicht mehr junge Migranten in den Hotel- und Restaurantbetrieben gibt.

Durch Zemmer gehen wir geradeaus durch und sparen uns so ca. 2 km. Hier machen wir an einer überdachten Bushaltestelle nach über drei Stunden Gehen unsere erste wohlverdiente Pause.

Hinter Rodt

Auf so einer längeren Wanderung gibt es immer wieder Momente, wo man keine Lust hat, auch nur einen weiteren Schritt zu tun, weil die Knochen, die Gelenke und die Sehnen schmerzen und das Wandern so völlig sinnlos erscheint. Bei mir war es heute beim relativ steilen Abstieg auf matschigem Weg durch den Wald von Roth runter zur Deimlinger Mühle an der Straße nach Daufenbach. Jeder Schritt war sowohl für die Füße als auch insbesondere die Kniee ein Martyrium. In solchen Fällen hilft nur eins: Durchbeißen. Und am Ende haben wir ja auch diese Etappe zu einem erfolgreichen Ende gebracht.

Im aufgrund der tieferen Lage sommerlich warmen Daufenbach warten wir auf den Zug nach Kordel, weil eine Brücke über die Kyll seit der Flut vor drei Jahren gesperrt ist. Alternativ benutzen einige die Eisenbahnbrücke, uns kommt die Zugunterbrechung jedoch ganz gut zupass, weil die lange Etappe so um knapp 4 km verkürzt wird.

In Kordel gehen wir einen kaum frequentierten Radweg zwischen Kyll und Bahnlinie, kommen an einer auffälligen roten Felsformation mit einer Marienfigur drin vorbei und können bald unser Tagesziel, die das Tal überragende Burgruine Ramstein erblicken.

Kordel, Maria im Fels
Burg Ramstein

Wir haben jetzt nur noch einen kurzen Aufstieg vor uns und schleppen uns mit den letzten Kräften zu unserem Hotel, wo wir bald ein Menü mit Melone und Schinken, Schnitzel mit Pommes und Salat, sowie einen sahnigen Käsekuchen zu uns nehmen dürfen. Bei der anschließenden Besichtigung der in Familienhand befindlichen Burgruine lassen wir uns noch fast aussperren, aber am Ende kommen wir wohlbehalten in unsere Kojen.

Burg Ramstein
Burg Ramstein von innen

Zur Etappenübersicht

Eifelsteig, 13. Etappe: Kloster Himmerod – Bruch

Juli 26, 2024

Das Salmtal hinab
Etappe zum Genießen
Wir sind nicht allein

Vor dem Frühstück, das pünktlich um 8 beginnt, werfen wir noch einen Blick in die Gnadenkapelle, wo es nach der Messe nach Weihrauch riecht. Innen auch ein Dankesstein für Maria von einem Soldaten, der hier 1944 im Lazarett war.

Wir frühstücken mit einem Paar in unserem Alter, sie wohnt in Düren und macht ihre Exerzitien hier. Sie erzählt von den Überschwemmungen vor drei Jahren, wo Düren um 7 cm der Katastrophe entging, andere Orte lagen gar nicht an einem Gewässer, wurden aber trotzdem völlig überraschend überschwemmt, weil das Wasser über den Berg stieg, der sie von einem überschwemmten Tal trennte.

Die dreischiffige barocke Abteikirche ist – für den Zisterzienserorden typisch – innen sehr schlicht ausgestattet. Auffällig ist der große Chorraum.

Am Ausgangstor fällt mir noch eine Tafel auf, Himmerod ist der Ort, wo nach Gründung der Bundeswehr das Konzept der inneren Führung, das einen Eckpfeiler unserer demokratisch legitimierten Armee darstellt, ausgearbeitet wurde.

Kloster Himmerod, Bundeswehrtafel

Heute haben wir eine der gemütlichsten Etappen des Eifelsteigs vor uns, es geht fast die ganze Zeit rund 20 km die Salm abwärts, Steigungen sind eher Ausnahmen. Sehr bald treffen wir ein jüngeres holländisches Paar, das auch in Himmerod übernachtet hat und gehen längere Zeit gemeinsam. Sie kommen aus Gouda zwischen Utrecht und Amsterdam, haben schon ältere, recht selbstständige Kinder und machen ihre erste Fernwanderung. Sonst fahren sie passioniert Rad. Ihr Fernziel Trier, das Nahziel die Burg Bruch, wo auch wir nächtigen werden. Wir kommen an einer Mühle vorbei, wo Eidechsen in der Sonne vor uns weghuschen. Irgendwann lassen wir die Holländer ziehen, da sie auch aufgrund der kleinen Rucksäcke schneller sind und wir eine Trinkpause machen.

Ich komme im weiteren Verlauf auf philosophische Gedanken der Form, dass der Weg unser Meister ist, dem wir uns anpassen müssen. Wenn es hochgeht, müssen wir genauso das Tempo rausnehmen, wie wenn es runtergeht. Wenn wir mit ihm harmonieren, mit ihm atmen, wird es uns gut gehen etc.

Vor Landscheid unterqueren wir die Autobahnbrücke der A60. Im Ort verlassen wir den Weg und halten unsere Mittagsrast mit Butterbroten im Schatten auf einer Mauer nahe der Kirche, Bänke gibt es keine. Etwas weiter im Ort liegt eine Bäckerei mit Café, wo wir uns einen Capuccino mit Zwetschgenkuchen genehmigen. Bald gesellen sich unsere holländischen Wanderfreunde hinzu, die ebenfalls eine Kaffeepause einlegen. Über uns fliegen mehrere Tiefflieger hintereinander eine scharfe Kurve und verursachen einen ohrenbetäubenden Lärm. Ein paar Kilometer westlich liegt Spangdahlem, eine US-Air Base, die Teil der weiter südlich in Ramstein stationierten 3rd Air Force sind. Ein idyllisches Eifelstädtchen stelle ich mir anders vor. Dafür gibt es hier einen Maibaum, obwohl Bayern weit weg ist.

Landscheid, Maibaum

Kurz hinter dem Ort gibt es im Wald eine Umleitung links hinunter aufgrund von Baumfällarbeiten, man hört im Hintergrund Sägegeräusche. Das Besondere an ihr ist, dass sie 1,3 km kürzer ist als der Originalweg, der eifelsteigtypisch einen großen Schlenker in Form einer Haarnadelkurve macht.

Auch auf dem Eifelsteig liegen viele entwurzelte Bäume bzw. stehen kahle, tote Bäume. Ein trauriges Bild, aber nicht so flächendeckend wie z. B. im Taunus, Harz oder Thüringer Wald.

Tote Bäume (Lärchen?)

Nachdem wir aus dem Salmtal kurz heraustreten, hören wir auf der Wiese die Grillen zirpen.

Wir sind heute die meiste Zeit im Wald, es kommen aber immer wieder Lichtungen mit schönen Ausblicken, die das Auge entspannen.

Eifelwiese im Wald

Eine Braunviehherde mit Kälbern, deren eines vergeblich versucht, am Euter der Mutter zu saugen, weidet ansonsten ruhig vor sich hin.

Kuhherde

Auf dem Weg einige schwarze Mistkäfer, teils unterwegs in Richtung Trier, teils in Richtung Aachen. Kurz vor unserem Ziel kommen wir an einer, kleinen abgezäunten Wiese vorbei, wo zwei zutrauliche Ziegen grasen.

Peter und Paul

In Bruch setzen wir uns auf eine erhöhte Baumelbank im Schatten, wo man die Beine baumeln lassen kann, erfrischen uns innerlich mit kühlen Getränken aus dem Automaten und äußerlich durch eine kurze Kneipprunde in der steinigen Salm, die gar nicht so kalt ist wie erwartet.

Hier gibt es eine Ölmühle, deren Mühlrad läuft. Sie lieferte früher die elektrische Energie für das Dorf.

Bruch, Olmühle
Bruch, Mühlsteine

Wir kommen heute in der Burg Bruch im 2. Stock im urigen Zofenzimmer mit Holzbalken unter der Decke unter. Auf dem Burganwesen gibt es einen viel besuchten Biergarten, wo wir gemeinsam mit den Holländern den Abend ausklingen lassen.

Bruch, Burg
Bruch, Burg: Gästehaus

Zur Etappenübersicht

Eifelsteig, 12. Etappe: Manderscheid – Kloster Himmerod

Juli 25, 2024

Über Stock und Stein
Rast über Lieserschleife
Neunzig Jahre jung

Es ist lustig, in unserem spartanischen Jugendherbergszimmer schlafe ich besser als im Himmelbett in der Suite in der Nacht zuvor. Morgens beim Frühstück kurz vor acht ist noch wenig los, die kleinen Kinder mit Lehrern kommen erst gegen halb neun und es wird lebendiger.

Wir müssen morgens noch zum etwas abgelegenen Supermarkt im Gewerbegebiet, wo wir unser Lunchpaket für deutlich unter 5 Euro selbst zusammenstellen.

Es ist morgens bedeckt, im Laufe des Tages wird die Sonne rauskommen. Im Ort sind einige Wanderer bzw. Kletterer unterwegs. Wir sind schnell auf unserem schmalen Pfad nach Süden, der rechts vom Felsen begrenzt wird und steil nach links zur Lieser abfällt, die sich unten ihren Weg durch die Vulkanlanschaft sucht. Es eröffnen sich diverse Blicke auf die beiden Burgen.

Manderscheid, Niederburg
Manderscheid, Nieder- und Oberburg

Wir passieren einige hölzerne Schutzhütten, die kunstvoll auf der Talseite in schwindelerregender Höhe befestigt sind. Die Lieser unten kann man unter den Baumkronen nur ahnen. Plötzlich steht vor uns eine junge Frau mit kompaktem Rucksack, sie schmiegt sich an die Felsseite, ich komme an der Bachseite so gerade an ihr vorbei. Wir werden sie heute noch öfter treffen.

Lieserpfad

Auf dem Weg, der einige Kilometer hier oben verläuft, muss man sich etwas konzentrieren, ein falscher Schritt zu weit nach links kann katastrophale Konsequenzen haben. Irgendwann geht es dann durch den Wald hinunter zur Lieser über eine Brücke. Unten ist der Weg oft ziemlich matschig, ich tauche mit meinen flachen Wanderschuhen tief ein, ohne ganz stecken zu bleiben. Es geht sogleich wieder steil bergauf – den ganzen Tag ein kräftezehrendes permanentes Auf und Ab – zu einem Aussichtspunkt mit Sicht auf einen kleinen, runden Wiesenzipfel im Wald. Hier steht die junge Wanderin, die dasselbe Tagesziel wie wir hat und bewundert den Blick und die Schönheit der Natur.

Wir steigen weiter auf zu einem Gerstenfeld am Wegrand, in dem es seltsame, leise Geräusche gibt, als wäre das Feld elektrisch geladen. Wir vermuten, dass es sich um Heuschrecken handelt, die dort herumspringen, die wir allerdings nicht sehen können.

Unsere Mittagspause machen wir 300 m abseits des Eifelsteigs in der Schutzhütte am Burgberg. Hier wurde ein Aluminium-Ponton gebaut, so dass man über die Baumwipfel hinaus auf die unten mäandernde Lieser blicken kann. Rechts ist nur ein schmales Stück erkennbar. Wir genießen hier zu zweit den Wurstsalat mit zwei Brezeln, einer Apfeltasche und 0,5 Liter köstlichem Ayran und einem guten Schluck Wasser. Immer wieder erstaunlich, wie viel besser das Essen und Trinken draußen nach körperlicher Anstrengung mundet.

Burgberg, Lieserblick

Die letzten Kilometer der Etappe bewegen wir uns unten auf Wiesenwegen bzw. auf der schmalen Straße. Am Wegesrand eine halbe Stunde vor dem Ziel noch eine Liegebank, der wir uns nicht entziehen können.

Auf der Wohlfühlbank

Hinter der letzten Waldkuppe geht es dann hinunter zum schlichten barocken, ursprünglich im 12. Jahrhundert von Bernhard von Clairvaux gegründeten Zisterzienserkloster der Abtei Himmerod. Seit einigen Jahren gibt es hier bis auf Bruder Stephan, der gerade 90 geworden ist, keine Mönche mehr. Er hält sich fit mit Joggen und Schwimmen im nahegelegenen Teich. Ein eher unkonventioneller, ökumenisch denkender Mönch, der seit über 60 Jahren hier ist und zusammen mit dem Förderverein, der den aktuellen Betrieb des Ladens, der Gärtnerei, des Gästehauses, der Fischerei etc. sicherstellt, mit dem Rektor der Abteikirche bezüglich der zukünftigen Nutzung der Abtei im Zwist liegt. Die Erhaltung der Klostergebäude kostet jährlich 150.000 Euro, denen keine entsprechenden Einnahmen gegenüberstehen.

Wir essen ein Eis vom Klostershop und beziehen unser einfaches, aber zweckmäßig mit Schreibtisch eingerichtetes Zimmer inkl. Dusche und Bad und sputen uns mit der Körperpflege, da wir nur 30 Minuten Zeit haben, bis pünktlich um 18 Uhr das Abendbrot beginnt. Auch hier schmecken die einfachen Speisen ganz hervorragend, es gibt Kartoffel- und Krautsalat sowie sehr leckeres frisches Graubrot mit bissfester Krume aus der Klosterbäckerei. Wir lernen kurz den sympathisch-offenen Bruder Stephan kennen und gucken uns anschließend noch auf dem weiträumigen Anwesen um. Dabei treffen wir die junge Wanderin wieder, die im direkt hinter der Klostermauer liegenden Gasthaus untergekommen ist. Wir reden übers Wandern, sie macht ihre erste Tour alleine, um reinzuschnuppern, ist in Daun gestartet und geht auch bis Trier.

Draußen vor der Klostergaststätte wird noch bis in die Dunkelheit gequatscht, während wir bei offenen Fenstern kurz vor zehn in unseren wohlverdienten Schlaf wegdämmern.

Kloster Himmerod
Kloster Himmerod, Jesuskopf

Zur Etappenübersicht

Eifelsteig, 11. Etappe: Daun – Manderscheid

Juli 24, 2024

Um die Maare rum
Perfektes Regentiming
Schmaler Höhenpfad

Auf der Terrasse unseres Hotels nehmen wir unter einer Linde bei sich langsam zuziehendem Himmel das bis jetzt opulenteste Frühstück der Wanderung ein.

Wir kommen erst relativ spät kurz vor zehn los, meine Füße sind schon fast auf Entzug und freuen sich, als wir endlich loswandern. Auf dem Weg erhaschen wir bald einen Blick zurück auf die Frühstücksterrasse.

Daun, Kurfürstliches Amtshaus

Die Leute grüßen hier alle normal mit „Morgen“, selbst der junge Mann südasiatischer Herkunft mit seinem Blumenstrauß, ich bin noch im Berliner „Hallo“ – Modus.

Im Süden von Daun liegt der Kurpark mit vielen geschwungenen Liegebänken, für die es uns jedoch noch etwas früh erscheint. Es ist gegen Mittag Regen angesagt und wir hoffen dem zu entgehen, was uns auch relativ gut gelingt.

Daun, Kurpark
Daun, Kurpark

Wir kommen zum ersten Vulkansee unserer Wanderung, dem Gemündener Maar. Hier geht es bald zwischen den Bäumen aufwärts zum Dronketurm, von dem man eine phantastische Aussicht auf Daun und das Gemündener Maar hinter uns hat. Wir sind hier nicht die Einzigen, es sind jede Menge Tageswanderer unterwegs. Nahebei grasen einige Schafe, die sich an den Bäumen eng zusammenstellen.

Dronketurm
Dronketurm, Blick auf Daun

Wir setzen den Weg fort und gehen fast komplett um das Weinfelder Maar herum. Inzwischen fängt es an, etwas zu tröpfeln, ich ziehe die Regenklamotten an, was wie so oft dazu führt, dass ich statt durch das bisschen kühlen, erfrischenden Regen durch meinen eigenen klebrigen Schweiß von innen nass werde. Den Teufel mit dem Beelzebub  ausgetrieben…

In Schalkenmehren machen wir rechtzeitig, bevor es richtig zu regnen beginnt in einem Gasthaus draußen unter einer Markise gegen 12 Mittagspause. Neben uns eine Gruppe von mittelalten Holländern mit drei kleinen Hunden.

Es kommt jetzt bald die Sonne raus und wir setzen unseren Weg fort in Richtung Lieser. In den Wiesen um uns herum zirpen die Grillen, als gäbe es kein Morgen.

Blick auf Schalkenmehren

Es geht nun einige Kilometer meist bergab bis wir schließlich zu dem Teich eines Angelvereins kommen, wo wir eine Mutter und Tochter mit Rucksäcken, die wir schon vorher am Dronketurm getroffen hatten, in der Sonne – ich denke noch „wie kann man nur?“ – rasten sehen, wahrscheinlich um zu trocknen. Der nächste Regenguss steht kurz bevor. Wir steigen ins Tal der Lieser hinab, wo zwar die Udersdörfer Mühle final geschlossen ist (Führer veraltet), dafür aber wenige hundert Meter weiter die Pension Haus Liesertal (als Einkehr nicht im Führer) Getränke und Snacks in einem Häuschen anbietet, wo man sich selbst bedienen kann und Geld in einen auf dem Tisch befestigten Briefkasten einwerfen kann. Eine hochwillkommene Überraschung. Jetzt fängt es richtig an, zu schütten und wir sitzen im Trockenen.

Nach dem Guss gehen wir den hochgelobten Lieserpfad an dem gleichnamigen Bach entlang Richtung Manderscheid. Anfangs an Weiden vorbei. Hier grasen die dunklen Büffel, die für den Mozzarella zuständig sind. Die Luftfeuchtigkeit ist hoch. Ich werde zunehmend von sehr anhänglichen Bremsen geplagt, die mich in die Arme bzw. Waden stechen. Bis ich dann später die biologische Variante des Anti-Brumm-Sprays zu Hilfe nehme. Dann ist Ruhe. Außerdem fällt mir ein anderer leicht nerviger Genosse auch auf dieser Wanderung auf. Der einzige Vogel, den man hier tagsüber außer gelegentlichen hohen Greifvögelschreien hört, ist der Gartenrotschwanz mit seinem an Einfallslosigkeit nicht zu überbietenden monotonen Gepfeife.

Wir sind insbesondere in der ersten Hälfte nicht sehr beeindruckt vom heutigen Teil des Lieserpfads, es gibt einige breite Wirtschaftswege, dann zum Teil grob geschotterte Strecken, die nicht schön zu gehen sind für die strapazierten Füße. Es gibt allerdings auch Wurzelwege und die letzten Kilometer vor Manderscheid wird der Weg zu einem Höhenpfad, links tief unten die Lieserschlucht, rechts die Felswand.

Lieserpfad-Markierung

Es kommt noch ein kurzer Regenguss, den ich voll mitkriege, der mir aber nichts anhaben kann, da bald wieder die Sonne scheint und ich schnell trockne.

Wir sind mal wieder in unserem Trott, da steht rechts unterhalb des Weges mit Blick auf eine Wiese eine Wohlfühlbank. Wir chillen kurz, ich vergewissere mich, dass unser Zimmer bis 19 h reserviert ist und es geht weiter. Das Schönste am Wandern ist das Innehalten, sind die Pausen.

Lichtspiele im Wald

In der Ferne sieht man schon die Oberburg von Manderscheid, die von den Erzbischöfen von Trier gebaut wurde, während die dahinter liegende Unterburg auf der anderen Bachseite luxemburgisch war.

Wir durchqueren den 1300 Seelenort, wo gerade die Lichter auszugehen scheinen – wir passieren nur Restaurants, die geschlossen sind – und kommen an der Jugendherberge an, wo das Internet gerade nicht geht – die Telekom weiß schon Bescheid – und uns ein klassisches JH-Mahl erwartet mit lauwarmem Essen. Das  Zimmer mit zwei Etagenbetten plus Matratze unter einem Bett strahlt den Charme einer Bundeswehrstube in den frühen Achtzigern aus.  Man kann nicht jeden Tag wie ein Fürst residieren…

Oberburg Manderscheid
Manderscheid, Jahrtausendbrunnen

Zur Etappenübersicht

Eifelsteig, 8. Etappe: Mirbach – Hillesheim

Juli 21, 2024

Morgendlicher Flow
Gut besuchter Wasserfall
Der Durst wandert mit

Nach dem gemütlichen Frühstück mit Ingwershot, Zitronenkuchen sowie Joghurt mit Nektarine und grünem Tee in der Küche schließen wir zwanzig vor neun die Tür unserer Ferienwohnung. Glücklicherweise ist unsere Landlady schon zurück von der Versorgung der Tiere, so dass wir die vergessenen Stöcke wiederbekommen.

Unter der Unterführung der Landesstraße liegt eine totgefahrene Elster, immer wieder Tierkadaver auf den Straßen, viel zu viele.

Wir gehen einen Grasweg hoch und werden bald mit einem schönen Blick zurück auf die neuromantische Erlöserkirche in Mirbach, die vom Kammerherrn von Wilhelm II. 1902 errichtet wurde, belohnt.

Mirbach, Erlöserkirche

Heute bewegen wir uns zunehmend in der offenen Landschaft, der Wald wird im Laufe des Tages dünner und weicht Wildwiesen mit Raps, Borretsch, Ackerrettich, Büschelschön, Sonnenblumen etc. sowie Getreidefeldern. Das ist heute, wo mit 29 Grad der bisher heißeste Tag der Wanderung ist, für unsere Körper eine besondere Herausforderung. Nachdem man etwas getrunken hat, trocknet der Mundraum schon nach kurzer Zeit wieder aus, insbesondere, wenn man, wie ich oft mit offenem Mund geht. Wir nehmen heute jeweils gut vier Liter Flüssigkeit zu uns und selbst das ist eigentlich zu wenig, weil ich z. B. den ganzen Tag kaum Wasser lasse.

Wildblumenwiese mit Raps

Die Wiesen werden gerade mit den Traktoren mit dem entsprechenden Anhänger gemäht und dann wird mit einer anderen angehängten Maschine das Heu aufgesammelt und zu Heuballen komprimiert. Dafür sollte es nicht zu feucht sein, weil es sonst später schimmeln würde. Bei der Sonneneinstrahlung trocknet das gemähte Gras jedoch recht schnell.

Vor dem Steinbruch hinter Nollenbach zweigt der Weg nach links ab. In der Ferne sieht man das Zementwerk von Üxheim.

Heute Vormittag, wo es noch nicht so heiß ist und der Wald uns größtenteils noch schützt, kommen wir sehr gut voran, wir brauchen für die rund 12 km bis zum Wasserfall – knapp die Hälfte der Tagesetappe von 26 km – etwa drei Stunden, wir sind in einem Flow, es fühlt sich so an wie ein anstrengungsloses Gleiten.

Vor dem Wasserfall überqueren wir noch auf einer Fußgängerbrücke die alte Bahnstrecke Jünkerath – Adenau, die 1973  stillgelegt wurde und heute als Radweg genutzt wird. Bisher haben wir nur wenige Menschenseelen getroffen heute. Das ändert sich am Dreimühlen-Wasserfall, wo Menschenmassen das Naturschauspiel bestaunen, fotografieren und sich vereinzelt sogar von den Fällen berieseln lassen. Der Anteil holländisch- bzw. flämischsprachiger Touristen ist sehr hoch. Das stark mineralhaltige Wasser sorgt dafür, dass Kalk abgelagert wird, so dass das Felsgebilde um 10 cm pro Jahr wächst.

Wir pausieren hier im Schatten, welche Wohltat, die Schuhe und Socken für ein paar Minuten auszuziehen, eine weitere kleine Freude des Weges.

Nohn, Dreimühlen-Wasserfall

Unsere richtige Mittagspause machen wir im nächsten Ort in Niederehe. Der Gastwirt erzählt uns, dass er seit Corona nicht mehr genug Personal hat, um einen Mittagstisch anzubieten. Ein weitverbreites Problem auf dem Eifelsteig. Auf der schattigen Holzveranda bekommen wir dann aber doch noch Käsekuchen, Kartoffelsuppe und Getränke, was uns zum Kräftetanken völlig ausreicht.

Niederehe

Weiter geht es hinauf zum Grabstein von Franz von Wille, dem 1941 gestorbenen Eifelmaler. Die Burg von Kerpen ist noch eine Baustelle, sieht von außen jedoch schon wieder aus wie geleckt.

Kerpen, Burg
Kerpen, Fritz von Wille-Büste

Die Landschaft hat hier wirklich schon einen lieblichen, mediterranen Touch, von Wille hat die Gelb- und Grünschattierungen in seinen realistischen Bildern sehr gut zum Ausdruck gebracht.

Eifellandschaft

Plötzlich kommt uns ein Wanderer entgegen mit einem großen Regenschirm in der Hand, den er zum Sonnenschirm umfunktioniert hat. Am Wegesrand eine vergatterte und von uns verdatterte Ziegenherde, die zum Teil braunen Tiere hatte ich aus der Ferne für Rehe gehalten.

Ziege im Gatter

Wir erreichen nun Berndorf, wo oberhalb der neuen Kirche eine alte Wehrkirche aus dem 16. Jahrhundert steht. Man kann  einen Blick in den relativ einfach gestalteten Innenraum hineinwerfen.

Berndorf, Wehrkirche

Die letzten Kilometer an Wiesen vorbei ziehen sich wie so oft, aber wir kommen heil in Hillesheim in unserer Unterkunft Zum Amtsrichter an, wo uns ein gutgelaunter holländischer Gastgeber begrüßt und wir bald unsere Zelle beziehen können.

Hillesheim, Zum Amtsgericht

Zur Etappenübersicht

Eifelsteig, 7. Etappe: Blankenheim – Mirbach

Juli 20, 2024

Stopp! Zurück marsch marsch!
Wacholder- und Eifelblick
Wie weit ist das Ziel?

Eine etwas unruhige Nacht. Ich wache um drei auf und um halb vier höre ich in der Ferne den ersten Hahnenschrei, penne aber irgendwann wieder ein bis 5h15 und tippe den Tagebucheintrag des Vortags ins Handy.

Wir gehen nach dem Frühstück direkt zur Ahrquelle, die sich mitten im Ort in einem Fachwerkhaus befindet. Am Morgen gegen neun sind wir die einzigen hier. Über uns thront die Burg, in der heute die Jugendherberge untergebracht ist.

Blankenheim, Ahrquelle
Blankenheim, Tafel zur Ahr
Blankenheim, Burg

Wir erfahren an der Touristeninfo, dass der nächste Supermarkt über 2 km entfernt ist und zwar in der falschen Richtung! Wir müssen aber etwas zu essen kaufen, weil wir abends in einer Ferienwohnung in Mirbach übernachten werden, wo es keinen Laden und auch sonst nichts gibt. Bei herunterbrennender Sonne schleppen wir uns an der Ausfallstraße den Berg hoch bis zum Gewerbegebiet. Wir waren gestern ganz in der Nähe angekommen, wussten jedoch nicht, dass nur hier Supermärkte sind. Zur Infrastruktur gibt es immer nur veraltete und unvollständige Infos in den Führern, man könnte ja auch mal die Wohlfühlbänke in die Karten aufnehmen etc. Ich glaube, ich muss irgendwann mal den definitiven Eifelsteigführer – ähnlich wie Miam Miam Dodo für den Camino – schreiben, wenn ich genug Zeit habe. Wobei, das wäre wahrscheinlich ein tolles Community-Projekt à la Wikipedia, weil die Infos dann immer aktuell wären.

Auf dem Rückweg nehmen wir uns Zeit für die Brunnenstube „Alte Quelle“, die die Burg über den Tiergartentunnel durch den Berg mit Wasser versorgte.

Blankenheim, „Alte Quelle“

Beim Verlasssn des Ortes ergattern wir vom Hotel Schlossblick noch eine Aussicht auf Burg und Schloss zusammen.

Blankenheim, Burg und Schloss

Die heutige Etappe ist mit knapp 18 km eigentlich eher etwas für Genießer, aber der Umweg führt dazu, dass wir von Anfang an geschlaucht sind. Bei den hohen Temperaturen um die 25 Grad und den vielen offenen Passagen auf Graswegen etc. ist unser Flüssigkeitsbedarf enorm. Der Liter Ayran, den wir hinterm Supermarkt getrunken haben, ist schnell wieder ausgeschwitzt. Eine der kleinen, aber glücksbringenden Freuden auf dem Weg ist das Aufkommen des Windes insbes. kurz vor Bergkuppen, so dass das nassgeschwitzte Hemd trocknet und den Körper kühlt. Wir haben unsere eigene Klimaanlage immer dabei.

Plötzlich auf dem Weg ein kleines Vogelnest, das aus einem Baum gefallen ist. Hoffentlich konnten die Bewohner rechtzeitig das Weite suchen.

Vogelnest

Wir nähern uns nun Ripsdorf, das etwa auf halber Strecke liegt. Man sieht, dass die Brücken hier alle rundumerneuert worden sind nach der Flutkatastrophe vor drei Jahren. Es gibt also auch Projekte in Deutschland, die klappen.

Schaafbachbrücke

In Ripsdorf möchten wir eigentlich etwas essen. Hier findet gerade eine Hochzeit statt, so dass unsere Essbestellung vergessen wird, was aber nicht schlimm ist, weil wir bei der Hitze eigentlich gar keinen Hunger haben. Das alkoholfreie Weißbier, das köstliche kühl perlende Mineralwasser und der Salatteller vom Buffet sind völlig ausreichend.

Am Nebentisch sitzen Einheimische, die Eifeldialekt sprechen. Er scheint mir sehr dem Letzeburgischen zu ähneln, ich verstehe nur Brocken. Diese Gruppe werden wir später hinter Alendorf auf einem vom Trecker gezogenen Hänger wiedersehen.

Es gibt hier übrigens einen Hofladen, der auch nicht im Führer steht und von dem der junge Mann in der Touristinfo auch nichts wusste. Da hätten wir auch die Ingredienzen für unser Abendessen kaufen können.

Alendorf, das eine Stunde weiter auf unserem Weg liegt, wird vom Eifelsteig nur berührt. Hier gibt es laut Führer die drittgrößte Wacholderfläche Deutschlands, ich vermute mal, die Größte ist in der Lüneburger Heide im Totengrund nahe des Wilseder Berges, wo wir ja letztes Jahr auf dem Heidschnuckenweg waren. Der Grund, wieso es hier so viel Wacholder gibt, ist einfach. Früher gab es hier viele Schafe, die die Wiesen komplett abgeweidet haben. Nur die dornigen Wacholderbüsche ließen sie stehen, daher werden ja auch Ziegen in der Lüneburger Heide gehalten, deren pelzige Zungen auch vor Wacholderstacheln nicht zurückschrecken.

Alendorf vor Wacholder

Der Steig folgt hier dem Kreuzweg auf einem Wiesenweg den Kalvarienberg hinauf. Oben eine Wohlfühlbank – leider in der Sonne – mit einem phantastischen Blick nach Osten bis zur Hohen Acht (27 km) und der Nürburg weiter rechts.

Kalvarienberg Alendorf, Blick nach Osten

Von hier ist es noch ein gutes Stündchen zu unserem Etappenziel Mirbach. Das übrigens auf so gut wie keinem Wegweiser steht. Der Grund liegt auf der Hand. Deutsche Kleinstaaterei. Mirbach liegt in Rheinland-Pfalz, bis jetzt verlief der Eifelsteig in NRW. Ich habe jetzt das Gefühl, dass wir eine Klimagrenze überschritten haben. Plötzlich gibt es Kiefern, die Landschaft scheint mediterraner, wir kommen nun langsam in die Südeifel.

Gegen sechs erreichen wir völlig erschöpft unsere komfortable Ferienwohnung in Mirbach. Hier kochen wir uns Nudeln mit Tomatensauce und Parmesan, essen Cherrytomaten und Kaminwurzen dazu und genehmigen uns dazu zwei Gläschen Rosé auf unserem Balkon. Den Verkehr auf der nahegelegenen Landesstraße blenden wir aus. Ein weiterer rundum gelungener Wandertag klingt bei einer Kanne Waldfrüchtetee aus.

Zur Etappenübersicht

Eifelsteig, 6. Etappe: Kloster Steinfeld – Blankenheim

Juli 19, 2024

Die Ferse rollt ab
Die Zehen stoßen sich ab
Die Sohle setzt auf

Eine weitere erholsame Nacht. Zum Frühstück u. a. eingemachte Kirschen und Pflaumen mit Joghurt und Quark sowie Honig von dem Klosterbienenvolk. Es fällt auf, dass das Frühstück im Vergleich zur Abendvesper deutlich entzerrt ist. Um halb acht morgens sind erst eine Handvoll Gäste da, während wir abends um halb sieben Schlange stehen mussten und natürlich auch ein ganz anderer Geräuschpegel herrschte.

Kloster Steinfeld, auf dem Weg zum Refektorium
Kloster Steinfeld, Kreuzgang

Mein Mikrobiom hat nach dreitägigem Streik seine Arbeit wieder aufgenommen. Ein phantastischer Start in den Tag.

Das Wetter sommerlich trocken mit an die 25 Grad, sehr angenehm zum Wandern.  Wir steigen gegen 9 auf teilweise immer noch leicht matschigen Wegen hinauf zum Königsberg, von wo wir eine sehr schöne Aussicht zurück auf den Klosterkomplex haben.

Königsberg, Blick auf Kloster Steinfeld

Der heutige Wandertag ist trotz der rund 24 km ziemlich entspannt, es gibt keine nennenswerten Anstiege – trotzdem 500 m Höhenunterschied insgesamt – und wir bewegen uns viel durch von Blumen und Gräsern übersäte Wiesen. Man sieht z. B. Malve, Flockenblume, Schafgarbe und Johanniskraut. Bald schon kommen wir an einer Liegebank vorbei, die wir nicht links liegen lassen können.

Auf der Liegebank

Wir erreichen das Eichtertal, wo die römische Via Agrippa nach Köln verlief. Man kann noch Fahrspuren im Fels entdecken. Etwas später kommen wir zur Brunnenstube Grüner Pütz. Von hier hatten die Römer eine Wasserleitung nach Köln gebaut, die bei nur 300 m Höhendifferenz ca. 95 km lang war. Ein architektonisches Meisterwerk, das als Äquadukt über Täler verlief und sogar die Wasserscheide zwischen Maas und Rhein überwand. Sie war mit Erdreich bedeckt, so dass sie im Winter nicht zufror.

Grüne Pütz

Unser Weg ist heute zu einem Teil ein schmaler Wiesenpfad, ich muss sagen, dass ich von der Naturnähe und dem Abwechslungsreichtum des Eifelsteigs zunehmend begeistert bin. Der einzige Weg mit so wenig Asphalt und so viel Natur, den wir bisher gegangen sind, ist der wunderschöne, gewundene Stevensonweg in den Cevennen, den der Schriftsteller mit einer Eselin ging. Lustigerweise sind wir damals – ich glaube es war Juli 2011 – dort auf mehreren Etappen sehr nass geworden, obwohl es in Südfrankreich im Sommer normalerweise nur wenig regnet.

Wiesenpfad

Wir kommen nun nach Ettersheim, wo wir uns beim Bäcker mit Salamibrötchen und Eiskaffee stärken. Die tätowierte, nicht mehr ganz so junge, sympathische Bäckersfrau ist sehr handfest und direkt.

Im Ort gehen wir kurz in das Naturzentrum Eifel, dessen Mitarbeiter gerade in einem Nebenraum zu Mittag essen. Wir sehen dort einen Eifelsteigführer von Freytag & Berndt, der mir übersichtlicher und interessanter geschrieben erscheint als unser Rotherführer, aber wir können natürlich unmöglich zwei Führer mit uns rumschleppen. Unterwegs, als es dann zu spät ist, kommt mir die simple Lösung. Wir könnten den alten Führer ja in einem Bücherschrank lassen…

Auch hier wieder ein Kalkbrennofen, man konnte den fertig gebrannten Kalk unten rauskratzen.

Kalkbrennofen von unten

Es fällt mir in den Wiesen vor allem ein kleiner rot gepunkteter Schmetterling auf. Es scheint ein Rotwidderchen zu sein, wieder was gelernt.

Rotwidderchen

Wir nähern uns nun unserem Etappenziel Blankenheim. Es geht noch eine Weile im Zickzack auf schnurgeraden befestigten Wegen durch den Wald bevor wir die vielbefahrene B258 überqueren. Nun verpassen wir im Wald eine Abzweigung und landen auf einem von einem schweren Fahrzeug tief zerfurchten Weg, der plötzlich verschwindet. Wir schlagen uns 100 m durch das Walddickicht und treffen auf dem Weg auf vier junge Wanderer – zwei Pärchen – die wir schon gestern vorm Kloster getroffen hatten und die heute erst um halb elf los sind und uns eingeholt haben. Sie übernachten in der Burg, heute eine Jugendherberge. Wir verzetteln uns noch etwas auf dem Weg zu unserem Hotel unweit eines größeren Teiches – das GPS meines Handies will nicht mehr so richtig – und kommen kurz nach fünf dort an.

Auf der großzügigen Terrasse finden wir ein schattiges Plätzchen in der Mitte, essen sehr schmackhafte Pfifferlinge, um uns herum eine Gruppe von Motorradfahrern. Es schallt hier bis 22 Uhr die Country- und Schlager- sowie Karnevalsmusik (im Hochsommer, die spinnen in der Eifel) einer Liveband hoch. Landrat und Bürgermeisterin sind auch da, es wird u. a. ein älteres Semester aus dem Karnevalsverein geehrt. Es ist eine Wohltat, als der Zinnober vorüber ist und wir in den Schlummer sinken können.

Zur Etappenübersicht

Eifelsteig, 5. Etappe: Gemünd – Kloster Steinfeld

Juli 18, 2024

Beine federleicht
Füße gehen von allein
Auf dem Weg zuhaus

In der Jugendherberge morgens beim Frühstück um halb acht anfangs fast nur Familien mit kleinen Kindern. Der eine ca. zweijährige Junge, der gerade laufen kann, läuft dauernd hin und her und zeigt auf alles Mögliche, am Ende auch auf den Platz, wo die Familie sitzt. Das Essen ist ok, jedoch leider ohne Ei.

Wir lassen den Tag heute eher ruhig angehen, die Etappe ist mit knapp 19 km übersichtlich und wir haben Zeit. Allerdings zieht sie sich am Ende doch und ich stelle mir so langsam die Frage, ob mein einbandagiertes linkes Knie durchhalten wird. Der Meniskus zwickt insbesondere nachts und der zum Teil doch recht anspruchsvolle Weg verlangt ihm einiges ab. Gut, dass ich es zumindest geschafft habe, den zweiten Wanderstock auszuziehen, die Abstiege sind damit erträglicher.

Gemünd, Eifelsteigkarte

In der Touristinfo, die schon um 9 auf hat, gibt es wenig bis keine Auskunft zu Einkehrmöglichkeiten, es gibt schlicht keine wie sich später herausstellt, der Kiosk in Golbach ist nur am Wochenende geöffnet.

Gemünd war offensichtlich stark betroffen von der Flut vor drei Jahren. Wenn man sich die ruhig dahinfließende Urft ansieht, kann man es kaum glauben. Gemünd liegt an der Mündung der Olef in die Urft.

Gemünd, Opfer der Flutkatastrophe Juli 2021

Hinter dem Ort geht es gleich auf einem sanft ansteigenden Pfad in den Wald. Mitten im Wald dann ein Mülleimer, keine schlechte Idee, allerdings wäre er m. E. sinnvoller neben einer Bank, wo es ja in den meisten Fällen keinen gibt.

Papierkorb

Wir steigen hinauf zur Kuckucksley, von der man einen schönen Blick auf den Ort Olef im bewaldeten Tal hat. Ich lese etwas vor zu Norbert Scheuer, dem lokalen Schriftsteller aus Kall, dem wir uns bis auf 2 km nähern. Die Frau von der Info hatte gesagt, es gäbe dort nichts zu sehen. Es gibt wohl einen Bahnhof, wie wir später erfahren. Die Eskapade, die an der Straße lang gegangen wäre, sparen wir uns.

Kuckucksley

Der Eifelsteig trägt seinen Namen zu Recht; der Weg ist oft schmal, steil und steinig bzw. felsig.

Abstieg nach Olef

in Olef machen wir Mittagsrast. Ich setze mich auf den verrückten Stuhl, bei dem es sich um eine optische Täuschung handelt. Aus dem Blickwinkel werden zwei voneinander versetzte Elemente kombiniert. Im Ortskern nichts los außer den herumkurvenden Lieferwagen von DHL, Hermes etc. Traurige neue Welt.

Olef, verrückter Stuhl

Es geht bald wieder aufwärts und wir kommen in den Wald. Hier wurde früher Erzbergbau in den sogenannten Pingen (Gruben) betrieben. Die Schächte hatten keinen rechteckigen sondern einen runden Querschnitt. Das war ein Nebenerwerb, da die Landwirtschaft auf den kargen Eifelböden nicht viel abwarf.

Pingenwanderpfadtafel

Mitten im Wald eine geschwungene Wohlfühlbank, der wir uns nicht entziehen können. Besser relaxen kann man die geschundenen Beine und Füße nicht. Wir machen die Bank frei für zwei ältere Wanderer, die uns entgegen kommen. Sie gehen den Eifelsteig in mehreren Tranchen von Trier nach Aachen. Sie haben im Kloster Steinfeld übernachtet. Der eine ist weitgewandert und schwärmt uns u. a. vom Malerweg im Elbsandsteingebirge vor. Wir  verquatschen uns etwas, bevor sie auf der Bank entspannen können.

In Golbach ist der Kiosk wie gesagt geschlossen. Auch hier immer wieder schöne Fachwerkhäuser. Generell sind die meisten Häuser am Wegrand gut in Schuss.

Golbach, Fachwerkhaus

Wir sind nun nicht mehr weit von unserem Ziel entfernt. Auf dem Weg ein totes Wiesel. Wie es wohl umgekommen ist? Vom Fuchs geschlagen? Von einem Raubvogel gerissen? Herzinfarkt? Stoff für einen Eifelkrimi.

Totes Wiesel

Eine Rundbank im Schatten lächelt uns in Steinfelderheistert zu. Wer könnte da widerstehen?

Rundbank

Es geht jetzt noch in ein Bachtal und anschließend auf einem matschigen Pfad durch ein Wäldchen und wir erreichen die Mauer vom Kloster Steinfeld.

Wiese kurz vor Kloster Steinfeld

Dort herrscht reges Treiben im Café. Catherine kauft im Klostershop Paul Auster’s Vermächtnis Baumgartner, nachdem der Eifelkrimi fast ausgelesen ist. Endlich mal ein Buch, das wir beide lesen können (ich meine den Auster). Wir bewegen uns in Richtung Gästehaus mit sage und schreibe 130 Zimmern, von denen wir eins ergattert haben.

Ab 18h ist Vesperzeit im Refektorium am Kreuzgang. An dem Buffet gibt es diverse vegane Salate – viel mit Kichererbsen – sowie eine Frikadelle mit Kartoffeln. Insbesondere das Klosterbier schmeckt ganz hervorragend. Die anderen Gäste sind meist Seminar- bzw. Schulungsteilnehmer. Es wird hier auch viel meditiert. Uns bekannte Eifelsteigwanderer sehen wir nicht.

Ich falle wieder um halb 10 ins Bett. Die einschläfernde Wirkung der zwei Biere ist phänomenal.

Zur Etappenübersicht

Eifelsteig, 4. Etappe: Einruhr – Gemünd

Juli 17, 2024

Suppe am Staudamm
Kreuz hebt Arme zum Himmel
Nazikaderburg

Endlich mal eine erholsame Nacht mit gut sechs Stunden Schlaf, der Körper holt sich, was er braucht. Das Frühstück wird uns serviert, es ist alles dabei, was das Herz begehrt, allerdings sind die Brötchen abgezählt, was uns nicht stört. Ob das der Dutch way of life ist?

Draußen schönster Sonnenschein, die Luft frisch, gereinigt vom Regen am Abend und über Nacht. Die Etappe geht gut los, auch die Beine haben sich – oh tägliches Fernwanderwunder – vollständig regeneriert, der Körper ist geradezu scharf auf mehr Kilometer.

Einruhr

Wir steigen auf einem schmalen, befestigten, steilen Weg aus dem Ort heraus. Nach wenigen Metern lädt uns schon ein Schild zum Verweilen ein. Eine Privatinitiative hat in 500 stündiger Arbeit einen Rastplatz für Wanderer mit Mauer, Bullauge, Spiegel, Sitzen, Tisch, Geländer, Kreuz, Bank etc. geschaffen. Eine der kleinen Freuden am Wegesrand, ich bin sehr gerührt. Man sollte den Glauben an die Menschheit nicht zu früh verlieren.

Wanderraststätte

Es geht so ähnlich weiter, wir bekommen als Lohn der Aufstiegsmühen eine schöne Sicht auf den tiefblauen Obersee geschenkt und stoßen auf eine geschwungene Wohlfühlbank, auf der man auch mit Rucksack herrlich chillen kann und über die Wiese runter zum Uferweg sehen kann, wo schon so einige Leute zu Fuß unterwegs sind.

Obersee

Gegen elf kommen wir an der Staumauer der Urfttalsperre an. Erst geht es noch einen steinigen, engen Weg steil hinauf, dann stehen wir auf dem zu seiner Entstehungszeit Anfang des 20. Jahrhunderts größten Bauwerk Europas (wie das wohl gemessen wird?). Hier wird das kleine Flüsschen Urft – wohl eher ein Bach – aufgestaut. Die Energie wird bei Stromspitzen angezapft, der Obersee unten auch für die Trinkwasserversorgung genutzt. Hier liegt auf der anderen Seite des Staudamms ein Ausflugslokal, das gerade geöffnet hat und wo wir uns eine Schale reichhaltige Linsensuppe mit Bockwurst leisten. So viele geöffnete Einkehrmöglichkeiten gibt es laut Führer und Internetrecherche nicht auf dem Weg, wobei wir später noch überrascht werden.

Urfttalsperre

Es geht nun über die Ginsterheide nach Wollseifen, einem nach dem 2. Weltkrieg von britischen Streitkräften geräumten und zerstörten Ort, von dem außer der Kirche und den Fassadenhäusern, die zur Übung des Häuserkampfes auf dem späteren Truppenübungsplatz (s. u.) genutzt wurden, so gut wie nichts mehr steht. Die Wollseifener wurden umgesiedelt und bekamen den Flüchtlingsstatus.

Wollseifen, Straßenname zum Gedenken
Wollseifen, Kirchenkreuz
Wollseifen, Kirche
Wollseifen, Relikte des Kalten Krieges

Wir kriegen nun nach dem Abstieg in ein Bachtal und dem anschließenden Aufstieg zur Nazi-Ordensburg Vogelsang die ersten Tropfen ab, ich stelle mich kurz in einem Türrahmen unter. Es handelt sich um eine gigantische, typische Nazianlage, die auf einem Hügel liegt und von weit sichtbar ist. Nach den Parteitagsbauten in Nürnberg gilt sie mit 50.000 qm Bruttogeschossfläche als das zweitgrößte erhaltene Beispiel der Naziarchitektur. Sie wird heute zu Bildungszwecken genutzt, es gibt Führungen, ein Besucherzentrum mit einer Dauerausstellung „Bestimmung: Herrenmensch“ sowie einer weiteren zum Nationalpark Eifel, in dem wir uns befinden, Gästehäuser, einen Sportplatz, ein Café, wo wir Capuccino und Käsekuchen genießen etc. Kurz nach der Machtergreifung am 30.1.1933 hatte Hitler das „Problem“, dass es einen sehr großen Mitgliederzustrom in die Partei gab. Er ging davon aus, dass die meisten dieser Neuankömmlinge unzuverlässige Opportunisten waren. Hier in Vogelsang wurden die Nazifunktionäre geschult, die sich der Aufgabe widmeten, die nötige „Überzeugungsarbeit“ zu leisten, um zu verhindern, dass die Naziideologie verwässert wurde durch die Nachzügler.

In der Zeit des Kalten Krieges war Vogelsang eine belgische Kaserne. Für diesen Westabschnitt des NATO-Gebiets BRD war Belgien zuständig. Große Teile unserer heutigen Etappe durchqueren den ehemaligen Truppenübungsplatz, der heute zum Nationalpark umgewidmet ist.

Ordensburg Vogelsang

Der Eifelsteig verläuft zum Teil um Vogelsang herum, wir kommen noch an einem Tor und zwei langgezogenen Gebäuden mit großen Reiterreliefs vorbei. Jetzt beginnt es zu schütten und wir finden eine hölzerne Mülleimergarage, wo wir uns dem  Nasswerden entziehen können. Glück gehabt!

Regenunterstand

Ein weiterer Abstieg führt uns über Holzplanken, die das Ausrutschen verhindern, hinab. Bald kommen wir zu einem Aussichtspunkt, von dem wir in der Ferne unser Ziel sehen können.

Kickley, Blick zum Ziel: Gemünd

Am Modenhübel haben wir einen Eifelrundumblick, direkt vor uns Morsbach, das wir nur touchieren. Wir sind hier auf der Hochfläche ganz alleine, einige Vögel, u. a. ein Greifvogel, wahrscheinlich ein roter Milan, fliegen in weiter Entfernung auf. Wir kommen raus an einer Reitsportanlage mit Hindernissen und erhaschen einen Blick auf das rege Treiben der Bienen.

Fleißige Bienen

Unsere Unterkunft, die Jugendherberge, liegt am Ortseingang und bietet uns ein komfortables Zimmer mit getrenntem Bad und Klo. Abends nach dem nächsten Regenguss gehen wir an dem gut ausgelasteten Wohnmobilhafen vorbei in den Ort und essen Salat mit Ayran beim Türken.

Draußen hinter der Jugendherberge spielen die kleinen Kinder lautstark ohne Aufsicht bis zum Einbruch der Dunkelheit nach 22 Uhr. The times they have a changed...

Zur Etappenübersicht

4028 Der Schrei

Juli 16, 2024

Gelbes Oval: Maar

Grüner Hintergrund: Bäume

Gelber Schlenker: Weg

Eifelsteigmarkierung

Eifelsteig, 3. Etappe: Monschau – Einruhr

Juli 16, 2024

Rückblick auf Monschau
Gewonnen und zerronnen
Gewandert werden

Ein Wandertag, der alles von uns abfordert: Die Etappe ist zwar angeblich  nur 24,4 km lang – Catherine misst gut 27 km mit der Schrittzählerapp – aber es geht dauernd Auf und Ab – 785 Höhenmeter sind zu bewältigen, es wird heute bis 25 Grad warm und zuletzt haben sich meine Darmbakterien gegen mich verschworen, wahrscheinlich lag es am Saladdressing gestern (oder am Senfschnitzel bzw. den Kölschs).

Da das Frühstück mit 8 Uhr erst spät losgeht und wir uns zu viert Zeit lassen, sind wir nach der Verabschiedung von meinen Eltern, die zurück nach Moers fahren, erst um 9h15 auf der Rolle. Ein junges Wanderpaar überholt uns bereits beim ersten, steilen Aufstieg raus aus Monschau, der mit einem schönen Blick zurück auf die Stadt belohnt wird.

Kierberg, Blick auf Monschau

Es geht jetzt allerdings sofort wieder runter, höhenmäßig werden wir heute sogar 140 Meter verlieren, weil es ja in Fließrichtung der Rur geht bis zum Stausee. Und gleich wieder hoch, heute wird unsere Fitness auf Herz und Nieren getestet. Am Wegesrand ein Rinnsal, das die Natursteinmauer hinunterrieselt.

Monschau, Wasserfällchen

Es geht am Perlenbach lang bis zur Trinkwassertalsperre. Fünf zum Teil junge Männer decken das Dach eines großen Hauses ab und werfen sich die Dachschindeln gegenseitig zu, der eine ruft im weichen Eifelakzent rüber zu uns: „Wollter helfen?“, worauf ich auf später vertröste.

Die meisten Ausblicke, die wir jetzt noch erhaschen, sind Blicke auf das Blätter- bzw. Nadeldach von oben, den Bach unten kann man nur erahnen. Es ist auffallend, dass es hier im Vergleich zum Harz deutlich weniger tote Fichten gibt. Die Eifel scheint die Dürre der letzten Jahre besser weggesteckt zu haben, auch Sturmschäden sehen wir nicht.

Blick aufs Nadeldach

Wir kommen nun nach Höfen, dass sich zum einen durch die gepflegten Buchenhecken auszeichnet, wo „Durchwachser“ alle paar Jahre entfernt und als Brennholz genutzt werden. Sodann gibt es hier viele hellbraune Milchkühe, die  sich dem Abweiden der Wiesen widmen und auch vor Dornen nicht zurückschrecken.

Heckenpflege (Bild)

Wir machen auf einer Bank in der Sonne im Kluckbachtal Mittagsrast. Es kommt eine vierköpfige holländischsprachige Familie vorbei. Auch auffällig, dass man auf dem Eifelsteig nie lange allein ist, der Weg ist viel begangen.

An der Mündung des Kluckbachs in die Rur ist ein schöner, idyllischer gut genutzter Badeplatz. Wir hätten bestimmt auch an der Rur entlangwandern können, dann wären wir viel schneller gewesen, hätten aber weniger für unseren Körper getan.

Kluckbachmündung in Rur

Jetzt geht es sofort steil hinauf zum Eifelblick Perdsley, gut, dass es hier ein Holzgeländer gibt, an dem man sich hochziehen kann. Der Blick zeigt wiederum das Walddach und ist enttäuschend. Dafür geht es bald wieder hinunter zur Rur, wo uns ein Schild „3 km Monschau“ verblüfft, wir sind seit über 5 Stunden unterwegs.

Wir überqueren die Rur auf einer Brücke und gehen auf der anderen Seite gleich wieder bergauf, dieses Mal allerdings stetig und lang andauernd. Hier kommen mir Zweifel, ob wir es bis zur Eincheckdeadline 18h in die Unterkunft schaffen werden, der holländische Gastgeber kann mich am Telefon jedoch beruhigen. Wir kürzen nun ein paar Meter ab, indem wir einen im Streichen verlaufenden Wald- und Wiesenweg nehmen statt noch einmal hoch- und runterzusteigen. Wir stoßen kurz vor Hammer wieder auf den Eifelsteig und gehen hinunter zum Campingplatz und bekommen in der Nähe eine große Rhabarberschorle mit Wassermelone und Johannisbeeren drin, die unsere Lebensgeister weckt. Der Gastwirt muntert uns auf und meint, dass wir den Rest auch noch schaffen würden, es ginge kaum noch bergauf. Er wird Recht behalten, auch wenn die letzten 8 km wiederum nicht ganz direkt sind, so kratzen wir unsere letzten Körner zusammen und schaffen die Strecke in etwas über 2 Stunden. Wir geben uns jetzt beide dem Wanderrobotersein hin, nur so geht es noch vorwärts. Schöne Blicke aufs Rurtal und die Orte belohnen unsere Anstrengung.

Blick auf Dedenborn
Wolfshügel: Einrur

In Einrur ist unsere Pension eines der ersten Gebäude und unser Gastgeber beglückwunscht uns, dass wir es fast noch bis um 18h geschafft haben. Es stehen bereits zweimal zwei Paar Wanderschuhe auf den Schuhmatten vor zwei anderen Zimmern. Dazu gesellen sich dann Unsere und etwas später zwei weitere Paare der Nachbarn direkt nebenan.

Wir gehen am Stausee auf der anderen Straßenseite essen. Die Sonnenschirme werden jetzt zweckentfremdet als Regenschirme, es gießt in Strömen. Anschließend falle ich um halb zehn ins Bett.

Zur Etappenübersicht

Eifelsteig, 2. Etappe: Roetgen – Monschau

Juli 15, 2024

Im Belgischen Venn
Auf Holzstegen übers Moor
Familienzeit

Der Tag beginnt mit Glückwunschen, die auf meinem Handy eintrudeln. 61 Jahre und es fühlt sich nicht so an. Kurz nach Verlasssen des Hotels sind wir auf belgischem Gebiet. Hier im Hohen Venn gibt es weder Mobilfunk- noch Internetempfang. Das passt hervorragend zu dem generellen Gefühl auf dem Eifelsteig und eigentlich jedem Fernwanderweg, dass man dort völlig aus der Zeit gefallen ist und auf sich selbst zurückgeworfen.

Hohes Venn hinter Petergensfeld

Auch heute wieder ideales Wanderwetter, mit knapp 20 Grad etwas wärmer als gestern, viel Sonne und trocken, es zahlt sich aus, ein Sonntagskind zu sein.

Auf der heutigen Etappe treffen wir viele Radfahrer, die meist in der entsprechenden Kluft die zum Teil asphaltierten Wege hinunterpesen bzw. sich raufschrauben. Manche auch mit elektrischer Unterstützung. Wir treffen mehrmals ein etwas jüngeres Wanderpaar, es stellt sich heraus, dass sie aus Brüssel kommen und Französisch sprechen. Sie machen 6 Etappen auf dem Eifelsteig, wir werden sie also sicher wiedersehen.

Eisenhaltiger Bach im Hohen Venn

Außerdem sind auch Joggergruppen unterwegs, Waldeinsamkeit gibt es heute für uns nicht.

Wir kommen an den Standorten der Reinartzhöfe vorbei, die 1950 der Wesertalsperre Eupen weichen mussten, die als Trinkwasserquelle genutzt wird. Sie hätten das Wasser zu sehr verschmutzt.

Am Wegesrand grüßen uns wilde Vergissmeinnicht und viele Margheriten. Wir sehen einen braunen Schmetterling auf einer Schutzhütte, ein kleiner Eisvogel?

Schmetterling

Auf einem längeren schnurgeraden asphaltierten Stück scheren wir nach links aus auf eine naturnähere Variante wie im Führer empfohlen. Für anderthalb Kilometer geht es über eine Schneise mit mittelhohen, wilden Gräsern.

Wildgrasschneise

Dann biegen wir nach rechts ab auf einen schmalen Holzsteg, der uns etwa genau so weit über das Moor des Hohen Venns führt. Es regnet hier viel, der Boden lässt relativ wenig Wasser durch, die Verdunstung ist wegen des kühlen Klimas gering und es gibt wenig Abflüsse. Links und rechts des Stegs sind viele Heidelbeersträucher, die Beeren sind jedoch noch recht säuerlich.

Holzsteg im Hohen Venn

Schließlich kommen wir nach einer erneuten Wende nach rechts über eine Piste wieder auf den Eifelsteig, dem wir nach links folgen.

Der Weg steigt langsam an zum Steling (658 m), dem Dach des heutigen Wandertages. Das nächste Highlight ist ein bestimmt drei Meter langer Quarzitfelsen, zu dem es eine Geschichte gibt. Karl der Große soll hier mit seinem Gefolge auf Jagd gewesen sein und den Weg zum Königshof nicht mehr gefunden haben. Darauf campten sie im Wald und der hünenhafte  Karl legte sich auf dem Felsen zur Schlafruhe. Es wurde kühler und sein Diener fragte ihn, ob er ihm eine Mütze reichen solle. Karl sagte auf Platt „Mütze nich!“, woraus der Name des unweiten Ortes entstanden sein soll.

Mit Mütze auf Karls Bettstatt

Wenn es um das Gepäck und insbesondere den Proviant auf so einer Wanderung angeht, bin ich ein Freund des Minimierens. Man sollte versuchen, sein inneres Eichhörnchen zu überwinden und das, was man an Nahrung transportiert, am besten am gleichen Tag verbrauchen. Heute gelingt es – wie schon gestern – mit dem Wasser. Die 3 Liter, die ich für uns beide trage, sind in Mützenich rund eine Stunde vor dem Ziel ausgetrunken. Welche diebische Freude, den Rucksack nach der letzten Trinkpause zu schultern, der dann leicht wie eine Feder ist.

Auf einem angenehmen, nicht zu stark abfallenden Weg gehen wir auf Kiefernadeln hinunter nach Monschau, „der Perle der Eifel“, was sich anscheinend rumgesprochen hat. Der kleine Fachwerkort im schluchtartigen Rurtal platzt aus allen Nähten vor Touristen, die hier den sonnigen Sommersonntag genießen wollen.

Hier treffen wir meine Eltern und feiern den Tag draußen auf der Terrasse bei Eiskaffee bzw. Kaffe und Kuchen sowie später in einem urigen, gut besuchten Kneipenrestaurant.

Monschau, Rotes Haus

In Aachen hatte es Konflikte zwischen Katholiken und Protestanten gegeben, die zur Ausweisung der Protestanten geführt hatten. In Monschau, damals noch Montjoie, gab es bereits im 17. Jahrhundert aufgrund der dort herrschenden Religionsfreiheit eine evangelische Gemeinde mit aufgrund der ab 1750 florierenden Tuchherstellung wohlhabenden Mitgliedern, die die Finanzierung der Stadtkirche ermöglichten. Auffällig ist hier die Platzierung der Kanzel, wo das Wort Gottes  aus der Bibel verkündet wird, direkt hinter dem Altar mit der Bibel im Zentrum.

Monschau, evangelische Kirche
Monschau, Burg
Monschau, Häuser am Rurufer

Zur Etappenübersicht