Abgang Biergarten
Frau tippt mir an die Schulter
„Hängt da Ihr Rucksack?“
Abgang Biergarten
Frau tippt mir an die Schulter
„Hängt da Ihr Rucksack?“
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Einzelhändler türmt
prächtige Orangen auf
zu Pyramide.
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Deutscher Widerstand:
ändert nichts, endet tödlich,
bleibt unvergessen.

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Bebrillter Junge
trägt auf dem Schulweg Maske,
guckt starr auf Boden.
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Weiche Jogger aus
hinter russischer Botschaft,
der mir auch ausweicht.
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Unter den Linden
wartet Bus, der rechts abbiegt
lange auf Radler.
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Ü70-Disco
hinter U-Bahn-Arkaden,
Rathaus Schöneberg
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10 Uhr. Es klingelt.
Mann, jung: Sind Sie Boltfahrer?
Sein Handy sei weg.
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Das Glück, mit dem Rad
durch Tiergarten zu rollen.
Morgens und abends.
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Der Tag, an dem es
Sommer wurde in Berlin.
Corona vorbei.
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Gitarre spielen
mit den Füßen, an Reglern:
Spannende Klänge
[Jakob Bro und Mitspieler im Pierre-Boulez-Saal]
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Tiefblauer Teppich
unter Tiergarten-Bäumen
Blausterne-Vormarsch
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Orangeroter Ball
senkt sich hinter Tiergarten.
Auf in den Westen!
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Mann ohne Maske
zeigt Kassierer auf Frage
nur murrend Attest.
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Mittelalte Frau,
allein auf ihrem Balkon
sitzend und rauchend.
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Angie und Enkel
9-Kräutertee, Erdnussmus
Sonne, Frost, Sonne
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Quere Tiergarten
Lautstark schlurfend überholt
Jogger mit Mütze
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Es ist noch dunkel.
Mann entriegelt Dixi-Klo,
zieht es Straße hoch.
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Convoi naht von rechts:
Trottoir an US-Botschaft
No-go-Area
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Weder am Ausgang
noch mit Personal besetzt:
Kassen bei Zehnkampf*
[* französische Sportgeschäftskette]
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Totale Stille.
Nur Rauschen in den Ohren.
Mitten in Berlin.
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Präzis geschildert:
der fast zwangsläufige Weg
in den Untergrund.
[Ulrike Edschmid – Das Verschwinden des Philip S.]
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Schäferhundfrauchen
gibt Rentner am Nachbartisch
Leckerlitüte.
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Zweiklassensystem.
Ober nimmt Bestellung auf.
Kellnerin bedient.
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Älterer Jogger
hebt die Hand und grüßt mit „Tag“.
Kenne den Mann nicht.
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Lokale gefüllt.
Bücherschränke belagert.
Der Sommer ist da.
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Dritter Stock, Balkon.
Nach Jahren findet Meise
die Futtersäule.
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Ich werde bestimmt
der Letzte in Deutschland sein,
der die Impfung kriegt.
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Trommelfellangriff.
Berliner Haussperlinge
zwitschern sich einen.
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Gleichzeitig hat fast die Hälfte der bisher knapp 1,7 Millionen kontaktierten Menschen in Berlin keinen Impftermin vereinbart.
[Quelle]
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Belebter Volkspark.
Vier Schachspieler mit Masken.
Folkie singt eigene Songs.
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Bin der Älteste
am Tag zu Fuß durch Berlin.
Wie beim Rockkonzert.
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Im Haus auf dem Land
ist kaltes Wasser eisig,
in Berlin mehr lau.
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Mandarinente
bringt Farbe in tristgraue
Schlachtenseerunde.

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Die Erhebungen
in Berlin zum großen Teil
nur Trümmerberge.
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Der Volksparkboden
nach zwanzig km Asphalt:
Füße im Himmel.
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Einmal um Berlin.
Gebäude von vor dem Krieg:
Recht überschaubar.
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Beats, schleppend-scheppernd.
Auf der Oberbaumbrücke.
Der Club auf dem Rad.
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Tempelhofer Feld.
Blauer Himmel, Sonne pur.
Feldlerchengesang.
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Olivaer Platz.
Typ mit Hund raucht einen Joint.
Vater kriegt nichts mit.
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Hör‘ vom Wahlsieger
hinterm Rathaus Schöneberg.
Da freut sich wer im Grab.
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Im gelben Poncho
unter der Trauerweide
lacht sie ins Handy.
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Wenig los im Park.
Hab‘ Wasserspender entdeckt.
„Regenalarm“ falsch.
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Zwei Jungens reißen
dauernd Vorderrad hoch und
sprechen arabisch.
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Auf dem Autodach
stolziert ’ne Nebelkrähe
janz seelenruhig.
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Radeln in der Stadt.
Viel Stop & Go an Ampeln.
Kein Flow wie zu Fuß.
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Draußen dreißig Grad.
Der Heizkörper am Eingang
ist nicht abdrehbar.
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Konnte Vertreter
abwimmeln, der schnelleres
Internet anbot.
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Typ in U-Bahnhof
zählt Scheine in Geldbörse.
Maske nicht in Sicht.
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Kaninchen spielen
Wiesenschach im Schoelerpark:
Hoppeln Zug für Zug.
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Niemand in Berlin
hat die Absicht, offene
Autos zu klauen.
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Mit Rad durch die Stadt.
Die Zeit rast mehr als zu Fuß.
Der Schweiß rennt runter.
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Radfahrer auf dem
Bürgersteig wollen k. o.
geschlagen werden.
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Vom Abendhimmel
erschallt schrilles Gekreische:
Mauerseglerchor.
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Auf dem Rad ein Typ,
der die Wiener Straße kreuzt
und mir zuruft „Grass?“.
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Haschischschwaden vom
Kotti zum Freischwimmer mit
dem Robot-Kellner.
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Mit Berlin T-Shirt
durch Berlin latschen. Wie cool,
dass es keiner merkt.
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Leere Bierflaschen
warten auf Flaschensammler
abends im Volkspark.
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Mit 2 Wagen fährt
die U4 in den Bahnhof
Rathaus Schöneberg.
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Vor der Nachbarbank
gluckert die Wasserpfeife.
Es duftet süßlich.
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Der blasse Vollmond
hängt tief über den Dächern
der Millionenstadt.
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In Berlin klingelt
der Wecker morgens halb sechs.
Die armen Nachbarn.
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Der goldene Hirsch
steht über den Fontänen
aus dem Springbrunnen.
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Auf der Motzstraße
trifft man so viele Leute
wie hinter dem Mond.
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Die Sitzbank an der
Hohenstaufenstraße ist
spurlos verschwunden.
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An dem Prager Platz
sind Torsi von Schneemännern
auf dem Gras verstreut.
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Vor dem Fenster tanzt
eine Feder. Sie kündigt
die Schneeflocken an.
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Neuerdings gehen
die Berliner aus dem Weg.
Es fällt ihnen schwer.
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Vom Schoelerpark zum
Rathaus ist immer kürzer
als der Weg zurück.
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Supermarktpanik.
Der Einkaufswagen ist weg!
Eine Verwechslung.
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Die Sonne scheint so
als gäbe es kein Morgen.
Aber es gibt eins.
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Den Tritt gefunden.
Zweihundertachtzig Watt auf
dem Ergometer.
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Vollkommen synchron.
Durch den Telefonhörer
gähnen wir uns an.
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Stramm nach Osten blickt
der Bär auf der Flagge vom
Rathaus Schöneberg.
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Ein lautes Brausen.
Hoch in den Bäumen sitzen
hunderte Stare.
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Die Einkaufswagen.
Heute ohne ein Euro.
Wegen Corona.
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Abends im Volkspark.
Schnaufen und Schrittgetrappel.
Von allen Seiten.
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Mit Sonnenbrille,
Ghettoblaster und Fahrrad.
Ein Flaschensammler.
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Der Bordercollie
mit eingezogenem Kopf
rennt um den Brunnen.
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Auf dem Bürgersteig.
Die Leute sprechen lauter.
Sicherheitsabstand!
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Stauffenbergstraße.
Hinauf zur Bendlerbrücke.
Schöneberg ahoi!
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Sie joggt durch den Park.
Von links nach rechts und zurück
tanzt der Pferdeschwanz.
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Spazieren ist wie
Fischen: Ein Haiku zappelt
immer in dem Netz.
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Hinter der US-
Botschaft: Acht Polizisten
warten auf Godot.
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Zwitschernde Vögel.
Unterwegs im Tiergarten:
Radler und Jogger.
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Die Hochbahn über
der Nolle gegen halb neun
fährt leer zum Alex.
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Knoblauchduft wabert
morgens durch die Motzstraße.
Die U-Bahn ist leer.
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Jogger im Volkspark
rennen um die Wette mit
den Haschischschwaden.
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heute morgen auf dem weg zur arbeit: ich bewege mich zu fuß auf den viktoria-luise-platz zu. da kommt ein radfahrer an mir vorbeigeschossen. ich traue meinen augen nicht. auf seinem rücken trägt er seine tochter. sie hat ihre arme um seinen hals geschlungen und hängt da wie ein klammeräffchen. ich schätz mal sie ist 5-6 jahre alt. da gehört schon eine ganz schön gehörige portion von gegenseitigem vertrauen dazu, um so etwas zu machen. bewundernswert.
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auf dem weg zum konzert gestern abend rappt ein typ in der u1, ist das jetzt eine neue masche? scheint sich auf jeden fall finanziell auszuzahlen. gleich zwei junge männer geben ihm was. im lido geht es nicht sofort los, die discokugel rotiert so vor sich hin und wirft schattenmuster, die leute quatschen und ich stehe rum und warte. der laden ist übrigens nicht ganz voll, obwohl sie mich draußen gefragt hatten, ob ich noch eine karte übrig habe. irgendwann so gegen halb 10 kommt die band auf die bühne, alle recht jung bis auf den älteren trompeter, ein saxofonist, ein keyboarder, ein drummer, und der sehr britisch aussehende, pilzköpfige bassist mit schlafzimmerblick (erinnert mich an jemand von the who) sowie der dunkelhaarige gitarrist mit südländischen einsprengseln. die beiden geben ein lustiges paar ab, sie wippen oft synchron von links nach rechts und zurück und geben gelegentlich den background choir. nach zwei instrumentalstücken wird der von dem bassisten großspurig mit „welcome to the stage. mister. lee. fields.“ angekündigte sänger auf der bühne unter frenetischem applaus begrüßt. er hat einen leicht goldenen glitzeranzug an, von dem er nach recht kurzer zeit die jacke auszieht, dann das hemd aus der hose nimmt und das hemd aufkrempelt. auf der bühne scheint es mindestens genauso heiß zu sein wie im zuschauerraum. lee fields singt alte songs und songs vom neuen album. das publikum schreit lauter bei den alten sachen, mir gefallen die neuen besser. die alten stücke gehen mehr in richtung james brown, sind weniger melodisch und kruder während die neuen für meine begriffe fast alle ohrwürmer sind, die nach klassischem soul original aus den 70ern klingen. musik, die irgendwie in einem zeitloch festsaß und erst jetzt 40 jahre später wieder hervorgekommen ist. er singt diese lieder auch ganz anders, mit einer sehr viel ruhigeren, souligeren stimme, nicht so animalisch shoutend eher mit einer spirituellen intensität. er ist ein vollblutentertainer, der gerne das publikum ins konzert einbezieht, er sagt geschätzte zwanzig mal, dass er uns liebt, will uns dauernd zum armeschwenken animieren – was auch klappt obwohl mich das entfernt an einen gruß erinnert, den ich in deutschland eigentlich nicht mehr sehen will und lässt die menge als echogeber ins mikrofon grölen. das konzert ist nach ein paar zugaben gegen elf zu ende, für sein fortgeschrittenes alter hat lee fields gut durchgehalten. auf dem rückweg in der u1 wieder eine seltsame begegnung. am u-bahnhof kurfürstenstraße steigt ein junges mädchen – offensichtlich eine prostituierte – mit ihrem zuhälter ein. er redet auf sie ein in einer mir sehr fremden sprache, wahrscheinlich albanisch. sie sagt nix und sitzt einfach nur da. außerdem steigen dort noch zwei alte griechen in den siebzigern ein, die ausgiebig miteinander reden. eine seltsame stimmung macht sich breit. bin froh als alle ausgestiegen sind.
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Auf dem Weg zur Volksbühne, den ich zu Fuß zurücklege, laufe ich südlich am Tiergarten vorbei. Da höre ich trotz Ohrhörern ein seltsames Geräusch im Hintergrund, es hört sich wie ein hohes, durchdringendes Rauschen an, es sind Vuvuzelas, die unseren Kurzpräsidenten standesgemäß aus dem Bellevue verabschieden. Er hat sie sich wohlverdient. In der Volksbühne ist es tatsächlich ziemlich rappelvoll, hatte mich etwas gewundert, dass die Tindersticks zweimal hintereinander den Laden vollmachen, und dann auch noch bei salzigen Preisen um die 40 Euro. Ich zähle durch und komme auf ca. 500 Sitzplätze, weniger als ich gedacht hatte. Ich habe die Tindersticks vor knapp 20 Jahren schon einmal in Nancy gesehen, da war ich mit meinem italienischen Freund A und seinem besten Kumpel O, der sich bei dem Konzert fürchterlich gelangweilt hat, da er eher der Headbangerfraktion angehörte. Ca. eine halbe Stunde nach der pünktlich um acht anfangenden französischen One Man Band, die ihre Sache gar nicht so übel macht obwohl a. die meiste Musik aus der Retorte als kurz vorher live aufgenommer Loop über die Anlage kommt (s. 3. Kommentar) und b. ich fast weggepennt wäre weil es nicht sehr abwechslungsreich ist, was er da an Percussion, Gitarre und Gesang fabriziert, kommt der inzwischen ergraute, etwas tapsige Stuart Staples mit seiner Band auf die Bühne. Sie starten mit einem Lied von der ersten – und mir immer noch liebsten – Platte, ich glaube es heißt Blood. Diese sonore Baritonstimme steht immer noch für Late Night Gänsehautatmosphäre, hört sich kitschig an, muss manchmal sein. Die Band ist meist zu sechst, außerdem ein Gitarrist, ein Bassist, ein Drummer, ein Keyboarder und ein Saxofonist, der auch manchmal an dem 2. Keyboard spielt. Staples spielt gelegentlich auch Gitarre, ich höre sie allerdings kaum raus. Der Leadgitarrist spielt ein Instrument mit einem riesigen Hohlkörper und arbeitet mit diversen Hall- und Kratzeffekten, ein sehr guter Mann. Der Bassist ist auch nicht so leicht zu hören, obwohl sein E-Bass ziemlich laut ist und sehr schön swingt. Der Drummer kommt mir anfangs sehr mechanisch in seinem Spiel vor, fast wie eine drum machine aber im Laufe des Abends trommelt er variationsreicher. Der Keyboarder sorgt natürlich für den nötigen Groove, der Northern Soul lässt grüßen. Er spricht auch das überlange Chocolate: der Opener des exzellenten neuen Albums mit der überraschenden Wendung in den Lyrics. Das Stück besteht aus zwei Teilen, im ersten wird ein wildes, freejazziges Crescendo aufgebaut, das langsam ausklingt. An der Stelle klatscht das Publikum, die Band nimmt es locker. Höhepunkt des Abends ist zweifelsohne Frozen, auch vom neuen Album. Auch dieses Stück schwillt an, der Gesang und die Leadgitarre hallen sehr stark, der Gitarrist streicht sehr schnell über die Saiten was eine Art peitschendes Schnarren erzeugt, einen interessanten Effekt, den ich so noch nie gehört habe. Der Song wird sehr intensiv, nahezu ekstatisch mit einem Stuart Staples, der die Silben verschluckt „I want to hold you“ zigmal wiederholt, sehr eindrucksvoll. Zur Zugabe lassen sie die Zuschauer sich mehrere Minuten die Hände wundklatschen. Dann kommt zuerst die exzellente Ballade If She’s Torn von den vierten Album Simple Pleasure, die sich wohl auch jemand lautstark gewünscht hatte, der angeblich nur wegen diesem Lied gekommen war. Dann kommt noch ein rockiges Stück, das okay war, aber im Tinderstickkosmos wie ein schwarzes Loch dasteht, ein Fremdkörper in ihrem Oeuvre. Zuletzt noch ein ruhiges Ständchen mit glockenspieligem Keyboard und Gesang. Gerade mal 90 Minuten. So sind sie halt die Engländer. Ausdauer ist ihre Stärke nicht.
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Hier ein paar Sätze, die ich zu meinem letztjährigen Lieblingskonzert notiert hatte:
Gehe dann ins Lowkonzert im Lido (U-Bahn Schlesisches Tor). Am Anfang ist es sehr leer, der Saal füllt sich langsam. Die Vorgruppe ist irgendwo in Indien hängengeblieben, daher fängt Low schon so gegen 10 Uhr an. Es ist sehr warm, mir rinnen Schweißbäche die Wangen runter. Low sind zu viert, außer Alan, Mimi und dem Bassisten noch ein zotteliger Keyboarder mit trendiger Sonnenbrille. Sie schaffen es sofort wieder diese spirituelle Stimmung zu erzeugen. Mich wundert allerdings, dass das Publikum sich fast gar nicht bewegt. Ich komme mir vor als wäre ich der einzige, der auf der Stelle und mit dem Kopf tanzt. In einem Lied singen sie vom Retten der Welt – „to save the world“ – und ich möchte immer hören “to say the word”. Als würde es ausreichen mit einem Wort, die Welt zu retten, ein magisches Wort und alles wird gut. Irgendwann fragt jemand, ob wir uns was wünschen dürfen – wie putzig diese Höflichkeit und ehrfürchtige Zurückhaltung des Publikums – ich rufe Transmission aber Alan hört es nicht. Das Mädchen vor mir dreht sich nach mir um, im Grunde habe ich es nur wegen ihr gerufen. Ich habe mich unsterblich in sie verliebt, sie ist mittelgroß. Sie ist der Jean Seberg-Typ, kurze Haare, Haare irgendwie blond, aber nicht zu blond.
Veröffentlicht in 2010s, bärlin, DEU, live, luv, musi | Leave a Comment »
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Blogroll
02/06 Beth Gibbons, Berlin