Wir verbringen eine erholsame Nacht, die ausgelaugten Körper holen sich den Schlaf, den sie fürs Weiterkommen benötigen. Das Frühstück im Gasthof ist recht minimalistisch. Drei Standardbrötchen, Käse, Wurst, Marmelade, Butter, Ei, Heißgetränk. Zumindest werden wir satt. Das Gebäude unseres Gasthofs ist das einzige historische Gebäude weit und breit.

Siegen hat eine Städtefreundschaft mit Spandau, für die Aufnahme von Spandauer Jugendlichen bei Schulfreizeiten vor der Wende hat Spandau Siegen einen Bären geschenkt.

Wir haben heute eine mit 16 km recht kurze Etappe und gucken uns noch etwas die um 9 Uhr leergefegte Stadt an. Auf der evangelischen Nikolaikirche – geöffnet nur samstags von 10-12 – throhnt das Krönchen, das Wahrzeichen der Stadt, ein Geschenk des Fürsten zu Nassau-Siegen. Die geistliche wird quasi von der weltlichen Macht beherrscht.

Wir gehen hinauf bis zum oberen Schloss, wo das um 10 Uhr öffnende Siegerlandmuseum einige Bilder von Peter Paul Rubens, der hier geboren wurde, beherbergt. Sein Vater Jan hatte übrigens eine Affäre mit Anna von Sachsen, der Frau Wilhelm von Oraniens und kam dafür 2 Jahre ins Dillenburger Gefängnis. Sie erwartete ein tragischeres Schicksal.
Eine größere Gruppe von Mitbürgern mit Migrationshintergrund, die eher französisch als deutsch verstehen, steht mit der Führerin am Eingang.

Ich erblicke in einem Buch das hier nicht ausgestellte Bild Caritas Romana von P. P. Rubens, das einen älteren Mann im Hungerkerker zeigt, der seiner Tochter, die ihn besucht und nichts zu essen mitbringen durfte, an der Brust saugt.

Wir verlassen nun Siegen über den Bahnhof nach Westen, es geht bergauf. Wir lassen eine Hochhaussiedlung ganz oben auf dem Hügel links liegen, der Weg ist nun etwas matschig, wir treffen eine Frau mit leichtem (russischen?) Akzent, die für eine ganze Weile in dieselbe Richtung geht, aber vom Jakobsweg noch nichts gehört hat.

Nach einer kurzen Rast ist unser nächstes Ziel die Autobahnraststätte Siegen-Ost. Vorher geht es noch hoch auf den Buberg (439 m). Wir gehen ein Stück an der Sauerlandlinie A45 lang, trotz der Unterbrechung wegen der in Lüdenscheid gesprengten, maroden Brücke, rollt hier noch so einiger Verkehr. Allerdings sagt uns die Bedienung in der Raststätte, wo wir einen Cappuccino und das migebrachte belegte Fladenbrot auf der sonnigen Terrasse verzehren, dass die Geschäfte momentan eher mau laufen.

Die Temperaturen sind auch heute wieder sehr mild, aber das Vorwärtskommen ist schwierig, die Beine schwer, das linke Knie zwickt, die Füße tun weh, Hans hat sich sogar Blasen gelaufen.
In Heisberg hat ein Rentner für die Kinder hinter einem Sprossenfenster ein Figurenensemble von Steiff-Bären etc. aufgebaut, das sich bewegt, wenn man eine Lichtschranke durchschreitet. Es gefällt mir sehr, wie der eine Bär rechts den Ball auf der Nase jongliert.

Das nächste Highlight ist die Kirche von Oberfischbach, die die gerade vorm Haus fegende Nachbarin nur für Pilger öffnet. In der Kirche ein Pilgerstempel und eine Orgel direkt über der Kanzel, die sich direkt über dem Altar befindet. Eine Art Dreifaltigkeit. Die Frau weist uns auch auf den Pilgerkühlschrank hin, der am Wegesrand etwas weiter oben steht, immer wieder unglaublich, auf was für tolle Ideen die Anwohner kommen, um den Pilgern das Leben zu versüßen.

Auch heute wieder jede Menge Pilze mitten auf dem Weg, ich muss aufpassen, dass ich sie nicht zertrete.

In Freudenberg gehen wir erst einmal Sauerkirschsaft einkaufen, der gut gegen Muskelkater und Kniebeschwerden sein soll. Hier gibt es den „Alten Flecken“ mit einem großen Ensemble von Fachwerkhäusern, den wir heute verfehlen, da wir auf schnellstem Wege hoch zu unserem Hotel im Wald marschieren, es ist nach fünf und es dämmert schon wieder.

Im Hotel treffen wir beim Essen einen weiteren Gast, einen Mann, der beim Essen ein Skypegespräch mit seiner Frau in einer östlichen Fremdsprache führt. Das Hotel hat schon bessere Zeiten gesehen, die Sauna ist nicht funktionsfähig, am Heizkörper im Zimmer fehlt der Wärmeregler, es bleibt kalt. Gut, dass es draußen noch so warm ist und wir beide kühle Schlafräume bevorzugen.
Hier ist der Etappenüberblick der gesamten Wanderung.



