Archive for 13. Februar 2026

Brandenburgischer Jakobsweg, 5. Görike – Wilsnack, 21

Februar 13, 2026

Rehherde in Au
Wettlauf gegen den Regen
Odyssee zurück

Morgens treffe ich um 8 vor dem Abmarsch noch meine Wirtin, die sich sehr für mein Fastenregime interessiert.

Die Landschaft draußen ist in Nebel gehüllt. Die Konturen der Windräder schälen sich erst langsam heraus. Ihr Geräusch empfinde ich als nicht unangenehmes Säuseln. Die Landstraße, der ich bis Plattenburg folge, ist so gut wie unbefahren, aber in einwandfreiem Zustand. Wie es mir überhaupt aufgefallen ist, dass die Infrastruktur hier oft neu und gut ist, ich hatte überall Internetempfang.

Hinter Görike

Schnee und Eis sind auf und neben der Straße völlig weggetaut, ich bin am letzten Tag endlich im Flow. Die obligatorische Kuhherde darf auch auf dieser Wanderung selbstverständlich nicht fehlen. Diese erwartungsvoll auf mich gerichteten Blicke…

Kühe hinter Görike

Der nächste Orte ist Söllenthin, die einfache Feldsteinkirche natürlich geschlossen. Am Straßenrand jetzt viele Birken, was zu dem wenig nährstoffteichen Sandboden zu passen scheint. In Klein-Leppin steht noch Arbeit an, es verfällt z.T. so vor sich hin.

Klein-Leppin

Ich setze mich auf eine überdachte Rastbank und bin erfolgreich beim Berlinaleticketkauf für Tristan forever. In den 20 Minuten auf der Bank – ich war vor 10 hier, wenn der Verkauf beginnt – kühle ich stark aus. Doch mit den Handschuhen und einem beherzten Gehtempo bin ich bald wieder aufgewärmt. A propos Handschuhe, ich habe da eigentlich sehr gute Fausthandschuhe, wo man vier Finger aufklappen kann. Wenn das jetzt noch mit dem Daumen, dessen Abdruck ich fürs Handy brauche, gehen würde, wäre das wunderbar.

In Groß-Leppin, das viel gepflegter als sein kleiner Namensvetter erscheint, ist die Kirche hinter einem Grundstück recht weit abseits von der Straße.

Groß-Leppin, Feldsteinkirche

Den Ort verlasse ich auf einer Brücke über die Karthane und erblicke bald vor mir auf der ausgedehnten Wiese in 300 bis 400 m Abstand eine Herde von 12 Rehen, die eins nach dem anderen nach links vor mir wegrennt, die Tiere sind unglaublich scheu.

Ich laufe nun ein Stück auf Betonpflastersteinen durch den Wald, gelegentlich weiche ich Autos aus.

In Plattenburg, wo der Regen stärker wird, passiere ich die älteste Wasserburg Brandenburgs (immer diese Superlative!). In einem Bushaltehäuschen schlürfe ich die letzten Reste meines Tomaten- und des köstlichen Kirsch-Bananensaftes. Eine Frau, die ein Bustaxi nach Wilsnack bestellt hat und mich auf dem Weg gesehen hat, bietet mir an, mitzufahren: Ich lehne aus Pilgerstolz ab. Sie hat im nahen Bestattungswald ihren Mann „besucht“. Sie weist mich auf die Singschwäne hin, deren Ruf gerade erschallt.

Plattenburg

Es geht nun nochmal auf glitschigen und zum Teil von Pfützen übersäten Wegen auf die letzten Meter durch den Wald.

Nach einem kleinen Einkauf im Supermarkt fürs morgige Fastenbrecher-Frühstück komme ich nun zum Ziel der Tour, der Wunderblutkirche von Wilsnack. Im Jahr 1383 wurde der Ort nach der Legende von einem Ritter – und seinen Mannen – niedergebrannt. Anschließend fand ein Priester in der Kirchruine drei vom Feuer unversehrte mit Blut getränkte Hostien. Daraufhin wurde Wilsnack eine der wichtigsten Pilgerstätten Deutschlands. 1539 verbrannte der evangelische Pfarrer von Wilsnack die Hostien und Wilsnack fiel in den Dornröschenschlaf zurück.

Die Kirche kann mich nicht so richtig begeistern, neben einer großen Glocke mit Reliefs sind das sehr fein gearbeitete Taufbecken und die ebenso fein ziselierte Kanzel auffällig. Leider macht mich der Küster zu spät auf die neuen, bunten Kirchenfenster in der Kapelle von Leiko Ikemura aufmerksam, ich möchte meinen Bus kriegen. Auf jeden Fall ein Grund, nochmal hierher zu kommen

Es geht nun in rund vier Stunden über Wittenberge (Bus), Osterburg (Bus), Stendal (S-Bahn) und Spandau (ICE) nach Berlin (U7), wo es jetzt stark regnet. Im Vogelflug wären es etwas über 100 km gewesen.

Eine winterliche Fastenwanderung findet ihr Ende, die streckenweise etwas eintönig war, aber im großen und ganzen die Erwartungen erfüllt hat. Ich konnte Abstand zum Alltag und mehr Klarheit gewinnen. Es gab viele wilde und zahme Tiere zu bestaunen, die wenigen Menschen, die ich traf, waren fast alle sympathisch. Zudem habe ich viele schöne Feldsteinkirchen gesehen, die allerdings leider nur selten offen waren. Trotz der vereisten Wege bin ich nicht einmal hingefallen. Am Ende habe ich auch noch fünf Kilo verloren.

Wilsnack, Wunderblutkirche
Wunderblutkirche, Altarraum
Wunderblutkirche, Kanzel und Taufstein

Hier ist die Übersicht über meine Wanderung auf dem brandenburgischen Jakobsweg im Februar 2026.