Mad Max-Disco, M.
Blauäugige Brünette
Um mich ist’s geschehn
Mad Max-Disco, M.
Blauäugige Brünette
Um mich ist’s geschehn
Viertel vor sechs kommt die SMS
Mit dem fünfstelligen Zugangscode
Kurz vor sechs gehe ich
Über den vereisten Schnee
Hinüber zum Wellnessgebäude
Code eingeben und es kommt ein Signal
Die Tür ist entriegelt, ich trete ein
Ziehe meine Klamotten aus
Lege sie auf einen Stuhl
Schnappe mir das bereit gelegte große Handtuch
Öffne die Glastür zur Sauna
Eine Hitzewand schlägt mir entgegen
80 Grad, 15% Luftfeuchtigkeit, die auf
20% ansteigen nach dem Aufguss
Mit der Kupferkelle geschöpft
Es zischt, die Steine knacken, es dampft
Dezenter Mentholgeruch steigt mir in die Nase
Ich werfe das Handtuch auf die Bank im 2. Stock
Lege mich auf das Handtuch,
So flach und tief wie möglich
Beginne die Atemzüge zu zählen
Sie werden langsamer und am Ende schneller
Atme erst durch den Mund
Doch die Zunge wird trocken
Dann durch die Nase
Die Hitze stößt gegen die Nasenscheidewand
Es brennt schlimmer als ein Wüstensturm
Bei hundert stehe ich auf
Öffne die Saunatür
Setze mich auf den Stuhl
Lege das Handtuch auf den Schoß
Nach fünfzig Atemzügen
Hört das Tropfen auf
Ich schwitze fast nur am Kopf
Der ist am wichtigsten
Der muss zuerst gekühlt werden
Bin nun bereit zum nächsten Gang
Tequilaparty
Der Kopf wird immer klarer
Blackout aus dem Nichts
Olydisco M.
Iren voll aus dem Häuschen
Auf die Tanzfläche!
[U2 – Sunday Bloody Sunday, live 1983 auf Under a Blood Red Sky]
Die Wege tauen
Immer am Graben entlang
Contenanceverlust
Die Nacht über schlafe ich mit offenem Fenster, da es mir aufgrund der nur schwer regelbaren Wandheizung zu heiß ist.
Zum „Frühstück“ genieße ich Orangen- und Apfelsaft sowie zwei Kännchen Tee im schönen Frühstückssaal. Es sitzt dort außerdem eine Gruppe, die über preußische Geschichte und Psychosomatik parliert.

Der fürsorgliche Herr an der Rezeption möchte mir eine Thermoskanne, Schuhkrallen und Kartenkopien mitgeben; ich lehne dankend ab.
Draußen taut es bei Temperaturen knapp über Null weiter vor sich hin, es ist weniger glatt als gestern. Ich gehe wieder an der Straße zurück nach Staffelde, ein Starenschwarm fliegt rauf und runter…
In der schlichten, geschlossenen Feldsteinkirche erfreut mich ein Herrnhuter Weihnachtsstern hinter dem Kirchenfenster.


Ich gehe jetzt wieder den freigeräumten Radweg Richtung A24 (Hamburg-Berlin) und dann ein Stück an der Autobahn entlang. Dort treffe ich auf ein junges Paar, er führt den Berner Sennenhund an der Leine(!), vom Zurückgrüßen halten sie nichts.
Nun geht es durch das Straßendorf Flatow, hier ist sogar das Tor zur Kirche geschlossen.

Der Weg führt nun durchs Luch, ein ehemaliges Moor. Im 18. Jahrhundert wurde hier Torf abgebaut und auf Kähnen nach Berlin gebracht, was für einen gewissen Wohlstand sorgte. Friedrich der Große begann 1776 mit der Trockenlegung des Rhinluches, die Anfang des 20. Jahrhundert vollendet wurde. Die Gräben leiten das Wasser bis heute in den Rhin.
Über mir fliegen vier Schwäne gen Süden. Ich muss hier wieder ein Stück an der Straße entlang gehen. In den Bäumen am Straßenrand nisten mehrere schwarze, mittelgroße Vögel mit einem sehr charakteristischen Ruf, die ich aber leider nicht bestimmen kann, da sie zu schnell auffliegen, als ich versuche, die Handschuhe auszuziehen.
Ich komme nun in dem Storchendorf Linum an. Das eine Storchennest wird derzeit von schwarzen Vögeln – für Krähen zu klein? – bewohnt.

Hier genehmige ich mir eine Tasse grünen Tee in der Storchenklause. Nebenan bekommt man frische und geräucherte Süßwasserfische.

Ich stoße auf einen Entwässerungsgraben, dem ich ein gutes Stück folge. Die Landschaft ist weiterhin unspektakulär. Man kann nichts davon ahnen, dass hier in der Gegend 1675 der Große Kurfürst die Schweden entscheidend besiegte und den Grundstein für den Aufstieg von Preußen schuf. Bei der Schlacht war übrigens auch ein gewisser Prinz von Homburg, den Kleist in seinem Drama verewigte, zugegen.

Ich mache den kleinen Abstecher nach Hakenberg, gehe aber nicht bis zur 36 m hohen, begehbaren Siegessäule auf dem Kurfürstenhügel, die noch weiter südlich liegt (das wäre hin und zurück 1h Umweg gewesen). Stattdessen fällt mir unweit der Kirche eine Skulptur mit mehreren Reliefs und zwei widersprüchlichen Zitaten zum Krieg ins Auge.

Der nächste Ort, den ich erreiche, ist Tarmow, wo nichts Interessantes im Bücherschrank steht, außer dem Hinweis, doch bitte die ISBN-Nummern und den Barcode der gespendeten Bücher zu schwärzen, damit Buchsammler sie schlechter verkaufen können.
Hier gibt es allerdings eine Schinkelkirche.

Über die A24 komme ich nun nach Fehrbellin. Meine Unterkunft, ein vollautomatisierter Flachbau ist verschlossen, niemand da. Ich rufe an und echauffiere mich, da die E-Mail mit dem Zugangscode im Spam gelandet ist und die Lösung etwas auf sich warten lässt. Außerdem bin ich stark dehydriert, da ich zu wenig von dem eiskalten Wasser getrunken habe. Es klappt dann aber schließlich alles mit den vier Codes zum Eintritt ins Hotel, zum Ersteintritt ins Zimmer, zu weiteren Eintritten ins Zimmer, sowie später zur Sauna. Außer mir ist niemand zuhaus. Hier werde ich zweimal übernachten, da morgen ein mobiler Arbeitstag ansteht.
Schlussbetrachtung: Gestern – ich schreibe die Einträge immer am nächsten Morgen – während des Wanderns habe ich so eine luzide Wachheit gespürt, habe mir zum Beispiel im Kopf eine detaillierte Prioritätenliste gemacht, von dem was ich unbedingt in der nahen Zukunft machen muss. In dem Moment, wo ich angekommen bin, war diese Liste wie weggeflogen, ich konnte mich nur noch ins Bett legen, Tee trinken, entspannen und weiter prokrastinieren. Nicht mal die Liste zu machen, kam mir in den Sinn, die ja selber bereits eine subtile Form der Aufschiebung darstellt. Weil man ja meint, allein mit dem Aufschreiben die Sachen zumindest geistig schon angepackt zu haben. Ich möchte nicht wissen, wie viele Prioritätenlisten auf Zetteln ich zuhause rumfliegen habe. Die müsste man eigentlich mal konsolidieren…
Hier ist die Übersicht über meine Wanderung auf dem brandenburgischen Jakobsweg im Februar 2026.