Hose olivgrün
Das Regencape leuchtet gelb
unterm schwarzen Schirm
Wache recht erholt in meiner JH-Kemenate auf, obwohl sowohl spätabends als auch frühmorgens schon einige Leute auf den Gängen unterwegs sind. Das Frühstück um halb acht ist besser als erwartet, der O-Saft eine Plörre, aber es gibt Körnerbrötchen sowie Naturjoghurt, etwas Obst und Müsli. Außer mir einige noch ältere Gäste sowie auch schon die ersten Kinder am Buffet.
Draußen ist es feucht, was sich auch den ganzen Wandertag nicht ändern wird. Es nieselt mit gelegentlichen Schauern.
Ich gehe die Abkürzung runter in den Ort und komme dieses Mal am Siemenshaus (1692/93) in der Schreiberstraße vorbei. Der Leitspruch der Familie – ein Zweig gründete später das Weltunternehmen – ist ora et labora.

Am Marktplatz komme ich gerade noch rechtzeitig an für das Ende des 9 Uhr Glockenspiels, das die Geschichte des örtlichen Bergbaus ab der Entdeckung durch Ritter Ramm erzählt. Es ertönt das Steigerlied.

Die erste Kneipe auf dem Weg, wo das kleine Pils noch 1,60 kostet, hat leider noch zu…

Ebenfalls an der Hauptstraße liegt die St Stephanikirche, die das Konzept der offenen Kirche nur eingeschränkt realisiert. Sie ist heute von 15 bis 16h30 geöffnet. Das ist mit meiner Tagesplanung leider nicht synchronisierbar.
Hinaus aus der Kreisstadt geht es durch das Breite Tor von 1443, das die Stadt damals sicher sehr gut gegen unerwünschte Eindringlinge geschützt hat. Ich gehe nun durch die Wallanlagen am ausgedehnten Schützenplatz vorbei, wo sich eine Kirmes mit Riesenrad und Achterbahn im Dornröschenschlaf befindet. Hier kommt just ein Regenschauer runter und ich verziehe mich in ein Bushaltestellenhäuschen. Die gute Businfrastruktur rettet mich heute mehrmals davor, noch nasser zu werden als ich schon bin.

Am Ortsausgang treffe ich einen Hundebesitzer, der seine zwei stattlichen Picards – französische Hütehunde – in seinem Kofferraum verstaut. Er wünscht mir eine schöne Wanderung. Auf jeden Fall kann ich mich über Trockenheit und Hitze nicht beschweren.
Ein altes Fabrikgebäude am Straßenrand wird vom Fraunhofer-Institut für ein Reallabor zum Recycling von Lithium-Batterie-Speichersystemen genutzt. Vor der Tür stehen zwei Arbeitnehmer und rauchen.
Es geht nun durch den Wald nach Oker. Netto gewinne ich heute gerade mal 27 Meter von Goslar nach Bad Harzburg, aber es geht viel rauf und runter. Am Ortsrand von Oker sehe ich die Türme der Bleihütte im leichten Nebel, die wie überflüssig gewordene Restposten eines vergangenen Industiezeitalters in den Himmel ragen.

Kurz nach Überquerung der Oker nutze ich eine weitere Bushaltestelle, um den Durchnässungsgrad meiner Klamotten so gut es gut zu minimieren. Bis auf die Schuhe gelingt mir das auch relativ gut, die Körperwärme und der Gehwind sorgen dafür, dass die Hose nur unten richtig nass bleibt.
Ich nähere mich nun meinem Ziel und mache einen Abstecher ins Künstlercafé Winuwuk, das mit Worpswede im Zusammenhang steht. Das Haus ist originell gebaut (fast) ohne rechte Winkel, es passt irgendwie in den Harz, windzerzaust wie es aussieht. Leider macht die Galerie erst 14 Uhr auf, so lange kann ich aber nicht warten. Ich esse dort ein Tässchen mittelmäßige Gulaschsuppe für 8 Euro, was mir den Atem verschlägt, das hat mit Inflation nix mehr zu tun, das ist Nepp.
Auf den wenigen Metern, die mich jetzt noch von Bad Harzburg trennen, schaffe ich es noch, mich zu verlaufen. Es hat mit der Darstellung des Tracks als fette rote Linie auf meiner Wander-App E-walk zu tun. Das führt dazu, dass man denkt, der Hauptweg ist identisch mit dem eigenen Track, was aber nicht immer der Fall ist. Es geht ein schmaler, durch Büsche verdeckter Weg links ab, der in den Ort führt, den ich völlig übersehe, weil ich mich ja auf dem breiten Wirtschaftsweg befinde, der übrigens in der App nur gestrichelt dargestellt ist, während mein eigentlicher Trampelpfad fett rot erscheint. Na ja, alles nicht so tragisch, nachdem ich etwa 500 m leicht angestiegen bin, fällt es mir auf und ich finde dann auch Sherlock Holmesmäßig den Abzweig. Heine hat sich auf dieser Etappe übrigens auch verlaufen, er hat ebenfalls den Ort unterhalb der Harzburg, der damals noch deutlich kleiner war und noch Neustadt hieß, nicht auf Anhieb gefunden. Ich bin also in guter literarischer Gesellschaft.
Im Ort bewundere ich das vorbildliche Mülltrennungskonzept, da wird schön unterschieden zwischen Verbundstoffen, Restmüll, Glas/Dosen und Papier. Hoffen wir mal, dass die Fehlwurfquote nicht so hoch ist.

In Bad Harzburg hole ich mir mit einem per E-Mail übermittelten Code meinen Schlüssel aus dem Schlüsselkasten und lege mich in meinem Pensionszimmer erstmal hin. Der Regen hört jetzt langsam auf und ich spaziere an der wilden Radau entlang in den Kurpark. Das alte Kurhaus, das 1931 von der Nationalen Front, einem Bündnis aus NSDAP, DNVP, Stahlhelm und anderen nationalistischen Verbänden als Versammlungsort genutzt wurde, wurde 1964 durch ein modernes Gebäude ersetzt.

Im Haus der Natur lasse ich mich im Schnelldurchlauf – mehr als eine knappe Stunde habe ich nicht – von einem Mädchen, einer Försterin und einen Nationalparkranger in Videos durch die Waldausstellung führen. Dass die Luchse gute Augen haben, wusste ich ja schon, aber, dass sie mit ihren großen Tatzen vor allem Rehe reißen, die viel größer sind als sie, war mir nicht klar. Inzwischen leben wieder rund 100 Luchse im Harz und angrenzenden Gebieten.

Bad Harzburg war um 1900 eines der führenden Heilbäder Deutschlands. Die Basis war eine Solequelle. Im Kurpark kann man weiterhin kneippen. Es stehen aus der damaligen Zeit noch viele Villen, die den Charme einer verlorenen Zeit verströmen.




