Nichts übereilen
Zu zweit den Blick genießen
Fachwerkoverkill
Auch in meinem luxuriösen Zweizimmerappartement wache ich morgens früh gegen halb fünf auf. Fünf Stunden Schlaf müssen reichen. Nach dem ausreichenden Frühstück packe ich meine Siebensachen, vergesse nichts und tippele durch Zellerfeld, das mir etwas gediegener vorkommt als Clausthal, die Bürgerhäuser an der Hauptstraße sind besser gepflegt. Aus dem Ort raus geht es bei Sonnenschein auf einem zweispurigen Weg, mit einem asphaltierten Teil für Fahrräder und einem schmalen Teil für Fußgänger. Die Temperaturen werden heute die zwanzig Grad leicht überschreiten, ideales Wanderwetter.

Heute am vierten Tag haben sich meine Füße eingegroovt, großartige Wehwehchen habe ich keine. Die Etappe ist mit 17,4 km überschaubar und ich gehe sie beschaulich an, warum in der Ferne schweifen, wenn das Schöne so nah ist? Ich komme wieder an diversen Teichen vorbei, die zum Verschnaufen einladen.

Im Wald dann plötzlich eine Bank, die Besorgnisse ausdrückt, die nicht völlig von der Hand zu weisen sind, aber auch von Parteien gekapert werden, die mir hinwiederum Angst machen. Die Welt ist komplizierter geworden, einfache Lösungen scheinen zwar attraktiv, werden die Probleme aber sicher nicht lösen. Ende der Klugscheißerei…

Auf dem Wirtschaftsweg kommt ein schweres Forstfahrzeug mit diversen Baumstämmen heruntergefahren. Dort wo es herkommt, muss ich hin, den Berg hinauf. Auf dem Weg treffe ich mehrere Mountainbiker, die an den Kreuzungen die kleinen Wegschilder intensiv studieren. Ich erreiche den mit 762 Meter bisher höchsten Punkt der Wanderung, die Schalke. Auf dieser baumlosen Höhe gibt es einen Aussichtsturm, von dem man sehr schön im Osten bei bester Sicht den Brocken mit dem Sendemast ausmachen kann. Außerdem sieht man in der Ferne rechts Clausthal-Zellerfeld. Am Rastplatz um die Ecke sitzen drei Wanderfreunde, die ins nahegelegene Schulenberg gehen wollen, um dort einzukehren. Plötzlich klingelt mein Handy, ich Stoffel habe mal wieder vergessen, die Rufumleitung vom Büro rauszunehmen.

Es geht nun langsam wieder hinab auf einer Piste, ein weiterer Wanderer ist gerade dabei, mich zu überholen, als er mich fragt, ob der Ort da vorne unterhalb des Brocken Altenau ist, ich kann das nach Studium der Karte im Führer bestätigen. Wir gehen nun gemeinsam den Weg nach Goslar und quatschen die ca. zwei Stunden über den Harz, das Wandern und Gott und die Welt. Er kommt aus Holzminden und ist mit dem Deutschlandticket erst mit der Bahn und dann mit dem Bus die Harzhochstraße nach Auerhahn gefahren, von wo er seine Tageswandertour nach Goslar, wo er wieder in den Zug nach Hause steigen wird, begonnen hat. Wir laufen auf dem Kamm bei schönster Aussicht erst nach Osten, dann nach Norden. Der Weg ist zwar nicht identisch mit dem in meinem Führer, der tiefer verläuft, aber das ist egal, Hauptsache wir landen in Goslar. In der Ferne sieht man schon das Bergwerk Rammelsberg, dem Goslar seinen Reichtum zu verdanken hat. Hier wurden Silbererze abgebaut, das Bergwerk war das erste Erzbergwerk auf deutschem Boden und insgesamt über tausend Jahre in Betrieb und schloss erst 1988. Man kann es heute besuchen und es gehört zum Weltkulturerbe.

Hier trennen sich nun unsere Wege, mein Wandergenosse geht zum Goslarer Bahnhof, während ich mich in der Jugendherberge einchecke, wo ich erstmal ein Eis schlecke. Kurz nach 14h ist hier die Ruhe vor dem Sturm und ich lege mich nach der Dusche in meinem Zimmerchen für eine halbe Stunde aufs Ohr.

Es fängt nun an zu regnen, so dass ich erst kurz vor fünf in den Ort runter gehen kann. Die frühere Hansestadt ist ein riesiges Fachwerkensemble, es wird mir fast zuviel, die herausragenden Bauten wie das Siemenshaus oder das Gildehaus Kaiserworth am Markt – heute ein Hotel – habe ich gar nicht photographiert.

In Goslar steht seit ca. 1000 die gegen Ende des 19. Jahrhunderts renovierte Kaiserpfalz, wo die deutschen Kaiser seit Heinrich dem II. dem Heiligen, gerne Hof hielten. Gegen 1250 war es mit der Kaiserzeit vorbei, nun blühte Goslar mit dem von den Welfen an die Stadt gepfändeten Bergwerk aber erst richtig auf.

Neben der Kaiserpfalz steht die 6 m hohe Skulptur „Griff in die Freiheit“ von 1955, die an die Heimkehrer, Kriegsgefangenen und Vermisstenangehörigen aus dem 2. Weltkrieg erinnern soll. Außerdem steht dort eine Tafel für die über 12 Mio. Vertriebenen.

Cut. Wer in Goslar mit dem Bus fährt, kann es sich beim Warten auf einem Thron bequem machen und sich auch einmal kurz wie ein Kaiser fühlen.




