Brocken im Regen
Wilde Ilse rauscht ins Tal
Übers Ziel hinaus
Morgens komme ich wegen meiner steifen Beine kaum aus dem Bett, auch das Knie zwickt, die Bandage ein absolutes Muss. Es wird Zeit, dass die Wanderung zum Ziel kommt.
Beim Frühstück gibt es in Öl eingelegten Harzer Roller, dem außer mir ein junger, mundfauler Typ mit Bundeswehrpullover und eine Hessin zuspricht, die meint, „bei uns heißt das Handkäs mit Musik“.
Heute geht es erst einmal wieder hoch zur zweiten Gipfelbesteigung des Brocken, da ich ja im Brockenhotel kein Logis mehr gefunden hatte. Ich komme somit schon am frühen Morgen auf den großen Steinen, die sich wie die Hotelfachkraft bereits anmerkte, zum Aufstieg besser eignen, gut ins Schwitzen.
Nach einem erfrischenden alkoholfreien Weißbier auf dem Brocken, dieses Mal bin ich fast alleine, zieht sich der Himmel langsam zu, die Fernsicht ist sehr diesig. Goethe hat sich hier für die Walpurgisnacht im Faust inspirieren lassen.


Das überteuerte Brockenhotel hat mich nicht als Gast gewonnen, wofür ich am Ende ganz froh bin.

Auf dem Plateau weht eine steife Brise. Am Gipfelstein machen die Leute von weit entfernt Gipfelfotos.
Ich gehe wieder den Brockenrundweg, dieses Mal in die andere Richtung und beginne, den Kolonnenweg abzusteigen. Nach wenigen Minuten fängt es an zu schütten. Trotz Regenjacke und -schirm wird zumindest die Hose unten klatschnass, aber ich habe Glück, dass genau hier eine Schutzhütte steht. Später kommt ein Einheimischer in kurzer Hose ohne Schirm vorbei, der jedoch sofort weiter absteigt nach Ilsenburg, weil er meint, dass das Wetter sowieso nicht besser wird. Ein Fehler, weil der Regen nach ca. 20 Minuten nachlässt und ich mich aus der übrigens nicht vollständig dichten Hütte herauswage.

Kurz vor der Hermannstraße, wo es nach rechts im Streichen abgeht, kommen mir zwei junge Frauen in Regenponchos auf dem steilen Plattenweg entgegen, die mich anlächeln. Angesichts des miesen Wetters und der Anstrengung beim Aufstieg, überraschen sie mich positiv. Wie Heine (s. Foto von Tafel gestern) habe ich hier jetzt ein Hochgefühl, höre die Vögel zwitschern, der Regen hört auf und der ebene Weg ist angenehm zu gehen.
Es geht nun ins Ilsetal, das Heine in starken Worten besungen hat, im Grunde war dies seine Lieblingsetappe auf seiner Harzwanderung, daher ist der Weg jetzt auch nach ihm benannt.
Schon damals waren hier die Baumwurzeln auffällig, die an die Oberfläche treten, weil sie im harten Boden keinen Halt finden und für mich wie Finger einer Hand eines Riesen aussehen.


Die Ilse rauscht links, es kommen mir trotz des Regenwetters bereits einige Wanderer entgegen. Bei Sonnenschein ist hier sicher die Hölle los, das bleibt mir erspart.


Hier bei den Ilsefällen steht das Heine-Denkmal. Seine Phantasie ist hier etwas mit ihm durchgegangen, wobei er als Romantiker, der er zu diesem, frühen Zeitpunkt seines Lebens war, sich des örtlichen Märchen- und Sagenguts bediente. Mich erinnert die Harzreise in den Passagen über das Ilsetal sehr an den Taugenichts von Eichendorff, der übrigens ebenfalls 1826 erschienen ist.

Kurz danach soll der Heineweg auf der linken Ilseseite weitergehen, doch die Brücke ist mit einer zaunartigen Holzkonstruktion versperrt. Angeblich aus Sicherheitsgründen. Hier mache ich meine Mittagspause mit Wasser und Datteln. Etwas später komme ich über eine andere Brücke dann doch auf den Heineweg zurück. Hier ist jemand fleißig gewesen und hat einen Steinmännchenpark angelegt.

Kurz vor Ende der heutigen Etappe, auf der mir über große Strecken die Beine so schwer sind wie selten zuvor, müssen noch einige Höhenmeter bewältigt werden auf dem Weg zum Ilsestein. Ich kämpfe mich hier über einen eigentlich verschwundenen schmalen Weg über viele umgestürzte bzw. gefällte Baumstämme den Waldhang hinauf. Als ich den Berg in einem Halbrund am Waldrand hochgehe, links und rechts die so langsam verblühenden lila Kelche des Fingerhuts, definitiv die Blume meiner Harzwanderung.

Der Blick, der sich vom Ilsestein nach Osten nach Ilsenburg hinunter eröffnet, ist atemberaubend. Der Ilsestein ist ein Granitfelsen, auf dem im 11. Jahrhundert eine kleine Reichsburg von Heinrich IV. stand, die bereits 1105 auf Geheiß des Papstes zerstört wurde. Heute steht hier ein eisernes Kreuz, das am ersten Tag der Völkerschlacht von Leipzig 1814 von Graf Anton zu Stolberg-Wernigerode für seine in den Befreungskriegen gegen Napoleon gefallenen Freunde und Bekannte errichtet wurde.



Die trotz der langen Abstiege – es geht jetzt noch einmal auf halsbrecherischem schmalen Schotterpfad bergab – anstrengende Etappe findet ein unverhofft gutes Ende. Aus irgendeinem Grunde (evtl. weil mich gestern Abend in Schierke zwei Wanderinnen gefragt hatten, wo die Bushaltestelle ist, sie hätten keine Lust mehr und müssten noch nach Wernigerode zu ihrem Auto), war ich davon ausgegangen, dass ich noch bis Wernigerode, also noch 8,6 km zusätzlich gehen musste und hatte mich aufgrund der fortgeschrittenen Zeit und zunehmender Wanderunlust damit angefreundet, den stündlich fahrenden Bus zu nehmen. Laut Internet fuhr der Nächste um 16h31. Ich spute mich also und bin kurz nach vier an der Straße nach Wernigerode und wer fährt direkt vor meiner Nase weg? Der 270er Bus nach Wernigerode. Die Wartezeit verbringe ich also im Wartehäuschen und löffle einen Eiskaffee vom Bäcker. Bis mir einfällt, doch mal zu gucken, wo genau mein Hotel ist. Und was soll ich sagen, es stellt sich raus, dass es sich hier in Ilsenburg befindet und zwar 1,8 km weiter oben, ich bin also bereits vorbeigelaufen! Welch Glück, dass ich das noch gemerkt habe, bevor ich in den Bus gestiegen bin!
In jedem Fall gehe ich nun leichten Fußes – immer wieder überraschend wie Pausen mit Flüssigkeitszufuhr die vorher noch zentnerschweren Beine und Füße wieder beflügeln können – zu meinem Hotel im Park.



