Elisabethpfad 7. Etappe: Ziegenhain – Stadtallendorf 25

Unter den Füßen
flitzt der Weg weg. Allmählich
wechselt die Landschaft

Heute ist mein 7. Wander- und 8. Fastentag, das Letzere ist ein persönlicher Rekord.

Morgens mache ich meinen zweiten Einlauf. Die Details erspare ich lieber der Leserschaft, auf jeden Fall ist mein Darm jetzt noch sauberer als zuvor.

Heute frühstücke ich im Hotel. Na ja, ich nehme halt das zu mir, was ich in der letzten Woche zu mir genommen habe. Die kleine Karaffe Orangensaft ist schnell „gekaut“. Dazu bestelle ich grünen Tee und bekomme eine aromatisierte Plörre, ich werde nie verstehen, wie man so etwas mögen kann. Das 2. Kännchen, das übrigens noch nicht einmal den Teepott ganz füllt, ist dann ein schwarzer Assam, purer Genuss.

Ich trete kurz nach 9 raus. Und bin sofort geflasht von dem hellen Licht und habe dieses glücklichmachende Gefühl der grenzenlosen Freiheit, hingehen zu können, wohin ich will. Beim Fasten werden Glückshormone wie Serotonin ausgeschüttet, wahrscheinlich ist das die profane biochemische Erklärung. Die Wolkendecke reißt auf, die Temperatur ist frühlingshaft, ich binde meinen Anorak mit Doppelknoten um den Bauch.

Bald biege ich nach rechts auf den mit Radfahrern gemeinsam genutzten geteerten Deich links der Schwalm ab, links von mir z. T. überschwemmte Flächen, später dann ein riesiges Rückhaltebecken rechts. Es riecht hier nach stehendem Wasser, wie in einem Hafen, ich mag den Geruch. Ich träume heute morgen mehrmals vor mich hin und verpasse Abzweige, merke meine Fehler aber meist recht früh. GeoApp-Checken ist angesagt. Hier auf dem Deich treffe ich mehrmals auf Gassigeher und es fällt mir auf, dass Herrchen – egal welchen Alters – häufig versuchen, ihre Hunde vor mir zu dressieren wie mit „Sitz“ o. ä., Frauchen hingegen völlig entspannt sind und ihre Hunde nicht belästigen. Dafür gibt es bestimmt tiefenpsychologische Gründe.

Ziegenhain, Damm der Schwalm

Hinter der Rückhaltemauer geht es unter der Bahn durch und ich komme hoch nach Treysa. Am Anfang der Altstadt rechts gleich die Kirche St. Martin, bekannter unter dem Namen Totenkirche. Eine dreischiffige Basilika vom Ende des 12. Jahrhunderts. Man kann den Übergang von der Romanik zur Gotik hier sehr gut studieren. Im unteren Bereich noch Rundbögen, oben und im Chor dann gotische Spitzbögen. Mir fällt beim Kirchturm zum ersten Mal auf, wie die Fenster nach oben immer größer und länger werden. Er wurde auch in mehreren Bauphasen gebaut, was mich an Einfamilienhäuser in Südeuropa erinnert, wo ja auch stockwerkweise gebaut wird, bis wieder neues Geld da ist. Nach der Reformation wurde diese Kirche nur noch für Beerdigungen genutzt, daher der Name. 1830 schlug der Blitz ein und das Dach stürzte ein. Die Kirche ist bis heute eine Ruine, wird aber immer wieder saniert.

Treysa, Totenkirche

Unweit der Kirche entdecke ich eine ungewöhnliche und originelle Skulpur mit einer großen Liebe zum Detail, die verschiedene Märchen- und Fantasiewesen abbildet. Da sind z. B. der gestiefelte Kater, Laurin, das geflügelte Waldwesen, der Mann mit der Wolfsmaske und die dreigesichtige Frau (jung, mittelalt und alt). Die linke freie Brust steht für die Lebensspende. Die Spindel, die sie in der Hand hält, steht für die ewige Wiederkehr und das Mysterium des Lebens.

Treysa, Skulptur „Märchenbuch“ von Elisabeth Wade, 1992
Dreigesichtige Frau aus „Märchenbuch“

Wie in den meisten Städten auf dem Weg auch hier viele Fachwerkhäuser, die Mehrzahl sehr gut in Schuss.

Treysa, Fachwerkhaus

Ich gehe nun die Steingasse hinab und treffe auf das Hospital Zum Heiligen Geist, das früher auch Pilgern freistand. In der Ecke steht eine Figur von Elisabeth der Vogelsängerin, der Wohltäterin des Hospitals. Als ich gerade davor stehe und das Foto (s. u.) mache, gibt mir ein Sattelzugfahrer, der von unten von einer Baustelle kommt, ein Zeichen. Ich stehe offensichtlich im Weg und gehe zur Seite. Nun fährt er mit seinem Ungetüm weit ausladend um die Ecke und schrappt mit seiner Plane an dem Kapitell der Elisabeth vorbei und es rieselt herunter. Das löst bei mir einen seelischen Schmerz aus. Ich rufe ihm erbost hinterher, er hört natürlich nichts. Für sein Fahrzeug ist diese Passage einfach zu eng, wobei der alternative Weg wohl noch knapper bemessen wäre, wie mir ein Ortsansässiger sagt. Um etwas Neues zu bauen, muss das Alte zerstört werden, könnte man zynisch denken.

Treysa, Hospital
Treysa, Elisabeth die Vogelsängerin an Hospital,  das Kapitell  lädiert

Aus Treysa raus geht es nach einem Anstieg über die Hephata, ein Diakoniezentrum für Behinderte. Ich sehe in Treysa mehrere Gruppen von Gärtnern, meist junge Leute, die die Grünanlagen in Schuss halten, das ist schön anzusehen.

Weiter geht es an der Wiera, und der B454 in die Wieraauen, hier scheinen die Wegbetreiber etwas durcheinander gekommen zu sein, erst weist ein Holzschild nach Süden, ich gehe geradeaus nach Westen nach meiner App und etwas später sind wieder Markierungen auf meinem Weg. Der Weg wird hier zunehmend matschig und ist von Baufahrzeugen kaputt gefahren. Über mir eine fertiggestellte Brücke der A49 (2. Verbindung Kassel – A5 neben der A7) , die Ende des Jahres für den Verkehr freigegeben werden soll.

Hinter Treysa, Brücke der A49 (noch nicht eröffnet)

Ich befinde mich heute im Flow, der Weg flutscht nur so unter mir weg. Temperaturcheck, 14 Grad, Bingo! Ich genieße den Wechsel von der Stadt in die Natur und umgekehrt. Nach einer längeren Strecke auf dem eher reizarmen Land sind meine Sinne scharf auf Stadteindrücke wie Menschen, aber auch Architektur. Neue Perspektiven insbes. auf dem Land eröffnet gelegentliches Anhalten und Umdrehen, der Rückblick darauf, wo man herkommt, ist oft überraschend.

Nach einer Passage durch einen Wald komme ich nach Klauseborn, eine rege sprudelnde Quelle, die regelmäßig untersucht wird. Drumherum verschiedene Texte neben dem Einweihungsgebet, das mich als Rastenden direkt anspricht, ein kurzer Extrakt aus dem Werther, der gleich so eine romantische-schwärmerische Stimmung erzeugt. Es ist schön, dass es solche Orte gibt und Menschen, die sich darum kümmern.

Momberg, Klauseborn: Gebet
Momberg, Klauseborn: Quelle
Momberg, Klauseborn: Wertherexzerpt

In Momberg hole ich mir in der katholischen Johanneskirche – hier war die Gegenreformation erfolgreich – meinen Pilgerstempel ab. Diese geräumige neugotische Kirche wurde von 1867 bis 1870 unter der Leitung eines Maurermeisters mithilfe der Bevölkerung errichtet. Heutzutage völlig unvorstellbar.

Momberg, katholische Johanneskirche

Auf dem Weg in den nächsten Ort Speckswinkel ist auffällig, dass die Strecke durch Treckerspuren matschig, zerfurcht und mit vielen Pfützen nur schwer begehbar ist. In Speckswinkel kommt mir auf der anderen Straßenseite ein kleiner Junge einsam und allein entgegen, fängt plötzlich an zu rennen und ruft mir trotzdem noch verschämt „Hallo“ entgegen, was ich natürlich erwidere.

Durch Stadtallendorf muss ich einmal komplett durch, mein Hotel ist auf der anderen Stadtseite. Die katholische Stadtkirche St. Katharina ist hier ungewöhnlicherweise im Innern barock ausgestattet, eine Abwechslung nach den doch oft eher nüchternen Kirchen der Gegend.

Stadtallendorf, Katholische Stadtkirche

Je weiter ich komme, desto stärker zieht mir ein etwas unangenehmer Geruch nach Verbranntem in die Nüstern. Darauf angesprochen, sagt mir die Dame an der Hotelrezeption, das könnte entweder die Schokoladenfabrik oder die Eisengießerei sein. Es war Letztere.

Mein geräumiges, ruhig gelegenes Zimmer mit TV, Tisch, Stuhl, Bank, Schrank, Garderobe, großem Spiegel, Kühlschrank, Bad ist sehr gut eingerichtet und für 55 Euro ein Schnapper.

Hier der Etappenüberblick über meine Fastenwanderung auf dem Elisabethpfad von Eisenach nach Marburg im Februar 2024.

3 Antworten to “Elisabethpfad 7. Etappe: Ziegenhain – Stadtallendorf 25”

  1. Avatar von zartgewebt zartgewebt Says:

    Die dreigesichtige Frau, da blieb ich jetzt hängen, weil … irgendwie kann ich da nicht ein verschiedenes Alter bei ihr ausmachen. Habe diesbzgl. auch nichts im Netz gefunden, nur das hier:
    https://statues.vanderkrogt.net/object.php?webpage=ST&record=dehs309
    Aber du warst ja direkt vor Ort und scheinst mir sehr informiert.

  2. Avatar von ohrenschmaus ohrenschmaus Says:

    Ich habe mich da auch gefragt, welche welche ist. Da habe ich mich glaube ich vertan mit dem Mund, die Mittlere ist die Alte, die Linke die Mittelalte und die Rechte die Junge, oder? In der Beschreibung wurde ganz klar darauf eingegangen: „stellt u. a. ein Symbol der Verwandlung und Unsterblichkeit dar: die jugendliche, unerweckte weibliche Gestalt des Mädchen (Initiationsaspekt), die vital im Leben stehende und die alte, segenspendende Frau (in Grimms Märchen bekannt als Frau Holle)“

  3. Avatar von zartgewebt zartgewebt Says:

    Mag sein, ja, dass du dich da vertan hast bei den Gesichtern, wobei, selbst tue ich mir da auch oft schwer bei anderen das Alter zu schätzen, da liege ich schon auch mal Jahrzehnte daneben.

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