Brandenburgischer Jakobsweg, 4. Wusterhausen – Görike 27

Kanadagansmeer
Trompetende Kraniche
Blässhühner verschreckt

Beim Verlassen meines Mansardenzimmers gegen 8 Uhr über die steile Treppe, finde ich nur noch einen Zettel vor. Ich lege das Geld auf die Kommode und mache mich aus dem Staube.

In der Kirche brennt Licht. Ich trete ein und höre eine Stimme, drei Menschen stehen vor dem Altar, einer liest etwas vor. Vor mir die filigrane aus Stein gehauene Kanzel. Ich lese, dass die Reformation sich hier langsam vollzog, da noch einige Jahrzehnte nach der offiziellen Einführung die alte katholische Liturgie gefeiert wurde.

Wusterhausen, Kirche St. Peter und Paul
Wusterhausen, Kanzel

Über die Dosse verlasse ich den Ort und komme bald zum Klempowsee, der still und schweigend zugefroren vor mir liegt. Nur wenige Menschen mit Hunden sind auf den vereisten Wegen unterwegs. Ich komme an einer alten Mühle vorbei.

Klempowsee

Was mir schon mehrmals auf der Wanderung aufgefallen ist, sind blaugelb angestrichene Häuser oder Tore. Dabei kommt bei mir die Frage auf, ob wir die Ukrainer wirklich ausreichend unterstützen im Kampf gegen die russischen Angreifer.

Tor in blaugelb

Es geht anderthalb Stunden an der Westseite des Sees entlang bis ich auf eine schnurgerade Straße nach Westen stoße, die in ca. 30 Minuten in das Strandbad und die ehemalige Hansestadt Kyritz führt. Es gibt einen schönen Marktplatz und adrette Bürgerhäuser, allerdings ist die Kirche verrammelt und im örtlichen Plattenladen – so etwas gibt es hier noch – ist der Besitzer ins Gespräch über Musikanlagen mit einem anderen Kunden vertieft und würdigt mich keines Blickes. Ich sehe die CD-Auswahl, die sich von Schlager über Reinhard Mey und die böhsen onkelz erstreckt und verlasse das Etablissement postwendend. Insgesamt ernüchtert mich der Ort.

Kyritz, Straßenzug

Mit schweren Beinen und einem Loch im Bauch geht es weiter Richtung Rehfeld, wo ein Stein exakt markiert, welche Gemeinde die Flächen bis wohin unterhalten muss. Das nenne ich Transparenz.

Stein, der Unterhaltung regelt

Rechts von mir in der Ferne die ersten Windräder. Am Straßenrand immer wieder unbeschnittene Bäume, deren Jungtriebe steil nach oben gerichtet sind, was mich etwas an unseren igelförmigen Apfelbaum erinnert, dem ich mich noch widmen möchte.

Baum im Winter

Das Feld vor mir ist überdeckt mit dunklen Punkten, es sind tausende von Kanadagänsen, die sich hier gütlich tun, es ist ja jetzt Tauwetter, da gibt der Boden bestimmt schon etwas von seinen Schätzen frei. Heute ist sowieso der Tag der Vögel. In der Luft hört man immer wieder die röhrenden, trompetenden Rufe, der meist in V-Formation fliegenden Kraniche.

Kanadagänse

Auf einer Pferdekoppel hinter Rehfeld zwei Schwarze, die mich von weitem erblicken und die ich mit etwas Gras erfreuen kann. Ich bilde mir ein, sie sind genauso einsam wie ich in dieser unwirtlichen, kalten Natur und haben das Bedürfnis nach Körperkontakt.

Pferde

Ich komme nun nach Berlitt, wo es doch tatsächlich eine Offene Kirche gibt, die wirklich offen ist – die in Rehfeld war es nur bis September – wofür ich mich im Gästebuch bedanke, der letzte Eintrag ist von Ende Oktober. Der schlichte, helle Innenraum gefällt mir genauso wie das Äußere der spätgotischen Feldsteinkirche mit Holztürmchen und Schieferhelm.

Berlitt, offene Kirche
Berlitt, Kirchenraum

Im Ort gibt es eine Bücherzelle, wo ich Dieter Moor’s Buch über seinen Umzug aus der Schweiz nach Brandenburg Was wir nicht haben, brauchen Sie nicht, nicht widerstehen kann.

Auf dem langen Stück nach Barenthin treffe ich auf weitere wilde Tiere. Ich sehe Gänse mit weißem Körper und schwarzem Kopf und umgekehrt. Vor mir läuft ein Damwildhirsch – Einzelkämpfer wie ich – über den Weg. Mir fällt wie schon gestern die große Geschwindigkeit und die Massigkeit des Körpers auf. Außerdem scheuche ich gegen Ende mehrere Blässhühner auf, die auf Zaunpfosten bzw. Bäumen direkt neben mir sitzen und die ich sonst nie wahrgenommen hätte. Bei ihnen erstaunt, wie sie es trotz der kugelhaften, scheinbaren Plumpheit schaffen, einfach so aufzufliegen.

Es hat nun doch noch angefangen, zu nieseln und ich stelle mich kurz in einer Bushaltestelle in Barenthin – ein Lob auf alle Bushaltestellen dieser Welt mit Häuschen – unter, um etwas zu trinken und den Rucksackregenschutz sowie den Regenschirm rauszuholen. Auf Rollsplit geht es am Straßenrand aus dem Ort raus, dann auf z.T.  matschigen, z.T. noch vereisten Feld- und Waldwegen hinauf nach Görike, meinem Tagesziel. Hier beziehe ich meine großzügige Einliegerwohnung im Souterrain und lasse den Nachmittag ausklingen.

Görike, Fliese in Unterkunft

Hier ist die Übersicht über meine Wanderung auf dem brandenburgischen Jakobsweg im Februar 2026.

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