Brandenburgischer Jakobsweg, 2. Groß-Ziethen – Fehrbellin 25+1

Die Wege tauen
Immer am Graben entlang
Contenanceverlust

Die Nacht über schlafe ich mit offenem Fenster, da es mir aufgrund der nur schwer regelbaren Wandheizung zu heiß ist.

Zum „Frühstück“ genieße ich Orangen- und Apfelsaft sowie zwei Kännchen Tee im schönen Frühstückssaal. Es sitzt dort außerdem eine Gruppe, die über preußische Geschichte und Psychosomatik parliert.

Schloss Groß-Ziethen

Der fürsorgliche Herr an der Rezeption möchte mir eine Thermoskanne, Schuhkrallen und Kartenkopien mitgeben; ich lehne dankend ab.

Draußen taut es bei Temperaturen knapp über Null weiter vor sich hin, es ist weniger glatt als gestern. Ich gehe wieder an der Straße zurück nach Staffelde, ein Starenschwarm fliegt rauf und runter…

In der schlichten, geschlossenen Feldsteinkirche erfreut mich ein Herrnhuter Weihnachtsstern hinter dem Kirchenfenster.

Staffelde
Staffelde, Herrnhuterstern

Ich gehe jetzt wieder den freigeräumten Radweg Richtung A24 (Hamburg-Berlin) und dann ein Stück an der Autobahn entlang. Dort treffe ich auf ein junges Paar, er führt den Berner Sennenhund an der Leine(!), vom Zurückgrüßen halten sie nichts.

Nun geht es durch das Straßendorf Flatow, hier ist sogar das Tor zur Kirche geschlossen.

Flatow

Der Weg führt nun durchs Luch, ein ehemaliges Moor. Im 18. Jahrhundert wurde hier Torf abgebaut und auf Kähnen nach Berlin gebracht, was für einen gewissen Wohlstand sorgte. Friedrich der Große begann 1776 mit der Trockenlegung des Rhinluches, die Anfang des 20. Jahrhundert vollendet wurde. Die Gräben leiten das Wasser bis heute in den Rhin.

Über mir fliegen vier Schwäne gen Süden. Ich muss hier wieder ein Stück an der Straße entlang gehen. In den Bäumen am Straßenrand nisten mehrere schwarze, mittelgroße Vögel mit einem sehr charakteristischen Ruf, die ich aber leider nicht bestimmen kann, da sie zu schnell auffliegen, als ich versuche, die Handschuhe auszuziehen.

Ich komme nun in dem Storchendorf Linum an. Das eine Storchennest wird derzeit von schwarzen Vögeln – für Krähen zu klein? – bewohnt.

Linum, Storchennest

Hier genehmige ich mir eine Tasse grünen Tee in der Storchenklause. Nebenan bekommt man frische und geräucherte Süßwasserfische.

Linum, Neugotische Kirche

Ich stoße auf einen Entwässerungsgraben, dem ich ein gutes Stück folge. Die Landschaft ist weiterhin unspektakulär. Man kann nichts davon ahnen, dass hier in der Gegend 1675 der Große Kurfürst die Schweden entscheidend besiegte und den Grundstein für den Aufstieg von Preußen schuf. Bei der Schlacht war übrigens auch ein gewisser Prinz von Homburg, den Kleist in seinem Drama verewigte, zugegen.

Kanalgraben hinter Linum

Ich mache den kleinen Abstecher nach Hakenberg, gehe aber nicht bis zur 36 m hohen, begehbaren Siegessäule auf dem Kurfürstenhügel, die noch weiter südlich liegt (das wäre hin und zurück 1h Umweg gewesen). Stattdessen fällt mir unweit der Kirche eine Skulptur mit mehreren Reliefs und zwei widersprüchlichen Zitaten zum Krieg ins Auge.

Hakenberg, Skulptur von Lothar Seruset zum Krieg

Der nächste Ort, den ich erreiche, ist Tarmow, wo nichts Interessantes im Bücherschrank steht, außer dem Hinweis, doch bitte die ISBN-Nummern und den Barcode der gespendeten Bücher zu schwärzen, damit Buchsammler sie schlechter verkaufen können.

Hier gibt es allerdings eine Schinkelkirche.

Tarmow, Schinkelkirche

Über die A24 komme ich nun nach Fehrbellin. Meine Unterkunft, ein vollautomatisierter Flachbau ist verschlossen, niemand da. Ich rufe an und echauffiere mich, da die E-Mail mit dem Zugangscode im Spam gelandet ist und die Lösung etwas auf sich warten lässt. Außerdem bin ich stark dehydriert, da ich zu wenig von dem eiskalten Wasser getrunken habe. Es klappt dann aber schließlich alles mit den vier Codes zum Eintritt ins Hotel, zum Ersteintritt ins Zimmer, zu weiteren Eintritten ins Zimmer, sowie später zur Sauna. Außer mir ist niemand zuhaus. Hier werde ich zweimal übernachten, da morgen ein mobiler Arbeitstag ansteht.

Schlussbetrachtung: Gestern – ich schreibe die Einträge immer am nächsten Morgen –  während des Wanderns habe ich so eine luzide Wachheit gespürt, habe mir zum Beispiel im Kopf eine detaillierte Prioritätenliste gemacht, von dem was ich unbedingt in der nahen Zukunft machen muss. In dem Moment, wo ich angekommen bin, war diese Liste wie weggeflogen, ich konnte mich nur noch ins Bett legen, Tee trinken, entspannen und weiter prokrastinieren. Nicht mal die Liste zu machen, kam mir in den Sinn, die ja selber bereits eine subtile Form der Aufschiebung darstellt. Weil man ja meint, allein mit dem Aufschreiben die Sachen zumindest geistig schon angepackt zu haben. Ich möchte nicht wissen, wie viele Prioritätenlisten auf Zetteln ich zuhause rumfliegen habe. Die müsste man eigentlich mal konsolidieren…

Hier ist die Übersicht über meine Wanderung auf dem brandenburgischen Jakobsweg im Februar 2026.

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